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Das Erbe der Dekabristen, Teil 2

Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

So bedrückend und wirr das 19. Jahrhundert in Russland auch war, so „golden“, so ruhmreich, so glanzvoll (man könnte noch viele begeisterte Worte anfügen) war es in Literatur, Musik und Kunst. In der zweiten Hälfte kehrte sich die „Blickrichtung“ gar um: Hatte bisher das literarische Russland nach Westen geschaut, blickte jetzt der literarische (und nicht nur der literarische) Westen nach Russland. Die Übersetzungen der Werke von Puschkin, Lermontow, Gogol, Turgenjew und später von Dostojewski und Tolstoi wurden zu literarischen Ereignissen in ganz Europa. (Turgenjew lebte seit den 1860er-Jahren in Deutschland und Frankreich und hatte engen Kontakt zu Gustave Flaubert, Émile Zola, Theodor Storm, Paul Heyse, Berthold Auerbach und vielen anderen.) Nikolai Nekrassow und Anton Tschechow sind noch zu nennen.
Bei den Malern waren es u.a. Ilja Repin, Iwan Kramskoi und Wassili Perow, die Weltruhm erlangten.
Peter Tschaikowsky, Modest Mussorgski, Nikolai Rimski-Korsakow, Sergej Rachmaninow, Milij Balakirew, Alexander Borodin u.a. setzten Zeichen in der Musikgeschichte.

Bis Mitte der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stand, wie gesagt , die russische Literatur unter dem Einfluss der westlichen; und Anfang dieses Jahrhunderts ging auch hier die strenge Klassik in die gefühlvolle Romantik über. Bekannte Vertreter aus dieser Zeit sind Alexander Gribojedow (*1795, †1829) mit seiner Komödie Verstand schafft Leiden (1824) – auch er stand den Dekabristen nahe und wurde nur mit viel Glück und durch einflussreiche Fürsprache nach der Verhaftung wieder entlassen –; Wassili Schukowski (*1783, †1852), der zusätzlich einer der größten Übersetzer deutscher Klassiker und Romantiker war und später Erzieher von Alexander II. wurde; die Dekabristen Wilhelm Küchelbecker (*1796, †1846) und Alexander Bestushew (Marlinskij) (*1797, †1837) und viele andere.

Mit Alexander Puschkin (*1799, †1837) begann die Veränderung. Er befreite sich ganz bewusst vom westlichen Einfluss und begründete eine eigenständige russische Literatur. Dieser große russische Romantiker, (nicht nur in Russland) das „russische Genie“ genannt, ist bis heute die Symbolgestalt, auf die sich alle geistigen und politischen Richtungen Russlands einigen können. Die Sprache seiner Dichtung ist so typisch russisch und einzigartig, dass er noch heute zu den wenigen Weltliteraten gehört, deren Dichtung in ihrer ganzen Genialität schwer in eine andere Sprache zu übertragen ist. Im gleichen Atemzug aber muss man auch Michail Lermontow (*1814, †1841) nennen, und Nikolai Gogol (*1809, †1852), der – obwohl selbst kein Realist – für den Übergang in die nächste literarische Epoche, den russischen Realismus, steht; er ist der Vater der noch heute bestehenden russischen Groteske.

Der russische Realismus
Auch in der russischen romantischen Literatur waren die Schönheit der Natur, des Menschen, der Glaube an das Gute im Menschen, die Betonung des Gefühls und der Drang nach Harmonie die zentralen Motive. Die russische realistische Literatur hingegen übte Kritik an den politischen und sozialen Zuständen im Zarenreich. Werten und beweisen durfte der Schriftsteller schon aus sehr praktischen Erwägungen nicht, denn der Zar hätte sofort gestraft (was er ohnehin oft genug tat), doch er konnte „in Bildern“ denken und schreiben. Der maßgebliche Literaturkritiker dieser Zeit (heute spricht man in einem solchen Fall von einem „Literaturpapst“), Wissarion Belinski, hat erklärt, der Schriftsteller habe ein Vertreter der Gesellschaft, der Zeit und der Menschheit zu sein; die Aufgabe der Literatur sei die Erkenntnis gesellschaftlicher Prozesse und ihre Berufung sei die objektive Darstellung des gesellschaftlichen Alltags in Bildern, die von Wahrheit und Wirklichkeitstreue durchdrungen sind.
Diesen Ansprüchen taten die Schriftsteller des russischen Realismus mehr als nur Genüge und legten damit die Lunte an das Fass der politischen und sozialen Unzufriedenheit; und ihre Stimmen wurden immer lauter, bis die Radikalsten des sozialistischen Realismus, die Nihilisten (eine Untergruppe), offen den Terror predigten.

Solschenizyn sagt: „Voraussetzung der Literatur ist das tiefe Erleben der gesellschaftlichen Prozesse.“; und er meint mit „Literatur“ die große Literatur und setzt die „gesellschaftlichen Prozesse“ mit Erschütterungen gleich. Vielleicht ist so die große Zahl großartigster Schriftsteller in einem relativ kurzen Zeitraum russischer Geschichte zu erklären, denn an Erschütterungen war die Zeit Alexanders II., die die Zeit des russischen Realismus war, reich.

Die Epoche des Realismus gab es in Westeuropa wie in Russland. Der Unterschied war jedoch, dass sich dieser im Westen aus dem Bürgertum entwickelte – man spricht daher auch von einer „Literatur des Bürgertums“, vom „bürgerlichen Realismus“ (besonders in Deutschland) mit seinen zwangsläufig spezifischen Akzenten –, in Russland hingegen, wo es kein Bürgertum gab, aus der Schicht der Rasnotschinzen und der Intelligenzija (vgl. Das Erbe der Dekabristen, Teil 1). Dadurch erhielt er jene aggressivere, sozialkritischere Note, der Belinski in seinen Thesen Ausdruck verliehen hat.

Hatte in der Zeit der Romantik die Lyrik (Gedichte, Poeme) die Literatur bestimmt, so wurde diese im Realismus durch die Prosa verdrängt. Die Vertreter der Übergangsphase waren alle noch in der Romantik Puschkins verwurzelt und gleichzeitig schon sozialkritische Realisten. Es handelt sich neben Michail Lermontow um die noch stark an Puschkin anknüpfenden Affanasi Fet (*1820, †1892) und Apollon Majkow (*1821, †1897), den liberalen Aristokraten Graf Alexej Konstantinowitsch (nicht Lew!) Tolstoi (*1817, †1875, es gibt noch einen gleichen Namens: *1883, †1945!), den für die Literaturgeschichte sehr wichtigen Nikolai Alexejewitsch Nekrassow (*1821, †1877), der 1847 bis 1866 Verlag und Redaktion der Puschkin-Zeitschrift Sowremennik leitete (und sich viel Ärger einhandelte) und natürlich um Fjodor Tjutschew (*1803, †1873), 1822 bis 1844 russischer Gesandter am Hof der bayrischen Könige Maximilian II. und Ludwig I., von dem der berühmt gewordene Vierzeiler stammt:

„Mit dem Verstand ist Russland nicht zu begreifen
Mit gewöhnlichem Maße nicht zu messen
Es hat ein besonderes Wesen
An Russland kann man nur glauben“.

Er bekam zu seinem 200. Geburtstag im Dezember 2003 im Münchner Finanzgarten (zwischen Hofgarten und Englischem Garten) sogar ein bronzenes Denkmal.

Russlands berühmte Realisten
Nun einige aus der langen Liste der noch heute berühmten ebenso wie der vergessenen russischen Realisten, von denen einige in einem späteren Essay noch ausführlicher behandelt werden sollen:

Iwan Alexandrowitsch Gontscharow (*1812, †1891), der Autor des weltberühmten Oblomow; er war zeitweilig (bis 1867) als hoher Adliger Zensor im Auftrag der Regierung, was ihm trotz seiner Versuche, ihnen zu helfen, viel Ärger mit seinen Schriftstellerkollegen einbrachte und ihn vereinsamt sterben ließ.

Iwan Sergejewitsch Turgenjew (*1818, †1883), der oft als poetischer Realist bezeichnet wird, da er bei aller sozialkritischen Analytik doch immer wieder zarte Liebesbeziehungen zwischen Menschen und der Natur in seine Romane einwebt. Sein heute berühmtestes – und auch immer wieder neu verlegtes – Werk sind zweifelsohne Die Aufzeichnungen eines Jägers, eine als prototypisch geltende Sammlung von Erzählungen, in denen er den Bauern als Menschen und nicht als Sklaven „abbildet“ und ihm einen Gutsherren gegenüberstellt, der ihm – nicht aus persönlicher Boshaftigkeit, sondern einfach aus unguter Gewohnheit – eine menschenwürdige Behandlung versagt; dazwischen sind immer wieder wundervolle Natur- und Landschaftsbeschreibungen von lyrischer Schönheit eingestreut.
In seinen vielen Novellen frönt Turgenjew seinen Lieblingsthemen Liebe, Natur und Kunst und weicht Milieustudien und sozialer Kritik weitgehend aus. Differenzierter muss man es bei seinen Romanen sehen, zu denen Ein Adelsnest (1859), Am Vorabend (1860) und Väter und Söhne (1860) gehören, sicher sein erfolgreichster Roman. Hinzu kommen Rauch (1867, oft auch Dunst betitelt), ein Roman, der die im Ausland lebenden Russen „vorführt“ und ihm bei den Slawophilen und Heimatverbundenen viel Ärger einbrachte, und Neuland (1877), mit dem er sein Publikum wieder versöhnen wollte, was ihm jedoch nur unvollkommen gelang.

Michail Jewgrafowitsch Saltykow-Schtschedrin (*1826, †1889) – eigentlich Saltykow, den Künstlernamen Schtschedrin legte er sich selbst zu – ist der Vertreter der satirischen Variante des russischen Realismus; er nahm den satirischen Gogol auf und stand, wie auch Dostojewski, dem Petraschewski-Kreis nahe. Nach dem Erscheinen seiner ersten Erzählungen Widersprüche (1847) und Eine verwickelte Sache (1848) wurde er aus dem Kriegsministerium in die Provinz strafversetzt, nach Nikolaus‘ Tod kurzzeitig „rehabilitiert“, nur um aufgrund seiner kritischen Haltung später wieder in Ungnade zu fallen. Zwischen 1863 und 1866 gehörte er der Redaktion der Zeitschrift Sowremennik an.
Saltykow-Schtschedrin kritisierte die Zustände in der Gesellschaft mit spitzer, böser und unerbittlich satirischer Feder. Er wurde zum Lieblingsautor Stalins. Obwohl er wahrlich nichts dafür konnte – schließlich war er zu Stalins Zeiten schon lange tot –, hat ihm das im Westen geschadet. Es lohnt sich aber unbedingt, ihn wieder aus der Versenkung zu holen! Obwohl seine Satiren politisch und zeitbezogen sind, sind sie von großer Aktualität. Denn die Zeiten haben sich wohl verändert, die Menschen leider nicht.
Saltykow-Schtschedrins bedeutendste Werke sind Pompadour und Pompadourin (1863–1874), Die Herren Taschkenter (1873), Die Herren Moltschalin (1874–1878), Die Herren Golowljow (1875–1880), Moderne Idylle (1877–1883) und viele satirische Erzählungen, Novellen und Märchen.

Nikolai Semjonowitsch Leskow (*1831, †1895) schrieb auch unter dem Pseudonym Mikolaj Stebnickij. Maxim Gorki hat über sein Schaffen gesagt, er habe nicht über den Bauern, den Gutsbesitzer oder den Nihilisten geschrieben, sondern über den russischen Menschen, den Menschen seines Landes.
Von Haus aus religiös geprägt (später wurde er auch hier kritisch) hat sich Leskow zwar zeit seines Lebens mit den revolutionären Nihilisten angelegt, ist jedoch durch und durch Sozialkritiker gewesen, und so ist es eine Ironie des Schicksals, dass er gleich zu Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn als Reaktionär und Gegner des fortschrittlichen Lagers verleumdet wurde. Er hatte nämlich gefordert, die Behörden sollten den Verdacht, die schrecklichen Brände, die St. Petersburg 1862 verwüsteten, seien von revolutionären Studenten gelegt worden, entweder beweisen oder widerlegen und nicht einfach so hinnehmen. Seine Gegner bezeichneten ihn darauf als Polizeispitzel.
Zu seinen Lebzeiten wurde er mit Dostojewski und Tolstoi in einem Atemzug genannt. Sein Roman Ohne Ausweg (1864, auch Die Sackgasse), veröffentlicht unter seinem Pseudonym, ist der erste antinihilistische Roman gewesen; Ein absterbendes Geschlecht (1874/75), in dem der Niedergang eines alten russischen Fürstengeschlechts beschrieben wird, gilt als einer der besten russischen Familienromane; Die Inselbewohner (1866) ist ein wunderbarer Liebesroman.
Leskows zahlreiche Novellen sind als „Russische Novellen“ in die Literaturgeschichte eingegangen; zu seinen Erzählungen gehören Der versiegelte Engel (1873), Am Rande der Welt (1875), Der eiserne Wille (1876) und viele andere, die fast alle im Deutschen zu DDR-Zeiten erschienen und größtenteils antiquarisch erhältlich  sind.

Fjodor Michailowitsch Dostojewski (*1821–†1881) ist ganz ohne Zweifel einer der größten Schriftsteller der Weltliteratur und bedarf einer wesentlich ausführlicheren Vorstellung, als es in diesem Rahmen möglich ist. Deshalb seien hier nur die sein Leben bestimmenden Ereignisse dargestellt.

Dostojewski, Spross eines armen Adelsgeschlechts, stammte nach seinen eigenen Worten aus einer „frommen russischen Familie, in der wir das Evangelium fast von der Wiege an kannten“. In seiner Jugend führte er – natürlich auf seines Vaters Kosten – ein recht ausschweifendes (atheistisches) Leben. Während seines Studiums starb der Vater; und es schien damals, als sei er von seinen eigenen Leibeignen ermordet worden, weil er sie wegen des Geldes, das sein Sohn großzügig ausgab, ausgepresst hatte. (Heute bestehen Zweifel an dieser Version.) Dass die Leibeigenen seinetwegen ausgepresst worden waren, verursachte bei Dostojewski Schuldgefühle, die er in seinem Roman Beleidigte und Erniedrigte (1861) aufarbeitete. Auch änderte er sein Leben und aus dem ehemaligen Bonvivant wurde ein sozialer Mensch, so wie Saulus zu Paulus wurde. Er schloss sich einer Diskussionsgruppe junger Intellektueller um den jungen Sozialisten Michail Petraschewski an. 1849 wurden er und die Gruppe verhaftet. Dostojewski hatte den Brief verlesen, den der Literaturkritiker Belinski als Antwort auf Gogols Ausgewählte Stellen aus dem Briefwechsel mit Freunden an diesen geschrieben hatte und in dem er Gogol als „Prediger der Knute“ und „Lobsinger tatarischer Sitten“ verflucht; in diesem Brief griff Belinski aber auch die Religion scharf an und verlangte Gesellschaftsreformen. Der Brief war von Nikolaus I. verboten, er durfte weder verlesen, geschweige denn handschriftlich vervielfältigt werden. Die Gruppe wurde zum Tode durch Erschießen verurteilt und nach einer Scheinhinrichtung auf dem Exerzierplatz zu vier Jahren Zwangsarbeit in Sibirien mit anschließendem Militärdienst als Gemeiner in einem sibirischen Grenzbataillon „begnadigt“.
Die Scheinhinrichtung und die Zeit der Omsker Festungshaft waren die ausschlaggebenden Wendepunkte in Dostojewskis Leben. Für den Rest seines Lebens wurde er ein vorbehaltloser Christ, allerdings ein sozialistischer; von ihm ist der Ausspruch bekannt, dass Christus, würde er heute auf die Welt kommen, Sozialist wäre.
Sein letzter großer Auftritt war die Rede am 8. August 1880 anlässlich der Enthüllung des Puschkin-Denkmals in Moskau (siehe auch Alexander Sergejewitsch Puschkin, Revolutionär im goldenen Käfig). Sie stellt praktisch sein geistiges Vermächtnis dar; in ihr verleiht er seiner Vorstellung von einem Russland Ausdruck, das durch das orthodoxe Christentum und den Gemeinschaftssinn der Bauern gerettet wird: „Ein russischer, ein vollständig russischer Mensch zu werden, heißt […] ein Bruder aller Menschen zu werden, ein Allmensch.“

Dostojewski hat ein äußerst umfangreiches Lebenswerk geschaffen; es umfasst u.a. Arme Leute (1846), Der Doppelgänger (1846), Herr Prochartschin (1846), Die weißen Nächte (1848) und die Aufzeichnungen aus einem toten Hause (1860–1862), in denen er die schwere Zwangsarbeit (in Ketten gelegt) im Zuchthaus von Omsk beschreibt und damit die seit der Sowjetzeit so genannte GULAG-Literatur begründet. Ferner sind unbedingt zu nennen: Onkelchens Traum (1859); Das Dorf Stepantschikowo und seine Bewohner (1859); Schuld und Sühne (1866 als Folgeroman in der Zeitschrift Der russische Bote erschienen; auch Verbrechen und Strafe und Rodion Raskolnikow), mit dem er seinen Ruhm in der Weltliteraturbegründete; Der Idiot (1869), Die Dämonen (1871/72), Der Jüngling (1875) und Die Brüder Karamasow (1879/80), sein letzter Roman. Zu seinen Romanen Schuld und Sühne und Die Brüder Karamasow ist zu bemerken, dass sie im Grunde psychologische Kriminalromane sind.

Graf Lew Nikolajewitsch Tolstoi (*1828, †1910), wird mit Dostojewski häufig in einem Atemzug genannt; man bezeichnet sie als das Dioskurenpaar der russischen Literatur – sie sind sich jedoch nie persönlich begegnet.
Im Gegensatz zu Dostojewski stammte Tolstoi aus einer der vornehmsten und reichsten Familien des Hochadels – väterlicherseits geht die Familie auf Pjotr Tolstoi, einen engen Mitstreiter Peter des Großen zurück, die Mutter stammte aus dem Fürstengeschlecht Wolkonskij, zu dem auch der Dekabrist Fürst Sergej Grigorjewitsch Wolkonskij gehörte. Aufgrund seiner hohen Abstammung und seines Reichtums konnte er sich geistige und politische Unabhängigkeit erlauben; er war (wiederum im Gegensatz zu Dostojewski) nahezu unantastbar.
Als geistige Autorität ersten Ranges, die er in seinen letzten Jahrzehnten geworden war, nahm er zu allen kirchlichen und politischen Fragen mit äußerster Schärfe Stellung und übte fundamentale Kritik an den Auswüchsen der Zivilisation, sozialen Missständen, an Kunst und Musik. Selbst Maxim Gorki (*1868, †1936), Schriftsteller der sozialistischen Revolution, erbat sich in großer Hochachtung mehrmals seinen quasi väterlichen Rat und rechnete es sich als große Ehre an, ihn besuchen zu dürfen. (Auf Fotografien von Besuchen bei Tolstoi kann man Gorkis Ehrfurcht förmlich spüren.)

Tolstois Schaffen ist von dem Versuch geprägt, historische Prozesse zu erklären (um daraus die Lehren zu ziehen), und er stützt sich dabei auf das Volk, auf Bauern und Städter – zum hohen Adel und dem hohen Offizierstum hielt er Distanz. Schlussendlich gelangte er zu der Überzeugung, dass Literatur ein ungeeignetes Mittel sei, um die Menschen zu verändern, und dass es seine Aufgabe sein müsse, Gottes Wort zu predigen. Im Gegensatz zu Gogol, der am Ende seines Lebens zu der gleichen Überzeugung kam, es jedoch vorzog, sein Leben durch Selbstaufopferung zu beenden, rief Tolstoi eine religiöse Bewegung ins Leben, später Tolstojanertum genannt, die die Vorzugsstellung aller imperialen Elemente (Regierung, Armee, Adel und orthodoxe kirchliche Hierarchie) ablehnte, sich allein auf das Volkstum bezog und eine friedliche Zusammenarbeit aller forderte, wie sie in den Evangelien gepredigt wurde – ein fundamental-christlicher Glaube wie im Urchristentum. Das konnte nicht gut gehen; die Kirche exkommunizierte ihn und verweigerte auch ein christliches Begräbnis.
Am Ende seines Lebens wollte Tolstoi als bedürfnisloser Bauer durch das Land ziehen, floh 1910 von seinem Gut Jasnaja Poljana und starb auf der Bahnstation Astapowo.

Nicht nur Russland, die ganze Welt trauerte bei seinem Tod.

Zu den bedeutendsten Werken aus Tolstois umfassendem Oeuvre zählen Knabenjahre (1854) und Jugend (1857), die seinen literarischen Ruhm begründeten; der ursprünglich als Dekabristenroman gedachte Roman Krieg und Frieden (1868/69 als Buch); Anna Karenina (1873–1878); Die Beichte (1882); Die Kreutzersonate (1891); Auferstehung (1899) und Chadschi-Murat (1904 geschrieben, posthum 1912 veröffentlicht).

Als letzter in dieser Reihe sei Anton Pawlowitsch Tschechow (*1860, †1904) – Pseudonym in seinen schriftstellerischen Anfangsjahren: Antoscha Tschechonte – erwähnt. Er war anfangs noch von Gogol und Saltykow-Schtschedrin, auch von Puschkin – dem er von seiner Bedeutung her durchaus gleichzustellen ist – beeinflusst, entwickelte dann jedoch (wie eben Puschkin) einen völlig eigenen Stil. Erwähnt sei er hier nur, weil sein Aufstieg die Epoche des russischen Realismus beendete. Maxim Gorki schrieb ihm im ersten Monat des 20. Jahrhunderts in einem Brief:

„Wissen Sie, was Sie tun? Sie töten den Realismus. Und das wird Ihnen schon bald gelingen – bis zu seinem Tod, auf lange Zeit hinaus. Diese Form hat ihre Zeit überlebt, das ist eine Tatsache! Weiter als Sie kann niemand auf diesem Weg gehen, niemand kann so einfach und über so einfache Dinge schreiben wie Sie. Nach einer völlig belanglosen Erzählung von Ihnen erscheint alles grob und roh, nicht mit einer Feder, sondern mit einem Holzscheit geschrieben. (….) Ja, das ist es – den Realismus werden Sie erschlagen. Ich freue mich darüber. Genug davon! Zum Teufel mit ihm!“

In der Literatur beginnt mit dem Ende des Realismus die Zeit der Russischen Moderne, des Sozialistischen Realismus und der Emigrantenliteratur.

Politisch gesehen verschärfte sich die Tragödie des russischen Volkes 1881 mit dem Herrschaftsbeginn eines der reaktionärsten Zaren überhaupt, Alexander III. (*1845, †1894).

Spätestens jetzt begann die Situation aussichtslos zu werden.




Das Erbe der Dekabristen, Teil 1

Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

Der Anfang des Essays „Russische Dichter, Komponisten, Musiker und Künstler in der Emigrationlautete:
„Ohne die vielen russischen Dichter, Komponisten, Musiker und Künstler aus dem 18. und 19. Jahrhundert ist die europäische und besonders die deutsche Kultur nicht denkbar – und selbst danach, zu Beginn bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts, haben die verschiedenen Emigrantenwellen ungeheuer befruchtend auf unser Geistesleben gewirkt, – wieweit das auch für die neueren Wellen gilt, wird man erst rückblickend sagen können.
In Russland waren Politik und Literatur schon immer eng miteinander verquickt; Dichter waren weit mehr als im Westen das soziale Gewissen der Nation. Schon Puschkin, der für den Beginn der russischen Literatur steht, musste leidvolle Erfahrungen hinnehmen.“

Für keine Zeit in der Geschichte Russlands trifft das Gesagte mehr zu als für die, von der hier die Rede sein soll. Allerdings kann man ab dem Beginn des russischen Realismus nicht mehr von „romantischen“ Revolutionären sprechen. Ab diesem Zeitpunkt gab es nicht mehr den Hauch von Romantik – und wenn, dann doch immer mit einem leicht bitteren Beigeschmack.

Zu den historischen und kulturellen Entwicklungen im Europa des 19. Jahrhunderts

Mit dem Wiener Kongress 1815, nach dem Sieg über Napoleon, wurde Europa wieder bzw. neu geordnet. Die Herrscher grenzten ihre Einflussgebiete ab und festigten ihre Stellung nach außen und nach innen. Es begann die Zeit der Restauration. Doch so gut sich die Herrscher auch miteinander arrangierten und etablierten, in dieser Zeit brodelte es in ganz Europa. Jetzt standen nicht mehr die Völker gegeneinander, jetzt gärte es innerhalb der Völker. Die Ideale der französischen Revolution waren in den Menschen lebendig geblieben; hinzu kamen ethnische Konflikte, die durch Grenzziehungen und neue Herrschaftsbereiche entstanden waren; Aufstände und Revolutionen waren an der Tagesordnung und mündeten schließlich in die europaweite Revolution von 1848, die die Herrschenden jedoch relativ schadlos überstanden.

Auf die Revolution folgte die Zeit der Reaktion, in der dem Volk gemachte Zugeständnisse zurückgenommen oder im herrschaftlichen Sinn verändert wurden. Aber auch wenn sich an den Herrschaftssystemen wenig geändert hatte – spurlos geblieben waren die revolutionären Ereignisse nicht. Politische Freiheiten waren nicht vollständig wieder abzuschaffen und die Menschen verfolgten Entwicklungen auch über die Grenzen hinweg. Trotz aller Zensur und anderer restriktiver Maßnahmen konnten Zeitungen und Zeitschriften informieren; die nationalen Intellektuellen bekamen immer mehr Gewicht und die internationalen Emigranten verbreiteten ihre Gedanken.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte zudem die Industrialisierung begonnen und nahm (bei unterschiedlicher Geschwindigkeit in den einzelnen Ländern) bis Ende des Jahrhunderts immer größere Ausmaße an; eine neue Klasse entstand, mit eigenen Interessensvertretungen und den bekannten Problemen; neue Parteien entstanden und 1848 hatte Karl Marx das Kommunistische Manifest veröffentlicht, das in den folgenden Jahrzehnten an Bedeutung gewann.

Kulturgeschichtlich begann mit dem Ende des 18. Jahrhunderts – sozusagen als Antwort auf die Zeit der rationalen Aufklärung – die emotionale Romantik, die erst mit der Revolution von 1848 europaweit ein ziemlich abruptes Ende fand.
Die Romantiker erstrebten die Heilung der Welt; für sie war die Welt durch die Aufklärung in Vernunft und Gefühl gespalten worden und sollte nun wieder in Harmonie zusammengeführt werden.

Für die Literatur sind für diese Zeit zu nennen (wobei diese Liste wie auch alle nachfolgenden keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt und keine Wertung transportieren, sondern dem Leser lediglich Beispiele nahe bringen will, die ihm eine Einordnung ermöglichen): Friedrich Hölderlin, Joseph von Eichendorff, die Gebrüder Grimm, Novalis (mit seiner „blauen Blume“, die zum Symbol der gesamten Romantik wurde), E.T.A. Hoffmann, der polnische Nationaldichter Adam Mickiewicz, in Frankreich Alexandre Dumas, Victor Hugo und in England Lord Byron. Bedeutende Maler waren Caspar David Friedrich, William Blake und William Turner in England und in Frankreich Eugène Delacroix; wichtige Musiker Johannes Brahms, Franz Schubert, Robert Schumann, Carl Maria von Weber, in Frankreich Hector Berlioz und George Bizet, in Italien Nicolo Paganini sowie Frédéric Chopin aus Polen.

In Deutschland bildeten sich mit Beginn des 19. Jahrhunderts in der Literatur zwei politische Varianten der Romantik aus: das Biedermeier und der Vormärz. Das Biedermeier war insofern politisch, als es bewusst apolitisch war – es ignorierte alle politischen und gesellschaftlichen Veränderungen und flüchtete in eine selbst gemachte heile Welt. Seine Vertreter waren Franz Grillparzer, Eduard Mörike, Annette von Droste-Hülshoff und Adalbert Stifter (in frühen Jahren), aber auch die Autoren, die für Literaturkalender und Hauszeitschriften Trivial-Literatur verfassten.

Die Schriftsteller des Vormärz hingegen – Georg Büchner, Heinrich Heine, August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (von dem der Text der deutschen Nationalhymne stammt) oder Bettina von Arnim – engagierten sich politisch oppositionell. Die engagiertesten unter ihnen, das so genannte Junge Deutschland, forderten gar eine Revolution, um die gesellschaftliche Situation radikal zu ändern. Auf Beschluss des Deutschen Bundestages vom 10. Dezember 1835 wurden die Werke einiger von ihnen verboten. Heinrich Heine, der sich aus literarischen Gründen von den Radikalen distanziert hatte, gehörte ebenfalls zu den Verbotenen – er ging danach endgültig ins Exil nach Paris. Seine Literatur sollte später in Russland eine wichtige Rolle spielen; zu Sowjetzeiten rangierte er der Bedeutung noch vor Goethe.

Mit der Revolution von 1848 war der Romantik der Boden unter den Füßen weggezogen. An der harten, widerspruchsreichen Realität gab es kein Vorbeikommen mehr. Die soziale und politische Wirklichkeit war aufgrund der zunehmenden Ausbreitung von Industrialisierung und Kapitalismus mit den entsprechenden gesellschaftlichen Folgeerscheinungen eine andere geworden.

Nun, in der Epoche des Realismus, sahen es die Schriftsteller als ihre Aufgabe an, die objektiv betrachtbare Welt mit künstlerischen Mitteln zu beschreiben, und zwar ohne alles Metaphysische, ohne eigene Interpretationen oder Wunschvorstellungen, dafür aber im Glauben an eine positive Entwicklung der Menschheit. (Auf die einzelnen Unterströmungen bis hin zum Naturalismus einzugehen, würde hier zu weit führen.) Charles Darwin, Karl Marx, Ludwig Feuerbach waren die großen Namen der Zeit; in der Literatur brillierten Honoré de Balzac, Stendhal, Gustave Flaubert und Émile Zola in Frankreich, Charles Dickens, Rudyard Kipling und Mark Twain in England. In Deutschland waren es Gottfried Keller, Theodor Storm, Wilhelm Raabe, Adalbert Stifter, Theodor Fontane und Gerhart Hauptmann (Naturalismus).
So sah, in groben Zügen, Europa Mitte der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus – mit Ausnahme von Russland.

In Russland gingen die Uhren anders, nämlich: … nach.

Der russische Sonderweg
Hier waren es die durch den Krieg gegen Napoleon mit den Idealen der französischen Revolution in Berührung gekommenen, aufgeklärten, jungen Offiziere und Aristokraten, die 1825 den Aufstand gegen das System wagten, mit dem Erfolg, dass … – oder besser gesagt: erst einmal erfolglos.
Zar Nikolaus I. (*1796, †1855) begann seine Herrschaft mit der Zerschlagung dieses – fortan so genannten – Dekabristenaufstandes (vgl. das Essay Die Dekabristen – Geschichte in Dokumenten und Die Dekabristen – Die geistigen und geschichtlichen Hintergründe, die revolutionären Forderungen, die Literatur.).
Es stand für den militärisch erzogenen Nikolaus außer Frage, dass ein Aufstand gegen den Herrscher von Gottes Gnaden gnadenlos niedergeworfen werden musste; ein solcher Aufstand war eine Todsünde gegen die von Gott gewollte Ordnung. Für ihn waren weniger persönliche Gründe ausschlaggebend; das zeigt schon sein Zögern, überraschend an seines Bruder Statt die Thronfolge anzutreten. Die Entwicklungen im übrigen Europa vor Augen habend sah er im Dekabristenaufstand nicht in erster Linie einen revolutionären Umsturzversuch mit dem Ziel, in Russland eine bürgerliche Gesellschaft zu etablieren, sondern eher den Teil einer europaweiten Verschwörung, die die legitime Monarchie und die religiösen und moralischen Prinzipien vernichten wollte.
Wesentlich war für ihn auch die Erkenntnis, dass der Umsturzversuch vom Adel ausging, woraus er den Schluss zog, dass er sich auf die Aristokraten nicht verlassen könne; als Herrschaftsform kam für ihn nur eine absolutistische Autokratie (Selbstherrschaft), niemals eine Aristokratie (Herrschaft des Adels) in Frage. Er war die absolut allein entscheidende Instanz; alle anderen (Ministerien, ressortübergreifende Geheimkomitees, die „Dritte Abteilung der Höchsteigenen Kanzlei seiner Majestät“ – eine Geheimpolizei, usw.) waren lediglich Informanten, die ihm Sachverhalte vorzutragen hatten, über deren Schicksal er bestimmte. (Vor diesem Hintergrund wird auch verständlich, dass er es sich vorbehielt, die Texte Puschkins persönlich zu zensieren.)

Bei aller Rigorosität seines Herrschens akzeptierte Nikolaus I. aber auch viele Grundsätze der Aufklärung und setzte sie teilweise sogar um. Durch eine Untersuchungskommission ließ er z.B. die Ansichten der Dekabristen zusammenfassen und nahm diese Analyse der herrschenden Missstände in sein Regierungsprogramm auf; ganz persönlich nahm er den Kampf gegen Korruption auf – bei der Uraufführung des Revisors von Gogol, in der dieser Korruption und Missstände im Adelsstand anprangerte, war er (ganz im Gegensatz zum Adel) der erste, der applaudierte –, er war im Prinzip gegen die Leibeigenschaft, für Rechtsstaatlichkeit – den Reformpolitiker Michail Speranskij ließ er eine fünfzehnbändige Sammlung der [gültigen] Gesetze vorlegen –, und vieles mehr.
Aber er allein entschied, wo Aufklärung erlaubt war und wo nicht.
Diese Diskrepanz zwischen absolutistischem Führungsstil und aufgeklärter Veränderung sollte später noch ungute Früchte tragen, denn einerseits wurden die Ziele der Aufklärung insgeheim bestätigt, der Hass gegen den Zaren wuchs aber in allen und damit auch in den eigentlich staatstragenden Schichten.

Nach der Niederschlagung des Dekabristenaufstandes wurde Nikolaus I. noch ein zweites Mal seinem Ruf als unerbittlicher Autokrat gerecht. Einige Dekabristen und ihre Sympathisanten waren nach dem Aufstand nach Polen geflohen, wo die Bürger dank Zar Alexander I., Nikolaus‘ Bruder, weit mehr bürgerliche Freiheiten hatten als in Russland. Der neue Zar verlangte von der polnischen Justiz eine strenge Bestrafung dieser Umstürzler; die Justiz und die Bürger aber sympathisierten mit den Dekabristen, weil sie ihren obersten, russischen Herrscher als Unterdrücker des polnischen Volkes betrachteten, und deshalb schützten sie sie, was Nikolaus noch mehr erzürnte. 1830 verübten Angehörige einer polnischen patriotischen Gesellschaft ein Attentat auf den Vizekönig von Polen, auf den russischen Großfürsten Konstantin Pawlowitsch, den älteren Bruder von Nikolaus, der zuvor die Nachfolge als Zar abgelehnt hatte und an dessen Stelle Nikolaus Zar geworden war. Nikolaus schlug den Aufstand mit äußerster Härte nieder, entzog Polen sämtliche Sonderrechte und machte die einstige Großmacht – zum Königreich Polen gehörte im 17. Jahrhundert die heutigen Staaten Polen, Litauen, Lettland, Weißrussland, Teile Westrusslands, Estlands, Rumäniens und der größte Teil der Ukraine – praktisch zu einer Provinz Russlands.

Hatte man nach dem Sieg über Napoleon von Russland als dem „Retter Europas“ gesprochen, wurde das Land jetzt als „Gendarm Europas“ oder auch als der „gekrönte Gendarm“ bezeichnet. In dieser „Funktion“ beteiligte sich Nikolaus auch auf Bitten des österreichischen Kaisers an der Unterdrückung der ungarischen Revolution von 1848. Was das Krieg Führen zur Verbesserung oder Erhaltung der eigenen Einflussbereichs angeht, war er nicht besser oder schlechter als alle anderen damaligen Herrscher Europas.

Innerhalb des Landes herrschte Ruhe; die Opposition wurde zum Schweigen gebracht. Die letzten sieben Jahre seiner Herrschaft (von der europäischen Revolution 1848 bis zu seinem Tod 1855) bezeichnet man auch als das finstere Jahrsiebt“ in der russischen Geschichte. Nikolaus I. hatte schier panische Angst, dass die Revolution auf Russland übergreifen könnte – daher auch sein Eingreifen in Ungarn! –, und war deshalb jeglicher Kritik gegenüber abgrundtief misstrauisch.

Die rigoros durchgeführte Zensur führte zu einer Stagnation der gesellschaftlichen, aber auch der wirtschaftlichen Entwicklung, so dass das eigentlich reiche Russland im Vergleich mit den anderen europäischen Staaten immer mehr ins Hintertreffen geriet, was im Krimkrieg (1853–1856) zu einem völligen Desaster führte und den Staat fast in den Ruin trieb. Hier rächte sich auch, dass die Leibeigenschaft nach wie vor bestand, denn leibeigenen Bauern, die in einem Krieg mitgekämpft hatten, wurde bei ihrer Entlassung üblicherweise die Freiheit geschenkt. Also stürmten die Bauern zu den Fahnen und im Endeffekt hätte sich das ganze System der Leibeigenschaft selbst auf diese Weise liquidiert. Dem Staat wäre nichts anderes übrig geblieben, als ein riesiges stehendes Heer zu halten, um nicht von den Leibeigenen als Kämpfern abhängig zu sein – wollte er nicht sein eigenes System, das auf der Leibeigenschaft basierte, gefährden; die Unsummen, die für das Militär aufgebracht werden mussten, fehlten an anderer Stelle bzw. mussten brutaliter von der Bevölkerung eingetrieben werden.

Innerhalb von vierzig Jahren war aus der bedeutendsten Militärmacht, dem „Retter Europas“, erst der „Gendarm Europas“ und schließlich ein „Koloss auf tönernen Füssen“ (wie Russland im übrigen Europa inzwischen bezeichnet wurde – beides dürfte jedoch nicht ganz der Realität entsprechen) geworden.

Während des Krimkrieges starb Nikolaus I. und sein Sohn Alexander II. (*1818, †1881) folgte ihm auf den Thron. Er ging als „Befreier-Zar“ in die Geschichte ein. 1818 geboren, war er ein „Kind von 1812“ (Sieg über Napoleon), d.h., er gehörte einer Generation an, die im Geist und mit den aufgeklärten, humanistischen Ideen Europas und der Dekabristen erzogen worden war; sein Erzieher war der liberale Dichter Wassili Schukowskij, der auf seinem Landgut schon 1822 die Leibeigenschaft abgeschafft hatte. Eine der ersten Amtshandlungen Alexanders war dann auch die Begnadigung der Dekabristen (und endlich durften auch die gesammelten Werke Puschkins und Gogols erscheinen). Von den ehemals 121 Verurteilten erlebten jedoch nur noch 19 diesen lang ersehnten Zeitpunkt, unter ihnen Fürst Sergej Wolkonskij, der (selbst unerschütterlicher Monarchist) zu einem von der studentischen Jugend verehrten Symbol der demokratischen Bewegung wurde. Er war ein glühender Kämpfer für die Bauernbefreiung und für eine Landreform; wären seine Pläne verwirklicht worden, wäre Russland sehr schnell ein wirklich reiches Land geworden und seine Entwicklung hätte einen vollkommen anderen Verlauf genommen.

Es waren ganz sicher nicht nur moralische oder ideelle Gründe, die Alexander bewogen, die Aufhebung der Leibeigenschaft in Angriff zu nehmen. Er hatte erkannt, dass die längst fällige wirtschaftliche Entwicklung (eine Industrialisierung, wie sie im übrigen Europa schon seit Jahrzehnten stattfand) im bestehenden System nicht möglich war; gleichzeitig aber wusste er um deren Notwendigkeit, um einen starken Nationalstaat bilden (auch das Bestrebungen, die im übrigen Europa schon seit langem im Gange waren) und so die Rolle Russlands als Großmacht wahren zu können.

Nach langen Diskussionen über die von einer Kommission ausgearbeiteten Pläne zur Aufhebung der Leibeigenschaft unterzeichnete Alexander im Februar 1861 das Gesetz zur Bauernbefreiung; über 500 Bauernaufstände hatten seit dem Krimkrieg bis zu diesem Zeitpunkt stattgefunden. Da die ursprünglich stringenten Pläne jedoch verwässert wurden, trat nicht die erhoffte Ruhe ein. Alexander beließ es aber nicht bei dieser einen Reform; reformiert wurden außerdem das Gerichtswesen, die territoriale Verwaltung, die Wehrpflicht, die Volksbildung und die Presse.
Die Reformen und Lockerungen (man sprach von „Tauwetter“) riefen aber noch immer nicht – wie man erwarten könnte – Dankbarkeit und Wohlverhalten hervor, im Gegenteil: separatistische und extremistische Kreise sahen ihre Stunde gekommen.

1863 erhoben sich die Polen erneut, wurden erneut niedergemacht und weitgehend russifiziert (noch kein Herrscher – und besonders kein russischer – hat je Spaß verstanden, wenn es „ans Eingemachte“ ging) – mit dem Erfolg, dass Alexanders Reformeifer gedämpft wurde.
Und nach einem Attentatsversuch im Jahr 1866 wurde auch sein Verhalten gegenüber radikalen Denkern erheblich repressiver, was zur Folge hatte, dass eine Gruppe dieser „Intelligenzler“ ihren „Gang ins Volk“ begann: Sie „verkleideten“ sich als Bauern und versuchten, die Bauern aufzuwiegeln und zum Terror anzustiften. Der Versuch scheiterte kläglich, denn die Intelligenzler waren den Bauern von ihrem ganzen Wesen her fremd und auch ihre Reden wurden nicht verstanden. Noch Gorki machte sich 40 Jahre später über diese Gruppe der Sozialrevolutionäre, die „Narodniki“ (Volkstümler), lustig.

Auf keinen Zaren vor und nach Alexander II. wurden paradoxerweise so viele Attentatsversuche verübt wie auf ihn – und das letzte Attentat „glückte“: Am 1. jul. / 13.greg. März 1881 wurde er von der Terroristengruppe Narodnaja wolja (Volksfreiheit) – eine Untergruppe der oben genannten Sozialrevolutionäre, in die Luft gesprengt, als er in seiner Kutsche die Uferstraße am Gribojedow-Kanal in St. Petersburg entlang fuhr. Eine erste Bombe landete neben seiner gepanzerten Kutsche mitten unter seinen Kosaken; er stieg aus, um zu den Verletzten zu eilen, und wurde von einer zweiten Bombe tödlich verletzt. (Am Ort dieses Attentats hat sein Sohn Alexander III. die Auferstehungskirche bauen lassen, die in ihrem Aussehen sehr stark der Basilius-Kathedrale am Roten Platz in Moskau ähnelt.)

Ironie der Geschichte: Noch am Morgen hatte Alexander II die Bildung eines Ausschusses angeordnet, der die Mitwirkung der öffentlichen Meinung an der Gesetzgebung einführen und festschreiben sollte – ein wichtiger Schritt in Richtung Demokratisierung, der nach seinem Tod von Reformgegnern verhindert wurde.

Die Herausbildung der kritischen Öffentlichkeit
Zu Nikolaus‘ Zeiten gab es in Russland noch keine Öffentlichkeit; Literatur und Presse standen unter strengster Kontrolle des Herrschers. Schriftsteller ereilte unter seiner Herrschaft mitunter ein grausames Schicksal: Der Dekabrist Wilhelm Küchelbecker verbrachte an Händen und Füßen gefesselt zehn Jahre in Festungshaft und wurde – obschon erblindet – danach nach Sibirien verbannt; der Dekabrist Gardeoffizier Alexander Bestushew (Marlinskij) wurde nach Sibirien verbannt und danach als einfacher Soldat in den Kaukasus versetzt; Alexander Puschkin wurde vom Zaren persönlich zensiert; Michail Lermontow landete in der Verbannung; der Philosoph Pjotr Tschaadajew wurde für verrückt erklärt und unter Hausarrest gestellt; Fjodor Dostojewski wurde als Mitglied des Petraschewski-Kreises verhaftet, zum Tode verurteilt und erst in letzter Sekunde – schon an der Hinrichtungsstätte – begnadigt (eine bewusste Scheinhinrichtung) und für vier Jahre nach Sibirien zur Zwangsarbeit verbannt. Allein Gogol gelang es, sich durch die Zensur zu lavieren.

Mitnichten war es jedoch so, dass das literarische Leben – und damit das sozialkritische Denken – unterbunden wurde. Ungewollt hatte Nikolaus mit der Vernichtung der Dekabristen die Entwicklung eines besonderen Standes gefördert, der das ganze weitere soziale und politische Leben Russlands über die beiden Revolutionen 1905 und 1917, in der gesamten Sowjetzeit und bis heute bestimmen sollte: Die Intelligenzija, eine für Russland typische und auch nur hier vorhandene Gesellschaftsschicht, die auch gegen die politisch Mächtigen die Meinung im Volk beeinflusst und zumindest zeitweise das Gewissen des Volkes verkörperte.

Bei den vielen Sympathisanten der Dekabristen, die – man muss es immer wieder betonen – Adelige waren, verschwand zwar die aristokratische Vision von einer bürgerlichen Gesellschaft, sie kehrten jedoch nicht zu den alten aristokratischen Vorstellungen zurück, sondern suchten und fanden Gleichgesinnte in anderen Ständen – eine Entwicklung, die im Dienststaat Peters des Großen, in dem Besitz, Rang und damit auch Einfluss und Ansehen streng miteinander verbunden und reglementiert waren, nicht möglich gewesen wäre. Stieg (bzw. fiel) damals jemand aufgrund von Leistung in der offiziell so genannten „Rangtabelle“, so war damit Hinzugewinn (bzw. Verlust) von Besitz und Ansehen verbunden. Jeder war fest in seine „Klasse“ eingebunden. Jetzt aber verarmte einerseits der Adel durch Misswirtschaft und Verschwendungssucht und andererseits hatten Kaufleute und sogar Bauern (ja, teilweise sogar freigelassene Leibeigene) großen wirtschaftlichen Erfolg; erstere mussten sich „eine Arbeit suchen“, die nur auf kulturellem Gebiet liegen konnte (denn sie konnten nichts anderes), wohingegen die zweite Gruppe bestrebt war, ihr durch Besitz erworbenes Ansehen durch kulturelles Wissen zu festigen. Viele waren also aus ihrer eigentlichen sozialen Kategorie herausgefallen, ohne in eine andere aufgenommen zu werden, und hatten Zuflucht bei Bildung und Kultur gesucht. Sie wurden zunächst Rasnotschinzen (dt. Leute verschiedener Ränge) genannt, doch nachdem sie langsam immer mehr sozialkritisches Bewusstsein entwickelten, entstand die Bezeichnung „Intelligenzija“, die bis heute für eine Gruppe von Menschen mit Wissen, Ethik und sozialer Verantwortung steht. Das soziale Verantwortungsbewusstsein hat zu allen Zeiten (bis heute) dazu geführt, das die Intelligenzija nicht immer bequem für die jeweils Regierenden war und ist.
Schriftsteller haben schon immer dazu gehört, aber nicht sie allein, fast alle politisch relevanten Gruppen und später Parteien entwickelten sich aus dieser Schicht.
Gefährlich für das Zarenreich sollte eine Untergruppe werden, die radikalen Sozialkritiker und späteren Sozialrevolutionäre, die terroristische Gruppen bildeten und Anschläge wie jenen auf Alexander II. verübten. Sie führten Russland in die beiden Revolutionen von 1905 und 1917.

Letztlich hat Nikolaus I., der erbitterte Verfechter des Zarentums von Gottes Gnaden, langfristig gerade durch die brutale Unterdrückung jeglicher Kritik den Untergang eben dieses Zarentums eingeläutet. Denn bei aller Kontrolle gab es unter Nikolaus I. zwei „Schlupflöcher“ für Oppositionelle. Nicht verhindern ließen sich nämlich „private“ Treffen Gleichgesinnter wie etwa Literaturzirkel. Der Gefährlichkeit dieser Zusammenkünfte war sich Nikolaus durchaus bewusst, waren doch die Vorbereitungen zum Dekabristenaufstand in eben solchen Geheimbünden gelaufen. Sie waren jedoch kaum zu kontrollieren, denn sie waren klein und die Teilnehmer achteten strengstens auf ihre persönlichen, ja freundschaftlichen Beziehungen (was Denunzierungen zwar selten machte, aber nicht ausschloss). Aus diesen Zirkeln sollten dann – als das Leben unter Alexander II. freier wurde – sehr schnell größere oppositionelle Gruppen erwachsen.
Ein zweites waren die Zeitschriften. Schon Puschkin gründete beispielsweise die Sowremennik, in der Gedichte, Dramen und Romane (in Fortsetzungen), aber auch kritische Beiträge zu Gesellschaft und Politik und vor allem auch Literaturbesprechungen abgedruckt wurden; diese sollten noch einen erheblichen Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung bekommen. Zu nennen ist hier Wissarion Belinski (*1811, †1848), der sogar noch ungewollt Einfluss auf die sowjetische Literatur hatte. Man unterschied damals zwischen „dünnen“ Zeitungen, die mehr oder weniger fast täglich erschienen, und „dicken“ Zeitschriften, die in größeren Abständen erschienen. Aus welchen Gründen auch immer: Die dünnen Zeitungen unterlagen meist im Vorhinein einer strengen Zensur (wahrscheinlich weil man sie für politisch aktueller und aggressiver hielt), die dicken Zeitschriften wurden sporadischer und im Nachhinein kontrolliert; wenn es bei letzteren also Beanstandungen gab, konnte es zwar Strafen geben, veröffentlicht jedoch war das Beanstandete schon. Viele berühmte Romane wurden (noch bis in die sowjetische Zeit hinein) zuerst in Zeitschriften veröffentlicht. Dadurch umging man bis zu einem gewissen Grad die Zensur, die bei der Veröffentlichung in Buchform garantiert und streng war.
Ganz wichtige Personen (wenn nicht die wichtigsten) waren hier Alexander Herzen (Alexandr Gerzen) (*1812, †1870) und sein Freund und Mitarbeiter Nikolaj Ogarjow (*1813, †1877). Herzen stammte aus einer reichen Gutsbesitzerfamile, gehörte von seiner Einstellung her zu den Westlern (also jenen, die ihr Vorbild in Westeuropa sehen) und war ein aufgeklärter, kosmopolitischer, humanistisch gesinnter russischer Aristokrat. Nach der Hinrichtung der Dekabristen, vierzehnjährig, stand er mit seinem Freund auf den Hügeln bei Moskau (den Sperlingsbergen) und schwor, die Hingerichteten zu rächen, weiter in ihrem Sinn zu kämpfen und notfalls dafür sein Leben zu opfern. In den schon oben erwähnten Zirkeln stritt er heftig für die deutschen und französischen Sozialisten; zweimal wurde er von Nikolaus I. verbannt, erwischte jedoch immer ein relativ sicheres Provinzpöstchen und emigrierte 1847 schließlich über Frankreich und Italien nach England. Mit dem Tod seines Vaters hatte er ein großes Vermögen geerbt, auf das er auch im Ausland zurückgreifen konnte.

Herzen ist aus mehreren Gründen eine eminent wichtige Persönlichkeit in der politischen und kulturellen Geschichte Russlands: Mit seinem Roman Wer ist schuld? (1847) und seinen Memoiren Erlebtes und Erdachtes (1854 – 1870) hatte er großen Einfluss auf alle Schriftsteller seiner Zeit.
Er stand am Anfang eines gemäßigten russischen Sozialismus – im Gegensatz zum Radikalsozialisten und „Anarchisten“ Michail Bakunin (*1814, †1876), der in mitreißenden Worten eine russische Revolution von welthistorischer Bedeutung forderte. Herzen war der Vorreiter der bis in unsere Zeiten Bestand habenden russischen Emigration und begründete den Tamisdat (der damals natürlich nicht so hieß), indem er Literatur und politische Veröffentlichungen, die in Russland (wie später in der Sowjetunion) nicht erscheinen durften, im Ausland (in seinem Fall in England) drucken und nach Russland schmuggeln ließ.

Westler und Slawophile
Eine weitere, oben bereits angedeutete Entwicklung begann zu dieser Zeit und sollte für Russland literarisch, vor allem aber sozial und politisch anhaltend große Bedeutung haben: Die Spaltung der Gesellschaft in „Westler“ und „Slawophile“. Wohlgemerkt: Das sind keine literarischen Stile oder gar Epochen, es sind zwei Lebensanschauungen, die die gesamte – und vor allem die politisch aktive – Gesellschaft bis heute teilen.
Schriftsteller – das soziale Gewissen des Volkes – zählten in Russland schon immer zu den politisch Aktivsten; so ist es nicht verwunderlich, dass auch sie, über alle literarischen Epochen hinweg, dem einen oder anderen Lager „zugeordnet“ werden, wenngleich das russische Leben für die einen wie die anderen das Sujet ihres Schreibens ist.

Für die so genannten Westler hatte der Westen Vorbildfunktion. Sie bildeten natürlich keine homogene Gruppe: Ein Teil von ihnen (vor allem im 18. Jahrhundert, nach Peter dem Großen) wollte Sitten und Überzeugungen schlicht kopieren; von diesem ist hier nicht die Rede, denn er ist heute praktisch „ausgestorben“ (erlebte jedoch Mitte der 1990er Jahre unter Boris Jelzin eine Renaissance). Der andere, heute (und seit dem 19. Jahrhundert) überwiegende Teil der Westler trat dafür ein, Ideen sowie geistige und materielle Errungenschaften des Westens aufzugreifen, spezifisch russisch umzuwandeln und dann zu integrieren.
Eine genaue Einordnung der Personen ist manchmal schwierig; viele haben im Laufe ihres Lebens ihre Einstellungen geändert, manchmal bis hin zur Slawophilie. Ganz sicher sind – im hier besprochenen Zeitraum – die Dekabristen den Westlern zuzuordnen, dann der Philosoph Pjotr Tschaadajew (*1794, †1856), Wassili Schukowski (*1783, †1852), Alexander Herzen, der Schriftsteller und Diplomat Fjodor Tjutschew (*1803, †1873, 1822–1844 russischer Gesandter in München), der Literaturkritiker Wissarion Belinski und Nikolai Tschernyschewski (*1828, †1889), und auch der von seinem Erscheinungsbild und wegen seiner Beschreibungen des russischen Lebens schon fast als Prototyp eines Russen geltende Lew Tolstoi war (selbst wenn es auf den ersten Blick befremdlich erscheint) ein Westler – Rousseau, Voltaire, Kant und Schopenhauer galt sein erstes Interesse und sein heute wohl berühmtestes Werk Krieg und Frieden war ursprünglich als Dekabristenroman konzipiert.
Als einer der bekanntesten Westler im 20. Jahrhundert sei hier der Nobelpreisträger (1958) Boris Leonidowitsch Pasternak (*1890, †1960) erwähnt.

Die Slawophilen blicken zurück in die eigene Geschichte vor Peter dem Großen, das Moskowitertum; die Ideale dieser Zeit und die Sitten und Gebräuche des Volkes von damals sind ihr Ausgangspunkt. Ihr Ziel ist ein Nationalstaat, basierend auf einer starken weltlichen Macht, auf dem typisch russischen Volkstum und dem russisch-orthodoxen Patriarchat.
Der berühmteste und radikalste unter den Slawophilen war Konstantin Aksakow (*1817, †1860).
Der slawophile Volkskundler Pjotr Kirejewski (*1806, †1856) hat die Unterschiede zwischen Westlertum und Slawophilentum in seinem Traktat Russland und Europa (1852) – sicherlich überspitzt, aber klar – auf den Punkt gebracht. Seine Thesen sind durchaus kritisierbar und teilweise durch die Geschichte widerlegt; gleichzeitig aber sind sie überaus wichtig, weil sie in der Geschichte Russlands eine zentrale Rolle spielen und die in ihnen zu Grunde liegende Einstellung im heutigen Russland wieder eine zunehmend bedeutende Rolle spielt. Sie seien hier deshalb – ohne ihre Richtigkeit zu untersuchen – vollständig wiedergegeben:

1. Die Wissenschaft Europas, einschließlich der Theologie, wird einseitig durch das abstrakt-rationale Prinzip bestimmt – in Russland besteht eine ganzheitliche Weltanschauung.
2. Der logische Charakter des europäischen Weltbildes ist in eine Krise geraten; Philosophen wie Schelling suchen schon nach einem höheren Prinzip – dieses höhere Prinzip ist im russischen Volk und in der orthodoxen Kirche immer lebendig geblieben.
3. Die sozial-politische Ordnung Europas beruht auf der Trennung und der Feindschaft der verschiedenen Stände – in Russland besteht „die einstimmige Gesamtheit des ganzen Volkes“.
4. Gewaltsame Revolutionen zur Verbesserung der Lebensqualität im Westen – Reformen aus dem natürlichen Wachstum heraus bei den Russen.
5. Der abendländische Mensch ist von Luxus und Künstlichkeit, von Egozentrik, von verzärtelten Träumereien, selbstbewusstem Stolz und geistiger Unruhe geprägt – der russische Mensch hingegen von der Einfachheit der Lebensweise, Familien- und Gemeinschaftssinn, gesunden Geisteskräften, Demut und tiefer Ruhe und Stille.
Wie gesagt, über diese Thesen kann man streiten, sie hatten jedoch (und haben heute wieder) großen Einfluss auf die russische Gesellschaft.

Slawophile Schriftsteller aus der besprochenen Zeit waren u.a. Nikolai Wassiljewitsch Gogol (*1809, †1852) und Fjodor Michailowitsch Dostojewski (*1821, †1881).
Im 20. Jahrhundert ist der kürzlich verstorbene Nobelpreisträger von 1970, Alexander Issajewitsch Solschenizyn (*1918, †2008) zu nennen.




Michail Jurjewitsch Lermontow – Offizier, Dichter und soziales Gewissen

Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

Der Tod des Dichters (Februar 1837)
Der Dichter fiel! …. Als Sklave der Ehre
ist er gefallen, verleumdet vom Gerücht,
mit Blei in der Brust und dem Durst nach Rache,
beugend sein stolzes Haupt! …
Die Seele des Dichters hatte
die Schmach kleinlicher Kränkungen nicht mehr ertragen,
er hatte sich erhoben gegen die Meinungen der Gesellschaft,
allein wie schon immer… und er wurde getötet!
Getötet … wozu jetzt das Weinen,
der unnütze Chor leerer Lobeshymnen
und das klägliche Gestammel der Rechtfertigung?
Das Urteil des Schicksals wurde vollstreckt!
Habt ihr nicht eben noch auf infame Weise
seine freie, kühne Begabung gejagt
und den kaum verborgenen Brand
zum Spaß angefacht?
Nun, so vergnügt euch denn … er vermochte die letzten
Peinigungen nicht zu ertragen:
Einer Fackel gleich erloschen ist der herrliche Genius,
verwelkt ist der triumphale Kranz.

Kaltblütig hat sein Mörder
den Schlag geführt … eine Rettung gab es nicht:
Gleichmäßig schlägt das leere Herz,
die Pistole zittert nicht in der Hand.
Und was ist daran auch so erstaunlich? … aus der Ferne,
Hunderten anderen Flüchtlingen gleich,
wurde er auf der Jagd nach Glück und Karriere
nach dem Willen des Schicksals zu uns verschlagen,
lächelnd verachtete er frech
Sprache und Sitte des fremden Landes,
konnte ihn, der unser Ruhm war, nicht verschonen;
vermochte in jenem blutigen Augenblick nicht zu begreifen,
wogegen er seine Hand erhob!

Und er wurde getötet –  und aufgenommen vom Grab,
wie jener unbekannte, doch liebenswürdige Sänger,
eine Beute gefühlloser Eifersucht,
besungen von ihm mit so wunderbarer Kraft,
von einer erbarmungslosen Hand gefällt, wie auch er.

Warum nur trat er aus den friedlichen Wonnen und der aufrichtigen Freundschaft
ein in diese neidische Welt, so bedrückend
für ein freies Herz und feurige Leidenschaften?
Warum reichte er nichtswürdigen Verleumdern die Hand,
warum schenkte er lügnerischen Worten und Schmeicheleien Glauben,
er, der doch von jungen Jahren an die Menschen durchschaut hatte?

Und sie nahmen ihm den einstigen Kranz – eine Dornenkrone,
mit Lorbeer umwunden, setzten sie ihm auf:
Doch verborgene Nadeln verletzten
roh seine ruhmreiche Stirn;
vergiftet wurden seine letzten Augenblicke
durch das hinterhältige Geflüster höhnischer Ignoranten,
und er starb mit dem vergeblichen Durst nach Rache,
mit dem geheimen Verdruss betrogener Hoffnungen.
Verstummt sind die Klänge seiner wunderbaren Lieder,
sie werden nie mehr erklingen: Düster und eng ist die Heimstatt des Sängers,
und auf seinen Lippen liegt ein Siegel.

Ihr aber, ihr hochmütigen Nachkommen
eurer für ihre notorische Schurkerei berühmten Väter,
die ihr mit sklavischem Fuß jene erledigt habt,
die von den durch die Laune des Schicksals gekränkten Geschlechtern übriggeblieben waren!
Ihr, die ihr am Thron steht als gierige Schar,
Henker von Freiheit, Genie und Ruhm!
Ihr verbergt euch hinter dem schützenden Gesetz,
vor euch müssen Gericht und Wahrheit, muss alles schweigen …
Doch gibt es ein göttliches Gericht, ihr Lieblinge des Lasters!
Es gibt ein furchteinflößendes Gericht: Es erwartet euch;
das wird nicht weich beim Klang des Goldes,
und die Gedanken und Taten kennt es im voraus.
Vergebens werdet ihr dann eure Zuflucht bei der Verleumdung suchen:
Noch einmal wird sie euch nicht helfen,
und mit all eurem schwarzen Blut werdet ihr nicht fortwaschen
das gerechte Blut des Dichters!

Dieser Aufschrei und zugleich wütende Anklage war des zweiundzwanzigjährigen Offiziers und Dichters Michail Lermontow Antwort auf Puschkins Tod in einem hinterhältigen Duell.
[Das Gedicht ist entnommen: Michael Lermontow, Gedichte, Russisch/Deutsch Übersetzt von Kay Borowsky und Rudolf Pollach. Reclams Universalbibliothek, 2000 Philipp Reclam jun., Stuttgart (mit kleinen Änderungen, hmw)]

Lermontow lag während der drei Tage, die Puschkin nach dem Duell mit dem Tode rang, krank zuhause und bekam von Freunden, seinem Arzt und Bekannten die Reaktionen einerseits der höfischen Gesellschaft und andererseits der progressiven Intellektuellen berichtet. Erstere sprachen voller Genugtuung, Hohn und Freude über Puschkins Tod, Letztere waren sprachlos vor Ohnmacht ob der Dreistigkeit dieses Mordes – denn die Falle und die Hinterhältigkeit dieses Duells kamen einem Mord gleich. Puschkin war die große literarische (und damit auch soziale) Hoffnung der Menschen gewesen.
Noch vor Puschkins Beerdigung wurde »Der Tod des Dichters« zu Zehntausenden – wie damals üblich – abgeschrieben und verbreitet.

Nachdem Lermontow in seinem Gedicht den Tod des Dichters beklagt und seinen Mörder verurteilt hat, macht er in den letzten sechzehn Zeilen des Gedichts etwas Ungeheuerliches: Er verurteilt die höfische Gesellschaft in nie da gewesenen scharfen Worten und klagt sie des Mordes, des Rechtsbruches, der Verleumdung und der Korruption an. Eine Ungeheuerlichkeit ohnegleichen.
Zar Nikolaus I. reagierte entsprechend: er schrieb auf den Bericht des allmächtigen Chefs der Geheimpolizei Graf Benckendorff (eben der, der Puschkins Tod betrieben hatte) über den verbrecherischen Freigeist Lermontow, man solle ihn auf seinen Geisteszustand untersuchen lassen. (Wenige Monate zuvor war schon der Philosoph Pjotr Tschaadajew für geistesgestört erklärt worden – eine Methode, die von den Sowjetherrschern effektiviert wurde.)
Lermontow wurde „nur“ zur kämpfenden Truppe in den Kaukasus strafversetzt – ein Glücksfall für die Literatur, wie sich dann noch herausstellen sollte, denn er wurde zum ersten Dichter, dessen Sujet nicht die russische Weite und Unendlichkeit, sondern die malerische, fremde, raue und zugleich schöne Gebirgswelt war. Er war übrigens auch – leider zu wenig beachtet – Maler dieser Landschaft.

Michail Jurjewitsch Lermontow kam am 3. Oktoberjul. / 15. Oktobergreg. 1814 in Moskau zur Welt. Sein Vater war Hauptman i.R. des mittleren Adels, seine Mutter entstammte dem Hochadel. Nach dem frühen Tod seiner Mutter wuchs er bei seiner Großmutter mütterlicherseits, Jelisaweta Arsenjewa, auf, die für seine Ausbildung auf höchstem Niveau sorgte.
Schon mit vierzehn Jahren begann er Gedichte zu schreiben, die – obzwar jugendlich – schon von einer gewissen Reife zeugen. 1830 bis 1832 studierte er in Moskau; mit ihm studierte Belinski, der spätere Philosoph und Kritiker Stankewitsch, der Schriftsteller Gontscharow, Herzen und Orgajow.  Mit dem regelmäßigen Vorlesungsbetrieb konnte er sich nicht anfreunden und beendete seine Studienlaufbahn mit den „consilium abeundi“ (Rat, die Universität zu verlassen). Bis 1834 waren seine „schrecklichen Jahre“ (wie er sie nannte) in der Petersburger Gardeschule, die er als Kornett (Unterleutnant) verließ. Bis zu seiner Strafversetzung 1837 in den Kaukasus lebte er das sorglose Leben eines Offiziers der Garde in St. Petersburg und dichtete (auch weniger Gehaltvolles). 1838 durfte er nach St. Petersburg zurückkehren, aber schon 1840 wurde er erneut auf allerhöchsten Befehl Zar Nikolaus‘ in den Kaukasus strafversetzt. Er hatte sich durch das überhebliche Auftreten des Sohnes des französischen Botschafters provoziert gefühlt und duelliert, zwar folgenlos – der Franzose schoss daneben, er in die Luft –, es wurde jedoch entdeckt. Seine Abneigung gegen ausländische Karrieremacher und Diplomaten, die sich für etwas Besseres hielten, hat er schon in »Der Tod des Dichters« zum Ausdruck gebracht.
Im Juli 1841 kam es zu einem Streit mit N. Martynow. In diesem zweiten Duell am 27. Juli starb Michail Lermontow in Pjatigorsk.

Wie schon bei Puschkins Duelltod gibt es auch hier einige Ungereimtheiten: Es war weder – wie üblich – ein Arzt, auch keine Kutsche vorhanden und Graf Benckendorff verfolgte Lermontow heftiger als der Zar selbst; andere sprechen von Lermontows aufbrausenden Temperament. Nachfahren von Martynow – die ihn verehren und auch bei der Feier des 190. Geburtstages Lermontows anwesend waren – sagen bis heute, Lermontow habe einen Brief, den er Martynow überbringen sollte, geöffnet und in der vornehmen Gesellschaft ausgeplaudert; das Duell sei eine Frage der Ehre gewesen.
Nun, wie auch immer, der »dritte russische Dichter«, der »Nachfolger Puschkins« war tot.

Hier sind zwei wichtige Stichworte zu Lermontow (und Puschkin) gefallen.
»Nachfolger Puschkins«:

Lermontows rhetorischer und aufrüttelnder Stil war ohne Zweifel an Puschkins Sprache und seinen Bildern geschult; er war wie Puschkin der Auffassung, dass es die Aufgabe des Dichters sei, historische Wahrheiten auszusprechen auch gegen die »Meinungen der Welt« und deren Herrscher – heute nennen wir es »entgegen dem Mainstream« –, selbst wenn sie ihn »böse jagen«. Die Freiheit des Wortes und die »Welt« waren für ihn unversöhnliche Gegner.
Sein Leben wies außerdem auffallende Parallelen zu Puschkins Leben auf, den er jedoch nie getroffen hat.

Der »dritte russische Dichter«:

Gemeint ist: nach Puschkin und Gogol. Auf den ersten Blick unverständlich, denn schon im 18. Jahrhundert gab es Schriftsteller und Dichter in Russland wie Antioch Dmitrjewitsch Kantemir, Wassilij Kirillowitsch Tredjakowskij, Michail Wassiljewitsch Lomonossow (Gründer der Moskauer Universität), Alexander Petrowitsch Sumarokow, um nur einige zu nennen. Vor Puschkin lehnte sich jedoch die Literatur in Russland ganz stark an die westeuropäische Literatur an – man kann sogar besser sagen: sie ahmte sie nach, meist war sie noch nicht einmal in Russisch geschrieben. Die Themen, die Handlung, die Problematik, das Genre und der Stil wurden von westeuropäischen Dichtern übernommen und ohne eigene Fortentwicklung auf Russland übertragen. Puschkin, Gogol und Lermontow waren natürlich auch von westlichen Schriftstellern beeinflusst (was in der ganzen Literatur in alle Richtungen normal ist), sie haben jedoch erstmals diese weiterentwickelt, etwas typisch Russisches mit russischen Charakteren und russischer Problematik daraus gemacht, sie haben die Literatur per se verändert und nun zum ersten Mal andere (westeuropäische) Schriftsteller beeinflusst.

Als Beispiel kann Lermontows bekanntestes Prosawerk »Ein Held unserer Zeit« gelten.
Fraglos ist Lermontow hier – wie in vielem – von dem englischen Spätromantiker George Gordon Byron, 6. Baron Byron of Rochdale, genannt Lord Byron, beeinflusst. Dieser schuf die archetypische Figur, den »Byronschen Helden«, einen Egoisten, dem es nur um die Befriedigung eigener Bedürfnisse ohne Rücksichtnahme auf ethische, moralische und gesellschaftliche Grundsätze oder Auswirkungen geht – ein negativer, ein schwarzer Held (schwarze Romantik).

Der Held Lermontows, Petschorin, ist im Grunde ein solcher Byronscher Held; dieser jedoch geht einen Schritt weiter, er reflektiert, er erkennt sein egoistisches Handeln, er ist eigentlich zwei Personen in einer: eine, die handelt, und eine, die sich dabei betrachtet; moralische Skrupel kennt er nicht, aber er stellt sich – ohne sie zu beantworten – die Grundfrage menschlichen Seins „wozu habe ich gelebt“.

Auch im Aufbau des Romans geht Lermontow weiter: Er zeigt seinen Helden aus der Sicht verschiedener Personen, indem er verschiedene – eigentlich selbständige – Episoden zu einem Ganzen verwebt und darin zusätzlich den Helden selbst in seinem Tagebuch zu Wort kommen lässt.
Letztlich ist der Roman der Übergang zu dem später entstandenen Genre „Psychologischer Roman“.

Über die wichtigen literarischen Betrachtungen hinaus ist »Der Held unserer Zeit« ein spannend zu lesender Roman, frisch und aktuell wie bei seinem Erscheinen 1840.

Gedichte:

Sahst Wandrer du am Wasser nah der Berge Hang (Die Schalmei)
Ich bitt dich, lieber Peterson (An P…)
Mit seinem Leben unzufrieden (Romanze)
Es ist ein Glück, ein Nichts zu sein auf Erden! (Ein Monolog)
Ich war noch ein Kind, als ich von euch schied (Mein Kaukasus)
Weil meine Worte dumpf und traurig klingen (An ***)
Vor einer Klosterpforte stand (Der Bettler)
Wir trinken aus dem Kelch des Seins (Der Kelch des Lebens)
Klarer, nächtlicher Himmel (Der Himmel und die Sterne)
Um Mitternacht flog, flog am Himmel entlang (Der Engel)
Ein klagendes Glöckchen (Lied)
Den Dichter mögen schuldig sprechen
Komm zu mir, schöner Knabe, ach, du mußt
Einst zählt ich an Küssen die Zeit
Ich möchte leben! Möchte leiden
Öffnet mir die Kerkermauern (Verlangen)
Wo Meer und Himmel sich vereinen (Das Segel)
Und Russalka schwamm durch den blauen Fluss (Russalka)
Himmlischer Zar! (Gebet eines Junkers)
Der Dichter fiel! – Von Schurken wähnte (Der Tod des Dichters)
Könnt ich fliehn aus dieser Zelle (Der Gefangene)
Wenn das Getreide reifend wogt am Waldessaume
O Muttergottes, als Betender stehe ich (Gebet)
Wir trennten uns, doch dein Porträt
Ich will nicht, dass die Welt ihn liest
Ich liebe dich, mein Dolch – mein Damaszener (Der Dolch)
Hör deine Stimme ich
Es strahlt der Blick in deinem Auge
Sie singt – die Laute, sie zergehen
Dem neugebornen Sohn entgegen
Wenn mir das Herz voll Trauer ist (Ein Gebet)
Schlafe, schlaf mein schönes Kindchen (Kosakisches Wiegenlied)
Und einsam und traurig, und niemand steht helfend bereit
Worte, die nichtig
Ich bin traurig, weil ich dich liebe (Warum)
Durch Jugendträume, die in der Erinnrung leben (Einem Kinde)
Wolken, ihr schweifenden, niemals verweilenden (Wolken)
Ich liebe dieses Land, doch mit besondrer Liebe! (Das Vaterland)
Der kalten Erde schwere Schollen (Des Toten Liebe)
Schlief ein goldnes Wölkchen unter Sternen (Der Felsen)
In Daghestan, im Brand der Mittagsstunde (Ein Traum)
Wo der Terek mit Brausen und Toben (Tamara)
Es ward einst ein Blatt (Das Blatt)
Badet der Königssohn sein Ross im Meer (Des Meerkönigs Tochter)
Seit der Allmächtige in mich (Der Prophet)

Prosa:

Wadim
Das Panorama Moskaus
Die Fürstin Ligowskaja
Kerib der Spielmann
Ein Held unserer Zeit
Der Kaukasier

Dramatik:
Maskerade

Gesamtausgaben:
Michail Lermontow, Gedichte und Poeme, Rütten & Loening Berlin 1987
Michail Lermontow, Prosa und Dramatik, Rütten & Loening Berlin 1987




Die Dekabristen – Revolutionäre für Russland Teil II

Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

Die geistigen und geschichtlichen Hintergründe des Dekabristenaufstandes, ihre revolutionären Forderungen und die Literatur.

Wenn man über Revolutionäre für Russland spricht, kommt man an einem Mann nicht vorbei, und das ist – so paradox es klingt – Zar Peter der Große (*1672, Regierungszeit 1682 bis †1725). Er schuf die Grundlage für alles, was später geschah.

Er „prügelte“ die russische Gesellschaft brutaliter aus ihrer oblomowschen Trägheit: Er schnitt alte Zöpfe und Bärte ab – auch im wahrsten Sinn des Wortes und eigenhändig, nämlich jene der Adligen, der Bojarenfürsten. Er verordnete europäische Kleidung und bestrafte schwer, wer sich nicht daran hielt; er entmachtete die über alles bestimmende Kirche, enteignete Klöster (machte beispielsweise Krankenhäuser und Gefängnisse daraus), zwang die Mönche zur Arbeit, führte Militärreformen durch, führte in der Verwaltung Ränge ein, die es auch Nichtadligen erlaubten vorwärts zu kommen, ging gegen Korruption vor usw. Er reformierte die russische Schrift – latinisierte sie im Schriftbild, strich Buchstaben – und führte eine neue Literatursprache ein, weg vom alten Kirchenslawisch, hin zur Umgangssprache.
Peter der Große öffnete sein Land nach Westen und machte es zu einem Machtfaktor in der europäischen Völkerfamilie.

Als allmächtiger Imperator, wie er sich als erster Zar auch nennen ließ, setzte er seine Reformen mit Gewalt durch (anders war es nicht möglich!), sodass man ihn durchaus einen Revolutionär nennen könnte, einen „imperialen Revolutionär“, wenn es diese Bezeichnung denn gäbe. Er war so wenig zart besaitet wie jeder Revolutionär. Sein Ziel war es, den Staat zu modernisieren, die Gesellschaft umzukrempeln. Das Russland, das er schuf, hatte nur noch wenig mit dem alten Russland zu tun, auch wenn die feudale Ordnung weiterhin Bestand hatte.
Damit begann das 18. Jahrhundert.

In Westeuropa herrschte die Aufklärung, die zum Ziel hatte, den Menschen zu einem selbstbestimmten und vernunftbegabten Leben zu verhelfen; die „ratio“, der Verstand, war gottgleich geworden. Immanuel Kant, Voltaire, Jean-Jaques Rousseau, Gotthold Ephraim Lessing, Christoph Martin Wieland, Denis Diderot, David Hume, Friedrich II. König von Preußen und Kaiserin Maria Theresia von Österreich waren, um nur einige zu nennen, die großen Persönlichkeiten der Zeit.

Auf der Aufklärung baute der „Sturm und Drang“ auf. Dessen Vertreter hoben die „emotio“, das Gefühl, auf ihr Schild, propagierten als letztes Mittel zur Abschaffung von Missständen auch den Tyrannenmord und redeten damit einer Revolution das Wort. Johann Gottfried Herder, Friedrich Maximilian Klinger, der junge Johann Wolfgang Goethe und, quasi als Inbegriff eines „Stürmers und Drängers“, Friedrich Schiller sind hier für Deutschland beispielhaft zu nennen.

1789 wurden aus Worten Taten, die Französische Revolution begann.

Das 18. Jahrhundert endete blutig.

In Russland blieb es in dieser Zeit vergleichsweise ruhig.
Die Schriftsteller und Dichter hier schrieben zunächst vornehmlich in Versform, man lehnte sich in Stil und Sujet stark an die westeuropäische Literatur an. Ihre soziale Stellung war Anfang des Jahrhunderts noch sehr gering; noch Wassili Tredjakowskij wurde von einem Adligen ungestraft verprügelt, obwohl er ein großer Dichter seiner Zeit war. Das war nicht verwunderlich war, gab es doch kaum Druckereien, konnte doch kaum jemand lesen. Die Situation änderte sich erst durch die Bildungspolitik Peters des Großen. Sie führte dazu, dass 1755 in Moskau auf Betreiben Michail Lomonossows die erste russische Universität eröffnet wurde (die auch seinen Namen trägt) und Nikolai Michailowitsch Karamsin am Ende des Jahrhunderts schreiben konnte: „… ohne mir in lächerlicher Weise etwas auf mein Autorenhandwerk einzubilden, kann ich mich ohne Verlegenheit in der Gesellschaft von Generälen und Ministern bewegen …“. Bis zur Stellung eines Dostojewski und Tolstoi war es allerdings noch ein weiter Weg.

Leider sind die meisten, wenn nicht gar fast alle russischen Dichter und Schriftsteller des 18. Jahrhunderts aus dem literaturgeschichtlichen Gedächtnis nahezu verschwunden. Im Sammelband Altrussische Dichtung aus dem 11. –18. Jahrhundert, erschienen im Reclam-Verlag, sind allerdings Werke von Antioch Kantemir, Wassili Trediakowski, Michail Lomonossow, Alexander Sumarokow, Nikolai Nowikow, Denis Fonwisin, Michail Tschulkow, Iwan Chemnitzer, Gawrila Dershawin, Alexander Radischtschew (auch: Radistschew) und Nikolai Karamsin aus dem 18. Jahrhundert zu finden.

Peter der Große legte auf Unterhaltungsliteratur wenig Wert. Ihm ging es um Bildung und Wissenschaft; so wurde Fachliteratur geschrieben und veröffentlicht. In diesem Bereich machte sich Michail Lomonossow einen großen Namen. Oden an den Herrscher (auch hier leistete Lomonossow Erstaunliches) waren selbstverständlich, woraus der Begriff der Hofdichter entstand. Gesellschaftskritische Literatur gewann erst nach und nach an Bedeutung. Antioch Kantemir hatte zwar schon Ende des 17. Anfang des 18. Jahrhunderts Satiren geschrieben (er gilt als Erfinder der russischen Verssatire), sie handelten jedoch von menschlichen Unzulänglichkeiten und Dummheiten.

Seit Peter dem Großen schickten alle russischen Kaiser – und besonders Katharina die Große (*1729, Regierungszeit 1762 bis †1796) – ihre zukünftigen „Bildungsträger“ ins Ausland (häufig nach Deutschland), wo sie zum Nutzen des russischen Staates studieren sollten. Dort bestimmten jedoch Aufklärung und Sturm und Drang das geistige Leben – Geistesrichtungen, die den absolutistisch Regierenden gar nicht wohl gesonnen waren. Bei ihrer Rückkehr waren diese jungen, tatendurstigen Männer mit den neuen Ideen infiziert; die Satiren wurden schärfer, gesellschaftskritischer und am Ende auch zu revolutionären Schriften.

Einer von ihnen, dessen Schriften für die Dekabristen wichtig werden sollten, war Alexander Nikolajewitsch Radischtschew (auch: Radistschew; *1749, †1802). 1766 schickte ihn Katharina die Große mit einer Gruppe junger Adliger nach Leipzig zum Jurastudium; nach seiner Rückkehr sollte er an der von ihr geplanten Justizreform mitarbeiten. Als er zurückkam, war von dieser Reform keine Rede mehr. Er blieb jedoch im Staatsdienst, wurde befördert und erhielt 1790 gar den Orden des hl. Vladimir.

1790 erschien sein Werk Reise von Petersburg nach Moskau, ein romanhaft geschriebener, sozialkritischer Reisebericht. In 24 Kapiteln, die den Poststationen auf der etwa 650 km langen Reise entsprechen, erzählt Radischtschew, was er erlebt hat. Er beschreibt Willkür und Elend, denen das einfache Volk ausgeliefert ist, und er klagt an. Er war zwar nicht der erste, der die Missstände in der Leibeigenschaft anprangerte, aber der erste, der die Leibeigenschaft als solche abschaffen wollte – eine Ungeheuerlichkeit, die an den Grundfesten des feudalen Systems rüttelte.
Ein heute nicht mehr ganz leicht zu lesendes, aber in jeder Beziehung interessantes Werk.

Katharina, die noch unter dem Schock der Französischen Revolution (1789) stand, hielt Radischtschew für „schlimmer als Pugatschow“, den Anführer des gleichnamigen Kosaken-Aufstandes (1773–1775). Sie ließ ihn in die Festung einkerkern, als Staatsverbrecher seiner Adelsrechte entkleiden und zum Tode verurteilen; diese Strafe wurde später in eine zehnjährige Verbannung umgewandelt. 1796 erlaubte ihm der Nachfolger Katharinas, Paul I. (*1754, Regierungszeit 1796 bis †1801), zurückzukehren; und dessen Nachfolger wiederum, der liberale Alexander I. (*1777, Regierungszeit 1801 bis †1825), der für die Dekabristen später eine wichtige Rolle spielen sollte, rehabilitierte ihn vollständig.

Da Radischtschew aber seine Ansichten nicht geändert hatte und in einer Kommission für Reformen bei seiner extremen Haltung blieb, wurde er von einflussreichen Personen bedroht und nahm sich 1802 auf grauenvolle Weise das Leben – er trank Salpetersäure. Er tat dies jedoch nicht aus Angst und Feigheit, der Selbstmord war für ihn eine heroische Konsequenz, weil er seine Grundüberzeugung nicht durchsetzen konnte.

In die westeuropäische Literaturgeschichte ist Radischtschew zwar nicht als Revolutionär eingegangen, immerhin aber als militanter Aufklärer – sozusagen eine Vorstufe zum Revolutionär; in der osteuropäischen (sozialistischen) hingegen wird er als Revolutionär gefeiert.
Die russische Schriftstellerin Olga Forsch (*1873, †1961) hat einen spannenden Roman über Radischtschew und Katharina II. geschrieben, deutscher Titel: Die Kaiserin und der Rebell.
Damit endete das 18. Jahrhundert – das 19. Jahrhundert begann.

1801 wurde Alexander I. neuer Zar von Russland, nachdem sein Vater Paul I. durch adelige Verschwörer umgebracht worden war; Alexander hatte von den Mordplänen allerdings nichts gewusst. Sein Erzieher war ein Schweizer Freimaurer gewesen, der ihn nach den Grundsätzen des Aufklärers Jean-Jaques Rousseau erzogen hatte. Demgemäß war er sehr liberal gesinnt und begann mit Reformen. Russland aber wurde in die Wirren der Napoleonischen Kriege hineingezogen. Diese gipfelten im Vaterländischen Krieg (der, wie auch die Dekabristen, Thema von Lew Tolstois großem Werk Krieg und Frieden ist). Napoleon eroberte Moskau, doch es war ein Pyrrhussieg, denn die Russen hatten beim Zurückweichen alle Vorräte verbrannt und Moskau angezündet. Napoleon blieb nur die Flucht, wobei er fast seine ganze Armee verlor. Die russische Armee verfolgte ihn bis nach Paris, das sie zusammen mit ihren Verbündeten 1814 einnahm. Napoleon musste abdanken.
Erst nach dem Wiener Kongress 1815 verließ Alexander I. mit seinem Gefolge Paris.

In Paris lernten die jungen russischen Offiziere das freie Leben in aufgeklärtem Umfeld kennen; einen krasseren Gegensatz zum Leben in ihrer Heimat konnte es nicht geben. Zudem versprach Alexander I. auf dem Wiener Kongress, in Russland Reformen durchzuführen, schaffte im damals zu Russland gehörenden Polen und anschließend in den Ländern des Baltikums (ebenfalls zu Russland gehörend) die Leibeigenschaft ab und gab Polen eine Verfassung.

Die freiheitlich gesinnten jungen russischen Offiziere, die sich für den Kosakenaufstand unter Pugatschow (1773) sowie für die Ideen der Adelsfronde (inspiriert von Graf Nikita Iwanowitsch Panin, dem Mörder Pauls I.), des russischen Aufklärers Nikolai Iwanowitsch Nowikow (*1744, †1818) und des schon erwähnten Alexander Radischtschew begeisterten, blickten hoffnungsfroh in die Zukunft.
Entsprechend groß waren Enttäuschung und Wut, als Alexander I. nichts, was er für Russland versprochen hatte, einhielt. Im Gegenteil, die Zensur wurde wieder eingeführt und das geheime und offene Polizeiwesen wurde drastisch ausgebaut.

Die jungen, reformbegeisterten und idealistischen Offiziere gingen in den Untergrund, bildeten Geheimbünde und gaben sich reformerische oder sogar revolutionäre Programme. St. Petersburg, Tultschin (in der Ukraine) und viele andere, über ganz Zentralrussland verstreute „Filialen“ waren die Sitze dieser Geheimbünde. Philosophisch-politische Zirkel, „Freie Gesellschaften“, entstanden, und in Moskau der literarische Zirkel „Grüne Lampe“, an dem auch Puschkin bis zu seiner Verbannung teilnahm.

Die Männer der ersten Stunde waren etwa 30 progressive Adlige, meist Offiziere, die sich im Krieg gegen Napoleon ausgezeichnet hatten. Einige Namen: Oberst Pestel, Sohn des militärischen Gouverneurs von Sibirien, Gardeoffizier Nikita Murawjow, Fürst Sergej Trubezkoi, Gardeoffizier Sergej Murawjow-Apostol, General Michail Orlow, der Schriftsteller Major Rajewski, der Schriftsteller Fjodor Glinka – sie alle gehören neben einigen anderen zu den Dekabristen der ersten Generation. Nach und nach stießen viele Jüngere hinzu, die nicht an den Befreiungskriegen teilgenommen hatten, aber durch Erzählungen und Flüsterpropaganda für die Ideale begeistert wurden – die zweite Generation.
Einig waren sich alle Revolutionäre, dass die absolutistische Monarchie gestürzt werden müsse. Doch die gemäßigten wollten eine Konstitutionelle Monarchie, die radikalen eine Republik, und über den Zeitpunkt des Umsturzes konnte man sich auch nicht einig werden.

1825 starb der überforderte, inzwischen gemütskranke Alexander I. kinderlos. Sein Bruder Konstantin Pawlowitsch (*1779, †1831), Vizekönig von Kongresspolen, wäre der rechtmäßige Nachfolger gewesen. Dieser aber hatte eine Polin geheiratet und wollte lieber in Polen leben. Im Geheimen hatte er schon 1822 gegenüber seinem Bruder Alexander I. schriftlich auf die Nachfolge verzichtet. Da dies aber niemand wusste, legte nach Alexanders Tod die Armee ihren Eid auf ihn ab, auch sein jüngerer Bruder Nikolaus Pawlowitsch (*1796, †1855), der Nächste in der Thronfolge. Konstantin wollte sich nicht öffentlich erklären und gab seinen Verzicht nur Nikolaus bekannt. Bei der Armee war jedoch Konstantin beliebter und so befürchtete Nikolaus, als Usurpator dazustehen und eine Revolte zu provozieren; er zögerte, sich als rechtmäßiger Thronfolger zu präsentieren.

Diese Situation, meinten die Revolutionäre, sei der letzte mögliche Zeitpunkt für den Aufstand und schlugen am 14. Dezember 1825 los.

Nikolaus hatte jedoch von Spitzeln und Verrätern aus den Reihen der Revolutionäre von dem geplanten Putsch, der jetzt überstürzt stattfinden musste, erfahren und war gewappnet.

Wie zu erwarten war, schlug der Aufstand fehl, Nikolaus I. trat die Thronnachfolge an und bestrafte grausam. Die Dekabristen, wie sie fortan nach dem Monat ihres Aufstandes genannt wurden, verschwanden in Sibirien; die fünf Anführer wurden gehängt.

Wie bis dato üblich haben auch die Dekabristen-Schriftsteller bevorzugt Lyrik geschrieben, Prosa – vor allem belletristische Prosa – wurde erst mit dem „späten“ Puschkin und mit Lermontow „modern“. Vor dem Aufstand 1825 haben nur wenige von ihnen überhaupt geschrieben und wenn, dann meist (wie zuvor schon Radischtschew) programmatische Schriften und Essays, die nur für Historiker und Literaturwissenschaftler noch interessant sind. Erst in der Verbannung und danach entstand der größte Teil ihrer Werke – in Versen und in Prosa.

Einer, der sich schon frühzeitig der Belletristik zugewandt hatte, gern gelesen wurde und sogar die Zeiten überdauert hat, ist der Gardeoffizier Alexander Bestushew, ein Freund Kondratij Fjodorowitsch Rylejews (als Anführer am Galgen hingerichtet) und Mitanführer des Aufstandes. Er wurde zum Tode verurteilt, dann aber zur Verbannung begnadigt, 1829 als gemeiner Soldat in den Kaukasus versetzt (was schon damals ein Himmelfahrtskommando war), 1836 zum Fähnrich befördert. 1837 ist er bei einem Treffen gefallen.

Bestushew gehörte zum Kern der Dekabristendichter, war der erste romantische Dichter Russlands und Puschkin sah in ihm die größte Hoffnung für die russische Prosa.
1821 schrieb er einen Bericht über seine im Jahr zuvor gemachte Reise nach Reval (heute: Tallin, Estland), das als Hauptstadt Livlands damals zu Russland gehörte. Mit Eine Reise nach Reval hatte er großen Erfolg und gehörte – gleich mit seinem ersten Werk – zu den anerkannten russischen Schriftstellern.
Das Buch ist auch heute noch – sowohl historisch, als auch literarisch – ein Kleinod russischer Literatur.
Nach dem Aufstand begann Bestushew erst 1831 wieder zu schreiben; unter dem Pseudonym Marlinskij (auch: Bestushew-Marlinski) gehörte er zu den meist gelesenen Autoren seiner Zeit.

Die Werke der meisten Dekabristen-Schriftsteller und der russischen Dichter des 19. Jahrhunderts allgemein sind, abgesehen von den ganz großen, die zur Weltliteratur gehören, heute kaum noch auffindbar.
Herausragend ist die von Gerhard Dudek herausgegebene Sammlung Die Dekabristen, Dichtungen und Dokumente mit einem umfassenden Nachwort und ausführlichsten Anmerkungen. Kaum sonst noch zu findende Lyrik und Prosa und alle wichtigen theoretischen und programmatischen Schriften der Dekabristen sind hier gesammelt.

Um die Dichter vor dem vollkommenen Vergessen zu bewahren, seien die im Buch abgedruckten auch hier aufgeführt:
Iwan Iwanowitsch Koslow (*1779, †1840)
Nikolai Iwanowitsch Gneditsch (*1784, †1833)
Fjodor Nikolajewitsch Glinka (*1786, †1880)
Michail Sergejewitsch Lunin (*1787, †1845)
Nikolai Iwanowitsch Turgenjew (*1789, †1871)
Nikolai Grigorjewitsch Zyganow (*1790, †1831)
Sergej Petrowitsch Trubezkoi (*1790, †1860)
Pawel Alexandrowitsch Katenin (*1792, †1853)
Pjotr Andrejewitsch Wjasemski (*1792, †1878)
Pawel Iwanowitsch Pestel (*1793, †1826)
Orest Michailowitsch Somow (*1793, †1833)
Alexander Dmitrijewitsch Ulybyschew (*1794, †1858)
Kondrati Fjodorowitsch Rylejew (*1795, †1826)
Alexander Sergejewitsch Gribojedow (*1795, †1829)
Wladimir Fedossejewitsch Rajewski (*1795, †1872)
Sergej Iwanowitsch Murawjow-Apostol (*1796, †1826)
Nikita Michailowitsch Murawjow (*1796, †1843)
Alexander Alexandrowitsch Bestushew (Marlinskij) (*1797, †1837)
Wilhelm Karlowitsch Küchelbecker (*1797, †1846)
Anton Antonowitsch Delwig (*1798, †1831)
Iwan Iwanowitsch Pustschin (*1798, †1859)
Jewgeni Abramowitsch Baratynski (*1800, †1844)
Alexander Iwanowitsch Odojewski (*1802, †1839)
Nikolai Michailowitsch Jasykow (*1803, †1846)
Alexander Iwanowitsch Poleshajew (*1804 oder 1805, †1838)
Dmitri Wladimirowitsch Wenewitinow (*1805, †1827)




Die Dekabristen – Revolutionäre für Russland – Teil I Geschichte in Dokumenten

Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

„Endlich brachte mir mein Bruder Zeitungen und berichtete, mein Mann sei verurteilt worden. Man habe ihn und seine Gefährten auf dem Festungskronwerk degradiert.
Das war so vor sich gegangen: Im Morgengrauen des 13. Juli wurden alle Verurteilten auf dem Kronwerk versammelt und nach Kategorien getrennt (1) vor dem Galgen aufgestellt. Sergej zog sich sofort den Offiziersrock aus und warf ihn ins Feuer, um zu vermeiden, dass man ihn ihm abriss. Es waren mehrere Feuer angezündet worden, in denen man die Uniformen und die Orden der Verurteilten verbrannte. Sie mussten niederknien und wurden degradiert, indem die Gendarmen auf den Köpfen der Delinquenten deren Säbel zerbrachen. Das geschah so ungeschickt, dass mehrere von den Männern Kopfverletzungen davontrugen. Nach der Rückkehr ins Gefängnis erhielten sie Zuchthausessen statt der gewohnten Verpflegung. Außerdem gab man ihnen Zuchthauskleidung -Jacke und Hose aus grobem grauem Tuch.

Dieser Szene folgte eine zweite, weitaus schrecklichere. Die fünf zum Tode verurteilten – Pestel, Sergej Murawjow (2), Rylejew (3), Michail Bestushew-Rjumin (4) und Kachowski (5) – wurden zur Richtstätte geführt. Man henkte sie, aber so grässlich unbeholfen, dass drei aus der Schlinge rutschten und noch einmal zum Schafott geführt werden mussten. Sergej Murawjow, der sich das Bein gebrochen hatte, lehnte es ab, gestützt zu werden, und Rylejew spottete: »Ich bin glücklich, zweimal für das Vaterland sterben zu dürfen. «

Ihre Leichen wurden in zwei Tröge gelegt, die mit ungelöschtem Kalk gefüllt waren, und auf der Insel Golodai begraben. Dort stand ein Posten, der keinen zu den Gräbern ließ. Ich kann bei dieser Szene nicht verweilen und sie genauer beschreiben, die Erinnerung schmerzt mich allzu sehr.

General Tschernyschow, später Graf und Fürst, spazierte um die fünf Galgen herum, betrachtete die Opfer durch seine Lorgnette und lachte.

Mein Mann verlor Titel, Vermögen und Bürgerrechte und wurde zu zwanzig Jahren Zwangsarbeit sowie lebenslänglicher Verbannung verurteilt. Am 26. Juli schickte man ihn (6) zusammen mit den Fürsten Trubezkoi (7) und Obolenski, mit Dawydow, Artamon Murawjow, Jakubowitsch und den Brüdern Borissow (8) nach Sibirien.“
[Zitat aus: Fürstin Maria Wolkonskaja, Erinnerungen, St. Petersburg, 1904]

(1) Die Dekabristen wurden vom Gericht in elf „Kategorien“ eingeteilt, entsprechend der angeblichen Schwere ihrer Verfehlung. Die fünf Hauptschuldigen sollten gevierteilt werden, wurden aber zum Galgen begnadigt.
(2) Sergej Murawjow-Apostol leitete in Kiew den Aufstand des Tschernigower Infanterieregiments, der von Ende Dezember 1825 bis zum 3.1.1826 dauerte.
(3) Kondrati Rylejew, einer der besten Schriftsteller seiner Zeit, setzte sein dichterisches Talent für die revolutionäre Propaganda ein.
(4) Michail Bestushew-Rjumin, Offizier, 23 Jahre alt.
(5) Pjotr Kachowski, Offizier, gehörte zu den Radikalen unter den Dekabristen. Schon damals forderte er die Erstürmung des Winterpalais und die Verhaftung der Zarenfamilie. Er nahm tatkräftig an der Vorbereitung und Durchführung des Dezemberaufstandes auf dem Senatsplatz in Petersburg teil und erschoss dabei den Petersburger Generalgouverneur Miloradowitsch.
(6) Die Verschickung der Dekabristen aus der Festung erfolgte nachts, in kleinen Gruppen. Die Gefangenen trugen Ketten, auf jeden kam ein Gendarm, auf je vier ein Feldjäger. Die Gefangenen wurden zunächst in ein Eisenerzbergwerk bei Irkutsk, danach im Oktober ins Blagodatsker Bergwerk bei Nertschinsk gebracht.
Entsprechend der vom Zaren bestätigten Instruktion wurden sie in jeder Beziehung wie Zuchthäusler behandelt und auch zur Arbeit unter Tage eingesetzt.
(7) Fürst Sergej Petrowitsch Trubezkoi war zum „Diktator“ des Dekabristenaufstandes gewählt worden. Er übernahm jedoch nicht den Oberbefehl über die rebellierenden Truppen, die auf dem Senatsplatz aufmarschiert waren – aus Kleinmut oder weil er glaubte, das Unternehmen sei sowieso zum Scheitern verurteilt.
(8) Andrej und Pjotr I. Borissow waren vielseitig gebildete Botaniker, Entomologen und Ornithologen, zudem wahre Enthusiasten der Wissenschaft.

 

Am 14greg/26 jul Dezember 1825, dem Tag der Vereidigung der Truppen auf den neuen Zaren Nikolaus I., brach in St. Petersburg eine Revolte gegen den Zaren aus, angeführt von hohen Offizieren und Adeligen.
Eine in Russland bei Thronwechseln schon fast normale Palastrevolte? Diesmal nicht!

Geplant war eine Revolution. Die Dekabristen (wie sie später nach dem Monat der Revolte benannt wurden) waren zwar eine inhomogene Gruppe, aber sie wollten mindestens eine Verfassung mit konstitutioneller Monarchie, zum Teil die Abschaffung der Monarchie und eine bürgerliche Regierung – man sprach sogar über die Ermordung des Zaren.
Der Aufstand war schlecht geplant, schlecht organisiert und überstürzt durchgeführt. Die Truppen der Aufständischen wurden niedergemacht und gefangen genommen, ihre Anführer festgesetzt, von Zar Nikolaus I. persönlich verhört und durch eine Kommission abgeurteilt.
Die moralische und geschichtliche Wirkung des Aufstands jedoch war gewaltig.

Verschiedene Dokumente berichten von den unmittelbaren Folgen für die Beteiligten:

„Von 289 Personen wurden 131 für schuldig erklärt,
5 von ihnen wurden hingerichtet;
88 zu Strafarbeiten deportiert,
18 zur Ansiedlung in fernen Gebieten verurteilt;
1 zum Leben in Sibirien,
4 zu Festungsarbeiten verurteilt und
15 unter die Soldaten gesteckt.

124 wurden in andere Regimenter oder Garnisonen versetzt, der politischen Beaufsichtigung unterstellt oder in weitere Untersuchung gezogen;
4 Personen wurden ins Ausland verbannt (Ausländer);
das Schicksal von 9 Personen ist unbekannt, und
21 starben vor oder während der Untersuchung.“
[Zitat aus: Der Aufstand der Dekabristen, Untersuchungsmaterial, Bd. 8.,1925]

„Von den 120 durch das Oberste Kriminalgericht Verurteilten waren:
2 Generäle, 13 Obersten, 10 Oberstleutnants usw.
An hohen Adligen gab es: 8 Fürsten, 3 Grafen und 3 Barone.“
[Zitat aus: Andreas von Rosen, Aus den Memoiren eines Dekabristen, St. Petersburg, 1907]

„Am 14. /26. Dezember standen auf Seiten der Aufständischen 3000 Soldaten. Von ihnen wurden
8 zu Zwangsarbeiten deportiert;
6 mussten Spießruten laufen, sechs bis acht Mal durch 1000 Mann hindurch;
2034 wurden nach dem Kaukasus überführt.

Am Aufstand des Tschernigowschen Regiments beteiligten sich 1164 Soldaten. Von ihnen wurden bestraft:
3 mit Spießruten, wobei sie durch 1000 Mann zwölfmal laufen mussten, und mit Zwangsarbeit.
103 mit Spießruten von ein- bis sechsmal durch 1000 Mann und Überführung nach dem Kaukasus;
15 Soldaten mit 200 Rutenhiebe und Überführung nach dem Kaukasus;
805 Mann: Überführung nach dem Kaukasus;
einer wurde zur Ansiedlung deportiert.“
[Zitat aus: Die Dekabristen und ihre Zeit, Sammelwerk, herausgegeben von den politischen Zwangsarbeitern, Moskau, 1932]

Wie es zu Urteilen wie den obigen kam, verdeutlicht die nachfolgende Schilderung eines Verhörprotokolls durch den Dekabristen Iwan Jakuschkin:
„Lewaschow machte mir ein Zeichen, dass ich in den Saal eintreten solle… Neben dem L’hombre-Tisch stand der neue Kaiser. Er sagte mir, ich solle näher herantreten und begann folgendermaßen:

,Sie haben Ihren Eid verletzt?’
,Verzeihung, Majestät.’
,Was erwartet Sie in jener Welt? Verdammnis. Die Meinung der Menschen dürfen Sie verachten, aber was Sie in jener Welt erwartet, muss Ihnen Entsetzen einflößen. Übrigens, ich will Sie nicht vollständig zu Grunde richten: ich werde einen Geistlichen zu Ihnen schicken. Warum geben Sie mir denn keine Antwort?’
,Was wünschen Sie von mir, Majestät?’
,Ich spreche, scheint mir, deutlich genug mit Ihnen; wenn Sie Ihre Familie nicht ins Elend stürzen wollen und nicht wünschen, dass man Sie wie ein Schwein behandelt, müssen Sie alles gestehen.’
,Ich habe mein Wort gegeben, dass ich niemanden nennen werde; alles aber, was ich von mir wusste, habe ich bereits seiner Exzellenz gesagt’, – erwiderte ich und zeigte auf Lewaschow…
,Was kommen Sie mir mit seiner Exzellenz und ihrem elenden Ehrenwort.’
,Majestät, nennen kann ich niemanden.’
Der neue Kaiser sprang drei Schritte zurück, streckte die Hand gegen mich aus und sagte: ,Ihn so in Eisen schließen, dass er sich nicht rühren kann!’“
„Während dieses Verhörs,… war ich ruhig; ich hatte zuerst Angst, dass der Kaiser mich vernichten könnte, wenn er maßvoll und mit Anteilnahme sprechen, wenn er die schwachen und kindischen Seiten der Vereinigung angreifen, wenn er mich mit seiner Großmut besiegen würde. Ich war ruhig, weil ich während des Verhörs stärker war als er… Aber als nun… der Feldjäger mich in die Festung brachte, kam mir noch mehr als vorher der Gedanke an Folterungen in den Sinn; ich war überzeugt, dass der neue Kaiser das Wort ,Folterung’ nur deshalb nicht ausgesprochen habe, weil er das für unter seiner Würde hielt.“
[Zitat aus: Iwan ? Jakuschkin, Aufzeichnungen, St. Petersburg, 1905]

Wie folgenreich die Urteile für die Familien der Betroffenen waren, zeigt die Erklärung, die die Frauen der Dekabristen, die ihren Männern nach Sibirien in die Verbannung folgten, bei der Durchfahrt durch Irkutsk unterzeichnen mussten:
„Die Frau, die ihrem Gatten folgt und das eheliche Leben mit ihm fortsetzt, muss natürlich sein Schicksal teilen und wird ihren früheren Rang verlieren, d. h. sie wird nur noch als Frau eines zu Zwangsarbeit Deportierten angesehen, und damit nimmt sie auf sich, alles zu ertragen, was dieser Stand an Schwerem mit sich bringen kann, denn sogar die vorgesetzte Behörde wird nicht in der Lage sein, sie zu schützen gegen die allstündlich möglichen Kränkungen von Seiten der Angehörigen der verderbtesten, verachtungswürdigsten Klasse, die gewissermaßen darin ein Recht sehen werden, die Frau eines Staatsverbrechers, die das gleiche Schicksal wie er selbst auf sich nimmt, als sich gleich zu betrachten; diese Kränkungen können ihr sogar aufgezwungen werden… Die Kinder, die in Sibirien zur Welt kommen werden, wird man zu den staatlichen Fabrikbauern zählen… Weder Geldsummen noch Gegenstände größeren Werts mitzunehmen ist erlaubt; dies wird auf Grund der bestehenden Verordnungen verboten und ist erforderlich für ihre eigene Sicherheit, aus dem Grunde, weil diese Orte von Menschen besiedelt sind, die zu jeder Art von Verbrechen fähig sind.“
[Fürstin Maria Wolkonskaja, Erinnerungen, St. Petersburg, 1904]

Die nachfolgenden Zeugnisse beschäftigen sich mit den literarischen Einflüssen auf die Dekabristen und mit der literarischen Resonanz der Bewegung:

„Schriftsteller, die Einfluss auf die Dekabristen hatten:
1. Schriftsteller des Altertums;
2. Montesquieu, Filangieri, Rousseau, Delolme, Bentam, Benjamin Constant, Destutt de Tracy, Bignon, Mme. de Stael;
3. von Schriftstellern des 18. Jahrhunderts: Beccaria, Voltaire, Helvetius, Holbach Reynal, der Schweizer Schriftsteller Weiß;
4. Volkswirtschaftler: Adam Smith und Say;
5. Dichter: Byron.
Von russischen Schriftstellern riefen Puschkin und der Dekabrist Rylejew Entzücken hervor, ebenso wie das berühmte verbotene Werk Radischtschews: Reise von Petersburg nach Moskau, für das der Verfasser unter Katharina II. deportiert worden war.“
[Zitat aus: Semewskij, Die politischen und gesellschaftlichen Ideen der Dekabristen, St. Petersburg, 1909]

Allein unter den an der Dekabristenbewegung mehr oder weniger beteiligten Personen befassten sich 25 mit schriftstellerischer Tätigkeit, von denen vier als „wahre Dichter“ geführt werden:
Kondratij Fjodorowitsch Rylejew (wurde gehängt);
Fürst Alexander Iwanowitsch Odojewskij (zu Zwangsarbeiten deportiert, 1837 als gemeiner Soldat nach dem Kaukasus überfuhrt, wo er an der Malaria 1839 im Alter von 37 Jahren starb);
Wilhelm Karlowitsch Küchelbecker (befand sich bis 1835 in Festungen und Sträflingsabteilungen, danach kam er zur Ansiedlung nach Sibirien, wo er 1846 auch starb) und
Alexander Alexandrowitsch Bestuschew (Pseudonym: Marlinskij) — der zur Ansiedlung nach Jakutsk kam, 1829 als Gemeiner nach dem Kaukasus versetzt wurde; er zeichnete sich aus und wurde 1836 zum Fähnrich befördert; er fiel in einem Treffen 1837.“
[Zitat aus: Der Aufstand der Dekabristen, Untersuchungsmaterial, Bd. 8.,1925]

„In der russischen schönen Literatur fanden die Dekabristen ein mächtiges Echo. Vor der Oktoberrevolution behandelten gegen 40 Schriftsteller und Dichter in dieser oder jener Form die Dekabristen (nur 7 von ihnen kritisch). Unter ihnen finden wir die Namen Puschkins, Tolstojs, Dostojewskijs, Lermontows, Gribojedows, Nekrassows, Korolenkos, Ogarjows, Mereschkowskijs.
Vergessen wir dabei nicht die Zensur, die lange nicht erlaubte, die Dekabristen auch nur zu erwähnen.
Nach der Oktoberrevolution finden wir gegen 20 Namen von Schriftstellern, die über die Dekabristen schrieben.“
[Zitat aus: Das hundertjährige Jubiläum des Aufstands der Dekabristen, Sammelwerk, herausgegeben von den politischen Zwangsarbeitern, Moskau, 1928]

Literatur zu den Dekabristen

Henri Troyat: Der Ruhm der Besiegten (Roman)
Michael Wolkonskij: Die Dekabristen
Fürstin Maria Wolkonskaja: Erinnerungen (Zeitzeugenbericht)
N.J. Edelmann: Verschwörung gegen den Zaren – Porträts der Dekabristen
Dmitrij Mereschkowskij: Der vierzehnte Dezember (Roman)

Hervorragendes Bildmaterial (mit Text) von und über die Dekabristen gibt es auf der Homepage von J. Winsmann




Zar Alexander III. – Der Anfang vom Ende

Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

Alexander II.
Als am Ende des „finsteren Jahrsiebts“ 1855 Nikolaus I. starb, atmete ganz Russland auf.
Sein Sohn Alexander II. folgte ihm auf dem Thron. Dessen Erzieher und Lehrer war der frühromantische Dichter und Übersetzer (von Goethe, Schiller, Hebel) Wassili Schukowski (*1783, †1852) gewesen, der die aufgeklärten, humanistischen Ideen des europäischen Westens im »Vaterländischen Krieg« gegen Napoleon (1812) kennengelernt und schon 1822 die Leibeigenschaft auf seinem Landgut abgeschafft hatte.

Alexander II. – weiterhin von Schukowski beraten – war von dessen liberalen Vorstellungen geprägt, als er seine Regentschaft begann; die Aufhebung der Leibeigenschaft war eine seiner ersten Reformen. Nach einem Attentatsversuch 1866 nahm er zwar vorübergehend eine restriktivere Haltung ein, doch schließlich erkannte er trotz (oder wegen) eines weiteren Attentats, dass Russland nur durch eine Liberalisierung vorangebracht werden konnte, und begann, noch radikalere Reformen einzuleiten. 1881 kam Alexander II. bei einem Bombenanschlag ums Leben; noch am Morgen hatte er die Bildung eines Ausschusses angeordnet, der die Mitwirkung der öffentlichen Meinung an der Gesetzgebung einführen und festschreiben sollte – ein großer Schritt hin zur Demokratie, der dann aber unterblieb.
Sein Tod war eine Tragödie für Russland.

Und noch weit größer wurde die Tragödie, als sein Sohn Alexander III. (*1845, †1894) Kaiser des Russischen Imperiums (1881-1894) wurde. Die Weitsicht seines Vaters blieb ihm versperrt, und so sah er in der Ermordung seines Vaters durch Terroristen nur eine Bedrohung auch seiner Person und Familie und einen Angriff auf die Institution „Kaiser des Russischen Imperiums und Zar der Orthodoxie“, die er als autokratischer Herrscher ausfüllte.
Auch er hatte einen Erzieher gehabt, der ihn während seiner gesamten Regentschaft weiter beriet, mit dem er eng befreundet und eines Geistes war:

Konstantin Petrowitsch Pobedonoszew (*1827, †1907)
Der war nun das genaue Gegenteil von Wassili Schukowski, dem liberalen Dichter und Erzieher Alexanders II. Als gelernter Jurist war er Beamter in verschiedenen Ministerien, wurde sehr schnell befördert, wurde Professor der Rechtswissenschaften an der Lomonossow-Universität Moskau, von Alexander II. zum Lehrer seines ältesten Sohnes und Thronfolgers Nikolaus in Rechts- und Verwaltungswissenschaften berufen und nach dessen Tod 1865 zum Lehrer und Erzieher des in der Thronfolge nächsten Zarensohnes Alexander III. bestellt. 1880, noch unter Alexander II., wurde er dann sogar Oberprokuror des Heiligen Synod – eine von Zar Peter dem Großen im Zuge der Abschaffung des orthodoxen Patriarchats von Moskau geschaffene Institution zur quasistaatlichen Verwaltung der Kirche – und damit faktisch zum Oberhaupt der orthodoxen Kirche Russlands.

Pobedonoszew war ein nüchterner, kalter Charakter – Repin hat ihn in einem Porträt mit raubvogelartigen Gesichtszügen gemalt –, ein überzeugter Anhänger der Autokratie, ein Feind jeglicher Reformen und er lehnte Pressefreiheit und säkulare Bildung des Volkes als Produkte des westlichen Rationalismus ab. Die Gesellschaft sollte sich seiner Ansicht nach unter dem autokratischen Herrscher und der orthodoxen Kirche ruhig und von selbst entwickeln; die Altgläubigen, die sich dem nicht unterordnen wollten, hasste er von ganzem Herzen; für ihn war es die Aufgabe der Kirche, die Menschen zu guten Untertanen des Kaisers zu erziehen. Als Ultraorthodoxer war er gleichzeitig aggressiver Antisemit, als extremer Nationalist verantwortete er eine rigide Russifizierung im Vielvölkerstaat Russland. Als er während der Revolution von 1905 erkannte, dass Liberalisierungen nicht mehr aufzuhalten waren, wurde er mit seiner Einwilligung von Nikolaus II. des Amtes enthoben.

Alexander III.

Letztlich sind mit diesen Eigenschaften und Überzeugungen Pobedonoszews auch jene Alexanders III. beschrieben – nicht umsonst war Pobedonoszew zeit Alexanders Lebens dessen rechte Hand. Sehr viele Reformen seines Vaters hob der neue Regent daher umgehend wieder auf – wenn er gekonnt hätte, hätte er auch die Leibeigenschaft wieder eingeführt. Liberale Minister wurden schnellstens abgesetzt, die Erleichterungen für Juden rückgängig gemacht, den lokalen Selbstverwaltungen große Beschränkungen auferlegt. Die Zensur wurde verschärft und in den Provinzen setzte er nur ihm verpflichtete Stellvertreter ein. Ein moderner Polizeistaat wurde geschaffen, mit dessen Hilfe der Kaiser Liberale und potenzielle Liberale, insbesondere die Anhänger der Narodniki (Volkstümler), jahrelang unbarmherzig verfolgte und hinrichten oder nach Sibirien verschicken ließ.

Die Zeit Alexanders III. war auch die Zeit der Industrialisierung Russlands, und nach der Bauernbefreiung strömten nun immer mehr land- und arbeitslose Bauern in die Städte und Industriezentren, was der Geheimpolizei zusätzliche Arbeit bescherte, denn aufgrund ihrer sozialen Lage radikalisierten sich diese Bauern immer mehr. Es entstanden revolutionäre Gruppen; einer davon gehörte Lenins älterer Bruder Alexander an, der 1887 wegen eines geplanten Attentats auf den Zaren hingerichtet wurde, was den jüngeren Bruder stark geprägt hat. Lenin selbst wurde im selben Jahr von der Uni relegiert und ins Dorf Kokuschkino im Gouvernement Kasan verbannt.

Als Alexander III. 1894 starb, hatte das Land industriell einen großen Sprung vorwärts gemacht und zwangsläufig auch der Kapitalismus Einzug in Russland gehalten (wovon freilich nur wenige profitierten). Politisch und sozial jedoch hinterließ er seinem Sohn Nikolaus II. ein Land, das um Jahrzehnte zurückgeworfen war und das einem Pulverfass mit brennender Lunte glich.

Die revolutionäre Entwicklung in Russland
Wie schon erwähnt, hatten sich in den 1870er-Jahren – also noch unter Alexander II. – revolutionär Gesinnte in Gruppen zusammengefunden. 1875 wurde beispielsweise die erste proletarisch-revolutionäre Organisation im Russischen Reich, der Südrussische Arbeiterbund, gegründet, und 1878 bildete sich eine erste revolutionäre Arbeitergruppe, die Untergrundorganisation Nordbund der russischen Arbeiter, die sich in programmatischer Hinsicht an die sozialdemokratischen Parteien des Westens anlehnte und 1879/80 zerschlagen wurde.

Wichtig waren die schon erwähnten Narodniki (Volkstümler) – eine vieltausendköpfige Gruppe von Studenten. Sie hatten versucht, ihre revolutionären Ideen ins Volk, also zu den Bauern zu tragen (1874/75), was summa summarum grandios gescheitert war, weil den Bauern nicht zu vermitteln war, dass sie sich gegen Väterchen Zar wenden sollten; für sie gab es nur durch den Zaren eine Erlösung aus ihrer grässlichen Lage – alles andere war ihnen unverständlich.

Schon 1876 spaltete sich von den Narodniki die Gruppe Semlja i Volja (Land und Freiheit) ab; sie wollte das Ziel durch gezielte Agitation erreichen und hatte eine eigene Abteilung, die durch Attentate den Staat desorganisieren und Verräter in den eigenen Reihen liquidieren sollte. Diese Abteilung verselbstständige sich 1879 und wurde zur Terrororganisation Narodnaja Volja (Volkswille), die 1881 Alexander II. durch ein Bombenattentat ermordete.

Im Zuge der Abspaltung der Narodnaja Volja ging aus dem gemäßigteren Flügel der Semlja i Volja die Gruppe Černyi Peredel (Schwarze Umverteilung) um den Journalisten und Philosophen Georgi Plechanow (*1856, †1919), um Pavel Akselrod (auch Pawel Axelrod; *1850, †1928; nach 1903 führender Philosoph der Menschewiki) und Vera Zasulič (auch Vera Sassulitsch; *1849, †1919) hervor. Zasulič hatte erst vor Kurzem eingesehen, dass mit Attentaten nichts erreicht werden würde; sie hatte noch 1878 einen Attentatsversuch auf den Petersburger Polizeichef General Trepow unternommen und war – man beachte die Effizienz der Alexanderschen Justizreform – gegen den Willen der Politik freigesprochen worden; einer eventuellen neuen Verhaftung entzog sie sich durch ihre Flucht in die Schweiz. Vor ihr hatte selbst Dostoevskij, ein Gegner jeglichen Terrorismus‘, eine solche Hochachtung, dass er einmal sagte, wenn es darauf ankäme, würde er sie nicht verraten.

Die Gruppe Černyi Peredel war stark beeinflusst von Karl Marx (*1818 †1883). Plechanow (ab 1880 ebenfalls im Exil in der Schweiz) übersetzte das Kommunistische Manifest und gab es mit einem Vorwort von Marx und Engels heraus, Zasulič korrespondierte mehrmals mit Marx über den russischen Sonderweg zur Revolution, denn der Marxsche Weg – erst bürgerliche, dann sozialistische Revolution – war in Russland nicht möglich, da es keine bürgerliche Schicht gab. 1883 begründeten Plechanow, Akselrod, Zasulič und ihre Anhänger in Genf die Russische Sozialdemokratie, die sich eng mit der Internationalen Sozialdemokratie verbunden fühlte. Von der Russischen Sozialdemokratie spalteten sich 1903 unter Lenin die Bolschewiki ab (die eine schnelle Revolution in Russland und die Diktatur einer (Arbeiter)Klasse wollten), die russische Sozialdemokratie bestand unter dem Namen Menschewiki weiter. Die Mitglieder der Menschewiki-Gruppe wollten eine repräsentative Demokratie – ein Mehrparteiensystem, in dem gewählte Volksvertreter entscheiden (was grundsätzlich auch im Rahmen einer konstitutionellen Monarchie möglich ist, wie es zum Beispiel in England, Dänemark oder Holland der Fall ist.).

Alexander III., Feind jeglicher Reformen, aber schor alle über einen Kamm. Alle waren Feinde der Autokratie und aufgrund ihrer materialistischen Ideen auch Feinde der Orthodoxie; also mussten sie gejagt und vernichtet werden. Nun waren diese Gruppen und Personen nicht leicht aufzufinden, denn sie lebten im Untergrund. Um herauszubekommen, was diese Gruppen – insbesondere terroristische – planten, wurden Agenten der kaiserlichen Geheimpolizei Ochrana in die Gruppen eingeschleust. Daraus ergab sich ein paradoxes, ja groteskes Phänomen: Diese Männer mussten, um ihre Glaubwürdigkeit zu beweisen, selbst terroristisch aktiv werden; sie pendelten unentwegt zwischen Enttarnung, Verrat und Attentat. Statt die Terroristen durch die Geheimagenten in den Griff zu bekommen, befeuerte der Staat die Spirale der Gewalt; die Situation war aussichtslos, der Hass auf beiden Seiten wuchs und auch ursprünglich gemäßigte Reformer radikalisierten sich immer mehr und die schon vorhandenen Revolutionäre gewannen die Oberhand.

Die Frage „was wäre gewesen, wenn“ ist eigentlich nutzlos und historisch wenig brauchbar, aber eines ist sicher: Hätte Alexander II. mit seinen zuletzt rigorosen, ja sogar systemverändernden Reformen Erfolg gehabt, hätte die Entwicklung Russlands anders und wahrscheinlich besser ausgesehen und das russische Volk hätte weniger leiden müssen. Die Richtungsentscheidung für das Schicksal des russischen Volkes waren die Ermordung Alexanders II. und die Borniertheit seines nachfolgenden Sohnes Alexanders III.

Die Zeit in der Literatur
Auch in der Literatur war es, als ob die Geschichte mit der Ermordung Alexanders II. eine Pause machen, tief Luft holen wollte.
Sie starben alle, die Großen einer Zeit; eine ganze Generation von Schriftstellern trat in wenigen Jahren ab. Noch vor der literarischen Zeitenwende mit Dostoevskijs Tod starben 1873 der wohl größte lyrische Dichter neben Puschkin und lange in Bayern lebende Diplomat Fjodor Tjutschew, 1875 Graf Alexei Konstantinowitsch Tolstoi und 1878 der für seine Zeit und seine Schriftstellerkollegen so wichtige Dichter und Herausgeber der Zeitschrift Sovremennik Nikolai Nekrassow.

Am 28.01.1881 starb Fjodor Dostoevskij. Sein Erzrivale Ivan Turgenev überlebte ihn nur um gut zwei Jahre. Pawel Melnikow, der Chronist der Altgläubigen, starb ebenfalls 1883; der beliebte Komödienschreiber Alexander Ostrowski verabschiedete sich 1886; die im Westen weniger bekannten Semjon Nadson (auch Semen Nadson) und Wsewolod Garschin starben 1887 und 1888; der große Satiriker Michail Saltykow-Schtschedrin 1889. Der Autor des Oblomow, Iwan Gontscharow, ging 1891; der Dritte im Lyrikerdreigestirn mit Puschkin und Tjutschew, Afanassi Fet, folgte 1892. Geblieben ist nur Lew Tolstoi, aber der hatte sich schon 1882 mit Meine Beichte, in der er alles, was er in seinem Leben gemacht hatte und geworden war, verworfen hatte, von der großen Literatur verabschiedet – dass er dann 1899 mit »Auferstehung« noch einmal auf die Bühne der Literatur zurückkehren würde, konnte er damals nicht wissen. Nikolai Leskow sah sie alle dahingehen, er starb erst 1895; und Wladimir Korolenko, dem bedeutendsten Schriftsteller der Narodniki, war es beschieden, bis zum bitteren Ende auszuhalten, bis 1921; er erlebte noch eine ganz neue Generation von Schriftstellern und überlebte selbst Anton Tschechow, der 1904 starb – ja sogar das Urgestein, den Propheten, den Lehrer, den größten Schriftsteller der Welt, den Goethe Russlands (und wie die Superlative alle heißen) Lew Tolstoi überlebte er um elf Jahre.

Anfang der 1880er-Jahre war mit dem Tod Dostoevskijs und Alexanders II. eine Epoche zu Ende gegangen, die nur mit den ganz großen Epochen der Weltliteratur in einem Atemzug genannt werden kann, mit der italienischen Frührenaissance, dem englischen Elisabethanismus, dem französischen Klassizismus und der Goethezeit. Was ihre weltweite Bedeutung und ihren Einfluss auf das russische Zeitgeschehen betrifft, so ist sie noch über der einzuordnen, die man „das goldene Zeitalter“ der russischen Literatur (Puschkin, Schukowski, Lermontow) nennt.

Der russische Realismus schien alle Kraft aufgesogen zu haben, er hatte keinen Konkurrenten, der ihm die Macht streitig machte, der ihn besiegte und fortan das Sagen gehabt hätte. Er löste sich langsam in verschiedene Abwandlungen auf, die seine Grundzüge mehr oder weniger stark beibehielten und andere Schwerpunkte setzen. Als Beispiel sei hier der Naturalismus, den man als eine Fortentwicklung und Vertiefung des Realismus sehen muss (z, B. Pawel Melnikow, Michail Saltykow-Schtschedrin, Nikolai Leskow) und der (frühe) Symbolismus genannt, die vergeistigte, mystisch-idealistische Variante (z. B. Dimitri Mereschkowski, Fjodor Sologub, Valeri Brjussow).

Diese literarische Übergangszeit nach dem Tod Dostoevskijs fällt mit der Regierungszeit Alexanders III. zusammen, darauf folgt die Zeit der Russischen Moderne (1900 bis 1921; das „silberne Zeitalter“ mit Blok, Bely, Gumiljow u. a.), sie fällt in die Regierungszeit des letzten, des unglücklichen Zaren Nikolaus II.




Aufbruch in die Moderne – die russischen Symbolisten

Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

Die große Zeit der russischen Literatur war das 19. Jahrhundert gewesen. Es war die Zeit des Realismus, für die große Namen wie Nikolaj Gogol, Ivan Turgenev, Fëdor Dostoevskij und Lev Tolstoj (um nur die berühmtesten zu nennen) stehen. In ihren Werken wurde die Lebenswirklichkeit in allen Bereichen geschildert – gesellschaftlich, politisch und rein menschlich; die Schriftsteller sahen ihre Aufgabe darin, aufklärend, kritisch, im weitesten Sinn des Wortes erzieherisch zu wirken. Zum Zeitpunkt des Todes von Dostoevskij 1881 war der Höhepunkt des Realismus erreicht. Danach sank das Interesse sowohl der Schriftsteller als auch der Leser ständig; immer weniger sahen die Schriftsteller ihre Aufgabe darin, „belehrend“ – d. h. positive Lösungsansätze aufzeigend – zu wirken. Die Schriftsteller des sich aus dem Realismus entwickelnden Naturalismus – wie Boborykin und Mamin-Sibirjak – beschränkten sich darauf, schonungslos die Finger auf die blutenden Wunden der Gesellschaft zu legen. Čechov – ursprünglich ein aufrechter Realist – glitt in Ironie und Zynismus, ja fast in die Hoffnungslosigkeit, ab. Lev Tolstoj verwarf in seinem Werk Die Beichte (1882) gar sein ganzes bisheriges Leben und Schaffen. Was war geschehen?

Es war die Zeit Alexanders III.; eine politische und gesellschaftliche Eiszeit war über das Land hereingebrochen. Die Reaktionäre – an der Spitze Kaiser Alexander III. und seine graue Eminenz Pobedonoszev – versuchten, die gesellschaftlichen Uhren zurückzudrehen, was ihnen aufgrund ihrer Stellung auch teilweise gelang. (Mehr zur politischen und gesellschaftlichen Situation dieser Zeit finden Sie im Essay Kaiser Alexander III., das zum Verständnis der Veränderungen wichtig ist.) Die „Narodniki“ – „Volkstümler“ –, ein Teil der Intelligenzija, der in den 1870er Jahren „ins Volk“ gegangen war, um dort aufklärend zu wirken – hatten erkennen müssen, dass sie das Volk mit ihren Ideen nicht erreichten; nach dem gelungenen Attentat auf Alexander II. wurden sie von Alexander III. gnadenlos verfolgt und vernichtet. Aleksandr Blok, der Bedeutendste unter den Symbolisten, schrieb rückblickend:

„ … es gibt tatsächlich nicht nur zwei Begriffe, sondern auch zwei Realitäten: Volk und Intelligenz; anderthalb Hundert Millionen auf der einen und einige Hunderttausend auf der anderen Seite; Menschen, die sich im Allerwesentlichsten nicht verstehen.“ (1)

Immer mehr spürten die Schriftsteller des Realismus, dass sie mit ihrem elementarsten Anliegen, das sie als den Sinn ihrer Arbeit, ja ihrer Existenz betrachteten, gescheitert waren. Alle Schriftsteller Russlands hatten sich bis zu diesem Zeitpunkt über ihre gesellschaftspolitische Aufgabe definiert; niemals hatten sie sich als Künstler gesehen, und nicht nur die Prosa (Romane, Erzählungen, usw.), sondern auch die Lyrik (Gedichte) stand meist unter dem Diktat sozialpolitischen Engagements.

Und dann standen ja auch die Zeichen der Zeit gegen sie: In Russland herrschten „Turbomaterialismus und -kapitalismus“. Die Industrialisierung, die im Westen ein halbes Jahrhundert zuvor vonstattengegangen war, wurde mit Riesenschritten nachgeholt und führte zu einer beispiellosen Verelendung des Volkes. Ein Teil der Schriftsteller radikalisierte sich und wurde zu Revolutionären (Gorkij u. a.), ein großer Teil aber resignierte.

Sinn- und heimatlos geworden suchten viele von ihnen nach einem neuen Selbstverständnis, einer neuen Aufgabe, an der sie ihr Schaffen und Leben ausrichten konnten. Hinzu kam, dass zur gleichen Zeit die Malerei des russischen Realismus, die Zeit der großartigen „Peredvižniki“, der „Wanderausteller“ (Ilja Repin, Ivan Šiškin, Ivan Kramskoj, Viktor Vasnecov u. a.), an Bedeutung verlor. Die neue Künstlergeneration (Michail Nesterov, Michail Vrubel, Konstantin Somov, Léon Bakst, Aleksandr Benua u. a.) richtete ihren Blick nach Westen. In Russland begann die Malerei der Moderne, in Westeuropa Jugendstil genannt (Oberbegriff Symbolismus). Ihre Maxime war, dass die Kunst zweckfrei sein müsse, dass sie nur um ihrer selbst willen bestehe – „L‘art pour l’art“ war die neue Devise. Schönheit und das Empfinden des Malers waren Selbstzweck. In der Musik geschah Ähnliches, wie es zum Beispiel bei Igor Stravinsky deutlich wird.

Eine entscheidende Rolle spielte die aus der Ausstellervereinigung Mir iskusstva (dt. Die Welt der Kunst) hervor- gegangene gleichnamige Zeitschrift, die der große Theaterschaffende Sergej Djagilev und der Künstler Aleksandr Benua (Alexandre Benois) 1899 gegründet hatten; hier fand man zusammen: Maler veröffentlichten ihre Bilder, Dichter ihre Werke, Dichter schrieben zu Gemälden und Maler illustrierten die Texte der Dichter; in der Folge statteten Maler auch Theateraufführungen aus (z. B. die berühmt gewordenen „ballets russes“ von Sergej Djagilev) und last not least bildeten sich Musikzirkel. Die einstmals gesellschaftspolitisch relevante Literatur war in der Kunst angekommen und die Künste beeinflussten sich gegenseitig: die Malerei Vrubels z. B. Aleksandr Blok und die Symphonischen Dichtungen verschiedener Komponisten Andrej Belyj.

Im Symbolismus steht der Künstler im Zentrum – sein Wesen, seine Empfindung, sein Denken, nicht sein Wollen oder ein Zweck. Anders als in der Romantik oder dem Impressionismus drückt er keine Gefühle aus, sondern – vereinfacht gesagt – sich selbst, wobei er mit Symbolen eine andere Welt erschafft.

Für die Symbolisten existierten zwei Welten: auf der einen Seite die reale, wahrnehmbare Welt und auf der anderen Seite eine „jenseitige“ Welt, die (und hier spalten sich die Symbolisten schon in zwei Richtungen auf) entweder eine vom Künstler nach seinem Ideal entworfene (Brjusov) oder eine „höhere“, religiös metaphysische Welt (Blok, Ivanov) ist. Und sie kannten keine Tabus; sie wollten das, was sie „darstellten“ auch leben – so kam es manchmal zu sehr skurrilen Lebensweisen, was man ihnen häufig heftig „ankreidete“.

Der Betrachter und insbesondere der Leser, der bar jeder „Grundkenntnisse“ ist, wird es schwer haben, den Sinn eines (literarischen oder grafischen) Werkes des Symbolismus zu erfassen (und das gilt besonders für die heutigen rationalen Menschen), doch darauf kommt es dem Künstler auch gar nicht an . Er will nur sich (sein Werk) präsentieren. Wobei zur symbolistischen Malerei (aufgrund der durch sie hervorgerufenen Gefühle) noch eher ein Zugang zu finden ist als zu den meisten literarischen Werken. Im weitesten Sinn gibt es Berührungspunkte zur heutigen belletristisch-esoterischen Literatur und (zumindest äußerlich) zu Science-Fiction-Werken.

In der Literatur war es natürlich die Lyrik, die den Symbolisten am nächsten lag – Gedichte verwendeten von jeher Symbole. Und fast alle Symbolisten waren zumindest anfangs Lyriker. Sie schrieben zwar sehr schnell auch Prosa, doch auch in dieser Gattung sind die lyrische, poetische Sprache und auch der Symbolgehalt in ihren Werken nicht zu übersehen. Für eine kurze Zeit – in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts – prägte der Symbolismus die Literatur Russlands, eine Zeit, die literarisch so fruchtbar war, dass man sie auch das „Silberne Zeitalter“ nennt – das „Goldene“ war die Puškinzeit. Er war aber nicht die einzige bedeutende Strömung dieser Epoche: Parallel dazu entwickelte sich der „revolutionäre“ Realismus, dessen wichtigster Protagonist Maksim Gorkij war und der später in den sozialistischen Realismus überging.

Große, teils weltberühmte Namen des Silbernen Zeitalters sind: Dmitrji Sergeevič Merežkovskij (*1865, †1941), Fëdor Sologub (*1863, †1927), Valerij Jakovlevič Brjusov (*1873, †1924), Konstantin Dmitrievič Balmont (*1868, †1942), Andrej Belyj (*1880, †1934), Aleksandr Aleksandrovič Blok (*1880, †1921), Vjačeslav Ivanovič Ivanov (*1866, † 1949), Innokentij Fëdorovič Annenskij (*1856, †1909), Aleksej Michajlovič Remizov (*1877, †1957), Zinaida Gippius, auch Sinaida Hippius (*1869, †1945).

Im Wesen des Symbolismus lag, dass er den Lesern keine Antworten auf die sie bedrängenden Fragen der Zeit geben konnte (und es auch nicht wollte). Das erwies sich als großes Manko. Sehr bald erkannten die Schriftsteller, dass ihr „Experiment“ zum Scheitern verurteilt war.

Wann der Symbolismus am Ende war, kann man fast auf den Tag genau sagen: Es war am 7. August 1921, als der große Meister der Symbolisten Aleksander Blok tot in seiner Wohnung aufgefunden wurde – ein Schock nicht nur für die Dichter und die Intelligenzija. Und am 24. August wurden der Schriftsteller Gumilëv und 61 weitere erschossen. „Alles, was danach kam, war nur die Fortsetzung davon: die Abreise von Belyj und Remizov ins Ausland, die Abreise Gorkijs, die Massenausweisung der Intelligenzija im Sommer 1922, der Beginn planmäßiger Repressionen, die Vernichtung zweier Generationen“, schreibt Nina Berberova in „Ich komme aus St. Petersburg. Autobiographie“ (im Original Kursif moi, 1966, deutsch 1990).

Der Dichter Vladislav Chodasevič schrieb 1928 rückblickend:
„ … Wer einmal die Luft des Symbolismus geatmet hatte, war für immer gezeichnet (ob von hässlichen Malen oder von schönen – das ist eine andere Frage). Die ,Menschen des Symbolismus’ und seines Umfeldes erkannten einander. Sie hatten alle etwas gemeinsam, nicht nur in ihren Werken, sondern auch in ihren Persönlichkeiten. Sie mussten sich nicht unbedingt lieben, sie konnten verfeindet sein und einander nicht besonders hoch schätzen… Eine intensive Verbindung von Menschen einer Epoche war das keinesfalls; aber sie gehörten dennoch zueinander – als ,Brüder wider Willen’ gegenüber den unverständigen Zeitgenossen… In die Werke der Symbolisten ist die komplizierte und teilweise verworrene Geschichte einer ganzen Lebensphase vieler Menschen verwoben. Viele Werke (d. h. Kapitel und Episoden dieser Geschichte) können nur über Vergleiche und Annäherungen begriffen werden… Am Ende erschließt sich alles Bedeutende nicht anders als über die innere und äußere Biografie des Verfassers. Und das nicht nur, weil die Symbolisten vor allem Lyriker waren (auch im Roman und im Drama). Das vorherrschend Lyrische bei ihnen ist selber die Folge einer tiefen, einer primären Ursache: nämlich der engen und untrennbaren Verbindung von Schreiben und Leben. Ja, gerade bei diesen, die so oft für ‚intellektuell’ oder ,unaufrichtig’ erklärt wurden, war die Verbindung von Leben und Kunst so stark, ja unzerreißbar, wie das vielleicht früher nur bei wenigen und später bei niemandem mehr anzutreffen war.“ (2)

(1) [zitiert nach Christa Ebert: Symbolismus in Rußland – Zur Romanprosa Sologubs, Remisows, Belys]
(2) [ebenda]

Literatur:
Ebert, Christa: Symbolismus in Rußland – Zur Romanprosa Sologubs, Remisows, Belys. Berlin: Akademie-Verlag, 1988
Lauer, Reinhard: Geschichte der russischen Literatur – von 1700 bis zur Gegenwart. München: C.H. Beck Verlag, 2000
Luther, Arthur: Geschichte der Russischen Literatur. Leipzig: Bibliographisches Institut, 1924
Düwel, Wolf/ Grasshoff, Helmut [Hrsg]: Geschichte der russischen Literatur von den Anfängen bis 1917 (in zwei Bänden). Berlin: Aufbau-Verlag, 1986
Berberova, Nina: Ich komme aus St. Petersburg. Autobiographie (im Original Kursif moi, 1966, dt. 1990)




Andrej Belyj, ein russischer Schriftsteller im „braunen“ Berlin

Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

Es war das sogenannte Silberne Zeitalter in der russischen Literatur – die Zeit der russischen Symbolisten Anfang des 20. Jahrhunderts. Politisch gesehen war es eine schlimme Zeit: zwei Revolutionen (1905 und 1917), der Russisch-Japanische Krieg (1904/05), der Erste Weltkrieg und (in der Folge) mehrere Wellen der Emigration aus Russland. Literarisch gesehen war es eine höchst fruchtbare Zeit: Mit Schriftstellern wie Dmitrij Merežkovskij, Konstantin Balmont, Zinaida Gippius, Fëdor Sologub, Aleksandr Blok und Andrej Belyj gelangte die russische Literatur zu neuer Blüte.

Andrej Belyj, eigentlich Boris Nikolaevič Bugaev (*14. jul. / 26. greg. Oktober 1880 in Moskau, †8. Januar 1934 in Moskau), war einer der bedeutendsten von ihnen.

Sein Vater war Professor für Mathematik an der Universität in Moskau und seine Mutter eine glühende Musik- und Literaturliebhaberin. Die Eltern bildeten zwei Pole, zwischen denen der junge Andrej unaufhörlich hin und hergerissen war. Die Anerkennung, die er von seinen Eltern nicht bekam, als er mit 16 Jahren anfing, Gedichte und Prosa zu schreiben, bekam er von der Familie des Religionsphilosophen Vladimir Solovëv, die im selben Haus auf dem Moskauer Arbat wohnte wie er; Vladimir Solovëv wurde prägend für seine geistige und künstlerische Entwicklung. Unter dem Einfluss von Friedrich Nietzsches Denken und Richard Wagners Musik schuf er seine ersten symbolistischen Werke: Prosadichtungen, die wie musikalische Kompostionen aufgebaut sind und die er „Sinfonien“ nennt. 1903 lernt Belyj Aleksandr Blok kennen, mit dem ihn bis zu dessen Tod 1921 eine enge Freundschaft mit extremen Höhen und Tiefen verband und in dessen Frau er sich – nach einer Dreiecksbeziehung mit Valeri Brjusov und Nina Petrovskaja – verliebte. 1906 „flüchtete“ er für drei Monate nach München, wo er Rudolf Steiners Anthroposophie kennenlernt, in der er später die Erkenntnis seines Leben finden sollte. Drei Jahre später lernte er die Frau kennen, die zu seinem Schicksal wurde: Asja Turgeneva, die Großnichte von Ivan Turgenev. Zusammen machten sie ausgedehnte Reisen durch die alte Welt und suchten, angeregt durch einige okkulte Erfahrungen, im Mai 1912 Rat bei Rudolf Steiner in Köln. Von da an waren sie seine glühenden Verehrer und Schüler und wichen ihm nicht mehr von der Seite. 1913 veröffentlichte Belyj seinen Roman Petersburg, der heute als das symbolistische Hauptwerk schlechthin gilt, aber schon für die Zeitgenossen schwer verständlich war. Es bedarf großen philosophischen und anthroposophischen Wissens, um diesen mysterienhaften, symbolischen Roman zu verstehen – wer es hat, wird ihn genießen.

Ab 1914 halfen er und Asja im anthroposophischen Zentrum in Dornach beim Aufbau des Goetheanum und 1916 fuhr er allein nach Moskau zurück, weil er glaubte, bald zum Kriegsdienst einberufen zu werden. Dazu kam es zwar nicht, doch Belyj saß fürs Erste im revolutionären Moskau fest. Erst 1921, nach einem mehrmonatigen Krankenhausaufenthalt und nach dem Tod von Aleksandr Blok, bekam er ein Ausreisevisum. Die anfängliche Euphorie über die Revolution war der Erkenntnis der wahren Seite des Bolschewismus gewichen, und ahnend, dass sein Verhältnis zu Asja zerrüttet war, kam er depressiv in Berlin an. Dort kam es noch schlimmer: Nicht nur, dass ein Gespräch mit ihr sein Gefühl bestätigte, Asja, die inzwischen ebenfalls in der Stadt lebte, demütigte ihn auch noch, indem sie öffentlich behauptete, nie mit ihm verheiratet gewesen zu sein. Dass ihn zusätzlich sein hoch verehrter Meister Rudolf Steiner schnitt, brachte ihn an den Rand eines seelischen Zusammenbruchs. Klavdija Nikolaevna, eine Anthroposophin, die er bei Steiner kennengelernt hatte, reiste schließlich 1923 aus Moskau an, um ihn zurückzuholen.

Wieder in Moskau widmete er sich wie schon vor seiner Berlinreise der anthroposophischen Arbeit, diesmal gemeinsam mit Klavdija Nikolaevna. Die politischen Bedingungen wurden aber immer schlechter, so dass sie bald im Untergrund arbeiten mussten. 1931 wurde Klavdija Nikolaevna verhaftet, aber Belyj erreichte durch ein Schreiben an Stalin, dass sie freigelassen wurde und ihn heiraten konnte.

Am 15. Juli 1933 erlitt Belyj nach einem übermäßigen Sonnenbad einen Hitzschlag und eine Gehirnblutung, von der er sich nicht wieder erholte. Er starb am 8. Januar 1934 in Klavdija Nikolaevnas Armen an einer „Lähmung der Atemwege“.

Schon im Jahr 1907 hatte er festgelegt, was auf seinem Grabstein stehen sollte:

„Vertraute dem goldenen Glitzern,
und starb von den Pfeilen der Sonne…“

Ebenso wie der erwähnte Roman Petersburg sind Belyjs Werke nur unter bestimmten Voraussetzungen mit Genuss zu lesen – wobei noch hinzukommt, dass durch die Übersetzung wesentliche Element wie Rhythmus und Klang verloren gehen.

Ein Werk jedoch, das er über seine Zeit in Berlin geschrieben hat, ist ein gutes Zeitdokument und zumindest in Teilen heute noch bedenkenswert: Im Reich der Schatten, Berlin 1921–1923.

Andrej Belyjs Gefühlswelt war noch nie ganz einfach gewesen, aber als er 1921 nach Berlin kam, war seine Lebenssituation tatsächlich über alle Maßen trostlos: Sein Freund Blok war gestorben – was im Übrigen nicht nur ihn, sondern die gesamten Moskauer Literaten erschüttert hatte und für viele das Fanal zur Ausreise gewesen war –; die Hoffnungen, die er in die Revolution gesetzt hatte, waren enttäuscht worden; er hatte mehrere Monate Krankenhaus hinter sich und er fürchtete um die Beziehung zu seiner Lebensgefährtin Asja Turgeneva.

Ilja Ėrenburg schreibt in seinen Memoiren »Menschen, Jahre, Leben« dazu:

Im Jahr 1919 habe ich Andrej Belyj folgendermaßen beschrieben: »Riesengroße, weit aufgerissene Augen: lodernde Feuerzungen auf dem bleichen erschöpften Gesicht. Eine übermäßig hohe Stirn mit einer Insel zu Berge stehender Haare. Sein Versvortrag gleicht dem Raunen der Sibylle. Dabei wirbeln seine Arme: er pointiert den Rhythmus – nicht der Gedichte, sondern seiner geheimen Gedanken. Das ist fast komisch; und zuweilen wirkt Belyj wie ein erstklassiger Clown. Aber wenn er neben ihnen steht, empfinden die Umstehenden eine große Unruhe und das Gefühl eines elementaren Unbehagens. Belyj ist größer und bedeutender als seine Bücher. Er ist ein irrender Geist, der sein Fleisch nicht findet, ein Strom ohne Ufer. Warum wirkt sogar das flammende Wort »Genie«, wenn von Belyj die Rede ist, wie ein Titel? Belyj hätte Prophet werden können – sein Wahnsinn ist von göttlicher Weisheit erleuchtet. Doch der sechsflügelige Seraph, der zu ihm niederstieß, machte nur halbe Arbeit. Er riss die Augen des Dichters auf, er ließ ihn überirdische Rhythmen vernehmen, er schenkte ihm den Stachel der Schlange – aber sein Herz blieb unberührt.« Als ich diese Zeilen verfasste, kannte ich Andrej Belyj nur von seinen Büchern und von flüchtigen Begegnungen her. Später traf ich ihn oft in Berlin und im Seebad Swinemünde und begriff, dass meine Worte über den Seraph und Belyjs Herz daneben getroffen hatten. Was ich für seelische Kälte hielt, war Schmerz, waren zerbrochene Flügel, war ein zerstörtes Leben und ein übermäßiges Schillern des Wortschatzes. …..
Er inspirierte sich an Steiner und an der Anthroposophie, baute am Dornacher Tempel: nicht mit der linken Hand wie Woloschin, nein – in vollem Ernst und in großer Ekstase. Im Berlin des Jahres 1922 gab es eine Unzahl von Tanzdielen, die rastlosen halbhungrigen jungen Deutschen tanzten darin stundenlang den in Mode kommenden Foxtrott. Welchen Traum träumte Belyj, als er zum ersten Mal Jazzklänge hörte? Warum begann er, wie rasend zu tanzen, warum erschreckte er mit seinen Seheraugen die kleinen Verkäuferinnen? Er war früh ergraut. Sein Gesicht war braun gebrannt, die Augen lösten sich immer mehr aus dem Gesicht heraus, sie führten ihr eigenes Leben.
Alles in ihm war Unglück: die Liebesdramen, die Freundschaft mit Blok, die ewigen Enttäuschungen, die Einsamkeit als Schriftsteller.

Als Belyj nach Berlin fuhr, fuhr er zu den Erben einer großen Kultur und kam in einer finsteren, gedrückten Stadt an, in der Armut und Not und gleichzeitig eine zügellose Vergnügungssucht herrschten. Dazu war die Stadt die „Stiefmutter aller russischen Städte“, wie sie Chodasevič analog zur „Mutter aller russischen Städte“ Kiew nannte: 400.000 Russen lebten damals in Berlin und Belyj war ganz erschüttert, als er in Charlottenburg an einem Geschäft ein Schild mit der Aufschrift „Man spricht auch Deutsch“ vorfand. Aus „Charlottenburg“ war im Volksmund „Charlottengrad“ oder „Berlinograd“ geworden. Dort traf man alle möglichen Kollegen, die man seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Belyj empfand Berlin als eine Stadt der auferstandenen Toten.

Es war, als ob das gesamte Kulturleben von St. Petersburg, Moskau, Kiew und Odessa in das russische Berlin verpflanzt worden wäre. Alles was Rang und Namen hatte – auf literarischem, künstlerischem und politischem Gebiet – war anwesend; alle aufzuzählen, würde Seiten in Anspruch nehmen. Belyj jedoch suchte keinen russischen Mikrokosmos. Er war in das deutsche Berlin gekommen, in das Berlin des 18. und 19. Jahrhunderts, der Blütezeit des Humanismus, um dort auf die Erben dieser von ihm so sehr geschätzten Kultur zu treffen, die er bei seiner ersten Reise 1906 in München noch vorgefunden hatte. Doch diese Erben gab es im Berlin der 1920er-Jahre nicht. (Noch in der Nach-Gorbatschow-Zeit glaubten viele Russen, dieses Erbe in Deutschland zu finden, und waren enttäuscht von der Realität.)

Innerlich zerrissen nach der Trennung von Asja und dem Zerwürfnis mit Steiner stürzte er sich ins wilde Leben. In den frühen zwanziger Jahren schwappte der „american way of life“ nach Deutschland: Jazz, Foxtrott, Bars, Tanzlokale, schwarze Musiker. Belyj war mittendrin; er war der wildeste Tänzer – nicht nur einmal wurde die Tanzfläche für ihn geräumt, weil er zu wildesten Rhythmen exhibitionistisch herumtobte –, und Alkohol gehörte natürlich dazu. Seine Vertraute Marina Cvetaeva nannte sein Tanzen den „reinsten Flagellantismus“. Doch die zügellosen Phasen wechselten mit depressiven ab, seine Freunde hatten es manchmal schwer, ihn zu ertragen – und bei alldem schrieb er, als ob sein Ende bevorstünde. Es war schriftstellerisch eine seiner produktivsten Phasen und viele fragten sich, wann er denn schlafen würde.

Im Oktober 1923 fuhr er nach Moskau zurück. Dort schrieb er 1924 sein Essay „Einer der Wohnsitze des Reichs der Schatten“ (in deutscher Sprache auch publiziert unter dem Titel „Im Reich der Schatten“). Und darin lässt er seinem Zorn, seiner Enttäuschung und seiner Angst freien Lauf. Man möchte nicht meinen, dass das der Belyj geschrieben hat, der gerade noch in Berlin getobt hatte. Die Deutschen hatte er als stumpfsinnig, hoffnungslos, ja vertiert empfunden – nichts war mehr von der großen Kultur geblieben! Auch die Menschen in Moskau lebten im Elend, aber sie hatten ein hoffnungsfrohes Leuchten im Blick, sie sahen eine Zukunft vor sich. (Inwieweit sich hinter Letzterem auch eine gewisse Verbeugung vor der neuen kommunistischen Macht verbirgt, wäre noch zu untersuchen.)

Unter diesem Eindruck beschrieb er den Untergang nicht nur der deutschen, sondern der ganzen europäischen Kultur. Das Symbol für diesen Untergang war für ihn der „Neger“. Dieser Begriff mutet heute befremdlich an, aber damals hatte das Wort noch nicht diesen abwertenden Beigeschmack, der erst durch den „Nigger“ aus Amerika nach Europa gekommen ist, und im Russischen gibt es diese Konnotation nicht – wie das Wort „Indianer“ oder „Eskimo“ ist es dort eine ganz neutrale Bezeichnung für den Angehörigen einer anderen Ethnie oder Kultur (wobei dieser aus der Sicht der „Weißen“, der Kolonialherren, perspektivbedingt meist ein Mensch ohne Kultur war). In Belyjs Augen drängten die Neger überall in die Kultur Europas – seien es die aus den Jazzbands Amerikas oder die Soldaten aus den Kolonien der Franzosen. Für ihn waren sie Barbaren, die die europäische Kultur zerstörten, wie schon die germanischen Barbaren die römische Kultur zerstört hatten. Und sie zerstörten sie von innen heraus, mit Hilfe der Europäer, die ihre Sitten und Gebräuche annahmen. Braun wurde für Belyj die Farbe des Untergangs, er fand sie in der Tristheit des Berliner Lebens wieder und auch im aufkommenden Nationalsozialismus – und in seinem Essay finden sich Stellen, denen man (leider!) fast prophetischen Charakter zuschreiben muss.

Belyj war, das muss man angesichts der für heutige Leser problematischen Terminologie ganz deutlich sagen, kein Rassist oder gar Faschist; dem Nationalsozialismus stand er kritisch gegenüber, denn auch die „braunen Horden“ waren für ihn „Kulturzerstörer“. Er war vielmehr geprägt von konservativen Kulturvorstellungen und geschüttelt von der Abscheu vor dem neuen, entmenschlichten Deutschtum, das zu seiner Berliner Zeit im Entstehen begriffen war. Seine „in Bildern kondensierte“ Darstellung der Stadt ist Ausdruck seiner Enttäuschung angesichts eines Berlins, das auf der einen Seite verarmt vor sich hin moderte, während es auf der anderen Seite ekstatisch, aber blindlings einer neuen, importierten Kultur huldigte, eines Berlins, das von der kulturellen Größe des früheren Deutschlands mit seinen Dichtern, Denkern, Komponisten und Malern nichts mehr wusste.

Literatur:
Belyj, Andrej: Im Reich der Schatten – Berlin 1921–1923 (1987)
Erenburg, Ilja: Menschen, Jahre, Leben (1978–1990)
Mierau, Fritz: Russen in Berlin – Literatur, Malerei, Theater, Film 1918–1933 (1990)
Schlögel, Karl: Berlin – Ostbahnhof Europas. Russen und Deutsche in ihrem Jahrhundert (1998)
Urban, Thomas: Russische Schriftsteller im Berlin der zwanziger Jahre (2003)




Nina Berberova – Zeitzeugin der Emigration

Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

Nina Nikolajewna Berberowa (Berberova, Betonung auf der zweiten Silbe) entwickelte sich schon in ihrer Kindheit zu einer starken Persönlichkeit und war bürgerlich-liberal, antifeudal eingestellt.

In ihrer Belletristik ist sie eine typische Vertreterin der Emigranten-Schriftsteller. Ihre Einstellung zum Leben jedoch war keineswegs die eines typischen, vom Schicksal geschlagenen Emigranten. In ihrem 1978 verfassten Buch » Železnaja ženščina« (deutscher Titel: Baronin Budberg) beschreibt sie ihre einzige  Gemeinsamkeit mit Marija (von Gorki Mura genannt) Budberg, mit der sie drei Jahre (1922-1925) bei Gorki unter einem Dach gelebt hatte, so:

„Wir hatten beide, jede auf ihre Art, ein für allemal beschlossen, nicht mehr in unser Höhlendasein zurückzukehren, und wir kannten beide die Momente, in denen wir die Verantwortung übernehmen und eine Wahl treffen mussten. Und unsere Handlungsweise sahen wir nicht wie eine Kette weiblicher Launen an oder wie die allgemeinen Sünden der Epoche oder als Ergebnis unzulänglicher Lebensumstände, sondern als Teil unserer selbst, für den wir persönlich verantwortlich waren.“

An anderer Stelle sagte sie einmal, dass sie sich bis 1953 als Verbannte, mit Angst vor Stalin, gefürchtet, nach seinem Tod jedoch, als Gesandte der russischen Kultur gefühlt habe.

Zur Zeit des Hitler-Stalin-Paktes und nach dem Angriff Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion herrschte in den Emigrantenkreisen große Unruhe: Auf der einen Seite der verhasste Stalin, auf der anderen der Angreifer auf das eigene Volk, eine Wahl zwischen zwei rabenschwarzen Übeln. Die Emigrantengemeinde zersplitterte in Gegner und Befürworter, die sich gegenseitig mit Verdächtigungen und Vorwürfen überschütteten. Auch Berberowa geriet – zumindest im Nachhinein – zwischen diese gewaltigen Mühlsteine, worauf ich an dieser Stelle aus Platzmangel nicht weiter eingehen kann. Außerdem bedarf dieses Thema noch der exakten Aufarbeitung, bisher sind alles nur Mutmaßungen – eine Aufgabe für einen Historiker.

Als Journalistin recherchierte sie sehr genau, klar und nüchtern, blieb aber bei ihrer belletristischen Ausdrucksweise, was ihren Berichten eine große Farbigkeit verleiht, und diese dadurch spannend zu lesen sind.

In ihrer Zeit als Professorin in den USA schrieb sie nur noch literarische Sachbücher, insbesondere Biografien, die sie immer mit Zeitgeschichtlichem verband. Ihre messerscharfe Analytik und ihr sagenhaftes Gedächtnis machen ganz besonders heute ihre Werke zu wahren Fundgruben. Was für ihre journalistischen Arbeiten gilt, gilt auch für ihre Biografien. Sie ist eigentlich die „Erfinderin“ der belletristisch geschriebenen, sachlich aber auch exzellent recherchierten Biografien.

Dass sie mit zunehmendem Alter und unter dem Einfluss ihrer Professorentätigkeit in der Wahl ihrer Worte sehr dezidiert geworden ist, und sie sich nicht gescheut hat, auch (liebgewonnene) Fehlvorstellungen zu korrigieren – oder zumindest ihre eigene Sicht der Dinge darzustellen, hat ihr so mancher Übel genommen.

Geboren wurde sie 1901 in St. Petersburg am 26. Juli (nach dem damals in Russland gültigen julianischen Kalender) bzw. 8. August (nach heute gültigem gregorianischen). Ihr armenisch-stämmiger Vater war hoher Beamter im Schatzministerium und ihre Mutter stammte von russischen Gutsbesitzern ab, deren Linie sich bis zu Katharina der Großen zurückverfolgen lässt, von der ihr Vorfahr „dieses riesige Gebiet mit sechs Dörfern und fünftausend Desjatinen [ca. 5000 Hektar] Wald, Sumpf, Wiesen und Weideland erhalten hatte.“ Ihr Urgroßvater Dmitri Lwowitsch war das Vorbild für Gontscharows (1812-1891) »Oblomow« (1859), der zum Sinnbild für den handlungsunfähigen russischen Adel geworden ist.

Ihrer Abstammung gemäß gehörte sie der Klasse der Bourgeoisie (im Feudalstaat etablierte Gesellschaftsgruppe) an, fühlte sich dieser jedoch nie angehörig.

„Ich wuchs in den Jahren in Russland auf, als es keinen Zweifel daran gab, dass die alte Welt so oder so dem Untergang geweiht war und keiner mehr ernsthaft an den alten Prinzipien festhielt – zumindest in den Kreisen, in denen ich aufwuchs. Im Russland der Jahre 1912 bis 1916 geriet alles ins Schwanken, alles begann unter unseren Augen so durchsichtig zu werden wie durchgescheuerte Lumpen. Protest lag in der Luft, Protest war mein erstes wirkliches Gefühl.“

Immer schon fühlte sie sich der Klasse der »Intelligenzija« zugehörig, ein in Russland bis heute Herkunft übergreifendes Standesbewusstsein.

Schon in ihrer Kindheit war es für sie ein Muss, ihre Empfindungen in Versen auszudrücken. Zuerst kindliche; aber immer schneller wurden ihre Gedichte besser und besser; die Lyrik war ihr angeboren, was man auch in all ihrer späteren Prosa spürt und weshalb diese auch so besonders ausdrucksvoll ist – ausdrucksvoll manchmal bis über die Grenzen des Romantischen.

Durch Zufall stieß sie 1921 in Petersburg auf die „Dichtergilde“, der sie beitreten wollte. Sie gab ihre Gedichte ab, wurde von Gumiljow, dem Führer der Dichtergilde und erstem Mann von Anna Achmatowa, in sein Dichterstudio, in dem junge Nachwuchsdichter ausgebildet wurden, aufgenommen. Von da ab gehörte sie in den erlauchten Kreis der anerkannten Dichter und lernte viele Größen der Zeit kennen.

Am 3. August 1921 wurde Gumiljow verhaftet und am 7. August starb Alexander Blok, ein Schock nicht nur für die Dichter und die Intelligenzija. Am 24. August erfuhren sie, dass Gumiljow und 61 weitere erschossen worden waren. Über seine Beerdigung schreibt sie:

„Einige hundert Menschen schoben sich durch die sommerlich heißen, sonnendurchfluteten Straßen. …. und ichglaube, dass es in der ganzen Menge nicht einen Menschen gab, der nicht daran gedacht hätte – wenn auch nur für einen Moment –, dass nicht nur Blok, sondern die ganze Stadt mit ihm gestorben war, … dass der Kreis der russischen Schicksale sich geschlossen hatte. …. Dann kam der 24. August. Früh am Morgen, als ich noch im Bett lag, kam Ida Nappelbaum zu mir, um mir zu sagen, dass an den Straßenecken Mitteilungen hingen, in denen stand, dass alle erschossen worden seien. Sowohl Uchtomski als auch Gumiljow und Lasarewski und natürlich auch Tagenzew – insgesamt zweiundsechzig Menschen. Dieser August war nicht nur »wie eine gelbe Flamme, wie Rauch« (Verszeile von Achmatowa), er markierte eine Grenze. Es hatte 1739 mit Lomonossows »Ode auf die Eroberung von Chotin« begonnen und mit dem August 1921 geendet. Alles, was danach kam, war nur die Fortsetzung davon: die Abreise von Bely und Remisow ins Ausland, die Abreise Gorkis, die Massenausweisung der Intelligenzija im Sommer 1922, der Beginn planmäßiger Repressionen, die Vernichtung zweier Generationen.“

1922 folgte sie mit ihrem Mann, dem Dichter und Literaturkritiker Chodassewitsch, Maxim Gorki nach Berlin und dann nach Sorrent. 1925 ließen sie sich endgültig in Paris nieder, wo sie alle Höhen und Tiefen eines Emigrantenschicksals durchlebte.

Ende der 40er Jahre musste sie feststellen, dass nach und nach alle ihre Landsleute aus Paris verschwunden waren – nicht zuletzt wegen der politischen Situation in Frankreich. So fasste sie den Entschluss, in die USA zu gehen. Darüber schreibt sie in ihren Erinnerungen:

„Aber die ganze Kette passiver Folgen von Begleitumständen und aktiver Schritte, die den Stoff des Lebens verändern, endete für mich mit der wichtigsten und schwersten Wahl, die ich jemals bewusst in meinem Leben getroffen habe: in die Vereinigten Staaten zu gehen.“

1950 emigrierte sie in die Vereinigten Staaten, wo sie – nach anfänglich vielen Schwierigkeiten – in Yale und Princeton Professorin für russische Literatur des 20. Jahrhunderts wurde.

Im September 1989 kam sie auf Einladung des »Verband der Schriftsteller der Sowjetunion Abteilung Leningrad« nach 67 Jahren mit 88 Jahren zum ersten Mal wieder in ihre Heimatstadt St. Petersburg, wo sie mit großer Aufmerksamkeit und Ehrerbietung aufgenommen wurde.

Zwei Artikel zu diesem Anlass habe ich im russischen Internet gefunden (leider nur russisch):
Der erste Artikel ist geschrieben zum Gedenken an den zehnjährigen Todestag von Nina Berberova und ist ein Bericht ihres „Dolmetschers“ über diesen Besuch.
Der zweite Artikel ist die Niederschrift einer Hörfunksendung aus Anlass ihres einhundertsten Geburtstages. In dieser Sendung wird ebenfalls über ihren Besuch berichtet; außerdem geht ein Moskauer Historiker auch auf die oben genannten Vorwürfe gegen Berberova ein. Wie ich schon sagte, ein Thema bei dem man unterschiedlicher Meinung sein kann, und das mit Sicherheit noch der genauen Aufarbeitung bedarf.

Nina Berberowa starb am 26. September 1993 in Philadelphia.

In den Pariser Emigrantenkreisen war sie als Schriftstellerin und Literaturkritikerin (auch wegen ihrer Nähe zu Gorki und Chodassewitsch) eine bekannte Persönlichkeit und hatte auch mit den politischen Emigranten Kontakt. Alle Größen aufzuzählen, würde hier zu weit führen, sie beschreibt es in ihrer sehr lesenswerten Autobiographie »Ich komme aus St. Petersburg« ausführlich.

Das Thema ihrer Romane sind immer die Menschen in der Emigration, wie sie leben, wie sie sich fühlen, was sie denken, nach was sie sich sehnen.
Heimatlos verlangen sie nach dem Ruhepunkt in ihrem Leben – nicht nur geografisch, sie wollen in sich den zentralen Punkt ihres Lebens, ihres Gefühls finden, dort wo sie auch innerlich ihre „Heimat“ haben. Herausgerissen aus ihrem Land und ihrer Kultur stoßen diese Suchenden aber Glück, das außerhalb Ihrer Heimat nicht das wirkliche Glück sein kann, unbewusst von sich.

»Die Begleiterin« ist eine Geschichte von Liebe und Leidenschaft um eine schöne Sopranistin und ihre Begleiterin vor dem Hintergrund der Revolution und des Exil in Paris.

In »Das Buch vom dreifachen Glück« geht es um die sich entwickelnden verschiedenen Stadien der Liebe im Leben einer Frau. Kindlich-jugendlich ist es der Wunsch einen Menschen für sich zu besitzen (wie ein kleines Vögelchen), weil sie einsam ist; später ist es der Wunsch, für einen Menschen sorgen zu können, in Wirklichkeit ist es jedoch nur Mitleid; irgendwann in dieser Entwicklung entsteht die bedingungslose, reine Liebe.

»Die Gebieterin«
Sascha und sein Bruder Iwan, Emigranten aus St. Petersburg, teilen sich eine kleine Wohnung in Paris; Sascha studiert mit der Unterstützung seines Bruders Jura; die Mutter hat in Paris einen Amerikaner geheiratet und lebt in Pittsburgh, der Vater ist schon in Russland gestorben. Die einzigen ihm auch innerlich nahe stehenden Personen sind sein Bruder Iwan, dessen Freundin Katja und sein Freund Andrej. In diesem kleinen Kreis spielt sich sein Leben in recht eingefahrenen Gleisen ab, wobei er jedoch immer auf der Suche nach dem Glück ist. Über seinen Freund lernt er eines Tages Lena kennen, sie bringt sein Gemütsleben durcheinander. Er fühlt sich stark zu ihr hingezogen, wagt es jedoch nicht, sie anzusprechen. Sie ergreift die Initiative, und er ist nun vollkommen irritiert.

Für den »Der Lakai und die Hure« fand Nina Berberowa (wie zu dieser Zeit auch andere Emigrantenschriftsteller, 1948) keinen Verleger mehr. Sie musste einen Sammelband mit Novellen von einer „Organisation“ herausgeben lassen, dem CVJM (Christlicher Verein Junger Männer). Das Buch wurde gedruckt, dann stellte man jedoch fest, dass »Der Lakai und die Hure« „pornographische Szenen“ enthielte. Der Verkauf wurde gestoppt und das Buch blieb jahrelang im Keller des „Christlichen Vereins“ liegen.

In diesem Kurzroman folgt Tanja ihrem Vater, ein hoher russischer Beamter in Petersburg, nach der Revolution nach Japan. Sie heiratet Alexej, den Verlobten ihrer Schwester; beide versuchen ihr Glück in Paris, wo aber Alexej sehr bald stirbt.
Ratlos irrt Tania durch die Stadt der Verlockungen und des Überflusses, und doch gelingt es ihr nicht, den engen Kreis der armen russischen Immigranten zu verlassen.
Eine letzte Anstrengung führt sie in die Arme des Oberkellners Bologowskij, ehemaliger Leutnant in der Garde des Zaren. Und um doch noch an dem Überfluss der Stadt teilnehmen zu können, entwickelt sie einen teuflischen Plan.

»Das schwarze Übel«
Der russische Emigrant Jewgenij Petrowitsch hat in Paris seine heißgeliebte Frau verloren. Er versetzt die Diamantohrringe seiner Frau als Pfand für eine bessere Zukunft. Als er sie vor seiner geplanten Abreise nach Chicago abholt, haben sie plötzlich unerklärlicher Weise „das schwarze Übel“ und sind wertlos. Dabei wollte er mit ihnen seine Reise nach Amerika bezahlen.
Und dann kommt alles anders als geplant: Erst quartiert sich die schwarzäugige Revuetänzerin Alija mit ihrem riesigen lila Tüllrock in Jewgenijs Zimmer ein und möchte ihn zum Bleiben verführen. Dann – immerhin schon in New York angelangt – verliebt sich Ludmilla, die Tochter seines Chefs in ihn. Die Reise nach Chicago zu seinem Freund Drudschin wird ungewiss.
Das Paar Diamantohrringe ist eine Metapher für Jewgenij selbst. Der glänzende Diamant symbolisiert Jewgenijs Wissen um die Freude am Leben, um das Glück der Liebe. Der plötzlich schwarz gewordene Diamant, der früher eigentlich geglänzt hat und der eigentlich unmöglich plötzlich schwarz geworden sein kann, steht für Jewgenijs Einsamkeit, unter der er leidet und von der er sich aber nicht befreien kann, weil er es tief im Innersten nicht zulässt.

In »Die Damen aus St. Petersburg« kommt eine Mutter mit ihrer jugendlichen Tochter nach zwei Tagen mühevoller Bahnfahrt in einem Dorf in einer Pension an, in der schon andere geflüchtete Familien leben. Unglücklicherweise stirbt hier die Mutter und sie kann wegen der schwierigen Zeiten nur im Garten des Hauses beerdigt werden.
Viele Jahre später, schon nach der Revolution, kommt die Tochter aus St. Petersburg, jetzt selbst schon mit einer kleinen Tochter, wieder und findet nichts mehr.

»Soja Andrejewna«. Hier kommt eine junge Adlige aus Charkow mit einem Güterwagen in Rostow an; sie wurde evakuiert, hat sich hier ein Zimmer gemietet und hofft, hier auf ihren Geliebten warten zu können. Ihr gepflegtes Aussehen, an dem ihre Mitbewohner sofort ihre vornehme Herkunft erkennen, erweckt den Neid der anderen, die im Gegensatz zu ihr auf die revolutionären Truppen warten. Als sie krank wird, entlädt sich der gegen sie aufgestaute Hass.

Beide Erzählungen handeln von jungen Frauen, die vor der russischen Revolutionsarmee aus ihren Heimatstädten flüchten.

»Astaschew in Paris«. Ein junger Emigrant hat sich im Westen gut eingerichtet, er verkauft reichen Russen Lebensversicherungen. Er ist ein skrupelloser, selbstgerechter Erfolgsmensch, der sogar eine Frau, die ihn liebt, in den Selbstmord treibt. Bei seiner lasterhaften Schwiegermutter fühlt er sich wohl. Er ist ein aalglatter, geistloser Karrieremensch, dessen einziger Wunsch ist, über andere Macht auszuüben. Er ist dort, wo es sich für ihn lohnt, angepasst und gehört zu den Menschen, die Diktaturen erst möglich machen. Er verehrt den „Mann mit den wunderbaren Militärstiefeln, der Tausende von Männer mit gleichen Militärstiefeln grüßt“ (eine Metapher auf Stalin). Entstanden ist der Roman in den 30er Jahren, der Hochzeit (interessante Doppeldeutigkeit des Wortes!) des Stalinismus und Faschismus.

In ihrem letzten Jahr in Frankreich vor der Abreise in die USA berichtet Nina Berberowa für die russische Wochenzeitung »Russkaja Mysl« (Russischer Gedanke) als Beobachterin über den Prozess, den Wiktor Krawtschenko, ein ehemaliger hoher sowjetischer Funktionar (1944 geflohen), gegen die französische Zeitung »Lettres française« wegen Verleumdung führte. Die französische Zeitung behauptete, Krawtschenko habe sein Buch »Ich wählte die Freiheit« gar nicht selbst geschrieben, sondern der CIA; außerdem sei das Buch voller Lügen über die herrschenden Zustände in der Sowjetunion.

In »Die Affäre Krawtschenko« hat sie die Prozessberichte zusammengefasst.
Das gar nicht trockene, im Gegenteil sehr ausdrucksstark geschriebene Buch zeigt – was heute niemand mehr weiß – wie kommunistenfreundlich, ja sowjethörig zumindest die französische Presse damals gewesen ist, was auch der Grund war, dass viele russische Emigranten in die USA weitergezogen sind. Krawtschenko konnte alle seine Berichte über die sowjetischen Zustände belegen und gewann den Prozess.

Farbig und ausdrucksstark geschrieben, drückt Nina Berberowa ihre Verehrung für Tschaikowsky in der Biographie »Tschaikowsky. Geschichte eines einsamen Mannes« aus.
Nicht voyeurhaft, aber zutiefst menschlich spürt sie der Person nach und bringt außerdem Fakten über den großen Komponisten, die heute meist übergangen werden. Ihre journalistischen Fähigkeiten zeigen sich in der Art und Weise, wie sie – ich meine spannend – gleichzeitig das zeitgeschichtliche Umfeld beschreibt.

»Baronin Budberg – Abenteurerin, Doppelagentin, Femme fatale« ist die Biografie der „Sekretärin“ Gorkis während seiner gesamten westeuropäischen Zeit und darüber hinaus eine hervorragende Beschreibung der politischen Situation zur Zeit der Revolution und zusätzlich eine biografische Fundgrube über Gorki.
In »Ich komme aus St. Petersburg. Autobiographie« schreibt sie:

„Dies ist kein Buch der Erinnerungen. Es ist die Geschichte meines Lebens, ein Versuch, dieses Leben in chronologischer Ordnung zu erzählen und seinen Sinn zu enthüllen. Ich liebte und liebe das Leben, aber nicht mehr und nicht weniger liebe ich den Sinn des Lebens. Ich schreibe über mich, über die, die ich war und die ich bin, und wenn ich über die Vergangenheit spreche, tue ich dies mit meiner heutigen Sprache.“
Sie öffnet sich dem Leser und zeigt eine faszinierende Person und eine ebenso faszinierende, aber auch erschütternde Zeit.

Aber aus dieser Autobiografie wurde weit mehr:
Mit ihrer ausdrucksstarken Sprache und ihren schriftstellerischen Fähigkeiten zeichnet sie ein Bild der russischen Emigrantenzeit und ihrer Hintergründe, wie man es sonst nicht findet. Man kann ohne Übertreibung sagen, dass ihre Autobiografie eine Kulturgeschichte dieser Zeit ist – und viele Autoren unserer Zeit greifen auch auf ihre Arbeit zurück. In ihr finden sich fast alle Akteure und Fakten des kulturellen Lebens – auch viele des politischen – bekannte und schon (auch zu Unrecht) vergessene.
Das angefügte »Personen- und Sachregister« ist eine Fundgrube par excellence. Von Bakunin über Blok, Diaghilew, Gorki, Prokofieff, Martow, Nabokov bis Pasternak, es finden sich alle – auch solche, die erst heute langsam wieder aus dem Nebel der Vergessenheit aufsteigen.

Ein ihr ganzes Leben charakterisierendes Kindheitserlebnis beschreibt sie in ihren Erinnerungen so:
„Es ist ein alter Brunnen, in den ich von da an jeden Sommer hineinschauen sollte: Er ist leer, trocken und schwarz, schon lange ist kein Wasser mehr darin. Und Jahr um Jahr habe ich da hinuntergeschaut. Immer tiefer und tiefer, bis ich schließlich mit 12 Jahren den Wunsch verspürte, mich hinunterzulassen. Aber man kann sich nicht einfach hinunterlassen, man kann nur sehen und hören, wie in der Tiefe, wo es schon lange trocken ist, manchmal irgendetwas knistert und raschelt. Und da kommt mir in den Sinn, dass mich ja irgendeiner dorthin befördern und vergessen könnte und ich verdursten müsste. Und sofort wünsche ich mir, dass dies so bald wie möglich geschehen möge, damit ich auf dem Grund des Brunnens eine Wasserstelle, eine Quelle, finden könnte, um meinen Durst zu stillen. Ja, ich würde sie finden und aus ihr trinken, und niemand würde wissen, dass ich noch lebe, dass ich nicht aufgehört habe zu denken, dass ich Verse über den Brunnen und die Quelle mache und dass diese Quelle für mich allein fließt.“

Sie wollte zeit ihres Lebens den Dingen auf den Grund gehen, sie wollte das Glück finden, das Lebens erhaltende Ur-Glück, sie wollte es für sich allein haben, wohl wissend, dass das nicht möglich ist, weil sie eben jenes Glück damit wieder zerstört – und sie wollte es in Versen beschreiben.

 

Ihre Gedichte, derentwegen sie ursprünglich berühmt wurde, veröffentlichte sie hauptsächlich in der Emigrantenzeitung »Poslednie novosti« (Letzte Nachrichten), deren Mitarbeiterin sie 15 Jahre lang war; gegen Ende ihres Lebens fasste sie ihr gesamtes lyrisches Schaffen in dem Gedichtband »Stichi« (Gedichte) zusammen.
Leider ist fast keines von ihnen bisher in deutscher Sprache erschienen (zumindest habe ich keines gefunden) – eine lohnenswerte Aufgabe für einen Lyriker und Übersetzer.

Ebenso sind ihre ersten Romane »Bilankurskie pradzniki« (Feiertage in Billiancourt), »Poslednie i Pervye« (Die Letzten und die Ersten, 1930), »Povelitelniza« (Ihre Majestät, 1932) und »Bes Zakata« (Ohne Sonnenuntergang, 1938) nie auf Deutsch erschienen – zumindest konnte ich auch sie nirgends finden.

In ihrer amerikanischen Zeit schrieb sie ausschließlich literarische Sachbücher:
»Alexander Blok und seine Zeit«, »Nabokov und seine Lolita«, »Menschen und Logen«, »Die Auferstehung Mozarts« – alle in deutscher Sprache nicht auffindbar.

Nun aber genug dessen, was wir nicht (auf Deutsch) lesen können.
In deutscher Sprache sind von ihr erschienen:
»Die Begleiterin« (deutsch 1987)
»Die Gebieterin« (Povelitel’nica, 1932, deutsch 1997)
»Das Buch vom dreifachen Glück« (Kniga stchastia, 1936, deutsch 1997)
»Astaschew in Paris« (Oblegtschenie utschasti, eigentlich „Erleichterung des Schicksals“, 1947, deutsch 1989)
»Das schwarze Übel« (französisch 1989, Manuskript ca. 1950?, deutsch 1993)
»Ich komme aus St. Petersburg. Autobiographie« (Kursif moi, 1966, deutsch 1990)
»Der Lakai und die Hure« (Lakei i dewka, 1949, deutsch 1988)
»Die Damen aus St. Petersburg« (deutsch 2000)
»Die Affäre Krawtschenko« (als Prozessbericht in der Zeitung „Russkaja Mysl“ 1949, deutsch 1991)
»Tschaikowsky, Geschichte eines einsamen Lebens« (deutsch 1938)
»Baronin Budberg« (Železnaja ženščina), die Biografie der geheimnisvollen russischen Baronin Marija Budberg




Russische Dichter, Komponisten, Musiker und Künstler in der Emigration

Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

Ohne die vielen russischen Dichter, Komponisten, Musiker und Künstler aus dem 18. und 19. Jahrhundert ist die europäische und besonders die deutsche Kultur nicht denkbar – und selbst danach, zu Beginn bis in die Mitte des 20., haben die verschiedenen Emigrantenwellen ungeheuer befruchtend auf unser Geistesleben gewirkt, –  wieweit das auch für die neueren Wellen gilt, wird man erst rückblickend sagen können.

In Russland waren Politik und Literatur schon immer eng miteinander verquickt; Dichter waren weit mehr als im Westen das soziale Gewissen der Nation. Schon Puschkin, der für den Beginn der russischen Literatur steht, musste leidvolle Erfahrungen hinnehmen. Es gab aber auch niemanden sonst, der diese Aufgabe in diesem absolutistischen Staat hätte erfüllen können. Ganz offensichtlich wurde dies bei den Revolutionären Majakowski, Fürst Kropotkin, Gorki (der differenzierter zu beurteilen ist) und vielen mehr. Viele Dichter gingen, auch ohne Revolutionär geworden zu sein, in die Verbannung nach Sibirien oder wurden günstigsten Falls aus den Metropolen und damit aus der Gesellschaft verbannt.

Das heißt, Politik ist in Russland (bis heute) aus der Literatur nicht weg zu denken.

Als nolens-volens Angehöriger der 68er Generation stehen mir bestimmte Schriftsteller näher als andere. Es sind dies die Schriftsteller, Musiker und Künstler der vier Emigrantenwellen.

Wir assoziieren heute (meist unbewusst) mit Emigranten: Wirtschaftsflüchtling, kostet uns Geld, ist anders, fremd, vielleicht Feind – heute gar potentieller Terrorist –, stört ganz allgemein unsere Ruhe. Dass auch Menschen aus Angst um Leib und Leben flüchten, akzeptieren wir zwar, sind jedoch unbesehen der Meinung, dass diese weit in der Minderzahl sind. Was Emigration für den Einzelnen jedoch bedeutet, versuchen wir selten nachzuvollziehen.

Russen bedeutet die Verwurzelung in ihr Land, ihre Erde („Mütterchen Russland“) sehr viel mehr als anderen Völkern, selbst wenn diese eine starke Bindung an ihre Heimat haben. Ein Russe fern seiner Heimat ist wie ein aufs Trockene geratener Fisch. Emigration ist daher das schlimmste Schicksal.

Und die russischen Emigranten damals mussten um Leib und Leben fürchten.

Viele von Ihnen verstanden sich ursprünglich gar nicht als Emigranten, denn sie wollten wieder zurück in „ihr“ Russland – weshalb die Begriffsbestimmung „Emigrant“ manchmal schwierig ist und man von unterschiedlich vielen Emigranten-Generationen spricht.

In der ersten Emigrantenwelle waren die um die Jahrhundertwende und kurz danach vor dem Zaren Geflohenen – das waren Antimonarchisten, Sozialdemokraten und Revolutionäre, Schriftsteller und Künstler.

Beispiele: Gorki (1906), Lenin (1900), Kandinsky (1897), Werefkin und Jawlenski (1896), Ilja Ehrenburg (1908), Sergej Diaghilew (1914) und viele andere. Ein Teil von ihnen kehrte nach der Revolution (gemeint ist immer die Oktober-Revolution 1917) wieder nach Russland zurück, einige flohen dann erneut vor den Bolschewiken.

Die zweite Generation flüchtete aus Russland einige Jahre vor der Oktoberrevolution; dies waren Adelige, hohe Beamte und Militärs des Zaren, Gutsbesitzer, Monarchisten; für manche war es nur ein Umzug an ihren Zweitwohnsitz in Berlin, Paris, Nizza oder andere Kurorte.

In der dritten Welle vor und nach der Machtübernahme der Bolschewiki – sehr viele flohen um das Jahr 1922 – waren die schon einmal geflohenen Sozialdemokraten (die Menschewiki), die Offiziere der Weißen Armee, die mit Unterstützung des Westens gegen die Rote Armee gekämpft hatten, und wieder Wissenschaftler, Schriftsteller und Künstler.

Einige Namen: Gorki (1921 zum zweiten Mal – auf „freundliches“ Betreiben Lenins), der weißrussische General Denikin (1920), Ilja Ehrenburg (1921 zum zweiten Mal), Nikolai Berdiajew (1922), der Menschewikiführer Martow (1920), Lydja Cederbaum (1922), Nina Berberowa (1922), Wladimir Nabokov (1919), der von Lenin gestürzte Ministerpräsident Russlands Kerenski (1918), Sergej Prokofieff (1919), der weltberühmte Sänger Fjodor Schaljapin (1922), Boris Saizew (1922), das Schriftstellerehepaar Sinaida Hippius und Dmitri Mereschkowski (1919), Sergej Bulgakow (1922), Maria Zwetajewa (1922), Iwan Bunin (1922), der Jugendfreund von Lenin Nikolai Wolski (1928) und, und, und – die Liste ergäbe ein Buch.

Zur letzten Generation gehören dann alle, die vor Stalin und allgemein vor dem Sowjetregime bis in die 60er und 70er Jahre geflohen sind (was dann nicht immer leicht war), die Ausgewiesenen und die Ausgebürgerten und die „displaced persons“ (das waren die während des Zweiten Weltkriegs nach Deutschland verschleppten Arbeitssklaven und von der Wehrmacht Gefangene, die sich vor der Rückführung durch die Amerikaner verstecken konnten, denn ihnen war Stalins Verurteilung aller Gefangenen und Verschleppten als Feiglinge, Deserteure und Spione bekannt geworden).

Beispiele: Der durch einen Prozess berühmt gewordene hohe sowjetische Funktionär Wiktor Krawtschenko (1944), Jewgeni Samjatin (1932 sogar mit Erlaubnis Stalins), Iwan Jelagin (1940) und viele tausend Unbekannte.

Am Ende dieser Wellen war Russland kulturell ausgeblutet.

Bevorzugtes Ziel der Emigranten war Berlin (nur bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges) und Paris.

Das Kulturleben Berlins erlebte durch die Emigranten geradezu eine Blütezeit – ein spannendes, aber eigenes Thema –, hier traf sich alles was Rang und Namen hatte in Literatur, Musik und Malerei; aber auch ehemalige Adelige, reiche mit viel Geld, aber auch solche, die sich jetzt als Taxichauffeur, Kellner oder sonstwie durchs Leben schlugen. Es waren derer soviel, dass es in vielen Gebieten Berlins schwer war überhaupt ein deutsches Wort zu hören (wie sich die Zeiten doch gleichen!).

Eine sehr gute Beschreibung dieser Zeit liefert Karl Schlögel mit »Berlin Ostbahnhof Europas. Russen und Deutsche in diesem Jahrhundert«.

Paris stand Berlin nicht viel nach, wurde aber erst mit Beginn der NS-Zeit die Welthauptstadt der Emigranten. Durch die Besetzung Frankreichs und die Vichy-Regierung nahm aber auch dies ein abruptes und schmerzvolles Ende, es folgte – so sollte man glauben – die letzte Emigrationswelle in die USA.

Weit gefehlt!

Nach dem Krieg war die französische Regierung stark kommunistisch geprägt (ein Drittel der Franzosen stimmten für die kommunistische Partei) und außerdem war sie extrem sowjetfreundlich – man denke nur an die Schriftsteller und Philosophen, die ihren Kotau vor Stalin machten.

Die sowjetische Regierung (sprich Stalin) stellte Auslieferungsanträge („Repatriierung“ war das Losungswort), und die französische Regierung schickte Emigranten eifrig zurück ins „gelobte“ Land, wo sie dann ins Jenseits oder den Gulag befördert wurden. Frankreich wollte mit den Exilrussen nichts zu tun haben, wies sie außer Landes und war froh, dass viele schnellstmöglich freiwillig sich auf und davon machten – wohin? Es blieb nur noch die USA, manche flohen nach Lateinamerika.

Literatur (Literatur-, Kultur- und Geschichte) – eine kleine Auswahl:
Berberowa, Nina: Ich komme aus St. Petersburg. Autobiographie
Figes, Orlando:  Die Tragödie eines Volkes Die Epoche der russischen Revolution 1891 bis 1917
Figes, Orlando:  Nataschas Tanz Eine Kulturgeschichte Russland
Hosking, Geoffrey:  Russland Nation und Imperium 1552 – 1917
Ingold, Felix Philipp:  Der grosse Bruch Russland im Epochenjahr 1913
Ingold, Felix Philipp: Russische Wege Geschichte, Kultur, Weltbild
Jakowlew, Alexander:  Die Abgründe meines Jahrhunderts Eine Autobiographie
Jakowlew, Alexander:  Ein Jahrhundert der Gewalt in Sowjetrussland
Lauer, Reinhard:  Geschichte der russischen Literatur Von 1700 bis zur Gegenwart
Schlögel, Karl:  Berlin Ostbahnhof Europas (oder neu: Das Russische Berlin)
Schmemann, Serge:  Ein Dorf in Russland Zwei Jahrhunderte russischer Geschichte
Schramm, Godehard: Russland ist mit dem Verstand nicht zu begreifen