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Autor: Michael Barth - russland.NEWS - russland.TV

Das surreale Konglomerat St. Petersburg

[von Michael Barth] Der Newsky Prospekt sei ein einziger Lug und Trug, befand einst der literarische Surrealist Nikolai Gogol in seinen Petersburger Novellen. Was er 1835 mit der Schilderung eines Straßenzuges in der Kulturmetropole an der Newa schonungslos offenlegte, gilt bis heute stellvertretend für eine ganze Stadt. Es ist nicht der Glanz der prächtigen Fassaden, der den wahren Charakter St. Petersburgs ausmacht, es ist vielmehr der ungeschminkte Blick dahinter.

Dem geläufigen Besucher mag während seiner Kurzvisite der Zarenstadt ein bleibender Eindruck von Pracht und Schönheit aus schmucken Zeiten haften bleiben. Wer jedoch für längere Zeit in der Fünfmillionen-Stadt am Finnischen Meerbusen weilt, wird schnell des aufgesetzten, heuchlerischen Prunks überdrüssig sein. An diesem Punkt beginnt St. Petersburg sein wahres Gesicht zu offenbaren – der Kontrast von Licht und Schatten, von vermeintlichem Wohlstand kaiserlicher Tage und den ständigen, bis heute währenden, Überlebensstrategien seiner Bewohner. Auf den ersten Blick kann das moderne St. Petersburg den europäischen Kultur-Metropolen Berlin oder Paris mit seinen Bars, Cafés und seiner Szene durchaus das Wasser reichen. Beim zweiten Hinsehen allerdings erkennt man, dass es sich um eine russische Großstadt handelt, die ihre eigenen Gesetze schreibt.

Noch immer ist das Denken und Handeln der Russen geprägt von einstiger Leibeigenschaft des alten Zarenreiches und der Reduzierung des Menschen auf einen wirtschaftlichen Faktor später während der Sowjetzeit. In den Nuller-Jahren gesellte sich der stilprägende Ausbruch aus den Normen und gesellschaftlichen Zwängen hinzu, so dass sie mittlerweile von sich behaupten können, zu den eigenartigsten Hipstern dieser Welt zu zählen. St. Petersburg ist ein einzigartiges, surreales Konglomerat aus Vergangenheit und Gegenwart, dessen Zukunft sich täglich neu erfindet. Um bei all den Umtrieben den Kopf nicht zu verlieren, so scheint es, haben die Petersburger ihre ihnen eigene Arroganz entwickelt. Der Schwermut der viel bemühten russischen Seele, gepaart mit der Dynamik der Moderne, illustriert das besondere Flair, das hier an der Newa herrscht.

Von der Kunst zu leben

St. Petersburg ist eine Stadt, die gespickt ist mit Kontrasten. Eine Stadt der Möchtegerns und Habenichtse, der Aufsteiger und derjenigen, die bereits von vorn herein verloren haben. Eine Stadt der prächtigen Fassaden und der tristen Hinterhöfe, in denen die Bewohner fernab aller Touristenströme ihren Alltag bewältigen. Diesen Kontrasten hat sich der Fotograf Daniel Biskup in seinem neuesten Bildband St. Petersburg – Kontraste, erschienen im Verlag Salz und Silber, angenommen. Biskup besucht Museen und schlägt sich gleichermaßen in den angesagten Clubs die Nächte um die Ohren, nicht ohne auf der Fahrt mit der Metro den, gedankenverloren in sich gekehrten, Passagier abzulichten.

Biskup als Fotograf ist in seinem Metier ein Kaliber für sich – bei ihm ist der Beruf Berufung. Er hat den Blick für das Wesentliche, das sich nur allzu gern hinter dem Vordergründigen versteckt. Das, was man nicht sucht, aber intuitiv findet, wenn man nur aufmerksam genug durchs Leben streift. Und jedes mal, wenn Daniel Biskup in seiner Dunkelkammer verschwindet, darf man gespannt sein, mit welchem weiteren Meisterwerk er wieder herauskommt. In dem vorliegenden Bildband werden seine Arbeiten dem Titel mehr als gerecht. High-Heels im Schnee, Paradeuniformen bei Hitze – das sind die kleinen und doch so faszinierenden Nebensächlichkeiten, auf die der Künstler sein Augenmerk richtet.

Während auf dem edlen Newsky Prospekt die Menschen flanieren, findet er sie zehn Meter darunter, durch die Metro-Etage hetzend, wieder. Es ist vorwiegend der Mensch, den er in seinem natürlichen Habitat findet. Der Fleischverkäuferin hinter der Theke ist dabei genauso viel Platz gewidmet, wie dem aufgedonnerten Modell, das sich im Glanz der Straßenlaternen räkelt. Ihren Lebensraum findet Biskup hinter schäbigen, heruntergekommenen Fassaden, die im Widerspruch zu der Touristenstadt mit all ihrem pompösen Gehabe stehen. Der Fotograf nimmt den Betrachter mit in die Kommunalka-Küche und in Wohnungen mit schickem Designerinterieur. Dokumentiert in Bildern, auf denen die Gebrauchsgegenstände wirken, als hätte sie derjenige, der sie zuletzt benutzt hat, eben erst abgestellt.

Somit richtet sich der Bildband St. Petersburg – Kontraste weniger an diejenigen, die an Hochglanzfotos als Reiseerinnerungen interessiert sind, sondern vielmehr an die, die ein tieferes Bild einer Stadt sehen wollen, die auf ihre Art einzigartig ist.

Über den Autor: Daniel Biskup, Jahrgang 1962, entdeckte bereits in seinen frühen Lebensjahren das Metier Photographie für sich. Da ihn die Schule wenig beeindruckte, widmete er sich lieber den Menschen, der Gesellschaft und dem Schönen. Mit 18 Jahren holte er sein Abitur nach und studierte Geschichte, Politik und Volkskunde. 1982 erschien sein erstes veröffentlichtes Foto auf der Titelseite der Allgemeinen Augsburger Zeitung. 1989 gelang Daniel Biskup der Durchbruch als Fotograf, als er das damalige Zeitgeschehen in Berlin dokumentierte. Rund 25 Jahre später reiste er mit seiner Kamera während des Maidans in die Ukraine.

Als Lichtbildner konzentriert er sich auf Menschen in Momenten, die für sie existenziell sind, ohne ihnen zu nahe zu treten. Auf seinen Werken dokumentiert das Schöne, das Menschliche, das Normale. Ganz ohne Hilfsmittel wie Studiolicht oder Bildbearbeitungsprogramm. 2011 wird Biskup einer größeren Öffentlichkeit bekannt. 280 Bilder Über das Leben zeigen auf einer Ausstellung in Berlin den Umbruch in den ehemaligen Ostblockstaaten. Heute befinden sich seine Fotos sowohl in privaten Sammlungen als auch beispielsweise im Russischen Museum in St. Petersburg, im Deutschen Historischen Museum in Berlin oder im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn.

Daniel Biskup: St. Petersburg – Kontraste, Verlag Salz und Silber 2017, 264 Seiten, 280 Abbildungen, ISBN: 978-3-00-057266-1




Sowjetische Postkarten zur Oktoberrevolution Teil 2

Da in Russland zur Zeit der Oktoberrevolution noch der julianische Kalender Gültigkeit hatte, verschob sich die Revolution nach der Umstellung auf die gregorianische Zeitrechnung kurzerhand vom 25. Oktober auf den 7. November. So mag es heute etwas verwirrend erscheinen, dass in Russland dem Umsturz erst am morgigen Tag gedacht wird.

Zu Sowjetzeiten galt jener Tag, aus dem sich damals mit der Erstürmung des Winterpalastes im heutigen St. Petersburg die UdSSR herausgeformt hatte als Feiertag und wurde dementsprechend zelebriert. Dass die Revolte seinerzeit weit weniger heldenhaft verlief, wie es die sowjetische Propaganda glauben machen wollte, ist heute unbestritten.

Während Sergej Eisensteins Revolutionsepos „Oktjabr“ von ausdrucksstarken Bildern vom Sturm auf die Zarenresidenz geprägt ist, gilt inzwischen unter Historikern gesichert, dass die Meute der Revolutionäre zuerst den Weinkeller des Zaren plünderte.

Welche Bedeutung die Oktoberrevolution jedoch für das Staatsgebilde der UdSSR hatte, wird an den Erinnerungen deutlich, zu denen auch die Postkarten im zweiten Teil unserer kleinen Serie zählen.

Beim Anklicken der Bilder öffnet sich eine größere Darstellung.

Zum ersten Teil der Postkarten-Serie gelangen Sie hier >>>

[mb/russland.NEWS]




Ein Zar, seine Stadt und reichlich Liebelei

[von Michael Barth] Zar Peter der Große setzte im Jahre 1703 den ersten Spatenstich, um eine Stadt zu bauen – seine Stadt. Heute ist sie unter dem Namen St. Petersburg bekannt, lockt jährlich gut fünf Millionen Touristen an und zählt inzwischen zu den zehn sehenswertesten Städten der Welt. Unter welchen widrigen Bedingungen der Zar dem Sumpf jedoch sein Stück Land abgerungen hat, das wissen nur die wenigsten.

Es ist schon etwas Besonderes, eine Stadt in einer Landschaft zu planen, die unwirtlicher nicht sein könnte. Einer Landschaft der jeder feste Boden in mühevoller Arbeit abgetrotzt werden will, die von sich aus keinerlei Lebensgrundlage bietet. Peters Visionen von seiner Stadt, sie sollten sich erfüllen. Menschen bewegen sich dort heute wie selbstverständlich auf befestigten Wegen, leben in prächtigen Häusern, gehen in prunkvolle Kirchen, fahren mit Autos auf den Straßen. Das glänzende St. Petersburg ist zweifellos eine Perle der Architektur.

Bauherren haben im Lauf der Zeit etwas Prächtiges, etwas Einzigartiges entstehen lassen. Mit welchen Mühen, unter welchen Qualen diese Stadt entstanden ist, davon handelt der große St. Petersburg-Roman von Martina Sahler Die Stadt des Zaren, erschienen im List-Verlag. Die Autorin erzählt darin vom Aufbruch in ein Abenteuer, zu dem Menschen aus allen Himmelsrichtungen anreisen, um das monumentale Vorhaben des Zaren Wirklichkeit werden zu lassen – Russlands Fenster zum Westen. Sie verwebt die Geschichte um die Gründung der Stadt mit fiktiven Handlungssträngen ihrer Protagonisten, die teils historisch belegt sowie frei erfunden sind.

Im Mittelpunkt der Erzählung steht, neben Peter dem Großen natürlich und dessen Adlatus Fürst Alexander Menschikow, die deutsche Arztfamilie Albrecht, die dem Ruf des Zaren gefolgt ist, um ihr Schaffen in den Dienst des werdenden St. Petersburgs zu stellen. Dass sich schon bald die älteste Tochter in einen rechtschaffenen schwedischen Kriegsgefangenen verliebt, ist die logische Konsequenz, die sich wie ein roter Faden durch die Erzählung zieht. Die weiteren Personen und deren Erlebnisse veranschaulichen das Vielvölkerkonglomerat, das die Baustelle St. Petersburg zum Leben erweckt.

Es wäre fahrlässig, den Roman mit den Augen der historischen Akribie eines Simon Sebag Montefiores (Die Romanows und Katharina die Große und Fürst Potemkin) betrachten zu wollen. Auch wenn Martina Sahler auf historische Unterlagen zurückgreifen konnte, erreicht deren Auswertung bei weitem nicht die tiefe Gründlichkeit eines Historikers. Dafür steht die fiktionale Handlung des Romans zu sehr im Vordergrund, was die Geschichte jedoch nicht weniger interessant und attraktiv gestaltet. Die Stadt des Zaren ist ein Buch, das in erster Linie unterhalten soll.

Diejenigen unter den Lesern, die St. Petersburg kennen oder zumindest schon einmal besucht haben, werden sich wiederfinden in den glamourösen Palästen und Kathedralen, die, wenngleich seinerzeit noch aus Holz errichtet, das künftige Stadtbild bereits prägen sollten. Vielleicht wird der eine oder andere bei einer Fahrt mit der Metro im Untergrund der heutigen Metropole an die Menschen denken, deren Schicksal eng mit der Stadt verbunden ist. An die Knochen der Leibeigenen und Kriegsgefangenen, denen diese ehrgeizige Baustelle das Leben kosten sollte.

Und selbst der unbedarfte Leser wird schnell erkennen, dass St. Petersburg weit mehr als nur eine Stadt von vielen ist – dass St. Petersburg etwas Besonderes ist.

Martina Sahler: Die Stadt des Zaren, List-Verlag 2017, 520 Seiten, ISBN: 978-3-471-35154-3




Sowjetische Postkarten zur Oktoberrevolution Teil 1

In der Nacht vom 25. auf den 26. Oktober 1917 gab der Panzerkreuzer „Aurora“, der im damaligen Petrograd vor Anker lag, einen Schuss aus seiner Bordkanone ab. Dies war das Zeichen zur Erstürmung des Winterpalastes durch die Horden der Bolschewiken.

Was darauf folgte ist heute gemeinhin als Oktoberrevolution bekannt. Das Zarenreich war ab diesem Zeitpunkt Geschichte und die über 70 Jahre andauernde Herrschaft des Kommunismus zog in Russland ein.

Vieles hat sich seit damals verändert. Petrograd, das nach der Machtübernahme der Sowjets in Leningrad umbenannt wurde, heißt heute wieder St. Petersburg wie zur Zarenzeit, der Kanonenschuss der Aurora wird mittlerweile ins Reich der Legende verwiesen und ob sich der Sturm auf das Gebäude der heutigen Eremitage wirklich so heroisch abgespielt hat, sei dahin gestellt.

Geblieben sind sowjetische Erinnerungen, des in der einstigen UdSSR gefeierten Tages der Machtübernahme der Bolschewiki. So zum Beispiel in Form von Postkarten, von denen wir Ihnen hiermit den ersten Teil einer kleinen Serie präsentieren wollen. Schwelgen Sie mit, in Erinnerungen an ein Dreiviertel-Jahrhundert real existierenden Sozialismus.

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[mb/russland.NEWS]




Steinmeiers Wege aus der Negativspirale

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist der erste Bundespräsident, der seit 2010 wieder eine Reise nach Russland angetreten hat. Der Anlass der Dienstreise zum Reformationstag birgt eine brisante Note. Steinmeier soll das zerrüttete Verhältnis zu Europa kitten. Ein Spagat zwischen Hoffen und Fordern.

Das Programm des deutschen Bundespräsidenten ist dem Feiertag, der an Luthers gut gemeinten Vorschlag erinnern soll, dass die Kirche und ihre Schäfchen doch etwas humaner miteinander umgehen sollten, angepasst. Kranzniederlegung am Grab des unbekannten Soldaten, Gespräche mit Menschenrechtlern sowie ein Treffen mit dem einstigen Reformer des sowjetischen Staates, Michail Gorbatschow, stehen auf dem Dienstplan von Frank-Walter Steinmeier.

Zunächst wendet sich Steinmeier an die rund 40.000 registrierten Lutheraner, die in Russland registriert sind. Seit heute dürfen die paar Hundert unter ihnen, die in Moskau zu der Gemeinde zählen, ihre Hauptkirche, die Kathedrale Sankt Peter und Paul wieder ihr eigen nennen. Mit dabei ist Heinrich Bedford-Strom, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands. Nach der Enteignung durch die damalige Sowjetunion diente die Kirche als Kino und später als Produktionsort für Dia-Rahmen. Harte und zähe Verhandlungen seien es gewesen, bis das Gotteshaus endlich wieder an die Gemeinde zurück gegeben wurde, sagt der Oberhirte.

Ganz jedoch will der russische Staat das Gelände nicht hergeben. Schließlich haben in zwei großen Gebäuden des Areals russische Geheimdienste ihre Zentrale. Diese Nachbarschaft bleibt den Lutheranern erhalten. Gepriesen sei dein Name, im Himmel wie auf Erden. Die Kirchturmuhr, im Besitz des Inland-Geheimdienstes FSB verblieben, zeigt an, dass sich die Zeiten geändert haben. Denn die Dienstreise des Bundespräsidenten hat auch eine politische Tragweite. Aus Trotz und Abneigung gegenüber der russischen „Machtpolitik“, wie er es damals nannte, setzte der Vorgänger Steinmeiers, Joachim Gauck, keinen Fuß auf russischen Boden. Das blieb sieben lange Jahre so.

Reformationen zum Reformationstag?

Sieben Jahre, in denen die Zeit nicht stillgestanden ist und sich das Verhältnis zwischen Deutschland, beziehungsweise der Europäischen Union und Russland weit voneinander entfernt hat. Deshalb will Steinmeier, ganz passend zum Feiertag, versuchen zu reformieren. „Wege aus der Negativspirale von Konfrontation, Vertrauensverlust und gegenseitigen Vorwürfen finden“, bezeichnete er es in einem Interview mit der russische Zeitung Kommersant. Dann wolle er noch weiter mit dem russischen Staat verhandeln. Zwar bezog sich dieser Satz auf die Rückgabe des Kirchengeländes von Sankt Peter und Paul, aber der Unterton zur aktuellen Politik ist unüberhörbar.

Wie eiferte Steinmeier doch noch vor nicht allzu langer Zeit in der estnischen Hauptstadt Tallinn: „Kein fremder Staat hat das Recht, sich zur Schutzmacht in unserem oder in Ihrem Land aufzuschwingen. Solche Einflussnahme lehnen wir ab. Deshalb werden wir die völkerrechtswidrige Annexion der Krim durch Russland nicht anerkennen.“ Mit dieser Haltung wird es schwierig sein, einen Konsens im Sinne Luthers mit Russland zu finden. Dementsprechend vorsichtig kündigte er in weiser Voraussicht an: „Ich gehe zwar ohne Illusionen in dieses Gespräch, aber die Bedeutung des deutsch-russischen Verhältnisses ist so groß, dass man es sich nicht erlauben kann, nicht miteinander zu sprechen.“

Vielleicht ist der Zeitpunkt der Russlandreise des amtierenden Bundespräsidenten gar nicht einmal so ungünstig. War es doch Frank-Walter Steinmeier, der bereits in seiner Funktion als Außenminister die Nato-Manöver im östlichen Bündnisgebiet als gefährliches Säbelrasseln brandmarkte und versuchte im Ukraine-Konflikt mit zähen Verhandlungen zu vermitteln. Steinmeiers Name steht quasi stellvertretend für unendliche Dialogbemühungen.

Aber auch Russland, das vom vielgepriesenen Schlüsselpartner zur größten Bedrohung der westlichen Werte mutiert zu sein scheint, ist derweil nicht untätig und stimmt einem Einsatz von Blauhelm-Soldaten der UN-Friedenstruppen im Krisengebiet des Pufferlandes zwischen Europa und Russland vorbehaltlos zu – ganz im Sinne der Reformation. Dass bei dem Treffen selbstverständlich noch weitere Fragen erörtert werden, versteht sich von selbst. Dafür ist Steinmeier Vollblutpolitiker genug, um diese fast historische Chance nicht wahrzunehmen. Und ganz im Stile eines großen Staatsmanns verzichtet Frank-Walter Steineier auf militärisches Empfangsgedöns und glamouröses Tamtam. Ganz im Sinne Luthers.

[Michael Barth/russland.NEWS]




Russischem „Aktionskünstler“ droht in Frankreich Psychiatrie

In Russland will man ihn ins Arbeitslager stecken, in Frankreich in die Psychiatrie. Pjotr Pawlenski bezeichnet sich selbst als „Aktionskünstler“. Dass ihn seine „Kunst“ dabei immer wieder vor die russische Justiz brachte, schien seine Ausdrucksform zu sein. Nachdem er sich bei Nacht und Nebel aus Russland abgesetzt hat, sorgt er nun in Frankreich für gehörigen Wirbel.

Sicher, über Kunst lässt sich streiten. Mitunter ist die Kunst sogar das Sujet an sich. Nur, wo fängt Kunst an und wo hört sie endgültig auf? Mit derlei überflüssigen Fragen beschäftigt sich der Aktionskünstler Pjotr Pawlenski gar nicht erst. Egal was er tut, es ist halt Kunst. Für ihn zumindest, denn wer käme auf die Idee, sich den Hodensack auf dem Pflaster des Roten Platzes in Moskau festzunageln, dieses als künstlerisch wertvoll zu bezeichnen? Allerdings, und darauf zielt Pawlenski ab, die Aufmerksamkeit ist ihm gewiss – weil es schräg ist. Verdammt schräg sogar. So manche Zeitgenossen sind dagegen der Meinung, er habe einfach nur einen Knall.

Im Grunde muss man dem 33-Jährigen einen Hang zur Selbstzerstörung vorwerfen. Er selbst sieht seine Aktionen, bei denen er seinen eigenen Körper als Ausdrucksmittel einsetzt als „politische Kunst“. „Der Anlass für meine Arbeiten ist der Wunsch des Staates, die Menschen zu erschrecken, indem er Angst als Steuerungsinstrument nutzt“, sagt Pawlenski über seine Arbeiten. Kann man so sehen, muss man nicht. Eigentlich begann die zweifelhafte Karriere des Pjotr Pawlenski ganz klassisch auf der Staatlichen Stieglitz-Akademie für Kunst und Kunstgewerbe in St. Petersburg. Dort studierte er Wandmalerei und begann ein Aufbaustudium an der Schule für junge Künstler am Institut Pro Arte.

Wie weit darf Kunst gehen?

Als im Jahr 2013 die nicht minder umstrittene Protestgruppe Pussy Riot ihr „Skandalgebet“ in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale aufführte und daraufhin verhaftet wurde, nähte sich Pawlenski kurzerhand den Mund zu, um so gegen die Unterdrückung der Meinungsfreiheit in Russland zu protestieren. Kurz darauf wickelte er sich vor einem Regierungsgebäude in St. Petersburg nackt in eine Rolle Stacheldraht. Nach seiner aufsehenerregenden Hodensack-Aktion wurde schließlich ein Ermittlungserfahren wegen Hooliganismus gegen ihn eröffnet. Dies wiederum kürte Pawlenski gleichzeitig mit dem fragwürdigen Titel als einflussreichster russischer Künstler, zugesprochen vom Internetportal Artguide.

Wenn es denn der Kunst dienlich ist, dann schneidet sich der Künstler schon mal ein Ohrläppchen ab. Allerdings nicht wie Kunstkollege Vincent van Gogh einst in den Klauen der „Grünen Fee“ Absinth, sondern nackt und aus purer Überzeugung. So geschehen 2014 auf dem Dach des Serbski-Zentrums für Sozial- und Gerichtspsychatrie. „Das Messer trennt das Ohrläppchen vom Körper. Die Betonwand der Psychiatrie trennt die Gesellschaft der Vernünftigen von den unvernünftig Kranken“, hieß es hinterher in einem offiziellen Statement des Protest-Aktivisten. Als Pawlenski im November 2015 die Tür des Inlandsgeheimdienstes FSB in Brand setzte, brachte ihn selbiger zuerst in Gewahrsam und danach vorübergehend in die Psychiatrie.

Als wenn das Alles nicht schon schräg genug wäre, setzte die US-amerikanische Menschenrechtsorganisation Human Rights Foundation den Umtrieben des Selbstzerstörers noch einen Deckel auf, indem sie ihm den „Václav Havel Prize for Creative Dissent“ verlieh. Als jedoch bekannt wurde, dass Pjotr Pawlenski enge Kontakte zu der Protestbewegung „Fernöstliche Partisanen“ in Wladiwostok unterhalten hatte, deren Aktivisten wegen mehrerer blutrünstigen Morde an Polizisten verurteilt wurden, war das der NGO dann doch etwas zu viel – sie nahm ihm den umstrittenen Preis kurzerhand wieder weg.

Exzentrik und Gewalt

Der, bis dahin zumindest, Höhepunkt seiner exzentrischen Karriere setzte mit dem Vorwurf gegen ihn ein, er habe gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Oxana Schalygina die Schauspielerin Anastasia Slonina vergewaltigt. Zudem haften ihm noch Ermittlungen wegen schwerer Körperverletzung an. Ab dem Punkt schien Pawlenski die „Kunst“ ein wenig zu entgleiten, auch wenn er die Vorwürfe bestreitet und, wie könnte es anders sein, als „politisch motiviert“ betrachtet. Im Mai 2017 griff schließlich der französische Staat ins Geschehen ein und gewährte dem autoaggresiven Aktivisten und seiner besseren Hälfte politisches Asyl. Den zehn Jahren Lagerhaft, die ihm in Russland drohen, konnte er sich dadurch fürs Erste entziehen.

In einem Interview mit der Deutschen Welle brüstete sich Pawlenski damit, dass er sich in Paris durch Ladendiebstähle ernähre und in einem besetzten Haus wohne. Und die Katze lässt das Mausen nicht. Kaum in Frankreich eingelebt, zündete er eine Filiale der Nationalbank am Pariser Place de Bastille an. Dort wo 1830 nach der Erstürmung der Königsresidenz die Franzosen in den revolutionären Genuss der Freiheit kamen. „Die Wiedergeburt des revolutionären Frankreich wird das weltweite Feuer der Revolutionen entzünden. In diesem Feuer wird die Befreiung Russlands beginnen“, resümierte der „Künstler“, sprach’s und tat’s.

Die Franzosen jedoch sahen in der Aktion weit weniger Pathos und nahmen ihn und seine Begleiterin wegen Sachbeschädigung vorübergehend fest. Nun muss sich Pawlenski am kommenden Mittwoch wegen „Zerstörung von Eigentum auf gefährliche Weise“ verantworten, wie aus Justizkreisen in Paris verlautbart wurde. Da sich das Feuer, das im Eingangsbereich der Bank gelegt wurde, rasch in die inneren Räume ausbreitete, bleibt die Filiale bis auf weiteres geschlossen. Wie seine Anwältin Dominique Beyreuther Minkov der Presse mitteilte, sei der Aktivist in den Hungerstreik getreten, weil die Gerichtsverhandlung nicht öffentlich sei, wie es ihr Mandant gern gesehen hätte.

Mit der Revolution kokettierte Pjotr Pawlenski im Jahr 2014 schon einmal. Aus unterstützendem Protest für den Maidan in Kiew verbrannte er Autoreifen und Motorhauben auf einer Brücke inmitten von St. Petersburg. Als „Garnitur“ für diese Installation verwendete er seinerzeit Metallstangen und ukrainische Fahnen. Schon da drohte ihm die russische Justiz mit einer Unterbringung in einer Anstalt, beließ es jedoch bei einer saftigen Geldstrafe. Da, wo die russische Gesetzsprechung noch einmal Milde walten ließ, könnten nun die französischen Behörden Ernst machen. Denn auch sie drohen Pawlenski mit der Psychiatrie. Somit liegt es an den Franzosen, dem Irrwisch der russischen Künstlerszene ein für allemal die mediale Öffentlichkeit zu entziehen.

[mb/russland.NEWS]




Ukraine: Europa-League im Bürgerkrieg

Donnerstag ist Europapokaltag. Für die großen Vereine ist es der „Verlierer-Cup“, für die kleinen vielleicht ihre große Chance im Haifischbecken Profi-Fußball. Wenn die Tante Hertha aus Berlin heute gegen den ukrainischen Premier-Ligisten Sorja Luhansk antritt, ist das noch einmal was ganz anderes. Es ist Fußball mitten im Bürgerkrieg.

Luhansk liegt 700 Kilometer Luftlinie entfernt südöstlich von Kiew und hat etwas mehr wie 400.000 Einwohner. Der Initiative der russischen Kaiserin Katharina II. ist es zu verdanken, dass die Stadt 1795 zu einem Industriestandort wurde. Im Jahr 1800 brannte der erste Hochofen und 1812 wurde mit den Patronen und Geschossen, die dort gefertigt wurden, die Grand Armee von Napoleon Bonaparte aus dem Land getrieben. Heute ist die Schlacht von Borodino Geschichte und es werden stattdessen Diesellolomotiven gefertigt. Das Werk gilt als die größte Lokomotivfabrik Europas.

Und es gibt einen Fußballklub vor Ort. Sorja Luhansk feierte schon große Erfolge und wurde 1972 sogar sowjetischer Fußball-Meister. In den Jahren 1974 und 1975 stand Sorja im Finale des Pokals der Sowjetunion. Vierzehn Jahre lang spielten die Luhansker damals insgesamt in der höchsten Spielklasse der ehemaligen UdSSR. Dann löste sich das sozialistische Staatenkonglomerat in Nichts auf und Sorja Luhansk musste als Tabellenletzter der daraufhin gegründeten ukrainischen Wyschtscha Liha nach der Saison 1995/96 den Gang in die Zweitklassigkeit antreten, ist kurz darauf sogar in die Dritte Liga abgestiegen. Seit der Spielzeit 2006/07 wieder erstklassig, belegt Sorja derzeit den siebten Platz der Premier-Liga.

Bis dahin entspräche die Vita von Sorja Luhansk der eines jeden anderen beliebigen Fußballvereins in Europa, wäre nicht 2014 der Bürgerkrieg im Südosten der Ukraine ausgebrochen. Ab dem Zeitpunkt war plötzlich alles anders. Das letzte Heimspiel vom FK Sorja Luhansk wurde Ende April im Luhansker Awangard-Stadion ausgetragen. Seitdem kickt man im 400 Kilometer entfernten Saporischschja in einer modernen Arena, die zwar 12.000 Zuschauern Platz bietet, aber trotzdem für die Mannschaft und deren Fans unendlich weit weg ist. Gerade einmal 3.500 der treuesten Anhänger kann der Verein noch anlocken, das ist der Negativrekord im ukrainischen Fußball.

Nun hat sich Sorja Luhansk bereits zum vierten Mal für einen internationalen Wettbewerb qualifizieren können. Doch hierbei gelten die Regeln der UEFA. Der europäische Dachverband gibt eine bestimmte Größe der Spielstätten für seine Wettbewerbe vor und die inzwischen vertraute Slawutytsch-Arena ist dafür viel zu klein. Also heißt es einmal mehr für Sorja: Umzug in ein anderes Stadion. Mittlerweile war man mal in Kiew, mal in Odessa. Für den Luhansker Klub haben Begriffe wie „Heimspiel“ oder „Heimmannschaft“ deshalb eine etwas zweifelhafte Bedeutung – überall ist man nur zu Gast.

Heute Abend geht es gegen die Hertha aus Berlin. Dieses Mal in Lwiw, ganz im äußersten Westen des Landes, wieder einmal 1.100 Kilometer weit weg von Zuhause. Wenn es dumm kommt, werden es mehr Anhänger des nominellen Gastes sein, die dem Spiel beiwohnen, die sind einfach näher dran. Die Entfernung in die deutsche Hauptstadt beträgt mit dem Flugzeug lediglich 800 Kilometer. In Luhansk erhofft man sich ein gutes Abschneiden gegen den deutschen Traditionsverein, da sich die bisherigen Erfolge in der diesjährigen Europapokalsaison durchaus sehen lassen können.

Nach zwei Spielen mit drei Punkten belegt Sorja Luhansk den zweiten Platz in der Europa-League-Gruppe J. Nur knappe drei Punkte hinter den führenden Schweden aus Östersund, aber stolze zwei Punkte vor – Achtung – Hertha BSC und Athletic Bilbao. „Wir wissen, dass es schwierig ist, aber wir wollen die K.O.-Runde schaffen“, offenbarte der Luhansker Trainer, Juri Wernidub, gegenüber der versammelten Presse. Jedoch, sollte es gut laufen für die Luhansker fernab ihrer Heimat, es stünde eine kleine Sensation ins Haus. Dann wäre, und sei es nur für einen kurzen Augenblick, der Bürgerkrieg in der Ukraine nebensächlich und Fußball wieder das, was es eigentlich ist. Nämlich die schönste Nebensache der Welt.

[mb/russland.NEWS]




Kreml-Kritiker Nawalny erst ab 2030 wählbar?

Obwohl der Oppositionspolitiker Alexej Nawalny Rückenwind aus Straßburg bekam, darf er offenbar doch nicht bei der kommenden Präsidentschaftswahl kandidieren. Der Europäische Gerichtshof rügte Russland am Dienstag, die Verurteilung des Kreml-Kritikers sei reine Willkür gewesen. Nawalny selbst spricht von Sippenhaft.

Russland erntete scharfe Kritik vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte für die Verhaftung und Verurteilung Nawalnys im Streit mit dem Kosmetikkonzern Yves Rocher im Jahr 2014. Während der momentan schärfste Anfechter des russischen Präsidenten seine dreieinhalbjährige Haftstrafe zur Bewährung ausgesetzt bekam, sitzt sein Bruder nach wie vor im Gefängnis. Alexej Nawalny bezeichnet die Strafen als Sippenhaft, um die Opposition in Russland mundtot zu machen.

Das oberste Gericht in Straßburg hingegen nannte die Verurteilung wegen Betrugs und Geldwäsche „willkürlich und offenkundig unangemessen“. Aus Straßburg hieß es, das russische Handelsrecht sei bei dem Verfahren „weit und unvorhersehbar“ ausgelegt worden. Zusätzlich bekamen die beiden Brüder rund 80.000 Euro Entschädigung zugesprochen. Nawalnys Anwältin Olga Michajlowa teilte unterdessen mit, dass sie die Schließung des Falls beantragen wolle.

Michajlowa und das Team um Nawalny veröffentlichten ein Schreiben, in dem es heißt: „Alles war konstruiert, um ein Ziel zu erreichen: Druck auf mich und meine Familie auszuüben, um meine politische Tätigkeit (…) zu verhindern.“ Zusätzliche Vorwürfe von Verfahrensfehlern wurden vom Justizministerium in Moskau zurückgewiesen. Nun muss über eine mögliche Berufung gegen den Richterspruch innerhalb von drei Monaten entschieden werden.

Auch gegen eine weitere Verurteilung wegen eines Holzgeschäfts, bei dem Nawalny Betrug vorgeworfen wird, wehrt sich der Kreml-Kritiker zur Zeit beim Europäischen Gerichtshof in Straßburg. Hierbei wurde er ebenfalls zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Diese Strafe hindert ihn nun an einer möglichen Kandidatur bei den russischen Präsidentschaftswahlen im März 2018, für die er seit Monaten kämpft.

Da seine Festnahmen und Verurteilungen wegen wiederholten Aufrufen zu ungenehmigten Protestdemonstrationen ebenfalls in seinem Strafregister zu Buche schlagen, sieht die Wahlleiterin und ehemalige russische Menschenrechtsbeauftragte Ella Pamfilowa eine Kandidatur Nawalnys unvereinbar mit dem russischen Wahlrecht, wie sie der Nachrichtenagentur Interfax mitteilte. Nawalny selbst jedoch behauptet, dass ihm die russische Verfassung trotz seiner Bewährungsstrafe eine Kandidatur erlaube.

Die Russische Wahlkommission bekräftigte indes ihre Haltung. Nawalnys Vorstrafenregister werde in zehn Jahren und fünf Monaten gelöscht, sofern er sich bis dahin nichts mehr zu Schulden kommen lasse. Bis dahin sei er nicht berechtigt, sich um ein öffentliches Amt zu bewerben, teilte Pamfilowa beim Jugendforum in Sotschi mit und rechnete Alexej Nawalny vor, dass die Möglichkeit russischer Präsident zu werden für ihn erst ab frühestens 2030 möglich sei.

[mb/russland.NEWS]




Der Wilde Westen im russischen Osten

[von Michael Barth] Winnetou, Old Shatterhand, Hadschi Halef Omar, Kara Ben Nemsi und der Schut, wer kennt sie nicht, die Helden aus den Abenteuerromanen Karl Mays? Der Wilde Westen, die Mesopotamische Wüste und das Land der Skipetaren sind Gegenden, mit denen uns der sächsische Aufschneider, der uns Deutschen glauben machen wollte, er hätte all die fernen Länder selbst bereist, in seinen Bann gezogen hat. Einzig Russland schien er nie als Schauplatz seiner Exkurse in Erwägung gezogen haben.

Weshalb eigentlich? Lag Russland doch Europa zu Zeiten Karl Mays, in den Jahren 1842 bis 1912, um ein Vielfaches näher als der nordamerikanische Kontinent, so dass es ein leichtes für ihn gewesen sein müsste, seine Protagonisten auch dort auftreten zu lassen. Oder war Russland einfach nicht spannend genug und Europa zu vertraut, um ein Teil seiner Reiseromane zu werden? Nun, Karl May war in Russland genauso wenig, wie in der Prärie der USA. Jedoch hat er sich der russischen Geschichte mehr bedient als man es annehmen möchte. Es ist weniger das geschriebene Wort, das bei May einen Bezug zu Russland herstellt, sondern eine gewisse Parallelität zwischen den europäischen Erkundungen und Eroberungen auf den beiden Kontinenten.

Bereits im 18. Jahrhundert setzte eine Expansionspolitik der Europäer ein, die weniger dem Interesse an Land und Leuten galt, als viel mehr der Ausbeutung der Bodenschätze, die in den „neuen“ Gebieten zu finden waren. Die ursprüngliche Bevölkerung stand dabei meist im Weg und wurde kurzerhand als „Wilde“ aus dem Weg geräumt. Das geschah, um bei unserem wackeren Sachsen zu bleiben, sowohl im Wilden Westen, als auch in Sibirien. Es darf davon ausgegangen werden, dass Karl May weit mehr aus der russischen Literatur denn aus der amerikanischen schöpfen konnte, da sie seinerzeit um ein Vieles reichhaltiger war und in Europa zur Verfügung stand.

Trapper und Zobeljäger

So wurden bei May aus den Pelzjägern, Fallenstellern und Glücksrittern, die sich über den Ural nach Sibirien wagten, kurzerhand Kunstfiguren, wie Sam Hawkins und Old Firehand. Die indigenen Völker im russischen Asien mutierten zu seinen exotischen Indianerstämmen. Und tatsächlich wusste May offenbar über die verschiedenen Volksgruppen Russlands Bescheid. Auf die Spur führt das Autorenduo Eckehard Koch und Holger Kuße in dem vor Kurzem im Karl-May-Verlag erschienenen Werk „Auch im Osten der Wilde Westen“ aus der Reihe „Karl May im Kontext“ Sie verfolgen die Fährte besonders durch die weniger bekannten Werke Karl Mays, in denen sein Wissen über Russland einfließt.

Schon in seinem Kolportageroman „Deutsche Herzen – Deutsche Helden“ aus den Jahren 1885 bis 1888 schildert May das fiktive sibirische Städtchen „Platowa“, auf dessen Jahrmarkt er ein regelrechtes „Völkerragout“ beschreibt. Auf rund 350 Seiten tasten sich die Autoren akribisch durch die Literatur Karl Mays, um jede noch so kleine Querverbindung zu Russlands Expansionspolitik in Asien aufzuspüren. Der Leser bekommt auf diese Art ein aufschlussreiches Bild über die Erschließung Sibiriens, nicht ohne das Gefühl zu haben, mitten im Wilden Westen zu stehen. Taktgeber der Kolonisierung beider Kontinente war jeweils die Eisenbahn, die es damals ermöglichte, binnen kurzer Zeit weite Entfernungen zu überwinden.

Getroffen haben sich Karl-Mays Wilder Westen und Russlands rauer Osten schließlich in Alaska. Hier findet sich in Mays späten Oeuvres auch erstmals die Erwähnung des russischen Territoriums in der Reihe seiner Gesammelten Werke. Weiterführende Querverweise der Autoren sind hierbei nahezu unerlässlich, um die Komplexität der May’schen Welt zu verstehen. Denn, und das muss sich wohl die Mehrzahl der Leser eingestehen, die in jungen Jahren die Winnetou-Trilogie verschlungen hat, die Wenigsten wissen, dass es noch einen vierten Band über den Apachen-Häuptling in der Gesamtausgabe gibt, der sich mit der spirituellen Welt der Indianerstämme bei Karl May auseinandersetzt.

Von Stambul nach Buchara

Weitere Gemeinsamkeiten der Geschichte Karl Mays und Russlands enthüllen Koch und Kuße in Zentralasien sowie dem Kaukasus. Die politischen Anspannungen Russlands, Englands, des Osmanischen Reiches und Persiens zwischen dem Schwarzen Meer und dem Hindukusch blieben auch in Europa nicht unbemerkt und boten May indirekt das Paradigma von „Bagdad nach Stambul“. Im sogenannten „Orientzyklus“, den ersten fünf Bänden der Gesamtreihe, finden sich daher des öfteren Bemerkungen und Diskussionen mit anderen Romanfiguren zur „Türkenfrage“, die die Politik Russland lange beschäftigte. In persona betreten Türken besonders in Verbindung mit dem Schut den Schauplatz.

Über Russlands Krieg gegen die Perser bediente sich May der russischen Literatur, insbesondere der Frühwerke Lew Tolstois und Puschkin. Zunächst verarbeitete May das damalige mittelasiatische Konglomerat in seiner, wenn man so will, Völkerkunde „Deutsche Herzen-Deutsche Helden“, um in späteren Romanen historische Begebenheiten gezielt in Szene zu setzen. So findet sich beispielsweise die Schlacht von Irdschar, in der sich der Emir von Buchara gegen die Perser als auch gegen die Russen behaupten musste, in Karl Mays Roman „Am Jenseits“ wieder. Selbst General Skobelew, der den russischen Versorgungsschub nach Zentralasien führte, findet bei May Erwähnung.

Den Autoren von „Auch im Osten der Wilde Westen“ gelingt es in ihrem Buch nicht nur den Bogen zu Karl Mays Romanen zu schlagen. Vielmehr eskortieren sie den Leser durch das riesige russische Reich des späten 19. Jahrhunderts, um eine gewisse „Trittsicherheit“ im Umgang mit politischen Zusammenhängen als Grundlage für die Entwicklung der Regionen in heutiger Zeit zu schaffen. Wenn Koch und Kuße das „allgemeine bürgerliche Bildungswissen über die Vielvölkerstaatlichkeit“ Russlands und der späteren Sowjetunion ansprechen, geschieht dies nicht ohne den unterschwelligen Verweis auf Heute.

Denn, anders als in den Vereinigten Staaten, setzte sich Russland seit der Revolution 1917, mit Unterbrechung in der Ära Josef Stalins, tatsächlich für die Selbstbestimmung der Völker ein. Hier stoßen wir auch auf das humanitäre Selbstverständnis Karl Mays, wenn er beispielsweise über die Einpferchung von Völkern in Reservaten schreibt: „Die Verwilderung der Zivilisation ist schlimmer, als jede Wildheit der Wilden.“

Das Buch ist somit eine klare Kaufempfehlung, nicht nur für Liebhaber des umtriebigen Sachsen, der unzählige Jugendliche über Generationen mit seinen Reiseabenteuern in seinen Bann gezogen hat. Jeder, der sich für die russische Geschichte und deren Ausdehnung nach Osten interessiert, wird darin mit Sicherheit noch etwas finden, das den „Aha-Effekt“ beim Lesen hervorruft. Eine grundlegende Frage aus der Kindheit des Rezensenten allerdings konnte auch dieses Buch nicht beantworten: Warum mussten Karl Mays Helden eigentlich nie aufs Klo?

Eckehard Koch, Holger Kuße: Auch im Osten der Wilde Westen, Karl May im Kontext, Karl-May-Verlag 2017, 379 Seiten, 49 Abbildungen, 1 Karte, ISBN: 978-3-7802-0562-9




Bombendrohung legt russische Raiffeisenbank lahm

Das Spiel mit der Angst geht weiter. Seit September beschäftigt eine Serie anonymer Anrufe bei Behörden und Firmen die russischen Sicherheitsorgane. Regelmäßig müssen nach Drohungen Gebäude und Einrichtungen evakuiert und Geschäftsräume geschlossen werden, der dadurch entstandene Schaden geht mittlerweile in die Millionenhöhe. Am gestrigen Freitag wurde die russische Raiffeisenbank zum Ziel von Attentätern.

Wegen einer eingegangenen Bombendrohung sah sich die russische Tochterbank der österreichischen Raiffeisenbank International RBI gezwungen, aus Sicherheitsgründen sämtliche ihrer Filialen in Russland zu schließen und zu evakuieren, wie eine Sprecherin der Bank gestern Nachmittag in Wien der Presse mitteilte.

Betroffen waren 183 Filialen des Geldinstituts in ganz Russland, heißt es. Nach zwei Stunden habe man jedoch laut der Bank Entwarnung geben können, der Anruf habe sich als falscher Alarm herausgestellt. Die Gebäude und Geschäftsräume seien inzwischen alle wieder geöffnet worden und der Betrieb geht wie gewohnt weiter.

„Das Leben sowie die Sicherheit unserer Kunden und Mitarbeiter haben absolute Priorität und deshalb haben wir uns entschieden, kurzfristig alle Räumlichkeiten der Bank und auch das Call Center zu räumen und zu überprüfen“, so die offizielle Meldung aus der Zentrale der Raiffeisenbank International.

Erst vor ein paar Tagen waren St. Petersburger Hotels und Einkaufszentren Opfer von Bombendrohungen geworden. Bisher wurden noch keine Urheber der Anschlagserie, die Russland seit dem 11. September diesen Jahres in Atem hält, identifiziert. Man habe deshalb bereits schon Spuren ins nähere Ausland vermutet, wie die Behörden bekanntgaben.

[mb/russland.NEWS]