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Und die Welt hielt den Atem an und es ging ein gewaltiges Aufstöhnen durch die Welt: „Der Große Weise von Poljana ist tot!“ [Video Classik]

Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

Über den genialen Schriftsteller Lev Tolstoj große Worte zu verlieren – es könnten nur Superlative sein –, hieße „Eulen nach Athen zu tragen“. »Der Meister aller Meister, ein allwissender Shakespeare … «, wie ihn Gustave Flaubert in einem Brief an I. S. Turgenev aus dem Jahre 1880 nach der Lektüre von »Krieg  und Frieden« nannte, ist wirklich nur mit Shakespeare und Goethe in einem Atemzug zu nennen – die er, ganz nebenbei bemerkt, besonders gegen Ende seines Lebens heftig ablehnte, ja, Ersteren gar abqualifizierte.

Der Schöpfer von in jeder Beziehung monumentalen Werken wie »Krieg und Frieden« und »Anna Karenina« war nicht „nur“ Schriftsteller, er war Moral- und Religionsphilosoph und er war vor allem mit der ganzen Zwiespältigkeit seines Wesens – wie er immer wieder von sich sagte – ein sündiger Mensch.

Mit Tolstoj endete die Zeit der russischen Hocharistokratie und das neue Zeitalter der Revolution begann. Obwohl er zum blaublütigsten, russischsten Adel gehörte – die Linie seiner Mutter lässt sich bis zum Gründer des Russischen Reiches Rurik (9. Jh.) zurückverfolgen und in den Zaren seiner Zeit flossen neben deutschem nur noch wenige Tropfen russisches Blut – verabscheute er das Adelsleben und pries das einfache Leben der Bauern, dem er sogar Vorbildfunktion für ein gerechtes und menschliches Leben zusprach. Selbst schaffte er es aber nicht, das adelige Gutsherrenleben aufzugeben – ja im Alter wurde er sogar mehr und mehr der adelige Patriarch schlechthin und er litt immer wieder unter dem Leben entgegen seiner Erkenntnis.

Schon in jungen Jahren machte sich sein messerscharfer Verstand bemerkbar, er analysierte alles und jeden, besonders sich selbst; was nicht mit den Verstand erklärbar war, hatte keine Gültigkeit für ihn.

Der Mensch unterscheidet sich vom Tier durch die Vernunft, sagt er, und somit ist die von Gott gegebene Vernunft die höchste geistige Kraft im Menschen und ein kleiner Teil von Gott und, wer gegen die Vernunft handelt, versündigt sich daher gegen Gott. Und Gott kann auch nichts anderes als die Wahrheit sein; wer sich gegen die Wahrheit versündigt, also lügt, wendet sich von Gott ab, und zwar immer mehr, denn die Lüge gebiert Lüge.

Gott, der in der Vernunft und im Bewusstsein des Menschen vorhanden ist, ist damit ein Gott der Lebenden und nicht der Toten, woraus sich ergibt, dass man nicht für ein imaginäres, nicht vorstellbares Jenseits Sorge tragen soll, sondern für ein gerechtes gottgewolltes Leben auf Erden.

Folgerichtig musste er alle Wunder, alles Unerklärbare, das in den Büchern der Kirche, den Heiligen Schriften, steht, ablehnen. Es war für ihn erdachter Unfug, der einzig allein dazu dienen sollte, durch die Mystifizierung die Macht der Institution Kirche über die Menschen – die ja nichts anderes machen konnten, als zu glauben – zu festigen. Durch diese Mystifizierung wurden Schriftenausleger notwendig, die mit Riten, undurchschaubaren Geboten und Verboten sowie einer angemaßten Macht auch über das Jenseits die Menschen vom Zusammensein mit Gott, wie es im Urchristentum noch vorhanden war, abbrachten. Das Gebaren der kirchlichen Aristokratie, des Klerus, und vor allem deren Zusammenspiel mit der weltlichen Macht fand er verabscheuungswürdig.

Da Gott unendlich ist, kann es auch keinen personalen Gott geben (Gott ist in allem, und wenn der Mensch in der Lage wäre, ihn sich vorzustellen, könnte er nicht per definitionem der unendliche Gott sein), und somit kann Christus – auch wenn er der vollkommenste Mensch war, den es je gab – auch nicht im von der Kirche ausgelegten Sinn der Sohn Gottes gewesen sein – er war ein gottähnlicher Mensch (was streng genommen jeder Mensch werden könnte, wenn er vollkommen in Gott leben würde). Eine unbefleckte Empfängnis Mariens lehnte er als unerklärbar ebenso ab wie die Dreieinigkeit, die Auferstehung Christi, seine Himmelfahrt und die fleischliche Wiederauferstehung der Menschen beim Jüngsten Gericht und alle Wunder einschließlich der wahrhaften Verwandlung von Brot und Wein in Fleisch und Blut Christi beim Abendmahl.

Diese wenigen, aber wichtigen Beispiele sollen genügen. Über Tolstoj als Religionsphilosoph sind ganze Bücher geschrieben worden, die ja nach Standpunkt heftig kontrovers sind und an Aktualität zunehmen.

Dass er mit seinen Überzeugungen in heftigen Konflikt mit der Kirche kommen musste, war zwangsläufig. Und er wurde auch (gegen den Willen des Zaren!) exkommuniziert.

Nun war Tolstoj aber nicht irgendwer, den man als Spinner oder verirrten Sektenführer einfach hätte verschwinden lassen können – in Sibirien oder sonst wo. Er war das große Schriftstellergenie von höchstem Adel, vor dem selbst die Zaren Respekt hatten; seine Schriften erschienen im westlichen Ausland und in diesen Schriften beließ er es nicht bei religiösen Abhandlungen: Er zog praktische Schlussfolgerungen für das Leben der Menschen miteinander.

Das wichtigste Gebot war für ihn das Gebot der Nächsten-, ja, der Feindesliebe, denn in jedem Nächsten war Gott.

Und daraus ergaben sich soziale Grundsätze:

Kein Mensch darf einen anderen töten, sei es aus persönlichen Gründen oder auf Befehl des Staates; was heißt, dass es auch keine Todesurteile und keinen Kriegsdienst geben darf – Tolstoj hatte hier lebhaften „Anschauungsunterricht“ im Krimkrieg und bei einer Hinrichtung mit der Guillotine  in Paris erhalten. Man müsse auch seinen Feind lieben und darf ihn nicht töten, ergo müsse man dem Zaren den Gehorsam und (heute sagt man) den Wehrdienst verweigern. Er war ein radikaler Pazifist.

Aber mehr noch: Man darf seinen Nächsten nicht unterdrücken und nicht zum eigenen Vorteil ausnutzen. Wenn sich einige wenige über die Masse der Menschen erheben, um ihnen vorzuschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben, um sie zu „regieren“, und beispielsweise Steuern eintreiben, so sei das Missbrauch von Macht und Unterdrückung; hinzukommt, dass diese Herrschenden sich auch noch persönlich bereichern. Tolstoj schwebte eine Gleichheit aller auf der Basis der Bauerngemeinschaften vor. Durch die zunehmende Kapitalisierung der Gesellschaft würden wieder nur einige wenige mithilfe des Geldes die anderen versklaven und ausbeuten.

Tolstoj stimmte mit den Zielen der Anarchisten Fürst Kropotkin und Bakunin vollkommen überein, wobei er aber ihren Weg nicht gut hieß – allerdings meinte er hier in erster Linie den Weg Bakunins, der ein militaristischer Anarchist war; Kropotkin war pazifistischer Anarchist. Tolstoj war ein christlicher Anarchist, der glaubte, allein durch die Nächstenliebe, die ja in letzter Konsequenz Gottesliebe ist, werde sich das Miteinander der Menschen ohne Herrschende und Beherrschte regeln.

Tolstoj war am Ende seines Lebens für eine Revolution und diskutierte auch mit Maksim Gorkij darüber, aber seine Revolution sollte eine Revolution des Umdenkens werden, nicht eine, wie sie die Revolutionäre wollten, die nur zu einer Machtumverteilung durch Gewalt führen würde.

Tolstoj hatte auch erkannt, dass es mit Predigen allein nicht getan ist. Er gründete Schulen, in denen er auch selbst unterrichtete, arbeitete Lehrpläne aus – wobei allerdings diese Lehrpläne eher mit den Grundsätzen der antiautoritären Erziehung der 1960er Jahre vergleich bar sind –, er schrieb ABC-Fibeln und er schrieb volkstümliche Erzählungen und Legenden, die der Volksbildung dienen sollten.

Er arbeitete bei seinen Bauern auf dem Feld mit – was diese allerdings mehr als eine Gutsherrenmarotte ansahen –, er schusterte selbst Stiefel, die er auch weiterverschenkte – und die dann bei seinen Freunden als Kuriosum neben seinen Gesammelten Werken im Bücherregal standen –, er wurde Vegetarier und lebte von einfachster Bauernkost – allerdings am gutsherrschaftlichen Esstisch mit der Familie, die sich keine Einschränkungen auferlegte –, und bis in sein hohes Alter inspizierte er hoch zu Ross seine Güter, die nicht mehr seine Güter waren, weil er sie, um seinem Ideal der Besitzlosigkeit näher zu kommen, seinen Erben übergeben hatte.

in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es mehrmals in mehreren Gouvernements große Hungersnöte. Tolstoj und seine Familie halfen mit eigenem und sogar in Amerika gespendetem Geld bis zum Rand der Erschöpfung.

Die Tragik seines Lebens war seine Einstellung zu Frauen allgemein, seine übergroße Sexualität, die ihn immer wieder mit sich selbst in Konflikt brachte, und das Verhältnis zu seiner Ehefrau, das durch seinen ideologisch verbissenen „Lieblingsjünger“ Čertkov (der Name leitet sich sinnigerweise von „Čert“ zu deutsch „Teufel“ ab) endgültig zerstört wurde.

Lev Nikolaevič Tolstoj starb am 7. November julianischer / 20. November gregorianischer (heutiger) Zeitrechnung 1910 im Bahnhofshäuschen von Astapovo umgeben von seinen Jüngern, die seine Frau erst im letzten Moment des Todes zu ihm ließen, nachdem er von seiner Familie geflüchtet war, um irgendwo als Einsiedler zu leben.

Leider wird der Moralist und der Religionskritiker Tolstoj sehr häufig belächelt bis teilweise zielgerichtet verächtlich gemacht; und zu einem Gutteil trägt er auch selbst mit die Verantwortung dafür, denn in seinen geistlichen Schriften und Traktaten ist über Gebühr der große moralische Zeigefinger zu spüren, ja, manche sind zu echten Pamphleten ausgeartet – aber das war der sich in der Wahrheit wissende und diese mit großer Emotionalität schonungslos verkündende Mensch Tolstoj. Seine Überzeugungen werden (von freundlich Gesinnten) nicht umsetzbare Utopien genannt und über seine „Glaubenssätze“ zu diskutieren, ist schwierig, denn wie ist der Verstand und die Vernunft mit der Mystik des Glaubens auf eine gemeinsame Basis zu bringen?

Aber letztlich sind doch alle Heilslehren immer Maximalvorstellungen, also Utopien, denn das leider unvollkommene Wesen Mensch wird immer an deren Erfüllung scheitern. Vielleicht ist es klüger, sich anzuschauen, was Tolstoj damals alles angestoßen hat und was heute bei aller Unvollkommenheit zu Allgemeingut geworden ist.

Eine Argumentation ist aber mit Sicherheit falsch, nämlich das „utopische“ Ziel zu vergessen und sich mit dem (wie es heute politisch korrekt heißt) Machbaren zu begnügen. Allzu leicht wird die Hürde für das Machbare immer niedriger gehängt.

Mahatma Gandhi, ein Freund Tolstojs, der sich selbst als Tolstojaner bezeichnet hat, hat jedenfalls mit der von Tolstoj gepredigten Gewaltlosigkeit ein Imperium besiegt, und auch die jüngste deutsche Geschichte hat hier Ruhmvolles zu verkünden – um nur eine von Tolstojs Thesen aufzugreifen.

Vielleicht sind andere Thesen von ihm auch verwirklichbar.

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Leskow, Nikolaj Semënovič Leskov, Journalist und Schriftsteller

Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)
Mehr als die seiner Zeitgenossen muss man die Werke Nikolaj Semënovič Leskovs im Zusammenhang mit dem politischen Zeitgeschehen sehen, denn aufgrund seiner Herkunft aus dem Journalismus fühlte er sich der Aktualität verpflichtet. Aber er ist kein politischer Schriftsteller im strengen Sinn, denn sein journalistischer Ansatz forderte, über vielerlei zu schreiben, von dem er meinte, dass es seine Leser wissen sollten; und er schrieb für den Leser, es musste also spannend sein – er wollte, im weitesten Sinne des Wortes, unterhalten.

Dass er anders als seine Schriftstellerkollegen jahrelang durch ganz Russland gereist war und die verschiedensten Völker und ihre Gebräuche und ihren Glauben kennengelernt sowie mehrmals im Ausland gelebt hatte, bescherte ihm eine Vielzahl von Themen. Man kann seine Werke demnach nicht nur zeitlich, sondern auch thematisch ordnen, was auch Leskov selbst gemacht hat, als er sie für die Herausgabe in seinen Gesammelten Werken in Zyklen zusammenfasste.
Die journalistische Herangehensweise an das Schreiben bedingte außerdem, dass Leskov Erzählungen weit mehr lagen als Romane; hier erbrachte er teilweise wahre Meisterleistungen.

Das Leben Nikolaj Semënovič Leskovs wurde in Teil 1  ausführlich dargestellt. In diesem zweiten Teil geht es um seine schriftstellerische Tätigkeit.

Seine Romane,
Romanchroniken, kleineren Chroniken und romanhaften Memoiren sind alle in der ersten Zeit seines Schaffens entstanden und haben alle politischen Charakter: Ohne Ausweg (1864, auch: In der Sackgasse) – unter dem Pseudonym M. Stebnickij veröffentlicht –, Die Übergangenen (1865), Die Inselbewohner (1866), Bis aufs Messer (1870/71, auch: Mit blanken Messern), Ein rätselhafter Mensch (1870) – eine Lebenschronik des Garibaldi-Anhängers Arthur Benni –, Ein absterbendes Geschlecht (1874, auch: Ein degeneriertes Geschlecht) – Leskovs eigenes Lieblingswerk, das zu den besten russischen Familienromanen zählt – und Irrlichter (1875, auch: Kinderjahre) – Kindheitserinnerungen des Autors.

Da Leskov, wie er selbst sagte, zu wenig Fantasie hatte, um Personen zu erfinden, nahm er sich lebende Personen als Vorbilder, die er dann ausspann; gewollt oder ungewollt (häufig gewollt!) erkannten sich die realen Personen jedoch (und auch die anderen erkannten sie) und waren erbost über die ihnen zugedichteten Eigenschaften oder Handlungen. Das brachte ihm heftige, langjährige Feindschaften ein und seine Werke wurden als Pamphlete (aus der Sicht der Angegriffenen nicht ganz unverständlicherweise) zerrissen; dass er außerdem heiße Eisen in diesen Romanen anfasste, wog zusätzlich schwer.

Die genannten Romane sind – mit Ausnahme der Irrlichter – in deutscher Sprache nicht erhältlich, daher soll hier nicht weiter auf sie eingegangen werden. (Vsevolod Setschkareff beschäftigt sich in N. S. Leskov – Sein Leben und sein Werk näher mit ihnen.)

Aus dem aufgezogenen Rahmen fällt ein bislang noch nicht erwähntes Werk: Leskovs satirische Romanchronik Soborjane (1872, dt. Titel Die Klerisei), die die wohl authentischste Beschreibung der orthodoxen Geistlichkeit in der russischen Literatur darstellt und ihm große Popularität verschaffte. Sie enthält einerseits amüsante Anekdoten, die in kirchlichen Kreisen mit Schmunzeln gelesen wurden, andererseits übt ihr Verfasser aber auch Kritik an den Schattenseiten der Kirche. Dafür kritisierte man ihn – ausgerechnet ihn, den ausgemachten Feind der Nihilisten – wegen nihilistischer Tendenzen. Die Klerisei berichtet von folgenden Gegebenheiten:

In der Provinzstadt Stargorod wird der Erzpriester Tuberozow von der Kirchenbehörde mit dem Auftrag eingesetzt, die Altgläubigen in den Schoß der offiziellen Staatskirche zurückzuführen. Gemeinsam mit seinem Diakon Achilla, einem bärenstarken, gutmütigen aber eigenwilligen Mann, soll er diese Aufgabe bewältigen. Nach vielen, vielen Ereignissen – Episoden und Skizzen, in deren Mittelpunkt vielfach der Diakon steht – muss er seinem Scheitern ins Auge sehen; das Hauptübel sind die starren Dogmen der Orthodoxie, die eine Erneuerung des christlichen Glaubens verhindern. Tuberozow beginnt einen Kampf gegen die kirchliche Administration und fordert in einer letzten großen Predigt die Trennung von Kirche und Staat. Er wird seines Amtes enthoben und stirbt als gescheiterter Idealist; er ist ein Held, „der an der kleinlichen russischen Bürokratie zugrunde geht und dessen Anlagen nicht zur Entwicklung kommen können und ebenfalls in Kleinigkeit und zuweilen Lächerlichkeit enden“, so Setschkareff.

In dieser Romanchronik rüttelt Leskov noch nicht an den Grundfesten der Amtskirche, der orthodoxen Staatskirche, die letztlich unter der Oberhoheit des Staates steht – obwohl ihm dies vielfach von seinen Zeitgenossen vorgeworfen wurde. Erst zwanzig Jahre später lehnt er die Kirche als befehlende Glaubensinstitution ab. 1893 schreibt er über Die Klerisei: „In jedem Fall würde ich sie jetzt nicht mehr schreiben. Stattdessen schrieb ich gern die ‚Aufzeichnungen eines Entweihten’“.

In der Klerisei zeigt Leskov übrigens auch, dass er durchaus zu Schilderungen der Natur und Naturgewalten, die in seinen Werken aus weiter oben genannten Gründen selten sind, fähig ist. Laut Setschkareff zählt „die wahrhaft klassische Schilderung des Gewitters, das den ‚Umbruch‘ in der Seele Savelijs bewirkt, … wohl zu den schönsten Naturschilderungen der Weltliteratur überhaupt“.

Die Erzählungen
Wie jeder Journalist machte sich Leskov unentwegt Notizen, um daraus Artikel zu entwerfen, die sich mit einem bestimmten Ereignis oder Thema befassten; Aktualität und Spannung waren dabei das oberste Gebot. Später ging er dazu über, Ereignisse und Themen in sogenannten „Skizzen“ zusammenzufassen, in denen die Ereignisse und Anekdoten meist in einer Rahmenhandlung von einer Person in einer bestimmten Situation erzählt werden; beispielhaft für dieses literarische Genre sind Die Räuber und Im Reisewagen. Meist geht es in diesen Skizzen um die Sitten und Gebräuche einer bestimmten sozialen Klasse oder Provinz. Aus diesen Skizzen werden dadurch Erzählungen, dass sie unter ein Hauptthema gestellt und künstlerisch, belletristisch ausgestaltet werden. Im Gegensatz zu den meisten seiner zeitgenössischen Kollegen verwendet Leskov jedoch auch hier häufig – aber nicht nur – das Grundschema der Skizzen, d. h. auch hier werden Einzelereignisse verknüpft; man – und er selbst – hat seine Erzählungen daher auch häufig mit Mosaiken verglichen.

Zu Leskovs frühen Erzählungen gehört der im ersten Teil dieses Essays erwähnte Schafochs (1863). Auch Der Beleidiger (1863) hat die Dummheit der Bauern zum Inhalt. Hier ist es ein Engländer, der die Bauern mit seinem humanen Verhalten und ständigem Verzeihen zur Verzweiflung bringt. Öffentliches Auspeitschen als Strafe finden sie normal, seine pädagogischen Maßnahmen hingegen empfinden sie als Beleidigung, lieber gehen sie ins Zuchthaus. Schlussendlich zünden sie sein Gut an und prügeln ihn fast zu Tode.

In der Erzählung Liebe in Bastschuhen (1863, auch: Die Vita eines Bauernweibes) – schon fast ein kleiner Bauernroman – benutzt er zum ersten Mal den sogenannten skaz, der praktisch sein Markenzeichen werden sollte und in dem er unübertroffener Meister ist.

Viele von Leskovs Erzählungen sind Erzählungen in diesem skaz-Stil, d. h. er lässt die eigentliche Geschichte von einem Erzähler vortragen. Dieser spricht mit eigenen Worten in der ihm typischen Weise, es ist also im eigentlichen Sinn des Wortes eine Erzählung und nichts Geschriebenes (und dann vielleicht Vorgelesenes). Frei nach Luther könnte man sagen, er hat „dem Volk aufs Maul geschaut“ – es ist keine literarische Sprache, sondern eher eine volkstümliche und vor allem eine auf Situation und Thema bezogene Redeweise. Damit erzielt er eine große Farbigkeit und Direktheit der Sprache; gleichzeitig charakterisiert die sprechende Person sich – und auch das Milieu – durch Wortwahl und Ausdrucksweise selbst. Seine unnachahmliche Wirkung entfaltet der skaz natürlich vor allem bei Halbgebildeten, solchen, die von Haus aus nicht das normale Durchschnittsrussisch benutzen, Worte nachplappern und verdrehen, die sie eigentlich gar nicht richtig verstehen; das kann dann einerseits sehr lustig und andererseits, bei geschickter Wortwahl oder –konstruktion, auch sehr tiefsinnig und bedeutungsschwer sein.

Hier einige Beispiele: Der Erzähler sagt statt „mikroskop“ „melkoskop“ – „melko“ bedeutet „klein“ oder „gering“; statt „barometr“ wird „buremetr“ gesagt – „burja“ heißt „Sturm“; statt „kapital“ „kopital“ – „kopit“ heißt „sparen“; statt „Quasimodo“ sagt er „Quasimorda“ ‘ – „morda“ heißt „Fratze“ (Anspielung auf Der Glöckner von Notre Dame), usw. usf.

An dieser Stelle muss kurz etwas Grundsätzliches erwähnt werden.
Anfang des 19. Jahrhunderts, nachdem ja im 18. Jahrhundert durch und nach Peter dem Großen mit der Öffnung nach Westen unzählige Fremdwörter – besonders deutsche und französische – in die russische Sprache eingewandert waren (Deutsch war bis Mitte des 18. Jahrhunderts die Sprache an der Petersburger Akademie der Wissenschaften), entstand in der russischen Literatur ein Streit um die Sprache. Und hier schieden sich die Geister wieder einmal in „Westler“ und „Slawophile“.

Die Westler wollten die Fremdwörter unverändert russifizieren; Beispiel: deutsch „Strafe“ – russisch „schtraf“ oder deutsch „Gefreiter“ – russisch „jefreiter“, deutsch „Stuhl“ – russisch „schtul“, deutsch „Büstenhalter“ – russisch „bystgalter“ usw.; es gibt eine Unmenge von auf diese Weise russifizierten deutschen Wörtern.

Die Slawophilen wollten in der russischen Sprache nach Wurzeln suchen, die dem ausländischen Wort entsprechen oder ihm nahe kommen könnten, und daraus neue Wörter bilden. Wie üblich artete dieser Streit sehr bald ins Politische aus, es wurde mit harten Bandagen gekämpft und die Westler haben gesiegt (sonst gäbe es oben aufgeführte Wörter nicht). Leskov saß wie immer zwischen beiden Stühlen, denn er mochte den Absolutheitsanspruch beider Parteien nicht. Die Slawophilen hatten diese Schlacht zwar verloren, hatten jedoch erreicht, dass man sich der Ästhetik der russischen Volkssprache, ihrer urslawischen Wurzeln und ihrer grammatikalischen Möglichkeiten wieder bewusst wurde.

Und an der Spitze dieser „Bewegung“ stand Leskov.
Er spielt mit dem Wort auf fast artistische Weise, benutzt die ganze Breite des russischen Satzbaus und des Wortschatzes, er sammelte ungebräuchliche und veraltete Wörter und ungebräuchliche Redewendungen und legt sie seinen Akteuren in den Mund. Allein auf diese Weise charakterisierte er, wie schon oben erwähnt, seine Personen und das Milieu. Während alle seine Schriftstellerkollegen Emotionen und Naturbilder als Hintergrund „malen“ oder die Personen laut denken lassen, um ihre Charaktere lebendig werden zu lassen, benutzt er allein fast ausschließlich das Wort, die Sprache.

Zur Sprechweise Marja Martynovnas aus den Mitternachtsgesprächen sagt er:
Ich habe sie viele Jahre lang zusammengestellt: aus Worten, aus Sprichwörtern und einzelnen Redensarten, die ich entweder in der Volksmenge aufschnappte oder auf den Barken, in den Musterungslokalen und in Klöstern.
Im Zusammenhang mit dem Gaukler Pamphalon sagt er:
Ich habe viel, sehr viel daran gearbeitet. Diese Sprache sowie auch die Sprache des ‚Stählernen Flohs’ lässt sich nicht leicht fügen, im Gegenteil — es geht sehr schwer und nur die Liebe zur Sache kann einen dazu veranlassen, eine solche Mosaikarbeit zu unternehmen.

Das ist es, warum ihn Alexander Eliasberg zum russischsten aller russischen Erzähler erklärt hat (siehe Teil 1  dieses Essays).

Daraus ergibt sich jedoch für Nichtrussen ein großes Problem: So wie Puschkins (bei ihm ist es die romantische Lautmalerei) sind auch viele von Leskovs Werken schwer zu übersetzen, ja vielleicht noch schwerer, weil seine Wortschöpfungen, die durch die Verballhornung im Russischen einen Sinn ergeben, in gleicher Weise sinnhaft häufig unübersetzbar sind. Hinzu kommt die außergewöhnliche – wie schon erwähnt charakterisierende – Sprache, deren „Gestalt“ eben nur im Original wirken kann.

Um viele seiner Werke ins Deutsche zu übertragen, bedarf es eines Dichters, der nicht übersetzt, sondern nachdichtet (und auch das wird nicht immer möglich sein). Wo das nicht geschieht, wirken Leskovs Werke flach und verlieren ihren eigentlichen Sinn. Es gibt nicht viele Übersetzer, die eine derartige Übertragung anzufertigen vermögen – oder die diese schwere Arbeit auf sich nehmen. Einer von ihnen war Johannes von Guenther (*1886 †1973), der Leskovs Zeit noch sehr nahe und Anna Achmatova, Aleksandr Blok, Belyj, Brjusov und Vjačeslav Ivanov freundschaftlich verbunden war; seine Übersetzungen werden Leskov noch am ehesten gerecht.

Zu Leskovs kleineren Erzählungen gehört Lady Macbeth aus dem Landkreis Mzensk (1865), eine hervorragende, packende Kriminalgeschichte über eine blutrünstige Mordserie, die zusammen mit anderen Erzählungen des gleichen Genres (von Čechov, Lermontov und anderen berühmten russischen Schriftstellern) auch heute noch immer wieder in Sammlungen mit Titeln wie Russische Kriminalgeschichten herausgegeben wird. Man sagt, die Geschichte sei realen Ursprungs, er habe sie den Gerichtsakten entnommen:

Nach Jahren einer tristen und vor allem unfruchtbaren Ehe mit einem 30 Jahre älteren Kaufmann verliebt sich eine Frau in den jungen, schönen und charmanten Hausknecht. Um zusammenleben zu können, vergiften diese beiden zuerst den Schwiegervater; bald danach wird der von einer Reise zurückgekehrte Ehemann bestialisch ermordet und die Leiche im Keller vergraben. Schließlich wird noch ein plötzlich aufgetauchter Junge, der einen Teil des Vermögens erben soll, erstickt. Dieser Mord wird jedoch beobachtet, das blutrünstige Liebespaar verhaftet und nach Sibirien verschickt. Auf der „Reise“ dorthin verstößt der einstige Hausknecht seine jetzt nicht mehr reiche und daher uninteressante Geliebte und begibt sich in die Arme einer Jüngeren, Reizvolleren. Rasend vor Eifersucht stürzt sich bei der Überfahrt über einen Fluss die ehemalige Geliebte auf ihre Nebenbuhlerin und reißt sie mit sich in den Fluss, wo sie ihre Rivalin ersäuft und selbst ertrinkt.
(Dmitri Schostakowitsch vertonte Lady Macbeth aus dem Landkreis Mzensk zwischen 1930 und 1932; die gleichnamige Oper wurde auf Geheiß Stalins verboten und kam erst 1963 in überarbeiteter Fassung wieder auf die Bühne.)

Weitere Erzählungen sind Die Kampfnatur (1866, auch: Ein kämpferisches Weib) , Kotin der Ernährer und Platonida (1867), das Theaterstück Der Verschwender (1867) und Der versiegelte Engel (1872) – diese letzte Erzählung wurde wichtig für sein berufliches und finanzielles Vorwärtskommen (siehe Teil 1  dieses Essays):

Erpresserische Beamte beschlagnahmen eine wundertätige Ikone der Altgläubigen (abgespaltene Sekte der offiziellen Orthodoxie), die als gute Arbeiter an einer Brücke bauen, und entstellen das Bild auch noch durch in das Gesicht des Engels gedrückte Siegel. Sie schaffen es weg und verwahren es in der Stadtkirche der Rechtgläubigen (offizielle Orthodoxie). Die Arbeiter fertigen, unterstützt von einem sympathischen Engländer, eine Kopie an und wollen die Ikonen vertauschen. Der Tausch gelingt nicht, weil er bei der Ausführung entdeckt wird. Auf „wundertätige“ Weise verschwinden die auch auf der Fälschung angebrachten Siegel (natürliche Aufklärung später) und die Altgläubigen treten überzeugt von einem Wunder der rechtgläubigen Staatskirche bei.

Die Geschichte ist packend erzählt und enthält viele Details über die Altgläubigen und die Ikonenmalerei. Leskov war in Petersburg eng mit einem altgläubigen Ikonenmaler befreundet, den er häufig besuchte und ihm still bei der Arbeit zuschaute. Er sagt selbst, die Erzählung sei „ganz in der heißen und stickigen Werkstatt“ des Ikonenmalers Nikita S. Ratschejskow entstanden.

Einer der Vorgänge, der im Zentrum der Erzählung steht, hatte in der Realität laut Leskovs eigenem Zeugnis aber nichts mit einem Heiligenbild, sondern mit Schnaps zu tun.
„Ein solcher Vorgang”, schreibt Leskov, „wie in der Erzählung wiedergegeben, hat sich in Kiew nie ereignet, d. h., ein Altgläubiger hat nie eine Ikone gestohlen und sie nicht auf Ketten über den Dnjepr gebracht. Wirklich ereignet hatte sich nur Folgendes: Einst, als die Ketten bereits gespannt waren, begab sich ein Steinmetz aus Kaluga im Auftrag seiner Genossen während der Ostermesse auf diesen Ketten von dem Kiewer Ufer auf das Tschernigower, doch nicht um ein Heiligenbild, sondern um Wodka zu holen, der zu jener Zeit auf der anderen Dnjeprseite viel billiger verkauft wurde. Mit einem vollen Wodkafässchen um den Hals und einer Balancierstange in der Hand kehrte der Wagemutige auf das Kiewer Ufer mit seinem Wirtshausprodukt zurück, das hier zu Ehren des hl. Osterfestes konsumiert wurde. Der mutige Übergang auf Ketten diente mir tatsächlich als Thema zur Darstellung des tollen russischen Wagemuts, doch der Zweck dieser Handlung wie überhaupt die ganze Fabel des ‚Versiegelten Engels’ sind natürlich anders und von mir einfach ausgedacht.“

Der verzauberte Pilger (1873) – eine vortreffliche skaz-Erzählung –, Pawlin (1874) – hätte eigentlich in den späteren von Leskov gebildeten Zyklus Die Gerechten eingeordnet werden müssen –, Am Ende der Welt (1875) – es geht um die Missionierung sibirischer Volksstämme –, Das Bischofsgericht – Missionierung und Taufe von Juden (rational tritt Leskov für die Gleichstellung ein, emotional ist er jedoch „ein bisschen“ Antisemit – wie im Übrigen auch antideutsch –, was in seinen „Witzchen“ über die Juden zum Ausdruck kommt. Ein Thema, das in der Literaturkritik auch bearbeitet wurde.) Der eiserne Wille (1876) – eine Satire gegen die Deutschen: Wer ist stärker, der Deutsche oder der Russe, deutscher Wille und Härte (u. a. dem eisernen Kanzler Bismarck zugeschrieben) wird durch russische Weichheit besiegt: Bei einem Wettessen mit dem Popen, der ungeheure Mengen in sich hineinfrisst, erstickt der deutsche Ingenieur schon nach wenigen Pfannenkuchen. Die Schamlose (1877) – ein Lob auf die Russen –, Der ungetaufte Pope (1877) – eine lustige Geschichte, die jedoch für den Übergang von der noch positiven Beurteilung der orthodoxen Kirche hin zur absoluten Ablehnung steht –, Kleinigkeiten aus dem Bischofsleben (1879) – die Erzählung, die ihm so viel Schwierigkeiten einbrachte, dass er letztlich daran starb (siehe Teil 1 dieses Essays )–, Die Teufelsaustreibung (1879) – eine Geschichte über die Moskauer Kaufmannschaft: Ein echter Moskauer Kaufmann von echtem Schrot und Korn veranstaltet ein nächtliches Sauf- und Fressgelage mit üblen Folgen und landet zur unmittelbaren Läuterung in einer Klosterkirche.
Der Toupetkünstler. Erzählung auf dem Grabe (1883) – eines von Leskovs Meisterwerken. Der Erzählung liegt eine wahre Begebenheit aus dem Jahr 1830 zugrunde: Die Liebe zwischen einem leibeigenen Friseur und einer Schauspielerin. Als das Verhältnis entdeckt wird, wird der Friseur zu den Soldaten gesteckt; dort wird er Offizier, kommt zurück, wird aber kurz vor dem glücklichen Ende von Verbrechern ermordet.
Der Raubüberfall (1887) – zählt ebenfalls zu seinen besten Erzählungen –, Antuka (1888), Der Kolyvaner Ehegatte (1888, Kolyvan ist der altrussische Name für Reval) – eine noch scherzhafte Satire gegen die Baltendeutschen.

Leskovs letzte Erzählungen, die er nicht in einen Zyklus eingeordnet hat, sind alle schon stark satirisch gefärbt. Er schrieb sie Anfang der Neunzigerjahre, als er schon sehr unter seiner Herzkrankheit litt und als die politische Situation unter Alexander III. unerträglich geworden war.
Das Tal der Tränen. Eine Rhapsodie 1892, auch: Das Tränental), in dem er aus Anlass der damals herrschenden Hungersnot über die große Hungersnot im Jahre 1840 berichtet; Die Qual des Geistes (aus Jugenderinnerungen) (1892), Improvisatoren (1892), eine Erzählung,in der er die Dummheit des Volkes während der damals herrschenden Choleraepidemie geißelt, und Naturprodukt (1892), in dem er diese Kritik zum Äußersten treibt, schlichtweg beleidigend wird.

Einen seiner Zyklen hat Leskov Die Gerechten genannt. Darin will er zum Ausgleich für die vielen Satiren, die er schrieb, zeigen, dass das russische Volk doch nicht so verbiestert ist, wie es den Anschein hat, und dass Gerechte, also gute Menschen, durchaus zu finden sind – man muss sie nur suchen, denn sie handeln im Verborgenen. Im Vorwort zu diesem Zyklus schreibt er,
der bedeutende Romanschriftsteller A. Pisemskij, dessen Werke tatsächlich fast nur die negativen Seiten des russischen Lebens schildern, habe ihm einst eröffnet, er könne nichts anderes schreiben, weil er nur wiedergäbe, was er um sich sähe und er sähe nur Schweinereien. Seine Erwiderung, dies sei bei ihm nur eine Erkrankung des Gesichtssinns, ließ er nicht gelten und Leskov habe daraufhin beschlossen, auf die Suche nach den Gerechten zu gehen, um derentwillen Gott Russland nicht zugrunde gehen lassen werde. (1)

In Der Eindenker ist der Gerechte ein Wachtmeister, der grundsätzlich keine Schmiergelder annimmt, was für die damalige Zeit (und nicht nur die damalige, wie wir heute aus gegebenen Anlässen wissen) unvorstellbar war. Der Stadthauptmann und der Erzpriester unterhalten sich über diesen „Idioten“:

„Und dass er keine ‚Gaben’ annimmt”, sagt der Erzpriester, „das geschieht aufgrund einer schädlichen Phantasie.”
„Also hat er doch eine schädliche Phantasie! Und worin besteht sie?”
„Er hat die Bibel gelesen.”
„Ist das möglich! Der Esel!”
„Ja, er hat sie aus Langeweile gelesen und kann es nicht wieder vergessen.”
„So ein Esel! Was soll man nun mit ihm tun?”
„Gar nichts kann man tun: Er hat sie schon zu weit gelesen.”
„Ist er etwa schon bis ‚Christus’ gekommen?”
„Ganz, ganz hat er sie gelesen.”
„Na, dann ist’s aus.”

Was die Vertreter des staatlichen und kirchlichen Rechts von Gerechtigkeit halten, muss nicht mehr weiter hinterfragt werden.

Auch in Der unsterbliche Golovan (1880, auch: „Der unsterbliche Großkopf“) zeigt Leskov einen Gerechten von „natürlicher Heiligkeit“, der zu Zeiten einer Pestepidemie wirkt; und auch hier bekommt die Geistlichkeit ganz fürchterliche Prügel. Haarsträubend kontrastiert das Verhalten des Bischofs mit den erschütternden Berichten über den Alltag des Volkes.
In Kadettenkloster (1880) zeigt Leskov gleich vier Gerechte. 1879 erschien Cheramour. In Der Pygmäe (1879) führt er vor, wie jeder segensreich wirken kann, wenn er statt aus Egoismus aus Nächstenliebe handelt. Ein russischer Demokrat in Polen (1880) erzählt von einem klugen Beamten, der einen Plan zur Befriedung Polens hat, der natürlich nicht angenommen wird. Das Schreckgespenst erschien 1885, es gibt Einblick in seine glückliche Kindheit. 1887 folgt Der ehrliche Ingenieur, 1889 Figura:

Der Offizier Figura wird in der Osternacht von einem total betrunkenen Kosaken geohrfeigt. Der Ehrenkodex verlangt, dass er ihn daraufhin tötet, er aber vergibt, wie es die Botschaft der Osternacht verlangt. Alle, die den Vorfall gesehen haben, verpflichtet er zu schweigen, und sie schweigen auch. Der Kosake aber beichtet seine Sünde dem Popen und der hält nicht dicht, wie es eigentlich seine Pflicht gewesen wäre. Der Offizier gilt nun als ehrlos und muss seinen Abschied nehmen. Er wird Bauer mit einer kleinen Rente und zieht aus Mitleid mit einer Frau und deren unehelichem Kind Katja zusammen:

Arme kleine Katja! Ich habe sie mit ihrer Mutter unter den Pappeln des Podolinski-Parks gefunden … Ihre Mutter wollte sie dort aussetzen und selbst zu einer feinen Dame als Amme gehn. Da geriet ich in Wut und sagte zu ihr: ‚Bist du denn von Geburt an so schlecht, oder hast du den Verstand verloren? Wie kannst du das eigene Kind verlassen und Herrenkinder mit deiner Milch aufziehn? Wenn sie die Herrin geboren hat, soll sie sie auch selber aufziehn, so hat es Gott gewollt – du aber komm einfach mit mir und nähre dein Kindchen.’
Sie stand auf, wickelte Katja in Lumpen, kam und sagte: ,Ich geh, wohin das Schicksal mich führt.’
Und so leben wir nun, pflügen den Acker und säen, und wenn wir etwas nicht haben, dann beklagen wir uns nicht, denn wir sind schlichte Leute: die Mutter eine Waise, das Töchterchen klein und ich ein geohrfeigter Offizier, der dazu noch keinen Adelsstolz besitzt. Pfui, was für eine verkommene Figur!

Der Wachtposten (1887, auch: Der Mann auf dem Posten) verlässt nach schwerem inneren Kampf seinen Posten, um einen Ertrinkenden zu retten, obwohl er weiß, dass er dafür grausam ausgepeitscht wird. Mit scheinbarer Zustimmung beschreibt Leskov beißend ironisch das Geschehen.

Gleichzeitig mit dem Gerechten-Zyklus plante Leskov einen Zyklus über Historische Charaktere in fabelhaften Legenden neuester Fügung. Er hat dafür aber nur zwei Erzählungen geschrieben: Leon der Haushofmeistersohn (1881) und Vom einäugigen Linkshänder und vom stählernen Floh (1881). In der zweiten Erzählung soll gezeigt werden, dass die russischen Handwerker mindestens genau so gute Handwerker sind wie die dafür berühmten Engländer. Diese hatten Alexander I. einen aus Stahl geschmiedeten, winzigen Floh geschenkt, der nur unter dem Mikroskop gut sichtbar war und der, wenn er aufgezogen wurde, auch noch tanzen konnte. Das ärgert Nikolaus I., der den Floh erbt, und er befiehlt, etwas noch Ausgefalleneres zu erfinden. Der Meister der Waffenschmiede aus Tula beschlägt den winzigen Floh mit Hufeisen, auf denen angeblich der Name des Meisters eingraviert ist – sehen kann man es bei aller Winzigkeit nicht. Allerdings kann der Floh nun nicht mehr tanzen, er ist zu schwer. Nikolaus I. schickt den Meister mit dem Floh nach England, um zu beweisen, dass seine Waffenschmiede besser ist als die englischen, und tatsächlich sind die Engländer höchst erstaunt. Der russische Meister aber kehrt zurück in seine Heimat, gerät in Vergessenheit und stirbt traurig und allein.
Ein tüchtiger Russe kann seine Fähigkeiten nicht entwickeln und stirbt allein, ein englischer Meister dagegen wird gepflegt und seinem Wert entsprechend behandelt.

In dieser Erzählung brilliert Leskov mit Wortspielen, Verballhornungen, komischen Wortentstellungen und Fremdwörtern, sodass eine auch nur einigermaßen der Wirkung des Originals nahekommende Übersetzung nicht möglich ist; das Gleiche gilt für Leon der Haushofmeistersohn.

Einen weiteren Zyklus hat Leskov Weihnachtserzählungen genannt. Irritierend wirkt auf den ersten Blick, dass sich unter den versammelten Erzählungen auch viele Gespenstergeschichten befinden. Zu dieser Zeit war der Spiritismus in Russland große Mode, und er wollte mit diesen Gespenstergeschichten, die die „Gespenster“ entweder lächerlich machten oder eine natürliche Aufklärung fanden, den Spiritismus selbst lächerlich machen.

Der weiße Adler (1880) – auch hier ist der übelste Schurke ein Erzpriester; Gespenst im Ingenieurspalast (1882) – ein Glanzstückchen Leskovs; Reise mit dem Nihilisten (1882) – ein Diakon wird verdächtigt, ein verkappter Nihilist zu sein; Der Stopfer (1882) – ein reicher Moskauer „Unternehmer“ verprügelt die Leute und entschädigt sie sofort mit Goldstücken; Ein altes Genie (1884), in dem die Mittel beschrieben werden, die ein altes Mütterchen anwenden muss, um von einem reichen Aristokraten ihr Geld zurückzubekommen; Das ausgesuchte Korn (1884) – ein ausgemachter Versicherungsschwindel; Ein kleiner Fehler (1883) – der Kampf gegen einen „Wundertäter“.

Die Erzählung Das Tier (1883, auch: Sganarell der Bär) ist eine sehr häufig gedruckte Weihnachtsgeschichte und auch als Hörbuch erhältlich. Diese Erzählung, wenngleich von einigen Literaturwissenschaftlern sehr bemängelt (um nicht zu sagen verrissen), erfreut sich großer Beliebtheit:
Der zahme Bär Sganarel, der sich gemäß seinem Naturell „unbotmäßig“ verhalten hat – er hat Hühner gerissen und ähnlichen „Unfug“ getrieben –, soll auf Befehl des grausamen Gutsherrn zur Strafe bei einer vorbereiteten Treibjagd, bei der er keine Chancen hat, getötet werden. Sein Pfleger und engster Freund Ferapont – die beiden gehen sogar Arm in Arm miteinander spazieren – kann sich dem Befehl nicht widersetzen, weil ihm sonst selbst eine schlimme Strafe droht; auch hat er schlichtweg nicht die Möglichkeit dazu, das Schicksal des Bären abzuwenden, denn es stehen noch viele andere bereit, den Bären zu töten. Ausführlich wird die „Jagd“ beschrieben. Ferapont muss seinen Freund aus der Grube locken, in der er bis zur Hinrichtung gefangen ist, und soll später sogar auf ihn schießen. Doch das Glück ist dem Bären hold und er entkommt. Ferapont wird durch einen Schuss verletzt und erwartet eine Strafe, weil er den Bären, als sich die Gelegenheit bot, nicht getötet hatte. Aber der Gutsherr wird geläutert, erlässt Ferapont eine Strafe und Ferapont bleibt bis zu seinem Lebensende sein treuer Diener.

Auf der einen Seite der vorbehaltslos vertrauende Bär, der sogar menschliche Züge hat – er weint und jammert in seiner Not und umarmt liebevoll seinen Freund! – und auf der anderen Seite der kalte, grausame Gutsherr. Eine sehr gefühlvolle, um nicht zu sagen rührselige Geschichte, aber so hervorragend zu Herzen gehend geschrieben, dass ihre große Beliebtheit verständlich ist. Bei der Geschichte können einem schon die Tränen in die Augen treten.

Weitere Weihnachtserzählungen: Heckrubel (1883), Betrug (1883), Jüdische Purzelbaumerei (1882) und – letzterer ähnlich, aber nicht im Weihnachtszyklus enthalten – Der Melammed von Rakousy (1878) und Eine glühende Patriotin (1881).

In den Erzählungen à propos gibt ein Erzähler bei passender Gelegenheit kleine Anekdoten zum Besten.
Die Teilhaber (1884); Psychopathen aus alter Zeit (1885); Interessante Männer (1885) – eine sehr spannende Kriminalgeschichte, die an Edgar Allan Poe erinnert; Der Alexandrit (1885); Geheimnisvolle Vorzeichen (1885) – eine Geschichte, die angeblich auf den Ausbruch des Krimkriegs Bezug nehmen soll; Das rätselhafte Ereignis im Irrenhaus (1887) – ein tatsächlich geschehenes Ereignis, das ohne Aufklärung blieb; Die Stimme der Natur (1883); Der verstorbene Stand (1888) – eine Anekdotenfolge über den Fürsten Trubezkoi; Die Dame und das Weib (1894, auch: Die Dame und das Frauenzimmer) – eine hysterische, rücksichtslose Ehefrau richtet ihren Mann zugrunde; Der Pferch (1893), in dem ein wenig schmeichelhaftes Bild von Russland gezeichnet wird.

Die Legenden, die zu Leskovs besten Werken gehören, sind zum Teil sehr freie literarische Bearbeitungen alter christlicher Sagen, die vorwiegend durch Heiligenleben überliefert waren, welche sich zum Großteil im sogenannten „Prolog“ (Synaxarion) wiederfanden, eine Sammlung von kurz gefassten Heiligenlegenden, die beim Gottesdienst an den jeweiligen Tagen der Heiligen vorgelesen wurden. (Auch andere Schriftsteller haben diese „Vorlage“ benutzt).

Leskov wollte zeigen, dass die Lehre Christi von der Kirche entstellt worden ist. Er betonte immer wieder, dass er nur die Themen dem Prolog entnommen habe und sich das Recht vorbehalte, diese umzugestalten. Zu den Vorwürfen der Kritik, er habe das Original entstellt, schreibt er an Suvorin:
Ein Thema ist ein Thema und ich kann daraus machen, was ich für möglich halte. Wozu sollte man es sonst auch umarbeiten; es wäre genug, es einfach nachzudrucken. Und es klänge genauso einfach und dumm wie der Prolog selbst.
An anderer Stelle sagt er, er habe „poetisiert”, reale Angaben „gruppiert” – alles mit der Absicht, ein dankbares Thema literarisch lebendig, leicht lesbar und interessant zu machen.

Leskovs Legenden sind:
Legende von Theodor dem Christen und Abraham dem Juden (zum 31. Oktober, 1886 veröffentlicht); Der gottgefällige Holzhacker (zum 8. September); Legende vom gewissenhaften Daniel (zum 7. Juni); Der Löwe des Einsiedlers Gerassim (zum 4. März); Der Gaukler Pamphalon (1887 veröffentlicht) – Turgenjew schreibt über diese Legende: „Göttlich und pikant. Eine Vereinigung von Tugend, Frömmigkeit und Unzucht“; Die schöne Asa (zum 8. April und 14. Juni, 1888 veröffentlicht); Der Bösewicht von Askalon (zum 14. Juni); Der Berg (zum 7. Oktober, 1890 veröffentlicht); Der unschuldige Prudenzij (zum 14. August, 1891 veröffentlicht).

Legendäre Charaktere ist wahrscheinlich in den 1880er-Jahren erschienen. Im Vorwort schreibt Leskov:
Vor dreißig Jahren, zu einer Zeit, da bei uns viel über die Frauenfrage geschrieben wurde, konnte man häufig hören, der Ruf der Frau wäre in Russland durch die Überlieferungen, an die unsere Vorfahren glaubten, sehr geschädigt worden. Denn in diesen Überlieferungen, sagte man, würden die Frauen beständig als Verführerinnen dargestellt, die nichts weiter im Sinn hätten, als die Männer von ihren erhabenen Lebensaufgaben abzubringen und sie für ein Leben der Sinnenlust und des Unverstandes zu gewinnen. Einige mehr hitzige als gründliche Freunde der Frauenfrage hatten derartige Beispiele herausgegriffen, und diese Beispiele, die kritiklos hingenommen wurden, genossen seitdem die Bedeutung überzeugender Fakten. Trotzdem ist jene Behauptung nichts weiter als eine Lüge; davon kann sich ein jeder leicht überzeugen, der sich wirklich bemüht, die weiblichen Typen der Heiligenlegende kennenzulernen. Das soll hier versucht werden.
Beim Durchforschen des ,Prologs’, der mir als reiche Quelle für Erzählungen wichtig war, fand ich genau einhundert Themen oder ,Beispiele’, die mehr oder weniger taugliches Material für dichterische Wiedergabe boten, und in fünfunddreißig von diesen hundert Geschichten spielt die Frau eine Rolle.

Leskov schrieb auch Märchen. Das war jedoch nicht das Genre, in dem er sich wohl fühlte. Seine Satire tötete – anders als bei Saltykow-Schtschedrin – das Märchen. Die Zeit des erfüllten Willens Gottes (1890, auch Die Zeit nach Gottes Willen) – das Thema hatte ihm Tolstoi gegeben, der aber mit Leskovs Arbeit nicht zufrieden war. Noch in seinem Tagebuch von 1898 schreibt Tolstoi am 12. Juni:
Leskov benutzte mein Thema – und schlecht. Mein herrlicher Gedanke war: drei Fragen: Welche Zeit ist die wichtigste? Welcher Mensch? Und welche Tat? Die Zeit – jetzt, diese Minute; der Mensch: der, mit dem man jetzt zu tun hat, und die Tat: die, um seine Seele zu retten, d. h. die Taten der Liebe tun.

Als Kleine Märchen werden Malanja – der Schafskopf, Tod im Apfelbaum und Dummköpfchen bezeichnet. Seine erste Satire Scherz und Ernst schrieb Leskov bereits im Jahr 1871. Hier geht es ihm noch mehr darum, die Lächerlichkeit der Zustände zu zeigen, es fehlt noch die tragische Komponente, die Saltykow-Schtschedrins Satiren so „brutal“ macht; wirklich bissige, schon fast beleidigende Satiren schrieb er erst im Alter. Über seine Alterswerke äußerte sich Leskov einmal:

Meine letzten Werke über die russische Gesellschaft sind durchweg grausam: Der ‚Pferch’ (1893), ‚Ein Wintertag’ (1894), ‚Die Dame und das Weib’ (1894) … So etwas gefällt dem Publikum nicht wegen seines Zynismus und seiner Offenheit. Aber mir liegt gar nicht daran, dem Publikum zu gefallen. Mag es sich durch meine Erzählungen an der Kehle gepackt fühlen, wenn es sie nur liest. Ich weiß sehr wohl, wie man ihm gefällt, aber ich will nicht mehr gefallen. Ich will es geißeln und quälen. Der Roman wird zur Anklageschrift gegen das Leben.

Darüber hinaus ist „Scherz und Ernst“ noch eine Chronik, wie er zu dieser Zeit viele geschrieben hat, eine Chronik, in der viele einzelne Episoden aneinandergereiht sind.

Sein zweites rein satirisches Werk Aufzeichnungen einer Unbekannten schrieb Leskov erst 1884. Diese Aufzeichnungen sind scharfe, antiklerikale Humoresken, die ein Erzähler zum Besten gibt, weil es Ereignisse sind, die „seinerzeit … offenbar einen ehrenwerten, originellen und ernst gestimmten Kreis der Gesellschaft interessierte.“ Sie erschienen in einer Zeitung, wurden aber bald verboten.

1890 veröffentlichte Leskov das Romanfragment Die Teufelspuppen (gemeint sind Huren), in dem er zwei Porträts „nach der Natur malen“ wollte: eines von Nikolaus I. und eines des berühmten Malers Karl Brjullow; diesen Versuch, einen Roman zu schreiben, brach er jedoch ab und kehrte mit einer satirischen Erzählung wieder zurück: die Mitternachtsgespräche. Paysage und Genre (1894) prangern den Erzpriester der Andreaskathedrale von Kronstadt an, einen heilkräftigen „Wundertäter“ und „Propheten“, den Leskov von ganzem Herzen hasste. Zur Perfektion brachte er das Genre der satirischen Novelle in Ein Wintertag (1894), eine Satire auf die gesamte Gesellschaft, ja auf die Menschheit insgesamt. Der erzählten Handlung liegt ein damals real stattfindender Prozess zugrunde, in dem Testamentsfälschung verhandelt wurde; sie ist praktisch eine Kriminalchronik, die kein Verbrechen auslässt und zudem einen erotischen Hintergrund hat.

Das letzte Werk vor Leskovs Tod ist die Satire Die Hasenremise. Beobachtungen, Erfahrungen und Abenteuer des Onoprij Peregud aus Peregudy (auch: Das Hasenversteck oder Der Tolpatsch), die er 1894 schrieb. Sie erschien aber erst post mortem 1917. Der „Held“ der tragikomischen Erzählung, der schon als Kind etwas „unterbelichtet“ war, ist Insasse eines Irrenhauses und erzählt, wie er, nachdem er Dorfgendarm geworden war, verkappte Nihilisten aufspüren wollte. Er war der Meinung, dass er nur so den hohen Anforderungen seines Berufsstandes gerecht werden könne. Aber immer, wenn er glaubte, sie aufgespürt zu haben, waren sie verschwunden; letztendlich stellt sich heraus, dass sein eigener Kutscher derjenige welcher gewesen wäre. Da aber ist es schon zu spät und der Held lebt friedlich in der Anstalt und strickt für die Bewohner Strümpfe.

(1) (zitiert nach Vsevolod Setschkareff: N. S. Leskov – sein Leben und sein Werk)
Ein Großteil der Erzählungen sind in
Nikolai Leskov. Gesammelte Werke in Einzelbänden
(Hrsg. Eberhard Reißner, Rütten & Loening, Berlin (1975), auf Deutsch erschienen (die Titel der einzelnen Bände sind durch Fettung kenntlich gemacht):

1863 – 1871
Schafochs (1863)
Liebe in Bastschuhen (1863)
Die Lady Macbeth aus dem Landkreis Mzensk (1865)
Die Kampfnatur (1866)
Kotin der Ernährer und Platonida
Scherz und Ernst (1871)

1872
Die Klerisei
1873 – 1878

Der versiegelte Engel (1873)
Pawlin (1884)
Der verzauberte Pilger (1873)
Der eiserne Wille (1876)
Am Ende der Welt (1875)
Der ungetaufte Pope (1877)
Kleinigkeiten aus dem Bischofsleben (1879)

1879 – 1888
Die Teufelsaustreibung (1879)
Das Kadettenkloster (1880)
Der unsterbliche Golowan (1880)
Der Linkshänder / Der stählerne Floh (1881)
Der Toupetkünstler (1883)
Das Tier (1883)
Das Schreckgespenst (1885)
Der Raubüberfall (1887)
Der Wachposten (1887)
Figura (1889)
Die Geschichte vom Christen Theodor und von seinem Freund dem Juden Abraham (1886)
Die uneigennützigen Ingenieure (1887)
Der Gaukler Pamphalon (1887)
Der Berg (1890)
Die schöne Asa (1890)
1890 – 1894
Die Zeit nach Gottes Willen (1890)
Mitternachtsgespräche (1893)
Das Tal der Tränen (1892)
Improvisatoren (1892)
Der Pferch (1893)
Ein Wintertag (1894)
Die Dame und das Weib (1894)
Der Tollpatsch (1894, erschienen p.m. 1917)




Lew Kopelew – ein deutscher Russe

Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier).

„Doch ich will frei sein von jeder wie auch immer gearteten Abhängigkeit des Geistes. Nie wieder werde ich einem Götzen dienen, nie wieder höheren Mächten gehorchen, um derentwillen man die Wahrheit verbergen, andere und sich selbst betrügen, Andersdenkende verfluchen oder verfolgen muss.

Heute gehöre ich keiner Partei an, keinem »Bund Gleichgesinnter«. Ich bemühe mich, meine Beziehung zu Geschichte und Gegenwart durch jene Lehren zu bestimmen, die ich aus allem zog, was ich erfahren und erlebt habe. Ich beanspruche für mich nicht das Recht, irgendjemanden zu belehren, meine auch nicht, diese Lehren könnten für andere Menschen überzeugend sein; aber ich fühle mich verpflichtet, möglichst genau von ihnen zu erzählen. Das wurde für mich zur inneren Notwendigkeit, zur lebenslangen Pflicht.

Diese Lehren münden in zwei schlichte Gebote: Toleranz und Wahrheit. Toleranz ist die erste Bedingung zur Erhaltung des Lebens auf der Erde, die mit immer mehr und immer vollkommeneren Waffen für den Massenmord ausgerüstet ist. Zwietracht unter Völkern und Staaten oder Parteien, das Anwachsen explosiven Hasses kann zu jeder Stunde zur tödlichen Bedrohung für die gesamte Menschheit werden.

Toleranz verlangt nicht danach, Unstimmigkeiten und Widersprüche zu verschleiern. Im Gegenteil, sie fordert, die Unmöglichkeit eines alles umfassenden einheitlichen Denkens anzuerkennen und darum fremde und gegensätzliche Ansichten ohne Hass und Feindschaft zur Kenntnis zu nehmen. Man soll nicht Zustimmung vorgeben, wo man nicht zustimmt, darf aber den Andersdenkenden nicht unterdrücken oder verfolgen.“
Lew Kopelew 1980 (1)

Wenn man den Lebenslauf dieses politisch verfolgten und mit Ehren überschütteten Mannes liest, fragt man sich unwillkürlich, welches die Beweggründe seines Handelns waren. Wie konnte aus einem überzeugten Jungkommunisten, der die Härte der Revolution notwendig fand, ein weißbärtiger Patriarch werden, der für Verständnis und Liebe der Menschen und der Völker – und besonders der Russen, Deutschen und Polen – untereinander eintrat? Ja, wie konnte er überhaupt zu einem überzeugten Jungkommunisten werden?

Lew Sinowjewitsch Kopelew (* 27. März jul. / 9. April 1912 greg. in Kiew; † 18. Juni 1997 in Köln) entstammte einem weltlich-jüdischen und gutbürgerlichen, ukrainischen Elternhaus und, wie in diesem Milieu damals üblich, wurde er von Kindermädchen erzogen und damit auch geprägt. Zuerst lernte er von seiner russischen Njanja, zum orthodoxen Gott auch für den Zaren zu beten, und dass die Revolutionäre wie Lenin und Trotzki böse Feinde sind, die den Zaren gefangen genommen haben. Dann lehrte ihn ein deutsches lutherisches Kindermädchen, dass nicht „die Juden“, sondern nur einige Böse von ihnen den Christus ermordet haben, und dass der gesagt hat, man solle auch seine Feinde lieben – also waren auch die Feinde Lenin und Trotzki zu lieben. Noch bevor er zehn Jahre alt war, hatte er drei weitere deutsche „Bonnen“, mit dem Effekt, dass er fließend Deutsch sprechen und lesen konnte – Bücher wie Karl May, Geschichten über den „Alten Fritz“ oder Abenteuergeschichten, aber auch Klassiker konnte man sich in der deutschen evangelischen Gemeindebücherei leihen. Mit dem „nörglerischen, strengen jüdischen Gott“ seiner Familie konnte er nichts anfangen, sein Held war der liebende lutherische Gott.

Als Zehnjähriger wurde er in die dritte Klasse eingeschult. Er sprach zwar fließend Ukrainisch, Deutsch und Polnisch und kannte sich in Geschichte und (nichtrussischer) Literatur bis hin zu Shakespeare aus, aber von Mathematik und Geografie hatte er nur verschwommene Vorstellungen; also brauchte er zusätzlichen Unterricht. Und da trat die in seiner Kindheit und Jugend wohl wichtigste Person in sein Leben: die „Volkstümlerin“ Lidija Lazarewa (Volkstümler – eine revolutionäre Gruppe der Intelligenzija, deren Mitglieder ins Volk gingen, um durch Bildung die revolutionäre Idee zu verbreiten).

Von einem Schulkameraden hatte er schon erfahren – was für ihn eine „furchtbare Entdeckung“ und das „wichtigste Ereignis des Jahres 1923“ gewesen ist –, dass die biblischen Geschichten von der Erschaffung des Menschen falsch sind und der Mensch vom Affen abstammt und es somit keinen Gott gäbe. Seine Lehrerin führte seine Gottesbilder ins Transzendentale, sie löste seinen Gott quasi auf – für sie war Christus der erste Kommunist. Wie Christus für die Menschen da war, sollte der Kommunismus auch für die Menschen da sein und nicht umgekehrt. Von ihr hörte er auch zum ersten Mal Begriffe wie „Ideal“, „Humanität“, „Wohl des Volkes“, „Sache des Volkes“ oder „Liebe zum Volk“ und sie führte ihn auch in die russische Literatur ein, wo diese Begriffe schon immer eine große Rolle spielten.

„Damals trat Lidija Lasarewna in mein Leben, die verspätete Schulanfänger wie mich vorbereitete. Sie unterrichtete Russisch, Geschichte und Erdkunde, außerdem neue Orthografie. Lidija Lasarewna war klein, breit gebaut mit breiten Backenknochen und dunkelhäutig. Sie hatte kurzsichtige, hervortretende Basedow-Augen – grau und sehr gütig, eine große Nase, einen breiten Mund und dunkles, glattes Haar, das hinten zu einem großen Büschel zusammengesteckt war. Im Winter hatte sie eine runde Pelzmütze auf, im Sommer ein schwarzes, flaches Hütchen, und stets ging sie in langen, dunklen Kleidern. Von Lidija Lasarewna hörte ich zum ersten Mal Worte wie Ideal, Humanität, Menschenliebe, Wohl des Volkes, Sache des Volkes, Liebe zum Volk … Vielleicht waren sie mir schon früher begegnet, aber erst durch sie nahm ich sie in mich auf. Wir arbeiteten dreimal in der Woche zusammen. […]

Am schönsten waren natürlich die Russisch-Stunden. Lidija Lasarewna las zusammen mit mir Gedichte und Prosa. Und jedes Mal war es so, als ob sie die Texte zum ersten Male läse. Manchmal weinte sie, versuchte vergebens, ihre Tränen zu verbergen und entschuldigte sich mit Schnupfen. Wenn wir Nekrassow lasen, weinten wir gemeinsam: über die »Russischen Frauen«, die »Eisenbahn«, und auch über die »Gedanken an einem Portal«; wir weinten über Nikitins Gedichte: »Eine tiefe Grube ist gegraben«, »Ach, Kamerad, auch du kennst das Unglück« und über Nadsons »Allein und vergessen wuchs ich heran«. Wir weinten über die Erzählungen von Korolenko »Makars Traum«, »Die Wundersame«, »In schlechter Gesellschaft«, über die »Stechfliege« und »Onkel Toms Hütte«. Wenn sie sagte, man müsse ehrlich sein, mit den Schwachen Mitleid haben, die Tapferen und Guten ehren, Feiglinge, Heuchler, Egoisten und Geizkragen verachten – überzeugte mich das nicht nur, weil sie irgendwelche besonderen Worte fand, sondern weil sie selbst begeistert war von der Schönheit des Wahren und des Guten, weil sie sich über gute Menschen und gute Taten wirklich freute, und weil ihr vor dem Eigennutz und dem Bösen graute.

Ihr fiel es sehr schwer, dieses laute, komplizierte und listige Leben zu leben, das ringsum alle führten: meine Eltern, unsere Nachbarn und Bekannten. Manchmal erschien sie mir sogar hilflos, und dies nicht nur, wenn sie, die Kurzsichtige, vergeblich nach ihren verlorenen Haarnadeln suchte. Lidija Lasarewna war eine überzeugte Anhängerin der Narodniki, eine »Volkstümlerin«.“
Lew Kopelew 1978 (2)

1922 war er den Pfadfindern beigetreten, und zwar der Abteilung, die „die Armen und Schwachen verteidigte und die Sowjetmacht liebte“, aus der 1924 die „Jungen Kommunisten“ wurden. Die Vorstellungen Lidija Lazarewas entsprachen dem, was er bei seinen Pfadfindern hörte, und so wurde er ein junger Kommunist, der die großen Ziele mit einer seinem Alter entsprechenden Begeisterung vertrat. Seine Ideale, die in erster Linie humanistische und erst in zweiter Linie politische waren, hat er zeit seines Lebens beibehalten; sie waren ihm so selbstverständlich, dass er sie geradezu naiv, manchmal allzu naiv, vertreten hat. Und die Grundlagen dieser Ideale waren Wahrheit und Gerechtigkeit, ohne diese waren die Ideale nicht zu verwirklichen. Selbst in Zeiten, in denen man ihm (und er sich) klar zu machen versuchte, dass bestimmte Ideale wie Gerechtigkeit und Menschlichkeit einem höheren Ziel, wie Erreichen des Sozialismus, untergeordnet werden müssen, konnte er sich innerlich damit nur schwer abfinden. Diese Einstellung hat ihm in seiner „politischen“ Laufbahn schon in seiner Jugend mehr als einmal schwer geschadet und ihm den Ruf der politischen Unzuverlässigkeit eingebracht, sodass er bald den Traum, an führender Stelle an der Weltrevolution teilnehmen zu können, aufgab. Die „Lehrjahre eines Kommunisten“ waren beendet, 1935 strich er alle politischen Wissenschaften und reduzierte sein Studium in Moskau auf Germanistik.

Der Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion im Juni 1941 änderte alles. Jetzt galt es, nicht mehr mit dies oder jenem zu hadern, sondern vorbehaltslos das Vaterland zu verteidigen und sich hinter Stalin zu scharen. Da für Kopelew Deutsch praktisch die zweite Muttersprache war, wurde er als „Instrukteur für die Arbeit mit feindlichen Soldaten und Zivilisten“ eingesetzt, d. h., er betrieb Feindpropaganda und verhörte Gefangene. Schon bei den ersten Verhören brach für ihn der Traum von der Weltrevolution endgültig zusammen: Die, die sie durchführen sollten und von denen er glaubte, sie seien alle wie er Kommunisten, nämlich die deutschen Arbeiter, entpuppten sich als echte Nazis. Selbst das konnte jedoch seiner Liebe zur deutschen Sprache und deutschen Kultur keinen Abbruch tun.

Der nächste schwere Schlag traf ihn, als er mit der vorrückenden russischen Front nach Ostpreußen einrückte und miterleben musste, wie die Soldaten der Roten Armee dort marodierten, wahllos Zivilisten erschossen, plünderten, Dörfer in Brand steckten und Frauen vergewaltigten und ermordeten – und das anfangs sogar mit allerhöchster Genehmigung. Das war für ihn nicht nur der Gipfel der Unmenschlichkeit und eine Besudelung der Ehre der Roten Armee, sondern auch eine völlige ökonomische Idiotie. Er beschwerte sich bei Stalin – bekam aber natürlich niemals eine Antwort, sondern hatte einen Minuspunkt in Stalins Notizbuch. Für Kopelew war es selbstverständlich, dass er das nicht nur unterband (er war Major), sondern er half auch Deutschen in Lebensgefahr. Das sollte sich furchtbar rächen, denn er hatte sich mit seiner humanen Einstellung auch erbitterte Feinde gemacht.

Im April 1945 wurde er verhaftet und „antisowjetischer Agitation“ angeklagt, 1946 aufgrund der Hilfe seiner Freunde freigesprochen, Anfang 1947 erneut angeklagt und zu 10 Jahren Lagerhaft verurteilt – Stalin hatte auf seiner Akte „bestrafen“ notiert. Er kam in ein Sonderlager für Spezialisten, die dort in ihren wissenschaftlichen Fachgebieten eingesetzt wurden und vergleichsweise günstige Haftbedingungen hatten. Dort lebte und arbeitete er u. a. drei Jahre mit Alexander Solschenizyn zusammen, mit dem er heftig und viel diskutierte, denn Kopelew glaubte im Gegensatz zu ihm noch immer an den Kommunismus. Solschenizyn hat ihn später in seinem Werk „Im ersten Kreis“ (Der Erste Kreis der Hölle) als Lev Rubin verewigt.

Lew Kopelew und Alexander Solschenizyn sind zwei russische Protagonisten der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts und beide sind weltberühmte Autoritäten. Ihre Lebenswege berührten sich schon während des Krieges, beide waren (ohne dass sie es wussten) zur gleichen Zeit an der Front in Ostpreußen, beide wurden verhaftet, trafen sich, wie schon erwähnt, im Lager, und nachdem Kopelew rehabilitiert war, setzte er sich sehr für Solschenizyn ein, beide waren – wenn auch aus unterschiedlichen Überzeugungen – zu Dissidenten geworden und beide wurden ausgebürgert.

Kopelews Verbindung zu Solschenizyn war freundschaftlich, aber nicht ohne Probleme. In seinen Memoiren schreibt Kopelew über ihn:

„Im Frühling 1955 erfuhren Dmitrij Panin und ich Solschenizyns Adresse. Er lebte schon das dritte Jahr in »Verbannung auf ewig« in der Steppensiedlung Kok Terek in Kasachstan.

Wir begannen, mit ihm zu korrespondieren. Er stand noch unter ärztlicher Beobachtung nach einer Krebsoperation. Seine Frau, Natalija Reschetowskaja, hatte sich von ihm scheiden lassen – reine Formsache, die Ehe mit einem Gefangenen zu lösen – und wieder geheiratet. Lange Zeit wusste Solschenizyn nicht einmal, dass er geschieden war. Sie schrieb ihm nicht, antwortete nicht einmal auf seine Bitte, ihm Birkenrindenschwamm zu schicken, der als Anti-Krebs-Mittel galt. 1957 heirateten sie noch einmal.

Er schrieb mir und Mitja oft. Manche Briefe durchdrang, kaum verhüllt, der Schmerz der Einsamkeit, der Verzweiflung, die Erwartung seines baldigen Todes. Wir versuchten, so gut wir es vermochten, ihn zu trösten, zu ermutigen, ihm eine neue Frau zu suchen … Im Sommer 1956 holten wir ihn in Moskau vom Kasaner Bahnhof ab. Er schien uns kaum verändert, nur ein wenig ausgedörrt und gelblich-fahl verbrannt von sozusagen unerlaubter Sonneneinwirkung. (Er durfte sich damals noch nicht in der Sonne aufhalten.) Wir konnten – im Hinblick auf seinen Gesundheitszustand – auch das Wiedersehen nicht entsprechend »begießen«. Aber es gab viel zu erzählen. Damals und bei allen späteren Begegnungen in den nächsten 15 Jahren haben wir uns kaum gestritten, obwohl unsere Hoffnungen und Ansichten über unser Land und über die Welt oftmals nicht übereinstimmten. Ich hielt mich noch bis 1968 für einen Marxisten, wenn auch nicht mehr für einen Leninisten. Mitja Panin war aus einem fanatischen Rechtgläubigen zu einem fanatischen Katholiken geworden. Doch das uns Verbindende war stärker als das uns Trennende. Die alte Häftlingsfreundschaft schien fester als je zu sein.

Erst in den siebziger Jahren trennten sich unsere Wege. Doch das ist ein anderes Thema. Darüber zu sprechen, ist die Zeit noch nicht reif.“ (3)

Grund für diese Entfremdung war die slawophile Einstellung Solschenizyns, nach der die Rettung des russischen Volkes aus dem russischen Wesen heraus geschehen muss. Zudem war Solschenizyn religiös. Kopelew war Internationalist und Atheist. Internationalist jedoch nicht in dem Sinn, dass er die Nationen aufgelöst sehen wollte, sondern dass die Nationen mit den ihnen eigenen Eigenschaften eine große Gemeinschaft eingehen sollten, und Atheist nicht im Sinn des Materialismus. Auch kreidete er Solschenizyn später seine kritische Einstellung zur westlichen Lebensweise an.

Solange Solschenizyn noch in Russland lebte, wollte Kopelew diesen Dissens nicht öffentlich austragen – zu viele nicht einschätzbare Reaktionen des Staates hätte es geben können. Nach Solschenizyns Ausbürgerung nahm er jedoch den Disput auf und die Entfremdung begann trotz einer gewissen vermittelnden Rolle Heinrich Bölls, der mit beiden befreundet war. Und als Solschenizyn Anfang der 90er Jahre begann, politisch zu werden, standen sie in zwei verschiedenen Lagern.

1974 schrieb Kopelew:

„Damals, als Solschenizyn, verfolgt von Verleumdungen und Drohungen, noch in Russland lebte, bestand die Gefahr, dass jede, auch die freundschaftlichste Kritik den Verfolgern zunutze kam. Heute aber ist er in Sicherheit, die Ausbürgerung hat im Grunde nur seinen Sieg über Lüge und Willkür bestätigt. Heute ist es nicht nur erlaubt, sondern auch notwendig, die historischen, soziologischen und politischen Auffassungen, die in seiner Publizistik zum Ausdruck kommen, objektiv zu analysieren. Irgendwelche Zugeständnisse oder »Verschwiegenheit« unter Berufung auf die Autorität und die Verdienste Solschenizyns und Versuche, ihn mit einer Aura der Unfehlbarkeit zu umgeben, ihn als unantastbar für jede Kritik aufzufassen, sind eigentlich beleidigend für seine Würde, führen zur Missachtung der Wahrheit, zur falschen Deutung der russischen Vergangenheit und Gegenwart. Das aber widerspricht gerade den moralischen und gesellschaftlichen Idealen, die sein gesamtes Schaffen inspirieren.“ (4)

Aber zurück zu Lew Kopelev.

1954 wurde Kopelew entlassen und in der „Tauwetterperiode“ nach der Chruschtschowschen Geheimrede auf dem XX. Parteitag rehabilitiert und wieder in die Partei aufgenommen. Aber die Enthüllungen über Stalin, an den er einstmals wie so viele geglaubt hatte, änderten seine Einstellung; er glaubte jetzt an einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Wieder in Amt und Würden am Polygrafischen Institut und am Institut für Kunstgeschichte begann er, sich für verfolgte Schriftsteller wie Andrej Sacharow und Alexander Solschenizyn und alle, die ihn um Hilfe baten, und für die Menschenrechte einzusetzen. Zudem hatte er auch mehr und mehr gute Verbindungen in den Westen – z. B. Heinrich Böll, eine Verbindung, die später lebenswichtig werden sollte – und scheute sich nicht, diese auch zu nutzen. So kam er immer mehr in Kollision mit der wieder restriktiver werdenden Politik und wurde 1968 (unter Breschnew) wegen Teilnahme an der Menschenrechtsbewegung und wegen Protesten gegen eine „Restalinisierung“ aus der Partei ausgeschlossen, was praktisch einem Berufsverbot gleichkam, und verlor seinen Arbeitsplatz – er konnte nur noch in sowjetischen Republiken, in denen er noch kein Auftrittsverbot hatte, veröffentlichen und sprechen.

Als die Panzer der Roten Armee im August desselben Jahres den „Prager Frühling“ niederwalzten, war er endgültig aller Illusionen beraubt und beschloss, nicht mehr „im Auftrag“ einer höheren Idee zu schreiben, sondern nur noch sein eigenes Ich sprechen zu lassen:

Doch ich will frei sein von jeder wie auch immer gearteten Abhängigkeit des Geistes. Nie wieder werde ich einem Götzen dienen, nie wieder höheren Mächten gehorchen, um derentwillen man die Wahrheit verbergen, andere und sich selbst betrügen, Andersdenkende verfluchen und verfolgen muss.“

Zwei Gebote gab es für ihn ab diesem Zeitpunkt „Toleranz und Wahrheit“.

1977 wurde er aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und erhielt Publikationsverbot. Nach jahrelangen Versuchen erhielten er und seine Frau auf Einladung von Heinrich Böll Ende 1980 ein Ausreisevisum für ein Jahr und kaum waren sie in Deutschland, kam Anfang Januar 1981 ein Ukas mit der Ausbürgerung.

Umgehend wurde er in der Bundesrepublik eingebürgert und er hielt eine Gastprofessur in Göttingen und eine Forschungsprofessur in Wuppertal.

Heinrich Böll und Lew Kopelew hatten sich auf einer vom sowjetischen Schriftstellerverband für westdeutsche Schriftsteller in die Sowjetunion organisierten Reise kennengelernt; Kopelew war als Übersetzer engagiert. Zwischen Böll und Kopelew – besser zwischen den Ehepaaren Böll und Kopelew – entwickelte sich eine selten innige Freundschaft. Man besuchte sich in Moskau und in Tbilissi, aber vor allem standen sie über Diplomaten und Journalisten in Briefkontakt. Diese Briefe sind bei aller persönlichen Note – oder vielleicht gerade deshalb – hervorragende Zeitdokumente über das Leben auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs; vieles, was damals geschah, wird durch die Briefe verständlicher. Zusammengefasst ist der Briefwechsel in: Elsbeth Zylla [Hg.]: Heinrich Böll – Lew Kopelew  Briefwechsel, Steidl Verlag 2011; ein unerhört lesenswertes und auch spannendes Dokument Zeitgeschichte.

Bei seiner großen Liebe zur deutschen Kultur – die er zumindest damals mit großen Teilen der russischen Intelligenz gemein hatte – und bei seinem großen Wissen um Russland und um die Geschichte beider Länder, war es ihm von nun an ein Herzensbedürfnis zur Aussöhnung und zur Verständigung beider Völker beizutragen. „Aus der Geschichte lernen“ war für ihn der wichtigste Grundsatz und gleichzeitig eine Forderung. Rasch wurde er in Köln zu einem zentralen Anlaufpunkt Gleichgesinnter auf der nicht staatlichen Ebene.

Im Hamburger Abendblatt vom 14. Oktober 1983 hat Kopelew geschrieben:

„Bücher sind die sichersten Bausteine für die Brücken, die die Völker miteinander verbinden. Es ist der Sinn unseres Lebens, diese Brücken zu bauen.“
Und genau das tat er in der Folgezeit. Viele Bücher hat er – teils zusammen mit seiner Frau und Heinrich Böll – geschrieben, u. a, seine dreiteilige Biografie (Und schuf mir einen Götzen, Aufbewahren für alle Zeit, Tröste meine Trauer), die auch eine ausgezeichnete Biografie des Sowjetstaates ist, aber sein Hauptwerk war bis zu seinem Tod Leitung und Herausgabe der Forschungsergebnisse des Wuppertaler Projekts in der Sammelreihe „West-östliche Spiegelungen“ mit ausführlichen Einleitungen zu jedem Band. In insgesamt zehn dickleibigen Bänden wird die Geschichte der Russen und Russlands aus deutscher Sicht ab dem 9. Jahrhundert und die Geschichte der Deutschen und Deutschlands ab dem 11. Jahrhundert bis in die Gegenwart dargestellt – ein hervorragendes Werk und trotz aller Wissenschaftlichkeit gut lesbar, ja, spannend zu lesen.

In den Jahren 1989 und 1990 konnte er endlich sein Moskau und seine ehemaligen Freunde in Russland besuchen und 1990 erhielt er – wieder per Ukas – seine sowjetische Staatsbürgerschaft zurück. Er blieb aber in Köln, um sein Lebenswerk zu vollenden. Hier starb der einstige überzeugte Kommunist als leidenschaftlicher Europäer und Menschenrechtler am 18. Juni 1997, seine Urne wurde auf dem Donskoi-Friedhof neben seiner Frau Raissa, die schon 1989 gestorben war, beigesetzt.

(1) Lew Kopelew: Tröste meine Trauer, Verlag Hoffman u. Campe 1981
(2) Lew Kopelew: Und schuf mir einen Götzen, Verlag Hoffman u. Campe 1979
(3) ebenda
(4) Essay „Nur die Wahrheit kann Lügen besiegen“ 12.02.74 in Lew Kopelew: Im Willen zur Wahrheit, Fischer Verlag 1984

Literatur:
Sonnenberg, Uwe: Die Kopelewsche Brücke, Trafo Verlag 2007
Zylla, Elsbeth [Hg]: Heinrich Böll – Lew Kopelew. Briefwechsel Steidl Verlag 2011

In deutscher Sprache erschienene Werke von Lew Kopelew:
Zwei Epochen deutsch-russischer Literaturbeziehungen. Frankfurt am Main: S. Fischer. 1973
Verwandt und verfremdet. Essays zur Literatur der Bundesrepublik und der DDR. Frankfurt am Main: S. Fischer. 1976
Aufbewahren für alle Zeit! Hamburg: Hoffmann und Campe. 1976
Verbietet die Verbote! In Moskau auf der Suche nach der Wahrheit. Hamburg: Hoffmann und Campe. 1977
Und schuf mir einen Götzen. Lehrjahre eines Kommunisten. Hamburg: Hoffmann und Campe. 1979
Tröste meine Trauer. Autobiographie 1947-1954. Hamburg: Hoffmann und Campe. 1981
Ein Dichter kam vom Rhein. Heinrich Heines Leben und Leiden. Berlin: Severin und Siedler. 1981
[Heinrich Böll und L. K.] Warum haben wir aufeinander geschossen? Bornheim-Merten: Lamuv-Verlag. 1981
[Heinrich Böll, L. K., Heinrich Vormweg] Antikommunismus in Ost und West. Zwei Gespräche. Köln: Bund-Verlag. 1982
Kinder und Stiefkinder der Revolution. Unersonnene Geschichten. München: Deutscher Taschenbuchverlag. 1983
Der heilige Doktor Fjodor Petrowitsch. Die Geschichte des Friedrich Joseph Haas. Bad Münstereifel 1780 – Moskau 1853. Hamburg: Hoffmann und Campe. 1984
Im Willen zur Wahrheit. Analysen und Einsprüche. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag. 1984
Worte werden Brücken. Aufsätze/Vorträge/Gespräche. 1980-1985. Hamburg: Hoffmann und Campe. 1985
[Überarbeitete Neuausgabe] Ein Dichter kam vom Rhein. Heinrich Heines Leben und Leiden. München: Deutscher Taschenbuchverlag. 1986
[Raissa Orlowa und L.K.] Boris Pasternak. „Bild der Welt im Wort“. Stuttgart: Radius Verlag. 1986
[Raissa Orlowa und L.K.] Wir lebten in Moskau. München und Hamburg: Albrecht Knaus Verlag. 1987
Der Wind weht, wo er will. Gedanken über Dichter. Hamburg: Hoffmann und Campe. 1988
[Raissa Orlowa und L.K.] Zeitgenossen, Meister, Freunde. München und Hamburg: Albrecht Knaus Verlag. 1989
Und dennoch hoffen. Texte der deutschen Jahre. Hamburg: Hoffmann und Campe. 1991
Waffe Wort. Göttingen: Steidl. 1991
Laudationes. Göttingen: Steidl-Verlag. 1993
Rußland – eine schwierige Heimat. Göttingen: Steidl. 1995

Leitung und Herausgabe der Forschungsergebnisse des Wuppertaler Projekts in der Sammelreihe „West-östliche Spiegelungen“; ausführliche Einleitungen zu jedem Band sowie verschiedene Beiträge. Mehrbändiges Werk Wilhelm Fink Verlag ab 1985




Alexander Issajewitsch Solschenizyn: „Nicht nach der Lüge leben“

Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier).

Als Solschenizyn aus der Sowjetunion ausgewiesen wurde, weil er dieses System verurteilte, wurde er im Westen gemäß dem Leitsatz „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ bejubelt – sein Erfolg war zunächst auch die Folge eines Schwarz-Weiß-Denkens, das bis heute nicht ausgerottet ist. Dass jemand, der das eine System verurteilt, nicht zwangsläufig ein Befürworter des anderen Systems sein muss, wurde geflissentlich übersehen. Solschenizyn aber blieb auch in der Emigration ein Russe, der sein Volk liebt. Nur nach und nach stellte man dies im Westen erstaunt fest. Hinzu kamen seine – für den Westen sehr eigenwillige – typisch russische Denkweise und die ungeschminkt deutliche Aussprache seiner Überzeugungen, die – vorsichtig gesagt – nicht recht kompatibel war mit der westlichen political correctness. Seine (auch in Russland nicht unumstrittenen) Vorstellungen von dem Weg, den Russland in der Zukunft gehen sollte, passten ganz und gar nicht zu den Vorstellungen des Westens.

Damit wurde er immer mehr zur persona non grata.
Deswegen war es im Westen still um ihn geworden.

Aber nicht nur der Westen rieb sich an seiner Person, auch in Russland scheiden sich bis heute an ihm die Geister:

In dem Jahrhunderte alten Streit zwischen den Westlern (wie Peter der Große, Tschaadajew, Belinski, Herzen, Pasternak und Sacharow, um nur einige zu nennen) und den Slawophilen (Tolstoi, Gorki, Dostojewski u.a.) war er die streitbare Autorität der Slawophilen.

Prägende Ereignisse in seinem Leben

Alexander Issajewitsch Solschenizyn wurde am 11. Dezember 1918 im Nordkaukasus in Kislowodsk geboren. Sein Vater, der schon ein halbes Jahr vor seiner Geburt starb, war als Kosake Angehöriger eines sehr stolzen, mutigen und eigenwilligen Volkes. Alexander Issajewitsch wuchs bei seinen Großeltern mit den Bräuchen und dem Glauben dieses Volkes auf. Seine Schulzeit verbrachte er in Rostow am Don bei seiner Mutter, wo er, weil seine Mutter krank war, anschließend auch Mathematik und Physik studierte; viel lieber hätte er in Moskau Literatur studiert. Seine Vorbilder waren Tolstoi, Gorki und natürlich – wie bei fast allen Jugendlichen seiner Zeit – Lenin. Der große Dichter Lew Tolstoi: ein religiöser Revolutionär, zum Ende seines Lebens gar Anarchist und der Prototyp eines Russen. Der von Staat und Volk gepriesene und verehrte Maxim Gorki: der große literarische und politische Revolutionär Russlands. Und Lenin: der Revolutionär schlechthin.

Von 1941 bis 1945 war Solschenizyn Batteriechef einer Artillerieeinheit und bei der Einnahme Ostpreußens dabei. Darüber schrieb er in seiner Dichtung Ostpreußische Nächte ebenso wie in der Erzählung Schwenkitten ’45.

So groß seine Begeisterung für Lenin war, so kritisch äußerte er sich über Stalin, und das ausgerechnet in den Feldpostbriefen, die er während seines Einsatzes in die Heimat schickte. Der militärische Abwehrdienst fand diese Briefe und Solschenizyn wurde im Februar 1945 noch an der Front verhaftet und ohne Verhandlung zu acht Jahren Zwangsarbeit in Lagern des GULAG und anschließender Verbannung verurteilt; in einem Sonderlager für Wissenschaftler lernte er Lew Kopelew kennen.

1953 – nach dem Tode Stalins – wurde er aus der Lagerhaft entlassen und nach Rjasan verbannt, wo er sich als Lehrer in einer Dorfschule durchschlug. Eine Krebserkrankung schien sein Leben beenden zu wollen, er überlebte jedoch wie durch ein Wunder.

In Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch und in Krebsstation verarbeitete Solschenizyn die Ereignisse. Beide Romane sind Abrechnungen mit dem stalinistischen System, die nach Chruschtschows Entstalinisierung auf dem 20. Parteitag 1956 plötzlich gut ins Bild der Zeit passten. So wurde Solschenizyn 1962 von Chruschtschow empfangen und sein Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch gedruckt. Das Buch machte seinen Verfasser schlagartig berühmt, doch der Friede währte nicht lange. Ende 1964 wurde Chruschtschow gestürzt, Breschnew beendete die „Tauwetterperiode“ und Solschenizyn wurde zu einem „Objekt“ des KGB.

Im Mai 1967 veröffentlichte Solschenizyn einen Brief an die Teilnehmer des vierten Kongresses der sowjetischen Schriftsteller, in dem er zur Abschaffung der Zensur aufrief. Der Brief wurde wenige Wochen später von Pavel Kohout auf dem tschechischen Schriftstellerkongress verlesen und löste einen Aufstand der Intellektuellen gegen die stalinistischen Methoden ihrer Regierung aus, womit der Prager Frühling begann.

Da er ahnte, was auf ihn zukam, schmuggelte Solschenizyn eine Kopie von Der erste Kreis der Hölle (das Original war schon vom KGB beschlagnahmt) ins Ausland. 1968 erschien dieser Roman – eine weitere Abrechnung mit dem Stalinismus – ebenso wie Krebsstation in mehreren westlichen Ländern. In der Folge wurde Solschenizyn 1969 aus dem russischen Schriftstellerverband ausgeschlossen.

1970 bekam er den Nobelpreis, den er jedoch nicht persönlich entgegen nahm, weil er voraussah, dass man ihn nicht wieder einreisen lassen würde. 1973 wurde sein berühmtes Hauptwerk Der Archipel GULAG im Westen gedruckt und in die Sowjetunion zurückgeschmuggelt (Tamisdat), 1974 wurde er ausgewiesen und ihm die Staatsbürgerschaft aberkannt – Willy Brandt hatte sich in Geheimgesprächen bereit erklärt, ihn aufzunehmen, sonst wäre er in Sibirien verschwunden. Nach seiner Ausreise lebte Solschenizyn in der Schweiz und dann bis 1992 in den USA.

Im Exil arbeitete Solschenizyn weiter an seinem monumentalen historischen Romanwerk Das rote Rad, eine unparteiische und unabhängige Geschichte Russlands vom Ersten Weltkrieg bis zur nachrevolutionären Zeit. Drei Teile wurden veröffentlicht, August vierzehn (1971), November sechzehn (1984) und März siebzehn (1986), danach gab der Autor aus Altersgründen auf.

Nach seiner Rehabilitierung kehrte er 1992 nach Russland zurück, wo er als Held empfangen wurde. Bis zuletzt engagierte sich Solschenizyn mit Schriften wie Russlands Weg aus der Krise (1990), die Forderung nach einem konservativen Ideal der religiös motivierten Rückbesinnung auf traditionelle Werte und Russland im Zusammenbruch (1998), eine scharfe Kritik an der Passivität des russischen Volkes und an Präsident Jelzin, als moralische Instanz für die Veränderung der russischen Gesellschaft und Politik.

2001 und 2002 veröffentlichte er die beiden Bände Zweihundert Jahre zusammen. Die russisch-jüdische Geschichte 1795 – 1916 und Zweihundert Jahre zusammen. Die Juden in der Sowjetunion, die von manchen heftig als antisemitisch kritisiert werden.

Am 8. August 2008 starb Solschenizyn in Moskau

Solschenizyns Kritik an der westlichen Welt

2004 veröffentlichte Solschenizyn nach Die Eiche und das Kalb (1975) – dt. Übersetzung des Originaltitels: Es rieb das Kalb seine Hörner an der Eiche – und Zwischen zwei Mühlsteinen (2005) den letzten Teil seiner dreiteiligen Autobiografie: Meine amerikanischen Jahre. Darin beschreibt er nicht nur sein Leben in den USA, sondern analysiert auch sein Gastland und dessen Bewohner; er wertet, was er erlebt hat, und wehrt sich gegen Vorwürfe aus amerikanischen und Emigrantenkreisen. Schon hier wird deutlich, was Solschenizyn in der Nachperestroikazeit in Russland noch vehementer vertritt: die Kritik am individualistischen Verhalten der Menschen, ein Verhalten in der westlichen Welt, für das die USA faktisch das Symbol sind.

Zusammenfassend kann man sagen, dass in diesem Teil seiner Biografie die Enttäuschung über westliche Profitgier, die Zerstrittenheit der russischen Emigranten und die Ohnmacht der schriftstellerischen Arbeit in Bezug auf gesellschaftliche Änderungen zum Ausdruck kommt.

Solschenizyn weigert sich, den Rationalismus als Maß aller Dinge anzuerkennen, und er verabscheut den Pragmatismus des Westens. Für sich nimmt er in Anspruch, immer überzeugt gewesen zu sein von dem, was er tat, und nie gegen sein Gewissen gehandelt zu haben.

Schon in den vierziger Jahren bezeichnete er sich als „Schriftsteller im Untergrund“ und formulierte für sich eine Lebensmaxime, der er bis zuletzt eisern folgte:

„Nicht nach der Lüge leben.“

Über seinen Glauben an Gott sagt er: „Für mich gehört der Glaube zu den Grundlagen und Grundfesten des Lebens eines Menschen.“

Auf westlicher Seite wurde Solschenizyns Überzeugung, seine Lebenseinstellung, als rein politisch (und damit oberflächlich) und nicht als kulturell begründet angesehen. Das führte letztlich zu dem Vorwurf, er sei ein nationalistischer, orthodoxer Patriot, der ein autoritäres System gut heiße – ein Vorwurf, der bis heute an ihm haften geblieben ist.

„Die russische Seele“ – Grundlage zum Verständnis für Solschenizyns kritische Westsicht

Die nachfolgende Erklärung ist nicht als eine (unzulässige) Verallgemeinerung zu verstehen, sondern als Reduktion auf den Kern, auf die kleinste Gemeinsamkeit in Wesen und Mentalität der russischen Menschen: die „russische Seele“.

Es fällt dem Westen – aus welchen Gründen auch immer – sehr schwer, zu begreifen, dass Russen einer anderen Kultur angehören und eine andere Mentalität besitzen, während wir das Anderssein anderer Kulturen (wie beispielsweise der japanischen oder der indischen) vielleicht verständnislos, aber doch klaglos akzeptieren. Dabei wird das Anderssein der russischen Kultur an vielen Punkten offenbar. Nur einige davon sollen hier im Zusammenhang mit den Angriffen auf Solschenizyn und zum besseren Verständnis russischer Schriftsteller allgemein herausgegriffen werden.

In Russland findet der Einzelne, das Individuum, nur innerhalb einer Gemeinschaft seinen Platz; er kann nur in ihr bestehen, niemals außerhalb oder gar gegen sie. Das war schon immer so und hat nichts mit der kommunistischen Vergangenheit zu tun, und wenn, dann höchstens in dem Sinn, dass der Kommunismus hier eine günstige Voraussetzung fand. Das „Ich“ hat nur Sinn und Bestand innerhalb des „Wir“. Russen brauchen die Gemeinschaft, um sich als Individuum zu fühlen, wohingegen sich das Individuum im Westen durch die Abgrenzung gegen Andere definiert.

Der grundlegende Wunsch nach Gemeinschaft findet seinen Ausdruck auch in den ausgelassenen Feiern und in der für Westler unfassbar großen Gastfreundschaft.

Ein noch viel größeres Indiz für das Gesagte ist aber die russische Sprache.

Während in westlichen Sprachen „Ich oder Du“ oder „Ich und Du“ ganz klar zwei Einzelpersonen (Individuen) benennt, sagt man im Russischen „Wir mit Dir“ („my s toboj“) und drückt damit denselben Sachverhalt aus, meint also „ich und du“. Die Einzelpersonen lösen sich quasi in der Gemeinschaft auf. Die russischen Worte „ja“ (deutsch „ich“) und „ty“ (deutsch „du“) werden nur im Zusammenhang mit Verben gebraucht (wie bei „ich gehe“ oder „du gehst“). Hieran wird sprachlich deutlich, dass das Individuum nur innerhalb der Gemeinschaft existiert.

Ein Individualist westlicher Prägung dagegen ist nach russischem Empfinden jemand, der sich gegen die Gemeinschaft stellt – jemand, der egoistische Ziele verfolgt. Ein Gesellschaftssystem, das auf dieser Grundlage basiert, muss bei „den Russen“ zwangsläufig Unbehagen hervorrufen, ja Ablehnung provozieren. (Inwieweit Empfindung und im geschäftlichen Leben praktizierte Realität vereinbar sind, ist – für Russen – eine andere Frage.)

Vor diesem Hintergrund werden Solschenizyns Vorwürfe gegen das westliche Gesellschaftssystem verständlicher.

Ein zweites Thema ist das Verwachsensein des russischen Menschen mit seiner Heimat, seinem „Mütterchen Erde“, wobei mit „Heimat“ alles von der kleinsten gemeinschaftlichen Einheit (Wohnung, Haus mit Garten, Datscha, Dorf) bis hin zur großen russischen Erde (Russland – aber nicht der politische Staat!) gemeint sein kann.

Diese übergangslose Definition von Heimat ist ganz sicher durch die geografisch gesehen im wahrsten Sinn des Wortes grenzenlose Weite Russlands bedingt: Nirgends stößt das Auge auf einen Widerstand, alles verschwimmt im Horizont. Ein Russe, der sich auf Reisen begab, blieb (und tut das auch heute noch, sofern er sich nicht mit dem Flugzeug in den Westen aufmacht) immer im eigenen Land. Er konnte Wochen unterwegs sein und war doch in der Heimat. Es war da kein anderes Land – nicht wie im Westen, wo man manchmal schon nach Stunden an die Grenzen eines anderen Landes mit einer anderen Sprache kam.

Für einen Russen gibt es nur Russland, zu dem auch die Völker zählen, die in Russland „aufgegangen“ sind. Kosaken, Burjaten, Ewenken oder Sibirjaken sind für ihn Russen, keine Fremden. Für ihn ist sein Heiliges Russland das Zentrum der Menschheit.

Die Identifikation des Russen mit Russland ist eine gefühlte Verwurzelung in der Heimat. Sie hat rein gar nichts mit Politik, mit einer Zugehörigkeit zu einem Staat oder mit Patriotismus im westlichen Sinn zu tun. Wie der Ausdruck „Heiliges Russland“ zeigt, spielt auch der (orthodoxe) Glaube dabei eine Rolle. Auch er geht eine gefühlte Verbindung mit dem Land, der Heimat, ein; er ist Bestandteil des Russentums (Slawentums). Ein Nationalbewusstsein im westlichen Sinn ist etwas völlig anderes.

Aus dem oben Gesagten über die Heimat und das Wirgefühl auf der einen Seite und der bedingungslosen Akzeptanz des Zaren als geistlichen und weltlichen Herrscher im Sinn eines göttlich Beauftragten auf der anderen Seite ergab sich eine Art „Arbeitsteilung“, die noch heute Bestand hat. Der Einzelne in seiner kleinen Gemeinschaft hat dafür zu sorgen, dass es ihm und den Seinen ausreichend gut geht. Dafür, dass er dazu in der Lage ist, hat der „ganz oben“ zu sorgen. Tut er es nicht, kann man daran auch nichts ändern. Diese patriarchale Einstellung ist, mit fatalistischen Zügen verbunden, ebenfalls tief in der russischen Mentalität verwurzelt. (Das Sowjetsystem hat im Übrigen diese Mentalität noch gefördert.) Russen haben schon immer einen starken Herrscher (Staat, Regierung) gewollt und wollen ihn auch heute, wie alle aktuellen Umfragen ergeben. Sich (im westlichen Sinn) aktiv an der „Regierung“ zu beteiligen, lehnen die meisten ab; diese Arbeit zu erledigen, ist die Aufgabe von anderen, von wem auch immer (Gott, Zar, Partei, Wahl) bestellten Menschen. Wenn diese ihre Arbeit nicht zufriedenstellend erledigen, kann man meckern und schimpfen (was man ohnehin tut) und auf bessere Zeiten warten, aber nichts daran ändern. Prototypischer Träger dieser dort freilich ins Extrem übersteigerten Persönlichkeitsstruktur ist der Titelheld »Oblomow« aus Gontscharows gleichnamigem Roman, weshalb man im Russischen auch von »Oblomowerei« spricht.

Ein Demokratieverständnis im westlichen Sinn ist in der russischen Seele nicht angelegt.

Ein letzter Punkt an dieser Stelle.

Auch die Stellung der Kirche in Russland und das gefühlsbetonte, für den Westler häufig irrationale, ja fatalistische Denken – im Gegensatz zur gefühlsarmen Rationalität des Westens und dem damit einhergehenden Individualismus – kann man nur aus der Geschichte heraus begreifen.

Bis zum 18. Jahrhundert waren sich der europäische Westen und Russland in den genannten Punkten gar nicht so fremd. Auch in Westeuropa stand die Kirche als gottgewollte oberste Instanz über der weltlichen Macht, war eins mit ihr. Dann kamen die Aufklärung und die Französische Revolution. Das Primat der Kirche wurde sowohl machtpolitisch als auch geistig gebrochen. Die Französische Revolution machte dem „gottgewollten Herrschertum“ (Absolutismus) den Garaus. Die Freiheit des Einzelnen als vernunftbegabtes Wesen war Sinn und Zweck dieser geistigen und auch ganz handfesten Revolution: Der Mensch wurde frei, um verantwortlich handeln zu können.

In Russland strandete die Aufklärung kläglich am Hof der Zarin Katharina die Große. Sie „strandete“ insofern, als sich zwar die Zarin (und ein enger Kreis des Adels bei Hofe) begeistert mit der Philosophie der Aufklärung beschäftigte – Katharina II. pflegte einen ausführlichen Briefwechsel mit Voltaire und kaufte nach seinem Tod seine vollständige Bibliothek (heute in der Russischen Nationalbibliothek in St. Petersburg) –, diese aber auf das Leben ihrer Untertanen nicht die geringste Auswirkung hatte. Russland blieb eine absolutistische Monarchie von Gottes Gnaden. Die orthodoxe (zu Deutsch: rechtgläubige) Kirche, nach deren Verständnis nicht die Erkenntnis, sondern allein das Sich-in-Gott-geborgen-Fühlen der rechte Weg zu Gott ist, erklärte weiterhin im Alleingang, wie der Mensch sein Leben zu leben habe.

Die brutale „Abschaffung“ der Religion durch die Revolution in Russland ist mit der Wirkung der Aufklärung im Westen nicht zu vergleichen. In Russland fand keine Bewusstseinsänderung statt, sondern die Trennung, besser Vernichtung, war von oben befohlen, was einerseits Jubel, andererseits große Angst und Trauer hervorrief. In den „Seelen“ der Menschen blieb die Religion so bestehen, wie sie war: als Feindbild oder als Hoffnung. Bildlich gesprochen schlummerte sie fortan in den Menschen wie ein Samenkorn, das nur darauf wartete, wieder in der alten Form zu erblühen (was sie bekanntlich dann nach der Perestroika auch tat).

Die Aufklärung bewirkte demnach in Westeuropa eine schrittweise Bewusstseinsänderung, Staat und Kirche wurden getrennt, der Mensch wurde – wie schon gesagt – frei, um verantwortlich und zielgerichtet handeln zu können. In Russland veränderte sich nichts. Die wenigen Dekabristen, die 1825 etwas in dieser Richtung (nach dem Vorbild der Französischen Revolution) verändern wollten, landeten bekanntlich in Sibirien.

Auch hier ist die Sprache wieder ein wichtiges Indiz:
Im Russischen gibt es zwei Wörter für „Freiheit“. Die Freiheit, zielstrebig (also im Sinn der Aufklärung) zu handeln, heißt im Russischen „svoboda“. Es ist eine Freiheit, die auch das Handeln anderer akzeptiert, also eine aus Vernunftgründen eingeschränkte Freiheit. Das andere Wort ist „volja“ und wird im Sinn von „frei sein von“ gebraucht. Es ist die Oblomowsche Freiheit, die bedeutet, einfach ungebunden zu sein, ohne Verantwortung; eine eher anarchistische Freiheit, ein grenzenloses Umherschweifen in der russischen Weite und Zeitlosigkeit, vergleichbar mit dem Gefühl, das der Hippie- und Flower-Power-Bewegung Mitte des letzten Jahrhunderts im Westen zugrunde lag.

In der russischen Literatur wird fast durchgängig von „volja“ geredet. Der russische Mensch begibt sich ziel- und zeitlos auf Wanderschaft, beispielsweise auf Gottsuche, wobei er aber Gott nicht am Ende seiner Wanderschaft sucht und findet, sondern im Umherwandern selbst. Auch ein Leben in der Einsiedelei, frei von allem Irdischen, ist eine solche (geistige) Wanderschaft, bei der nicht die Erlösung im Tod, sondern die Wanderschaft selbst das Ziel ist.

Dazu sagt man heute im Westen: „Der Weg ist das Ziel“.

Mit diesem Wissen muss man Solschenizyn – und nicht nur ihn, sondern letztlich alle russischen Schriftsteller – lesen und hören, dann wird man sie auch besser verstehen.




Der unbekannte Solschenizyn

Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

Wie leicht ist mir, mit Dir zu leben, o Herr!
Wie leicht ist mir, an Dich zu glauben!
Wenn mein Verstand sich dem Zweifel öffnet oder kraftlos wird,
wenn die Klügsten unter den Klugen
nicht über den heutigen Abend hinaussehen
und nicht wissen, was morgen getan werden muss –
gibst Du mir Klarheit und Zuversicht,
dass es Dich gibt
und dass Du Sorge tragen wirst,
dass nicht alle Wege des Guten verschlossen sein werden.

Auf der Höhe meines irdischen Ruhmes
blicke ich mit Verwunderung zurück, auf jenen Weg
durch die Hoffnungslosigkeit – hierher,
von wo aus auch ich der Menschheit
einen Abglanz Deiner Strahlen schicken konnte.
Und wie viel Zeit auch nötig sein wird,
um Deine Strahlen widerzuspiegeln,
Du wirst sie mir geben.
Und was ich nicht mehr schaffen werde, heißt –
dass Du es Anderen vorbestimmt hast.

Gebet von Alexander Solschenizyn, entstanden zwischen 1958 und 1963.
(zitiert nach: Alexander Solschenizyn, Was geschieht mit der Seele in der Nacht. Kurzerzählungen. Herbig, 2006)

Wer den Namen Alexander Solschenizyn hört, dem fällt sofort Archipel GULAG ein, dann Krebsstation und Im ersten Kreis der Hölle; wer mehr weiß, denkt sicher noch an Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch. Alle haben den gegen den Kommunismus kämpfenden, großartigen Schriftsteller vor Augen, der vom Sowjetregime aus dem Land gejagt wurde. Belesenere wissen um den Nobelpreis, wissen, dass Solschenizyn selbst im Lager war, und haben in seinen jüngeren Werken gelesen, dass er auch dem Westen kritisch gegenüberstand. Politisch Engagierte sehen mit großer Zustimmung seinen unerschütterlichen Kampf gegen die stalinistische Diktatur und den Kommunismus, sind jedoch befremdet, dass der Feind des Sowjetregimes ein (wenn auch kritischer) Fürsprecher Russlands (vermeintlich: geworden!) ist. Kurzsichtige schimpfen ihn einen erzkonservativen Nationalisten und Prediger russischer Großmachtpolitik.

Es ist nun, nach seinem Tode, Zeit, zur Ruhe zu kommen und jenseits der tagespolitischen Aktualität über den Menschen Solschenizyn nachzudenken, nachzudenken über das, was im Eifer des Gefechts vielleicht untergegangen ist, zu sortieren, was tagespolitische Emotionalität und was die Triebfeder seines Handelns war und was bleiben wird. Und wer könnte besser Auskunft geben über seine Grundüberzeugungen, sein Handeln und die Maximen seines Lebens, als er selbst? Daher soll hier – so paradox es nach seinem Tod auch klingen mag – Solschenizyn selbst zu Wort kommen.

Außer Frage steht, dass Solschenizyn einer der größten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts war; und er war ein russischer Schriftsteller, was bedeutet, dass er, wie alle russischen Schriftsteller vor ihm, die Aufgabe des Schriftstellers darin sah, als Gewissen der Gesellschaft zu agieren. Deutlich wird dieser Anspruch im nachfolgenden Auszug aus einem von Pavel Ličko verfassten Bericht, der 1967 in der slowakischen Literaturzeitung Kultúrny Život erschien:

Dank der Tatsache, dass er die Welt durch das Auge des Künstlers sieht, und dank seiner Intuition enthüllen sich manche der sozialen Erscheinungen durch den Schriftsteller früher und von einer unerwarteten Seite. Darin besteht sein Talent. Aus dem Talent jedoch erwächst Verpflichtung. Der Gesellschaft hat er darüber zu berichten, was er sieht, oder wenigstens von dem, was krankhaft ist und Unruhe erzeugt. …. Der Schriftsteller muss sich beunruhigen, muss sich von seinem künstlerischen Bewusstsein leiten lassen. Er hat darüber zu schreiben, was er sieht und wie er es sieht. …..

Die Aufgabe des Schriftstellers darf man nicht bloß vom Gesichtspunkt seiner Verpflichtungen vor der Gesellschaft sehen, man muss sie auch vom Gesichtspunkt der allerwichtigsten Verpflichtung – derjenigen vor jeder einzelnen Persönlichkeit – sehen. Das Leben des Einzelnen deckt sich nicht immer mit dem Leben der Gesellschaft. Nicht immer steht die Gesellschaft dem Einzelnen bei. Jeder Mensch hat vielerlei Probleme, welche die Gesellschaft nicht zu lösen vermag. Der Mensch ist zunächst ein körperliches und geistiges Wesen, und erst dann wird er zu einem Glied der Gesellschaft. Die Verpflichtung des Schriftstellers vor dem Einzelmenschen ist nicht kleiner als seine Verpflichtung vor der Gesellschaft. In unserer Zeit, da die Technik das Leben beherrscht, da materielle Wohlfahrt das Wichtigste ist, da der Einfluss der Religion auf der ganzen Welt abnimmt, ruht auf dem Schriftsteller eine ganz besondere Verpflichtung. Er hat einen verwaisten Platz einzunehmen.

(zitiert nach: Alexander Solschenizyn, Von der Verantwortung des Schriftstellers I. Hrsg. von Felix Philipp Ingold. Peter Schifferli Verlag AG Die Arche, 1969)

Ohn Ansehen der Person und furchtlos hat Solschenizyn auf Missstände und Fehlentwicklungen hingewiesen, ob nun gegenüber der weltlichen Macht, der er, wie 1973 in seinem Offenen Brief an die sowjetische Führung, die Hauptprobleme Russlands aufzeigte, oder gegenüber der geistlichen, der er 1972 in seinem Fastenbrief an den Patriarchen von Moskau und ganz Russland, Pimen Falschheit und Feigheit vor den Mächtigen vorwarf. Durch den Nobelpreis war ihm eine relative „Unberührbarkeit“ sicher; er stand vor den Augen der Welt, durch die ein Aufschrei gegangen wäre, hätte man ihn „bestraft“. Nicht nur in seinen belletristischen Werken, sondern auch in vielen Essays, Aufrufen und Interviews nutzte er den Schutz durch die Öffentlichkeit dazu, seine Meinung offen auszusprechen.

Nach Solschenizyns Vorstellung musste der Schriftsteller das Gewissen der Gesellschaft sein, eine moralische Instanz; er musste sich seiner Verantwortung bewusst sein und selbst danach leben. Und Gerechtigkeit ist die Voraussetzung für Gewissen.

In einem Brief an drei Studenten schrieb er dazu:

Gewissen und Gerechtigkeit

Nach meinem Gefühl habe ich Euch meinen Gedanken nicht ganz ausgesprochen, nicht ganz klar gemacht. Hier noch ein paar Worte dazu.

Gerechtigkeit ist eine Errungenschaft der um Jahrhunderte zurückreichenden Menschheit und wird nie zu Ende gehen – selbst dann nicht, wenn sie sich an vereinzelten „Engpässen“ für die Mehrzahl der Leute verdunkelt. Es ist dies offensichtlich ein der Menschheit eingeborener Begriff, denn eine andere Quelle lässt sich nicht finden. Gerechtigkeit besteht, solange es Menschen – seien es auch noch so wenige – gibt, die sie empfinden. Die Liebe zur Gerechtigkeit kommt mir als ein von der Liebe zu den Menschen unabhängiges Gefühl vor (oder als eines, das nur teilweise damit zusammenfällt). Und in jenen Zeiten des Verfalls der Massen, wenn sich die Frage stellt: ‹um wen soll ich mich bemühen? für wen soll ich denn Opfer bringen? › – da kann man mit voller Überzeugung antworten: für die Gerechtigkeit. Sie ist keineswegs relativ, wie etwa das Gewissen, nein, sie selbst ist das Gewissen, doch nicht ein persönliches, sondern das Gewissen der gesamten Menschheit. Wer die Stimme des eigenen Gewissens klar vernimmt, der vernimmt gewöhnlich auch die Stimme der Gerechtigkeit. Ich bin der Überzeugung, dass uns in jeder gesellschaftlichen Frage (oder, wenn wir sie nicht bloß vom Hörensagen, nicht bloß aus Büchern kennen, sondern seelisch von ihr betroffen sind, in jeder historischen Frage) die Gerechtigkeit ein Vorgehen (beziehungsweise ein Urteil) nahelegt, das niemals gewissenlos sein kann.

Da unser Verstand gewöhnlich nicht dazu ausreicht, den Gang der Geschichte zu erklären, zu verstehen und vorauszusehen – und da, wie Ihr selbst sagt, die „Planung“ der Geschichte sich als Unsinn erwiesen hat -, so werdet Ihr doch nie fehlgehen, wenn Ihr Euch in jeder gesellschaftlichen Situation für die Gerechtigkeit einsetzt … Dies gibt uns die Möglichkeit, stets – ohne je die Hände sinken zu lassen – tätig zu sein. Entgegnet mir nun aber nicht, die Gerechtigkeit werde „von jedem einzelnen wieder anders verstanden“. Nein! Man mag Euch anschreien, an der Gurgel packen, die Brust aufreißen, und dennoch sind die Regungen in Euch ebenso untrügerisch wie die Eingebungen des Gewissens. (Auch im persönlichen Leben versuchen wir ja bisweilen, unser Gewissen niederzuschreien.) So bin ich beispielsweise überzeugt, dass die Besten unter den Arabern heute gut verstehen können, dass Israel, nach Recht und Gerechtigkeit, leben und existieren darf. Ich drücke Euch die Hand!

(zitiert nach: Alexander Solschenizyn, Von der Verantwortung des Schriftstellers I. Hrsg. von Felix Philipp Ingold. Peter Schifferli Verlag AG Die Arche, 1969)

Unverständlich war vielen, dass Solschenizyn nach seiner Ausweisung aus der Sowjetunion mit dem Westen ebenso harsch ins Gericht ging wie mit dem Sowjetregime. Das kam spätestens 1975 in seinen Drei Reden an die Amerikaner zum Ausdruck. Der Autor ließe jede Dankbarkeit vermissen, meinten nicht wenige. Aber weshalb sollte er plötzlich seine Überzeugungen, das, was er als richtig und falsch erkannt hatte und woraus sein menschliches und politisches Handeln resultierte, verleugnen?

In den nachfolgenden Auszügen aus seiner Rede an der Internationalen Akademie für Philosophie im Fürstentum Liechtenstein – 14. September 1993 spricht Solschenizyn diese Überzeugungen aus:

Politik und Ethik


Natürlich können ethische Verhaltenskriterien einzelner Menschen, Familien und kleinerer Gruppen nicht hundertprozentig auf Politiker und Staaten übertragen werden, da gibt es keine volle Übereinstimmung: Die Größenverhältnisse, die Unbeweglichkeit und die Aufgaben staatlicher Institutionen bringen eine gewisse Deformation mit sich. Indessen werden auch Staaten von Politikern geleitet, und Politiker sind gewöhnliche Menschen, und ihre Handlungen wirken sich auch auf gewöhnliche Menschen aus; außerdem sind die Schwankungen im politischen Verhalten oft nur in geringem Maße durch staatliche Zwänge bedingt. Es müssen also viele ethische Forderungen, die wir gegenüber dem Menschen erheben – Ehrlichkeit statt Niedertracht und Betrug, Großmut und Güte statt Gier und Bosheit -, in erheblichem Ausmaß auch gegenüber der Politik der Staaten, Regierungen, Parlamente und Parteien erhoben werden.

Wenn aber Staats-, Partei- und Sozialpolitik nicht auf ethischen Prinzipien aufbauen, dann hat die Menschheit überhaupt keine Zukunft mehr. Vielmehr: Ob es nun um Staatspolitik oder um menschliches Verhalten geht – wenn sie nach einem ethischen Kompass ausgerichtet sind, werden sie nicht nur die menschlichsten, sondern letztlich auch die umsichtigsten für die eigene Zukunft sein.

Im russischen Volk ist über die Jahrhunderte hinweg eine Vorstellung nicht verloschen, ein ideales Ziel, das mit einem eigenen Wort: prawda – Wahrheit, Rechtschaffenheit, Gerechtigkeit – ausgedrückt wird, man soll nach der prawda leben. Selbst Ende des bereits relativ trüben 19. Jahrhunderts bestand der russische Philosoph Wladimir Solowjow darauf, dass vom christlichen Standpunkt aus ethische und politische Tätigkeit eng miteinander verbunden seien und dass politische Tätigkeit auch nichts anderes sein könne als ethisches Dienen. Eine Politik aber, die nur den Interessen diene, beinhalte nichts Christliches.

Der unendliche Fortschritt


Diese wohlklingende Bezeichnung fand große Verbreitung und weitete sich bis zu einer fast allumfassenden und stolzen Lebensphilosophie aus: Wir schreiten fort! Bereitwillig glaubte die gebildete Menschheit [
ab Ende des 19. Jahrhunderts, hmw] sofort an diesen Fortschritt. Merkwürdigerweise aber machte sich keiner darüber Gedanken: Fortschritt – wohin denn? Fortschritt – wovon denn? Und droht uns nicht bei diesem Fortschritt irgendein Verlust? So unterstellte man voller Begeisterung, voller Zukunftsaussicht, dass der Fortschritt sich in allem, was es nur gibt, vollzieht, auch in der gesamten Menschheit. Aus diesem krampfhaften Fortschrittsoptimismus zog Marx den Schluss, die Geschichte führe uns zur Gerechtigkeit auch ohne Gott.

Die Krise des Fortschritts


Die erste Kleinigkeit, die wir übersehen und erst kürzlich entdeckt haben: Es kann keinen grenzenlosen Fortschritt in der begrenzten Umwelt der Erde geben. Die Natur erwartet von uns nicht, dass wir sie uns unterordnen, sondern dass wir sie unterstützen. Wir sind alle dabei, die uns überlassene Natur erfolgreich aufzuzehren.


Als zweite Fehleinschätzung erwies sich, dass mit dem Fortschritt keine generelle Verfeinerung der Sitten eintrat. Man hatte nicht mehr und nicht weniger als die menschliche Seele außer Acht gelassen.

Wir gestatteten unseren Bedürfnissen, ins Unermessliche zu wachsen, und wissen schon nicht mehr recht, worauf wir sie richten sollen.


Nein, nicht alle Hoffnung liegt bei Wissenschaft, Technologie und Wirtschaftswachstum. Mit der sieghaften, auf der Technik beruhenden Zivilisation haben wir zugleich eine geistige Unsicherheit bekommen. Mit ihren Geschenken tut sie uns nicht nur wohl, sie versklavt uns auch. Das Interesse bedeutet alles, das jeweilige Interesse darf nicht außer Acht gelassen werden, alles geht um den Kampf für materielle Dinge, doch unser Gefühl sagt uns verhalten, dass etwas verloren gegangen ist – etwas Reines, Hohes und Zerbrechliches. Wir haben aufgehört, das Ziel zu sehen.

Doch wir sind der ewigen Probleme nicht ledig


Indessen zerreißen zwischen den Menschen auch die horizontalen seelischen Bindungen. Bei all dem vorgeblichen Brodeln des politischen und sozialen Lebens wächst eine asoziale Abschottung und Vereinzelung, ein Mangel an Mitgefühl unter den Menschen, die mit ihren materiellen Interessen befasst sind – und dem folgt dann eine penetrante Einsamkeit. …..

Wir dürfen uns nicht einfach dem automatischen Ablauf des Fortschritts überlassen, sondern müssen uns bemühen, ihn uns um unserer selbst willen wieder geistig anzueignen. Wir müssen Wege einer solchen erneuten Aneignung suchen (oder bereits gefundene vertiefen), damit wir nicht lediglich Spielball des Fortschritts werden, sondern die Macht des Fortschritts wirklich darauf ausrichten, dass Gutes geschieht.


Wir haben in uns die Harmonie verloren, aus der heraus wir geschaffen wurden, die Harmonie zwischen unserer geistigen und leiblichen Natur. Auch jene seelische Klarheit, in der die Begriffe Gut und Böse noch nicht verspottet und durch die zum Prinzip gewordene Halbherzigkeit ihres Sinnes beraubt wurden.

Nichts legt unsere heutige geistige Hilflosigkeit und intellektuelle Verwirrung so bloß wie der Verlust eines klaren, friedvollen Verhältnisses zum Tode. Je stärker der Wohlstand der Menschen wächst, desto schärfer bohrt sich in die Seele des heutigen Menschen eisige Todesangst. Aus diesem unersättlichen, lauten, betriebsamen Leben hat sich ja eine derartige Massenangst vor dem Tod entwickelt, wie man sie in alten Zeiten gar nicht kannte. Der Mensch hat das Gespür dafür verloren, sich als begrenzten, wenn auch mit Willen begabten Punkt des Weltalls zu empfinden. Immer mehr und mehr deucht es ihn, Zentrum seiner Welt zu sein, versucht er, nicht sich der Welt anzupassen, sondern die Welt nach seinen Vorstellungen zu formen. Da wird natürlich der Gedanke an den Tod unerträglich, bedeutet er doch das Auslöschen des ganzen Weltalls mit einem Schlag.

Durch den Verzicht darauf, uns der unveränderlichen höchsten Kraft über uns bewusst zu bleiben, haben wir den Raum mit persönlichen Imperativen angefüllt, und plötzlich wurde es entsetzlich zu leben.

An der Grenze zum 21. Jahrhundert


Während des 20. Jahrhunderts ist das ethische Verhalten der Menschheit nicht besser geworden. Vernichtungsaktionen betrafen immer größere Menschenmassen, die Kultur erfuhr einen schroffen Niedergang, und das Geistesleben verarmte. (Obwohl natürlich auch das 19. Jahrhundert seinen Teil dazu beigetragen hat.) Wieso sollten wir erwarten, dass das 21. Jahrhundert, das auch noch an allen Ecken und Enden mit jeglicher Art erstklassiger Waffen gespickt ist, für uns angenehmer werden sollte?

Dazu kommen noch die wachsenden Umweltschäden. Dann die Bevölkerungsexplosion. Und das gewaltige Problem der dritten Welt, die sehr verallgemeinernd und inadäquat immer noch so genannt wird. Sie bildet gegenwärtig vier Fünftel der Menschheit, bald werden es fünf Sechstel sein – und sie wird so zum wichtigsten Subjekt des 21. Jahrhunderts. In Unglück und Armut versinkend, wird sie zweifellos bald mit immer größeren Forderungen an die führenden Industriestaaten herantreten.

Selbstbeschränkung


Unablässig nähern wir uns dem Zeitpunkt, an dem es notwendig wird, uns Selbstbeschränkung in unseren Bedürfnissen aufzuerlegen. Ist es schwer, sich zur Selbstbescheidung und zu Opfern zu entschließen? Es ist schwer, und zwar deshalb, weil wir im persönlichen, gesellschaftlichen und staatlichen Leben schon vor langer Zeit den goldenen Schlüssel der Selbstbeschränkung auf den Meeresgrund versenkt haben. Selbstbeschränkung aber ist das erste und vernünftigste Handeln eines Menschen, der die Freiheit gewonnen hat. Sie ist auch der sicherste Weg, um Freiheit zu verwirklichen. Wir dürfen nicht abwarten, bis uns die äußeren Umstände bedrängen oder sogar umstoßen, wir müssen durch vorausschauende Selbstbeschränkung dem unausweichlichen Lauf der Dinge einen friedlichen Verlauf ermöglichen.


Beim Auseinanderbrechen der UdSSR in einzelne Republiken mit von Lenin künstlich gezogenen Grenzen gibt es auch widerliche Beispiele dafür, wie sich die neugeborenen Gebilde auf der Jagd nach übertriebenem staatlichem Ansehen so schnell wie möglich weiträumige, historisch und ethnisch fremde Gebiete einverleibten, wo Zehntausende, auch Millionen Menschen anderer Herkunft leben. Aus Mangel an Weitblick denken sie nicht an die Zukunft: Nie bringt die Beute dem Räuber Gutes.


Wenn wir uns nicht dazu erziehen, unseren Wünschen und Bedürfnissen harte Grenzen zu setzen, unsere Interessen den Kriterien der Ethik unterzuordnen, wird es uns, wird es die Menschheit einfach zermalmen. Die übelsten Seiten der menschlichen Natur werden hervorbrechen.

Eine Erkenntnis, die schon von verschiedenen Denkern formuliert wurde, sei hier mit den Worten eines russischen Philosophen des 20.Jahrhunderts, Nikolai Losski, wiedergegeben: »Wenn eine Person nicht auf überpersönliche Werte hin ausgerichtet ist, dann dringen in sie unvermeidlich Verderbnis und Zerfall ein.« – Oder, gestatten Sie mir eine persönliche Beobachtung anzuführen: Wahre geistige Befriedigung erhalten wir einzig und allein nicht vom Nehmen, sondern vom Verzicht auf das Nehmen. Von der Selbstbeschränkung.


Heute werden nicht viele dieses Prinzip für sich willig akzeptieren. Dennoch: Sich unter den komplizierter werdenden Umständen unserer Gegenwart selber zu beschränken, ist der einzig wahre, rettende Weg – für uns alle.

Er hilft uns auch, das Bewusstsein wiederzuerlangen, dass über uns der Eine, Allumfassende und Höchste ist – und ein ganz verlorenes Empfinden – die Demut vor IHM.

Fortschritt? Gültig kann nur ein einziger sein: die Summe der geistigen Fortschritte der einzelnen Menschen. Der Grad der Selbstvervollkommnung auf ihrem Lebensweg.

Vor kurzem noch hat man uns mit dem naiven Märchen vom glücklichen »Ende der Geschichte«, das eingetreten sei, fröhlich unterhalten, dem üppigen Triumph alles umfassender demokratischer Seligkeit, als ob damit die Endform der Weltordnung erreicht sei.

Aber wir alle sehen und empfinden, dass etwas ganz anderes naht – und wahrscheinlich raue Zeiten. Nein, es sieht nicht danach aus, dass Ruhe auf unserem Planeten eintreten wird, und sie wird uns auch nicht so leicht geschenkt werden.

Dennoch sind die leidvollen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts für uns alle nicht sinnlos geblieben. Wir müssen hoffen: Auch wir kämpfen uns durch zur Standfestigkeit, und diese Beharrlichkeit wird irgendwie von Generation zu Generation weitergegeben.

[Alle Auszüge aus der Rede sind zitiert nach: Alexander Solschenizyn, Die russische Frage am Ende des 20. Jahrhunderts. Piper, 1994.]

Erstaunt werden jetzt auch diejenigen, die Solschenizyn unter dem Aspekt des Tagespolitischen gesehen haben, feststellen, dass er auch ein Philosoph war – kein Philosoph im stillen Gelehrtenstübchen, sondern einer, der seinem Denken Handeln folgen ließ und für seine Überzeugungen kämpfte, auch wenn er sich dabei auf allen Seiten Feinde machte.

Er kämpfte für Moral und Ethik, für Frieden und Gerechtigkeit, für eine bessere Welt und – wie könnte es bei einem Russen anders sein – für sein Russland.

Vater unser, der Du bist der Allergnädigste!
Wende Dich nicht von Deinem Russland ab, dem geliebten,
Deinem leidgeprüften Land in seinem heutigen Erstarren,
mit seinen vielen Wunden, in seiner Verarmung
und in der Verwirrung seines Geistes.
Gott der Allmächtige!
Lasse nicht zu, dass es Russland nicht mehr geben sollte,
dass es aufhören könnte zu sein.
Wie viele aufrichtige Herzen
und wie viele Talente
Hast Du unter den russischen Menschen verteilt.
Lasse nicht zu, dass sie alle in der Finsternis verschwinden,
ohne in Deinem Namen gewirkt haben zu können!
Aus den Tiefen des Unheils –
erlöse Dein Volk, das unbeständige.

Gebet von Alexander Solschenizyn, entstanden zwischen 1996 und 1999.
(zitiert nach: Alexander Solschenizyn, Was geschieht mit der Seele in der Nacht. Kurzerzählungen. Herbig, 2006)

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Essays vom und Dokumente zum „unbekannten Solschenizyn“ unter anderem in:

Alexander Solschenizyn: Von der Verantwortung des Schriftstellers I. Hrsg. von Felix Philipp Ingold. Peter Schifferli Verlag Die Arche, 1969

            Alexander Solschenizyn im Gespräch
Augenschein bei Solschenizyn
Über die russische Sprache
Gewissen und Gerechtigkeit
Briefe

Alexander Solschenizyn: Von der Verantwortung des Schriftstellers II. Hrsg. von Felix Philipp Ingold. Peter Schifferli Verlag AG Die Arche, 1970

F.P.I. Solschenizyn vor der sowjetischen Kritik
Alexander Solschenizyn: Schlusswort an der Konferenz der Moskauer Schriftstellerorganisation
Alexander Solschenizyn: Diskussionsbeitrag auf der Sitzung des Sekretariats des SSV
Alexander Twardowski: In Sachen Solschenizyn
Wenjamin Kaverin: Ich darf nicht schweigen
Literaturnaja Gazeta – Ideeller Kampf und schriftstellerische Verantwortung
Mitteilung des Schriftstellerverbandes der RSFSR
Autorenkollektiv: Brief an den sowjetischen Schriftstellerverband
S. Michalkow, N. Gribatschow, L. Sobolew, Interview im SSV
Nikolaj Gribatschow: Tränen für den Export

Alexander Solschenizyn: Kirche und Politik. Hrsg. von Felix Philipp Ingold und Ilma Rakusa. Peter Schifferli Verlag Die Arche, 1973

Vorbemerkung der Herausgeber
Wassilij Rosanow: Religion in Rußland
Wladimir Solowjow: Vom Unglauben
Nikolaj Eschliman/Gleb Jakunin: Rußlands leidende Kirche
Sergij Scheludkow: Von der Freiheit des Christenmenschen im sozialistischen Staatswesen
Alexander Solschenizyn: Fastenbrief an den Patriarchen von Moskau und ganz Rußland, Pimen
Sergij Scheludkow: Antwort an Alexander Solschenizyn
Alexander Solschenizyn: Antwort an Sergij Scheludkow
Felix Karelin: Zum Brief von Vater Sergij Scheludkow an Alexander Solschenizyn
G. R.: Meine Meinung
Erzbischof Johannes von San Francisco: Solschenizyn und die gegenwärtige Lage der russischen Kirche
Alexander Schmeman: Prophetie
Alexander Solschenizyn: «Was kann ich dafür?»
Alexander Solschenizyn: Die Osterprozession
Alexander Solschenizyn: Die Kirche Johannes des Täufers

Alexander Solschenizyn: Offener Brief an die sowjetische Führung (mit dem Essay „Lebt nicht mit der Lüge!“). Sammlung Luchterhand, 1974

Alexander Solschenizyn: Drei Reden an die Amerikaner. Sammlung Luchterhand, 1975

Alexander Solschenizyn: Von der Unbeugsamkeit des Geistes. Hrsg. von Felix Philipp Ingold. Peter Schifferli Verlags AG Die Arche, 1974

Alexander Solschenizyn: Aus dem Leben eines Schriftstellers
Alexander Solschenizyn: Von der Unbeugsamkeit des Geistes
Alexander Solschenizyn: Friede und Unterdrückung
Lidja Tschukowskaja: Volkszorn

Alexander Solschenizyn: Russlands Weg aus der Krise (Ein Manifest). Serie Piper 1990

Alexander Solschenizyn: Die russische Frage am Ende des 20. Jahrhunderts. Hrsg. von Wolfgang Kasack, Serie Piper 1994

Vorbemerkung des Herausgebers
Rede an der Internationalen Akademie für Philosophie im Fürstentum Liechtenstein
Ansprache anläßlich der Enthüllung des Denkmals für die Opfer des Aufstands in der Vendee
Dankesrede anläßlich der Verleihung der Literatur Ehrenmedaille durch den National Arts Club in New York
Rußland am Vorabend der Wahlen 1993. Interview
Die russische Frage am Ende des 20. Jahrhunderts
Anhang
Wolfgang Kasack: Der Schriftsteller als Publizist.
Zusammenbruch und Wiederaufbau Rußlands aus der Sicht Solschenizyns 1993/1994

Alexander Solschenizyn: Was geschieht mit der Seele in der Nacht. Kurzerzählungen. Herbig, 2006

Alexander Solschenizyn: Heldenleben. Zwei Erzählungen. Serie Piper, 1996
Ektow, der Philanthrop
Ein Heldenleben

Alexander Solschenizyn: Nemow und das Flittchen. Theaterstück. Sammlung Luchterhand, 1971

Alexander Solschenizyn: Lenin in Zürich. Scherz, 1977

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Wenn Sie mehr über Solschenizyns belletristisches Lebenswerk erfahren möchten, lesen Sie die Kolumne Alexander Issajewitsch Solschenizyn: „Nicht nach der Lüge leben“.




Angeklagt! Nikolai Gogol und Nikolai Leskow – „geistige Väter“ der Finanzkrise ?

Eine literarische Satire von Hanns-Martin Wietek

Moskau – Wie aus für gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen der russischen Regierung verlautet, soll der berühmte russische Schriftsteller Nikolai Gogol vor dem Internationalen Gerichtshof als geistiger Vater der weltweiten Finanzkrise angeklagt werden.

Mit seinem weltberühmten Roman »Die Toten Seelen« (1842) habe er die Akteure der von der USA ausgehenden Finanzkrise inspiriert, ja mehr noch, ihnen einen „Arbeitsplan“ geliefert.

Mitangeklagt werde Nikolai Leskow, der in seiner Erzählung »Das erlesene Korn« (1884) den Tathergang noch genauer vorgeschlagen und damit noch größere kriminelle Energie gezeigt habe (siehe unten). In beiden Fällen geht es um Betrug durch den Verkauf nicht existierender Ware, im heutigen Sprachgebrauch „Leerverkäufe“ genannt.

Die russische Regierung ist noch zu keinem abschließenden Urteil gekommen und behält sich rechtliche Schritte gegen die Anklage vor. Man werde aber die Angeklagten keinesfalls ausliefern, heißt es aus Moskau.

Zum besseren Verständnis hier kurz der Kern von Gogols – natürlich maskiertem – Plan:

Vorausgeschickt werden muss, dass leibeigene Bauern („Seelen“) damals nicht sofort nach ihrem Tod aus den Listen der Leibeigenen gestrichen wurden, sondern erst bei periodisch stattfindenden Revisionen; bis dahin galten sie als lebend und die Gutsbesitzer mussten Steuern für sie bezahlen.

Tschitschikow, der smarte, freundliche, redegewandte Sohn eines Gutsbesitzers, kommt auf die Idee, diese toten, aber auf dem Papier noch lebenden Seelen den Gutsbesitzern für ein Spottgeld abzukaufen; teilweise werden sie ihm sogar geschenkt. Die Gutsbesitzer müssen nun keine Steuern mehr für sie bezahlen und Tschitschikow hat auf dem Papier viele, viele Seelen, also ein großes Vermögen (in Wahrheit hat er nichts), das er versetzen und beleihen kann – natürlich ohne zu sagen, dass diese Seelen schon tot sind. Mit dem Geld will er dann ein gutes Leben führen; er will aus dem morbiden gesellschaftlichen System seinen eigenen Nutzen ziehen. Als die Sache auffliegt, macht sich Tschitschikow mit seiner Troika auf und davon.

Angeblich soll Gogol dem durch Schneegestöber davoneilenden Tschitschikow pathetisch nachgerufen haben „…. meine Moral! Wohin geht deine Fahrt? Gib Antwort! Keine Antwort. …“ [Anm. d. Red.: falsch! Im Original heißt es „Mein Russland?“]

Die Anklage geht davon aus, dass Gogol den letzten Satz nur zur Verschleierung seiner wahren Absichten hinzugefügt hat. (Man bemerke die Widersprüche!)

Die Vorwürfe gegen Leskow wiegen noch schwerer, da er, wie schon oben gesagt, erheblich mehr kriminelle Energie bei der Ausarbeitung des Planes gezeigt habe. Die Vorwürfe gegen ihn gehen von Verleitung zu bewusster Täuschung, über Betrug bis hin zu Bildung einer kriminellen Vereinigung und vorsätzlichem Versicherungsbetrug.

In seinem als Erzählung maskierten Plan lässt ein Gutsbesitzer aus seiner Getreideernte von seinen Leibeigenen alle weit übergroßen Körner herauslesen. Diese bringt er auf eine landwirtschaftliche Ausstellung, wo er sogar einen Preis für diese außergewöhnliche Qualität erhält.
Hier ködert er einen Käufer und treibt mit Hilfe von als potentielle Käufer getarnten Komplizen den Preis exorbitant nach oben. Nachdem der Käufer zugesagt hat, wird ein Vertrag aufgesetzt, der sehr geschickt dafür sorgt, dass der Käufer, wenn er später den Schwindel bemerkt, keinerlei Ansprüche an den Verkäufer stellen kann. Und dieser bemerkt den Schwindel natürlich, als er seinen gekauften Weizen abholen kommt.
Um den Schaden von sich abzuwenden, kauft der betrogene Käufer von dem betrügenden Verkäufer noch sehr viel mehr Korn – viel mehr als der Verkäufer überhaupt besitzt; auch das wird vertraglich hieb- und stichfest gemacht.
Nun werden entsprechend viele Säcke mit Stroh, Abfall und Dreck gefüllt und via Schiff an die Adresse des Käufers geschickt. Selbstverständlich wird die Ware versichert, denn Unfälle können immer geschehen. Ein kluger, geschickter Kapitän sorgt dafür, dass das Schiff an einer gefährlichen Stelle kentert. Die Gauner teilen sich das Geld und alle Beteiligten sind zufrieden und vor allem viel viel reicher geworden.

Der Leidtragende sei wieder einmal der Steuerzahler [Anm. d. Red.: Versicherung!], so die Anklage.

Man darf gespannt sein, ob die Klage angenommen wird. Bei der zurzeit herrschenden Russophobie, in der Russen und Russland für alles und jeden unbesehen verantwortlich gemacht wird, dürfte die Klage große Chancen haben, angenommen zu werden.

Hintergrund der Anklage gegen Gogol und Leskow ist, dass einer der sehr seltenen in russischer Literatur bewanderten Staatsanwälte in einem Prozess gegen sogenannte Heuschrecken deutliche Parallelen in beiden Fällen sieht und sehr, sehr kurzerhand – wahrscheinlich, um einen Präzedenzfall zu haben – auch in diesem Fall Anklage erhob.
Ein wesentlicher Punkt bei den Verhandlungen dürfte sein, zu klären, ob die Heuschrecken Gogol und Leskow gelesen haben. Die Wahrscheinlichkeit, dass profitbesessene, skrupellose Akteure des Finanzmanagements sich mit Kultur beschäftigen und berühmte – und noch dazu russische – Schriftsteller lesen, tendiert allerdings gegen Null.




Aleksandr Ivanovič Kuprin

Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

Geboren am 26. August jul. / 7. September greg. 1870 in Narovčat (Gouvernement Pensa, 500 km südöstlich von Moskau) und gestorben in Leningrad – wie St. Petersburg zu diesem Zeitpunkt schon hieß – am 25. August 1938, war er ein Zeitzeuge des gesamten, großen Umbruchs in Russland, sowohl des gesellschaftlichen wie auch des literarischen. Er war noch bis in die letzte Hälfte des vorigen Jahrhunderts in Russland (auch in der DDR) ein gern gelesener der letzten großen russischen Realisten, und viele seiner Erzählungen und Romane sind und werden noch heute in Russland verfilmt.

Mit Lev Tolstoj (*1828 †1910), Anton Čechov (*1860 †1904), Vladimir Korolenko (*1853 †1921), Fëdor Sologub (*1863 †1927), Pëtr Boborykin (*1836 †1921), Dmitri Mamin-Sibirjak (*1852, †1912), Ivan Bunin (*1870 †1953) und Maksim Gorkij (*1868 †1936) war er bekannt oder befreundet. In ihrem Kreis war er ein geschätzter Kollege. Mit Čechov, Bunin (seine erste Frau lernte er durch ihn kennen) und Mamin-Sibirjak (seine zweite Frau war eine Verwandte von ihm) war er näher bekannt und mit Gorkij war er zeitweilig sogar befreundet.

Mit Gorkij verbanden ihn sogar eine gewisse Wesensverwandtschaft und eine frappierende Parallelität der Lebensläufe: Gorkij war zwei Jahre älter als er (und starb zwei Jahre früher); wie Gorkij zog Kuprin, in den verschiedensten Berufen arbeitend, durch Russland, bevor er sich ausschließlich der Schriftstellerei widmete; beide waren bis zur Oktoberrevolution revolutionäre Schriftsteller – Gorkij allerdings ideologischer als Kuprin; sie arbeiteten in Gorkijs Verlagen »Snanie« und später im Verlag »Weltliteratur« zusammen und beabsichtigten mit Lenins Unterstützung die Bauernzeitung »Erde« zu gründen; beide emigrierten nach der Oktoberrevolution – Kuprin 1920 über Finnland nach Paris und Gorkij „aus gesundheitlichen Gründen“ 1921 über Berlin nach Italien (zu dieser Zeit war aus ihrem freundschaftlichen Verhältnis schon ein sehr distanziertes geworden); und beide kehrten nach Russland (jetzt Sowjetunion) zurück: Gorkij schon 1927 (und ließ sich immer mehr vom System vereinnahmen) und Kuprin 1937 – ein Jahr vor seinem und ein Jahr nach Gorkijs Tod (1936) –, um zu sterben, was er schon bei seiner Rückkehr wusste, denn er hatte Zungenkrebs.

Alexander_Kuprin_1910er Jahre

Alexander_Kuprin_1910er Jahre

Aleksandr Kuprin wuchs in sehr einfachen Verhältnissen auf: Seine Mutter stammte aus dem sehr berühmten, tatarischen, aber verarmten Fürstengeschlecht Kulunčakov und sein Vater war ein kleiner Beamter, der schon ein Jahr nach Alexandrs Geburt an Cholera starb und die Familie völlig mittellos zurückließ. Mit sechs Jahren kam er in das Aleksandrovskij Waisenpensionat in Moskau (von wo er einen lebenslangen Hass auf die damaligen Erziehungsanstalten mitnahm), mit zehn Jahren kam er auf das Militärgymnasium, das kurz darauf in eine Kadettenanstalt umgewandelt wurde, die er als Zwanzigjähriger als Leutnant verließ.

Schon mit 13 Jahren schrieb er Gedichte und 1889, mit 19 Jahren, veröffentlichte er in einer Moskauer Zeitung seine erste Erzählung »Das letzte Debüt« (eine junge Schauspielerin begeht aus unerwiderter Liebe während einer Vorstellung Selbstmord), die ihm einige Tage Karzer einbrachte, weil er nicht zuvor eine Genehmigung von der Leitung der Kadettenanstalt eingeholt hatte. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er mit seiner Beförderung zum Leutnant umgehend den Dienst quittiert, seine Mutter insistierte jedoch und er ging für vier Jahre zu einem Infanterieregiment nach Podolien, wo er den schlimmsten Stumpfsinn und die Intrigen des zaristischen Offizierslebens kennenlernte. 1893 versuchte er dem zu entkommen, indem er sich zur Aufnahmeprüfung an der Akademie des Generalstabs in St. Petersburg meldete. Auf der Reise dorthin bekam er mir einem Polizisten Streit und beleidigte ihn. Der Polizist verlangte eine Entschuldigung und machte Meldung, worauf Kuprin umgehend zu seinem Regiment zurückgeschickt wurde. Ein Jahr später quittierte er endgültig den Dienst.

Nun begann für ihn die Schule des Lebens. Er ging mit nur ein paar Rubeln in der Tasche nach Kiew, um sein Geld als Journalist zu verdienen. Dort veröffentlichte er dann auch in den verschiedensten Zeitungen und Journalen Reportagen, Glossen, Theaterberichte, Kurzgeschichte, kurzum alles, was gerade anfiel – vieles davon fasste er 1897 in den Sammlungen »Kiewer Typen« und »Miniaturen« zusammen. Aber nicht nur dass er davon nicht leben konnte, ihn reizte das Unbekannte, reizten neue Erfahrungen.

1895 arbeitet er in einem Moskauer Betrieb, der Ventilatoren herstellte, 1896 als Stahlgießer im hoch industrialisierten Donezkbecken, kurz danach gründet er in Kiew eine „Athletengesellschaft“ und einen Zirkus, 1897 findet man ihn als Gutsverwalter und Vorsänger in der Kirche, danach macht er eine Ausbildung zum Zahnarzt, um dann doch 1899 einer Theaterwandertruppe beizutreten, der er neun Monate die Treue hält und sich dann wieder von dem provinziellen Mief abwendet; Sänger, Privatlehrer und Landmesser sind die nächsten beruflichen Stationen. Zu guter Letzt beschließt er Mönch zu werden und zieht 1901 dann doch nach St. Petersburg, um ausschließlich Schriftsteller zu sein.

Diese „Wanderjahre“ sind der „Fundus“, aus dem er zeit seines Lebens geschöpft hat. Das brachte mit sich, dass er im Gegensatz zu den meisten Schriftstellern seiner Zeit kein bevorzugtes Hauptthema hatte, sondern aus der Reichhaltigkeit seines Lebens schöpfend zu vielen Bereichen des menschlichen und sozialen Lebens etwas zu sagen hatte. Er selbst sagte einmal, dass er alles, was er geschrieben, selbst erlebt habe, dass sein ganzes Schaffen Autobiografie sei.

Anmerkung: In diesem Essay werden nur die Werke namentlich benannt, die ins Deutsche übersetzt sind – und das ist leider nur ein Bruchteil der ungefähr 200 Werke. Eine nahezu vollständige Auflistung – allerdings in russischer Sprache – befindet sich hier. https://ru.wikipedia.org/wiki/Куприн,_Александр_Иванович

Zu diesem Zeitpunkt hatte er schon (kritische) Erzählungen zu seinem Leben als Offizier geschrieben (Nachtlager 1895), über sein Leben mit den Zirkusleuten, zu Herzen gehende Tiergeschichten, über die Liebe (Olesja 1898 – eine der Welt besten Liebesgeschichte), Skizzen über die verschiedensten Personen und Berufe (s. o. »Kiewer Typen«) und auch nicht zuletzt sozialkritische Erzählungen wie Moloch (1896). Mit letzterer hatte er schon einige Berühmtheit erlangt. Sie ist eine seiner ersten revolutionären Erzählungen und handelt – erlebt in seiner Zeit als Stahlarbeiter im Donezkbecken (Südostukraine) – von der frühkapitalistischen Ausbeutung der Arbeiter durch das reich gewordene Bürgertum, einer neuen Klasse Russlands, die von Altgläubigen und Juden dominiert wurde.

Kuprin_und_Schaljapin_1911._Искры_№45

Kuprin_und_Schaljapin_1911._Искры_№45

Mit offenen Armen wurde er von seinen Schriftstellerkollegen, wie Anton Čechov, Ivan Bunin und nicht zuletzt Maksim Gorkij aufgenommen. Er blieb zwar seiner Grundeinstellung, über alles, was er erlebt hatte, zu schreiben, treu, seine sozialkritischen, ja revolutionären Werke wurden jedoch schärfer. Hinzu kamen Erzählungen über die Juden – in der Südukraine gab es seit Jahren heftige Judenpogrome – (Die Jüdin 1904), in denen er die Voreingenommenheit der Zeitgenossen teilweise mit beißendem Spott bedachte. Das zaristische Offizierswesen nahm er weiterhin immer heftiger aufs Korn (Stabskapitän Rybikow 1905); dies gipfelte in seinem Roman Das Duell (1905), der ihn schlagartig weltberühmt machte, denn der Roman wurde noch im selben Jahr ins Deutsche und andere Sprachen übersetzt. In ihm zeigt er die ganze Sinnlosigkeit, den Stumpfsinn und den verrotteten Ehrbegriff dieser „Kaste“ auf: Der einzig einigermaßen Integre in diesem Kreis wird bei einem ihm aufgezwungenem Duell, das nach Absprache eigentlich ein Scheinduell sein sollte, erschossen.

In der Revolution von 1905 steht er eindeutig zu den Revolutionären und wettert gegen die „Abschlachtung“ der aufständigen Odessaer Matrosen. Mit seiner scharfen Reportage »Die Ereignisse von Sevastopol« handelt er sich einen Prozess ein, der durch die Kriegsereignisse bedingt erst später stattfinden kann und ihm „nur“ ein dauerhaftes Verbot, im Gebiet von Sevastopol zu leben, einbringt.

Auch nach der 1905er Revolution findet man ihn auf der Seite der Revolutionäre. Seit 1902 arbeitete er in Maksim Gorkijs Verlag »Snanje«, entfremdete sich aber nach und nach von Gorkij, denn er war mit dessen ideologischer Einstellung nicht einverstanden, er warf ihm vor, künstlerisch tendenziös zu sein. Kuprin war eher ein selbstbewusster Einzelgänger, ein Nonkonformist, dessen revolutionäre Einstellung eher dem Anarchismus Kropotkins oder Lev Tolstojs glich.

Die Zeit bis zum Ausbruch der Ersten Weltkrieges war für Kuprin nerven- und kräftezehrend: Trennung von seiner Frau, Heirat der zweiten Frau, ein aufreibendes Boheme-Leben, Reisen von Finnland bis auf die Krim. Literarisch war es jedoch eine fruchtbare Zeit. Von den vielen, in dieser Zeit entstandenen Werken sind in deutscher Sprache erschienen:

Die Kränkung (1906), eine Erzählung voller schwarzem Humor, in der sich die „Zunft“ der Diebe dagegen wehrt, für die Pogrome gegen die Juden verantwortlich zu sein, wofür die Polizei sie – der Einfachheit halber – verantwortlich macht und prügelt.

Die mechanische Rechtspflege (1907) ist fast eine Persiflage auf das Rechtssystem.

In Gambrinus (1907) ist ein kleiner jüdischer Geiger der Held, der alle Widerstände und Anfeindungen im wahrsten Sinn des Wortes überlebt und sich am Schluss als der moralisch Stärkere und Standhaftere erweist.

Smaragd (1907) ist ein hervorragendes Rennpferd – die Erzählung ist dem Leinwandmesser von Lev Tolstoj gewidmet –, das aufgrund der Machenschaften bei Pferderennen nicht nur um seinen Ruhm betrogen, sondern am Ende auch noch vergiftet wird.

Mit dem Roman Jama (auch Die Gruft 1909 bis 1915) – eine Sittengeschichte – erregte Kuprin erneut großes Aufsehen. Sehr freizügig und offen schildert Kuprin das Leben in einem Bordell in einer südukrainischen Stadt, wobei er die Bewohner und Besucher sehr genau porträtiert (was überhaupt eine seiner Stärken ist); nicht die „Damen“ sind die zu Verurteilenden, sondern die nach außen hin ehrbaren Besucher und die sozialen Missstände, die die Frauen in diese Notsituation gebracht haben. Der Roman machte so viel Furore, dass noch Jahre danach Studenten auf die Straße gingen, um gegen diese sozialen Bedingungen aufzubegehren.

In Die Hochzeit (1908) benimmt sich wieder einmal ein zaristischer Offizier auf einer jüdischen Hochzeit, auf der er herzlich willkommen geheißen wurde, vollständig besoffen unsäglich daneben – allerdings bereut er am nächsten Tag wenigstens und bittet um Verzeihung.

Das Granatarmband (1910). Diese Erzählung zählt sicher zu den schönsten, tiefsinnigsten und aufwühlendsten Kuprins und beruht auf einer wahren Begebenheit. Sie handelt von der reinen, wahren, selbstlosen Liebe eines jungen Mannes, der lieber in den Tod geht, als seine Angebetete in Schwierigkeiten zu bringen. Erst nach seinem Tod wird der Frau klar, wie groß und ehrlich die Liebe des Mannes war – des Mannes, den sie nie gesehen hatte und der ihr nur wenige Male geschrieben hatte. Während sie „seine“ Musik – »L. van Beethoven Sonate D-Dur op. 2, Nr. 2., Largo Appassionato« – hört, begreift sie, was wahre Liebe ist.

In der Erzählung Der schwarze Blitz (1912) zeigt sich Kuprins ganze Perfektion bei der Schilderung von Milieus, menschlichen Typen und der Beschreibung der Natur und den Naturgewalten. Sie ist eine Perle der Literatur. Zwei kurze Auszüge:

Die hiesigen Kleinbürger sind ein raues, frommes und misstrauisches Völkchen. Was sie machen und wovon sie leben, ist unergründlich. Im Sommer werkelt der eine oder andere unter ihnen noch am Fluss herum und treibt das zu Flößen zusammengebundene Holz stromabwärts; doch ihr winterliches Dasein bleibt geheimnisvoll. Sie erheben sich spät, nach Sonnenaufgang, und starren den ganzen Tag aus dem Fenster auf die Straße, wobei ihre platt gedrückten Nasen und rissigen Lippen als weiße Flecken auf der Scheibe zu sehen sind. Zu Mittag essen sie, wie Rechtgläubige, um zwölf Uhr, und nach dem Essen schlafen sie. Schon um sieben Uhr abends wird das Tor mit einem schweren Eisenriegel verschlossen, und jeder Hausherr lässt den alten, bösen, struppigen, grauschnäuzigen und vom Bellen heiseren Köter eigenhändig von der Kette, und bis zum Morgen schnarchen sie in warmen, schmutzigen Federbetten inmitten eines Berges aus Kissen beim friedlichen Schein der bunten Ikonenlämpchen. Sie schreien entsetzlich im Schlaf, wenn ein schrecklicher Albtraum sie quält, und wenn sie erwachen, kratzen sie sich ausgiebig, schmatzen und sprechen ein extra zu diesem Zwecke vorgesehenes Gebet gegen den Haus­geist.

…………………

Der erste Blitz zuckte, es begann zu donnern, und mit dumpfem Poltern stürzte der Blitz herab; ihm folgte ein zweiter, ein dritter.

Es war eines jener schrecklichen Gewitter, die sich manchmal über großen Tiefebenen entladen. Der Himmel flammte nicht auf von den Blitzen, sondern schien gleichsam ununterbrochen zu leuchten in ihrem zuckenden grellweißen, hell-und dunkelblauen Widerschein. Und der Donner verstummte keinen Augenblick. Es schien, als finde dort oben irgendein teuflisches Spiel mit himmelhohen Kegeln statt. Mit dumpfem Getose jagten dort unglaublich große Kugeln entlang, immer näher, immer lauter, und plötzlich – trrrachta-ta-trach – fielen auf einmal die Riesen­kegel um.

Und da sah ich einen schwarzen Blitz. Ich sah, wie im Osten der Himmel, ohne zu verlöschen, von den Blitzen loderte, sich pausenlos bald dehnte, bald zusammenzog, und plötzlich sah ich auf diesem blauen, von Feuern zuckenden Him­mel mit ungewöhnlicher Deutlichkeit einen nur kurz währenden, blendend schwarzen Blitz. Und gleichzeitig mit ihm riss ein fürchterlicher Don­nerschlag Himmel und Erde entzwei und warf mich zu Boden, auf die Bülten. Als ich wieder zu mir kam, hörte ich hinter mir Jakobs zitternde, schwache Stimme: ›Herr, was ist das, lieber Gott… Wir sterben, o Himmel … Ein Blitz … ein schwarzer … lieber Gott, lieber Gott!‹

Zitiert nach „Alexander Kuprin, Meistererzählungen, übersetzt von Eveline Passet, Manesse Verlag 1989.

Alexander_Kuprin_und seine Ehefrau_im 1. WeltkriegI

Alexander_Kuprin_und seine Ehefrau_im 1. WeltkriegI

Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges wird Kuprin als Reserveoffizier eingezogen, kurz danach aber aus gesundheitlichen Gründen entlassen und richtet in Gačina (in der Nähe von St. Petersburg) auf seinem Anwesen ein Lazarett ein. Bei Ausbruch der Russischen Revolution bezieht er zum ersten Mal politisch klar Stellung: Er tritt in die zu den rechten Sozialrevolutionären zählende »Partei der Volkssozialisten« ein und redigiert deren Zeitung »Freies Russland«; mit den Bolschewiki kann er sich nicht recht befreunden, denn sie sind ihm zu stark ideologisiert. 1918 arbeitet er in Gorkijs Verlag »Weltliteratur« mit – Gorkij wetterte damals heftig gegen die Willkür und Selbstherrlichkeit der bolschewistischen Revolutionäre. Im Oktober 1919 wird Gačina von den Truppen der Weißen Armee unter dem General Judenič eingenommen. Als kurz darauf die Rote Armee (Bolschewiki) Gačina zurückerobert, flieht Kuprin mit seiner Familie nach Finnland und von dort Mitte 1920 weiter nach Paris.

Im Exil in Paris ging es ihm wie vielen russischen, emigrierten Schriftstellern: Er war von seinen Wurzeln abgeschnitten – eine für Russen besonders tragische Situation. Hinzukam, dass die Emigranten in Paris ein kunterbunt „zusammengewürfelter“ Haufen war. Hier lebten Zarentreue, bürgerliche Demokraten, Adelige, Sozialdemokraten, gemäßigte Sozialisten, Angehörige der Weißen Armee, eingeschworene Gegner der Revolution und Anhänger der Revolution, die nur vor den Exzessen geflohen waren, Spieler, Hasardeure – kurzum, das Einzige, was sie verband, war, dass sie geflohen, emigriert waren. Entsprechend war es ein zerstrittener, intrigierender Haufen. (Siehe Essays »Russische Schriftsteller in der Emigration« und »Nina Nikolajewna Berberowa«). Dies war für den langsam immer kränker werdenden Kuprin kein Nährboden für ein Schaffen brillanter Werke. Er beschäftigte sich viel mit der Herausgabe seiner bisherigen Werke und schöpfte aus dem Fundus seiner Vergangenheit. Schon 1924 (vier Jahre nach seiner Emigration) schrieb er an seine erste Frau, die ihn zur Rückkehr bewegen wollte: „Meine Liebe, ich bin todmüde und stehe im 54. Lebensjahr. Der Kokon meiner Fantasie ist aufgebraucht, und geblieben sind davon fünf, sechs Seidenfäden. […] Ja, sterben wäre dort süßer und einfacher.“

Prawda-Meldung_Возвращение_Куприна_в_СССР_1937_Правда

Prawda-Meldung_Возвращение_Куприна_в_СССР_1937_Правда

Es sollte noch dreizehn Jahre dauern, bis Kuprin todkrank in seine Heimat zurückkam, weil er in russischer Erde begraben sein wollte. Viele gaben ihm bei seiner Ankunft am Weißrussischen Bahnhof in Moskau einen rührenden Empfang, aber es war nicht mehr sein Russland – es war das Stalinsche Terrorregime, dem schon viele, auch seiner Kollegen, zum Opfer gefallen waren. Auch wenn das Regime seine Rückkehr feierte und propagandistisch ausschlachtete, wäre er nicht schon todgeweiht gewesen – er hätte die folgenden „Säuberungen“ Stalins gewiss nicht überlebt.

Er starb am 25. August 1938 und wurde auf dem berühmten Wolkow-Friedhof in Leningrad beigesetzt, dort wo auch seine von ihm bewunderten Klassikerkollegen Saltykov-Ščedrin, Turgenev, Gončarov und Leskov ruhten.

Sein Lebensweg ist beispielhaft für viele seiner Generation.

Mit ihm ist endgültig eine Epoche zu Ende gegangen.

Literatur Kuprin

Alexander Iwanowitsch Kuprin: Smaragd – Drei Erzählungen, Nachwort Erhard Hexelschneider, Insel Verlag Leipzig 1972. Enthaltene Erzählungen: Smaragd, ›Gambrinus‹, Olesja.

Kuprin: Olessja – und andere Novellen, Hans Bondy Verlagsbuchhandlung, Berlin W. 1911
Enthaltene Erzählungen: Olessja, Gambrinus, Die Hochzeit

Alexander Kuprin: Meistererzählungen, übersetzt von Eveline Passet, Nachwort von Ilma Rakusa, Manesse Verlag Zürich 1989. Enthaltene Erzählungen: Der Moloch, Das Nachtlager, Die Jüdin, Die Kränkung, Die mechanische Rechtspflege, Das Granatarmband, Der schwarze Blitz, Der Stern Salomos

Kuprin: Das Granatarmband – und anderes, Georg Müller München 1911. Enthaltene Erzählungen: Das Granatarmband, Moloch, Stabskapitän Rybnikow

Kuprin: JAMA – Die Lastergrube, Sittenroman, Vorwort von Dr. Savielly G. Tartakower, Internationaler Verlag „Renaissance“ 1923

Alexander Kuprin: Die Drehorgel und der weiße Pudel, Sanssouci Verlag Zürich 1979

Düwel, Wolf/ Grasshoff, Helmut [Hrsg]: Geschichte der russischen Literatur von den Anfängen bis 1917 (in zwei Bänden), Aufbau-Verlag 1986

Luther, Arthur: Geschichte der Russischen Literatur, Bibliographisches Institut Leipzig 1924

Lauer, Reinhard: Geschichte der russischen Literatur – von 1700 bis zur Gegenwart, C.H. Beck Verlag 2000




Russische Weihnacht – eine andere Welt

[Hanns-Martin Wietek] Um 22 Uhr soll am 6. Januar 1993 die Christmette beginnen und schon jetzt, eineinhalb Stunden vor Beginn, ist die Kathedrale des russisch-orthodoxen Patriarchen von Moskau und ganz Russland, Bogojavlenskij sobor v Jelochove brechend voll. (Damals lag an der Stelle, an der heute wieder die riesige Christerlöserkathedrale steht, noch das von Stalin nach der Sprengung der alten Kathedrale angelegte Schwimmbad.) 3.000 Menschen haben in der Jecholowskaja Platz und dennoch stehen Jung und Alt dicht gedrängt – in den russisch-orthodoxen Kirchen gibt es keine Bänke und Stühle – und viele werden außerdem die ganzen vier Stunden draußen vor den weit geöffneten Toren in Schnee und Kälte ausharren müssen.

Ein monotoner Wechselgesang von Frauenstimmen empfängt uns schon am Eingang.

Mein Freund Nikolai – er ist Opernsäger (tiefster russischer Bass), und auch alle anderen Chormitglieder sind Profisänger – führt uns auf eine Seitenempore. Der Chor, bestehend aus etwa 50 bis 60 Sängern und Sängerinnen, ist auf die beiden Seitenemporen aufgeteilt, von wo die Gruppen abwechselnd singen werden, jede ungefähr 20 Minuten lang, immer im Wechsel, bis zum Schluss. Der gesamte Gottesdienst ist ein ununterbrochener Wechselgesang zwischen den Geistlichen – dem zelebrierenden Priester und zwei Diakonen – und dem Chor.

Jetzt wird mir erst bewusst, dass es in russisch-orthodoxen Kirchen keine Orgel gibt. Auf meine Nachfrage wird mir erklärt, dass die Gesänge keine Ausschmückungen des Gottesdienstes seien, sondern feste Bestandteile der Liturgie, d. h. sie tragen für den Gottesdienst fest vorgeschriebene Hymnen und Texte vor; sie seien „gesungenes Wort“. Instrumentalmusik dagegen sei wortlose Musik, und wortlos könne man weder gemeinsam beten, noch die Lehre Gottes verkünden.

Ich gehe zu den wenigen Auserwählten auf die Mittelempore. Der gesamte Raum, alles in der Kirche, ist ausgerichtet auf eine Seite, auf die Ikonenwand: eine unvorstellbare Pracht in Gold und Edelsteinen. Viele Ikonen – die russischen Heiligenbilder – sind, kunstvoll in Gold und Silber eingefasst, über diese Wand verteilt, so dass es aussieht, als ob diese Wand nur aus Ikonen bestünde. In der Mitte der Wand ist ein großes zweiflügliges Tor aus Gold, das Königstor, das nur während des Hauptteils des Gottesdienstes geöffnet wird und hinter dem sich der eigentliche Altarraum befindet. Gegenüber dem Königstor, im Mittelgang, steht der ebenfalls aus Gold, Silber und Edelsteinen gefertigte Thron des Patriarchen. Zu beiden Seiten des Tores stehen besonders große Ikonen und Reliquienschreine hinter Glas; auch sie sind von Gold und Edelsteinen eingerahmt. Der Glanz dieser Ikonenwand ist von atemberaubender, fast überirdischer Schönheit – von einer Pracht, die aus den Märchen von Tausendundeiner Nacht zu kommen scheint.

Vor der Wand stehen wie auch an vielen anderen Stellen in der Kirche goldene, etwa mannshohe schlanke Ständer, die doppelstöckig angeordnete große Scheiben tragen (und daher den früher gebräuchlichen – ich bitte für diesen profanen Vergleich um Entschuldigung – zweistöckigen Tortenplatten ähnlich sind), auf denen Kränze von dünnen, langen Bienenwachskerzen mit unverwechselbarem aromatischen Duft spratzend und knisternd brennen.
Über allem, in der Mitte des Raumes, hängt ein weit ausladender, ebenfalls goldener Lüster mit unzähligen Lichtern.

russisch-ortodoxe Nonne

russisch-ortodoxe Nonne

Obwohl die Gläubigen schon ununterbrochen betend singen, wird überall noch fleißig poliert; schwarz gekleidete Frauen mit Tüchern auf dem Kopf – in der russisch-orthodoxen Kirche müssen Frauen den Kopf bedecken – laufen unentwegt hin und her, polieren hier, wischen dort und nehmen von den Gläubigen diese dünnen, langen Kerzen entgegen, die dann auf einen der großen Kerzenständer gesteckt werden (wofür andere wieder weggenommen werden); sie kommandieren auch die Leute hierhin, dorthin, werfen Mäntel, Hüte oder Schals, die unerlaubt auf einem Gitter oder der Abtrennung zur Ikonenwand abgelegt sind, herunter – sie erinnern mich unwillkürlich an die Erinnyen, die Rachegöttinnen in der griechischen Mythologie. Bei alledem schlagen sie vor jeder der großen Ikonen, an denen sie vorbeikommen, das russisch-orthodoxe Kreuz und verbeugen sich tief, und da es viele Ikonen sind, bekreuzigen und verbeugen sie sich unentwegt. Vor den ganz großen Ikonen und Reliquienschreinen bleiben sie immer wieder stehen und küssen die sie abdeckende Glasscheibe, die dann von der nächsten „Erinnye“, die vorbeikommt, sofort wieder geputzt wird.
Zwei Priester in goldenen, weiten Gewändern stehen in der Menge, und unablässig drängen Gläubige zu ihnen; dann sprechen Priester und Gläubiger miteinander, wobei beide manchmal mit den Köpfen unter dem Umhang des Priesters verschwinden, den dieser über sich und den wohl Beichtenden legt. Danach küssen die Gläubigen das Kreuz, das der Priester auf seiner Brust trägt, bekreuzigen sich vielmals und verschwinden wieder in der Menge.
Über allem schwebt dieser endlose monotone Wechselgesang der Frauen; eine unwirkliche Stimmung.

Der Glanz, der Gesang, der Duft der vielen brennenden Kerzen und das Treiben der „Erinnyen“ lassen mich alles andere vergessen und zu einem Teil des Geschehens werden. Gespannt sind alle meine Sinne nur noch auf das gerichtet, was da unten geschieht und was da noch kommen soll; ich empfinde keine Zeit mehr. Ich stehe ganz vorn an der Brüstung auf der Mittelempore, genau gegenüber dem goldenen Tor und bin Teil eines überirdischen Fluidums; ich entgleite mir langsam selbst. Ich versuche, mich gegen den ewig gleichen monotonen Singsang zu wehren, der mich wegtragen will, der mich benebelt, in Watte einhüllt; ja, ich versuche mich sogar über das „rosenkranzgleiche Geleier“ zu ärgern – es gelingt mir nicht.

Endlich verstummt das monotone Grundrauschen und der große Moment ist gekommen: Der Patriarch, die russisch-orthodoxen Metropoliten und Erzbischöfe und Bischöfe aus der ganzen Welt halten Einzug.
Alle tragen prunkvolle goldene und reich bestickte Gewänder, kostbare Kreuze aus Gold und Edelsteinen auf der Brust und Hüte (oder sind es Kronen oder Mitras, Mitren?). Alle tragen gewaltige, meist graue Bärte; langsam und würdevoll ziehen sie in die Kathedrale ein, schreiten auf die Ikonenwand zu. Einer von ihnen singt mit gewaltiger, tiefer Bassstimme; ein Chor setzt ein, es beginnt ein Wechselgesang.

Erst einmal muss alles und jeder geheiligt werden: die Ikonen, die Ikonenwand, das Buch, der der aus dem Buch „liest“, natürlich der Patriarch und die Metropoliten und Bischöfe, einfach alles muss für die kommende Feier mit Weihrauch gereinigt und vorbereitet werden. Dabei ist man nicht sparsam, wahre Schwaden von Weihrauch vernebeln beinahe die Sicht – und meinen Kopf. Dann wird eine Lesung nach der anderen vorgetragen, einmal in tönendem Bass, dann im strahlenden Tenor, immer von einem Diakon oder Archidiakon; der Chor antwortet, und immer wieder wird dem Patriarchen das Buch gebracht, er segnet, seine Hand wird geküsst, Kerzen werden gebracht, manchmal in Kreuzform gehalten und herumgetragen und immer wieder Weihrauch, Weihrauch, Weihrauch.

Während das alles unter mir geschieht, habe ich hinter mir an der Wand einen kleinen Vorsprung entdeckt, auf den ich mich setzen und nachdenken kann.

Wie kommt dieser eigenartige, nur dem russischen Gesang eigene Klang von Sängerstimmen und Chören zustande? Die Bässe dröhnen in Tiefen, dass man meint, die Sänger sängen im Kontrabass, die Tenöre strahlen in Höhen, in denen sie den Stimmlagen von Frauen nahe kommen, und die Frauenstimmen im Chor haben einen fast schneidenden Klang.
Jeder Sänger lernt bei uns, er (oder sie) müsse auf eine gute Mischung aus Kopf- und Bruststimme achten, d. h. der Resonanzraum der Töne sollten Kopf und Brust sein. Russische Bässe benutzen bevorzugt den Resonanzraum Brust (das kann man lernen); das führt zu so volumenreichen Tönen, dass Tischplatten vibrieren (man kann es tatsächlich mit der Hand spüren); Tenöre verstärken den Resonanzraum Kopf – bis hin zum Countertenor, dessen Stimme von einer Frauenstimme nicht mehr zu unterscheiden ist; Frauen, die in den höchsten Tönen mit reiner Kopfstimme singen, können so hohe Töne „produzieren“, dass Gläser zerspringen – wie die Callas gezeigt hat. In russischen Chören singen die Frauenstimmen zudem häufig zeitgleich die gleiche Melodie, aber in unterschiedlichen Tonlagen, was für uns ungewohnt ist und seltsam klingt. Das ist das Geheimnis dieses eigenartigen, viele Menschen in den Bann ziehenden Klanges.

Etwas erholt wende ich mich wieder dem Geschehen zu. Erstaunt stelle ich fest, dass Jelzin (mit verschiedenen Ministern) nun sehr weit vorn an der Ikonenwand steht. Wie sich die Zeiten ändern; das hat dem vormaligen Herrn Parteisekretär und heutigen Präsidenten sicher niemand an der Wiege gesungen.

Weihnacht in der ChristerlöserKarhedrale Moskau 2009

Weihnacht in der ChristerlöserKarhedrale Moskau 2009

Inzwischen ist das Königstor geöffnet worden und der Patriarch und seine Konzelebranten sind im Altarraum um den Altartisch versammelt: Die Kommunion wird vorbereitet und von den Priestern eingenommen, dann werden Brot und Wein an die Gläubigen ausgeteilt, alles begleitet von den Gesängen des Chores, der die Liturgie des Heiligen Basilius des Großen (*330, †379) singt.

Nach wie vor bin ich vom Glanz, dem Gesang, der ganzen Atmosphäre beeindruckt – und auch von der Standfestigkeit der Menschen, denn es geht jetzt in die vierte Stunde – aber langsam ist mein Vorrat an Gefühlen aufgebraucht, staunend verfolge ich das Geschehen, ich bin nur noch benommen, leer, zufrieden … und glücklich.

Und als sich dann nach über vier Stunden die Menschen im verschneiten Moskau die Worte „Christos raždaetsja – slavte“ („Christus ist geboren – verehrt ihn“) oder
„S raždestvom christovym“ („Frohe christliche Weihnachten“)
zurufen, bin ich bei aller Heiligkeit der Ereignisse nun doch recht froh, in absehbarer Zeit etwas zum Essen und vor allem zum Sitzen zu bekommen.

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Weihnachten im Wandel der Zeiten

An dem Tag, an dem sich das oben Geschilderte in ganz Russland – von Wladiwostok bis St. Petersburg und meist nicht so prachtvoll, aber ebenso feierlich – ereignet, ziehen in Deutschland die Heiligen Drei Könige als Sternsinger durch die Straßen (und politische Parteien prügeln wortgewaltig aufeinander ein).

In der russisch-orthodoxen Kirche gilt noch heute (wie bis zur Oktoberrevolution in ganz Russland) der julianische Kalender, der von Gajus Julius Caesar (*100 v. Chr., †44 v. Chr.) eingeführt wurde. Weltweit – mit den Ausnahmen weltliches Russland (seit 1918) und Türkei (seit 1926) – gilt seit 1582 der am Sonnenjahr ausgerichtete gregorianische Kalender, den Papst Gregor XIII (*1502, †1585) durchgesetzt hat.
Dass das orthodoxe Russland diesen Wechsel damals nicht mitmachte, hing mit der kalendarischen Festlegung des Osterdatums zusammen: Nach der biblischen Überlieferung starb Jesus (Karfreitag) am Vorabend des Hauptfestes der jüdischen Pessachwoche und ist am Tag danach (Sonntag) auferstanden. Im ersten ökumenischen Konzil von Nicäa (325) wurde festgelegt, dass das christliche Ostern nach diesem jüdischen Fest zu feiern sei, da ein Feiern vor dem jüdischen Pessachfest nicht mit den biblischen Aussagen in Einklang zu bringen wäre. Das Pessachfest findet (variabel, nach Berechnung des jüdischen Kalenders) im Monat des Frühlingsvollmondes statt; somit wurde festgelegt, dass das christliche Osterfest stets nach dem Frühlingsvollmond, am Sonntag nach dem Pessachfest gefeiert werden würde. Durch die gregorianische Kalenderreform liegt das Osterfest heute aber fast immer vor dem in der Bibel angegebenen Tag des jüdischen Pessachfestes, denn der Frühlingsanfang wurde fest auf den 21. März und Ostern auf den ersten Sonntag nach dem darauf folgenden Vollmond gelegt. Die Orthodoxie, in der Ostern das mit Abstand heiligste Fest ist, bestand auf der einmal ökumenisch getroffenen Regelung und lehnte mit dieser Begründung den gregorianischen Kalender ab.

Da das julianische Jahr 11 Minuten und 14 Sekunden länger ist als das gregorianische – d. h. das gregorianische Jahr ist eher zu Ende als das julianische, so dass das neue gregorianische auch eher beginnt –, hinkt das julianische Jahr dem gregorianischen kalendarisch immer mehr hinterher. Seine „Verspätung“ summiert sich alle 128 Jahre auf einen ganzen Tag; bis heute sind auf diese Weise 13 Tage zusammengekommen, und ab 2100 werden es 14 sein. So kommt es, dass der 24. Dezember (Heiligabend) des nachhinkenden julianischen Kalenders der russischen Orthodoxie zur Zeit (und noch bis 2100) auf den 6. Januar des weltweit gültigen gregorianischen Kalenders fällt.

Aber damit nicht genug: Zwar hat es in Russland noch nie den heute zumindest im Westen ausgelebten Kauf- und Geschenkrausch gegeben – es gab an Heiligabend Kleinigkeiten, vor allem für die Kinder: Süßigkeiten und Gebasteltes, das man sich gegenseitig schenkte, denn ein Geschenke bringendes Christkind gab und gibt es dort nicht –, doch heute gibt es an Heiligabend meist gar keine Geschenke mehr. Es gibt sie an Silvester und dann bringt sie nicht der Weihnachtsmann, sondern Väterchen Frost (Ded Moros, gesprochen: Died Maross) mit seiner Enkelin, dem Schneemädchen (Snegurotschka). An diesem Tag wird in Russland auch der Weihnachtsbaum aufgestellt, der meist bis zum 14. Januar greg. stehen bleibt, denn an diesem Tag ist nach dem russisch-orthodoxen Kalender der 1. Januar jul., sprich Neujahr.

Und das kam so:
Wie ein kleines Bäumchen Geschichte machte
Im Jahr 1700 verlegte Peter der Große den Jahresbeginn (Neujahr) vom bis dahin üblichen 1. September auf den 1. Januar; gleichzeitig brachte er aus „Theutschen Landen“ den von Luther in den evangelischen Gegenden eingeführten Tannenbaum mit. (In katholischen Gegenden kam der Baum übrigens erst über hundert Jahre später zu Ehren, denn er war mit dem Makel behaftet, von dem Ketzer Luther eingeführt worden zu sein.) Es wurde nun in Russland bei Hofe und in den gehobenen Kreisen üblich, an Neujahr einen Tannenbaum aufzustellen und wahrscheinlich auch zu schmücken. Nach und nach wurde das auch der Tag, an dem Beförderungen erfolgten und Auszeichnungen und Ernennungen durch den Zaren ausgesprochen wurden, was mit Geschenken verbunden war; und so wurden an diesem Tag allgemein Geschenke üblich – in den gehobenen (adeligen) Kreisen, das „niedere Volk“ und später auch die Kaufmannschaft, die sehr orthodox oder sogar altgläubig geprägt war, nahm davon keine Notiz.
In diesem Zusammenhang – zunehmend im 19. Jahrhundert – bekam auch die gütige, gerechte Märchenfigur Ded Moros (Väterchen Frost) – ein alter Mann mit großem weißem Bart – seine neue Rolle zugewiesen: Er brachte den Kindern nun zu Neujahr Geschenke, was sicher eine Anlehnung an das deutsche Weihnachtsfest war, ebenso wie das Aufstellen des Christbaums, das in diesen Kreisen jetzt ebenfalls Mode wurde. (Auf Glückwunschkarten aus dieser Zeit wird explizit auf das „Deutsche Weihnachten“ hingewiesen).
Im Jahr 1852 verlieh Nikolai I. dem von Peter dem Großen eingebürgerten Brauch des Jolkafestes die kaiserlichen Weihen (fast seine gesamte Familie und nahezu alle nächsten Anverwandten waren ja schließlich deutschstämmig oder gar ehemalige Deutsche) und erklärte den 1. Januar zum Jolkafesttag (Tannenbaumfest; Nikolai II. schreibt z. B. am 31. Dezember 1905 in seinem Tagebuch: „Heute 4 Uhr 30 mit den Offizieren Jolka gefeiert“). Erst sehr viel später sickerte dann der Tannenbaum nach und nach als Christbaum ins Brauchtum des einfacheren Volkes ein.
Das arme Bäumchen hatte im Russland des späten 19. Jahrhunderts also zwei Funktionen: Es kam als Jolka für das weltliche Tannenbaumfest und als geheiligter Weihnachtsbaum zum Einsatz.
Dann kam 1918, die Revolution.

Die neuen kommunistischen Machthaber konnten ein religiöses Hochfest wie Weihnachten natürlich nicht dulden, denn Religion war bekanntlich „Opium für das Volk“; folgerichtig wurde dieser Feiertag abgeschafft, er war nun ein ganz normaler Arbeitstag. Und das Jolkafest war eine verdammenswerte bourgeoise Einrichtung und wurde daher ebenfalls abgeschafft. Das Feiern mit Tannenbaum wurde unter schwere Strafe gestellt (anfangs konnte man dafür sogar erschossen werden). Das arme Bäumchen war damit erledigt.

 

Erst ab 1929 wurde das Aufstellen des Bäumchens zu Neujahr – und nur zu Neujahr – wieder geduldet – und wirklich nur geduldet, nicht gefördert. Im Gegenteil: Es war (zumindest in Großstädten) schwierig, ein Bäumchen und Schmuck zu bekommen. Sich zum Weihnachtsfest ein Bäumchen zu kaufen, hätte niemand gewagt, aber nun, nach der Einführung des gregorianischen Kalenders durch die Revolutionäre, lag witzigerweise das weltliche Neujahr vor dem orthodoxen Weihnachtsfest, also blieb das Bäumchen in den Familien einfach stehen und war dann eine Woche später insgeheim der Weihnachtsbaum.
Erst im Jahr 1954 gab es im Kreml zu Neujahr wieder einen großen Tannenbaum und den gibt es seitdem jedes Jahr. Auch wird seitdem im Kreml an diesem Tag ein Fest für Kinder gefeiert, bei dem diese Geschenke bekommen; und auch in den Familien konnte man sich wieder gefahrlos beschenken.
Ein Weihnachtsmann – wie er im Westen üblich geworden war – durfte diese Geschenke natürlich nicht bringen, aber das brachte keine großen Probleme mit sich, denn schon immer gab es ja in Russland Väterchen Frost (Ded Moros), bekanntlich auch ein alter Mann mit großem weißem Bart, der seit dem 19. Jahrhundert zu Neujahr sogar als Geschenkbringer unterwegs war. Leider veränderte Väterchen Frost nach und nach seine ursprüngliche Gestalt und sah schlussendlich genau so aus wie der westliche Weihnachtsmann.
So kommt es, dass auch heute noch zu Silvester Väterchen Frost Geschenke unter den Jolka/Weihnachtsbaum legt oder sie persönlich abgibt – allerdings brachte er sie früher nur den reichen, adeligen Kindern; heute bringt er sie allen.
Aus dem kleinen, zum Sterben verurteilten Bäumchen ist wieder ein großer starker Tannenbaum geworden und aus Väterchen Frost ein Coca-Cola-Weihnachtsmann.

Es ist also nicht so, wie allerorten zu lesen ist: dass die Kommunisten den Jolka zu Neujahr an Stelle des Weihnachtsbaumes eingeführt hätten; im Gegenteil, die Bevölkerung hat sich ihren Neujahrsjolka und Weihnachtsbaum beharrlich von den Machthabern zurück erobert.

 

Doch es geht noch weiter:
Weihnachten total
Seit Beginn der neuen Zeit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gehen immer mehr und insbesondere „Neue Russen“ dazu über, auch das „säkularisierte“ Weihnachten – wie im Westen üblich – mit Geschenk- und sonstigen Räuschen zu feiern. So kommt es, dass einige durchtrainierte Russen am 24. Dezember Weihnachten feiern, das weltweite Silvester und Ded Moros am 31. Dezember, als orthodoxe Christen (denn als solche sehen sich die meisten) am 6. und 7. Januar ihr Weihnachtsfest begehen und in der Nacht vom 13. zum 14. Januar das orthodoxe Neue Jahr begrüßen, das man das alte Neue Jahr nennt.
Ganz Hartgesottene feiern noch bis zum 19. Januar weiter, dem Dreikönigsfest, dem Ende der Weihnachtszeit in der Orthodoxie. Letzteres ist insofern nicht abwegig, da an diesem Tag auch die 12 (heidnischen) Raunächte zuende gehen, die in den Städten mit Maskenbällen und in ländlichen Gebieten mit mehr oder weniger bösartigem Schabernack begangen werden und in etwa der westlichen Faschingszeit vergleichbar sind (weiter unten mehr).
Wohl dem, der eine gesunde Konstitution hat.

Weihnachten in der Literatur
Unschwer ist zu erkennen, dass sich das russische Weihnachtsfest in seinem Brauchtum doch deutlich von dem in Deutschland zur Zeit der Romantik und des aufstrebenden Bürgertums gewachsenen Fest unterscheidet, was natürlich seinen Niederschlag in der Literatur gefunden hat.

Nikolai Gogol (*1802, †1852) ist wohl einer der ersten – wenn nicht gar der erste – gewesen, der explizit eine Weihnachtserzählung geschrieben hat; sie heißt Die Nacht vor Weihnachten und ist eine der acht ukrainischen Erzählungen, die unter dem Titel Abende auf dem Vorwerke bei Dikanka (1831) zusammengefasst sind. Für westliche Leser völlig unverständlich, ja gar absurd: Es ist eine Teufels- und Hexengeschichte, bei der Weihnachten allein im Titel vorkommt. Und damit ist Gogol nicht allein; immer wieder erscheinen Spuk-, Geister- und Gespenstergeschichten, die den Begriff Weihnachten nur im Titel oder Untertitel tragen oder gar nur im Text an einer fast nebensächlichen Stelle auf Weihnachten verweisen (was auch für Weihnachtserzählungen allgemein gilt). Nur einige wenige seien genannt: Anton Tschechows (*1860, †1904) Die Nacht der Schrecken. und Wanka. Nikolai Leskow (*1831, †1895) nennt seine Erzählungen richtiger „Weihnachtszeiterzählungen“ und definiert sie in seiner Erzählung Das Perlenhalsband (1885) so:

Von einer Weihnachtszeiterzählung verlangt man, dass sie an Ereignisse eines Abends zwischen Weihnacht und hl. drei Könige gebunden sei, dass sie etwas fantastisch sei, irgendeine Moral, wäre es auch nur die Widerlegung eines Vorurteils, in sich trage und schließlich – dass sie unbedingt lustig ende.
An diesen Worten wird deutlich, dass viele russische Weihnachtserzählungen mit der westlichen Vorstellung von einer Weihnachtserzählung nur wenig zu tun haben. Hintergrund sind die schon oben erwähnten Raunächte, die an Heiligabend beginnen und mit dem Dreikönigstag enden. Nicht nur in Russland, auch in Westeuropa haben bzw. hatten bei der ländlichen Bevölkerung diese zwölf Nächte magische Bedeutung. In ihnen trieben sich der Teufel, Hexen und Gespenster herum und versuchten, den Menschen zu schaden; Ställe und Häuser mussten daher mit Weihrauch geschützt werden. (Andererseits waren in dieser Zeit besonderer Magie auch Wetter- und Erntevoraussagen für das kommende Jahr möglich.) Grundlage für diese Vorstellung war die unterschiedliche Länge von Mond- und Sonnenjahr: Das Mondjahr umfasst nur 354, das Sonnenjahr bekanntlich 365 Tage; das ergibt eine Differenz von 11 Tagen respektive 12 Nächten. Diese Tage und Nächte, die eigentlich nirgendwo so richtig hingehörten, nicht ins alte, nicht ins neue Jahr (auch bei uns heißt heute die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr die Zeit „zwischen den Jahren“): Es waren verlorene Tage; das nutzte das Böse aus, es hatte jetzt viel mehr Macht als im übrigen Jahr. Die gefährlichsten Nächte waren Heiligabend, Silvester und die Nacht vor Dreikönig. Auf diese heidnischen Bräuche im Detail einzugehen, ist hier nicht der Ort; nur soviel ist wichtig: Daraus entwickelten sich, ausgehend von der schon von Haus aus recht emotionalen Ukraine, besonders in bäuerlichen Gebieten die Traditionen der Maskenumzüge (die es auch in Westeuropa gab) und des wilden, manchmal schon gefährlichen „Schabernacks“. Bei den gehobenen Schichten wurde mit Maskenbällen, Kartenlesen und anderen „Gepflogenheiten“ der russische „Fasching“ daraus.

Es gibt verschiedene Beispiele für Schilderungen der Raunächte-Bräuche. Lew Tolstoi (*1828, †1910) hat z. B. in Krieg und Frieden die Episode Die Vermummte aus Otradnoje geschrieben, die in der Weihnachtszeit auf einem russischen Gut spielt. Und auch Iwan Gontscharow (*1812, †1891) beschäftigt sich in Das Weihnachtsfest (1875; in: Ein Monat Mai in Petersburg. Erzählungen und Erinnerungen, 1875–1891) mit den heidnischen Festtraditionen.
(Das Fantastische gibt es übrigens auch in der westeuropäischen Weihnachtsliteratur – siehe Charles Dickens und andere –, nur nicht so ausgeprägt.)
Viele andere russische Weihnachts- sind eigentlich Wintererzählungen, in denen die Freude über den eingezogenen Winter zum Ausdruck kommt.

Auch in deutschen Erzählungen zur Weihnacht spielt der Schnee sehr häufig eine große Rolle, allerdings aus romantischen Gründen. In Westeuropa wird man sich verständlicherweise fragen, wie sich die Russen auf eine Zeit freuen können, in der Temperaturen von bis zu –30° Celsius herrschen. Abgesehen davon, dass die trockene Kälte von z. B. -20° aufgrund des kontinentalen Klimas in Russland bei Weitem nicht so unangenehm ist wie nur wenige Grade Minus im feuchten, gemäßigten Klima hierzulande, gibt es noch eine ganz praktische Erklärung: Der nasse Herbst ist in Russland (noch heute) die schlimmste Jahreszeit; alles versinkt in Matsch und Sumpf, ein Reisen auf den unbefestigten Straßen – und sei es auch nur für kurze Strecken – war insbesondere in der Zeit der Kutschen (aber auch heute noch, trotz Allradantrieb) eine mühselige und schlammige Angelegenheit. Erst wenn der Boden durch kräftige Minusgrade bis in die Tiefe durchgefroren war und dicker Schnee darauf lag, war es ein Genuss, mit der Schlittentroika durch die Gegend zu jagen.
Von der Liebe zum Winter zeugen die zahlreichen Wintermärchen wie Ded Moros oder Snegurotschka oder Das Schneemädchen – alle von Alexander Afanasjew (*1826, †1871), dem russischen Pendant zu den Gebrüdern Grimm, gesammelt.

Zu guter Letzt werden in der Rubrik Weihnachtsgeschichten noch viele Tiergeschichten erzählt, in denen häufig die unverdorbene Nächstenliebe zwischen Mensch und Tier dargestellt wird – wobei der eigentliche Bezug zu Weihnachten manchmal ein völlig nebensächlicher ist. Ein herausragendes Beispiel hierfür ist Leskows Erzählung Das Tier (1883) auch unter dem Titel Sganarell der Bär, eine (auch mich immer wieder) zu Tränen rührende (manche sagen rührselige) Geschichte.

Und dann gibt es da noch die Erinnerungen vieler Schriftsteller an ihre Kindheit, die – wie bei alten Männern so üblich – oft mehr oder weniger verklärt sind, aber dennoch kulturhistorisch wertvolle Aufzeichnungen und literarisch glänzende Erzählungen sind. Einige Beispiele sind:

Maxim Gorki (*1868, †1936): Bevor ich ein Schulkind wurde aus Maxim Gorki, Meine Kindheit (1913) und Kirchgang aus Maxim Gorki,Unter fremden Menschen (1914)
Alexej Tolstoi (*1883, †1945) Der Tannenbaum aus Alexej Tolstoi, Nikitas Kindheit (1921)
Tatjana Tolstaja (*1864, †1950) Weihnachten bei uns zu Hause aus Tatjana Tolstoi, Ein Leben mit meinem Vater. Erinnerungen an Leo Tolstoi.
Konstantin Paustowskij (*1892, †1968) Wie wenig braucht der Mensch zu seinem Glück aus Konstantin Paustowskij, Unruhige Jugend (1955)
Fürst Pjotr Alexejewitsch Kropotkin (*1842, †1921) Weihnachten auf Vaters Gut aus Fürst P. Kropotkin, Memoiren eines Revolutionärs (1899)
Alexander Herzen (*1812, †1870) Orgie am Nikolaustag aus  Alexander Herzen, Mein Leben. Memoiren und Reflexionen (1851)
Iwan Schmeljow (*1875, †1950) Die Vorfasten und Weihnachten aus Iwan Schmeljow, Wanja im heiligen Moskau. Der Roman meiner Jugend (1933)

Erinnerungen an ein Weihnachtsfest ganz besonderer Art, nämlich an Weihnachten im sibirischen Straflager, hat Fjodor Dostojewskij (*1821, †1881) in der Episode Das Weihnachtsfest (Aus einem Totenhaus, 1861) festgehalten.

С Рождеством Христовым! (S Raždestvom Christovym!)
wünscht
Hanns-Martin Wietek

 

Weihnachtsgeschichten aus Russland
Diedrichs, Ulf [Hrsg.], Wenn Väterchen Frost kommt, Weihnachtsfreuden in Rußland. dtv 1999
Blume, Monika [Hrsg.], Weihnachten in Russland, Erzählungen von Dostojewskij bis Tolstoi. Sanssouci Verlag 1997

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung Русская Православная Церковь mospat.ru/ru/




Zum 200. Geburtstag von Michail Lermontow

[Hanns-Martin Wietek] Im Westen ist er fast unbekannt, in Russland aber wird er in einer Reihe mit Puschkin, Gogol, Dostojewski und Tolstoi genannt und geachtet. Michail Lermontow wurde am 15. Oktober 1814 geboren und gehört zu den ganz großen Schriftstellern Russlands.

Lermontow ist nicht zuletzt deshalb so wichtig, weil er vom Zeitalter der Romantik in das Zeitalter des Realismus überleitete. Puschkin schrieb noch reine Lyrik – seine Gedichte gehören noch heute zum Allgemeingut in Russland – und das einzige Prosastück, das er schrieb misslang fürchterlich, Lermontow schrieb anfangs noch Lyrik und später auch hervorragende Prosa – sein »Ein Held unserer Zeit« wurde weltberühmt – und Gogol schrieb nur noch ein Gedicht – und das misslang fürchterlich.

Michail Lermontow war ein unruhiger Geist, ja ein Rebell, der ……….
Aber lesen Sie weiter in
Michail Jurjewitsch Lermontow – Offizier, Dichter und soziales Gewissen
Literaturessay von Hanns-Martin Wietek




Graf Aleksej Konstantinovič Tolstoj

Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

Jeder, der den Namen Tolstoj liest oder hört, denkt sofort an das große, streitbare, weltberühmte Schriftstellergenie Lev Nikolaevič. Aber es gab noch zwei andere große Tolstojs, die in seinem Schatten standen: Aleksej Konstantinovič (*1817, †1875) und Aleksej Nikolaevič (*1883, †1945), der zu Sowjetzeiten „der rote Graf“ genannt wurde. Ersterer stand dort, was seine literarische Größe betrifft, ganz sicher zu Unrecht.
Alle drei Tolstojs waren Schriftsteller und mehr oder weniger nah miteinander verwandt, sie hatten einen gemeinsamen Urahnen – Aleksej Nikolaevič in der sechsten und Lev Nikolaevič und Aleksej Konstantinovič, von dem dieses Essay handeln wird, mit einem gemeinsamen Urgroßvater in der vierten Generation (Stammbaum Tolstoj väterlicherseits der drei Tolstoj-Schriftsteller hier als PDF). Bei dem riesigen Stammbaum des Geschlechtes der Grafen Tolstoj, der bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht und ca. 650 Personen umfasst, ist dies schon ein erwähnenswertes Detail.

Aleksej Konstantinovič Tolstoj kam am 24. August jul. / 5. September greg. 1817 in St. Petersburg zur Welt und starb am 28. September jul. / 10. Oktober greg. 1875 auf seinem Gut Krasnyj Rog in der Ukraine. Väterlicherseits entstammte er der schon oben erwähnten Tolstoj-Linie, einem ärmeren Zweig des Grafengeschlechts. Mütterlicherseits waren seine Vorfahren u.a. die Grafen Razumovskij, ein reiches und einflussreiches Geschlecht (Stammbaum mütterlicherseits von Aleksej Konstantinovic Tolstoj im PDF-Format): Sein Urgroßvater Kirill Grigorevič Razumovskij (*1728, † 1803), war der letzte Ataman oder Hetman (ukr.), der oberste Führer der russischen Kosaken in der Ukraine, bevor Katharina die Große 1764 die Hetmanate auflöste; sein Großvater Aleksej Kirillovič Razumovskij (*1748, †1822) war unter Katharina der Großen Senator und unter Alexander I. Minister.

Schon sechs Wochen nach seiner Geburt trennten sich seine Eltern. Es war wohl eine Zweckehe gewesen, von der sich Tolstojs Vater Konstantin Petrovič Geld und Prestige erhofft hatte. Außerdem soll er charakterschwach gewesen sein und gern zur Flasche gegriffen haben. Aleksej K. wuchs bei Aleksej Alekseevič Petrovskij (*1787, †1836), dem Bruder seiner Mutter, auf dem Gut Krasnyj Rog in der Ukraine auf und lernte seinen leiblichen Vater erst anlässlich des Todes der Mutter im Jahr 1857 flüchtig kennen. Der Onkel war ebenfalls Schriftsteller (Pseudonym: Antonij Pogorelskij) und in den literarischen Kreisen der Puschkinzeit sehr engagiert; außerdem war er leidenschaftlicher Kunstkenner und -sammler. Diese Leidenschaften und die Kindheit auf dem Gut in der üppigen ukrainischen Natur haben Aleksej K. geprägt; die Gedichte seiner frühen Jahre beschreiben in romantischer Art das Leben in dieser Natur.

Als er neun Jahre alt war, zog Aleksej K. mit seiner Mutter zuerst nach St. Petersburg und später nach Moskau. 1826 wurde er bei Hofe vorgestellt und Žukovskij, der Erzieher des späteren Zaren Alexander II., nahm ihn in den Spielkreis des gleichaltrigen Thronfolgers auf. Dort nahm eine lebenslange, ehrliche Freundschaft zwischen Aleksej K. und Alexander ihren Ursprung, die sich unter anderem in der Kunstreise durch Italien manifestiert, die die beiden 1838/39 gemeinsam unternahmen. Aleksej K. gehörte zum engsten Beraterkreis des künftigen Zaren, konnte ihm offen seine Meinung sagen und musste dabei mit Kritik nicht sparen – z. B. konnte er sich für Turgenev einsetzen, als dieser wegen seines von der Petersburger Zensur verbotenen Nekrologs auf Gogol (den er trotzdem in Moskau veröffentlicht hatte) 1852 auf sein Gut verbannt wurde, und maßgeblich daran mitwirken, dass die Verbannung 1853 wieder aufgehoben wurde. Er trat auch (allerdings erfolglos) für den verhafteten, revolutionären Schriftsteller Nikolaj Černyševskij ein. Nach seiner Krönung im Jahr 1855 machte Alexander II. Aleksej K. sogar zu seinem »Flügeladjutanten« und dieser musste bis 1861 darum kämpfen, wieder freigegeben zu werden, denn er wollte ausschließlich für die Literatur leben. Die Krönungsfeierlichkeiten waren übrigens der Anlass, bei dem er seinen berühmten Vetter zweiten Grades Lev Nikolaevič das einzige Mal im Leben traf – freundlich und höflich, aber reserviert begegnete man sich und das blieb für immer so.

Wie schon erwähnt war Aleksej K.s Onkel Aleksej A. Perovskij ein ausgesprochener Kunstkenner und leidenschaftlicher Sammler. Das brachte es mit sich, dass er viel in Europa herumreiste, und immer wieder nahm er auch den Jungen mit. Von bleibender Erinnerung war für Aleksej K. seine erste Reise nach Deutschland (1827, im Alter von zehn Jahren), die ihn auch nach Weimar führte. Sein Onkel machte ihn mit Goethe bekannt und noch im hohen Alter erzählte er von dessen Ehrfurcht gebietender, imposanter Erscheinung und vergaß nie zu erwähnen, dass Goethe ihn liebevoll auf den Schoß genommen hatte.
In Italien lernte er 1831 die großen Künstler kennen und lieben, wobei seine Lieblinge die Künstler der Renaissance waren; in Deutschland und Frankreich waren es Musik, Literatur und Theater, die ihn begeisterten.

Mit 18 Jahren legte er 1835 an der Universität Moskau sein Abschlussexamen an der literaturhistorischen Fakultät ab und wurde Beamter im Archiv des russischen Außenministeriums.
Hier begann seine intensive Beschäftigung mit der Geschichte, die sein ganzes späteres Schaffen bestimmte. Sein weiterer Lebensweg ist recht unspektakulär und soll hier nur stichwortartig wiedergegeben werden:

Im Jahr 1836 trat er in den diplomatischen Dienst. Anfang 1837 wurde er (bis Ende 1840) zur russischen Gesandtschaft beim Bundestag in Frankfurt versetzt – diese Zeit ist etwas dubios, weil er dort in den Akten niemals auftaucht, man vermutet einen Spezialauftrag Alexander II. Seine Beamtenlaufbahn – auch später in St. Petersburg – war im Wesentlichen von Beurlaubungen geprägt, was ihm ausgedehnte Reisen wie die oben erwähnte Kunstreise mit  Alexander ermöglichte. Auch hatte er viel Zeit für die Jagd und für seine schriftstellerische Arbeit, die anfangs fast ausschließlich Gedichte umfasste, erst 1841 trat er zum ersten Mal mit einer Erzählung (Upyr; dt. Der Vampir) an die Öffentlichkeit – allerdings unter dem Pseudonym Krasnorogskij. Kurz darauf lernte er seinen jüngeren Vetter Aleksej Žemčužnikov kennen, dem das Beamtendasein ebenso verhasst war wie ihm – dieses Treffen sollte später hervorragende literarische Früchte tragen.

Obwohl er als Beamter und bei Hofe meist durch Abwesenheit glänzte, kletterte er in der Hierarchie beständig weiter nach oben: 1843 ernannte ihn Nikolaus I. zum Kammerjunker, 1845 wurde er Kollegienassessor (Oberst), 1846 Hofrat und 1851 gar „Zeremonienmeister des Hofes Seiner Majestät Nikolaus I.“
Im Winter 1850/51 lernte er in St. Petersburg seine spätere Frau Sofja Andreevna, die von ihrem Mann getrennt lebte, kennen und lieben; nach ihrer Scheidung heirateten sie (1857), 1863 wurde die Ehe offiziell als rechtsgültig anerkannt. Es gab nun zwei Sofja Andreevna Tolstaja, denn genau so hieß auch die Ehefrau von Lev Tolstoj – im Gegensatz zu Lev und seiner „Sonja“ aber führten Aleksej K. und seine Sofja Andreevna eine äußerst harmonische Ehe.
Patriotisch wie die meisten seiner Zeitgenossen nahm er am Krimkrieg (1853–1856) teil – allerdings auf Allerhöchsten Befehl hin nur als Major in einer Schreibstube, was ihn trotzdem fast das Leben kostete, denn seine Einheit wurde nach Odessa verlegt, wo er wie tausend andere lebensgefährlich an Typhus erkrankte.
Wie schon oben erwähnt ernannte Alexander II. seinen Jugendfreund nach seiner Thronbesteigung (1857) zu seinem „Flügeladjutanten“ (Bezeichnung für einen allein dem Zaren unterstellten Stabsoffizier) und Aleksej K. musste bis 1861 auf seine Freistellung vom Beamten- und dienstlichen Hofleben warten. Alexander II. entließ ihn schließlich mit dem Titel eines „Hofjägermeisters“, dessen einzige Aufgabe darin bestand, die kaiserlichen Jagden zu organisieren – was einem leidenschaftlichen Jäger, wie es Aleksej K. war, natürlich ein großes Vergnügen und eine Ehre war; zudem hatte er reichlich Zeit für seine Arbeit als Schriftsteller.
Es folgte dann auch die fruchtbarste Schaffensperiode seines Leben, die aber bald schon von seinen schweren Krankheiten überschattet wurde. Mitte der sechziger Jahre war er nur noch bedingt arbeitsfähig: Er litt unter Asthma, Angina Pectoris, verschiedenen Neuralgien und schweren Kopfschmerzen und hielt sich ab diesem Zeitpunkt häufig zur Kur im Ausland oder auf seinem Gut Krasnyj Rog in der Ukraine auf. Ab Anfang der siebziger Jahre konnte er nur noch sehr wenig schreiben; 1874 begann er seine Schmerzen mit Morphium zu betäuben – war sich jedoch, wie aus seinen Briefen hervorgeht, der Risiken nicht bewusst. Im September 1875 starb er auf seinem Gut, 58-jährig, vermutlich an einer Überdosis Morphium.

Aleksej Konstantinovič Tolstoj war, wie aus seiner Biografie hervorgeht, wahrlich kein Revolutionär im landläufigen Sinne, aber beileibe auch kein Reaktionär. Er war ein aufgeklärter Hocharistokrat, der soziale Veränderungen von oben wollte und trotz seiner Nähe zum Thron jeglichen Despotismus ablehnte.
Literatur durfte seiner Auffassung nach keine Waffe sein – zu schreiben, um Veränderungen zu erreichen, widersprach seiner Auffassung von Kunst; das war Tendenzliteratur. Kunst war allein um ihrer selbst willen Kunst – „L’art pour l’art“, das war sein Credo. Dieses Credo vertrat er allerdings so heftig, dass man manchen seiner Werke vorwerfen konnte, sie seien Tendenzliteratur gegen die Tendenzliteratur.
Aleksej K. war nicht allein mit seiner Überzeugung, besonders bei den Lyrikern, von der Romantik über den Symbolismus bis hin zur Neoromantik, war diese Auffassung – wenngleich in verschiedenen Ausprägungen – häufig zu finden. Aleksandr Puškin, Aleksandr Družinin, Afanasij Fet, Pavel Anennkov, Nikolaj Nekrasov, Apollon Majkov, Lev Mej und Vasilij Botkin sind berühmte russische Vertreter dieser Richtung – auch Lev Tolstoj fühlte sich ihr vorübergehend zugehörig.

Erst in den fünfziger Jahren veröffentlichte Aleksej K. seine schon viel früher geschriebenen Gedichte. Es waren Gedichte über die Landschaft und später – besonders nachdem er seine Frau kennengelernt hatte – über die Liebe. Es handelt sich um einige der wohl schönsten und tiefsinnigsten Liebesgedichte, die es überhaupt gibt. Die Themen „Kunst“ und „das Leben als Dichter“, „Seelenstimmungen“ und Gedichte über die Heimat stammen aus der zweiten Hälfte seines Lebens, erst zu seinem 50. Geburtstag erschien eine lang erwartete Lyriksammlung.
Insbesondere die Natur- und Liebeslyrik Aleksej K. Tolstojs ist zu russischem Gemeingut geworden, wurde von berühmten Komponisten vertont und wird heute noch deklamiert und als russische Romanzen gesungen. »Heller klingt der Lerche Singen« wurde 1858 und »Es war im ersten Frühling« wurde 1871 von Rimskij-Korsakov vertont; Borodin vertonte 1856 das Lied »Spes«; Tschaikowski schrieb 1851 die Melodie zu »Im Lichtglanz des rauschenden Balles« und Rachmaninow 1856 zu »Du mein Feld«.
Als Beispiel sei hier ein von Aleksej K. selbst ins Deutsche übertragenes Gedicht zitiert (er hat zwölf Gedichte in deutscher Sprache geschrieben):

Oh, glaub‘ mir nicht, in trüber Stund‘, in schlimmer,
Wenn ich dir sag‘, ich liebte dich nicht mehr!
Zur Ebbezeit glaub‘ nicht, es sei auf immer
Vom Land gewichen das bewegte Meer!
Schon sehn‘ ich mich, mit dir aufs neu zu teilen
Freud‘ oder Schmerz, die ich mit dir empfand,
Und, brausend, schon aufs neu die Wellen eilen
Von fern zurück zu dem geliebten Strand.

Aber, die Zeit der großen romantischen Lyriker war vorbei und das Zeitalter, in dem die Lyrik die bedeutendste literarische Form war, am Ausklingen. Puškin, der Gott der romantischen Lyriker, war tot; Lermontovs Aufschrei zu seinem Tod – „Der Dichter fiel! … Als Sklave der Ehre / ist er gefallen, …….. Ihr aber, ihr hochmütigen Nachkommen / eurer für ihre notorische Schurkerei berühmten Väter, …… und mit all eurem schwarzen Blut werdet ihr nicht fortwaschen / das gerechte Blut des Dichters! – war längst verhallt und er selbst den gleichen Weg wie Puškin gegangen. Die erwähnte kleine Gruppe der L’art pour l’art-Dichter und der junge Turgenev hielten das Fähnlein der Lyrik noch hoch, aber mit Gogol war unumkehrbar die Zeit der sozialkritischen, realistischen Prosaiker angebrochen; die Tendenzliteratur hatte gesiegt, die Revolution begonnen. Man brachte ihnen, und ganz besonders Aleksej K.– vielleicht vorsichtshalber auch wegen seiner Nähe zum Thron – Achtung entgegen, gefeiert aber wurden andere. Im Gedächtnis des russischen Volkes blieben ihre Namen und Werke jedoch trotz aller Wirren der Geschichte haften und einige von ihnen erleben heute eine Renaissance.

Nicht verschweigen sollte man jedoch – was leider die meisten russischen Literaturgeschichten (in deutscher Sprache) tun –, dass Aleksej K. in seinen zwanziger Jahren auch Erzählungen geschrieben hat. Sein Onkel Aleksej Alekseevič Perovskij war wie erwähnt selbst Schriftsteller und als Romantiker ein großer Verehrer von E. T. A. Hoffmann (*1776, †1822), dem Romantiker schlechthin. So geriet auch Aleksej K. unter diesen Einfluss, was man an seinen Erzählungen deutlich sehen kann.
Zwei von ihnen – 1840/41 entstanden – sollen hier erwähnt werden, da sie auch in deutscher Übersetzung vorliegen. Es sind Erzählungen im Stil der romantischen Groteske, die sich mit dem Vampirismus beschäftigen (Geister- und Gespenstergeschichten, Geheimbünde, Séancen, der Mesmerismus u. ä. waren in der Zeit der Romantik sehr in Mode): La famille du Vourdalak (im Original französisch, dt. Die Familie des Vampirs) und Upyr (dt. Der Vampir).

In Die Familie des Vampirs erlebt ein nach Moldawien reisender Diplomat bei einer Übernachtung in Serbien, wie das Oberhaupt der Gastgeberfamilie zum Vampir wird und nach und nach verschiedene Familienmitglieder holt und auch sie zu Vampiren macht. Der Diplomat hat sich in die Tochter des Hauses verliebt und will bei ihr bleiben, reist dann aber pflichtgemäß weiter. Zwei Jahre später, auf dem Heimweg, kommt er in dasselbe Dorf und findet im Haus nur noch die Tochter vor. Sie macht ihm Avancen und will ihn verführen. Im letzten Moment erkennt er jedoch, dass er es mit einer Toten zu tun hat, dass auch sie mittlerweile ein Vampir ist. Er flieht und kann sich retten, nur sein Pferd fällt den Vampiren zum Opfer.
Der Vampir ist eine verwickelte Geschichte, die in Moskau und Italien spielt. Wirklichkeit und Übersinnliches lassen sich kaum auseinander halten (obwohl es die Protagonisten versuchen), so dass es unmöglich ist, den Inhalt in wenigen Worten wiederzugeben. Es ist eine fantastische Geschichte, in der das Unheimliche dem realen Leben gegenübersteht.

In erster Linie war Aleksej K. in seinen frühen Schriftstellerjahren jedoch Lyriker. Das heißt allerdings nicht, dass er in seinem Lyrikerstübchen weltfremd vor sich hin gedichtet hätte, ohne die Realität wahrzunehmen. Der liberale Aristokrat hatte mit seinen Vettern Aleksej und Vladimir Žemčužnikov, die er Anfang der 1840er-Jahre kennengelernt hatte, eine geniale literarische Idee: Sie schufen 1851 einen fiktiven Dichter: Kozma Prutkov,  geboren 1801, Wirklicher Staatsrat und Direktor des St. Petersburger Eichamtes, der mit Porträt vorgestellt wurde und zu dessen fiktivem Tod 1863 sie auch einen Nekrolog schrieben. Niemand wusste von seiner Fiktivität, er schien real und veröffentliche von 1851 bis zu seinem vermeintlichen Tod regelmäßig in der angesehenen Zeitschrift Sovremennik Parodien lyrischer Gedichte, andere Parodien, Lustspiele, Abhandlungen, pointenlose Fabeln, sinnlose Aphorismen, kleine Singspiele usw. Er gab – salopp formuliert – zu allem seinen Senf dazu. Dabei erwies er sich als ein derart dümmlicher, bornierter, bürokratischer Reaktionär, dass alles, was er schrieb, zu einer Parodie der Realität wurde. Die Dinge, für die er stritt, offenbarten ihre ganze Lächerlichkeit, jene Dinge, gegen die er wetterte und die er parodierte, entlarvten ihn als grenzenlosen Dummkopf – einen staatstragenden Dummkopf.
Seine Gesammelten Werke (Sočinennija Kozmy Prutkova) sind bis heute in unzähligen Auflagen (aber leider nur in russischer Sprache) verbreitet und dienen nach wie vor größter Erheiterung. Es sind hervorragende und von der Intention her höchst geistreiche Texte in einer fast genialen Komposition.

Aleksej K. Tolstojs intensive Beschäftigung mit der Geschichte musste bei einem so hervorragenden Schriftsteller natürlich ebenfalls Früchte tragen. Von der Lyrik kommend, inspiriert von Goethe und Schiller, mit hervorragenden geschichtlichen Kenntnissen ausgestattet und mit dem entschlossenen Willen, die fatalen Folgen des Despotismus aufzuzeigen, schrieb er Versdramen, die ihm den Ruf einbrachten, einer der besten Dramatiker zu sein. Selbstverständlich konnte er nicht die allerjüngste Vergangenheit, die Despotie von Nikolaus I., zum Thema machen; er stürzte sich stattdessen auf eine nicht minder grausame (wenn nicht noch grausamere) Zeit der russischen Geschichte.
Die einzelnen Werke seiner Dramentrilogie Smert Ivana Groznogo (1866), Car Fëdor Ioannovič (1868) und Car Boris (1870) – deutsche Titel: Der Tod Iwans des Furchtbaren (auch des Grausamen), Zar Fedor (auch Fjodor oder Feodor) Iwanowitsch (auch Ioannowitsch) und Zar Boris – fanden seinerzeit unterschiedlichen Anklang, sie haben aber Bestand gehabt und werden auch heute noch gespielt. Aleksej. K. beschreibt darin das letzte Jahr der despotischen Schreckensherrschaft von Ivan Groznyj (Iwan IV., der Schreckliche) und die nach seinem Tod einsetzende Zeit der Regentschaft der Zaren Fëdor und Boris – in Russland die »Zeit der Wirren« genannt –, die erst mit der Wahl des ersten Romanow zum Zaren beendet wurde.

Quasi als „Abfallprodukt“ aus der Beschäftigung mit Ivan Groznyj für seine Dramentrilogie entstand Alexej K.s einziger Roman Knjaz Serebrjanyj (deutsche Titel: Fürst Serebrjanyj, Iwan der Schreckliche, Zar Iwan der Schreckliche oder Der Bojar Iwans des Schrecklichen). Es ist wohl der einzig echte historische Roman Russlands, denn Lev Tolstojs Krieg und Frieden, der immer als ein solcher dargestellt wird, ist im strengen Sinn kein historischer Roman. Lev Tolstoj verwendete zwar historische Ereignisse in seinem Werk und gab seinen handelnden Personen Charaktere und Züge lebender Personen aus seinem Umkreis, die Handlung ist jedoch im Großen und Ganzen fiktiv. Aleksej K. Tolstoj hingegen beschreibt in seinem Roman Ereignisse, die tatsächlich stattgefunden haben, und schildert historische Personen; als einzige Abweichung erlaubt er sich kleine zeitliche Verschiebungen, damit die Ereignisse in den von ihm gewählten Zeitrahmen passen. Der Roman wurde zu seiner Zeit viel gelesen, von den Kritikern jedoch abgewertet, weil diese Romanform nicht mehr „angesagt“ war (in Westeuropa und Amerika erschienene Werke waren fleißig gelesen worden) und nicht dem „modernen“ kritischen, realistischen Zeitgeist entsprach. Heute bietet uns Fürst Serebrjanyj ein bewegendes, spannendes, ja mitreißendes „Gemälde“ von Ivan Groznyj und seiner Zeit – spannender lassen sich historische Ereignisse kaum darstellen.
In seinem Vorwort zur 1863 erschienenen Ausgabe äußert Aleksej K. die Absicht, die er mit diesem Werk verfolgte: Er wolle den allgemeinen Charakter einer ganzen Epoche darstellen und die Ideen, Glaubensmeinungen, Gewohnheiten und das allgemeine Kulturniveau jener Zeit spiegeln. Er setzte jedoch hinzu, dass es ihm unmöglich gewesen sei, die Schrecken dieser Zeit in ihrem ganzen Ausmaß zu schildern; mehrmals sei ihm beim Studium der geschichtlichen Quellen, von Grauen gepackt, das Buch aus den Händen gefallen und er habe die Feder weggeworfen, außerstande, die Objektivität und Neutralität aufzubringen, die seine Arbeit erforderte.
Aleksej K. verschanzt sich bei diesem Roman hinter dem Anspruch historischer Objektivität, aber in Wirklichkeit war Fürst Serebrjanyj durchaus ein zeitkritisches Werk – was die Zensoren Gott sei Dank, die Kritiker jedoch leider nicht wahrnahmen.

Aleksej Konstantinovič Tolstoj war sicher kein Revolutionär, wie man ihn sich gemeinhin vorstellt. Er war ein „leiser“, ein „liberaler“ Revolutionär, der glaubte, die Menschen zum Denken bringen zu können, damit sie ihre eigenen Schlüsse ziehen und auf diese Weise die Ungerechtigkeiten aus der Welt schaffen. Und er glaubte, dass die Menschen aus der Geschichte lernen würden.

 

Ein Verzeichnis der Ins Deutsche übersetzte Werke von Aleksej Konstantinovič Tolstoj – der unten genannten Habilitationsschrift von Frank Göbler entnommen – als PDF-Datei hier.

Das Verzeichnis russische Werke – ebenfalls aus der unten genannten Habilitationsschrift von Frank Göbler – als PDF-Datei.

 

Literatur über Aleksej K. Tolstoj

Göbler, Frank: Das Werk Aleksej Konstantinovič Tolstojs, Arbeiten und Texte zur Slavistik – 53 herausgegeben von Wolfgang Kasack, Verlag Otto Sagner München 1992 (Habilitationsschrift)

Strziga, Dorothea: Aleksej Konstantinovič Tolstoj (1817 – 1875) Geschichtliche Dichtungen und Geschichtsbild, Inaugural-Dissertation Philosophische Fakultät Johannes Gutenberg-Universität Mainz 1972
Düwel, Wolf/ Grasshoff, Helmut [Hrsg]: Geschichte der russischen Literatur von den Anfängen bis 1917 (in zwei Bänden), Aufbau-Verlag 1986

Luther, Arthur: Geschichte der Russischen Literatur, Bibliographisches Institut Leipzig 1924
Lauer, Reinhard: Geschichte der russischen Literatur – von 1700 bis zur Gegenwart, C.H. Beck Verlag 2000