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Monat: Oktober 2012 - russland.NEWS - russland.TV

Nikolaj Semënovič Leskov, Journalist und Schriftsteller

Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

Mehr als die seiner Zeitgenossen muss man die Werke Nikolaj Semënovič Leskovs im Zusammenhang mit dem politischen Zeitgeschehen sehen, denn aufgrund seiner Herkunft aus dem Journalismus fühlte er sich der Aktualität verpflichtet. Aber er ist kein politischer Schriftsteller im strengen Sinn, denn sein journalistischer Ansatz forderte, über vielerlei zu schreiben, von dem er meinte, dass es seine Leser wissen sollten; und er schrieb für den Leser, es musste also spannend sein – er wollte, im weitesten Sinne des Wortes, unterhalten. Dass er anders als seine Schriftstellerkollegen jahrelang durch ganz Russland gereist war und die verschiedensten Völker und ihre Gebräuche und Glaubensrichtungen kennengelernt sowie mehrmals im Ausland gelebt hatte, bescherte ihm eine Vielzahl von Themen. Man kann seine Werke demnach nicht nur zeitlich, sondern auch thematisch ordnen, was auch Leskov selbst gemacht hat, als er sie für die Herausgabe in seinen Gesammelten Werken in Zyklen zusammenfasste.
Die journalistische Herangehensweise an das Schreiben bedingte außerdem, dass Leskov Erzählungen weit mehr lagen als Romane; hier erbrachte er teilweise wahre Meisterleistungen.

Das Leben Nikolaj Semënovič Leskovs wurde in Teil 1 ausführlich dargestellt. In diesem zweiten Teil geht es um seine schriftstellerische Tätigkeit.

Seine Romane,
Romanchroniken, kleineren Chroniken und romanhaften Memoiren sind alle in der ersten Zeit seines Schaffens entstanden und haben alle politischen Charakter: Ohne Ausweg (1864, auch: In der Sackgasse) – unter dem Pseudonym M. Stebnickij veröffentlicht –, Die Übergangenen (1865), Die Inselbewohner (1866), Bis aufs Messer (1870/71, auch: Mit blanken Messern), Ein rätselhafter Mensch (1870) – eine Lebenschronik des Garibaldi-Anhängers Arthur Benni –, Ein absterbendes Geschlecht (1874, auch: Ein degeneriertes Geschlecht) – Leskovs eigenes Lieblingswerk, das zu den besten russischen Familienromanen zählt – und Irrlichter (1875, auch: Kinderjahre) – Kindheitserinnerungen des Autors.

Da Leskov, wie er selbst sagte, zu wenig Fantasie hatte, um Personen zu erfinden, nahm er sich lebende Personen als Vorbilder, die er dann ausspann; gewollt oder ungewollt (häufig gewollt!) erkannten sich die realen Personen jedoch (und auch die anderen erkannten sie) und waren erbost über die ihnen zugedichteten Eigenschaften oder Handlungen. Das brachte ihm heftige, langjährige Feindschaften ein und seine Werke wurden als Pamphlete (aus der Sicht der Angegriffenen nicht ganz unverständlicherweise) zerrissen; dass er außerdem heiße Eisen in diesen Romanen anfasste, wog zusätzlich schwer.
Die genannten Romane sind – mit Ausnahme der Irrlichter – in deutscher Sprache nicht erhältlich, daher soll hier nicht weiter auf sie eingegangen werden. (Vsevolod Setschkareff beschäftigt sich in N. S. Leskov – Sein Leben und sein Werk näher mit ihnen.)

Aus dem aufgezogenen Rahmen fällt ein bislang noch nicht erwähntes Werk: Leskovs satirische Romanchronik Soborjane (1872, dt. Titel Die Klerisei), die die wohl authentischste Beschreibung der orthodoxen Geistlichkeit in der russischen Literatur darstellt und ihm große Popularität verschaffte. Sie enthält einerseits amüsante Anekdoten, die in kirchlichen Kreisen mit Schmunzeln gelesen wurden, andererseits übt ihr Verfasser aber auch Kritik an den Schattenseiten der Kirche. Dafür kritisierte man ihn – ausgerechnet ihn, den ausgemachten Feind der Nihilisten – wegen nihilistischer Tendenzen. Die Klerisei berichtet von folgenden Gegebenheiten:
In der Provinzstadt Stargorod wird der Erzpriester Tuberozow von der Kirchenbehörde mit dem Auftrag eingesetzt, die Altgläubigen in den Schoß der offiziellen Staatskirche zurückzuführen. Gemeinsam mit seinem Diakon Achilla, einem bärenstarken, gutmütigen aber eigenwilligen Mann, soll er diese Aufgabe bewältigen. Nach vielen, vielen Ereignissen – Episoden und Skizzen, in deren Mittelpunkt vielfach der Diakon steht – muss er seinem Scheitern ins Auge sehen; das Hauptübel sind die starren Dogmen der Orthodoxie, die eine Erneuerung des christlichen Glaubens verhindern. Tuberozow beginnt einen Kampf gegen die kirchliche Administration und fordert in einer letzten großen Predigt die Trennung von Kirche und Staat. Er wird seines Amtes enthoben und stirbt als gescheiterter Idealist; er ist ein Held, „der an der kleinlichen russischen Bürokratie zugrunde geht und dessen Anlagen nicht zur Entwicklung kommen können und ebenfalls in Kleinigkeit und zuweilen Lächerlichkeit enden“, so Setschkareff.

In dieser Romanchronik rüttelt Leskov noch nicht an den Grundfesten der Amtskirche, der orthodoxen Staatskirche, die letztlich unter der Oberhoheit des Staates steht – obwohl ihm dies vielfach von seinen Zeitgenossen vorgeworfen wurde. Erst zwanzig Jahre später lehnt er die Kirche als befehlende Glaubensinstitution ab. 1893 schreibt er über Die Klerisei: „In jedem Fall würde ich sie jetzt nicht mehr schreiben. Statt dessen schrieb ich gern die ‚Aufzeichnungen eines Entweihten’“.
In der Klerisei zeigt Leskov übrigens auch, dass er durchaus zu Schilderungen der Natur und Naturgewalten, die in seinen Werken aus weiter oben genannten Gründen selten sind, fähig ist. Laut Setschkareff zählt „die wahrhaft klassische Schilderung des Gewitters, das den ‚Umbruch‘ in der Seele Savelijs bewirkt, … wohl zu den schönsten Naturschilderungen der Weltliteratur überhaupt“.

Die Erzählungen
Wie jeder Journalist machte sich Leskov unentwegt Notizen, um daraus Artikel zu entwerfen, die sich mit einem bestimmten Ereignis oder Thema befassten; Aktualität und Spannung waren dabei das oberste Gebot. Später ging er dazu über, Ereignisse und Themen in sogenannten „Skizzen“ zusammenzufassen, in denen die Ereignisse und Anekdoten meist in einer Rahmenhandlung von einer Person in einer bestimmten Situation erzählt werden; beispielhaft für dieses literarische Genre sind Die Räuber und Im Reisewagen. Meist geht es in diesen Skizzen um die Sitten und Gebräuche einer bestimmten sozialen Klasse oder Provinz. Aus diesen Skizzen werden dadurch Erzählungen, dass sie unter ein Hauptthema gestellt und künstlerisch, belletristisch ausgestaltet werden. Im Gegensatz zu den meisten seiner zeitgenössischen Kollegen verwendet Leskov jedoch auch hier häufig – aber nicht nur – das Grundschema der Skizzen, d. h. auch hier werden Einzelereignisse verknüpft; man – und er selbst – hat seine Erzählungen daher auch häufig mit Mosaiken verglichen.

Zu Leskovs frühen Erzählungen gehört der im ersten Teil dieses Essays erwähnte Schafochs (1863). Auch Der Beleidiger (1863) hat die Dummheit der Bauern zum Inhalt. Hier ist es ein Engländer, der die Bauern mit seinem humanen Verhalten und ständigem Verzeihen zur Verzweiflung bringt. Öffentliches Auspeitschen als Strafe finden sie normal, seine pädagogischen Maßnahmen hingegen empfinden sie als Beleidigung, lieber gehen sie ins Zuchthaus. Schlussendlich zünden sie sein Gut an und prügeln ihn fast zu Tode.

Liebe in Bastschuhen kleinIn der Erzählung Liebe in Bastschuhen (1863, auch: Die Vita eines Bauernweibes) – schon fast ein kleiner Bauernroman – benutzt er zum ersten Mal den sogenannten skaz, der praktisch sein Markenzeichen werden sollte und in dem er unübertroffener Meister ist.
Viele von Leskovs Erzählungen sind Erzählungen in diesem skaz-Stil, d. h. er lässt die eigentliche Geschichte von einem Erzähler vortragen. Dieser spricht mit eigenen Worten in der ihm typischen Weise, es ist also im eigentlichen Sinn des Wortes eine Erzählung und nichts Geschriebenes (und dann vielleicht Vorgelesenes). Frei nach Luther könnte man sagen, er hat „dem Volk aufs Maul geschaut“ – es ist keine literarische Sprache, sondern eher eine volkstümliche und vor allem eine auf Situation und Thema bezogene Redeweise. Damit erzielt er eine große Farbigkeit und Direktheit der Sprache; gleichzeitig charakterisiert die sprechende Person sich – und auch das Milieu – durch Wortwahl und Ausdrucksweise selbst. Seine unnachahmliche Wirkung entfaltet der skaz natürlich vor allem bei Halbgebildeten, solchen, die von Haus aus nicht das normale Durchschnittsrussisch benutzen, Worte nachplappern und verdrehen, die sie eigentlich gar nicht richtig verstehen; das kann dann einerseits sehr lustig und andererseits, bei geschickter Wortwahl oder –konstruktion, auch sehr tiefsinnig und bedeutungsschwer sein.
Hier einige Beispiele: Der Erzähler sagt statt „mikroskop“ „melkoskop“ – „melko“ bedeutet „klein“ oder „gering“; statt „barometr“ wird „buremetr“ gesagt – „burja“ heißt „Sturm“;statt „kapital“ „kopital“ – „kopit“ heißt „sparen“; statt „Quasimodo“ sagt er „Quasimorda“ ‘ – „morda“ heißt „Fratze“ (Anspielung auf Der Glöckner von Notre Dame), usw. usf.

An dieser Stelle muss kurz etwas Grundsätzliches erwähnt werden.
Anfang des 19. Jahrhunderts, nachdem ja im 18. Jahrhundert durch und nach Peter dem Großen mit der Öffnung nach Westen unzählige Fremdwörter – besonders deutsche und französische – in die russische Sprache eingewandert waren (Deutsch war bis Mitte des 18. Jahrhunderts die Sprache an der Petersburger Akademie der Wissenschaften), entstand in der russischen Literatur ein Streit um die Sprache. Und hier schieden sich die Geister wieder einmal in „Westler“ und „Slawophile“.
Die Westler wollten die Fremdwörter unverändert russifizieren; Beispiel: deutsch „Strafe“ – russisch „schtraf“ oder deutsch „Gefreiter“ – russisch „jefreiter“, deutsch „Stuhl“ – russisch „schtul“, deutsch „Büstenhalter“ – russisch „bystgalter“ usw.; es gibt eine Unmenge von auf diese Weise russifizierten deutschen Wörtern.
Die Slawophilen wollten in der russischen Sprache nach Wurzeln suchen, die dem ausländischen Wort entsprechen oder ihm nahe kommen könnten, und daraus neue Wörter bilden. Wie üblich artete dieser Streit sehr bald ins Politische aus, es wurde mit harten Bandagen gekämpft und die Westler haben gesiegt (sonst gäbe es oben aufgeführte Wörter nicht). Leskov saß wie immer zwischen beiden Stühlen, denn er mochte den Absolutheitsanspruch beider Parteien nicht. Die Slawophilen hatten diese Schlacht zwar verloren, hatten jedoch erreicht, dass man sich der Ästhetik der russischen Volkssprache, ihrer urslawischen Wurzeln und ihrer grammatikalischen Möglichkeiten wieder bewusst wurde.

Und an der Spitze dieser „Bewegung“ stand Leskov.
Er spielt mit dem Wort auf fast artistische Weise, benutzt die ganze Breite des russischen Satzbaus und des Wortschatzes, er sammelte ungebräuchliche und veraltete Wörter und ungebräuchliche Redewendungen und legt sie seinen Akteuren in den Mund. Allein auf diese Weise charakterisierte er, wie schon oben erwähnt, seine Personen und das Milieu. Während alle seine Schriftstellerkollegen Emotionen und Naturbilder als Hintergrund „malen“ oder die Personen laut denken lassen, um ihre Charaktere lebendig werden zu lassen, benutzt er allein fast ausschließlich das Wort, die Sprache.

Zur Sprechweise Marja Martynovnas aus den Mitternachtsgesprächen sagt er:
Ich habe sie viele Jahre lang zusammengestellt: aus Worten, aus Sprichwörtern und einzelnen Redensarten, die ich entweder in der Volksmenge aufschnappte oder auf den Barken, in den Musterungslokalen und in Klöstern.
Im Zusammenhang mit dem Gaukler Pamphalon sagt er:
Ich habe viel, sehr viel daran gearbeitet. Diese Sprache sowie auch die Sprache des ‚Stählernen Flohs’ läßt sich nicht leicht fügen, im Gegenteil — es geht sehr schwer und nur die Liebe zur Sache kann einen dazu veranlassen, eine solche Mosaikarbeit zu unternehmen.
Das ist es, warum ihn Alexander Eliasberg zum russischsten aller russischen Erzähler erklärt hat (siehe Teil 1 dieses Essays).

Daraus ergibt sich jedoch für Nichtrussen ein großes Problem: So wie Puschkins (bei ihm ist es die romantische Lautmalerei) sind auch viele von Leskovs Werken schwer zu übersetzen, ja vielleicht noch schwerer, weil seine Wortschöpfungen, die durch die Verballhornung im Russischen einen Sinn ergeben, in gleicher Weise sinnhaft häufig unübersetzbar sind. Hinzu kommt die außergewöhnliche – wie schon erwähnt charakterisierende – Sprache, deren „Gestalt“ eben nur im Original wirken kann. Um viele seiner Werke ins Deutsche zu übertragen, bedarf es eines Dichters, der nicht übersetzt, sondern nachdichtet (und auch das wird nicht immer möglich sein). Wo das nicht geschieht, wirken Leskovs Werke flach und verlieren ihren eigentlichen Sinn. Es gibt nicht viele Übersetzer, die eine derartige Übertragung anzufertigen vermögen – oder die diese schwere Arbeit auf sich nehmen. Einer von ihnen war Johannes von Guenther (*1886 †1973), der Leskovs Zeit noch sehr nahe und Anna Achmatova, Aleksandr Blok, Belyj, Brjusov und Vjačeslav Ivanov freundschaftlich verbunden war; seine Übersetzungen werden Leskov noch am ehesten gerecht.

Zu Leskovs kleineren Erzählungen gehört Lady Macbeth aus dem Landkreis Mzensk (1865), eine hervorragende, packende Kriminalgeschichte über eine blutrünstige Mordserie, die zusammen mit anderen Erzählungen des gleichen Genres (von Čechov, Lermontov und anderen berühmten russischen Schriftstellern) auch heute noch immer wieder in Sammlungen mit Titeln wie Russische Kriminalgeschichten herausgegeben wird. Man sagt, die Geschichte sei realen Ursprungs, er habe sie den Gerichtsakten entnommen:

Nach Jahren einer tristen und vor allem unfruchtbaren Ehe mit einem 30 Jahre älteren Kaufmann verliebt sich eine Frau in den jungen, schönen und charmanten Hausknecht. Um zusammenleben zu können, vergiften diese beiden zuerst den Schwiegervater; bald danach wird der von einer Reise zurückgekehrte Ehemann bestialisch ermordet und die Leiche im Keller vergraben. Schließlich wird noch ein plötzlich aufgetauchter Junge, der einen Teil des Vermögens erben soll, erstickt. Dieser Mord wird jedoch beobachtet, das blutrünstige Liebespaar verhaftet und nach Sibirien verschickt. Auf der „Reise“ dorthin verstößt der einstige Hausknecht seine jetzt nicht mehr reiche und daher uninteressante Geliebte und begibt sich in die Arme einer Jüngeren, Reizvolleren. Rasend vor Eifersucht stürzt sich bei der Überfahrt über einen Fluss die ehemalige Geliebte auf ihre Nebenbuhlerin und reißt sie mit sich in den Fluss, wo sie ihre Rivalin ersäuft und selbst ertrinkt.
(Dmitri Schostakowitsch vertonte Lady Macbeth aus dem Landkreis Mzensk zwischen 1930 und 1932; die gleichnamige Oper wurde auf Geheiß Stalins verboten und kam erst 1963 in überarbeiteter Fassung wieder auf die Bühne.)

Weitere Erzählungen sind Die Kampfnatur (1866, auch: Ein kämpferisches Weib) , Kotin der Ernährer und Platonida (1867), das Theaterstück Der Verschwender (1867) und Der versiegelte Engel (1872) – diese letzte Erzählung wurde wichtig für sein berufliches und finanzielles Vorwärtskommen (siehe Teil 1 dieses Essays):
Erpresserische Beamte beschlagnahmen eine wundertätige Ikone der Altgläubigen (abgespaltene Sekte der offiziellen Orthodoxie), die als gute Arbeiter an einer Brücke bauen, und entstellen das Bild auch noch durch in das Gesicht des Engels gedrückte Siegel. Sie schaffen es weg und verwahren es in der Stadtkirche der Rechtgläubigen (offizielle Orthodoxie). Die Arbeiter fertigen, unterstützt von einem sympathischen Engländer, eine Kopie an und wollen die Ikonen vertauschen. Der Tausch gelingt nicht, weil er bei der Ausführung entdeckt wird. Auf „wundertätige“ Weise verschwinden die auch auf der Fälschung angebrachten Siegel (natürliche Aufklärung später) und die Altgläubigen treten überzeugt von einem Wunder der rechtgläubigen Staatskirche bei.

Die Geschichte ist packend erzählt und enthält viele Details über die Altgläubigen und die Ikonenmalerei. Leskov war in Petersburg eng mit einem altgläubigen Ikonenmaler befreundet, den er häufig besuchte und ihm still bei der Arbeit zuschaute. Er sagt selbst, die Erzählung sei „ganz in der heißen und stickigen Werkstatt“ des Ikonenmalers Nikita S. Ratschejskow entstanden.

Einer der Vorgänge, der im Zentrum der Erzählung steht, hatte in der Realität laut Leskovs eigenem Zeugnis aber nichts mit einem Heiligenbild, sondern mit Schnaps zu tun.
„Ein solcher Vorgang”, schreibt Leskov, „wie in der Erzählung wiedergegeben, hat sich in Kiew nie ereignet, d. h., ein Altgläubiger hat nie eine Ikone gestohlen und sie nicht auf Ketten über den Dnjepr gebracht. Wirklich ereignet hatte sich nur Folgendes: Einst, als die Ketten bereits gespannt waren, begab sich ein Steinmetz aus Kaluga im Auftrag seiner Genossen während der Ostermesse auf diesen Ketten von dem Kiewer Ufer auf das Tschernigower, doch nicht um ein Heiligenbild, sondern um Wodka zu holen, der zu jener Zeit auf der anderen Dnjeprseite viel billiger verkauft wurde. Mit einem vollen Wodkafässchen um den Hals und einer Balancierstange in der Hand kehrte der Wagemutige auf das Kiewer Ufer mit seinem Wirtshausprodukt zurück, das hier zu Ehren des hl. Osterfestes konsumiert wurde. Der mutige Übergang auf Ketten diente mir tatsächlich als Thema zur Darstellung des tollen russischen Wagemuts, doch der Zweck dieser Handlung wie überhaupt die ganze Fabel des ‚Versiegelten Engels’ sind natürlich anders und von mir einfach ausgedacht.“

Der verzauberte Pilger (1873) – eine vortreffliche skaz-Erzählung –, Pawlin (1874) – hätte eigentlich in den späteren von Leskov gebildeten Zyklus Die Gerechten eingeordnet werden müssen –, Am Ende der Welt (1875) – es geht um die Missionierung sibirischer Volksstämme –, Das Bischofsgericht– Missionierung und Taufe von Juden (rational tritt Leskov für die Gleichstellung ein, emotional ist er jedoch „ein bisschen“ Antisemit – wie im Übrigen auch antideutsch –, was in seinen „Witzchen“ über die Juden zum Ausdruck kommt. Ein Thema, das in der Literaturkritik auch bearbeitet wurde.) Der eiserne Wille (1876) – eine Satire gegen die Deutschen: Wer ist stärker, der Deutsche oder der Russe, deutscher Wille und Härte (u. a. dem eisernen Kanzler Bismarck zugeschrieben) wird durch russische Weichheit besiegt: Bei einem Wettessen mit dem Popen, der ungeheure Mengen in sich hineinfrisst, erstickt der deutsche Ingenieur schon nach wenigen Pfannenkuchen. Die Schamlose (1877) – ein Lob auf die Russen –, Der ungetaufte Pope (1877) – eine lustige Geschichte, die jedoch für den Übergang von der noch positiven Beurteilung der orthodoxen Kirche hin zur absoluten Ablehnung steht –, Kleinigkeiten aus dem Bischofsleben (1879) – die Erzählung, die ihm so viel Schwierigkeiten einbrachte, dass er letztlich daran starb (siehe Teil 1 dieses Essays) –, Die Teufelsaustreibung (1879) – eine Geschichte über die Moskauer Kaufmannschaft: Ein echter Moskauer Kaufmann von echtem Schrot und Korn veranstaltet ein nächtliches Sauf- und Fressgelage mit üblen Folgen und landet zur unmittelbaren Läuterung in einer Klosterkirche.
Der Toupetkünstler. Erzählung auf dem Grabe (1883) – eines von Leskovs Meisterwerken. Der Erzählung liegt eine wahre Begebenheit aus dem Jahr 1830 zugrunde: Die Liebe zwischen einem leibeigenen Friseur und einer Schauspielerin. Als das Verhältnis entdeckt wird, wird der Friseur zu den Soldaten gesteckt; dort wird er Offizier, kommt zurück, wird aber kurz vor dem glücklichen Ende von Verbrechern ermordet.
Der Raubüberfall (1887) – zählt ebenfalls zu seinen besten Erzählungen –, Antuka (1888), Der Kolyvaner Ehegatte (1888, Kolyvan ist der altrussische Name für Reval) – eine noch scherzhafte Satire gegen die Baltendeutschen.

Leskovs letzte Erzählungen, die er nicht in einen Zyklus eingeordnet hat, sind alle schon stark satirisch gefärbt. Er schrieb sie Anfang der Neunzigerjahre, als er schon sehr unter seiner Herzkrankheit litt und als die politische Situation unter Alexander III. unerträglich geworden war.
Das Tal der Tränen. Eine Rhapsodie 1892, auch: Das Tränental), in dem er aus Anlass der damals herrschenden Hungersnot über die große Hungersnot im Jahre 1840 berichtet; Die Qual des Geistes (aus Jugenderinnerungen) (1892), Improvisatoren (1892), eine Erzählung,in der er die Dummheit des Volkes während der damals herrschenden Choleraepidemie geißelt, und Naturprodukt (1892), in dem er diese Kritik zum Äußersten treibt, schlichtweg beleidigend wird.

Einen seiner Zyklen hat Leskov Die Gerechten genannt. Darin will er zum Ausgleich für die vielen Satiren, die er schrieb, zeigen, dass das russische Volk doch nicht so verbiestert ist, wie es den Anschein hat, und dass Gerechte, also gute Menschen, durchaus zu finden sind – man muss sie nur suchen, denn sie handeln im Verborgenen. Im Vorwort zu diesem Zyklus schreibt er,
der bedeutende Romanschriftsteller A. Pisemskij, dessen Werke tatsächlich fast nur die negativen Seiten des russischen Lebens schildern, habe ihm einst eröffnet, er könne nichts anderes schreiben, weil er nur wiedergäbe, was er um sich sähe und er sähe nur Schweinereien. Seine Erwiderung, dies sei bei ihm nur eine Erkrankung des Gesichtssinns, ließ er nicht gelten und Leskov habe daraufhin beschlossen, auf die Suche nach den Gerechten zu gehen, um derentwillen Gott Russland nicht zugrunde gehen lassen werde. (1)

In Der Eindenker ist der Gerechte ein Wachtmeister, der grundsätzlich keine Schmiergelder annimmt, was für die damalige Zeit (und nicht nur die damalige, wie wir heute aus gegebenen Anlässen wissen) unvorstellbar war. Der Stadthauptmann und der Erzpriester unterhalten sich über diesen „Idioten“:
„Und daß er keine ‚Gaben’ annimmt”, sagt der Erzpriester, „das geschieht aufgrund einer schädlichen Phantasie.”
„Also hat er doch eine schädliche Phantasie! Und worin besteht sie?”
„Er hat die Bibel gelesen.”
„Ist das möglich! Der Esel!”
„Ja, er hat sie aus Langeweile gelesen und kann es nicht wieder vergessen.”
„So ein Esel! Was soll man nun mit ihm tun?”
„Gar nichts kann man tun: Er hat sie schon zu weit gelesen.”
„Ist er etwa schon bis ‚Christus’ gekommen?”
„Ganz, ganz hat er sie gelesen.”
„Na, dann ist’s aus.”

Was die Vertreter des staatlichen und kirchlichen Rechts von Gerechtigkeit halten, muss nicht mehr weiter hinterfragt werden.

Auch in Der unsterbliche Golovan (1880, auch: „Der unsterbliche Großkopf“) zeigt Leskov einen Gerechten von „natürlicher Heiligkeit“, der zu Zeiten einer Pestepidemie wirkt; und auch hier bekommt die Geistlichkeit ganz fürchterliche Prügel. Haarsträubend kontrastiert das Verhalten des Bischofs mit den erschütternden Berichten über den Alltag des Volkes.
In Kadettenkloster (1880) zeigt Leskov gleich vier Gerechte. 1879 erschien Cheramour. In Der Pygmäe (1879) führt er vor, wie jeder segensreich wirken kann, wenn er statt aus Egoismus aus Nächstenliebe handelt. Ein russischer Demokrat in Polen (1880) erzählt von einem klugen Beamten, der einen Plan zur Befriedung Polens hat, der natürlich nicht angenommen wird. Das Schreckgespenst erschien 1885, es gibt Einblick in seine glückliche Kindheit. 1887 folgt Der ehrliche Ingenieur, 1889 Figura:

Der Offizier Figura wird in der Osternacht von einem total betrunkenen Kosaken geohrfeigt. Der Ehrenkodex verlangt, dass er ihn daraufhin tötet, er aber vergibt, wie es die Botschaft der Osternacht verlangt. Alle, die den Vorfall gesehen haben, verpflichtet er zu schweigen, und sie schweigen auch. Der Kosake aber beichtet seine Sünde dem Popen und der hält nicht dicht, wie es eigentlich seine Pflicht gewesen wäre. Der Offizier gilt nun als ehrlos und muss seinen Abschied nehmen. Er wird Bauer mit einer kleinen Rente und zieht aus Mitleid mit einer Frau und deren unehelichem Kind Katja zusammen:

Arme kleine Katja! Ich habe sie mit ihrer Mutter unter den Pappeln des Podolinski-Parks gefunden … Ihre Mutter wollte sie dort aussetzen und selbst zu einer feinen Dame als Amme gehn. Da geriet ich in Wut und sagte zu ihr: ‚Bist du denn von Geburt an so schlecht, oder hast du den Verstand verloren? Wie kannst du das eigene Kind verlassen und Herrenkinder mit deiner Milch aufziehn? Wenn sie die Herrin geboren hat, soll sie sie auch selber aufziehn, so hat es Gott gewollt – du aber komm einfach mit mir und nähre dein Kindchen.’
Sie stand auf, wickelte Katja in Lumpen, kam und sagte: ,Ich geh, wohin das Schicksal mich führt.’
Und so leben wir nun, pflügen den Acker und säen, und wenn wir etwas nicht haben, dann beklagen wir uns nicht, denn wir sind schlichte Leute: die Mutter eine Waise, das Töchterchen klein und ich ein geohrfeigter Offizier, der dazu noch keinen Adelsstolz besitzt. Pfui, was für eine verkommene Figur!

Der Wachtposten (1887, auch: Der Mann auf dem Posten) verlässt nach schwerem inneren Kampf seinen Posten, um einen Ertrinkenden zu retten, obwohl er weiß, dass er dafür grausam ausgepeitscht wird. Mit scheinbarer Zustimmung beschreibt Leskov beißend ironisch das Geschehen.

Gleichzeitig mit dem Gerechten-Zyklus plante Leskov einen Zyklus über Historische Charaktere in fabelhaften Legenden neuester Fügung. Er hat dafür aber nur zwei Erzählungen geschrieben: Leon der Haushofmeistersohn (1881) und Vom einäugigen Linkshänder und vom stählernen Floh (1881). In der zweiten Erzählung soll gezeigt werden, dass die russischen Handwerker mindestens genau so gute Handwerker sind wie die dafür berühmten Engländer. Diese hatten Alexander I. einen aus Stahl geschmiedeten, winzigen Floh geschenkt, der nur unter dem Mikroskop gut sichtbar war und der, wenn er aufgezogen wurde, auch noch tanzen konnte. Das ärgert Nikolaus I., der den Floh erbt, und er befiehlt, etwas noch Ausgefalleneres zu erfinden. Der Meister der Waffenschmiede aus Tula beschlägt den winzigen Floh mit Hufeisen, auf denen angeblich der Name des Meisters eingraviert ist – sehen kann man es bei aller Winzigkeit nicht. Allerdings kann der Floh nun nicht mehr tanzen, er ist zu schwer. Nikolaus I. schickt den Meister mit dem Floh nach England, um zu beweisen, dass seine Waffenschmiede besser ist als die englischen, und tatsächlich sind die Engländer höchst erstaunt. Der russische Meister aber kehrt zurück in seine Heimat, gerät in Vergessenheit und stirbt traurig und allein.
Ein tüchtiger Russe kann seine Fähigkeiten nicht entwickeln und stirbt allein, ein englischer Meister dagegen wird gepflegt und seinem Wert entsprechend behandelt.

In dieser Erzählung brilliert Leskov mit Wortspielen, Verballhornungen, komischen Wortentstellungen und Fremdwörtern, sodass eine auch nur einigermaßen der Wirkung des Originals nahekommende Übersetzung nicht möglich ist; das Gleiche gilt für Leon der Haushofmeistersohn.

Einen weiteren Zyklus hat Leskov Weihnachtserzählungen genannt. Irritierend wirkt auf den ersten Blick, dass sich unter den versammelten Erzählungen auch viele Gespenstergeschichten befinden. Zu dieser Zeit war der Spiritismus in Russland große Mode, und er wollte mit diesen Gespenstergeschichten, die die „Gespenster“ entweder lächerlich machten oder eine natürliche Aufklärung fanden, den Spiritismus selbst lächerlich machen.
Der weiße Adler (1880) – auch hier ist der übelste Schurke ein Erzpriester; Gespenst im Ingenieurspalast (1882) – ein Glanzstückchen Leskovs; Reise mit dem Nihilisten (1882) – ein Diakon wird verdächtigt, ein verkappter Nihilist zu sein; Der Stopfer (1882) – ein reicher Moskauer „Unternehmer“ verprügelt die Leute und entschädigt sie sofort mit Goldstücken; Ein altes Genie (1884), in dem die Mittel beschrieben werden, die ein altes Mütterchen anwenden muss, um von einem reichen Aristokraten ihr Geld zurückzubekommen; Das ausgesuchte Korn (1884) – ein ausgemachter Versicherungsschwindel; Ein kleiner Fehler (1883) – der Kampf gegen einen „Wundertäter“.

Das TierDie Erzählung Das Tier (1883, auch: Sganarell der Bär) ist eine sehr häufig gedruckte Weihnachtsgeschichte und auch als Hörbuch erhältlich. Diese Erzählung, wenngleich von einigen Literaturwissenschaftlern sehr bemängelt (um nicht zu sagen verrissen), erfreut sich großer Beliebtheit: Der zahme Bär Sganarel, der sich gemäß seinem Naturell „unbotmäßig“ verhalten hat – er hat Hühner gerissen und ähnlichen „Unfug“ getrieben –, soll auf Befehl des grausamen Gutsherrn zur Strafe bei einer vorbereiteten Treibjagd, bei der er keine Chancen hat, getötet werden. Sein Pfleger und engster Freund Ferapont – die beiden gehen sogar Arm in Arm miteinander spazieren – kann sich dem Befehl nicht widersetzen, weil ihm sonst selbst eine schlimme Strafe droht; auch hat er schlichtweg nicht die Möglichkeit dazu, das Schicksal des Bären abzuwenden, denn es stehen noch viele andere bereit, den Bären zu töten. Ausführlich wird die „Jagd“ beschrieben. Ferapont muss seinen Freund aus der Grube locken, in der er bis zur Hinrichtung gefangen ist, und soll später sogar auf ihn schießen. Doch das Glück ist dem Bären hold und er entkommt. Ferapont wird durch einen Schuss verletzt und erwartet eine Strafe, weil er den Bären, als sich die Gelegenheit bot, nicht getötet hatte. Aber der Gutsherr wird geläutert, erlässt Ferapont eine Strafe und Ferapont bleibt bis zu seinem Lebensende sein treuer Diener.
Auf der einen Seite der vorbehaltslos vertrauende Bär, der sogar menschliche Züge hat – er weint und jammert in seiner Not und umarmt liebevoll seinen Freund! – und auf der anderen Seite der kalte, grausame Gutsherr. Eine sehr gefühlvolle, um nicht zu sagen rührselige Geschichte, aber so hervorragend zu Herzen gehend geschrieben, dass ihre große Beliebtheit verständlich ist. Bei der Geschichte können einem schon die Tränen in die Augen treten.

Weitere Weihnachtserzählungen: Heckrubel (1883), Betrug (1883), Jüdische Purzelbaumerei (1882) und – letzterer ähnlich, aber nicht im Weihnachtszyklus enthalten – Der Melammed von Rakousy (1878) und Eine glühende Patriotin (1881).

In den Erzählungen à propos gibt ein Erzähler bei passender Gelegenheit kleine Anekdoten zum Besten.
Die Teilhaber (1884); Psychopathen aus alter Zeit (1885); Interessante Männer (1885) – eine sehr spannende Kriminalgeschichte, die an Edgar Allan Poe erinnert; Der Alexandrit (1885); Geheimnisvolle Vorzeichen (1885) – eine Geschichte, die angeblich auf den Ausbruch des Krimkriegs Bezug nehmen soll; Das rätselhafte Ereignis im Irrenhaus (1887) – ein tatsächlich geschehenes Ereignis, das ohne Aufklärung blieb; Die Stimme der Natur (1883); Der verstorbene Stand (1888) – eine Anekdotenfolge über den Fürsten Trubezkoi; Die Dame und das Weib (1894, auch: Die Dame und das Frauenzimmer) – eine hysterische, rücksichtslose Ehefrau richtet ihren Mann zugrunde; Der Pferch (1893), in dem ein wenig schmeichelhaftes Bild von Russland gezeichnet wird.

Die Legenden, die zu Leskovs besten Werken gehören, sind zum Teil sehr freie literarische Bearbeitungen alter christlicher Sagen, die vorwiegend durch Heiligenleben überliefert waren, welche sich zum Großteil im sogenannten „Prolog“ (Synaxarion) wiederfanden, eine Sammlung von kurz gefassten Heiligenlegenden, die beim Gottesdienst an den jeweiligen Tagen der Heiligen vorgelesen wurden. (Auch andere Schriftsteller haben diese „Vorlage“ benutzt).

Leskov wollte zeigen, dass die Lehre Christi von der Kirche entstellt worden ist. Er betonte immer wieder, dass er nur die Themen dem Prolog entnommen habe und sich das Recht vorbehalte, diese umzugestalten. Zu den Vorwürfen der Kritik, er habe das Original entstellt, schreibt er an Suvorin:
Ein Thema ist ein Thema und ich kann daraus machen, was ich für möglich halte. Wozu sollte man es sonst auch umarbeiten; es wäre genug, es einfach nachzudrucken. Und es klänge genauso einfach und dumm wie der Prolog selbst.
An anderer Stelle sagt er, er habe „poetisiert”, reale Angaben „gruppiert” – alles mit der Absicht, ein dankbares Thema literarisch lebendig, leicht lesbar und interessant zu machen.

Leskovs Legenden sind:
Legende von Theodor dem Christen und Abraham dem Juden (zum 31. Oktober, 1886 veröffentlicht); Der gottgefällige Holzhacker (zum 8. September); Legende vom gewissenhaften Daniel (zum 7. Juni); Der Löwe des Einsiedlers Gerassim (zum 4. März); Der Gaukler Pamphalon (1887 veröffentlicht) – Turgenjew schreibt über diese Legende: „Göttlich und pikant. Eine Vereinigung von Tugend, Frömmigkeit und Unzucht“; Die schöne Asa (zum 8. April und 14. Juni, 1888 veröffentlicht); Der Bösewicht von Askalon (zum 14. Juni); Der Berg (zum 7. Oktober, 1890 veröffentlicht); Der unschuldige Prudenzij (zum 14. August, 1891 veröffentlicht).

Legendäre Charaktere ist wahrscheinlich in den 1880er-Jahren erschienen. Im Vorwort schreibt Leskov:
Vor dreißig Jahren, zu einer Zeit, da bei uns viel über die Frauenfrage geschrieben wurde, konnte man häufig hören, der Ruf der Frau wäre in Russland durch die Überlieferungen, an die unsere Vorfahren glaubten, sehr geschädigt worden. Denn in diesen Überlieferungen, sagte man, würden die Frauen beständig als Verführerinnen dargestellt, die nichts weiter im Sinn hätten, als die Männer von ihren erhabenen Lebensaufgaben abzubringen und sie für ein Leben der Sinnenlust und des Unverstandes zu gewinnen. Einige mehr hitzige als gründliche Freunde der Frauenfrage hatten derartige Beispiele herausgegriffen, und diese Beispiele, die kritiklos hingenommen wurden, genossen seitdem die Bedeutung überzeugender Fakten. Trotzdem ist jene Behauptung nichts weiter als eine Lüge; davon kann sich ein jeder leicht überzeugen, der sich wirklich bemüht, die weiblichen Typen der Heiligenlegende kennenzulernen. Das soll hier versucht werden.
Beim Durchforschen des ,Prologs’, der mir als reiche Quelle für Erzählungen wichtig war, fand ich genau einhundert Themen oder ,Beispiele’, die mehr oder weniger taugliches Material für dichterische Wiedergabe boten, und in fünfunddreißig von diesen hundert Geschichten spielt die Frau eine Rolle.

Leskov schrieb auch Märchen. Das war jedoch nicht das Genre, in dem er sich wohl fühlte. Seine Satire tötete – anders als bei Saltykow-Schtschedrin – das Märchen. Die Zeit des erfüllten Willens Gottes (1890, auch Die Zeit nach Gottes Willen) – das Thema hatte ihm Tolstoi gegeben, der aber mit Leskovs Arbeit nicht zufrieden war. Noch in seinem Tagebuch von 1898 schreibt Tolstoi am 12. Juni:
Leskov benutzte mein Thema – und schlecht. Mein herrlicher Gedanke war: drei Fragen: Welche Zeit ist die wichtigste? Welcher Mensch? Und welche Tat? Die Zeit – jetzt, diese Minute; der Mensch: der, mit dem man jetzt zu tun hat, und die Tat: die, um seine Seele zu retten, d. h. die Taten der Liebe tun.
Als Kleine Märchen werden Malanja – der Schafskopf, Tod im Apfelbaum und Dummköpfchen bezeichnet. Seine erste Satire Scherz und Ernst schrieb Leskov bereits im Jahr 1871. Hier geht es ihm noch mehr darum, die Lächerlichkeit der Zustände zu zeigen, es fehlt noch die tragische Komponente, die Saltykow-Schtschedrins Satiren so „brutal“ macht; wirklich bissige, schon fast beleidigende Satiren schrieb er erst im Alter. Über seine Alterswerke äußerte sich Leskov einmal:
Meine letzten Werke über die russische Gesellschaft sind durchweg grausam: Der ‚Pferch’ (1893), ‚Ein Wintertag’ (1894), ‚Die Dame und das Weib’ (1894) … So etwas gefällt dem Publikum nicht wegen seines Zynismus und seiner Offenheit. Aber mir liegt gar nicht daran, dem Publikum zu gefallen. Mag es sich durch meine Erzählungen an der Kehle gepackt fühlen, wenn es sie nur liest. Ich weiß sehr wohl, wie man ihm gefällt, aber ich will nicht mehr gefallen. Ich will es geißeln und quälen. Der Roman wird zur Anklageschrift gegen das Leben.
Darüber hinaus ist „Scherz und Ernst“ noch eine Chronik, wie er zu dieser Zeit viele geschrieben hat, eine Chronik, in der viele einzelne Episoden aneinandergereiht sind.
Sein zweites rein satirisches Werk Aufzeichnungen einer Unbekannten schrieb Leskov erst 1884. Diese Aufzeichnungen sind scharfe, antiklerikale Humoresken, die ein Erzähler zum Besten gibt, weil es Ereignisse sind, die „seinerzeit … offenbar einen ehrenwerten, originellen und ernst gestimmten Kreis der Gesellschaft interessierte.“ Sie erschienen in einer Zeitung, wurden aber bald verboten.

1890 veröffentlichte Leskov das Romanfragment Die Teufelspuppen (gemeint sind Huren), in dem er zwei Porträts „nach der Natur malen“ wollte: eines von Nikolaus I. und eines des berühmten Malers Karl Brjullow; diesen Versuch, einen Roman zu schreiben, brach er jedoch ab und kehrte mit einer satirischen Erzählung wieder zurück: die Mitternachtsgespräche. Paysage und Genre (1894) prangern den Erzpriester der Andreaskathedrale von Kronstadt an, einen heilkräftigen „Wundertäter“ und „Propheten“, den Leskov von ganzem Herzen hasste. Zur Perfektion brachte er das Genre der satirischen Novelle in Ein Wintertag (1894), eine Satire auf die gesamte Gesellschaft, ja auf die Menschheit insgesamt. Der erzählten Handlung liegt ein damals real stattfindender Prozess zugrunde, in dem Testamentsfälschung verhandelt wurde; sie ist praktisch eine Kriminalchronik, die kein Verbrechen auslässt und zudem einen erotischen Hintergrund hat.

Das letzte Werk vor Leskovs Tod ist die Satire Die Hasenremise. Beobachtungen, Erfahrungen und Abenteuer des Onoprij Peregud aus Peregudy (auch: Das Hasenversteck oder Der Tolpatsch), die er 1894 schrieb. Sie erschien aber erst post mortem 1917. Der „Held“ der tragikomischen Erzählung, der schon als Kind etwas „unterbelichtet“ war, ist Insasse eines Irrenhauses und erzählt, wie er, nachdem er Dorfgendarm geworden war, verkappte Nihilisten aufspüren wollte. Er war der Meinung, dass er nur so den hohen Anforderungen seines Berufsstandes gerecht werden könne. Aber immer, wenn er glaubte, sie aufgespürt zu haben, waren sie verschwunden; letztendlich stellt sich heraus, dass sein eigener Kutscher derjenige welcher gewesen wäre. Da aber ist es schon zu spät und der Held lebt friedlich in der Anstalt und strickt für die Bewohner Strümpfe.

(1) (zitiert nach Vsevolod Setschkareff: N. S. Leskov – sein Leben und sein Werk)
Ein Großteil der Erzählungen sind in
Nikolai Leskov. Gesammelte Werke in Einzelbänden
(Hrsg. Eberhard Reißner, Rütten & Loening, Berlin (1975), auf deutsch erschienen (die Titel der einzelnen Bände sind durch Fettung kenntlich gemacht):

1863 – 1871
Schafochs (1863)
Liebe in Bastschuhen (1863)
Die Lady Macbeth aus dem Landkreis Mzensk (1865)
Die Kampfnatur (1866)
Kotin der Ernährer und Platonida
Scherz und Ernst (1871)

1872
Die Klerisei
1873 – 1878

Der versiegelte Engel (1873)
Pawlin (1884)
Der verzauberte Pilger (1873)
Der eiserne Wille (1876)
Am Ende der Welt (1875)
Der ungetaufte Pope (1877)
Kleinigkeiten aus dem Bischofsleben (1879)

1879 – 1888
Die Teufelsaustreibung (1879)
Das Kadettenkloster (1880)
Der unsterbliche Golowan (1880)
Der Linkshänder / Der stählerne Floh (1881)
Der Toupetkünstler (1883)
Das Tier (1883)
Das Schreckgespenst (1885)
Der Raubüberfall (1887)
Der Wachposten (1887)
Figura (1889)
Die Geschichte vom Christen Theodor und von seinem Freund dem Juden Abraham (1886)
Die uneigennützigen Ingenieure (1887)
Der Gaukler Pamphalon (1887)
Der Berg (1890)
Die schöne Asa (1890)
1890 – 1894
Die Zeit nach Gottes Willen (1890)
Mitternachtsgespräche (1893)
Das Tal der Tränen (1892)
Improvisatoren (1892)
Der Pferch (1893)
Ein Wintertag (1894)
Die Dame und das Weib (1894)
Der Tolpatsch (1894, erschienen p.m. 1917)




Nikolaj Semënovič Leskov – Sein Leben

 

Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

Leskov war wohl der russischste unter allen russischen Dichtern, sogar russischer als Dostoevskij; westeuropäische Einflüsse und Interessen (wie bei Dostoevskij für Balzac, Schiller, Hoffmann) waren ihm völlig fremd. Er wurzelt ganz in der russischen Scholle, und der Ausländer lernt das eigentliche Antlitz Russlands (des alten) aus seinen Erzählungen viel besser kennen als aus den Werken Gogols, Dostoevskijs oder Tolstojs.

So schreibt 1922 der 1906 aus Moskau nach München emigrierte Literaturkritiker und bekannte Übersetzer vieler russischer Schriftsteller Alexander Eliasberg (*1887, †1924) in Russische Literaturgeschichte in Einzelporträts. Er schätzt an Leskov „die Fähigkeit, jede Bagatelle zu einem atemberaubenden Drama zu machen“ und fährt fort:

Das russische Wort, und zwar das wirklich gesprochene und nicht geschriebene, gebrauchte und liebte er nicht nur als Mittel, seine Gedanken auszusprechen, sondern als etwas Primäres und Autonomes; er lässt es Purzelbäume schlagen und jongliert damit, z. B. in der unübersetzbaren Erzählung ,Der stählerne Floh’, wie ein Christian Morgenstern.

Thomas Mann, der durch Eliasberg mit der russischen Literatur vertraut wurde, nannte Leskov „einen erstaunlichen Fabulierer“, als er 1921 das erste Mal mit seinem Werk in Berührung kam.

Maxim Gorkij, der „Literaturpapst“ der Revolution, schreibt über ihn:

Als Meister des Wortes nimmt Leskov einen würdigen Platz neben so bedeutenden schöpferischen Meistern der russischen Literatur wie Tolstoj, Gogol, Turgenev und Gončarov ein. An Kraft und Schönheit steht das Talent Leskovs kaum hinter dem jedes dieser Mitgestalter am Buch der Bücher von der russischen Erde zurück. An Umfang und Weite der erfassten Erscheinungen des Lebens, an Tiefe des Verständnisses für die Rätsel des Alltags, an subtiler Kenntnis der großrussischen Sprache aber übertrifft er nicht selten noch diese seine Vorläufer und Mitkämpfer.

Und an anderer Stelle:

Ich habe im Leben Dutzende von hervorragenden, begabten Menschen mit großen Talenten kennengelernt, in der Literatur – dem ‚Spiegel des Lebens’ – fanden sie jedoch entweder überhaupt kein oder nur ein so verschwommenes Abbild, dass ich sie gar nicht bemerkt habe. Bei Leskov aber, der unermüdlich dem eigenartigen, originellen Menschen auf der Spur war, gab es solche Leute, wenngleich sie nicht so aussahen, wie sie meiner Ansicht nach hätten aussehen müssen.

Oder:
Der Grundzug ihres Wesens ist ihr Opfermut, doch sind es nicht ideologische Erwägungen, die sie veranlassen, sich für eine Wahrheit oder eine Sache aufzuopfern; das geschieht vielmehr unbewusst, einfach, weil es sie zur Wahrheit, zum Opfer hinzieht. Leskov gestaltet seine Helden als Gerechte, als starke Menschen, die zäh und verbissen eine weltumspannende Wahrheit suchen, aber er hat für sie keine hysterischen Tränen wie Dostoevskij, sondern verhält sich zu ihnen mit der Ironie eines gutmütigen und nachdenklichen Menschen.

Gorkij zollte Leskov höchstes Lob, indem er von ihm sagt: „In der Seele dieses Mannes verbanden sich auf einzigartige Weise Gewissheit und Zweifel, Idealismus und Skeptizismus“, und er bekennt im Vorwort zu Leskovs Gesammelten Werken: „Ich denke, dass auf mein Verhältnis zum Leben Pomjalovskji, Uspenskij und Leskov – jeder auf seine Art – einen Einfluss ausgeübt haben“.

Wie aus diesen Zitaten hervorgeht, war es nicht nur das schriftstellerische Können Leskovs, das Gorkij anzog, es war auch die Einstellung, die er emotional mit ihm teilte: Beide waren erbitterte Kämpfer für soziale Veränderungen und beide lehnten – in unterschiedlichem Grad – Gewalt im Sinne einer blutigen Revolution (oder gar einen Bürgerkrieg) ab (siehe auch das Literaturessay Maxim Gorki, Revolutionär und Pragmatiker). Im Gegensatz zu Gorkij war Leskov jedoch kein revolutionärer, sondern ein utopischer Sozialist – wenn man denn seine Grundüberzeugung überhaupt einzuordnen versucht. (Die utopischen Sozialisten glaubten, die Gesellschaft in Harmonie, durch Überzeugungskraft verändern zu können.)
Gorkij und Leskov waren seelenverwandt, sie waren von ähnlichem Charakter (der Seele eingebrannte Eigenschaften) und es zeigt sich in diesem Zusammenhang einmal mehr, dass es ungerecht ist, Gorkij allein vor dem Hintergrund seiner pragmatischen Phase zu beurteilen.

Die Unbedingtheit, mit der Leskov Reformen forderte, jede Gewalt aber ablehnte, seine unbeugsame Haltung, seine Geradheit, Offenheit und Impulsivität machten ihn bei seinen Zeitgenossen dagegen nicht beliebt. Die oppositionellen Intellektuellen hielten ihn für einen Moralisten Tolstojscher Prägung oder einen Prediger christlicher Werte und für einen Feind revolutionärer Ideen, ja sogar für einen Feind jeglicher Veränderung; die Konservativen sahen in ihm einen Kritiker staatlicher und kirchlicher Hierarchie und Umstürzler, wobei beide bis zu einem gewissen Grad recht hatten. Leskov wollte einen gewaltfreien Mittelweg gehen. Die Gesellschaft war damals jedoch so zugespitzt in Revolutionäre und Regierungsanhänger (also die, die vom herrschenden System profitierten) gespalten, dass ihn die einen als Reaktionär und die anderen als Revolutionär abstempelten und er zwischen den sprichwörtlichen Stühlen landete.

Leskov selbst erklärt seine Auffassung von der Aufgabe der Literatur wie folgt:

Ich liebe die Literatur als ein Mittel, das mir all das auszusprechen ermöglicht, was ich für wahr und gut ansehe; wenn ich das nicht tun kann, verliert die Literatur für mich jeden Wert … Ich kann das Prinzip von der ‚Kunst um der Kunst willen’ absolut nicht begreifen. Nein, die Kunst muss einen Nutzen bringen – nur dann hat sie einen Sinn.

Und 1869 führt er aus – und daran kann man u. a. erkennen, dass er auf einem anderen Weg als all seine Schriftstellerkollegen zur Schriftstellerei gekommen ist, nämlich über den Journalismus:

Es ist eine alte Erkenntnis, dass die Literatur aufgeschriebenes Leben ist und der Literat eine Art Sekretär seiner Zeit darstellt, er ist Chronist, kein Erfinder von Geschichten; und wo er aufhört, Chronist zu sein, und zum ‚Geschichtenerfinder’ wird, da verschwindet jegliche Bindung zwischen ihm und der Gesellschaft. Sein Wort verliert an Eindringlichkeit, sein Gedanke büßt seinen Halt ein und findet kein Echo, seine Gestalten werden zu toten Schemen und erwecken kein Mitgefühl mehr. Die Verbindung eines Schriftstellers mit der Gesellschaft ist so organisch, dass ein Bruch von der einen Seite her sofort auch den Abbruch von der anderen Seite zur Folge hat. Wenn ein Schriftsteller die Ereignisse falsch versteht und sie in unwahrer Gestalt wiedergibt, dann verliert er in dem Augenblick, da er in seiner Reproduktion das Leben verrät, auch die Aufmerksamkeit seitens der Gesellschaft.

Hier wird deutlich, warum sich Leskov nicht scheute, seine Meinung offen und hart auszusprechen und damit notfalls sein Publikum zu provozieren. Wenn es ihm darum ging, die Realität öffentlich zu kritisieren, nahm er kein Blatt vor den Mund, nahm keine Rücksicht darauf, ob er damit Tabus verletzte oder gar den Zorn der Leser herausforderte. Gleichzeitig befolgte er hier auch die Grundregel des Journalismus, immer aktuell zu sein.
Diese journalistische Sichtweise seines Schreibens kommt auch in einem offenen Brief von 1884 zum Ausdruck, den er, bezogen auf seinen heftig angegriffenen Roman Nekuda (dt. Ohne Ausweg, Die Sackgasse), geschrieben hat: „Ich besitze Beobachtungsgabe und vielleicht eine gewisse Fähigkeit, Gefühle und Motive zu analysieren, aber ich habe nur wenig Phantasie.
Und tatsächlich hat er, anders als seine zeitgenössischen Kollegen, in all seinen Romanen und Erzählungen niemals Lösungsmöglichkeiten angedeutet; er hat immer nur berichtet.

Die gnadenlose Kompromisslosigkeit, mit der Leskov als richtig Erkanntes vertrat, wird auch in seinem Verhältnis zu Tolstoj, den er aufrichtig schätzte, ja verehrte, und den er 1887 endlich auch persönlich kennen lernte, deutlich. (Tolstoj schrieb nach dem Treffen in einem Brief an einen Bekannten: „Leskov war da. Was für ein kluger und origineller Mensch!“)

Im November 1887 schrieb Leskov an Čertkov, einen engen Mitarbeiter Tolstojs:

Was Lev Nikolaevič betrifft, ist mir alles teuer und alles unaussprechlich interessant. Ich bin immer einverstanden mit ihm und es gibt auf Erden niemand, der mir teurer wäre als er. Das, was ich mit ihm nicht teilen kann, bringt mich nie in Verlegenheit: Teuer ist mir sein Allgemeines, sozusagen die vorherrschende Stimmung seiner Seele und die furchtbare Penetranz seines Verstandes. Wo er Schwächen hat, sehe ich seine menschliche Unvollkommenheit und staune darüber, wie selten er Fehler macht, und das auch nicht im Hauptsächlichen, sondern in den praktischen Anwendungen, die immer veränderlich und von Zufälligkeiten abhängig sind.

Und sechs Jahre später bekannte Leskov in einem Brief an Tolstoj selbst:

Wenn ich schreibe, dann sehe ich stets Sie vor mir und hole auf diese Weise Ihren Rat ein … es gibt niemanden, der mir so viel bedeutete wie Sie und der mir so unvergesslich im Gedächtnis bliebe.

Das hinderte ihn jedoch nicht daran, die Anhänger Tolstojs und ihr „entartetes“, geckenhaft zur Mode gewordenes Tolstojanertum in seiner 1894 erschienenen Erzählung „Ein Wintertag“ heftig, ja satirisch, zu verspotten.

Wer war nun dieser Mann, der sich seiner Überzeugung gehorchend zwischen alle Stühle setzte?

Nikolaj Semënovič Leskov (dt. Schreibweise Nikolai Semjonowitsch Leskow, auch Lesskow [DDR], Ljesskow, Pseudonym M. Stebnickij) wurde geboren am 4. jul. / 16. greg. Februar 1831 in Gorochovo (Gouvernement Orël) und starb am 21. Februar jul. / 5. März greg. 1895 in St. Petersburg.
Im Gegensatz zu den berühmteren Schriftstellerkollegen seiner Zeit entstammte er nicht einer alten Adelsfamilie und gehörte nicht zur sogenannten gebildeten Gesellschaft, in der die Kinder von Gouvernanten erzogen und von privaten Lehrern all das lernten, was man damals glaubte, wissen zu müssen. Was nicht heißt, dass seine Eltern ungebildet gewesen wären: Leskovs Vater entstammte einer erblichen Popenfamilie und wurde kurz vor seinem erzwungenen Abschied als Beamter noch in den Kleinadel (niederer Beamtenadel) erhoben. Seine Einstellung zur Kirche war bei aller Religiosität aufgeklärt, wodurch sicher der Keim für den „Protestantismus“ des Sohnes gelegt wurde, denn die Mutter war streng orthodox.

Seine Kindheit verbrachte der kleine Nikolaj auf einem Vorwerk – ein kleiner abgeteilter Teil eines Gutshauses, den sein Vater (ebenso wie zwei dazugehörige Bauernfamilien) gekauft hatte –, recht unbeschwert zusammen mit den Dorfkindern; das Vorwerk war ein strohgedecktes Häuschen, bestehend aus einem Zimmer, in dem er mit seinen Eltern und sechs Geschwistern lebte.

Über seine Schulzeit schreibt Leskow 1885 in Autobiographische Notizen:

Wenn ich mir ins Gedächtnis zurückrufe, was das für Leute waren, die uns Unterricht erteilten, und auf welche Weise das vor sich ging, so kommt mir dies noch heute lächerlich vor. Einen Lehrer hatten wir, Funkendorf, der erschien häufig total betrunken zum Unterricht und schlief dann am Pult ein, den Kopf auf der Tischplatte, plötzlich aber sprang er auf, rannte mit dem Lineal in der Hand in der Klasse herum und drosch blindlings auf uns los, wobei es ihm völlig gleichgültig war, wen er erwischte und wohin er traf. Einem Schüler, ich glaube, er hieß Jakowlew, hieb er mit der Kante des Lineals ein Ohr ab, wie weiland Petrus dem Knecht Malchus, und niemand fand etwas dabei oder regte sich gar darüber auf.

Das Gymnasium war Nikolajs Sache nicht; er hatte zu viel andere Dinge im Kopf, warf die Schule hin und ging als Schreiber ans Kriminalgericht. Bald schon – wie hätte es anders sein können! – bereute er diesen Schritt, er bereute ihn zeit seines Lebens und machte sich Vorwürfe. Immerhin erreichte er über seinen Vater, dass seine Erhebung in den Adelsstand rechtskräftig wurde; damit konnte er 1848 in die „erste Kategorie“ eines Kanzleibeamten aufrücken. Durch die Protektion seines Onkels kletterte er sehr schnell in der Beamtenhierarchie hinauf und wurde an das Oberlandesgericht in Kiew versetzt. Je höher er kletterte, umso größer wurde seine Aversion gegen das Beamtentum. 1857 schmiss er wieder hin. Er verließ den Staatsdienst und trat in die Firma des Mannes seiner Tante, eines russifizierten Engländers, ein, die in ganz Russland „vom Schwarzen bis zum Weißen Meer [südlichstes bis nördlichstes Russland, hmw] und von Brody [Westukraine, hmw] bis nach Krasnojarsk [Südwestsibirien, hmw]“ Handelsgeschäfte betrieb. Das sollte entscheidend für sein Leben werden. Drei Jahre lang lernte er die vielen Völker des Reiches kennen, ihre Sitten und Gebräuche, die Unterschiede in ihrem Glauben und die vielen Sekten. Keiner seiner Zeitgenossen konnte von sich behaupten, so viel von Russland zu kennen. Fragte man den alten Leskov, woher seine einmalige Kenntnis Russlands stamme, so deutete er mit dem Finger auf seinen Kopf und sagte:

Alles kommt aus diesem Kasten … Während ich drei Jahre lang kreuz und quer durch Russland fuhr, hat sich in meinem Kopf Stoff angesammelt, der für das ganze Leben gereicht hat und den man weder auf dem Nevski Prospekt noch in den Petersburger Restaurants und Kanzleien findet.

Die Berichte, die er für seine Firma schrieb, zeigten, dass er schriftstellerisch begabt war, und nachdem die Firma bankrottgegangen war, schrieb er 1859 einen Artikel über die „Branntweinunruhen“, der dann auch veröffentlicht wurde. Es folgten weitere Artikel, darunter der Text „Über die Arbeiterklasse“, in dem der journalistische Ansatz seines Schreibens ganz deutlich wurde:

Die russische Literatur ist an Beobachtungen dieser Art außerordentlich arm … Es gibt Leute, die zur sogenannten gebildeten Schicht gehören und es mit ihrer Würde für nicht vereinbar halten, über Dinge, die das Auge abstoßen und die übel riechen … genau Bescheid zu wissen und darüber offen zu sprechen … Es ist an der Zeit, von dem Gedanken Abstand zu nehmen, dass sich die Literatur nicht mit dem befassen muss, was wir stets vor Augen haben und worunter wir alle direkt oder indirekt leiden, sondern mit etwas Besonderem.

Mit diesen Artikeln war der Schriftsteller Leskov geboren. Seine Artikel wurden fortan von verschiedenen Zeitschriften gedruckt und mit steigender Selbstsicherheit widmete er sich auch der Politik.
1861 fand die „Bauernbefreiung“ durch Alexander II. statt; sie missglückte und führte die Bauern lediglich in andere wirtschaftliche Abhängigkeiten und brachte weitere Verelendung. Die Gesellschaft radikalisierte sich, revolutionäre Demokraten (Černyševskij und seine Freunde) forderten einen Umsturz, und wer für eine gemäßigte Veränderung eintrat, war gemäß dem Motto „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“ ein Gegner. Leskov aber hoffte auf die von Alexander II. eingeleiteten Reformen.

1862 gab es den nächsten Bruch in Leskovs Leben: eine Verleumdung, die seinen Ruf ruinierte und deren Folgen er sein ganzes Leben zu tragen hatte. In St. Petersburg waren Brände ausgebrochen und es wurde gemunkelt, die revolutionären Intelligenzler seien die Brandstifter. Die Behörden unternahmen nichts, um die Verursacher festzustellen, und nährten so indirekt die Gerüchte. In seiner impulsiven und aufrechten Art forderte er in einem Artikel:

Inwieweit all diese Verdächtigungen im Volke begründet sind und inwieweit Befürchtungen, dass die Brandstiftungen mit dem letzten widerlichen und empörenden Aufruf, der zur Zerstörung des gesamten sozialen Baus auffordert, in Verbindung stehen, wagen wir nicht zu beurteilen. Ein solches Urteil auszusprechen wäre etwas so Grauenvolles, dass die Zunge erlahmt und Entsetzen die Seele erfasst. Doch wie dem auch sei, selbst wenn die Petersburger Brände tatsächlich etwas mit den wahnsinnigen Taten politischer Demagogen zu tun haben sollten, so kommen sie uns doch in keiner Weise als für Russland gefährlich vor. Es bedarf keiner Geheimnisse. Auf das Volk kann man sich kühn verlassen und ebenso kühn muss man deshalb zu sagen wagen, ob die Gerüchte, die in der Hauptstadt über die Brände und die Brandstifter kreisen, in irgendeiner Weise begründet sind oder nicht. Die höllischen Bösewichter zu schonen, wäre falsch, doch ebenso wenig sollte man auch nur ein Haar auf dem Kopfe eines in der Hauptstadt Wohnenden riskieren, der von diesen nicht ungefährlichen Verdächtigungen des Volkes betroffen wird. Wir sprechen nicht alles aus, was wir wissen; die Polizei sollte diese Gerüchte besser kennen als wir und sie hat die Pflicht, sie auszusprechen, wenn sie das Zutrauen der Allgemeinheit und ihre Mitarbeit verdienen will.

Weiter rief Leskov in diesem Artikel dazu auf, Hilfstruppen zu bilden, die beim Löschen helfen und denen, die bei den Bränden ihr Hab und Gut verloren hatten, zur Seite stehen sollten. Das Gesagte aber wurde von der liberalen Presse in einer Atmosphäre von bis zur Dummheit fanatisierter politischer Hetze und Selbstgerechtigkeit völlig und teilweise mutwillig verdreht und als Parteinahme gegen die fortschrittlichen Kräfte ausgelegt. Es gab eine unvorstellbare Verleumdungsorgie, von deren Ausmaß man sich heute keine Vorstellungen machen kann; er wurde unwiderruflich zum Reaktionär gemacht und man unterstellte ihm sogar, Angehöriger der Geheimpolizei zu sein. Von diesem Schlag erholte sich Leskov zeit seines Lebens nicht mehr und sein Leben hätte ohne diese verbale Vernichtung auch literarisch einen völlig anderen Verlauf genommen, denn er verschliss seine Kräfte im Kampf um seine Reputation und musste zum Broterwerb Sachen schreiben, die er sonst nicht in Betracht gezogen hätte.
Leskov verließ Russland und reiste 1862 als Korrespondent seiner Zeitung durch Europa: Litauen, Weißrussland, die Ukraine, Galizien, Böhmen, Frankreich – neue Eindrücke, die sein Wissen erweiterten. Zurückgekehrt zeigte er, dass seine Reise ins Ausland durchaus kein Kleinbeigeben oder gar eine Flucht gewesen war; er griff erneut seine Gegner bei jeder sich bietenden Gelegenheit heftig an.

1863 veröffentlichte Leskov seine erste Novelle Ovcebyk (dt. Titel Der Schafochs), in der ein religiös motivierter Mann durch sein beispielhaftes Leben versucht, die Menschen zu ändern und die Gesellschaft zu bessern. Er erklärt und „predigt“ seinen Mitmenschen. Nach und nach aber muss er erkennen, dass er sich nur lächerlich macht und nichts bewirkt. Schlussendlich erhängt er sich. Die Erzählung ist eine deutliche Anspielung auf die sozialen Intelligenzler und auf die „Dummheit“ der Bauern, die offensichtlich gar keine Veränderung wollten.

„Vorgeschädigt“ durch den oben genannten Artikel war die Veröffentlichung ein Misserfolg, der ihn sogar in wirtschaftliche Schwierigkeiten brachte. Das focht ihn jedoch nicht an und er veröffentlichte 1864 unter dem Pseudonym M. Stebnickij seinen ersten großen Roman, das erste russische antinihilistische Werk, Nekuda (dt. Ohne Ausweg, Die Sackgasse), in dem er die radikaldemokratischen Ideen und deren Vertreter scharf und auch ungeschminkt attackierte. In den Autorenbekenntnissen im Jahr 1884 sagt er zu dem Roman: „Ich hatte keinerlei Tendenz“; er bestand darauf, nur das beschrieben zu haben, was er gesehen und gehört hatte.

Viel später schreibt Leskov dazu in einem Artikel:

Zwanzig Jahre lang habe ich schwere Verleumdung ertragen und sie verdarb mir ein Weniges: – nur ein Leben … jahrelang war mir selbst die Möglichkeit zur Arbeit genommen … Und all das wegen meines Romans ‚Ohne Ausweg’, in dem einfach das Bild der Entwicklung des Kampfes der sozialistischen Ideen mit den Ideen der alten Ordnung nachgezeichnet ist. Er enthielt weder Lügen noch tendenziöse Phantastereien, sondern nur einen photographischen Abdruck dessen, was vorging. Die sympathischste Gestalt im Roman ist sogar ein Sozialist (Rainer, den ich Arthur Benni nachbildete). Jetzt sagt Fürst Bismarck, dass man mit den Sozialisten in manchen Dingen rechnen müsse, und ich zeigte damals in einer lebenden Gestalt, dass sozialistische Ideen etwas Gutes in sich haben und der Ordnung eingefügt werden können, die für das möglichst große Wohl einer möglichst großen Anzahl von Menschen zu wünschen ist. – In der literarischen Welt aber wurde erdichtet, dass dieser Roman auf Bestellung der III. Abteilung [Geheimpolizei, hmw] geschrieben worden sei, die mir für ihn viel Geld gezahlt habe. Dies verdarb meine Position in der Literatur und, da ich außer der Literatur keinen anderen Beruf hatte, verdarb mir dies mein Leben für ganze zwanzig Jahre. Diese niederträchtige Verleumdung zu widerlegen, gab es gar keine Möglichkeit, denn man sprach nur darüber, ohne es zu drucken. Im Druck beschränkte man sich auf Anspielungen …

Man kann auch hier wieder kaum übertreiben, wenn man die Hetze der „liberalen“ Presse gegen Leskov und ihre katastrophale Wirkung schildert.

Nekuda wurde zu einer Zeit, da führende Vertreter der Nihilisten (Černyševskij und Pisarev) verurteilt und der polnische Aufstand blutig niedergeschlagen wurden, als zynisches Pamphlet wider die Nihilisten aufgefasst und sein Verfasser galt ab da bei den fortschrittlichen Kräften als Verfemter. (Interessant ist, dass es auch hier wieder Gorkij war, der als einer von ganz wenigen diesen Roman 1909 verteidigte – was sowohl für Gorkij als auch für Leskov spricht.) Doch auch die zweite Verleumdungskampagne focht Leskov zwar physisch, nicht aber in seinen Überzeugungen an, und er veröffentlichte 1865 Obojdënnye dt. Die Übergangenen) und 1870/71 Na nožach (dt. Bis aufs Messer), zwei Romane, in denen er noch viel heftiger in die gleiche Kerbe schlug. (Beide sind in deutscher Sprache leider nicht erhältlich – was allein schon aus literaturhistorischen Gründen schade ist.) Na nožach hat sogar von Revolutionären verübte Verbrechen zum Thema, wobei er wahrscheinlich nur ein spannender Kriminalroman sein sollte und missinterpretiert wurde (wie Vsevolod Sečkarëv festgestellt hat). Damit war er bei den immer stärker polarisierten Reformern politisch endgültig erledigt.
Dostoevskij wurde seine antirevolutionäre, ja konservative Haltung verziehen, Leskov nicht. Tolstoj, der ihn in einem Gespräch mit Gorkij sogar über Dostoevskij stellte und wahrlich kein politischer Revolutionär war, schwebte unangreifbar über allem.
Dass Leskov überhaupt bis heute literarisch überlebt hat, dürfte sicher zum großen Teil der Gorkijschen „Absolution“ zu verdanken sein, wobei in der DDR-Literatur immer darauf verwiesen wird, dass der friedliebende Leskov am Ende seines Lebens – in der höchst reaktionären Zeit Alexanders III. – immer mehr zu der Erkenntnis kam, dass eine Revolution wohl nicht zu vermeiden sein würde. Gut geheißen oder gar gefordert hat er sie dennoch nicht; im Gegenteil, seine ethischen und religiösen Ansichten glichen, wie jene Tolstojs, eher denen der Urchristen; allerdings ging er darin nicht so weit wie Tolstoj, der verlangte, dass man dem Bösen keinen aktiven Widerstand entgegensetzen dürfe.
Auf westlicher Seite hat sich vor allem Professor Vsevolod Sečkarëv (*1914, †1998) Leskovs angenommen, immer wieder auf seine literarischen Qualitäten hingewiesen und eine ausführlichere Beschäftigung mit Leskovs Werk gefordert (vgl. N. S. LESKOV – Sein Leben und sein Werk).

Wichtig für Leskovs Leben war der Auftrag des Volksbildungsministers aus dem Jahr 1863, in das Gebiet der „Altgläubigen“ (Raskolniki) zu reisen und einen Bericht über ihr Schulwesen zu schreiben.
(Kurze Begriffsbestimmung: Im Jahr 1652 reformierte der Patriarch Nikon die Texte und Riten der orthodoxen Kirche; 1666/67 spaltete sich ein eine Gruppe ab und trennte sich schließlich völlig von der Mutterkirche; sie wurde und wird die Gruppe der „Raskolniki“ – wörtlich übersetzt „Abspalter“ – genannt, „die Altgläubigen“. Im Gegensatz dazu nennen sich die Vertreter der offiziellen Kirche „Pravoslavnyje“, „die Rechtgläubigen“.)
Auf diese Weise lernte er die Raskolniki kennen und zog immer mehr Vergleiche zwischen ihrem aufrechten Leben und den Missständen in der rechtgläubigen Kirchenhierarchie; viele seiner späteren Erzählungen haben beides zum Thema.

Eine seiner Erzählungen („Der versiegelte Engel“, 1873), die altgläubige Handwerker und die Ikonenmalerei zum Inhalt hat, fand „Gnade“ vor den Augen Alexanders II. und seiner Frau, was ihn automatisch in den höfischen Adelskreisen aufwertete und ihm den Wiedereintritt in den Staatsdienst bescherte. Er wurde 1874 Mitglied der Besonderen Abteilung des wissenschaftlichen Komitees beim Ministerium für Volksaufklärung zur Begutachtung von Büchern, die als Volkslektüre veröffentlicht werden, ein langer Titel für ein einziges Wort: er wurde Zensor, was ihn zwar ärgster wirtschaftlicher Not enthob, ihm jedoch nicht gefiel und sein ohnehin schon ramponiertes Ansehen bei den Fortschrittlichen noch weiter ruinierte.

1877 schaffte er es, zusätzlich beim Minister für Staatsvermögen unterzukommen, was ihm finanziell mehr Luft verschaffte; er wurde dort aber 1880 schon wieder gefeuert. Mit seiner Erzählung „Kleinigkeiten aus dem Bischofsleben“, in der er 1879 Kritik am bornierten und rückständigen russischen Klerus übte, hatte er seine Gönner verprellt – sein Ansehen bei den Fortschrittlichen war dagegen zum ersten Mal gestiegen.

1883 veröffentlichte Leskow in der Zeitschrift Historischer Bote einen Aufsatz mit dem Titel „Priesterliches Bockspringen und Gemeindelaunen“, in dem er einige Fakten (d. h. wahre Ereignisse) aus den Untersuchungsakten des Kirchengerichts des Heiligen Synods „ausplauderte“, wie z. B.:

Während der Abendandacht setzte sich Vater Kyrill, der total betrunken war, im Allerheiligsten, angetan mit seinem heiligen Gewand, auf den Diakon Pjotr und ritt auf ihm um den Altar herum, in der Weise etwa, wie das Kinder zu tun pflegen, wenn sie Bock springen.

Und natürlich berichtete er von den Ränken und Intrigen der Priester, ihren Schlägereien untereinander und dergleichen unwürdigem Verhalten.
Man legte ihm nahe, um seine Entlassung aus dem Staatsdienst zu bitten, er weigerte sich und wurde ein weiteres Mal gefeuert. Damit war er nicht nur seine Stellung als Zensor los, er war ganz aus dem Staatsdienst entlassen.

Wie alle anderen Schriftsteller veröffentlichte er in den 1880er- und 1890er-Jahren in den unter Alexander III. übrig gebliebenen regierungsfreundlichen Zeitschriften. Seine immer stärker werdende Kritik an Regierung und Kirche verschaffte ihm allmählich Ansehen bei den Fortschrittlichen – sowie im Gegenzug Feindschaft bei den Konservativen – und er fand 1889 auch einen Verleger für seine Gesammelten Werke, die ein unerwarteter Erfolg wurden. Er hatte jedoch nicht mit dem guten Gedächtnis seiner Feinde aus den 1860er-Jahren gerechnet: Der Hauptzensor für seine Gesammelten Werke, den er in seinem Roman Nekuda persönlich attackiert hatte, schickte Band sechs, der die Kleinigkeiten aus dem Bischofsleben, andere kritische Erzählungen aus dem geistlichen Bereich und den erwähnten Aufsatz über die „priesterlichen Bocksprünge“ enthielt, an die kirchliche Zensur. Der Band wurde verboten, eingezogen und verbrannt.

Dieses Ereignis nahm sich Leskov im wahrsten Sinn des Wortes derartig zu Herzen, dass es ihn nach einigen Jahren das Leben kosten sollte: Er bekam seinen ersten schweren Angina-Pectoris-Anfall. Bald kamen die Anfälle immer häufiger, schon bei den geringsten Aufregungen, an denen es bei seinem cholerischen Charakter natürlich nicht mangelte; hinzu kam die Angst: Es war der berühmte Circulus vitiosus. Im Februar 1895 bekam Leskov eine Lungenentzündung und nach einer qualvollen Woche machte sein Herz nicht mehr mit. In den letzten Jahren seines Lebens war er eine bekannte Persönlichkeit gewesen und so wurde er unter großer Anteilnahme der Bevölkerung zu Grabe getragen. Wie groß in den letzten Jahren seine Distanz zur Institution Kirche geworden war, zeigte, dass er im Verlauf seiner Krankheit und auch im Tod keinen Geistlichen bei sich haben wollte; beigesetzt wurde er zwar mit den obligatorischen Gesängen, aber ohne jede Ansprache oder gar Predigt – so hatte er es verfügt.

Nikolaj Semënovič war ein höchst begabter Schriftsteller, der sich jedoch aufgrund seines Schicksals nicht vollständig entfalten konnte; er war anders als seine berühmten Kollegen immer ein Journalist ohne philosophische Ambitionen, für den Aktualität und Gerechtigkeit immer im Vordergrund seines Schaffens standen; er war ein Freigeist und Freidenker, der sich von niemandem vereinnahmen ließ, nicht vom Staat, nicht von der Kirche und schon gar nicht von Ideologien; was er als falsch und schlecht erkannt hatte, brachte er unbarmherzig ans Licht der Öffentlichkeit – ohne Rücksicht auf Personen (seine eigene eingeschlossen!).
Vsevolod Sečhkarëv schreibt im schon oben erwähnten Werk N. S. LESKOV – Sein Leben und sein Werk:

Nur die Leidenschaft für das Ethisch-Gute, die, der Vernunft unterstellt, die Menschheit zum Heil führen könnte, ist als Basis seines Denkens und Fühlens überall spürbar.
Die reine Ethik und die reine Liebe zur Kunst bleiben als Grundlage der scharfen Ausschläge seines temperamentvollen und widersprüchlichen Wesens bestehen. Gewiss, nichts Menschliches, wie im Guten so auch im Bösen, war ihm fremd, doch gerade in dieser allumfassenden Gegensätzlichkeit scheint ja das Wesen echter Künstlerschaft zu liegen.

Die Tragödie von Leskovs Lebens war, dass ihm ab 1889, als er endlich angesehen war, als er nicht mehr um des Broterwerbs willen Vieles scheiben musste, was ihm nicht so sehr am Herzen lag, aus gesundheitlichen Gründen die Kraft fehlte, sein schriftstellerisches Können zu vervollkommnen und unter Beweis zu stellen. Er hatte sich aufgerieben.

Weiterführende Literatur: Alexander Eliasberg: Russische Literaturgeschichte in Einzelporträts (C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung, München 1922)
Vsevolod Setschkareff: N. S. Leskov – Sein Leben und sein Werk (Otto Harrassowitz, Wiesbaden 1959)
Reinhard Lauer: Geschichte der russischen Literatur. Von 1700 bis zur Gegenwart (C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung, München 2000)

Das Werk Leskovs wird im zweiten Teil dieses Essays behandelt.




Fußball-WM-Quali: Russland am Freitag gegen Portugal

Moskau. Am Freitag findet im Moskauer Luschniki-Stadion das Spitzenduell in der Gruppe F zwischen Russland und Portugal statt. Um 17:00 Uhr (MEZ) wird in Moskau der dritte Spieltag der Fußball-WM-2014-Qualifikation eröffnet. Mit Russland und Portugal treffen nicht nur die beiden Gruppenfavoriten aufeinander, sondern auch die beiden Mannschaften, die die Gruppe F anführen.

Russland steht nach einem 2:0-Erfolg gegen Nordirland und einem 4:0-Kantersieg in Israel aufgrund des Torverhältnisses an der Spitze der Gruppe F. Dicht dahinter folgen die Portugiesen, die sich nach einem 2:1-Sieg in Luxemburg auch gegen Aserbaidschan keine Blöße gegeben hatten (3:0). Beide Mannschaften haben sechs Zähler während die gesamte Konkurrenz erst bei einem Punkt steht.

 

Bisher hat Fabio Capello eine eindrucksvolle Bilanz als Cheftrainer der Sbornaja vorzuweisen. Nicht einmal ein Gegentor musste Russland bisher in den Qualifikationsspielen hinnehmen. Doch mit den Portugiesen wartet am Freitag der mit Abstand härteste Konkurrent um den Gruppensieg und die damit verbundene direkte Qualifikation für die WM-Endrunde in Brasilien.

 

Capello hat für das Spiel gegen Portugal und am 16. Oktober um 17:00 Uhr (MEZ) gegen Aserbaidschan Igor Denissow wieder berufen, Andrej Arschawin wurde aufgrund fehlender Spielpraxis beim FC Arsenal wieder nicht berücksichtigt. Auch Roman Pawljuschenko und Pawel Pogrebnjak sind wie bereits für die beiden ersten Quali-Spiele nicht berücksichtigt worden.

 

Ronaldo wahrscheinlich dabei

 

Der portugiesische Torjäger Cristiano Ronaldo von Real Madrid zog sich bei einem Fallrückzieher-Versuch am Wochenende gegen den FC Barcelona (2:2) eine Schulterstauchung zu. Für die Nationalmannschaft Portugals dürfte er aber schon wieder bereit stehen. Der Star-Stürmer soll nach Angaben des Team-Arztes der Selecçao voraussichtlich rechtzeitig fit werden.

 

Capello lebt sich in Moskau ein 

 

Fabio Capello sprach mit „UEFA.com“ über sein momentanes Leben in Moskau: „Ich bin gerade angekommen, ich lebe in einem Hotel“, sagte er zu „UEFA.com. „Moskau ist eine schöne Stadt, Russland eine sich entwickelnde Nation. Man sieht viele hübsche Dinge. Zum Beispiel all die Stadien, die für die Weltmeisterschaft gebaut wurden. Das ist wirklich eine Nation, in der es sich zu leben lohnt“, ergänzte Capello.

 

Trotz aller Euphorie gibt es aber auch Probleme für Don-Capello: „Alles ist in Kyrillisch geschrieben. Es ist schwierig, das kyrillische Alphabet zu lesen und zu lernen. Ich brauche immer einen Übersetzer, und das macht es etwas schwieriger, genau das zu sagen, was ich sagen möchte. Manchmal nämlich helfen einem der richtige Ausdruck und das richtige Wort sehr. Das ist wirklich schwierig. Aber wie bei allen schwierigen Herausforderungen, nehme ich auch die gerne an“, sagte der 66-jährige Italiener gegenüber „UEFA.com“.