Warning: mysql_query(): Access denied for user ''@'localhost' (using password: NO) in /homepages/23/d83882051/htdocs/russland/wp-content/plugins/wp-ticker/wp-ticker.php on line 241

Warning: mysql_query(): A link to the server could not be established in /homepages/23/d83882051/htdocs/russland/wp-content/plugins/wp-ticker/wp-ticker.php on line 241

Warning: mysql_field_type() expects parameter 1 to be resource, boolean given in /homepages/23/d83882051/htdocs/russland/wp-content/plugins/wp-ticker/wp-ticker.php on line 242

Warning: mysql_field_type() expects parameter 1 to be resource, boolean given in /homepages/23/d83882051/htdocs/russland/wp-content/plugins/wp-ticker/wp-ticker.php on line 243
Monat: August 2012 - russland.NEWS - russland.TV

Russland wird Partnerland der HANNOVER MESSE 2013

Hannover/Moskau. Die Russische Föderation wird Partnerland der HANNOVER MESSE 2013.

Das gaben die Deutsche Messe AG und das Ministerium für Industrie und Handel der Russischen Föderation am Donnerstag bekannt. Beide Seiten sind überzeugt, dass durch die Beteiligung Russlands als Partnerland bei der HANNOVER MESSE 2013 in Deutschland große Chancen für eine Intensivierung der Wirtschafts- und Handelsbeziehungen genutzt werden.

Dr. Jochen Köckler, Vorstandsmitglied der Deutschen Messe AG, sagte: „Russland ist das ideale Partnerland der HANNOVER MESSE 2013. Die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen werden sich zukünftig noch weiter intensivieren und das Investitionspotenzial im russischen Markt übt eine hohe Anziehungskraft auf Aussteller und Fachbesucher aus.“

Die russische Regierung lobt die HANNOVER MESSE als eine der repräsentativsten Veranstaltungen in Bezug auf industrielle und wissenschaftlich-technische Innovationen weltweit. Der Minister für Industrie und Handel der Russischen Föderation, Denis Manturov, sagte: „Ich bin davon überzeugt, dass die bevorstehende Teilnahme Russlands als Partnerland der HANNOVER MESSE 2013 den deutsch russischen Beziehungen einen kräftigen Impuls verleihen wird.“

Allein deutsche Unternehmen planen nach einer Umfrage der deutsch-russischen Auslandshandelskammer für das Jahr 2012 Investitionen in Höhe von knapp einer Milliarde Euro in den russischen Markt. Mehr als die Hälfte aller deutschen Firmen, die in Russland aktiv sind, erwarten keine Auswirkungen der Eurokrise auf das eigene Geschäft. Laut Umfrage könnte Russland die Ausfälle im EU-Raum sogar kompensieren. Die positive Wirtschaftsentwicklung in Russland führte nach Angaben der deutsch-russischen Außenhandelskammer in den ersten fünf Monaten 2012 sogar zu Exportsteigerungen.

„Nach der Krise 2008 ist das Interesse zahlreicher europäischer Unternehmen am russischen Markt spürbar gestiegen. Das liegt einerseits an der relativen Nähe des Marktes, aber auch an der langfristigen Attraktivität Russlands als Abnehmer von Investitionsgütern für die Modernisierung der heimischen Wirtschaft“, sagte Köckler.

Das Partnerland der HANNOVER MESSE 2013 spielt eine Schlüsselrolle bei der Energiewende. Russland ist der bedeutendste Gaslieferant für Europa. Der europäische Gasbedarf wird derzeit zu rund einem Viertel durch russisches Erdgas gedeckt. Laut einer Studie des Energiekonzerns ExxonMobil wird Erdgas in knapp 20 Jahren der wichtigste Energieträger sein. Ab 2030 werde Erdgas das bis dahin dominierende Mineralöl ablösen und damit entscheidend zum Erfolg der Energiewende beitragen. Schon jetzt stammt ein Drittel aller Gasimporte aus russischen Quellen. Das Land verfügt über die größten Erdgasreserven der Welt. Diese machen ein Viertel der weltweit sicher gewinnbaren Reserven aus.

Die russische Politik setzt nicht nur auf den Energiesektor. Neben den sportlichen Großereignissen bis 2018 wie Olympische Spiele, Formel 1 und Fußball-WM sorgen staatliche, so genannte prioritäre Programme im Bereich der Landwirtschaft, des Wohnungsbaus und des Ausbaus der Infrastruktur für Chancen. Allein die staatliche Eisenbahngesellschaft plant bis 2014 Investitionen in Höhe von rund 27 Milliarden Euro. Der wirtschaftliche Ausbau des fernöstlichen Föderalbezirks wird vom Staat bis 2013 mit rund 24 Milliarden Euro gefördert. Präsident Wladimir Putin gab erst vor kurzem die Schaffung von 25 Millionen qualifizierten Arbeitsplätzen bekannt. Damit entstehen für europäische Großkonzerne, aber auch für deutsche klein- und mittelständische Unternehmen neue Möglichkeiten. Die Struktur der in Russland aktiven europäischen Firmen ähnelt der in Westeuropa. Mehr als 90 Prozent sind Mittelständler, die mit ihren hochspezialisierten Produkten erfolgreich sind.

Enormes Potenzial erwartet viele Unternehmer auch durch den Beitritt Russlands zur Welthandelsorganisation WTO. Durch die Entscheidung über den WTO-Beitritt Ende 2011 und die Präsidentschaftswahl besteht Klarheit über den wirtschaftlichen Kurs im Land. Die durch hohe Rohstoffeinnahmen geprägte Wirtschaft bietet europäischen Exporteuren sehr gute Absatzmöglichkeiten. Fahrzeuge, Maschinen und Elektrotechnik sind in Russland gefragt. Die schrittweise weitere Öffnung des Marktes im Zuge des WTO-Beitritts erleichtert Unternehmen, sich im Markt zu positionieren.

Nach Unterzeichnung des Beitrittsprotokolls der Freihandelsorganisation WTO durch die Russische Föderation Ende 2011 und der bis Juni 2012 angesetzten Ratifizierung öffnen sich für Russland und seine wirtschaftlichen Partner neue Möglichkeiten und Perspektiven. Einerseits werden Zolltarife und Zollwertrechte vorhersehbarer und der bilaterale Handel dadurch planbarer – spontane Tariferhöhungen zum Schutze der heimischen Wirtschaft, wie kürzlich für Landmaschinen, werden nicht mehr möglich sein. Zum anderen ist die russische Nachfrage nach Maschinen und Anlagen gewaltig, denn das Land baut seine Infrastruktur nach dem Investitionsloch 2009 in allen Bereichen wieder kräftig aus.




Iwan Sergejewitsch Turgenjew – Sein literarisches Schaffen, Romane II

Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

So wünschenswert es wäre, jeden einzelnen von Iwan Turgenjews hochklassigen Romanen ausführlich zu besprechen – hier ist dafür weder Zeit noch Raum. Stichwortartige Notizen über die Handlung und die persönlichen Bezüge müssen genügen, um Lust auf mehr zu machen. Wer sich den höchst interessanten literaturwissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Analysen zuwenden will, die Turgenjews Romanwerk nach sich gezogen hat, wird in den Literaturangaben am Ende dieser Essays viel Lesenswertes finden.

Turgenjews Romanwerk ist wie ein Spiegel, der die Entwicklungen in der Biografie des Autors und vor allem in seinem zeithistorischen Umfeld literarisch zurückwirft.
Mit Rudin (1855 geschrieben) beginnt dieser Zeitspiegel in den 1830er- und 1840er-Jahren.
Rudin, ein junger Adliger, trifft auf einem Landgut ein und gewinnt mit seinem charmanten Auftreten und seinen geistreichen, fortschrittlichen Wortbeiträgen sehr schnell die Herzen der anwesenden Damen. In seinen Disputen mit einem Adligen alten Schlages bleibt er immer der Sieger. Mit seinen Reden über eine gerechte Zukunft erobert er sehr schnell auch das Herz der Tochter des Hauses und verliebt sich – wie er meint – selbst in sie. Die Mutter hat jedoch andere Pläne mit ihrer Tochter Natalja und ist erzürnt über die Heimlichkeiten hinter ihrem Rücken. Natalja ist bereit, mit Rudin zu fliehen; Rudin jedoch ordnet sich dem Willen der Mutter unter und Natalja muss feststellen, dass all die großen Worte von Selbstbestimmung und Freiheit nichts als heiße Luft waren. Rudin muss der Wahrheit über sich selbst ins Gesicht sehen und meint, dass er irgendwann einmal so unnütz sterben wird, wie er gelebt hat. Tatsächlich wird er später allein mit umgebundener roter Schärpe auf den Barrikaden des Pariser Arbeiteraufstandes stehend erschossen, als die Schlacht schon längst verloren ist.

Turgenjew hat sich für viele seiner Figuren lebende Personen zum Vorbild genommen und von Rudin sagte er, dass er „ein ziemlich getreues Porträt” von Michail Bakunin sei – ein Seitenhieb gegen den einstigen Nachbarn Bakunin, mit dem er zusammen in Berlin studiert hatte, den er aber später wegen seiner großen Reden und wenig effektiven Taten mied.

Der Roman Ein Adelsnest (1858 geschrieben) spielt in den 1840er-Jahren und ist eine Auseinandersetzung mit dem russischen Westlertum.
Lavreckij, der englisch erzogene Spross einer Familie von altem Adel, der Überzeugung nach halb westlicher Intellektueller, halb russischer Bauer, heiratet die vergnügungssüchtige Generalstochter Varvara und geht mit ihr nach Paris. Dort betrügt sie ihn mit einem pomadigen Jüngling; verärgert und enttäuscht geht er wieder zurück nach Russland, um sein Gut zu bewirtschaften. Auf der Heimreise trifft er im »Adelsnest« Liza, die streng religiös erzogene Tochter des Hauses, und verliebt sich in sie – und umgekehrt. In der Zeitung lesen Lavreckij und Liza, dass Varvara gestorben sei, und sie beschließen zu heiraten. So weit kommt es jedoch nicht: Das Glück dauert nur wenige Stunden, dann steht die Totgeglaubte vor der Tür und fleht um Vergebung. Liza entscheidet sich, auf ihre Liebe zu verzichten, den Schleier zu nehmen und ins Kloster zu gehen; Lavreckij verfrachtet seine Frau mit einem ansehnlichen Wechsel wieder nach Paris und geht selbst auf sein Gut. Dort sitzt er und bekennt: „Willkommen einsames Alter! Rinne dem Ende zu, nutzloses Leben!“

Auch in diesem Roman hat sich Turgenjew wieder an lebende Vorbilder gehalten: Nikolai Platonovič Ogarëv (*1813, †1877), ein enger Freund von Alexander Herzen, und die zwei Frauen seines Lebens (ein Verhältnis so recht à la George Sand) standen Pate für Lavreckij, Liza und Varvara; die Beschreibung ihres gemeinsamen Schicksals geht bis in Details – wie im Buch hat Liszt tatsächlich bei Ogarëv Klavier gespielt. (Ein sehr gutes Werk zu Herzen, Ogarëv und Bakunin ist Edward Halletts Carrs Romantiker der Revolution.)

Im August 1855 bekam Turgenjew vom benachbarten Gutsbesitzer Karatejev – bevor dieser in den Krimkrieg zog und dort auch fiel – ein recht unausgereiftes Manuskript, in dem er die Geschichte seiner Liebe zu einem russischen Mädchen erzählt, das nicht ihn erhörte, sondern mit einem bulgarischen Studenten namens Katranov in dessen Heimat ziehen wollte, um an seiner Seite gegen die Türken zu kämpfen. Sie kamen jedoch nur bis Venedig; dort starb Katranov an einer Lungenentzündung. Diese Geschichte wurde zur Handlung von Turgenjews Roman Am Vorabend (1860 erschienen).
Zum ersten Mal stammt der Held nicht aus der Adels-, sondern aus der Rasnotschinzenschicht; zudem ist er ein Ausländer. Damit wollte Turgenjew verdeutlichen, dass es in Russland jener Zeit gar keine richtigen Helden gab. Der Bildhauer Šubin sagt genau das dann auch im Roman, als klar ist, das Jelena heimlich den Freiheitskämpfer Insarov geheiratet hat und mit ihm gehen wird:

»Noch gibt es bei uns niemand, noch gibt es keine Menschen, wohin man auch die Blicke richte. Alles – Kroppzeug, kleine Nager, kleine Hamlets, Samojeden, Finsternis oder unterirdische Dumpfheit, Mörserkeulen, Trommelstöcke oder solche, die aus dem Leeren ins Leere schöpfen! Und dann gibt es auch noch andere. Solche, die sich bis zu einem fast schmachvollen Ausmaß selber studiert haben, jeder ihrer Empfindungen unablässig den Puls fühlen und immer nur über sich selber berichten können, das da fühle ich, und dies hier denke ich. Eine nützliche, eine wackere Beschäftigung! Nein, wenn wirkliche Menschen unter uns geweilt hätten, würde dieses Mädchen nicht von uns gehen, würde diese wachsame und feinhörige Seele uns nicht entgleiten wie der Krebs ins Wasser! Was ist denn das, Uwar Iwanowitsch? Wann endlich kommt unsere Zeit? Wann endlich werden auch bei uns Menschen entstehen?«
»Gib ihnen Zeit«, antwortete Uwar Iwanowitsch. »Sie werden schon kommen!«
(1)

Turgenjew hatte aber sicher auch die Zensur im Auge. Zu Recht nahm er an, dass ein ausländischer Revolutionär sicher leichter durch die Zensur gehen würde als ein russischer Aufständler.

Turgenjews vierter und berühmtester, aber auch am heißesten umstrittener Roman Väter und Söhne (1860/61 geschrieben, 1862 erschienen) heißt im Original Otcy i deti, was mit Väter und Kinder richtiger übersetzt wäre. Obwohl das Romangeschehen ins Jahr 1859 verlegt ist, spiegelt es die gesellschaftspolitische Situation (Bauernbefreiung) der Jahre, in denen das Buch geschrieben wurde, deutlich erkennbar wieder.
In Väter und Söhne geht es um den Generationen- und den damit verbundenen gesellschaftlichen und ideologischen Konflikt in Russland zur extrem wichtigen Umbruchszeit der Bauernbefreiung.
Gegenüber stehen sich in erbittertem Streit die adelige, idealistisch-humanistische Vätergeneration (insbesondere verkörpert von den Figuren des vornehmen, melancholischen „Gentleman“ Pavel Petrovič Kirsanov und seines Bruders Nikolai Petrovič, dem Gutsherrn) und die Generation der rebellierenden, materialistisch orientierten Söhne, vertreten durch den nicht-adeligen Intellektuellen (Rasnotschinzen) Bazarov, einen Arzt, und seinen Freund Arkadij Kirsanov, den weniger radikal gesinnten Sohn von Nikolai Petrovič Kirsanov.
Turgenjew prägt in diesem Roman den Begriff „Nihilist“. Er verwendet ihn für Bazarovs Einstellung und nach eigener Aussage gleichbedeutend mit „Revolutionär“, und als solcher ist der „Nihilist“ auch in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen. In einem Streitgespräch erklärt Arkadij seinem Vater und seinem Onkel den Begriff:

»Was Basarow selber darstellt?« Arkadij lächelte. »Onkelchen, wollen Sie, so sage ich Ihnen, was er in Wahrheit darstellt?«
»Tu mir den Gefallen, mein kleiner Neffe.«
»Er ist ein Nihilist.«
»Wie?“ fragte Nikolai Petrowitsch. Pawel Petrowitsch dagegen hob sein Messer mit dem Klümpchen Butter an der Spitze der Schneide hoch und hielt es regungslos.
»Er ist ein Nihilist«, wiederholte Arkadij.
»Ein Nihilist«, versetzte Nikolai Petrowitsch. »Das kommt vom Lateinischen nihil, also nichts, soviel ich weiß; mithin bedeutet dieses Wort einen Menschen, der… nichts anerkennt?«
»Sag lieber, der nichts achtet«, fiel Pawel Petrowitsch ein und machte sich aufs neue an die Butter.
»Der sich allem gegenüber von einem kritischen Gesichtspunkt aus verhält«, bemerkte Arkadij.
»Und ist das nicht etwa dasselbe?« fragte Pawel Petrowitsch.
»Nein, das ist nicht dasselbe. Ein Nihilist ist ein Mensch, der sich vor keiner Autorität beugt und der kein einziges Prinzip auf Treu und Glauben hinnimmt, mit wieviel Respekt dieses Prinzip auch ansonst anerkannt worden wäre.«
»Nun und, und soll das richtig sein?« unterbrach Pawel Petrowitsch.
(2)

Der „Hintergrund“ ist wieder eine – eigentlich mehrfache – Liebesgeschichte: Bazarov verliebt sich in die reiche, jugendliche, sehr schöne, aber nicht wirklich liebesfähige Gutsbesitzerswitwe Odincova, womit er gegen seine eigenen Prinzipien verstößt, denn er hält Liebe für Unfug – und wird prompt abgewiesen. Später macht er der leibeigenen Lebensgefährtin von Nikolai Petrovič den Hof und wird von dessen Bruder, dem „Gentleman“, zum Duell mit Pistolen gefordert. Bazarov verletzt Pavel Petrovič ihm Duell und geht zu seinen Eltern zurück, wo er – eigentlich überflüssigerweise – an einer Sepsis stirbt, die er sich beim unvorsichtigen Sezieren eines an Typhus gestorbenen Bauern zugezogen hat. Zwar eilt in seiner letzten Stunde die von ihm ehemals geliebte Anna Sergeevna Odincova mit ihrem deutschen Arzt an sein Sterbebett, aber es ist zu spät.
Turgenjew schildert dieses Ende in einer ergreifenden Szene:

»Ich danke Ihnen«, wiederholte Basarow. »Das ist kaiserlich. Man sagt, die Kaiser pflegen ebenfalls Sterbende zu besuchen.«
»Jewgenij Wassiljewitsch, ich möchte hoffen …«
»Ach, Anna Sergejewna, wollen wir die Wahrheit sprechen. Mit mir ist es aus. Ich bin unter die Räder geraten. Und das Resultat ist, dass es überflüssig war, an die Zukunft zu denken. Der Tod ist ein alter Scherz und doch für jeden neu. Bis jetzt habe ich noch keine Angst… wenn aber erst die Bewusstlosigkeit einsetzen wird – huit!« Er schwenkte mühsam die Hand. »Ja, nun, und was soll ich Ihnen sagen … ich habe Sie geliebt! Das hatte schon vorher wenig Sinn und jetzt erst recht keinen mehr. Die Liebe ist eine Form, meine eigene Form aber beginnt sich bereits zu zersetzen. So will ich lieber sagen, was Sie für eine wunderbare Frau sind! Und jetzt, wo Sie dort stehen, so wunderschön…«
Anna Sergejewna erzitterte unwillkürlich.
»Macht nichts, regen Sie sich nicht auf… setzen Sie sich dort. Treten Sie nicht heran, meine Krankheit ist ansteckend.«
Anna Sergejewna schritt rasch durchs Zimmer und setzte sich in den Lehnstuhl neben dem Diwan, auf welchem Basarow lag.
»Sie Großmütige!« flüsterte er. »Ach, und so nah von mir, und so jung, so frisch und sauber… in diesem widerwärtigen Zimmer! Na, dann leben Sie wohl! Mögen Sie lange leben, das ist das beste von allem und nutzen Sie es, solange noch Zeit ist. Sehen Sie das an, was das für ein ekliges Schauspiel ist, ein halbzertretener Wurm, und krümmt sich immer noch. Und dabei dachte auch ich, ich würde noch viele Sachen deichseln; ich – sterben, woher! Ich habe doch eine Aufgabe, ich bin ein Gigant! Und jetzt ist die ganze Aufgabe dieses Giganten, einigermaßen anständig zu sterben, wenn sich auch niemand dafür interessiert. Aber egal: ich denke nicht daran, mit dem Schwanz zu wedeln.«
Basarow verstummte und begann mit der Hand nach seinem Glase zu tasten. Anna Sergejewna gab ihm zu trinken, doch zog sie die Handschuhe nicht aus und atmete nur vorsichtig.
»Sie werden mich vergessen«, begann er von neuem, »der Tote ist dem Lebenden kein Kamerad. Mein Vater wird Ihnen erzählen, was für einen bedeutenden Menschen Russland in mir verliere. Alles Quatsch, doch lassen Sie den alten Mann dabei. Sie wissen ja… es spielt keine Rolle, womit ein Kind sich amüsiert. Und seien Sie auch freundlich zu meiner Mutter. Solche Leute wie die kann man in Ihrer großen Welt auch am Tage bei Licht nicht finden. Ich – Russland notwendig … Nein, man sieht, ich war nicht notwendig. Und wer ist denn auch schon groß notwendig? Der Schuster ist notwendig, der Schneider, der Fleischer,.. verkauft Fleisch… der Fleischer… warten Sie mal, da rede ich schon irr… Dort ist ein Wald…«
Basarow legte die Hand auf seine Stirn.
Anna Sergejewna beugte sich über ihn.
»Jewgenij Wassiljitsch, ich bin bei Ihnen…«
Er nahm sogleich die Hand von der Stirn und richtete sich auf.
»Leben Sie wohl«, sagte er mit plötzlicher Kraft und seine Augen blitzten dabei mit einem letzten Leuchten. »Leben Sie wohl… Hören Sie mal… ich habe Sie damals nicht geküsst … So blasen Sie auf die sterbende Lampe, damit sie auslöschen möge…«
Anna Sergejewna drückte die Lippen auf seine Stirn.
»Und Schluss!« sagte er und ließ sich auf die Kissen sinken. »Jetzt… wird es dunkel…«
Anna Sergejewna schritt leise hinaus.
»Was gibt’s?« fragte Wassilij Iwanowitsch flüsternd.
»Er ist eingeschlafen«, erwiderte sie kaum vernehmlich.
Es war Basarow nicht mehr beschieden aufzuwachen. Gegen Abend fiel er in völlige Bewusstlosigkeit und starb am folgenden Tage.
(3)

Bazarov ist mehrfach gescheitert: durch seine Liebe zur Odincova – ein Verstoß gegen seine eigene Überzeugung – und bei der missglückten Annäherung an die Lebensgefährtin von Nikolai; letztlich hat ihn – ganz profan – die Natur besiegt.
Das ist die Darstellung eines Revolutionärs, die die Linken zwangsläufig auf die Palme bringen musste; die Konservativen begriffen die Schilderung Bazarovs dagegen als Verherrlichung eines Revolutionärs, was die wiederum auf die Palme brachte. Als dann z. B. 1862 in St. Petersburg an mehreren Orten Brände ausbrachen, wurde Turgenjew sogar auf offener Straße von Menschen angefeindet: „Da sehen Sie, was Ihre Nihilisten angerichtet haben“. Auch der Schriftsteller und Journalist Leskow (*1831, †1895) wurde übrigens damals heftig angegriffen, nur weil er forderte, die Polizei solle anständig recherchieren und nicht einfach alles nihilistischen Studenten in die Schuhe schieben – was zeigt, wie aufgeheizt das politische Klima zur Zeit der Bauernbefreiung war.

Mit seinem satirischen Rauch (manchmal auch Dunst – erschienen 1867) verscherzte sich Turgenjew in Russland endgültig alle Sympathien.
In diesem Roman sind aus den adligen Liberalkonservativen pure Reaktionäre geworden und aus den Revolutionären dummdreiste Schwätzer, Angeber und Krakeeler. Mit satirischer Schärfe brillant gezeichnet ist u. a. die Gruppe der Generäle – der „rassige und glatte, biegsame und schmiegsame“ General Ratmirov, Ehegatte Irinas, der weiblichen Hauptfigur des Romans, hinter dessen Maske sich nichts als Menschenverachtung, Grausamkeit und Arroganz verbergen; der „reizbare General“, der den Zeitungen am liebsten nur den Abdruck der Fleisch- und Brottaxen und allenfalls noch Annoncen über den Verkauf von Pelzen und Stiefeln erlauben möchte; der „joviale General“, der den Tag der Verkündigung der Aufhebung der Leibeigenschaft am liebsten ungeschehen machen würde, oder der „korpulente General“, der der Meinung ist, Journalisten müssten mit dem Stock gezüchtigt werden.

Der Roman spielt im Jahr 1862, also nach der Aufhebung der Leibeigenschaft, in Baden-Baden, wo sich „die Russen“ auf Kur von ihren „Strapazen“ erholen, seien sie nun adlige Nichtstuer oder arbeitslose Revolutionäre.
Litvinov, mütterlicherseits von altem Adel stammend, war vor Jahren vor seiner unglücklichen Liebe zur wunderschönen, aber verwöhnten Irina – die dann den rassigen und glatten, biegsamen und schmiegsamen General Ratmirov geheiratet hat – nach Deutschland geflüchtet; dort studierte er Agronomie und Technologie, um nach der Bauernbefreiung sein ererbtes Gut wirtschaftlich führen zu können. Auf der Rückreise nach Russland macht er in Baden-Baden Station, wohin ihm seine liebe und herzensgute Jugendfreundin Tatjana, mit der er inzwischen verlobt ist, entgegenkommen will. Während er dort wartet, trifft er Irina.

»Sie haben mir noch immer nicht gesagt, dass Sie mir verzeihen«, unterbrach ihn Irina.
»Ich freue mich aufrichtig über Ihr Glück, Irina Pawlowna, und ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen das Allerbeste auf Erden…«
»Und erinnern sich nicht mehr an das Böse?«
»Ich erinnere mich nur noch an die schönen Augenblicke von einst, die ich Ihnen zu verdanken habe.«
Irina streckte ihm beide Hände hin. Litwinow drückte sie kräftig und ließ sie nicht so bald wieder los. Etwas lange nicht mehr Empfundenes regte sich bei dieser sanften Berührung in seinem Herzen. Wieder sah ihm Irina fest in die Augen; doch diesmal lächelte sie. Und zum ersten Mal blickte auch er sie offen und aufmerksam an. Da erkannte er die Züge wieder, die ihm einst so teuer gewesen waren, und die tief liegenden Augen mit den ungewöhnlich langen Wimpern, das Muttermal auf der Wange, die besondere Anordnung des Haars über der Stirn, ihre Gewohnheit, irgendwie drollig die Lippen zu schürzen und leicht mit den Brauen zu zucken – alles, alles erkannte er wieder. Aber wie schön sie geworden war! Welche Anmut und welche Kraft strahlte der junge Frauenkörper aus! Und weder Rouge noch Schminke, weder Augenbrauenschwärze noch Puder, nichts Unechtes in dem frischen, reinen Gesicht! Ja, sie war wirklich eine Schönheit!
Litwinow war nachdenklich geworden. Er betrachtete sie noch immer, seine Gedanken aber waren schon weit fort. Irina bemerkte das
.

Scheinbar geheilt von der einst glühenden Liebe kann Litvinov sich zwanglos mit Irina über alles unterhalten. Sie aber liebt ihn noch und setzt – nachdem sie von seiner Verlobung erfahren hat – all ihre Reize und Verführungskünste ein, um ihn seiner Verlobten abspenstig zu machen und wieder in ihren Bann zu ziehen. Und tatsächlich löst Litvinov seine Verlobung mit Tatjana. Irina aber verachtet zwar im Grunde das mondäne Leben, ist jedoch schon so weit von ihm korrumpiert, dass sie es nicht schafft, mit Litvinov zu flüchten, um ein gemeinsames Leben zu beginnen; stattdessen soll er ihr geheimer Liebhaber werden. Dazu ist Litvinov nicht bereit, und obwohl Irina verzweifelt versucht, ihn zurückzuhalten, verlässt er sie zum zweiten Mal und kehrt endgültig auf sein Gut zurück.
In einer typisch Turgenjewschen, wunderschönen Szene sammelt Litvinov im Zug Richtung Heimat seine Gedanken:

Dann schaute er zum Fenster hinaus. Der Tag war grau und feucht; es regnete nicht, aber der Nebel hielt sich noch, und eine niedrige Wolkendecke überzog den ganzen Himmel. Der Wind blies entgegengesetzt zur Fahrtrichtung des Zuges; in endloser Kette jagten die weißlichen Dampfwolken, bald rein, bald mit dunkleren Rauchwolken vermischt, an dem Fenster vorüber, an dem Litwinow saß. Er begann den Dampf und den Rauch zu beobachten. Pausenlos emporwirbelnd, aufsteigend und sinkend, sich windend und an Gras und Strauch sich klammernd, gleichsam sich krümmend, sich dehnend und dahinschmelzend, jagten die Schwaden dicht an dicht vorüber; sie veränderten sich unaufhörlich und blieben sich doch immer gleich – ein monotones, hektisches, langweiliges Spiel! Manchmal wechselte der Wind seine Richtung, oder die Strecke machte einen Bogen; dann verschwand die ganze Masse plötzlich und wurde gleich darauf durch das gegenüberliegende Fenster sichtbar; nach einer Weile schwang sich der riesige Schweif wieder auf die andere Seite hinüber und versperrte Litwinow erneut die Sicht auf die weite Rheinebene. Litwinow schaute und schaute, und dabei kamen ihm merkwürdige Gedanken. Er saß allein im Abteil; niemand störte ihn. »Rauch, Rauch«, sprach er mehrmals vor sich hin; und plötzlich dünkte ihn alles Rauch, alles, das eigene Leben, das Leben Russlands – alles Menschliche, insbesondere aber alles Russische. Alles ist Rauch und Dampf, dachte er; alles scheint sich unaufhörlich zu verändern, überall neue Formen, eine Erscheinung jagt die andere, doch im Grunde genommen bleibt es immer ein und dasselbe. Alles hastet und eilt irgendwohin – und alles verschwindet spurlos, ohne je etwas zu erreichen. Dann weht ein anderer Wind, und alles wirft sich auf die gegenüberliegende Seite, und dort beginnt das unermüdliche, hektische und doch so unnütze Spiel von neuem. An vieles erinnerte er sich, das sich in den letzten Jahren mit Donner und Getöse vor seinen Augen abgespielt hatte. »Rauch«, flüsterte er, »nichts als Rauch.« Er dachte an die hitzigen Debatten, das Gerede und das Geschrei bei Gubarew und anderen, hoch wie niedrig Gestellten, Fortschrittlichen wie Rückständigen, Alten wie Jungen. »Rauch«, wiederholte er, »Rauch und Dampf.« (4)

In der Heimat bewirtschaftet Litvinov sein Gut zwar mit Mühe, doch erfolgreich. Wie zur Bestätigung, dass er den richtigen Weg gegangen ist, verzeiht ihm seine ehemalige Verlobte Tatjana und heiratet ihn. (Das ist übrigens das einzige Happy End in Turgenjews Romanen, wobei auch dieses nicht lupenrein ist, denn Litvinov hinterlässt Irina mit gebrochenem Herzen.)

Nachdem Turgenjew für seinen Roman Rauch von allen Seiten heftig Prügel bezogen hatte, mischte er sich eine Zeit lang nicht mehr mit einem Roman in das aktuelle Zeitgeschehen ein. Im Jahr 1868 aber begann der berühmte „Gang ins Volk“, bei dem die Narodniki (Volkstümler) versuchten, die revolutionären Ideen unter das Volk oder vielmehr unter die Bauern zu bringen. Er fand 1874 ein schmähliches Ende. Turgenjew, den es schon 1870 in den Fingern gejuckt hatte, zu dieser Bewegung, mit der er sympathisierte, Stellung zu nehmen, sodass er erste Figuren skizzierte, schrieb 1876 in drei Monaten seinen sechsten und letzten Roman zu diesem Thema. Er erschien 1877 unter dem Titel Neuland – also zehn Jahre nach seinem vorangegangenen.

Der Roman, der eigentlich der Höhepunkt seiner literarischen Laufbahn werden sollte und mit dem Turgenjew seine Leser nach dem Verriss von Rauch wieder versöhnen wollte, wurde von allen Kritikern einhellig als misslungen abgelehnt und selbst Turgenjew war letztlich nicht mit ihm zufrieden. In diesem Zusammenhang sagte er einmal: „Ich wurde niemals in den Zeitschriften so einmütig verurteilt.“ Er schuldete es dem Umstand, dass er diesen Roman, der aktuelle Probleme Russlands zum Thema hat, gewissermaßen als Außenstehender, nämlich im Ausland, geschrieben hatte. – Wohlgemerkt, hier geht es um zeitgenössische Relevanz und nicht um literarische Qualität!
Die Kritiker der späteren Zeit, die diese Relevanz eigentlich gar nicht so genau beurteilen können, schlossen sich dem Urteil an, und so kommt es, dass Neuland auch heute noch der am wenigsten gelesene Roman Turgenjews ist. In die Diskussion einzusteigen, zu entscheiden, ob die Kritik berechtigt ist, ist hier nicht der Ort; es gibt aber auch gegenteilige, zumindest aber differenziertere Meinungen.

In Neuland führt Turgenjew z. B. die später zum Standard der gesellschaftlichen Auseinandersetzung gewordenen Begriffe Proletariat, Bourgeoisie, Kapitalismus, Kommunismus, und Sozialismus in die Literatur ein und erahnt schon das Entstehen des bis dahin neben der Bauernschaft noch gar nicht existierenden sogenannten „vierten Standes“, der Arbeiterschaft. Im Dezember 1876, also noch vor der Veröffentlichung seines Romans, bemerkt er: „Es kann sein, dass ich die Figur Pawels, des Faktotums Solomins, des zukünftigen Volksrevolutionärs, hätte schärfer umreißen müssen. Das ist aber ein zu großer Typ; er wird mit der Zeit – natürlich nicht unter meiner Feder – zur Zentralfigur eines neuen Romans werden. Vorläufig habe ich kaum seine Konturen umrissen.“

Das Motto des Romans lautet: „Neuland soll man nicht mit dem hölzernen Hakenpflug bearbeiten, der nur an der Oberfläche dahingleitet, sondern mit dem tief schürfenden eisernen Pflug. – Aus den Aufzeichnungen eines Landwirts„. Den Sinn dieses Wahlspruchs erklärt Turgenjew in einem seiner Briefe: „Der Pflug in meinem Epigraf bedeutet nicht Revolution, sondern Aufklärung.“

Der Inhalt, natürlich eine Liebesgeschichte, ist schnell erzählt: Der Student Neždanov, unehelich geborener Sohn eines Fürsten und einer schönen Gouvernante, ist ein Narodniki (Volkstümler) und gehört einer illegalen Verschwörergruppe an. Wie so viele der Narodniki ist er ein idealistischer Schwärmer, ein „Romantiker des Realismus“. In den Sommerferien kommt er als Privatlehrer auf ein Landgut. Dort lernt er die Waise Marianna kennen und verliebt sich in sie – und sie in ihn. Marianna ist jedoch keine Romantikerin, sondern eine überzeugte, entschlossene Nihilistin, sprich: Revolutionärin. Gemeinsam flüchten sie von dem Gut und schlüpfen bei ihrem Freund Solomin unter, dem leitenden Techniker und Verwalter einer Fabrik („ein echter russischer Pragmatiker nach amerikanischer Manier„); er ist reiner Praktiker, der die Situation des Volkes als nur veränderbar ansieht, wenn man ohne große Reden praktisch hilft und so einen Weg aufzeigt. Im Gespräch mit Marianna bemerkt er in diesem Zusammenhang: „… Waschen Sie unterdessen noch ein kleines Kind oder zeigen ihm die Fibel oder geben einem Kranken seine Medizin, dann wäre das ein Anfang.“ Oder an anderer Stelle: „…einem Jungen, der die Krätze hat, die Haare zu kämmen, das ist ein Opfer, ein großes Opfer, zu dem nicht viele fähig sind.“
Die Bewegung der Narodniki unterstützt er, weil er das gleiche Ziel hat, nur ist er anderer Meinung über den Weg dorthin.
Neždanov „geht ins Volk“ und scheitert erwartungsgemäß. Verzweifelt über seine eigene Unfähigkeit und in der Überzeugung, er sei der Liebe Mariannas nicht wert, erschießt er sich kurz vor der geplanten heimlichen Hochzeit und bittet in seinem Abschiedsbrief Marianna und Solomin, die, wie er zu recht meint, schon lange einander zugetan sind, sich einander anzunehmen. Marianna und Solomin heiraten und Solomin gründet eine Fabrik auf Genossenschaftsbasis.

Wie schon oft erwähnt spielt die Liebe – und darüber hinaus das Verhältnis zwischen Mann und Frau ganz allgemein – in Turgenjews Werken, seien es Erzählungen oder Romane, eine ganz wesentliche Rolle. Und fast immer ist letztlich der Mann der Leidende, der oft bis zum bitteren Ende entsagt – durch Selbstmord, durch Herausforderung einer Situation, die ihn ums Leben bringt, oder ganz einfach durch qualvolles und stumpfsinniges Dahinsiechen bis zur Erlösung im Tode. Die meisten von Turgenjews männlichen Protagonisten wünschen sich das Ende sehnlichst herbei und empfinden sich als überflüssig und nutzlos.
All das kann man natürlich verkürzend mit Turgenjews Lebenssituation abtun – mit seiner unerfüllten Liebe zu Pauline Viardot. Wäre da nicht die höchste literarische Perfektion Turgenjews und die mitreißende Klarheit, mit der er seine Personen und die Zeit, in der er lebt, durchdringt, so wäre mancher schnell mit dem Urteil „Kitsch“ bei der Hand, wie es bei anderen Schriftstellern dieser Zeit, deren Werke heute, in unserer ach so aufgeklärten, modernen Zeit, zugegebenermaßen nicht mehr so recht lesbar sind (beispielsweise viele Romane von George Sand und von damals bekannten Schriftstellern, deren Namen wir heute nicht einmal mehr kennen), der Fall ist. Aber schon letztere Feststellung zeigt, dass Turgenjew nicht der einzige war, der damals diese Thematik ausführlich behandelte. Der Fokus auf das gescheiterte Liebesverhältnis war keine persönliche Vorliebe, sondern, in Westeuropa mehr als in Russland, eine allgemeine Zeiterscheinung.
Mit dieser Zeiterscheinung wird sich der abschließende Text der Turgenjew-Reihe beschäftigen.

(1) [zitiert in der Übersetzung von Johannes von Guenther; Peter Brang bemerkt in „I.S. Turgenjew, Sein Leben und sein Werk“ zur Übersetzung des Wortes »samojedy«, dass Turgenjew sicher nicht den Stamm der Samojeden gemeint hat, sondern umgangssprachlich »Selbstzerfleischer«.]

(2) [zitiert in der Übersetzung von Johannes von Guenther]

(3) [zitiert in der Übersetzung von Johannes von Guenther]

(4) [beide Passagen zitiert in der Übersetzung von Dieter Pommerenke]




Pussy Riot – ein Mythos entsteht

[ Von Kai Ehlers ] Zwei Jahre Lagerhaft, die U-Haft von 5 Monaten wird angerechnet. Eine Berufung ist möglich. Das war das vorläufige Ergebnis des Prozesses gegen die drei Frauen der Aktionsgruppe „Pussy Riot“, die im Zusammenhang mit den Frühjahrsprotesten gegen die Wiederwahl Wladimir Putins den Altarraum der Christ-Erlöser-Kirche in Moskau gestürmt hatten, wo sie in einem „Punk-Gebet“ die Mutter anflehten Putin zu vertreiben.

Eine Abmilderung des Urteils im Revisionsverfahren ist wahrscheinlich; das Signal aber ist gesetzt. Der Staat zeigt Härte, der Widerstands dagegen ist programmiert. „No paseran“, sie werden nicht durchkommen lautet die Parole, die „Pussy Riots“ der Welt präsentieren.

Die westliche Öffentlichkeit zeigt sich empört über den Prozess. In Rußland sorgt das Urteil gegen die drei Frauen der Band für heftige Irritationen, die die Gesellschaft spalten, genauer gesagt, die eine tiefe Spaltung der Gesellschaft sichtbar machen. Umfrageergebnisse zu dem Ausgang des Prozesses schwanken wie üblich. Sie liegen zwischen fünfzig- und siebzigprozentiger Zustimmung seitens der Bevölkerung zu dem Urteil. Als unübersehbare Tatsache aber darf man annehmen, daß mindestens die Hälfte, wenn nicht die Mehrheit der Bevölkerung das Urteil gutheißt; fünfzehn bis zwanzig Prozent sind dagegen, der Rest unentschieden. Anders als die westliche Berichterstattung suggerieren will, ist dies aber nicht etwa das Ergebnis einer Gehirnwäsche der ländlichen Bevölkerung durch die Putin-Administration, die zu einer blockartigen Konfrontation der Art „dumpfe Provinz“, aufgeklärte Städte geführt hätte, sondern das Pro und Contra zieht sich durch alle gesellschaftlichen sowie geographischen und ethnischen Schichtungen des Landes. Selbst aus den Amtsstuben russischer Bürokraten kamen Solidaritätsbekundungen für die Angeklagten.

Die Positionen, die in Rußland gegenüber dem Kirchen-Auftritt der Gruppe eingenommen werden, reichen von „geschmacklos“, aber „eher zu vernachlässigen“ bis zu schroffer Ablehnung, die in der Aktion einen Angriff auf die moralischen und religiösen Grundwerte einer zivilisierten Gesellschaft sieht, gegen den mit aller Härte vorgegangen werden müsse. Dem stehen Einschätzungen gegenüber, die Aktion richte sich gegen die Tendenz einer „Iranisierung“ der russischen Gesellschaft, die durch die „Männerfreundschaft“ zwischen Putin und dem Moskauer Metropoliten der orthodoxen Kirche, Kyrill I. betrieben werde. Die beiden wollten einen autoritären Gottesstaat, basierend auf nicht überwundener sowjetischer Nostalgie errichten. Die Aktion sei daher als notwendige Selbstbefreiung von den noch nicht überwundenen Sowjetfesseln zu verstehen, als Signal für den überfälligen wahrhaften revolutionären Aufbruch des Landes. Staat und Kirche, Putin und Kyrill I. sind das Feindbild.

Andere Stimmen – und dies interessanterweise durchaus aus der „Provinz“ – lehnen zwar die provokative Form der Aktion, ebenso wie die dahinterstehenden feministisch-anarchistischen Positionen der „Pussy Riots“, wie überhaupt jede auf Aufruhr zielende öffentliche Aktivität ab, sind aber dennoch der Meinung, daß „die Mädchen“ vor einem überreagierenden, plump und dümmlich regierenden Staatsapparat geschützt werden müßten.

Ein Blick auf das Selbstverständnis von „Pussy riot“ gibt all dem Nahrung – je nachdem von wo aus man auf sie schaut. Seit ihrem ersten Auftreten im Oktober 2011 machte die Gruppe im Zusammenhang mit den gegen Putin entstehenden Protesten durch provokative Auftritte von sich reden, durch Besetzung von Plätzen, durch eine öffentliche Aktion „Küßt die Polizei“, in deren Verlauf ihre Aktivistinnen auf öffentlichen Plätzen, in der Metro und sonstwo küssend über männliche und weibliche Polizisten herfielen, nicht zuletzt auch durch ein „love in“, bei dem sie öffentlich kollektiven Geschlechtsverkehr demonstrierten. Sie verstehen ihre Aktionen in der Tradition der amerikanischen „Riot Grrrl“ als grundsätzlichen Protest gegen eine patriarchal verknöcherte Gesellschaft, die sie aufbrechen wollen.

Kurz gesagt, um es für deutsche Leser leichter faßbar zu machen, die Gruppe Pussy Riot ist heute in Rußland ungefähr das, was Fluxus, was Happening-Aktivisten und was schließlich die Kommune I, Kommune II und andere im Rahmen der außerparlamentarischen Oppposition, kurz APO, in der Bundesrepublik der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts waren: Radikale Vertreter einer jungen Generation, für die der aktionistische Tabubruch das Mittel war, „Den Muff von tausend Jahren unter den Talaren“ aus den Universitäten, der Gesellschaft und aus dem Staat zu vertreiben.

Man erinnere sich daran, mit welcher autoritären Schwere die etablierte deutsche Gesellschaft seinerzeit auf diese Provokationen reagierte, bevor sie es schaffte, die Welle dieser antiautoritären Proteste als „Kunst“ und als sozialdemokratische und grüne Erneuerung zu integrieren. Nicht nur Aktionisten der Kommune 1 wie Karl Pawla, der seine Notdurft im Gericht besorgte, wie Fritz Teufel, der ein „Attentat“ auf den US-Vizepräsidenten verübte, indem er ihn mit Pudding bewarf und andere mehr wurden inhaftiert, es wurde von staatswegen auch ein Klima der Hetze, der Verfolgung und der Konfrontation erzeugt, das über den Tod des Studenten Benno Ohnesorg, das Attentat auf Rudi Dutschke bis hin zum Quasi-Krieg mit der RAF führte. Er kostete Dutzenden von Menschen auf beiden Seiten das Leben bis hin zu den unaufgeklärten Todesfällen in deutschen Gefängnissen.

Rußland ist nicht Deutschland; Geschichte wiederholt sich nicht, schon gar nicht in verschiedenen Ländern. Eines aber kann der Vergleich zeigen: So wie der Aufbruch der jungen Generation in Deutschland 20 Jahre nach dem Faschismus zu schroffen, für große Teile der Gesellschaft unannehmbaren Formen des Protestes führte, so ereignet sich heute Ähnliches, nur noch wesentlich schroffer in Rußland. Dessen Umbruch ist heute ein doppelter. Nicht nur der Stalinismus muß überwunden werden, sondern zugleich die aus dem globalisierten Kapitalismus resultierende Krise. Neue Angriffe auf die Lebensgrundlage der russischen Bevölkerung stehen zudem mit dem Beitritt Rußlands zur WTO unmittelbar bevor. Aus diesem doppelten Umbruch ist die Maßlosigkeit der gegenwärtigen Ereignisse in Rußland zu verstehen – solcher Aktionen wie denen der „Pussy Riots“, ebenso wie die der Reaktionen der Mehrheitsgesellschaft und des Staates. Es ist auch durchaus noch mehr dergleichen zu erwarten. Nur einen Tag nach der Urteilsverkündung haben die „Pussy Riots“ bereits ein neues Schmählied herausgebracht, um nicht zu sagen auf dem Markt. Nachfolgegruppen schießen wie Pilze aus dem Boden. Man kann nur hoffen, daß Wege der Integration gefunden werden – bevor eine Eskalation entsteht, die, wenn sie entsteht, einen deutschen Herbst leicht übersteigen könnte.

[ Kai Ehlers/russland.RU ]

[ www.kai-ehlers.de ]

Foto: Valentin Wyss

Siehe zum besseren Verständnis von Rußland:
Kai Ehlers, Rußland – Herzschlag einer Weltmacht. Im Gespräch mit Berschin , Grafiken von Hermann Prigan, Pforte, 2009




Russische Innenansichten – „Einen Plan B gibt es nicht.“

Als Analytiker des „Instituts für Fragen der Globalisierung und sozialer Bewegungen“ ist Boris Kagarlitzki einer jener Kritiker Putins, die über die Tagesproteste und kurzatmige Aufgeregtheiten hinaus denken. Das Gespräch dreht sich um die Frage, welche politischen Entwicklungen nach den zurückliegenden Duma- und Präsidentenwahlen zu erwarten sind. Das Gespräch fand im Juli in den Räumen des Institutes in Moskau statt.

Herr Kagarlitzki, Rußland hat eine Zeit der Proteste hinter sich. Wie wird sich die Situation weiter entwickeln? Die Protestbewegung ist ja nicht gerade einheitlich, hat auch bisher kein vorweisbares Programm, in der westlichen Presse wird sie trotzdem sehr hoch gespielt…

Kagarlitzki: Stimmt, aber die westliche Presse spielt die Proteste nicht nur hoch, sie versteht prinzipiell nicht, was hier in Rußland eigentlich vor sich geht. Man versteht zum Beispiel nicht, daß Menschen, die für Putin gestimmt haben, keineswegs Parteigänger Putins sind. Das sind oft sogar Menschen, die Putin mehr hassen, als die Oppositionellen. Das sind Menschen, die Angst haben, daß Leute an die Macht kommen könnten, die dann genau denselben neoliberalen Kurs fahren wollen, wie ihn Putin jetzt fährt. Das eigentliche Signal, das die Regierung durch die Proteste im letzten Winter bekommen hat, ist eben das, den neoliberalen Kurs verstärken zu sollen. Mit anderen Worten, in sozialer Hinsicht bewegt sich die Regierung genau in die Richtung, in die auch die liberale Opposition will – und dahin wird es auch weiter gehen und das sehr schnell.

Das wird in unserer Presse ganz und gar anders beschrieben.

Kagarlitzki: Ja, man versteht einfach nicht, was demokratische Werte sind, was eine echte demokratische Revolution und was ihre wirklichen Ursachen sind. Noch vor einem Jahr hatten diese Leute mit demokratischen Werten nichts am Hut. Möglicherweise ist da im Laufe eines Jahres jetzt etwas entstanden, aber was ist das, was diese Kräfte geweckt hat? Das muß man anschauen: Real beobachten wir eine ökonomische Krise, die aus der Ungeeignetheit des wirtschaftlichen Systems hervorgeht, das Putin aufgebaut hat, genauer, das während seiner Regierungszeit aufgebaut wurde. Es war ja nicht er, der es aufgebaut hat, sondern sein Kommando, ein spontaner Prozeß. Aber wie auch immer, dieses Modell ist ungeeignet, Preissenkungen auf dem globalen Markt auszuhalten. Darüber hinaus sind tiefere Probleme erkennbar: Die Sache ist, in den letzten doch recht fetten Jahren – als es viel Geld gab durch hohe Ölpreise – wurde nichts für die Restrukturierung der Ökonomie getan, es wurde kein Geld investiert, nicht in die Struktur des Verkehrswesens, nicht in die Ausrüstung der Industrie usw. Das heißt, das Geld der zurückliegenden Jahre wurde verbraucht, und nicht nur das, es wurde systematisch verbraucht. Das russische herrschende System ist so angelegt, daß es einfach nicht in der Lage ist, effektiv zu investieren, es gibt keinen Mechanismus, es gibt keine Einrichtungen dafür. Was wir haben, ist eine Rentenelite, ein Rentenkapitalismus.

Wird das auch in der Öffentlichkeit so gesehen oder ist das nur Ihre Analyse?

Kagarlitzki: Das ist Politökonomie, das ist Marx, das ist der auf Renten basierende Kapitalismus. Und was sehr wichtig ist: Renten werden nicht nur bezogen von der Bourgeoisie, von den Oligarchen und Bürokraten, wir sind in gewissem Maße alle Rentenbezieher. Sagen wir neunundneunzig Prozent der Rente beziehen die Oberen, die restlichen ein Prozent verteilen sich auf alle Übrigen, das muß man sich klar machen. Das ist trotzdem immer noch viel, es erlaubt uns allen irgendwie zu leben, es ermöglicht die Zahlung von Renten, es ermöglicht z.B. den Unterhalt dieses Institutes, es ermöglicht die Herausgabe von Zeitungen usw., usf., Das eine Prozent, vielleicht sind es auch zwei oder drei, trägt irgendwie zum Unterhalt der Bevölkerung bei. Das Ganze staatliche Modell ist auf der Verteilung der Renten aufgebaut. So ein System des Rentnerkapitalismus kann entweder von oben zusammengehalten werden, in einer aufgeklärten Gesellschaft bis zu einem gewissen Grad – oder es endet in einer Revolution. Aber in unserer herrschenden Klasse gibt es kein Interesse, Geld anzulegen. Einzelne Anlagen gibt es hier und da, sogar ziemlich viele, aber keinen systematischen Prozeß der Investitionen, kein sich selbst erhaltendes System, von dem die herrschende Klasse leben könnte.

Noch einmal: Versteht man das hier im Lande?

Kagarlitzki: Ja, einzelne Analytiker schon. Aber was heißt „man“? Die herrschende Klasse versteht gar nichts und wird auch so bald nichts verstehen. Das Problem liegt anders: Es ist so, daß alle es fühlen. Niemand versteht, aber alle fühlen es. Das heißt, man begreift das Ganze nur über das Niveau der Preise, Öl, Gas oder anderer Ressourcen, auf dem globalen Markt. Solange die Preise steigen, ist alles ruhig, sobald sie sinken, wird nach einer anderen Struktur der Gesellschaft gerufen. Für andere Gesellschaften wäre das Sinken der Preise, sagen wir um 10 % keine Katastrophe, für das heutige Rußland aber sehr wohl. Warum? Nicht etwa wie unsere Journalisten schreiben, wegen der Preise an sich; das Sinken der Preise allein wäre es noch nicht, die Katastrophe liegt in der Verfaßtheit unserer Gesellschaft. Für den einen sozialen Organismus ist der Verlust von 10% unbedeutend, ein anderer geht daran zugrunde. Warum? Weil der eine sich das notwendige Einkommen selbst erarbeiten kann, der andere kann es nicht.

Was geschieht also bei uns? Es beginnt einfach der Niedergang wirtschaftlicher Verbindungen, Beziehungen usw. Es beginnt ein Kampf um die Umverteilung der Rente. Aber was macht der Mensch in einer Rentengesellschaft, wenn ihm das Geld nicht reicht? Es entbrennt ein scharfer Kampf um die Umverteilung. Das beginnt gerade wieder mit allgemeinen Preiserhöhungen. Das ist ein Teil des Kampfes um die Rente. Da geht es zunächst um die ein, vielleicht auch zwei, drei Prozent von der Gesamtrente, die nach unten gehen. Der Kampf beginnt gegen die Schwächsten. Die haben am wenigsten Möglichkeiten sich zu wehren. – Eine andere Sache ist, daß ein äußerst verschreckter Hase den ganzen Wald in Unruhe versetzen kann. Man begreift da oben einfach nicht, daß man große Teile des Volkes, Millionen, so in die Enge treibt, schon getrieben hat, daß die Menschen nicht mehr aus und nicht mehr ein wissen, daß sie wütend werden, daß sie kurz davor stehen zu revoltieren. Sie brauchen bloß noch den Anlaß.

Das kann ich bestätigen. In Tschuwaschien, wo ich mich kürzlich aufgehalten habe, das ja zu den ärmeren Gebieten Rußlands gehört, wird ungeniert schon von Revolution gesprochen – die man natürlich nicht haben will, sondern befürchtet. Aber Gedanken und Alltagsgespräche gehen in solche Richtung.

Kagarlitzki: Ja, ich gebe Ihnen ein anderes Beispiel: Eine Mitarbeiterin unseres Institutes lebt in Pensa. Gestern kam sie hierher und erzählte: Früher sahen sich die Leute vor der Wahl zwischen Stabilität und Veränderung, sie entschieden sich für Stabilität, das heißt, wenn es darum ging, sich zwischen Opposition und Macht zu entscheiden, entschieden sie sich für die Macht. Später, 2011, hat schon niemand mehr die Macht unterstützt, da ging es nur noch darum zu protestieren oder zu ertragen und man entschied sich für das Ertragen. Inzwischen steht die Frage des Ertragens schon nicht mehr, jetzt lautet sie: wie protestieren. Das ist eine starke Radikalisierung! So etwas geschieht ganz unten, sehr leise und nicht bemerkbar, wie ein Topf, der langsam ins kochen kommt. Aber was machen diese Idioten, sie versuchen einfach nur den Deckel fester zuzumachen. Sie beschließen idiotische Veranstaltungsgesetze, sie verabschieden ein Gesetz zu den NGOs. Das alles löst überhaupt gar nichts. Das Problem sind doch nicht die NGOs und auch nicht die Meetings, sondern vollkommen andere Fragen, die vollkommen andere Formen des Protestes nach sich ziehen…

Von welchen anderen Protesten sprechen Sie?

Kagarlitzki: Unruhen auf der Straße, vielleicht Besetzungen von Verwaltungsstellen oder einfach Verwüstungen von Anlagen und Einrichtungen. Oder es gibt einfach Prügeleien mit der Polizei. Ein ganzes Spektrum von Protesten ist möglich. Und was wichtig ist: Sie werden unkoordiniert sein. Die Macht glaubt, daß die Proteste gesteuert werden. Nichts dergleichen, die Führer der Proteste haben kaum etwas zu melden. Die Proteste zu verbieten, bringt deshalb überhaupt gar nichts. Das Problem der Umverteilung der Renten wird so nicht gelöst. Der Versuch, die spontanen Proteste zu unterbinden führt nur dazu, daß sie woanders stärker hervorbrechen. Das ist das eine Problem. Das andere Problem ist schon ein technisches. In der gegenwärtigen Krise, ungefähr schon seit drei Jahren, läuft ein Niedergang der staatlichen Maschinerie Rußlands. Das hängt zwar auch mit der Krise des Rentenkapitalismus zusammen, aber es besitzt noch seine eigene Dynamik, die gesondert von der allgemeinen wirtschaftlichen Dynamik existiert. Die Sache ist, daß der Zerfall der staatlichen Maschine schneller vor sich geht als die Entwicklung der wirtschaftlichen Krise. Das System der neoliberalen Reformen, das im Land installiert werden soll, steht im Widerspruch zu dem Bemühen der örtlichen Macht Stabilität zu schaffen. Auf der einen Seite führt man destabilisierende Reformen durch, auf der andern Seite versucht man Stabilität herzustellen. Wie sieht das auf dem Niveau der Verwaltung aus? Vor anderthalb Jahren war ich in Woronesch, hielt dort eine Vorlesung. Anwesend war auch ein Beamter der örtlichen Verwaltung, mit dem ich sprechen konnte. Er erklärte mir, wie das geht: Ein und derselbe Beamte erhält am selben Tag zwei verschiedene Papiere. Sinngemäß heißt es in einem Papier: Sie sind aufgefordert, sich selbst um das System der Bildung zu kümmern, dafür zu sorgen, daß alles läuft, daß alles im besten Zustande ist. Das zweite Papier, aus derselben Ecke, kommt am selben Tag; es bedroht jede eigenmächtige Handlung des Beamten mit Strafe. Was macht der Beamte? Nichts, er stellt einfach die Arbeit ein. Das geht dort schon seit anderthalb Jahren, in denen der Beamte einfach nichts tut. Das heißt, seit anderthalb Jahren werden Aufträge von oben einfach ignoriert. Er kommt morgens in sein Büro – und tut nichts. Man schreibt nichtssagende Papiere, man trinkt Tee, man verschreibt sich gegenseitig Urlaub usw., kurz, man beschäftigt sich buchstäblich mit Nichts, man bemüht sich darum, nichts zu tun, denn jede Tätigkeit, gleich welche, schlägt ihnen zum Nachteil aus.

Ein anderes Beispiel liefert Moskau: Hier in der Stadt gibt es zwei Universitäten. Es gibt den Plan sie zusammenzuführen. Das soll bis zum 1. September dieses Jahres geschehen sein. Es ist technisch nicht möglich, das zu schaffen. Das ist ein Prozeß, der mindestens fünf Jahre braucht. Dafür gab man jetzt drei Monate vor! Unerfüllbar! Alle wissen das. Da wird es Anmeldungen für Strukturen geben, die überhaupt noch nicht existieren. Es ist nicht klar, wann es die Strukturen geben wird und welche Aufgaben sie haben werden; die Anzahl, die Ordnung, alles unklar. Der Plan ist da, die Sache selbst hängt in der Luft. Was wird also geschehen? Es gibt zwei Varianten: Entweder es wird gestreikt oder es wird einfach nicht hingegangen. Die bessere Variante ist natürlich der Streik, der wenigstens etwas aufzeigt…

Was wird weiter geschehen? Man liest ja, daß Rußland nun endgültig der WTO beitreten werde. Ich habe gelesen und gehört, und es ist auch aus der Logik der Ereignisse klar, daß die Regierung dem folgend jetzt in eine neue Phase der Privatisierung einsteigen will. Was wird das alles bedeuten, was wird das für die nächste Zukunft nach sich ziehen?

Kagarlitzki: Das wird schlicht eine Katastrophe, vor allem für die Industrie. Es wird wieder zu Schnellverkäufen von Betrieben führen, unter der Hand zu Schleuderpreisen…

… eine Wiederholung der Vorgänge von 91/92 und den Jahren unter Jelzin auf neuem Niveau?

Kagarlitzki: Ja, genau! Mit einer Steigerung: Als man den Oligarchen oder auch dem ausländischen Kapital die Betriebe einfach schenkte, war das schlecht, aber noch keine Katastrophe, wenn das mit der Energieversorgung gemacht wird, dann wird das nicht nur schlecht, dann wird das eine echte Katastrophe. Wir haben ja immer noch das einheitliche Energiesystem in Rußland. Und was ist Privatisierung? Schauen wir uns die früheren Verkäufe an: da haben privatisierte Betriebe einfach aufgehört zu arbeiten. Das trifft bei uns im Ergebnis dann ganze Städte, die auf diese Weise stillgelegt werden.

Mir scheint, daß die russische Regierung jetzt zum Schritt in Richtung auf eine endgültige Vernichtung des noch verbliebenen Gemeineigentums ansetzt. Ich meine das, was im Russischen óbschtschina, im Deutschen Allmende, im Englischen commons genannt wird. Unter dem Druck der WTO, des GATT und ihnen folgender Institutionen muß sie ja wohl in diese Richtung gehen, wenn sie die Eintrittbedingungen in diese Organisationen erfüllen will. Sehe ich das richtig?

Kagarlitzki: Ja, und mehr noch: Warum macht man das? Man versteht eins nicht: Wir haben jetzt nicht 1990 und auch nicht 1995. In diesen Jahren wurde in der Tat sehr viel zerstört, aber sehr viel blieb auch erhalten….

…Betriebe, öffentliche Plätze, kommunale Einrichtungen.

Kagarlitzki: Ja, genau. Die letzten zehn, zwanzig Jahre hat die Gesellschaft noch sehr stark von diesen alten Strukturen leben können, bei aller massenhaften Zerstörung, trotz aller negativen Seiten hatte die Sowjetunion doch wirklich sehr viel aufgebaut; so wie es jemand treffend formuliert hat: Das ganze Land war dafür gerüstet, einen Überfall überleben zu können, aber es kam kein Überfall, es kamen die Reformen. (lacht) Das hat uns erlaubt zu überleben. Wir lebten gewissermaßen vom sowjetischen Speck. Oben, unten, das gilt für alle Niveaus. Und was geschieht jetzt? Man geht jetzt dazu über, genau die Politik wiederholen zu wollen, mit der man in diesen Jahren ja ganz gut durchgekommen ist, und versteht dabei nicht, warum das so ging. Völlig sinnlos, ohne die neue Situation zu begreifen…

Was meinen Sie? Wird und kann Putins Kommando Rußland der WTO unterwerfen?

Kagarlitzki: Nun, ich denke, wenn alles sehr schwierig wird im Herbst, wird man einen Ausweg suchen, aber das wird nicht einfach sein, denn das würde bedeuten, von einigen bereits eingeleiteten Schritten Abstand zu nehmen. Man wird schon im November, Dezember mit den Forderungen konfrontiert sein und muß ihnen nachkommen oder man muß einfach die Regeln brechen. Was dann geschieht – im einen wie im anderen Fall – ist offen. Es gibt keinen Plan B.

Putin hat ja vor der Wahl eine ganze Reihe bemerkenswerter Artikel darüber veröffentlichen lassen, wie Rußland in der Welt auftreten sollte. Mir scheint, die waren im Kern gar nicht so schlecht…

Kagarlitzki: Stimmt, aber die Schlußfolgerungen, die er daraus zieht, sind den unseren genau entgegengesetzt. Das fällt einem im Traum nicht ein, was die aus den Tatsachen machen. Sie greifen sich einzelne Komplexe heraus, aber sehen die Gesamtdynamik nicht, hangeln sich von einem Aspekt zum anderen. Das ist in der Außenpolitk nicht anders als in der Innenpolitik.

Welche Rolle will Rußland gegenwärtig in der Welt spielen?

Kagarlitzki: Sie haben eigentlich keine Perspektive, sie wollen nur den status quo erhalten

Aber der Eintritt in die WTO bringt doch Bewegung, Putin agitiert außerdem für eine Eurasische Union.

Kagarlitzki: Das sind zwei ganz verschiedene Prozesse, die sich sogar gegenseitig widersprechen. Da stehen unterschiedliche Interessen gegeneinander. Das Industriekapital will die Eurasische Union, die Öl-Kompanien wollen die WTO. Die WTO verschafft Rußland die Möglichkeit des Importes; es zeigt sich aber, daß das für die russische Industrie nicht profitabel ist. Dieselben Gesellschaften, die den Import besorgen, befassen sich auch mit Öl. Sie verkaufen Öl, importieren dafür chinesische Billigwaren und schädigen so die heimische Produktion. Sie interessieren sich nicht für die Produktion, sie stört sie. Beim Industriekapital liegt es umgekehrt: Seine Vertreter brauchten die Sowjetunion, sie brauchen jetzt die eurasische Union, sie brauchen den inneren Markt, weil sie nicht viel zu exportieren haben. Sie sind im Prinzip sogar bereit höhere Löhne zu zahlen, um den Markt anzuregen. Das ist natürlich eine protektionistische Welt, um sich vor den Chinesen abzuschirmen. Das Problem ist, sie wollen beides, öffnen und abschließen zugleich, so wie 1980, als weder das eine noch das andere gegeben war. Also, man will in die WTO, zugleich will man aber den inneren Markt entwickeln. Faktisch geschieht nicht das eine und nicht das andere. Aber so geht das heute nicht mehr. Schau dir nur den Index des Bruttosozialproduktes für das letzte halbe Jahr an. Es ist ganz offensichtlich, daß die heimische Industrie gestärkt werden müßte, aber man an stimmt einfach nach den bestehenden Interessengruppen ab, gegen jede Einsicht, immer natürlich verbunden mit dem Spruch, daß es ja „dem Volke nütze“ usw. (lacht) Sollte es sich später als notwendig erweisen, daß Rußland wieder aus der WTO austreten muß, dann wird man mit der selben Überzeugtheit für einen Austritt stimmen. Das ist wie in den 90er Jahren, als alle innerhalb von drei Monaten von überzeugten Kommunisten zu Liberalen wurden…

Ich denke, daß Putins Macht überschätzt wird. Ich denke sie reicht nicht aus, eine Unterordnung – oder umgekehrt eine Kündigung – unter die WTO einfach zu befehlen. Das wird sich wohl eher spontan entwickeln…

Kagarlitzki: Putin hat überhaupt wenig Macht; die Macht liegt nicht bei Putin. Putin war ein genialer Vermittler, consensus-maker. Solange das System funktionierte, war Putin ziemlich stark. Solange es funktionierte, entsprach sein Wirken den Interessen der Elite. So wurde jeder seiner Entscheidungen auch erfüllt. Das waren natürlich nicht seine Entscheidungen, sondern Konsensentscheidungen der neuen Eliten. Warum kommt er jetzt in die Kritik? Weil er schon nicht mehr in der Lage ist, Konsens-Entscheidungen zu finden, aber ein anderer biegsamerer Mechanismus nicht existiert. Real steht Putin heute nur noch für eine sehr schmale Schicht von Leuten. Alle anderen können nur rein technisch zur Zeit nicht widersprechen, sind aber mit den Entscheidungen nicht zufrieden und so fangen sie an, die liberalen Positionen zu unterstützen. Das ist das Eine. Das zweite ist: Sie müssen natürlich einen Schuldigen finden. Im Kern geht der Kampf um die Frage, wer wird der Schuldige sein. Zu allererst wird natürlich die frühere Regierung beschuldigt werden. Interessant, daß zur Zeit schon niemand mehr in diese Regierung eintreten möchte. Die Klügeren wissen, daß man schon im Herbst die Regierung fragen wird, wer Schuld hat. Das alles heißt, Putin kann sich nur retten, wenn er sich auf den Kreis seiner engeren Freunde stützt und wenn es eine neue Regierung gibt, dann wird sie vermutlich näher am Kreis der jetzigen Oppositionellen stehen. Da können sogar Gestalten der zurückliegenden Meetings mit auftauchen. Nawalny ist schon jetzt bei Aeroflot aktiv. Er ist dorthin schon unter den Augen der gegenwärtigen Regierung gelangt.

Das ist doch ein Scherz?

Kagarlitzki: Nein, wieso? Das ist ein Test.

Sie werden also, mit welchem Wechsel auch immer, denselben Weg weitergehen, den sie bisher gegangen sind …?

Kagarlitzki: Klar, ich sagte ja schon, einen anderen Weg haben sie nicht und das heißt, daß ein Nawalny sehr wohl Regierungsbürokrat werden kann. – Interessant ist in diesem Zusammenhang ein vergleichender Blick auf NTW, das neue meine ich, und auf die Radiostation „Echo Moskaus“. Die Sendungen von NTW sind wirklich kaum auszuhalten; ich schau mir das gar nicht mehr an. „Echo Moskaus“ dagegen ist blanke Opposition: Jeden Tag Kritik an Putin, Unterstützung der Meetings, der Proteste usw. Aber dann schauen Sie: Wer ist Eigentümer von NTW? Gazprom! Wer ist Eigentümer von Echo Moskau? Gazprom! Derselbe Besitzer. Das ist die Realität. In Europa muß man lange graben, um am Ende ähnliche Strukturen zu Tage zu fördern. In Rußland liegt alles offen vor Augen. Das ist das Interessante an Rußland: Du kannst alles sehen, wenn Du es sehen willst; das ist hier einfacher als in Europa, nicht versteckt durch zwei Jahrhunderte Demokratie. Also, deshalb denke ich, daß die Proteste von der Regierung aufgenommen werden. Danach wird es einige Umbesetzungen in der Regierung geben, vielleicht ein, zwei, drei Runden, vielleicht auch Neuwahlen zur Duma im Frühjahr, aber das alles heißt nicht, daß sich von oben irgend etwas prinzipiell ändert.

Kommen wir also zurück auf das, was von unten geschieht. Ich habe selbst schon früher beobachtet und jetzt von verschiedenen Seiten erneut und vermehrt gehört, daß die Menschen vor Ort sich gegen den Verkauf öffentlicher Plätze, Gemeinschaftsgüter, genereller gesagt, der verbliebenen Allmenden zur Wehr setzen. Moskauer Einwohner protestieren z.B. gegen den Verkauf von öffentlichem Gelände zu Schleuderpreisen an die Kirche, die diese Plätze dann der Öffentlichkeit entzieht…

Kagarlitzki: … sie protestieren auch gegen die Schließung von Polykliniken, von Museen…

Man hat mir auch von Protesten der Flußfischer berichtet, die sich gegen die Pläne der Regierung aufgelehnt haben, das Fischen in den Flußallmenden verbieten und die Rechte daran verkaufen zu wollen. Putin soll zurück gerudert sein und erklärt haben, es werde keine Eingriffe solcher Art von Seiten der Regierung geben – vor der Wahl, wohlgemerkt. Sehen Sie eine Chance, daß sich eine Basisbewegung zur Verteidigung der noch vorhandenen Gemeinschaftsgüter bilden könnte?

Kagarlitzki: Eine Hoffnung darauf besteht. Die Forderungen der gegenwärtigen Meetings sind sehr kurzatmig. Die Linke ist äußerst schwach, gespalten, sektiererisch. Ihre Basis ist heute sehr schmal. Es ist nicht so, wie es nach unseren Theorien eigentlich sein müßte. Sie hat keine Alternative zu bieten. Ähnliches gilt für die politische Rechte. Ihre Ziele sind widersprüchlich, die einen wollen ein slawisches Rußland, die anderen das alte Imperium, dritte sind einfach gegen Gastarbeiter. Da fehlt auch eine Führungsfigur. Aber die Aussicht auf eine soziale Bewegung von unten besteht. Sie kann sich sehr schnell herausbilden, ähnlich wie in den Jahren ´84 oder ´86 der Sowjetunion. Das könnte heute sogar noch schneller passieren. Wenn die Krise wächst, wenn man den Menschen einfach nicht gibt, was sie brauchen, kann eine Kraft daraus entstehen. Soweit wir jetzt wissen, liegen die Brüche bei Bildungsfragen, bei medizinischer Versorgung, in der Wohnungsfrage. Den ersten Platz nehmen die Kindergärten ein, dann Schulen, dann Polykliniken. Um den Kindergarten herum gruppieren sich alle die anderen Fragen wie Lohn, Bildung, Wohnung, Gesundheit. Das hat Putin vor der Wahl aufgegriffen:
Kindergärten als Frage Nr. 1. Er hat das faktisch aus unseren Untersuchungen übernommen, aber dann folgt bei ihm auch gleich der nächste Satz: Daß man die Kindergärten privatisieren müsse. Er, seine Leute, die herrschende Schicht, sie verstehen rein gar nichts. Für die Linke besteht das Problem darin, mit diesen Protesten, die ja sehr konkrete Fragen betreffen, eine gemeinsame Sprache zu finden, eine Sprache, die an den globalen Problemen anschließt. Ich bin deshalb zur Zeit kategorisch gegen die Verfassung von irgendwelchen linken Manifesten. Es ist vielmehr nötig hinzuschauen, was unten geschieht.

[ Kai Ehlers/russland.RU ]

[ www.kai-ehlers.de ]
siehe zu diesem Thema auch:
Kai Ehlers, Kartoffeln haben wir immer. (Über)leben in Rußland zwischen Supermarkt und Datscha, Horlemann, 2010




Russische Frauen | Innen- und Außenansichten

Als Mann fallen Ihnen beim Stichwort „Russinnen“ Heiratsanzeigen ein? Sie denken Russinnen sind schön, sparsam, genügsam und sehr blond?  Oder Sie erinnern sich an die sowjetische Propaganda und denken alle Russinnen fahren Traktor?

Als Frau halten Sie Russinnen für emanzipierter als westliche Frauen? Oder Umgekehrt für Heimchen am Herd? Im besten Falle noch für eine Sexbombe?

Dann sollte Sie dieses Buch lesen! Hier wird mit Klischees aufgeräumt.

Über dieses Buch: Nichts ist ärgerlicher als in einem Gastland gegen ständige Vorurteile anzukämpfen und über kaum ein anderes Thema gibt es mehr falsche Bilder als über Russinnen!

Dieses Buch möchte mit den gängigen Klischees aufräumen und ein reales Bild der modernen russischen Frau vermitteln.

Von dem Bild der Frau in der russischen Literatur, über Folklore bis hin zur modernen Geschäftsfrau, Wissenschaftlerin, Geliebten und Mutter versucht dieses Werk mit Vorurteilen aufzuräumen und eine Brücke zur Realität zu schlagen.

Über dieses Buch: Alle Russinnen heißen Natascha und sind via Internet leicht zu haben. Nein, nein, sie tragen dicke Kopftücher, haben Goldzähne, heißen Babuschka und kommen als KGB Offiziere zur Welt. Über keine anderen Frauen gibt es so widersprüchliche wie falsche Vorstellungen wie über russische.

Dieses Buch räumt mit ewigen Klischees auf und verfolgt das Bild der russischen Frau in der Religion, klassischen russischen Literatur bis hin zur kommunistischen Zeit und im modernen Russland. Warum ist eine russische Geschäftsfrau erfolgreich, eine Oligarchengattin unglücklich, eine Familienmutter berufstätig (und sie alle ihr letztes Geld für schöne Kleider ausgeben würden und ihre Weiblichkeit höher als Unabhängigkeit schätzen) – dieses Werk ist ein ehrliches und lebendiges Porträt der Russin von heute.
Russische Frauen: Innen- und Außenansichten hier kaufen >>>




Iwan Sergejewitsch Turgenjew – Seine Romane I

Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

Schon vor – und ganz besonders nach – dem Erscheinen der Aufzeichnungen eines Jägers (1852), die ihn berühmt gemacht hatten, hatte sich Turgenjew überlegt, ein umfassenderes episches Werk, einen Roman, zu schreiben. Auch seine Freunde forderten ihn recht eindringlich dazu auf. Im Russischen gab es dieses Genre bis zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht (Die toten Seelen von Gogol sind ein Einzelfall) und auch im westeuropäischen Raum war der Roman im heutigen Sinn noch recht jung; erste Vertreter waren Alexandre Dumas der Ältere (*1802, †1870) mit seinen pseudohistorischen Abenteuerromanen wie z. B. Die drei Musketiere (1844), Der Graf von Monte Christo (1846) und Das Halsband der Königin (1850) und Alexandre Dumas der Jüngere (*1824, †1895) mit seinen Sittenromanen Die Kameliendame (1848), Diane de Lys (1853) und Halbwelt (1855), dazu George Sand (*1804, †1876) als Schriftstellerin sozial-psychologischer (im weitesten Sinne) Romane, die erheblichen Einfluss auf das gesellschaftliche Leben Westeuropas hatten, Eugénie Tour (auch: Evgenija Tur, *1815, †1892) sowie zuvor schon Antoine-François (genannt L’Abbé) Prévost (*1697, †1763) mit seiner Manon Lescaut und Jacques-Henri Bernadin de Saint-Pierre (*1737, †1814) mit Paul et Virgine

Worin besteht nun der wesentliche Unterschied zwischen der Gattungsform Erzählung (Novelle) und dem Roman? Sicher nicht ausschlaggebend ist die Länge des Werkes – die Erzählung Frühlingsfluten von Turgenjew ist beispielsweise länger als sein Roman Rudin. In den Erzählungen wird die Wirklichkeit unverklärt und genau geschildert und die Kritik des Autors an dieser Wirklichkeit wird entweder expressis verbis oder durch eben diese Darstellung – eine Methode, in der Turgenjew Meister ist – ausgedrückt; es ist also eine ausgesprochen subjektive Form der Kritik an der Realität. Im Roman hingegen wird jede Begebenheit – eine einzelne Handlung oder ein zeitliches Geschehen – sozusagen von höherer Warte aus betrachtet, quasi objektiv: Der Autor nimmt im Idealfall keinen direkten Einfluss auf die Meinungsbildung (zum Beispiel mit Worten), sondern fordert vom Leser, dass dieser sich seine eigene Meinung bildet. Er erweckt den Eindruck, nur ganz unbeteiligt zu schildern; die Meinung des Autors ist allenfalls am Ablauf der Handlung ablesbar, wobei es nicht immer nur eine Quintessenz geben muss. Es bleibt dem Leser unbenommen, mehrere Schlüsse aus dem Gelesenen zu ziehen, wobei allerdings jeder Schluss eine weitere Meinung (Quintessenz) des Autors ist.

Diese Ansicht kommt im Herbst 1852 in einem Briefwechsel zwischen Turgenjew und seinem Freund, dem Publizisten und Literaturkritiker Pavel Vasilevič Annenkov (*1813 †1887), sehr schön zum Ausdruck. Annenkov fordert Turgenjew eindringlich auf „mit voller Verfügung über Personen und Ereignisse, ohne genüssliches Spiel mit der eigenen Autorschaft und ohne Auftreten von plötzlichen Originalen” einen Roman zu schreiben. Und Turgenjew antwortet, seinen bisherigen Stil kritisierend:

Man muss einen anderen Weg gehen und sich für immer von der alten Manier trennen. Ich habe mich redlich bemüht, aus menschlichen Charakteren die Quintessenzen (triples extraits) zu ziehen, um sie dann in kleine Fläschchen zu füllen. »Riecht geneigte Leser, entkorkt und riecht – nicht wahr, das riecht doch nach einem russischen Typ«. Genug, genug! […]
Die Frage ist nur: Bin ich zu etwas Großem, Ausgeglichenem überhaupt fähig! Werden mir einfache, klare Linien gelingen…? Das weiß ich nicht und werde ich nicht wissen, solange ich es nicht versuche – aber glauben Sie mir – Sie werden von mir etwas Neues hören – oder gar nichts.
(1)

Noch im Mai 1852 begann Turgenjew den Roman Zwei Generationen, im Februar 1853 sandte er die ersten 500 Seiten (drei von geplanten zwölf Kapiteln) an seine Freunde – und verbrannte sie nach deren Kritik; nur das Ende des ersten Kapitels blieb verschont. Turgenjew veröffentlichte es 1859 unter dem Titel Das herreneigene Kontor. Fragment eines unveröffentlichten Romans. Er war nicht der Erste und nicht der Letzte, der seinen „Erstling“ verbrannte.
Das mit dem „Sie werden von mir etwas Neues hören – oder gar nichts“ war dann aber doch nicht ganz wörtlich zu nehmen: Bevor Turgenjew im Juni und Juli 1855 schließlich seinen ersten Roman Rudin (erschienen 1856) schrieb, verfasste er noch die Novellen Zwei Freunde, Ein stiller Winkel, Ein Briefwechsel und Jakov Pasynkov – so wie er überhaupt in der Zeit, in der seine Romane entstanden, „nebenher“ immer auch Erzählungen schrieb.

Nachdem Rudin allseits sehr positiv aufgenommen worden war, schrieb Turgenjew in den folgenden zehn Jahren weitere vier Romane und nach einer Pause von zehn Jahren seinen sechsten und letzten. Das Adelsnest (geschrieben 1858 auf seinem Gut Spasskoje, erschienen 1859) wurde sofort – und auch im Ausland – sein größter Bucherfolg; darauf folgte 1860 mit Am Vorabend ein Werk, das schon nicht mehr so einmütig freundlich aufgenommen wurde. Sein auch heute noch berühmtester Roman Väter und Söhne (erschienen 1862) bescherte ihm heftigen Ärger – was einige zufrieden lobten, wurde von anderen heftig kritisiert und umgekehrt; und mit seinem satirischen Roman Rauch (1867) trat er mehr oder weniger allen gesellschaftlichen Gruppen auf die Füße – was erneut zu heftiger Kritik von allen Seiten führte. Verärgert und sich missverstanden fühlend ließ er das Roman Schreiben aber erst einmal sein, und so erschien erst nach zehn Jahren (1877) sein sechster und letzter Roman Neuland. Auch mit diesem Werk machte er sich keine großen Freunde – selbst die Volkstümler, für die er diesen Roman geschrieben hatte und die er im Grunde wohlwollend darstellte, fühlten sich auf den Schlips getreten und begannen erst nach seinem Tod, als die Wogen der Entrüstung abgeklungen und ein sachlicheres Beurteilen möglich war, die Wahrheit und den Wert des Romans zu begreifen. So heißt es denn auch in der Proklamation der Volkstümler, die am Tage der Beerdigung Turgenjews in Petersburg am 3. September 1883 verbreitet wurde:

Das tiefste Gefühl des Herzschmerzes, das »Neuland« durchdringt und stellenweise durch feine Ironie maskiert wird, vermindert nicht unsere Liebe zu Turgenjew. Wissen wir doch, dass diese Ironie nicht die Ironie des Lagers von »Nowoje wremja« und Katkow [gemeint ist das reaktionäre Lager in Russland – K. D.] war, sondern eines Herzens, das die Jugend liebte und sich um sie sorgte. Außerdem – verhalten wir uns jetzt nicht mit der gleichen Ironie gegenüber der Bewegung der siebziger Jahre, in der – trotz ihrer unzweifelhaften Aufrichtigkeit, Leidenschaftlichkeit und heroischen Selbstaufopferung – tatsächlich viel Naives gewesen ist? (2)

Literarisch waren Turgenjews Romane über alle Kritik erhaben (mit winzigen Abstrichen in dem einen oder anderen Roman), die Kritik entzündete sich stets an seinen Darstellungen der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen und ihrer politischen Tendenzen. Das war wiederum nicht verwunderlich, denn Turgenjew wollte mit seinen Romanen – wie er im Vorwort zur ersten Gesamtausgabe seiner Werke 1880 selbst schrieb – „gewissenhaft und unvoreingenommen [….] dem Jahrhundert und Körper der Zeit den Abdruck seiner Gestalt” vor Augen halten und die „sich schnell verändernde Physiognomie der russischen kultivierten Schicht” wiedergeben, indem er sie in Einzelpersonen typisierte.

In seinen Romanen stellt Turgenjew – auch das schreibt er im schon zitierten Vorwort – „in konzentrierter Spiegelung [ … ] getreu und lebendig die Eindrücke [dar], die er aus eigenem oder fremdem Leben empfangen hat”; und das ist im Wesentlichen der Untergang der alten höfischen Adelskultur, deren Mitgliedern der Sinn nur nach Genuss und Ansehen stand und die deshalb nur dem Namen nach zur Intelligenz zu zählen waren, aber auch den der wirklichen, vor allem jüngeren Adelsintelligenz, die – wissend, dass sich etwas ändern muss – aufgrund ihrer Erziehung doch unfähig war, wirklich etwas zu ändern, und nur in großen Worte schwelgte. Er schreibt aber auch über die „neuen Menschen“ aus den unteren, bürgerlichen Schichten wie z. B. Rasnotschinzen und Volkstümler, über ihre Ideale, ihre Irrungen und Wirrungen und die Erfolglosigkeit ihres Tuns, weil sie am Widerstand der Realitäten scheitern.

Jeder seiner Romane stellt eine bestimmte Gruppe ins Zentrum. Und da ihm infolgedessen immer wieder von verschiedenen Kritikern vorgeworfen wurde, er ergreife einmal für diese und im nächsten Roman für jene gesellschaftliche Gruppe Partei, empfiehlt Turgenjew in seinem Vorwort den Lesern, alle sechs Romane nacheinander zu lesen (was auch heute noch empfehlenswert ist). Dann werde man erkennen, dass dieser Vorwurf ungerecht sei:

Mir scheint im Gegenteil, man könnte mir eher eine zu große Beständigkeit und sozusagen Gradlinigkeit meiner Richtung vorwerfen. Der Autor des 1855 geschriebenen »Rudin« und des 1876 geschriebenen »Neuland« ist ein und derselbe Mensch. (3)

In der Tat blieb Turgenjew zeit seines Lebens seiner Überzeugung treu, dass eine notwendige demokratische Veränderung der Gesellschaft nur „von oben“, d. h. auf Initiative der aufgeklärten liberalen (Adels)Schicht möglich sei. Erst gegen Ende seines Lebens – nachdem er erkannt hatte, dass aus der saft- und kraftlos gewordenen, sich selbst zerstörenden Adelsschicht keine Impulse mehr kommen würden – begann er, auf die Rasnotschinzen (Gebildete, die keiner Klasse angehören) zu hoffen. Eine Veränderung „von unten“, aus dem Bauernstand, oder gar eine Revolution hielt er im Gegensatz zu Alexander Herzen (*1812, †1870) oder gar Michail Bakunin (*1814, †1876), mit denen er zeitweilig eng befreundet war, für falsch.

In jedem der Romane ist – wie könnte es bei Turgenjew anders sein – eine Liebesgeschichte oder besser gesagt eine Liebesintrige das Gerüst der Handlung. Das Liebesverhältnis steht aber nicht im Vordergrund, sondern dient dazu, den Helden (resp. die Helden) und die Heldin zu charakterisieren und ihr sozial-ideologisches Verhalten sichtbar zu machen. Held und Heldin finden nicht wirklich zueinander – eine Turgenjewsche Lebenserfahrung; nur in Am Vorabend kriegen sie einander, dafür stirbt er kurz danach an einer Lungenentzündung.

Ganz hervorragend sind in allen Romanen Turgenjews wie schon in seinen Erzählungen die Beschreibungen der russischen Landschaft, wobei sie hier nicht „nur“ Stimmungsbilder wie beispielsweise in den Aufzeichnungen eines Jägers sind, sondern gleichzeitig die emotionale Situation der Personen widerspiegeln, also Seelenlandschaften sind. Ganz ausgeprägt ist dies in Rudin und in Das Adelsnest der Fall. Letzteres hat er während des Aufenthaltes auf seinem Gut Spasskoje geschrieben; es ist ihm sozusagen ganz aus der Seele geschrieben:

Am nächsten Morgen stand Lawrezki ziemlich früh auf. [Turgenjew war auf sein Gut Spasskoje zurückgekehrt, hmw] Er besprach sich mit dem Dorfältesten, verweilte ein bisschen auf der Tenne und ließ dem Hofhund die Kette abnehmen. Der bellte nur ein wenig, lief aber nicht von seiner Hütte fort. [Abnahme der Ketten und bleibt trotzdem – Parallelität zur Bauernbefreiung, hmw] Als Lawrezki wieder daheim war, versank er in eine Art friedlicher Erstarrung, aus der er den ganzen Tag nicht mehr herauskam. „Da bin ich ja so richtig auf den Grund des Stromes geraten“, sagte er mehr als einmal zu sich selbst. Er saß am Fenster und rührte sich nicht, als lausche er dem Dahinfließen des stillen Lebens, das ihn umgab, den spärlichen Lauten der ländlichen Abgeschiedenheit. Da singt irgendwo hinter dem Nesseldickicht jemand mit feinem, dünnem Stimmchen vor sich hin; eine Mücke sirrt gleichsam die zweite Stimme dazu. Jetzt hört er auf, doch die Mücke sirrt noch immer. Durch das einmütige, aufdringlich klagende Summen der Fliegen tönt das Brummen einer dicken Hummel hindurch, die fortwährend mit dem Kopf an die Zimmerdecke stößt; auf der Straße kräht ein Hahn, den letzten, heiseren Ton in die Länge ziehend; ein Bauernwagen rattert vorüber; im Dorf knarrt ein Tor. „Was denn?“ klirrt plötzlich eine weibliche Stimme. „Ach du, mein Liebling“, sagt Anton zu einem zweijährigen Mädchen, das er auf den Armen wiegt. „Bring den Kwaß her“, ruft wieder die weibliche Stimme – dann tritt auf einmal Totenstille ein. Kein Laut ist zu hören; nichts rührt sich; kein Blättchen regt sich im Wind. Die Schwalben streichen, ohne einen Schrei auszustoßen, eine nach der anderen, dicht über den Erdboden hin, und es wird einem traurig ums Herz bei ihrem stummen Flug. Da sitze ich ja so richtig auf dem Grund des Stromes, denkt Lawrezki wieder. Und immer, zu jeder Zeit, fließt das Leben hier so still und ohne Hast dahin, denkt er. Wer in seinen Kreis eintritt, muss sich fügen: Hier ist es zwecklos, sich aufzuregen, sinnlos, aufzubegehren; hier ist nur demjenigen Erfolg beschieden, der sich gemächlich seinen Weg bahnt, so, wie der Bauer mit dem Pflug die Furche zieht. Und welch eine Kraft ringsum, welche Gesundheit in dieser tatenlosen Stille! Hier, unter dem Fenster, drängt sich eine stämmige Klettenstaude aus dem dichten Gras hervor; ein Liebstöckel reckt seinen saftigen Stängel noch über sie hinaus, und noch höher hebt das Tränengras seine rosigen Löckchen. Und da draußen auf den Feldern leuchtet der Roggen; der Hafer ist schon in die Ähren geschossen, und jedes Blatt an jedem Baum, jedes Gräschen an seinem Halm macht sich breit, so breit es nur kann. Für Frauenliebe habe ich meine besten Jahre hingegeben, denkt Lawrezki weiter. [Turgenjews „unglückliche“ Liebe zu Pauline, hmw] Mag mich denn hier die Langeweile nüchtern machen, mag sie mich beruhigen, mich darauf vorbereiten, dass auch ich ohne Hast etwas zu tun imstande bin. Und wieder beginnt er, der Stille zu lauschen. Er erwartet nichts, und gleichzeitig ist ihm, als warte er dennoch unablässig auf etwas. Die Stille umfängt ihn von allen Seiten; die Sonne zieht am ruhigen blauen Himmel still ihre Bahn, und still wandern die Wolken darüber hin – es scheint, als wüssten sie, wohin und warum sie wandern. Zur selben Zeit brauste, hastete und lärmte an anderen Orten der Welt das Leben; hier floss das gleiche Leben unhörbar dahin, wie Wasser über Sumpfgräser. Bis in den späten Abend hinein konnte sich Lawrezki von der Betrachtung dieses vergehenden, verrinnenden Lebens nicht losreißen. Die Trauer um das Vergangene schmolz in seiner Seele wie Frühlingsschnee. Und merkwürdig – nie zuvor war in ihm das Heimatgefühl so tief und stark gewesen. (4)

(1) [zitiert nach Peter Brang: I. S. Turgenev. Sein Leben und sein Werk (1977)]
(2) [zitiert nach Klaus Dornachers Nachwort zum Band Rauch / Neuland aus den Gesammelten Werken in Einzelbänden]
(3) [Alle Zitate aus dem Vorwort nach Peter Brang: I. S. Turgenev. Sein Leben und sein Werk (1977)]
(4) [zitiert in der deutschen Übersetzung von Herbert Wotte]

Einzelheiten zum Inhalt und Anregungen zur Interpretation von Turgenjews sechs Romanen sowie eine umfassende Literaturliste im nächsten Teil der Turgenjew-Reihe.




Iwan Turgenjew: Sein literarisches Schaffen, Erzählungen II

Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

In den Jahren von 1844 bis zu seinem Tod 1883 hat Iwan Sergejewitsch Turgenjew 33 Novellen und Erzählungen, sechs Romane und dazu noch die 25 Erzählungen geschrieben, die zu den Aufzeichnungen eines Jägers zusammengefasst sind. Die 33 Novellen lassen sich – entlang seines Lebenswegs – in drei Perioden gliedern, wobei der Übergang von der zweiten zur dritten Periode fließend ist:
Bis in die Mitte der 1850er-Jahre – etwa bis zu Turgenjews 30. Lebensjahr – reicht die Periode der frühen Erzählungen. Hier finden sich noch viele Anklänge an Puschkin (*1799, †1837), Lermontow (*1814, †1841) und Gogol (*1809, †1852), Liebeslyrik und Landschaftsbilder spielen noch keine so zentrale Rolle. Liebe wird leicht satirisch behandelt und damit kann auch kein Entsagungsschmerz aufkommen. In diese Phase fallen: Andrej Kolosow (1844), Der Raufbold (1846), Drei Porträts (1846), Der Jude (1847), Petuschkow (1847), Tagebuch eines überflüssigen Menschen (1850), Drei Begegnungen (1852), Mumu (1852) und Die Herberge (1852). Im Jahr 1852 erschienen dann die thematisch einheitlichen Aufzeichnungen eines Jägers.

Von der Mitte der 1850er-Jahre bis ungefähr 1870 erstreckt sich die zweite Periode, die Periode der lyrischen Novellen; es ist die Zeit der Stimmungs- und Erinnerungsnovellen. Lyrische Landschaftsbeschreibungen sind ein zentrales Element, Resignation, das Scheitern und das Unerreichte die Hauptmerkmale dieser Periode, in der die Titel Zwei Freunde (1854), Stilles Leben (1854), Jakow Pasynkow (1855), Ein Briefwechsel (1856), Faust (1856), Fahrt ins Waldgebiet (1857), Asja (1858), Erste Liebe (1860) und Frühlingsfluten (1871) entstanden.

Die dritte, sich mit der zweiten stark überschneidenden Periode ist die Periode der geheimnisvollen Novellen (1864-1883), die sich mit Fantastischem, mit Okkultem, mit dem Unterbewusstsein der Menschen beschäftigen. Visionen (1864), Genug (1865), Der Hund (1866), Die Geschichte des Leutnants Jergunow (1868), Der Brigadier (1868), Eine Unglückliche (1869), Eine seltsame Geschichte (1870), Ein König Lear der Steppe (1870), Tuck…tuck…tuck (1871), Punin und Baburin (1874), Die Uhr (1876), Der Traum (1876), Die Erzählung des Vaters Aleksej (1877), Das Lied der triumphierenden Liebe (1881) und Klara Militsch (Nach dem Tode) (1883) gehören in diese Kategorie.

Mit der Novelle Frühlingsfluten (auch: Frühlingswogen) hat Turgenjew die Periode der lyrischen Novellen abgeschlossen; sie ist sicher auch seine beste und ausgereifteste und sie hat dem Umfang eines Romans. Turgenjew greift darin noch einmal mit kompositorischer Perfektion alle Themen aus dem Themenkreis der lyrischen Novellen auf: die große Liebe; das endgültig verlorene Glück; die bittere, fruchtlose Reue; das starke Weib, das einem schwachen Mann gegenübersteht; die Versklavung durch die Liebe und der alte Mann, der voll des „taedium vitae“ – des Ekels vor dem Leben – zurückblickt. Schauplatz der Handlung ist – wie in Asja (siehe Erzählungen I) – Deutschland, und auch diese Novelle geht auf ein Ereignis in Turgenjews Leben zurück (1840 hatte er in Frankfurt am Main ein flüchtiges Liebesabenteuer mit der Tochter der Besitzerin eines Konditoreiladens).

Erstmalig ist jedoch – und das zeigt, dass Frühlingsfluten, zehn Jahre nach der vorhergehenden Liebesnovelle geschrieben, nicht nur ein Abschluss, sondern auch ein neuer Aufbruch ist –, dass der alte, anfangs voll Lebensekel zurückblickende Erzähler am Ende nicht – auf den Tod wartend, ihn sich sogar herbeiwünschend – in seiner Resignation verharrt, sondern den Mut hat, sein Schicksal in die Hand zu nehmen und neu zu beginnen.

Als Turgenjew diese Novelle schrieb, war er 52 Jahre alt – Frankreich hatte 1870/71 den Krieg gegen Deutschland verloren – und siedelte mit den Viardots nach Paris über, um dem bürokratisch-militaristischen Gehabe in Deutschland zu entkommen.
Der französische Schriftsteller Gustave Flaubert (*1821, †1880) schrieb ihm am 21. Juli 1873: „Ich möchte Ihnen sagen, dass ich die »Frühlingsfluten« gelesen habe […] ich wurde von ihnen aufgewühlt, zu Tränen gerührt […]. Ach das ist ein wirklicher Liebesroman, wenn es überhaupt einen solchen gibt!“ (1)

Sanin, ein älterer Herr aus der besseren Gesellschaft, innerlich vollkommen vereinsamt, sitzt mitten in der Nacht in seinem Kabinett vor dem Kamin:
Über die Vergänglichkeit, Nutzlosigkeit und gemeine Verlogenheit alles Menschlichen sann er nach. Alle Lebensalter ließ er nacheinander vor seinem inneren Auge Revue passieren (er war unlängst zweiundfünfzig Jahre alt geworden), und kein einziges fand Gnade vor ihm. Überall und ewig das gleiche sinnlose Verhalten, das gleiche unnütze Tun, der gleiche halb unbewusste, halb bewusste Selbstbetrug – mag sich das Kind ergötzen, woran es will, wenn es nur nicht weint –, und dann kommt plötzlich, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, das Alter über einen und zugleich mit ihm jene ständig zunehmende, alles zerfressende und aushöhlende Angst vor dem Tod – und schwupps saust man in den Abgrund! Dabei ist es noch ein Glück, wenn das Leben so verläuft und sich vor dem Ende nicht noch wie Rost auf dem Eisen Krankheiten und Leiden einstellen. Für ihn war das Meer des Lebens nicht vom Sturm gepeitscht, wie es die Dichter gern schildern; nein, er stellte sich dieses Meer spiegelglatt, unbeweglich und durchsichtig bis auf den dunklen Grund vor. Er selbst sitzt in einem kleinen, schwanken Boot. Dort am dunklen, schlammigen Grund aber sind, riesigen Fischen gleich, undeutlich grässliche Ungeheuer zu sehen: alle irdischen Leiden, Krankheiten, Unglück, Wahnsinn, Armut, Blindheit… Er schaut hin, und da löst sich eines der Ungeheuer aus dem Dunkel, steigt höher und höher, wird immer deutlicher sichtbar, widerwärtig deutlich. Noch ein Augenblick, und das Boot, von ihm angehoben, kentert. Doch da verwischen sich die Konturen des Ungeheuers wieder, es entfernt sich, sinkt auf den Grund zurück und bleibt dort, kaum merklich mit dem Schwanze wedelnd, liegen. Aber der Tag, vom Schicksal bestimmt, wird kommen, da es das Boot zum Kentern bringt.

Der Protagonist erinnert sich an die große Liebe und das große Scheitern seines Lebens:
Als 22-jähriger russischer Adeliger macht er auf der Rückreise aus Italien 1840 in Frankfurt am Main Station. In einer italienischen Konditorei lernt er Gemma, die bildhübsche Tochter der Besitzerin, kennen und verliebt sich unsterblich in sie, nachdem er sich mit einem flegelhaften deutschen Offizier um ihre Ehre duelliert hat. Er macht ihr einen Heiratsantrag und will in Zukunft in Frankfurt bleiben, um die Konditorei mit ihr führen. Da sie dazu Kapital brauchen, will er sein Gut in Russland verkaufen. Vor der Abreise nach Russland aber trifft er zufällig seinen alten, schwer reichen aber trottelhaften Schulkameraden Polozov, dessen Frau sein Vermögen selbstherrlich verwaltet und verbraucht. Die Polozova (polozov – dt. Schlange) ist eine dämonisch schöne, aufregende und wilde Frau mit einem Männerverschleiß nach Gutdünken. Sie will den frisch verliebten Verlobten, der ihren Reizen gegenüber unempfänglich zu sein scheint, in ihren Bann ziehen und verführen – sie wettet sogar mit ihrem Mann auf den Erfolg. Wie zu erwarten, schafft sie es und macht auch diesen jungen Mann von sich abhängig. Er kehrt nie wieder zu seiner Verlobten nach Frankfurt zurück, sondern folgt der Polozova als einer unter ihren vielen Liebhabern wie ein Hündchen nach Paris; dort lässt sie den von seiner Liebe völlig Versklavten schließlich „wie ein abgetragenes Hemd“ fallen. Gedemütigt, gebrochen und erniedrigt kehrt er nach Russland zurück, ohne je wieder etwas von seiner Verlobten gehört zu haben:

Lange, lange saß er in Gedanken versunken da und begriff, nach so vielen Jahren durch Erfahrung klüger geworden, immer noch nicht, wie er Gemma, die von ihm so zärtlich und leidenschaftlich Geliebte, einer Frau wegen hatte verlassen können, die seinem Herzen überhaupt nichts bedeutete. Am nächsten Tag überraschte er seine Freunde und Bekannten durch die Mitteilung, er werde ins Ausland reisen.

Sanin reist nach Frankfurt, stellt Nachforschungen an und findet heraus, dass Gemma geheiratet hat und nach Amerika gegangen ist; er erhält sogar ihre Adresse. Er schreibt ihr und erhält wider Erwarten auch Antwort:
…. Dann äußerte Gemma ihr Bedauern darüber, dass Sanins Leben sich offensichtlich so schlecht gestaltet hatte, wünschte ihm vor allem Ruhe und Seelenfrieden und erklärte, sie würde ihn mit Freuden einmal wiedersehen, wisse jedoch, wie wenig wahrscheinlich ein derartiges Wiedersehen sei…
Wir ersparen es uns, die Gefühle zu schildern, die Sanin beim Lesen dieses Briefes empfand. Derartige Gefühle lassen sich mit Worten nur ungenügend wiedergeben; sie sind tiefer und stärker und unbestimmter als jedes Wort. Allein die Musik könnte einen Eindruck von ihnen vermitteln.
Sanin antwortete sofort und schickte der jungen Braut
[Tochter von Gemma. hmw] mit der Widmung „Marianna Slocum von einem unbekannten Freund“ das Granatkreuz [das er einst von Gemma geschenkt bekommen hatte. hmw], in ein herrliches Perlenkollier eingearbeitet, als Geschenk. Obwohl es sehr teuer war, ruinierte es ihn nicht; hatte er doch in den dreißig Jahren, die seit seinem ersten Aufenthalt in Frankfurt vergangen waren, ein bedeutendes Vermögen erworben. In den ersten Maitagen kehrte er nach Petersburg zurück – aber wohl kaum für lange Zeit. Wie verlautet, verkauft er jetzt alle seine Besitzungen und trifft Vorbereitungen für eine Reise nach Amerika. (2)

Die Novelle hatte bei den Lesern einen Riesenerfolg, die Ausgabe des »Boten Europas«, in der sie erschienen war, musste sofort nachgedruckt werden; die Kritiker hingegen verrissen sie mit teilweise schon gehässigen Worten. Die Konservativen empfanden alle in der Erzählung vorkommenden Russen als zu negativ gezeichnet, die Liberalen vermissten staatsbürgerliche Motive und zeitgenössische Tendenzen und die Radikalen wie Pawel Wassiljewitsch Annenkow (*1813, †1887) machten sich sogar lustig. In Deutschland fühlte man sich schwer auf den Schlips getreten, die deutsche Presse diffamierte den ehemals geschätzten Turgenjew gar als „Deutschenhasser“, denn die Deutschen – der erste Verlobte von Gemma, Herr Klüber, mit dem sie auf Betreiben ihrer Mutter aus rein rationalen, finanziellen Gründen zusammen gewesen war, und die Offiziersgruppe um Herrn von Dönhof – waren satirisch gezeichnet, was sicher seiner Enttäuschung über die Veränderungen Deutschlands nach dem deutsch-französischen Krieg geschuldet war. Seinem Freund dem Schriftsteller und Zeichner Ludwig Pietsch (*1824, †1911), der ihm ebenfalls Vorhaltungen machte, antwortete er in seinem Schreiben vom 15. Juli 1872 in deutscher Sprache:
Gott! Wie seid Ihr alle Deutsche zarthäutig geworden, wie altjüngferisch susceptibel nach den grossen Erfolgen! Dass ich Euch in meiner letzten Novelle ein bisschen »egratiniert« habe – das könnt Ihr nicht ertragen? Habe ich doch meinem eigenen Volke – das ich doch gewiss liebe – ganz andere Hiebe versetzt! (3)

Als die Wogen in Deutschland schließlich ganz hoch schlugen, fühlte sich der Literaturwissenschaftler Julian Schmidt verpflichtet, für Turgenjew eine Lanze zu brechen: Er veröffentlichte im Januar 1873 in zwei großen Berliner Zeitungen die Erklärung Ein Wort über Turgenjew, Er fühle sich dazu gegenüber einem Dichter verpflichtet, „der uns Deutschen vor allen Ausländern lieb und wert geworden ist“.

Mitte der 1860er Jahre – Turgenjew war inzwischen fast 50 Jahre alt – musste er erkennen, dass sich trotz Bauernbefreiung 1861 und verschiedenen liberalen Reformen die Situation in Russland nicht geändert hatte; er geriet in eine tiefe geistige Krise, die ihn am Sinn des menschlichen Lebens zweifeln und ganz neuartige Überlegungen anstellen ließ. Eine Wissenschaft Psychologie im heutigen Sinn gab es noch nicht, doch Turgenjew suchte nach dem, was den Menschen beeinflusste, so oder anders zu handeln. Modern ausgedrückt: Er suchte nach dem Einfluss des Unterbewusstseins. Ihn beschäftigten, wie viele seiner Zeitgenossen, das Übersinnliche, das Geisterhafte, das Mystische, der Traum und die Auswirkungen dieser Dinge auf das Verhalten der Menschen; ihn interessierte das Wirken irrationaler Kräfte. Der Spiritismus, ausgelöst u. a. durch die Schauergeschichten Edgar Allan Poes und durch Schopenhauers Über das Geistersehen, war so sehr in Mode gekommen, dass sich 1875 sogar führende Naturwissenschaftler der Universität St. Petersburg in einer Kommission mit spiritistischen Erscheinungen beschäftigte – mit dem Ergebnis, dass Spiritismus Unfug sei.

Turgenjew war kein „Gläubiger“ auf diesem Gebiet, er war ganz im Gegenteil ein überzeugter Realist. In einem Brief an den Schriftsteller Michail Wassiljewitsch Awdejew (*1821, †1876) schreibt er am 25. Januar 1870:
Sie finden, dass ich mich vom Mystizismus hinreißen lasse, und führen als Beispiel die »Seltsame Geschichte«, die »Visionen« und den »Jergunow« an (was eigentlich Mystisches im »Jergunow« sein soll, verstehe ich nicht, denn ich wollte nur die Unmerklichkeit des Übergangs aus der Wirklichkeit in den Traum darstellen, was jeder an sich erfahren hat), aber ich kann Ihnen versichern, dass mich ausschließlich eines interessiert: die Physiognomie des Lebens und seine wahrhafte Wiedergabe, doch dem Mystizismus in all seinen Formen stehe ich vollständig gleichgültig gegenüber, und in der Fabel der »Visionen« sah ich nur die Möglichkeit, eine Reihe von Bildern zu gestalten. (4)

Er fühlte sich verpflichtet, auch der Frage des Übernatürlichen nachzugehen, wie er in seinem Brief an Marja Miljutina vom 22. Februar 1875 schreibt, deutete aber, wo irgend möglich, natürliche Erklärungen für geheimnisvolle Phänomene an.
In der Seltsamen Geschichte wird aus dem Übernatürlichen z. B. ein erklärbarer Fall von Hypnose und in Tuck…tuck…tuck führt Turgenjew das Übersinnliche als Einbildung eines krankhaften, zu romantischer Übersteigerung neigenden Gemüts ad absurdum.
Der Traum spielt eine zunehmende Rolle in seinen Erzählungen; mit seiner Hilfe zeigt er das Innenleben, das unterbewusste Ahnen und Fühlen seiner Figuren auf. Ängste und Erwartungen werden deutlich gemacht; auch bekommt der Traum vorausdeutenden Charakter und tritt daher an entscheidenden Wendepunkten in den Lebensläufen auf.
In Ein König Lear der Steppe fasst der Protagonist z. B. seinen Traum vom Rappenfohlen, das gegen ihn ausschlägt, als Ankündigung seines baldigen Todes auf und entschließt sich danach endgültig, seinen Besitz an die Töchter zu übergeben. Unmittelbar vor seinem Tode sieht er erneut das Rappenfohlen.

Die Motive von Turgenjews Erzählungen sind in dieser Periode vielfältig; zwei Hauptanliegen kann man jedoch feststellen: Da ist einmal das Bestreben, den Lesern die gesellschaftlichen und geistigen Traditionen und damit sozusagen die historischen Hintergründe der gerade stattfindenden sozial-revolutionären Bewegung aufzuzeigen; man kann die stark diesem Aspekt zugeneigten Erzählungen auch als „sozialhistorische Erzählungen“ bezeichnen. Zu dieser Gruppe gehören beispielsweise die grandiosen Erzählungen Punin und Baburin, Die Uhr – die große Vorbildfunktion auf die damalige Jugend hatte –, Alte Porträts und Der Verzweifelte.
Das andere wiederkehrende Anliegen ist die bereits erwähnte Analyse ungewöhnlicher psychologischer Erscheinungen wie Traum, Somnambulie, Hypnose und Halluzination. Beispiele hierfür sind Tuck…tuck…tuck, Der Traum, Die Erzählung des Vaters Aleksej und schließlich das Meisterwerk psychologischer Erzählkunst: Nach dem Tode (Klara Militsch).

Auf alle angesprochenen Erzählungen einzugehen, ist hier leider nicht der Raum gegeben. Herausgegriffen sei daher die kurz vor seinem Tode veröffentlichte Erzählung Nach dem Tode (Klara Militsch). Auch darin hat Turgenjew wieder auf ein tatsächliches Ereignis zurückgegriffen:
Vladimir Dmitrijevič Alenicyn, ein Magister der Zoologie, hatte sich nach ihrem Tod in die Schauspielerin Jevlalija Pavlovna Kadmina (*1853, †1881) verliebt, die sich am 4. November 1881 während der Aufführung von Alexander Ostrowskijs Schauspiel Wasilissa Melentjewa auf der Charkover Bühne vergiftet hatte.
Auch autobiografische Züge sind vorhanden: Aratov, der Protagonist in der Novelle, ist 25 Jahre alt – ebenso alt wie Turgenjew, als er im Herbst 1843 in St. Petersburg zum ersten Mal Pauline Viardot auf der Bühne sah; und die Protagonistin Klara wird als dunkler Typ geschildert und von Aratov als „Zigeunerin“ bezeichnet – so hatte auch Turgenjews Mutter Pauline Viardot abschätzig genannt.

Der Vater von Jakow Aratow hatte ein Jahr zuvor
das Dorf, in dem sie bis dahin ständig gewohnt hatten, verlassen und sich in der Stadt angesiedelt, damit er seinen Sohn auf die Universität schicken konnte, auf die er ihn selbst vorbereitet hatte; für einen Spottpreis kaufte er ein Häuschen in einer abgelegenen Straße und richtete sich darin mit allen seinen Büchern und »Präparaten« ein. Und Bücher und Präparate hatte er viele; denn er war ein Mann nicht ohne Gelehrsamkeit und, nach den Worten der Nachbarn, ein »ganz seltsamer Kauz«. Bei ihnen galt er als Schwarzkünstler und hatte sogar einen Spitznamen – »Insektenbeobachter«. Er befasste sich mit Chemie, Mineralogie, Entomologie, Botanik und Medizin, und er behandelte Patienten bei deren Einwilligung mit Gräsern und Metallpülverchen eigener Erfindung nach Paracelsusscher Methode. Mit ebendiesen Pülverchen hatte er seine hübsche, junge, doch allzu zarte Frau unter die Erde gebracht, sie, die er leidenschaftlich liebte und die ihm einen einzigen Sohn geboren hatte. Mit diesen Metallpülverchen hatte er auch die Gesundheit seines Sohnes untergraben, die er im Gegenteil zu stärken trachtete, als er an dessen Organismus eine Neigung zu von der Mutter ererbter Anämie und Schwindsucht feststellte. Der Name »Schwarzkünstler« war ihm übrigens zuteil geworden, weil er sich für einen Urenkel, freilich nicht geradliniger Deszendenz, des berühmten Brjus hielt, zu dessen Ehren er seinen Sohn Jakow getauft hatte. Er war, was mancher eine »Seele von Mensch« nennt, doch melancholischen Gemütes, schwerfällig, schüchtern und allem Geheimnisvollen, Mystischen zugetan. Ein halb geflüstertes »Ah!« war sein üblicher Ausruf, und mit diesem Ausruf auf den Lippen starb er auch – zwei Jahre, nachdem er nach Moskau gekommen war.

Über Jakow wird unter anderem gesagt:
Seinen Kommilitonen ging er aus dem Weg, mit fast keinem war er näher bekannt, und ganz besonders mied er Frauen; er lebte gänzlich zurückgezogen, vertieft in seine Bücher. Er mied die Frauen, obwohl er ein empfindsames Herz hatte und Schönheit ihn zu bezaubern vermochte.

Jakow, Student der physiko-mathematischen Fakultät und eigentlich allem Gesellschaftlichen abhold, wird von seinem Freund überredet, auf eine Soiree mitzukommen. Nach dem Abend empfindet er ein „undeutliches dumpfes Gefühl, durch welches hindurch etwas ihm Unbegreifliches, aber Bedeutsames, ja Beunruhigendes sich Bahn brach“. Sechs Monate später ist er auf einem literarisch-musikalischen Abend, auf dem die junge Sängerin Klara Militsch den Liebesbrief von Tatjana an Eugen Onegin aus dem gleichnamigen Versroman von Puschkin vorträgt und dabei unentwegt ihren Blick auf ihn gerichtet hält. Am nächsten Tag bekommt er einen anonymen Brief, der ihn zu einem Rendezvous auf den Tverskoj Boulevard bestellt. Nach langem Zögern entschließt er sich, hinzugehen, und er trifft dort – wie er schon vermutet hatte – Klara. Nur ein völlig gefühlsarmer Mensch kann missverstehen, das Klara ihm ihre Liebe gesteht. Aber Jakow bleibt unberührt.

»Ich bin bereit, Ihnen zuzuhören«, begann er wieder, »und wäre sogar sehr froh, wenn ich Ihnen irgendwie behilflich sein könnte, obgleich ich mich, wie ich gestehe, wundere … Bei meinem zurückgezogenen Dasein…«.
Bei seinen letzten Worten hatte sich Klara unvermittelt zu ihm umgedreht, und da blickte er in ein so erschrockenes, ein so tief betrübtes Gesicht mit so großen, hellen Tränen in den Augen, mit einem so bitteren Zug um den geöffneten Mund, und so schön war dieses Gesicht, dass er unwillkürlich stockte und selbst etwas wie Schrecken, Mitleid und Rührung verspürte.
»Ach, warum… warum reden Sie so!« sagte sie mit entwaffnender Freimütigkeit, und wie ergreifend klang ihre Stimme! »Hat Sie mein Schreiben verstimmt, haben Sie etwa gar nichts verstanden? Ach nein, nichts haben Sie verstanden, Sie haben nicht verstanden, was ich Ihnen gesagt habe, Sie denken Gott weiß was von mir und überlegen sich nicht einmal, was es mich gekostet hat, Ihnen zu schreiben! Nur an sich denken Sie, an ihre Würde. Ihre Ruhe! Habe ich vielleicht…« (Sie presste ihre vor den Mund gehaltenen Hände so heftig zusammen, dass die Finger hörbar knackten.) »Als ob ich etwas von Ihnen verlangt hätte, als ob erst Erklärungen nötig wären! ›Gnädige Frau … ‹, ›ich wundere mich… ‹, ›wenn ich Ihnen behilflich sein könnte … ‹. Ach, ich bin ja dumm! Ich habe mich getäuscht in Ihnen, in Ihrem Gesicht! Als ich Sie zum ersten Mal sah… Da… Sie stehen da… Wenn Sie wenigstens ein einziges Wort sagten! Wollen Sie mir wirklich nichts sagen?«
Sie verstummte. Plötzlich wurde sie rot im Gesicht und setzte eine hochmütige, abweisende Miene auf.
»O Gott, wie ist das dumm!« rief sie mit hartem Lachen aus. »Wie ist unser Treffen dumm! Wie bin ich dumm und Sie auch! Pfui!«
Sie machte eine verächtliche Handbewegung, als wollte sie Aratow aus dem Weg schieben, ging an ihm vorbei, eilte über den Boulevard und war verschwunden.

Einige Monate später liest Jakow, dass sich Klara aus verschmähter Liebe auf der Bühne vergiftet hat und wird nachdenklich. Klara erscheint ihm im Traum und fordert ihn auf, in ihre Heimatstadt Kasan zu fahren. Dort findet er Klaras Schwester, die ihm ein Bild von Klara und ihr Tagebuch gibt. Im Tagebuch findet er Hinweise darauf, dass Klara in ihn verliebt gewesen war, und verliebt sich nun seinerseits in sie. Von nun an ist er in der Gewalt der Toten. In der Nacht glaubt er, Klara bei sich zu spüren, und dann erscheint sie ihm auch:

Schließlich hob er an zu reden, nicht laut, aber feierlich getragen, so wie Beschwörungsformeln gesprochen werden.
»Klara«, sagte er, »wenn du wirklich hier bist, wenn du mich siehst, wenn du mich hörst, erscheine! Wenn die Macht, die ich über mir walten spüre, wirklich deine Macht ist, erscheine! Wenn du erkennst, wie bitter ich es bereue, dass ich dich nicht verstanden, dich von mir gestoßen habe, erscheine! Wenn das, was ich gehört habe, wirklich deine Stimme ist; wenn das Gefühl, das über mich Macht gewonnen hat, Liebe ist; wenn du jetzt sicher bist, dass ich dich liebe, ich, der ich bis heute nicht geliebt und keine einzige Frau gekannt habe; wenn du weißt, dass ich nach deinem Tod in leidenschaftlicher, unwiderstehlicher Liebe zu dir entbrannt bin; wenn du nicht willst, dass ich den Verstand verliere – erscheine, Klara!«
Aratow hatte dieses letzte Wort noch nicht ausgesprochen, als er plötzlich spürte, dass jemand rasch an ihn herantrat, von hinten, wie damals auf dem Boulevard, und ihm die Hand auf die Schulter legte. Er drehte sich um – und sah niemanden. Aber jenes Gefühl ihrer Gegenwart wurde so untrüglich und zweifelsfrei, dass er abermals schnell in die Runde blickte.
Was war das? In seinem Sessel, zwei Schritt von ihm entfernt, saß eine Frau ganz in Schwarz. Der Kopf war zur Seite gedreht, wie auf dem Stereoskopbild. Das war sie! Das war Klara! Doch wie streng, wie wehmütig schaute sie drein.
Aratow sank auf die Knie. Ja, er hatte damals recht gehabt, er spürte weder Schreck noch Freude, nicht einmal Verwunderung. Sein Herz schlug sogar ruhiger. Eine einzige Erkenntnis, ein einziges Gefühl beherrschte ihn: Endlich! Endlich!
»Klara«, sprach er mit schwacher Stimme, doch ohne zu stocken, »warum siehst du mich nicht an? Ich weiß, dass du es bist, aber ich könnte glauben, dass meine Fantasie mir ein Bild vorgaukelt, ähnlich dem da…« Er wies auf das Stereoskop. »Gib mir einen Beweis, dass du es bist, dreh dich um zu mir, sieh mich an, Klara!«
Langsam hob sich Klaras Hand und sank wieder herab.
»Klara, Klara! Dreh dich um zu mir!«
Und Klaras Kopf wandte sich um, die gesenkten Lider taten sich auf, und die dunklen Augen sahen Aratow stechend an.
Er wich zurück und brachte nur ein gedehntes, bebendes »Ah!« hervor.
Klara musterte ihn eindringlich, doch ihre Augen, ihre Miene behielten den nachdenklich-strengen, beinahe ungehaltenen Ausdruck. Mit dieser Miene war sie auch bei der literarischen Matinee auf der Bühne erschienen, ehe sie Aratow gewahrt hatte. Und ebenso wie damals wurde sie plötzlich rot, ihr Antlitz belebte sich, in ihren Augen loderte es auf, und ein frohes, triumphierendes Lächeln öffnete ihren Mund.
»Du hast mir vergeben!« rief Aratow aus. »Du hast gesiegt! Nimm mich hin! Ich bin dein, und du bist mein!«
Mit jäher Bewegung strebte er ihr zu, er wollte diese lächelnden, diese triumphierenden Lippen küssen, und er küsste sie, er spürte, wie sie ihn heiß berührten, er spürte sogar die feuchte Kühle der Zähne, und ein entzückter Schrei erfüllte das halbdunkle Zimmer.
(5)

Und wild entschlossen, sich endgültig mit Klara zu vereinigen, hungert sich Jakow zu Tode.

Ausführungen zu den Romanen und dem geistig-gesellschaftlichen Hintergrund Turgenjews folgen in den nächsten Teilen.

(1) [zitiert nach Peter Brang: I. S. Turgenev. Sein Leben und sein Werk (1977)]
(2) [alle Passagen aus den Frühlingsfluten sind nach der Übersetzung von Dieter Pommerenke zitiert]
(3) [zitiert nach Gerhard Dudeks Nachwort zum Band Frühlingsfluten aus den Gesammelten Werke in Einzelbänden]
(4) [ebenda]
(5) [Alle Passagen von Nach dem Tode (Klara Militsch) sind nach der Übersetzung von Wilhelm Plackmeyer zitiert.]

Literatur:
Iwan Turgenjew: Erzählungen 1857–1883, Gedichte in Prosa (1967)
Iwan Turgenjew: Gesammelte Werke in Einzelbänden 1–10 (1994), darin der Erzählband: Frühlingsfluten (mit einem Nachwort von Gerhard Dudek)
Iwan Turgenjew: Meistererzählungen (1993, mit einem Nachwort von Erich Müller-Kamp)
Iwan Turgenjew: Visionen und andere phantastische Erzählungen (1918, in der Übersetzung von Alexander Eliasberg)

Willy Birkenmaier: Das russische Heidelberg (1995)
Peter Brang: I. S. Turgenev. Sein Leben und sein Werk (1977)
Alexander Eliasberg: Russische Literaturgeschichte in Einzelporträts (1922)
Wolfgang Kasack: Hauptwerke der russischen Literatur (1997)
Pëtr Kropotkin: Ideale und Wirklichkeit in der russischen Literatur (2003, herausgegeben und kommentiert von Peter Urban)
Reinhard Lauer: Geschichte der russischen Literatur – von 1700 bis zur Gegenwart (2000)
Propyläen Geschichte der Literatur (1988, 6 Bd., herausgegeben von Erika Wischer)
Juan Eduardo Zúñiga: Turgenjew. Eine Biographie (2001)




Iwan Turgenjew: Sein literarisches Schaffen, Erzählungen I

Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

Die Umstände, die Turgenjews Leben geprägt haben, beeinflussten natürlich Turgenjews literarisches Schaffen – und das mehr als bei anderen Schriftstellern.

Er selbst betonte in vielen Briefen, dass er „nach dem Leben“ schreibe, dass er viel selbst Erlebtes und von anderen Erfahrenes verwende. Das ging so weit, dass er seinen Personen sogar die äußeren Züge von Freunden, Bekannten und Familienangehörigen verlieh; er griff die Wesenszüge seiner Mitmenschen auf, spitzte sie zu, um das Wesentliche herauszukristallisieren, und verwendete sie – was ihm mehrere Male heftigen Ärger einbrachte und sogar zu Zerwürfnissen führte. Rein fiktionale Wesen waren seine Sache nicht. Und Turgenjew war ein rastloser Mensch, der viel herumreiste und zwangsläufig viele berühmte und ganz einfache Menschen kennenlernte und Gewöhnliches und Außergewöhnliches erlebte; das brachte viel „Material“ für sein Schreiben. Noch auf dem Totenbett diktierte er seiner Lebensgefährtin Pauline eine Geschichte, die er auf seiner ersten Reise nach Berlin erlebt hatte, als das Schiff Nikolaus I., das zwischen St. Petersburg nach Lübeck verkehrte, in Brand geriet: Brand auf dem Meer (1883).

Der Literaturkritiker Wissarion G. Belinski (*1811, †1848), mit dem Turgenjew von 1843 bis zu dessen Tod im Jahr 1848 freundschaftlich eng verbunden war, schrieb ihm im März 1842, nachdem die ersten drei Erzählungen der Aufzeichnungen eines Jägers erschienen waren:

Es will mir scheinen, dass Sie ein rein schöpferisches Talent entweder nicht besitzen oder aber in sehr geringem Maße. Ihr Talent ist demjenigen von Dal verwandt. Dem »Chor« nach zu urteilen, werden Sie es weit bringen. Das ist Ihr richtiges Genre […]. Wenn ich mich nicht irre, liegt Ihre Berufung darin, die Erscheinungen der Wirklichkeit zu beobachten und darzustellen, indem Sie sie durch die Fantasie hindurchgehen lassen; nicht aber, sich nur auf die Fantasie zu stützen. Noch einmal – nicht nur der »Chor«, sondern auch der »Rusak« verheißt uns an Ihnen für die Zukunft einen bedeutenden Schriftsteller. (1)

Die wesentlichsten Prägungen erfährt ein Mensch bekanntlich im Kindesalter. Turgenjew war in das reiche, unzählige Güter und viele Tausend Leibeigene besitzende Moskauer Adelsmilieu (nicht das Petersburger – das galt als „neureich“) hineingeboren worden und blieb zeit seines Lebens trotz abweichender politischer Ansichten dem Wesen nach immer ein Adliger „vom alten Schlag“. Das adlige Gutsbesitzermilieu ist – im Positiven wie im Negativen – zumindest der Hintergrund und oft auch das Thema in fast allen seinen Werken, ganz besonders in den Romanen Rudin (1856), Ein Adelsnest (1859), Vorabend (1860) und dem berühmten Väter und Söhne (1862) – in Rauch (auch Dunst; 1867) nimmt er diese „Elite“ satirisch aufs Korn.

Aufgrund seiner Herkunft wuchs Turgenjew zwangsläufig mit der Problematik der Leibeigenschaft auf.
Die Ungerechtigkeiten, unter denen die Leibeigenen zu leiden hatten, erweckten in dem unverdorbenen Kind Ängste, zumal es derlei Ungerechtigkeiten auch am eigenen Leib zu spüren bekam und so die Diskrepanz zum Leben der „Großen“ (im doppelten Sinn des Wortes) erlebte. Liebe erfuhr es von seinen Eltern kaum: Sein Vater nahm Turgenjew kaum wahr und seine Mutter war eine kalte, herrschsüchtige Frau, die ihn – wenn auch nicht gar so unbarmherzig – wie die Leibeigenen züchtigen ließ. Der einem Kind naturgemäße Wunsch nach Zuneigung stieß auf Ablehnung; stattdessen war der kindliche Alltag von oft undurchschaubaren Reglementierungen, Zurückweisungen und Strafen bestimmt. Bei den ihn umgebenden Leibeigenen erfuhr er mehr Zuwendung als von seinen Eltern.

Die Despotie seiner Mutter führte dazu, dass Turgenjew Despotie – sei es im Zwischenmenschlichen, sei es im Staat – von ganzem Herzen hasste; das ging sogar soweit, dass er allgemein Probleme mit Autoritäten hatte, was ihn bei seiner (kurzen) Beamtenlaufbahn natürlich in Schwierigkeiten brachte und ihn oft als einen stolzen Mann erscheinen ließ. Zum anderen ergab sich aus der familiären Situation ein unstillbares Verlangen nach einem Gefühl, das für Turgenjew unbestimmt war und blieb, denn er hatte Liebe ja nie erfahren. Es fällt auf, dass er viele Liebschaften hatte, sich aber, wenn es ernst wurde, jedes Mal davonmachte – zu einer echten Partnerschaft scheint er nicht in der Lage gewesen zu sein. Er redete sich später damit heraus, dass ein Leben für die Schriftstellerei mit einem Eheleben unvereinbar sei. Aber er litt darunter.

Eine ganz wesentliche Rolle spielte dabei erwartungsgemäß seine Mutter: In ihrer Person verband sich der kindliche Wunsch nach Liebe mit der Erfahrung despotischer Ablehnung und prägte ein Frauenbild, das Turgenjew zeit seines Lebens nicht mehr loswurde. Zwangsläufig taucht das Bild seiner Mutter auch in vielen seiner Werke auf. Immer wenn es um harte, unbarmherzige Frauen geht, weisen die Figuren unverkennbar die Züge seiner Mutter auf.

Einige Beispiele: In seinem zweiten Roman Ein Adelsnest, einem sehr lesenswerten, kulturhistorischen Liebesroman, in dem Turgenjew die Sitten und Gebräuche des Adelsmilieus sehr genau schildert und sich mit dem russischen „Westlertum“ der 1840er-Jahre auseinandersetzt – ein Roman, in dem auch viele Landschafts- und Naturbeschreibungen von seinem Gut Spasskoje zu finden sind – , ist es Glarifa, die Tante des Protagonisten, die zweifelsfrei die Züge der Mutter trägt:

… hatte Glarifa es verstanden, allmählich das ganze Hauswesen in die Hand zu bekommen. Alle, beim Vater angefangen, unterwarfen sich ihr. Ohne ihre Erlaubnis durfte kein Stück Zucker herausgegeben werden. Sie wäre lieber gestorben, als dass sie ihre Macht mit einer anderen Hausfrau geteilt hätte. (…) Fedja fürchtete sich vor ihr; er fürchtete sich vor ihren hellen, scharfen Augen und ihrer schrillen Stimme – er wagte in ihrer Gegenwart nicht zu mucksen; er brauchte sich nur auf seinem Stuhl zu rühren, so zischte sie schon: »Wohin? Sitz still!« (2)

In der Erzählung Punin und Baburin (1874) – sie spielt noch in der Zeit vor der vor der Leibeigenenbefreiung (1861) – ist es die strenge und jähzornige Großmutter, die Turgenjews Mutter nachgebildet ist: Sie schickt einen Leibeigenen in die Verbannung zur Zwangsansiedlung, nur weil er vergessen hatte, zu grüßen. In Mumu (1852) ist die Mutter selbst das Ebenbild. Sie befiehlt einem taubstummen Leibeigenen, seinen Hund, den er über alles liebt und kurz zuvor vor dem Ertrinken gerettet hat, zu ertränken, weil sein Bellen sie stört. Mumu ist, ähnlich wie Das Tier von Leskow, eine unglaublich ergreifende Erzählung, die die Grausamkeit der Leibeigenschaft überdeutlich schildert; sie wurde auch sofort ein großer Erfolg.

Die Despotie seiner Mutter, die Selbst- und Ungerechtigkeit, mit der sie ihm und den Leibeigenen Leid zufügte, und nicht zuletzt die Zuwendung, die er bei diesen erfuhr, führten bei Turgenjew aber auch zu einer Solidarisierung mit den Leibeigenen, die schon im Kindesalter begann und sein Schreiben ebenso prägen sollte wie das Bild der Mutter. Das System der Leibeigenschaft mit seinen unmenschlichen Zügen wurde – neben der Liebe – zum wichtigsten Thema seiner insbesondere frühen Erzählungen. Dazu zählen in erster Linie die schon oben erwähnten Erzählungen Mumu und Punin und Baburin, die Erzählung Die Herberge (1852) und natürlich die Sammlung von Erzählungen Aufzeichnungen eines Jägers (1852 als Buch erschienen), die ihn schlagartig weltberühmt machten.

In der auf Turgenjews Gut Spasskoje geschriebenen Erzählung Die Herberge – an den Publizisten Pawel W. Annenkow (*1813, †1887) schreibt er im Januar 1853 „Die ganze Geschichte [….] hat sich 25 Werst von hier entfernt tatsächlich zugetragen“ – verkauft eine Gutsbesitzerin (!) einen Gasthof, den einer ihrer leibeigenen Bauern mit seinem eigenen Geld (er war durch Handel zu Geld gekommen) mit ihrer Zustimmung auf ihrem Land errichtet hatte, ohne ihn zu entschädigen – er ist ja ihr Leibeigener. Der gerissene Käufer hatte sich zuvor schon die Frau eben dieses Leibeignen gefügig gemacht, so dass diese ihrem Mann sein Erspartes stahl und an ihn weitergab; er kaufte also den Gasthof mit dem Geld dessen, den die Gutsbesitzerin und er prellten. Mit dem gerissenen Käufer erscheint in der russischen Literatur im Übrigen ein neuer Charakter: der Typ „Kaufen-Verkaufen“, ein Vorläufer des halbseriösen Kaufmanns und letztlich der Urahne des heutigen „bisenessmen“.

Doch noch ein weiterer Aspekt aus Turgenjews Kindheit bestimmte sein ganzes Schaffen: Es ist das freie, ungebundene Leben in der Natur rund um das Gut Spasskoje. Die Eltern kümmerten sich – wie schon erwähnt – wenig um den Jungen, und so wuchs er wie die Kinder der Dienstboten und Arbeiter auf: Er strolchte durch die Natur und erfühlte sie. Von daher rühren seine unglaublich beeindruckenden und auch das Gefühlsleben seiner Figuren nachbildenden Naturschilderungen. Anfänglich nur Stimmungsbild verfeinert er seine Landschaftsbeschreibungen im Laufe der Jahre so sehr, dass sie zum Spiegel der menschlichen Seele werden, dass sich schon an der Schilderung der Natur der Ablauf der kommenden Handlung erahnen lässt.
Turgenjew hat es hier zu einer Meisterschaft gebracht wie wohl keiner vor oder nach ihm.

Zwei Beispiele sollen das verdeutlichen:
Das erste ist das Gedicht, das er seiner Skizze Wald und Steppe, der letzten Erzählung in den Aufzeichnungen eines Jägers, vorangestellt hat und das er ironisch mit Aus einer Epopöe, dem Feuer überantwortet unterschreibt, weil es doch sehr an seine romantische Frühphase erinnert. Wald und Steppe selbst ist eine Hymne an die russische Landschaft im Wechsel der Tages- und Jahreszeiten.

… So zog es ihn allmählich mehr und mehr
Zurück: aufs Land, in seinen dunklen Garten,
Wo Linden stehn so riesig und so schattig,
Und jungfräulich die Maienglöckchen duften,
Wo runde Weiden sich aufs Wasser neigen
Vom Wehr hinab in langer dichter Reihe,
Wo dick die Eiche wächst im dichten Grase,
Wo es nach Hanf riecht und nach Brennnesseln …
Dahin, dahin, wo sich die Felder weiten,
Wo schwarz wie Samt die Ackerfurche glänzt,
Die Roggensaat, so weit das Auge reicht,
Dahinwogt still in weichen sanften Wellen.
Und er, der schwere gelbe Strahl herabfällt
Aus durchsichtigen, weißen, runden Wolken;
Dort ist es schön …
(3)

Das zweite ist der Anfang des ersten Kapitels seiner Erzählung Fahrt ins Waldgebiet (1857), die eine Studie zum Roman Ein Adelsnest ist:
Das riesige, den ganzen Horizont umfassende Waldgebiet erinnert an ein Meer. Der Eindruck ist der gleiche: Urtümliche, unberührte Kraft entfaltet sich breit und majestätisch vor dem Auge des Betrachters. Aus dem Inneren der ewigen Wälder, aus dem nie versiegenden Quell der Gewässer tönt die immer gleiche Stimme der Natur und spricht zum Menschen: »Ich habe nichts mit dir zu tun. Ich herrsche, du aber trage Sorge, dass du nicht umkommst!«
Aber der Wald ist einförmiger und trauriger als das Meer, zumal der immer gleiche, fast regungslose Tannenwald. Das Meer droht und schmeichelt, es spielt in allen Farben, spricht mit allen Stimmen. In ihm spiegelt sich der Himmel, von dem ebenfalls der Hauch des Ewigen weht, aber es ist eine Ewigkeit, die uns gleichsam vertraut ist… Der unveränderliche, finstere Wald hingegen steht uns mit mürrischem Schweigen und dumpfem Grollen gegenüber. Bei seinem Anblick wird das menschliche Herz noch tiefer und unwiderstehlicher von dem Bewusstsein unserer Nichtigkeit getroffen. Schwer erträgt der Mensch – Geschöpf eines Tages, gestern geboren und heute schon zum Tode verurteilt –, schwer erträgt er den kalten, teilnahmslos auf ihn gerichteten Blick der unsterblichen Isis. Nicht nur die verwegenen Hoffnungen und Träume der Jugend entschwinden und verlöschen, getroffen vom eisigen Hauch des Elements; nein – alles in ihm duckt sich und erstirbt; er fühlt, auch der letzte Mensch könnte vom Antlitz der Erde verschwinden, ohne dass eine Nadel an diesen Zweigen zittern würde; er spürt seine Verlassenheit, seine Schwäche, seine Zufälligkeit, und hastig, insgeheim erschrocken, wendet er sich den Alltagssorgen und Mühen des Lebens zu. In der von ihm geschaffenen Welt wird ihm leichter, da ist er zuhause, dort wagt er an seine Bedeutung und an seine Kraft zu glauben.
(4)

Es gibt im Werk Turgenjews noch viele beeindruckende Landschaftsbeschreibungen und Schilderungen von Naturereignissen, die noch ergreifender aber auch umfassender sind als diese – hier sollen diese beiden Beispiele genügen.

Aus Turgenjews Liebe zur Natur und seiner Sorge um das Schicksal der Leibeigenen entstand die Erzählsammlung Aufzeichnungen eines Jägers, die 1852 erschien. Geschrieben hat er sie während seiner Pariser Jahre um 1848. Dort traf er mit dem Systemkritiker und Schriftsteller Alexander Herzen (*1812, †1870) zusammen, der 1847 mit seiner Familie ebenfalls nach Paris gereist war (Herzen verließ Russland damals endgültig). Gemeinsam erlebten sie die Februarrevolution 1848 mit; ein Umstand, der Turgenjews soziales Empfinden sicher zusätzlich geschärft hat.

Sowohl literarisch gesehen als auch vom Inhalt her sind die Aufzeichnungen eines Jägers unbestritten ein Meisterwerk der Weltliteratur:
Ein Gutsbesitzer und Jäger erzählt seine Erlebnisse und Eindrücke ruhig und ohne Anklage; er berichtet, was auf seinen Jagdfahrten Schönes, Unschönes und nachdenklich Machendes widerfahren ist. So wird die Wirklichkeit des Lebens ganz untendenziös geschildert, ohne Urteile zu fällen. Er beschreibt zum Beispiel Bauerntypen in Chor und Kalinyč und in Sänger oder Landadlige in Čertopchanov und Nedopjuškin, in Ein Hamlet des Kreises Ščigry und in Zwei Gutsbesitzer, er schildert gutsherrliche Willkür gegenüber Bauern in Lgov und in Der Burmistr (Gutsvogt), die Demoralisierung der leibeigenen Dienerschaft in Stelldichein, er schreibt über die Krankenversorgung in Der Kreisarzt, über die Lage der Altgläubigensekte »Pilger« in Kasjan von der Krasivaja Meč oder die der Juden in Čertopchanovs Ende.
Er macht den Gutsherren noch nicht einmal Vorwürfe, er kreidet ihnen nichts persönlich an, er beschuldigt sie nicht der Böswilligkeit, sondern zeigt auf, dass die Missstände auf unguter Gewohnheit beruhen und weist damit auf die grundsätzliche Rechtlosigkeit des Systems der Leibeigenschaft hin – was ihm selbstredend keine Freunde höheren (Regierungs)Orts einbrachte.

Das große Thema Turgenjews ist die Liebe. Sie beherrscht sein ganzes Schaffen (mit Ausnahme der Aufzeichnungen eines Jägers), wenngleich nicht immer als Thema, so doch stets zumindest als Gerüst, an dem sich das eigentliche Thema entwickelt.
Die schon oben angesprochenen Schädigungen in seiner Kindheit durch seine Mutter waren das Eine. Das andere war: 1843, als 25-Jähriger – er hatte gerade eine langjährige Liaison mit der Schwester seines Freundes Michail Bakunin (*1814, †1876), die ihn wohl ernsthaft liebte, auf recht unelegante Weise beendet –, lernte er die berühmte, höchst gebildete, aber leider verheiratete Sängerin Pauline Viardot-García (*1821, †1910) kennen und verfiel ihr in heißer Liebe. Er folgte ihr überall hin und lebte spätestens ab 1862 mit ihr und ihrem Mann in einer ménage à trois. Doch es musste ein unerfülltes, kameradschaftliches Verhältnis bleiben, in dem er Qualen der Liebe litt. Neuere Untersuchungen lassen zwar vermuten, dass Turgenjews Liebe im Geheimen nicht gänzlich unerfüllt blieb – was schwer zu belegen ist, denn Pauline und ihre Erben sorgten dafür, dass alle diesbezüglichen Unterlagen verschwanden. Doch eine offizielle Verbindung blieb ihm in jedem Fall verwehrt; eine Heirat war ausgeschlossen. Dieses perspektivlose Liebesverhältnis, in der er sich als untergeordneter Sklave seiner geliebten Herrin sah, erfüllte fortan sein ganzes Leben und dominiert auch das Frauenbild in seinen Werken.

In der stark autobiografisch gefärbten Briefnovelle Ein Briefwechsel (1855), an der er zehn Jahre lang, von 1844 bis 1854, geschrieben hat – 1843 war er Pauline Viardot verfallen (!) – kommt Turgenjews Liebesproblematik besonders deutlich zum Ausdruck:
In Briefen waren sich ein junger Mann und eine junge Frau sehr nahe gekommen und eine stille Liebe war aufgekeimt. (Turgenjew und Bakunins Schwester waren sich durch einen langen Briefwechsel sehr nahe gekommen.) Als die junge Frau von einem anderen jungen Mann und zusätzlich von einem farblosen älteren Herrn bedrängt wird, erklärt sich der Briefschreiber ihr und kündigt seine umgehende Anreise an. Aber er erscheint nicht. Nach zwei Jahren schreibt er ihr einen Abschiedsbrief und erklärt, dass er sich in Petersburg in eine junge italienische Tänzerin verliebt habe; seitdem er sie zum ersten Mal auf der Bühne gesehen habe, gehöre er ihr „so wie ein Hund seinem Herrn gehört“ und wisse nun:

Die Liebe ist überhaupt kein Gefühl, sie ist eine Krankheit, ein bestimmter Zustand der Seele und des Körpers. Sie entwickelt sich nicht allmählich; man kann an ihr nicht zweifeln, man kann mit ihr kein Spiel treiben, obgleich sie nicht immer in der gleichen Form auftritt; gewöhnlich ergreift sie den Menschen ungefragt, urplötzlich, gegen seinen Willen – fast wie die Cholera oder ein Fieber. Sie packt ihr Opfer, wie der Geier das Küken, und trägt es fort, wohin sie will, mag es noch so sehr um sich schlagen und sich sträuben. In der Liebe gibt es keine Gleichheit, gibt es keine sogenannte freie Seelenverbindung und andere von deutschen Professoren in ihren Mußestunden erdachten Idealitäten… Nein, in der Liebe ist die eine Person – Sklave und die andere – Herrscher, und nicht umsonst sprechen die Dichter von den Ketten der Liebe. Ja, die Liebe ist eine Kette, und dabei die allerschwerste. (5)

Auch die Briefnovelle Faust (1856) ist stark autobiografisch gefärbt und von Turgenjews Entsagungsschmerz durchdrungen. Den Ausführungen dazu vorauszuschicken ist, dass Turgenjew in seiner Berliner Zeit (1838 bis 1840, er war also etwa 21 Jahre alt) unter dem Einfluss der damaligen Faustinszenierungen und im Kreis um Bettina von Arnim zu einem begeisterten Goetheverehrer wurde. Außerdem spiegeln sich hier Turgenjews Verhältnis zu Lew Tolstois Schwester Marija, die er 1854 kennengelernt hatte, und das Wiedersehen mit seinem Gut Spasskoje, das er jahrelang nicht besucht hatte, wieder.
Der Erzählung vorangestellt ist ein Satz aus dem Faust: „Entbehren sollst Du, sollst entbehren“. Ihr Kern ist:
Auf dem Gut ihres langweiligen Mannes trifft der Erzähler auf Vera, die als junges Mädchen seine Liebe gewesen, von deren Mutter er aber abgewiesen worden war. Obwohl sie schon drei Kinder hat, sieht Vera immer noch wie ein junges Mädchen aus. Ganz freundschaftlich beginnen Gespräche und er führt sie in die Literatur ein, indem er mit ihr den Faust liest. Nach und nach aber erwachen die alten Gefühle und nachdem sie sich zum ersten Mal geküsst haben, erscheint Vera in Fieberfantasien ihre verstorbene Mutter und sie siecht dahin. Der Erzähler zieht das Fazit:
Das Leben ist kein Genuss, sondern Mühe, Entsagung, ständige Entsagung – das ist sein geheimer Sinn, seine Enträtselung; nicht Erfüllung von Lieblingsgedanken und -träumen, so erhaben sie auch sein mögen – die Erfüllung der Pflicht, das ist es, worum der Mensch besorgt sein muss.

Das Thema Liebe ist bei Turgenjew in Leben und im Schaffen so zentral, dass von den vielen zumindest noch zwei weitere Erzählungen angesprochen werden müssen.
Von der Erzählung Erste Liebe (1860) sagt Turgenjew mehrmals es sei „sein Lieblingswerk“, in dem „ein tatsächliches Geschehen ohne die geringste Beschönigung“ beschrieben sei. Und es ist tatsächlich eine vollständig autobiografische Erzählung, die – wie der Titel schon sagt – von seiner ersten Liebe handelt:
Realität war, dass sich der Knabe Turgenjew 1833 als 15-Jähriger in Moskau „unsterblich“ in eine Prinzessin Šachovskaja verliebt hatte, die dann ein Verhältnis mit seinem Vater hatte, wie Briefe seiner Mutter aus den Jahren 1839 und 1840 beweisen, in denen sie sich bitter über das damalige Liebesverhältnis des inzwischen Verstorbenen beklagt. In der Erzählung verliebt sich ein 15-jähriger Knabe in die fünf Jahre ältere, sehr schöne und lebenslustige Zinaida, die viele Verehrer hat, mit denen sie aber nur „spielt“:

In allem, was sie tat und sagte, in jeder ihrer Bewegungen lag eine zarte, leichte Anmut, aus allem sprach eine eigenartige, spielende Kraft. Auch ihr Gesicht veränderte sich ständig. Es spielte ebenfalls und konnte fast gleichzeitig Spott, Nachdenklichkeit und Leidenschaft ausdrücken. Fortwährend glitten die verschiedenartigsten Empfindungen, leicht und rasch wie Wolkenschatten an einem sonnigen und windigen Tag, über ihre Augen und Lippen. (6)

Der Knabe fühlt sich wiedergeliebt, denn sie macht ihn zu „ihrem Pagen“, der sie überall hin begleiten darf, zudem verändert sich Zinaida und wird sanftmütiger. Er glaubt sich am Ziel seiner Träume. Da sieht er eines Tages, als seine Angebetete am Fenster eines kleinen Holzhäuschens sitzt, wie ein Mann sie mit seiner Reitpeitsche schlägt und sie demütig die Striemen auf ihrer Haut küsst. Er erkennt den Mann, es ist sein Vater. Seine Liebe endet in Verzweiflung. Vier Jahre später erfährt er, dass eben jene, jetzt verheiratete Zinaida in einem Petersburger Gasthaus abgestiegen ist. Vierzehn Tage lang überlegt er und entschließt sich endlich, sie wiederzusehen. Als er ankommt muss er erfahren, dass sie vier Tage zuvor im Wochenbett gestorben ist.
Zwei Textstellen sollen die hohe Kunst dieser zweifellos exzellenten Erzählung verdeutlichen.
In der ersten zeigt sich Turgenjew als Großmeister der lyrischen Prosa. Der Knabe hatte das erste Mal einen Abend in Zinaidas Gegenwart verbracht und ist nun zuhause:

Schwer und feucht wehte mir die Nacht in das erhitzte Gesicht; ein Gewitter schien sich zusammenzuziehen. Schwarze Wolken wuchsen empor und krochen über den Himmel; man konnte sehen, wie sie ihre rauchigen Umrisse veränderten. Ein Lufthauch zuckte dann und wann unruhig in den dunklen Bäumen, und fern, irgendwo hinter dem Horizont, brummte der Donner zornig und dumpf vor sich hin […]. Was ich empfand, war so neu und süß … Ich saß da, wagte kaum, mich umzusehen und mich zu bewegen, ich atmete langsam und lachte nur hin und wieder leise, wenn ich mich des Erlebten erinnerte oder mein Inneres erkalten fühlte bei dem Gedanken, dass ich verliebt sei […]. Zinaidas Gesicht schwebte in der Dunkelheit still vor mir, schwebte und entschwebte nicht; ihre Lippen lächelten noch immer so rätselhaft, ihre Augen sahen mich ein wenig von der Seite an, fragend, nachdenklich und zärtlich… wie in dem Augenblick, da ich mich von ihr verabschiedet hatte.

Die zweite ist eine Naturschilderung, die, wie oben beschrieben, das innere Erleben des Menschen zum Ausdruck bringt:

Bald bemerkte ich, dass in mein Zimmer von Zeit zu Zeit ein schwacher Lichtschein fiel. Ich richtete mich auf und blickte zum Fenster, dessen Kreuz sich deutlich von den geheimnisvoll matt schimmernden Scheiben abzeichnete. »Ein Gewitter«, dachte ich, und wirklich, es war ein Gewitter, aber es ging in der Ferne vor sich, so dass man den Donner nicht hörte. Nur bleiche, lange, weitverzweigte Blitze flammten unaufhörlich am Himmel auf; eigentlich flammten sie nicht auf, sondern zitterten und zuckten nur wie der Flügel eines sterbenden Vogels […]. Ich schaute und schaute und konnte mich von dem Anblick nicht losreißen; diese stummen Blitze mit ihrer verhaltenen Glut entsprachen gleichsam den stummen und geheimen Regungen, die in mir aufleuchteten.
Allmählich graute der Morgen […]. Je mehr die Sonne nahte, desto bleicher und kürzer wurden die Blitze […]. Auch in mir hörten die Blitze auf […]. Doch Zinaidas Bild schwebte noch immer triumphierend über meinem Inneren. Aber auch dieses Bild erschien mir ruhiger und sanfter […].
(7)

Zu guter Letzt muss noch über die ebenfalls weltberühmte klassische Liebesnovelle Asja (1858) gesprochen werden. Und das aus zwei Gründen:
Erstens schildert Turgenjew hier liebevoll die Rheinlandschaft des Hunsrück und die beiden Rheinstädtchen Sinzig und Linz, in denen er sich im Juli 1857 aufhielt, um ein wenig Abstand von Pauline, die sich zeitweilig einen anderen Verehrer zugelegt hatte, zu finden – und zweitens, weil sie wieder einmal zeigt, wie Turgenjew (in Gestalt des Protagonisten) vor der letzten Entscheidung in der Liebe schon unbewusst zurückschreckt. Zudem finden sich auch hier autobiografische Elemente: Asja ist wie Turgenjews Tochter Polina unehelicher Abkunft und wird – ebenfalls wie sie – in ein Herrenhaus geholt, wo sie aufwächst.
Der Kern der Erzählung ist schnell erzählt:
Ein junger Mann flüchtet, enttäuscht von einer Geliebten, in das liebliche Rheintal, um Abstand zu gewinnen (!):

Vor etwa zwanzig Jahren also lebte ich in der kleinen deutschen Stadt S., am linken Rheinufer. Ich suchte die Einsamkeit, denn ich war gerade von einer jungen Witwe, die ich in einem Badeort kennengelernt hatte, ins Herz getroffen worden. Sie war sehr schön und klug, hatte mit allen kokettiert – leider auch mit mir – und mich anfangs sogar ermutigt, dann aber schwer gekränkt, indem sie mich einem rotwangigen bayrischen Leutnant opferte. Die Wunde war, offen gestanden, nicht sehr tief; ich hielt es jedoch für meine Pflicht, mich eine Zeit lang der Trauer und der Einsamkeit hinzugeben – woran hat man in der Jugend nicht sein Vergnügen! –, und ließ mich in S. nieder.
Dieses Städtchen gefiel mir wegen seiner Lage am Fuß zweier hoher Hügel, wegen seiner verwitterten Mauern und Türme, seiner uralten Linden, der steilen Brücke über dem hellen Flüsschen, das in den Rhein mündet, hauptsächlich aber wegen seines guten Weines. Durch seine engen Gassen spazierten abends, kurz nach Sonnenuntergang (es war im Juni), reizende blonde deutsche Mädchen, und wenn sie einem Ausländer begegneten, sagten sie freundlich »Guten Abend« [auch im Original deutsch]. Manche von ihnen gingen selbst dann nicht nach Hause, wenn der Mond hinter den spitzen Dächern der alten Häuser emporstieg und die kleinen Pflastersteine sich in seinen regungslosen Strahlen deutlich abzeichneten. Zu dieser Stunde wanderte ich gern durch die Stadt – es schien, als blicke der Mond vom klaren Himmel unverwandt auf sie hernieder und als spüre die Stadt diesen Blick und halte feinfühlig still, ganz von diesem friedlichen und zugleich die Seele sanft erregenden Licht umflossen. Der Hahn auf dem hohen gotischen Kirchturm funkelte in mattem Gold, und mit dem gleichen Gold übergossen die Strahlen das schwarze Flüsschen. Dünne Kerzen (der Deutsche ist sparsam!) glommen bescheiden hinter den schmalen Fenstern unter den Schieferdächern; Weinreben streckten geheimnisvoll ihre gewundenen Ranken hinter den Gartenmauern hervor; eine Gestalt huschte im Schatten des altertümlichen Brunnens auf dem dreieckigen Marktplatz vorüber. Plötzlich ertönte der verschlafene Hornruf des Nachtwächters, ein gutmütiger Hund knurrte halblaut, die Luft liebkoste so sanft das Gesicht, und die Linden dufteten so süß, dass die Brust sich unwillkürlich weitete und das Wort »Gretchen« sich halb als Ausruf, halb als Frage auf die Lippen drängte.
Das Städtchen S. liegt zwei Werst vom Rhein entfernt. Ich ging oft an den majestätischen Strom, saß stundenlang auf einer Steinbank unter einer mächtigen einsamen Esche und dachte, nicht ohne eine gewisse Anstrengung, an die arglistige Witwe. Eine kleine Madonnenstatue mit beinahe kindlichem Gesicht und einem von Schwertern durchbohrten roten Herzen auf der Brust blickte traurig aus den Zweigen heraus. Am gegenüberliegenden Ufer befindet sich das Städtchen L., das etwas größer ist als S., wo ich mich niedergelassen hatte. Eines Abends saß ich auf meiner Lieblingsbank und schaute bald auf den Strom, bald zum Himmel empor, bald nach den Weinbergen hinüber. Vor mir kletterten blondköpfige Buben an den Seitenwänden eines Kahnes herum, der ans Ufer gezogen und mit dem geteerten Bauch nach oben gekehrt war. Kleine Boote glitten mit schwach geblähten Segeln langsam dahin; grünliche Wellen rollten, sanft anschwellend und glucksend, vorbei.

Hier trifft er auf ein junges Paar, Bruder und Schwester, wie sich herausstellt – später wird offenbar, dass sie nur Halbgeschwister sind, denn die junge Frau ist eine uneheliche Tochter seines Vaters. Das 17-jährige Mädchen, Asja, befremdet den Erzähler anfangs, denn sie ist recht unausgeglichen, mal wild und ungestüm, mal rührend naiv, mal affektiert-kokett. Nach und nach beginnt sie ihn aber zu lieben und auch ihm geht sie bald nicht aus dem Sinn. Bei einem heimlich anberaumten Rendezvous gesteht sie ihm seine Liebe, er aber erklärt sich ihr nicht nur nicht deutlich, sondern sagt ihr auch, dass er ihrem Bruder von dem Rendezvous berichtet hat. Als er sich ihr am nächsten Morgen dann doch erklären will, ist sie mit ihrem Bruder abgereist – wohin, kann er nicht erfahren. Sie hinterlässt ihm nur einen Zettel, auf dem steht:

Leben Sie wohl, wir werden uns nie mehr sehen. Nicht aus Stolz reise ich ab – nein, ich kann nicht anders. Hätten Sie mir ein Wort, nur ein einziges Wort gesagt, als ich gestern vor Ihnen weinte – ich wäre geblieben. Sie sagten es nicht. Vielleicht ist es besser so. Leben Sie wohl, für immer!

Typisch für Turgenjew ist die Reaktion des Erzählers:

Ich habe sie nicht mehr gesehen, habe Asja nie wiedergesehen. Wohl drangen noch dunkle Gerüchte über sie zu mir, sie aber war für mich auf immer verschwunden. Ich weiß nicht einmal, ob sie noch lebt. Etliche Jahre später erblickte ich eines Tages im Ausland, in einem Eisenbahnwagen, flüchtig eine Frau, deren Gesicht mich lebhaft an die unvergesslichen Züge erinnerte. Doch wahrscheinlich hat mich eine zufällige Ähnlichkeit getäuscht. In meiner Erinnerung ist Asja das junge Mädchen geblieben, als das ich sie in der besten Zeit meines Lebens kannte, so wie sie war, als ich sie zum letzten Mal sah, über die Lehne des niedrigen Holzstuhls gebeugt.
Ich muss jedoch bekennen, dass ich ihr nicht allzu lange nachtrauerte. Ich fand sogar, das Schicksal habe es gut mit mir gemeint, als es mich nicht mit Asja vereinte. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass ich mit einer solchen Frau wahrscheinlich nicht glücklich geworden wäre. Damals war ich jung, und die Zukunft, diese kurze, schnell dahinschwindende Zukunft, erschien mir unendlich. Kann sich denn das, was gewesen ist, nicht wiederholen, dachte ich, vielleicht gar noch besser, noch schöner? Ich habe andere Frauen gekannt, aber das Gefühl, das Asja in mir erweckte, jenes brennende, zärtliche, tiefe Gefühl, ist nie mehr wiedergekehrt. Nein, kein Augenpaar vermochte mir jenes zu ersetzen, das einstmals voller Liebe auf mich gerichtet war, keinem anderen Herzen, das sich an meine Brust schmiegte, antwortete das meine je mit so freudigem und süßem Erschauern! Zur Einsamkeit eines alten Junggesellen verurteilt, verbringe ich den faden Rest meiner Tage, doch wie ein Heiligtum bewahre ich Asjas Briefchen und die vertrocknete Geraniumblüte, jene Blüte, die sie mir einst aus dem Fenster zuwarf. Immer noch haucht sie einen schwachen Duft aus, die Hand aber, die mir diese Blüte brach und die an meine Lippen zu drücken mir nur ein einziges Mal beschieden war, sie modert vielleicht schon längst im Grabe… Und ich selbst – was ist aus mir geworden? Was ist von mir geblieben, von jenen glückseligen und bewegten Tagen, jenem beschwingten Hoffen und Streben? So überlebt der leise Duft eines unbedeutenden Blümchens alle Freuden und allen Kummer eines Menschen, überlebt den Menschen selbst.
(8)

Aus den letzten Worten des Erzählers spricht schon die Resignation, die Turgenjew im letzten Lebensdrittel so oft überfallen sollte und die auch in seinen späten Werken zum Ausdruck kommt. Ausführungen zu den Erzählungen der dritten Lebensphase Turgenjews und zu seinen Romanen folgen in den nächsten Teilen.

(1) [zitiert nach Peter Brang: I. S. Turgenev. Sein Leben und sein Werk (1977) – Wladimir Iwanowitsch Dal (*1801, †1872) war Turgenjews ehemaliger Vorgesetzter im Innenministerium und der größte Lexikograf Russlands; mit »Chor« ist Chor und Kalinyč und mit »Rusak« Pëtr Petrovič Karatajev gemeint, beides sind Erzählung aus den Aufzeichnungen eines Jägers ]
(2) [zitiert nach Juan Eduardo Zúñiga: Turgenjew. Eine Biographie (2001)]
(3) [zitiert nach Iwan Turgenjew: Aufzeichnungen eines Jägers (2007; in der Übersetzung von Peter Urban)]
(4) [zitiert nach Iwan Turgenjew: Meistererzählungen (1993, in der Übersetzung von Erich Müller-Kamp)]
(5) [zitiert nach Peter Brang: I. S. Turgenev. Sein Leben und sein Werk (1977)]
(6) [zitiert nach Peter Brang: I. S. Turgenev. Sein Leben und sein Werk (1977)]
(7) [beide zitiert nach Peter Brang: I. S. Turgenev. Sein Leben und sein Werk (1977)]
(8) [Alle Zitate aus Iwan Turgenjew: Asja (1994, in der Übersetzung von Herbert Wotte)]

 




Iwan Sergejewitsch Turgenjew: Russe, Europäer, adliger Grandseigneur,

Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

Reformer, Vermittler zwischen den Kulturen, ewiger Liebhaber, „Puschkin“ der Prosa – man könnte noch einige Eigenschaften aufzählen, für die Turgenjews Name steht; die wichtigste ist jedoch: ein brillanter Erzähler, der Westeuropa als Erster die russische Literatur, das russische Wesen und die Probleme Russlands nahe gebracht hat.

Die Brüder Edmont und Jules de Goncourt berichten am 28. Februar 1863 in ihrem Journal, wie sie den 45-jährigen Turgenjew zum ersten Mal trafen:

Abendessen im Magny. Charles Edmond bringt uns Turgenjew mit, diesen Russen mit dem zartsinnigen Talent, den Autor der »Erinnerungen eines russischen Herrn«, von »Antéor« [gemeint ist ›Antschar‹. hmw], des »Russischen Hamlet«. Er ist ein charmanter Koloss, ein sanfter Riese mit weißen Haaren; er sieht aus wie ein altes, sanftes Genie aus einem Wald oder von einem Berg; er sieht aus wie ein Druide und ein guter alter Mönch in »Romeo und Julia«. Er ist schön, aber von welch ehrwürdiger Schönheit, außerordentlich schön. (…) In Turgenjews Augen ist Himmel. Zum freundlichen Blick kommen das Liebkosende und Singende des russischen Akzents, etwas von der Kantilene eines Kindes und eines Schwarzen. Bescheiden, gerührt von der Ovation der Tafelrunde, spricht er uns von der russischen Literatur, die sich mitten in realistischen Studien befindet, vom Theater bis zum Roman. (1)

Der Schriftsteller und Maler Ludwig Pietsch (*1824, †1911), ein guter Freund Turgenjews und Fontanes, beschreibt den 28-jährigen Turgenjew in Wie ich Schriftsteller geworden bin. Der wunderliche Roman meines Lebens (1893/94):

Er sprach das Deutsche rein und fließend. Der leichte russische Akzent ließ es wohl etwas fremdartig, aber nur desto anmutiger und einschmeichelnder klingen. Hatte er doch, nachdem er die Moskauer Universität besucht, zwei Jahre an der Berliner studiert; war ein eifriger Hörer und damals gläubiger Bekenner der Hegelschen Philosophie – zu den Füssen Karl Werders und Michelets sitzend – wenigstens gewesen, hatte auch wiederholt andere deutsche Städte zu kürzerem oder längerem Aufenthalte besucht. Er kannte Paris und Italien; bewies ein ebenso feines, tiefes und eigenartiges Gefühl und Verständnis für die Musik und Malerei wie für die Poesie und Literatur der Völker. Mit der deutschen schien er gründlich vertraut und von einer imponierenden Goethe-Festigkeit. […]
Diese körperlich im gewaltigen Stil seiner Ahnherrn angelegte Gestalt war die eines Menschen von fast weiblicher Zartheit und Weichheit des Gemüts, dessen kräftigste Leidenschaft der tiefe Hass gegen das Unrecht, gegen die Brutalität, gegen die Unmenschlichkeit in jeder Form war und somit am heftigsten durch und gegen die Sünden und Frevel wider die Humanität, Recht und Wahrheit erregt werden musste. Und gerade diese sah er, wie in der Geschichte seines eigenen Hauses, überall in seinem ganzen Vaterlande unter der Regierung Nikolaus die unbedingte, grausame Herrschaft führen. Was Leibeigenschaft heißt, hatte er auf seinen elterlichen Besitzungen und denen seiner Nachbarn an der Quelle studieren können. Was brutale Geistesknechtschaft, gewaltsame Erstickung des geistigen Lebens einer ganzen großen Nation sagen will – überall in Russland, in den glänzenden Hauptstädten und ihren Palästen wie in den Hütten des kleinsten Dorfes…

So weit, so gut. Hier spricht die Stimme eines begeisterten Freundes, dessen Worte zwar nicht bezweifelt werden sollen, aber… Will man aber die ganze Persönlichkeit Turgenjews beschreiben, tut man sich schwer: Jeden geschriebenen Satz möchte man wieder streichen, denn es drängt sich immer wieder ein ABER auf.

Turgenjew war, wie ihn Goncourt beschreibt, „ein charmanter Koloss, ein sanfter Riese mit weißen Haaren“, eine beeindruckende, gewaltige Erscheinung, ABER er war auch ein wankelmütiger Hypochonder, der große Angst vor Krankheiten hatte und sich schon mit 35 Jahren als alten Mann bezeichnete.

Turgenjew war von ganz altem Adel, nicht nur seiner Geburt nach, am 28. Oktober jul. / 9. November greg. in Orjol, dem fruchtbarsten Schwarzerdegebiet Russlands, in dem die meisten „Adelsnester” mit ihren riesigen Gütern lagen, – er war es in seinem ganzen Wesen und seiner Erziehung nach. Im Alter verkörperte er perfekt das Bild des adligen Grandseigneurs, ABER er war auch ein überzeugter Kämpfer für den evolutionären Fortschritt, für soziale Reformen und einen Liberalismus mit stark demokratischer Tendenz. 1879 definierte er „Liberaler“ für sich selbst mit den Worten:

Protest gegen jeden Obskurantismus und jede Unterdrückung, Achtung vor Wissenschaft und Bildung, Liebe zur Dichtung und zur Kunst und schließlich – dies vor allem – Liebe zum Volk, das unter dem Joch der Leibeigenschaft und der Rechtlosigkeit die tätige Hilfe seiner glücklicheren Söhne benötige.

Turgenjew war ein eingeschworener Gegner der Leibeigenschaft, die er in der Kindheit hautnah miterlebt hatte, wobei er nicht nur die schlechten Seiten erinnerte, die die Grundlage für die Aufzeichnungen eines Jägers (1847–1852) bildeten, die ihn berühmt gemacht haben; er erinnerte auch die Güte und Liebe, die er bei „seinen“ Leibeigenen, nie aber bei seiner Mutter erfahren hatte. ABER als er 1850 das Gut Spasskoje erbte, gab er die Leibeigenen nicht bedingungslos frei, sondern behielt sie als zinspflichtige Arbeiter auf dem Gut (was, zugegeben, eine sehr große Erleichterung für sie bedeutete).

Turgenjew war mit Leib und Seele Russe, er liebte sein Russland, ABER er verbrachte (ab 1856) mehr als sein halbes Leben in Deutschland und Frankreich; er studierte u.a. in Berlin, lebte zur Zeit der 48er-Revolution zwei Jahre in Paris und reiste regelmäßig für längere Zeit nach Deutschland; ab seinem 45. Lebensjahr hatte er seinen ständigen Wohnsitz in Baden-Baden und später bei Paris; er war dann in Russland nur noch regelmäßig zu Besuch. 1867, bei einem wütenden Disput mit Dostojewski, der über die Deutschen schimpfte, erklärte er sogar, dass er sich mehr als Deutscher fühle und sich die Beleidigungen verbitte; klagte dann ABER 1869 in einem Brief an den Schriftsteller Pissemski (*1820, †1881): „Ich sehe jeden Tag klarer, dass man nicht lange schreiben kann, wenn man von seiner Heimaterde losgerissen ist.“

Die Liebe zu Frauen bestimmte sein Leben und sein Schaffen, ABER in seiner autobiografischen Novelle Ein Briefwechsel formuliert er seine Liebesphilosophie, nach der Liebe kein schönes Gefühl, sondern eine Art von Krankheit des Körpers und der Seele ist; es gäbe in der Liebe keine Gleichheit, sondern nur die Unterordnung des einen Willen unter den anderen; der Glücksrausch sei kurz, das Leid und der Schmerz lang. Alle seine Liebschaften brach er ab, wenn es „brenzlig“ wurde.

Turgenjew war ein brillanter Erzähler (auch in Gesellschaft), der die feinsten Wortnuancen fand, und ein nahezu begnadeter Stilist, ein Meister der Wortkunst, ein Meister, der es verstand, selbst die Rhythmik des Satzes dem Geschehen und dem behandelten Gegenstand anzupassen. Seine Novellen sind russisch, wie sie russischer nicht sein könnten, so dass man sie schon als prototypisch bezeichnen kann, (und jetzt folgt schon wieder ein) ABER er knüpfte bewusst an die vielhundertjährige westeuropäische Tradition seit Boccaccio und Cervantes an.

Doch genug der Versuche, ein kennzeichnendes Bild von einem Mann zu zeichnen, den man nur in vielen widersprüchlichen Bildern erfassen kann. Wie jeden anderen Menschen prägen auch Turgenjew Herkunft und Ereignisse. Hier sind die wichtigsten davon:

Iwan Sergejewitsch Turgenjew entstammte wie schon erwähnt dem uralten Adel, der Stammbaum seines Vaters geht auf einen tatarischen Prinzen aus dem 15. Jahrhundert zurück. Das allein sagt noch nicht viel, aber er wuchs auch im typischen Adels- und Gutsbesitzermilieu auf, in den Hochburgen des reichen Adels, den „Adelsnestern“, die er in seinem gleichnamigen Roman beschreibt. Seine Nachbarn waren zum Beispiel die Bakunins, mit deren Sohn Michail – dem späteren Prototypen des militanten Anarchisten – er befreundet war und mit deren Tochter er eine Liaison hatte.
Das Gut Spasskoje, auf dem Turgenjew aufwuchs, hatte Tausende Leibeigene und Zehntausende Morgen Land und wurde von seiner Mutter gnadenlos regiert; auch die Kinder wurden gnadenlos regiert. Mit 15 Jahren begann er 1833 an der Moskauer Universität zu studieren, ein Jahr später ging er nach St. Petersburg auf die Universität und legte dort 1837 an der Philosophischen Fakultät mit 19 Jahren das Kandidatenexamen ab – der russische „Kandidat“ entspricht unserem Doktorgrad.
1838 ging Turgenjew mit Michail Bakunin nach Berlin und studierte die Hegelsche Philosophie. Dort lernte er Karl August Varnhagen von Ense, Alexander von Humboldt und Bettina von Arnim kennen –Letztere entfachte seine Leidenschaft für Goethe. Zurück in St. Petersburg erlangte er 1842 mit 24 Jahren den Magistergrad; außerdem begann seine Freundschaft mit dem Sozialkritiker Alexander Herzen (*1812, †1870). In diesem Jahr kam auch seine uneheliche Tochter Pelageja (Polina, später Paulinette) zur Welt, die er mit einer Leibeigenen gezeugt hatte; 1850 wird er seiner engen Freundin Pauline Viardot gegenüber bekennen, dass er sich nicht einmal mehr an das Gesicht der Mutter erinnern kann, dass aber die Tochter ihm wie aus dem Gesicht geschnitten sei. Sie wird später in der Familie von Pauline Viardot aufwachsen.

Das Jahr 1843 war für Turgenjew ein Schicksals- und ein Schlüsseljahr: Im Frühjahr erschien seine Verserzählung Parascha, die vom Literaturkritiker Wissarion Belinski (*1814 †1848) in den höchsten Tönen gelobt wurde, was für ihn die entscheidende Anerkennung als Schriftsteller bedeutete; in diesen Monaten bekam er auch eine Anstellung im Ministerium, was ihn von dem höchst knauserigen Unterhalt seiner Mutter unabhängig machte; und er beendete eine längere Liaison mit Bakunins Schwester (auch in dieser Beziehung stand er wieder einmal sich selbst im Weg).
Das zentrale Ereignis aber war die Bekanntschaft mit der berühmten Sängerin Pauline Viardot-García, nicht gerade eine Schönheit, jedoch eine hinreißende, von vielen angebetete, nur leider verheiratete Frau. Er sah sie in der Oper, lernte sie über ihren Mann kennen, dem er Zeit seines Lebens freundschaftlich verbunden war, und betete sie zeit seines Lebens an. Bald bildeten sie eine »ménage à trois«, lebten in Baden-Baden und in Paris zusammen bis zu seinem Tod.

Ein nicht ganz so schicksalsträchtiges, dennoch aber sehr wichtiges Jahr war das Jahr 1852: Im Frühjahr erschienen die Aufzeichnungen eines Jägers, die Turgenjew weltberühmt machten. Die Erzählungen in dieser Sammlung handeln alle von der Leibeigenschaft, was der Regierung unter Nikolaus I. wenig genehm war (bei seinem Nachfolger Alexander II. sollen sie dagegen „auf dem Nachttisch“ gelegen haben). Zur selben Zeit starb Nikolai Gogol und Turgenjew schrieb einen Nachruf, der von der Petersburger Zensurbehörde abgelehnt wurde. Der Moskauer Zensor Fürst Georgi Lwow hingegen hatte nichts gegen Turgenjews Text und der Nachruf erschien in den »Moskauer Nachrichten«. Die Verärgerung über die Veröffentlichung der Aufzeichnungen und die Freundschaft mit dem missliebigen Sozialreformer Herzen waren wohl der eigentliche Grund, dass die Regierung den Nachruf zum Anlass nahm, Turgenjew zu verhaften. So wie Michail Lermontow 1837 wegen seines Nachrufs auf Puschkin, einem Gedicht auf seinen Tod, inhaftiert und in die Verbannung geschickt worden war, wurde nun auch Turgenjew im April wegen seines Nachrufs auf Gogol festgesetzt. Ihm ging es jedoch ungleich besser als Lermontow, denn die Töchter(!) des Polizeikommissars sorgten dafür, dass er im Gefängnis bequem im Raum ihres Vaters leben konnte. Danach wurde er auf sein Gut Spasskoje verbannt, das er im Dezember 1853 wieder verlassen durfte. Ins Ausland konnte er allerdings auch danach nicht reisen, da Nikolaus I. während des Krimkrieges (1853–1856) ein Reiseverbot ins Ausland erlassen hatte. Turgenjew hatte nach dem Tode Belinskis dessen Bibliothek gekauft und wollte in dieser Zeit stattdessen – wie er den Viardots schrieb – „[s]eine Studien über das russische Volk fortsetzen, über dieses Volk, das seltsamste, erstaunlichste, das es auf der Welt gibt“. Damit diese Studien nicht allzu trocken blieben, lebte er mit einer schönen Leibeigenen zusammen, die er seiner Cousine im Jahr zuvor für 700 Rubel abgekauft hatte; er lebte drei Jahre mit ihr zusammen und nahm sie, nachdem er das Gut wieder verlassen durfte, sogar nach Petersburg mit; Schreiben lernte sie allerdings nie.

Ab 1856 lebte Turgenjew hauptsächlich im Ausland, reiste viel durch Westeuropa (u.a. Italien, Wien, London, Paris und natürlich Deutschland) und besuchte natürlich die Viardots. 1860, mit 42 Jahren, wurde er zum korrespondierenden Mitglied der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg ernannt.
1862 zog die Familie Viardot nach Baden-Baden; 1863 – er war jetzt 45 Jahre alt – folgte er ihnen und machte Baden-Baden zu seinem ständigen Wohnsitz. In den Jahren 1864 bis 1867 baut er sich neben der Villa der Viardots eine eigene Villa. Ab diesem Zeitpunkt ist er in Russland nur noch für einige Wochen jährlich zu Besuch, meist während der Sommermonate.
Nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 zog er mit den Viardots nach Paris. Das arrogante militaristisch-bürokratische Benehmen der Deutschen nach dem Sieg über Frankreich hatte sie alle zunehmend abgestoßen.
1879 verliehen die »Gesellschaft der Freunde der russischen Literatur« und die »St. Petersburger Künstlervereinigung« dem 61-Jährigen die Ehrenmitgliedschaft und die Universität Oxford die Ehrendoktorwürde.
1882 wurde Turgenjew schwer krank und bettlägerig, alle möglichen Diagnosen wurden gestellt, letztendlich wird sich nach seinem Tode am 22. August jul. / 3. September greg. 1883 herausstellen, dass es sich Rückenmarkkrebs handelte.
Wie er es sich gewünscht hatte, wurde Turgenjew in St. Petersburg auf dem Friedhof Wolkow beigesetzt. Zum Begräbnis kamen 167 Delegationen aus ganz Russland und eine Menge von zigtausend Menschen.

Ein ausführlicher tabellarischer Lebenslauf findet sich hier… . Turgenjews schriftstellerisches Wirken wird in den nächsten Essays besprochen.

(1) [zitiert aus Juan Eduardo Zúñiga: Turgenjew, 2001]