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Kategorie: Rezensionen - russland.NEWS - russland.TV

Der Kern des Baikal

[von Daria Boll-Palievskaya] Der Baikalsee. „Heiliges Meer“, wie ihn die Russen mit tiefer Verehrung nennen. Auch viele Deutsche zieht er magisch an. Unzählige Bücher sind über den Baikal geschrieben, etliche Dokumentationen gedreht.  Das Buch von Wolle Ing heißt „Der Kern des Baikal“. Es ist ein „Reisebericht mit Fotos, Fakten & Impressionen“, wie der Autor im Untertitel erklärt. Auf den ersten Seiten kündigt er an, was den Leser erwartet: ein Buch, dass auf dem hautnah Erlebten basiert, „praxisnahe Hinweise für Reiseinteressierte“ bietet und auch die Menschen der Region nicht zu kurz kommen lässt. Warum heißt das Ganze „Kern des Baikal“? „Der Charakter oder auch der Kern des Baikal entsteht aus einer Symbiose von drei Dingen – dem Heiligen Meer, den endlosen Weiten der sibirischen Taiga und Steppen sowie der Russischen Seele“. Und genau diese drei Komponenten hat das Buch vereint.

Neugierig auf Land und Leute, startete Wolle Ing mit einer kleinen Gruppe von Freunden seine Reise, um seinen Traum, den Baikalsee zu bereisen, zu verwirklichen. Gründlich vorbereitet, verzichteten die Reisenden auf die Dienstleistungen von Reisebüros. Sie wollten eine individuelle Reise erleben. Denn auf Pauschalurlaub hatten sie keine Lust. Und das ist ihnen durch und durch gelungen. „Freunde individueller, ungezwungener Reisen finden am Baikal ihr seelisches Eldorado“, weiß der Autor. Aber wo sollte man starten? Kann man die ganze „Perle Sibiriens“ in zwei Wochen bereisen? Die Gruppe fand einen Reiseveranstalter, der Begleitung vor Ort bot, mit dem zusammen auch die Route geplant worden ist. Ein ganzes Jahr wurde die Reise organisiert und geplant. Die Reiseführerin Ljudmila erwies sich als sehr hilfreich und „von hohem Nutzen“.

Und dann ging es los.

In seinem Buch erzählt Wolle Ing mit großer Begeisterung über Baikal – „das Paradies für die Sinne“. Der Leser lernt Irkutsk kennen, besucht den Nationalpark Pribaltijskij (Allein „dieser Nationalpark ist ein riesiges Terrain, das der Umsetzung aller Wünsche manche Optionen offenlässt“). Also führte die Reise „in die südliche Baikal-Hälfte, entlang des Baikal-Gebirges am Westufer, über das Kleine Meer und über die größte Insel auf dem See, die Insel Olchon“.  Ein Stück der Route wird auch mit der berühmten Transsib zurückgelegt.

Neben dem spannenden Reisebericht erfährt der Leser viele nützliche Informationen über Flora und Fauna der Region, über die Geschichte der Besiedlung am Baikal, über die Eroberung Sibiriens und über den Schamanismus (wir lernen auch einen echten Schamanen Valentin kennen). „Ein Beispiel einer Reiseroute“ und Antworten auf „Kernfragen“, die höchstwahrscheinlich bei Allen, die Baikal sehen wollen beschäftigen, runden diesen vielseitigen Reisebericht ab. Die vielen fantastischen Bilder, die die atemberaubende Natur des Baikalsees und die Schönheit seiner Region dem Betrachter näher bringen, tragen dazu bei, dass man Lust hat, das „Heilige Meer“ so schnell wie möglich zu bereisen.

„Der Baikal, dieser Gigant unseres Planeten – er wird mir, wie meinen Mitreisenden unvergesslich bleiben“, schreibt der Autor sein Buch abschließend. Und genau dieses Gefühl hinterlässt er auch beim Leser.

Daria Boll-Palievskaya – russland.NEWS




Russland – Perestroika bis Putin

Ein Bild sage mehr als tausend Worte heißt es. In einem neu erschienenen, großformatigen Bildband lässt der Fotograd Daniel Biskup mit seinen Bildern zwei Jahrzehnte visuell Revue passieren und erzählt dabei eindrucksvoll den Werdegang und die gesellschaftliche Entwicklung des sogenannten „neuen“ Russlands.

Man kann es getrost vorweg schicken – dieser neu vorliegende Bildband „Perestroika bis Putin“ ist mehr als ein Buch mit Bildern, es ist ein Meisterwerk! Ein unbedingtes Muss, sowohl für Liebhaber der ausdrucksstarken Photographie, als auch für all die, die sich vorurteilslos mit der wechselvollen jüngeren Geschichte eines sagenhaften Riesenreichs auseinandersetzen wollen. Es ist der unverstellte Blick auf das Land und dessen Bewohner, der es dem Betrachter auf jeder Seite ermöglicht, Veränderungen zu erfahren und tief in den Alltag der Postsowjetunion einzutauchen. Weit deutlicher und unmittelbarer, als es ein Text jemals vermitteln könnte.

Wer ist dieser Daniel Biskup, der so gefühlvoll und unaufdringlich den Mensch jenseits des ehemaligen Eisernen Vorhangs porträtiert hat? Schon mit dem Fall der Mauer zog es den jungen Fotografen gen Osten. Seitdem ist er ständig auf der Spur der radikalen Veränderungen im Osten Deutschlands und Europas. Seine Bilder berichten dabei vom Leben und Überleben der Menschen unmittelbar nach dem Ende des Kommunismus bis in eine Übergangszeit, in der Veränderungen deutlich sichtbar werden. Dabei hat Daniel Biskup stets die Gratwanderung vollbracht, Menschen in den existenziellen Momenten ihres Lebens mit seiner Kamera einzufangen, ohne ihnen dabei zu nahe zu treten.

Wenn Protagonisten der Vergangenheit in die Zukunft blicken

Durch seine dezente Vorgehensweise war und ist Daniel Biskup ein gern gesehener Porträtist bei Menschen aus Gesellschaft und Politik. Er ist bis heute Helmut Kohls persönlicher Fotograf und war darüber hinaus der erste deutsche Fotograf, der Wladimir Putin als Präsident porträtieren durfte. So scheint es nicht mehr als konsequent, dass sich Altkanzler Gerhard Schröder persönlich dem Vorwort zu „Perestroika bis Putin“ annahm. Er betont darin, wie wertvoll die dokumentarischen Arbeiten Daniel Biskups für die Geschichte Russlands und Europas sind. „Das europäisch-russische und das deutsch-russische Verhältnis sind über unsere gemeinsame, gerade im 20. Jahrhundert leidvolle Geschichte definiert“, bringt er es auf den Punkt. Diese verpflichte uns zu Zusammenarbeit und kulturellem Austausch.

In fünf Kapiteln, die den Zeitraum von 25 Jahren in einzelne Perioden der Entwicklung des modernen Russlands gliedern, wird die gegenwärtige Sichtweise, die die Russen auf ihr Land und sich selbst in ihrer Gesellschaft haben, deutlich und verständlich gemacht. Der Spiegel eines viertel Jahrhunderts lässt verstehen, warum Russland zwangsläufig anders denken muss, als der Rest Europas. Eine Gesellschaft, die quasi wieder bei Null anfangen musste und den Blick nach vorn gerichtet, wieder auf die Weltbühne hingearbeitet hat. Bei Daniel Biskup werden diese Veränderungen nicht nur sichtbar, sondern auch deutlich spürbar.

Der sparsam gehaltene Text in Deutsch, Englisch und Russisch beschränkt sich auf das Vorwort, einen Ausstellungshinweis und auf weitere Publikationen des Autors. Ansonsten sprechen nur die eindrucksvollen Bilder und ihre dezenten Bildunterschriften für sich. Wenn man im Jahr 1993 sieht, dass ein Mercedes drei Arbeitsplätze schafft, wie es in der kurzen Unterschrift heißt, und ein Straßenstand das von sonst woher organisierte Zubehör dafür verkauft, wird deutlich, welchen immensen Kraftakt Russland beim Sprung bis ins 21. Jahrhundert zu bewältigen hatte. Und noch etwas wird auf Biskups Fotografien deutlich: Dass die Menschen Russlands stets an sich und eine sich zum Guten wendenden Zukunft geglaubt haben und es auch künftig werden.

Um es mit den Worten Gerard Schröders zu sagen: Deshalb ist das Meisterwerk so wertvoll und wichtig. Daniel Biskups Arbeiten sind unter anderem auch im Russisches Museum in St. Petersburg, im Deutschen Historischen Museum in Berlin sowie im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn zu sehen.

Daniel Biskup, „Russland – Perestroika bis Putin“, Verlag Salz und Silber, erste Auflage 2016, 288 Seiten, 250 Fotos, ISBN-13: 978-3000540462




Dikoe Pole, Wildes Feld – aus dem Russischen

Die erschossenen Zehn Gebote

Das Vorwort zur aktuellen Ausgabe

Man kam um sie zu töten.

Sie zu töten für Ihre Muttersprache, die sie nicht verleugnen wollten. Sie dafür zu töten, dass sie zu dem neuen Nationalismus „Nein“ gesagt haben. Sie letztlich dafür zu töten, dass sie einfach anders sind.

Die bastelten daraufhin aus einem Kipplaster einen Panzerwagen, fuhren ihn auf das hohe Dnjestr-Ufer. Auf die Seiten dieses merkwürdigen Kampffahrzeugs malten sie in riesigen weißen Lettern vier Worte: „Du sollst nicht töten!“

„Du sollst nicht töten“ ist die tragende Idee dieses Buches über den transnistrischen Krieg. Eine Idee, die mir die Verteidiger Transnistriens schenkten. Damals, als ich dieses Buch schrieb, und ganz gewiss auch dann, als ich in der Rolle eines Korrespondenten der „Literaturnaja Gazeta“ (Literatur-Zeitung) mich in den Gräben des transnistrisch-moldawischen Krieges wiederfand, habe ich vieles nicht verstanden. „Es scheint mir nur natürlich, dass der Hass der Liebe weichen müsste“, schrieb ich damals. „Aber ein Hass löste den anderen ab.“ Anfang der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts schien mir, die ideologische Unversöhnlichkeit der sowjetischen Epoche und des von ihr genährten Hasses müssten unweigerlich durch Respekt und Nächstenliebe abgelöst werden. Aber es erwies sich alles als sehr viel komplizierter. Und meine Illusionen aus dieser Zeit verglühten mit dem ausklingenden Jahrhundert.

Die Illusionen verglühten, aber die Fakten blieben. Der Krieg blieb. Es blieben die zerschossenen Städte. Es blieben die Friedhöfe. Und es blieben die Überlebenden, die sich an alles erinnerten und die weder vergessen wollen noch können. Das kann man nicht unter den Teppich kehren.

Ich beginne zu ahnen, dass dem Menschen etwas inne wohnt, was ihn zwingt, die Geschichte zu vergessen, die eigenen Verbrechen zu vergessen und neue zu begehen. Die transnistrischen Steppen und moldawischen Anhöhen erinnern sich noch gut an den deutschen und den rumänischen Nationalismus. Sie erinnern sich an die Massenbombardierungen, an die Erschießungen und die massenhafte Vernichtung von Menschen bestimmter Nationalitäten. Und genau dort, auf denselben Straßen, auf den Ufern desselben Dnjestr entbrannte im Sommer 1992 ein erneutes Gemetzel. Warum?

Wir wissen nicht, was in der Vorsehung g liegt. Vielleicht musste es so sein. Vielleicht kommt einfach die Zeit, in welcher der Mensch, obwohl er alles versteht, keine Kontrolle mehr über sich hat, und es zieht ihn unaufhaltsam zum Krieg, zur Zerstörung, zur Tötung Seinesgleichen. Die Ursachen sind dann nicht mehr so wichtig, weil dieser Drang absolut irrational ist.

Man muss übrigens nicht glauben, dass die Menschen alles in ihrer Gewalt hätten. Ein Mensch, der dabei ist, den Verstand zu verlieren, hat keine Gewalt mehr über sich selbst. „Wir leben in einer Zeit modernisierter Schamanen“, schrieb Grigorij Pomeranz im Nachwort zu diesem Buch, „die Fakten verwirren, verblüffen, bringen die Menschen auf die falsche Fährte und berauben sie ihres Gerechtigkeitssinnes. Sie möchten sich aber gerecht fühlen, möchten den modernen Leitsätzen folgen. Sie merken kaum, wie schnell diese Leitsätze wechseln, wie schnell die Bewertung ein und desselben Ereignisses,  ein und desselben Namens wechseln…“ Seit dieser Zeit erreichten die Technologien zur Steuerung der Massenmeinung eine solche Höhe, dass es schon unangebracht ist, von Schamanen, wenn auch modernisierten, zu sprechen. Eine Lawine konstruierter, sich gegenseitig ausschließender Information, zu deren kritischer Aufnahme  das menschliche Gehirn nicht imstande ist, macht die Menschen tatsächlich verrückt. Zumal die oben erwähnten Technologien bereits nicht nur die moralischen Maßstäbe schamlos manipulieren, sondern die ganze Grundlage der menschlichen Existenz.

Einmal in Paris, der damalige Krieg war schon vorbei, verirrten sich mein Bekannter und ich in ein russisches Restaurant. In Wirklichkeit stellte es sich dann als griechisch heraus, aber nicht deshalb blieb es mir in Erinnerung. In Erinnerung blieb es, weil an den Wänden des Restaurants zahlreiche Masken hingen. Masken nach jedem Geschmack. Der fürsorgliche Gastwirt funkelte uns mit einem Lächeln an und schlug vor, sich sofort in jemand anderen zu verwandeln. Zum Beispiel in einen Dakota-Indianer, einen bekannten Schauspieler oder einen einflussreichen Politiker. Viele machten das auch und die Betretenheit des Moments überwältigte sie. Da verstand ich, dass die Maske nicht nur zum Symbol sondern zum Wesen der modernen Welt geworden ist.

Die Welt ist nicht mehr die Welt, sie ist die Maske der Welt.

Statt der realen Welt bekommen wir eine Maske untergeschoben. Eine Maske der Religionen, eine Maske der Demokratie, die Maske des Patriotismus, die Maske eines Landes. Sogar eine Gottesmaske. Der moderne Nationalismus ist deshalb so schrecklich, weil er versucht, sich die Maske der Menschenliebe überzuziehen, die Maske der Legalität und der Demokratie. Viele aufrichtige, hilfsbereite und sogar intelligente Menschen werden später sagen, dass sie nichts geahnt, nichts vom Geschehen verstanden hätten. Muss man denn viel wissen, um endlich damit aufzuhören, das Töten von Menschen zu entschuldigen? Muss man viel wissen, um nicht zu stehlen und nicht zu lügen? Manchmal scheint es, dass die Menschheit abermals durch die Wüste schreitet. Aber nicht dorthin, wo aus dem brennenden Busch die Zehn Gebote erschienen, sondern in die entgegengesetzte Richtung. Und sogar die Wüste ist eine andere.

Ja, es wird mit jedem Tag schwieriger, die Realität hinter den Masken zu erkennen. Aber es gibt sie doch, diese Realität! Und all die raffinierten Lügenanhäufungen, all die modernen Stereotypen der heutigen Konsumwelt zerfallen zu Staub, wenn man sieht, wie unbewaffnete Menschen auf  Maschinengewehre losgehen, nur um ihr Recht auf die eigene Muttersprache zu verteidigen! Um nach ihren Traditionen und ihrem Verständnis von Gut und Böse zu leben. Das ist irrational und unvernünftig, werden die Verfechter des globalen Liberalismus und der internationalen Massenkultur sagen. Vielleicht. Aber das ist die Realität. Das ist die echte Realität. Das ist genau die Realität, die heute niemand mehr respektiert. Aber es gibt sie. Sie zerfetzt jede Maske. Weil es nur menschlich ist, seiner menschlichen Natur treu zu bleiben.

Deshalb glaube ich, dass dieses Buch keinesfalls veraltet ist und aktuell bleiben wird. Schon deshalb, weil inmitten des zivilisierten und durch und durch demokratischen Europa nach wie vor ein kleiner, von niemandem anerkannter Staat Transnistrien mit seinen von niemandem anerkannten Bürgern um sein Überleben kämpft. Dieselben Menschen, die in ihrem Kampf mit dem Nationalismus ihre Vielvölkerkultur verteidigten.

Oder vielleicht noch deshalb, weil das vergossene menschliche Blut immer aktuell bleibt. Es hat kein Verfallsdatum. Egal, wie viel Zeit vergeht.

Jefim Berschin, 2014

Leseprobe:

I Am Anfang war die Zeit

Die Apokalypse beginnt in den Köpfen

Es krachte, vermutlich 20 Meter links von uns. Brocken aus Lehm und Schwarzerde beschrieben in der Luft einen komplizierten Bogen und ließen sich fächerartig auf den Schützengraben nieder. Sie schlugen dabei etwa fünf Soldaten und einen melancholischen älteren Hauptmann zu Boden. Dem Hauptmann war anzusehen, dass er schon länger keine ordentliche Uniform mehr trug. Kaum schüttelten wir die Erde ab und konnten uns umsehen, wie die Luft vom herzzerreißenden Pfeifen einer Mine zerrissen wurde – da haute sie direkt in den Schützengraben hinein, diesmal aber wesentlich weiter rechts. Nach dieser Explosion hörte ich zum ersten Mal, wie die Stille klirrt. Sie klirrte abgemessen und ruckartig, wie das Signal einer präzisen Zeit. Sie zählte die Minuten und Sekunden bis zur nächsten Explosion ab. Sie teilte unerbittlich mit, dass die nächste Explosion die letzte sein wird.

„Die Gabel!“ schrie plötzlich der Hauptmann: „Die Gabel!“

Weder ich, noch die jungen, von den Explosionen betäubten, Kerle der Landwehr verstanden irgendetwas. Dann versetzte der Hauptmann dem nächsten von ihnen einen Rippenstoß und schrie mit einer furchterregenden und heiseren Stimme: „Mir nach! … zum Teufel!“ und lief zu dem Platz, an dem gerade eben die Mine explodiert war.

Wir begriffen nichts, liefen im Graben hinter ihm her, stolperten und rissen uns die Seiten an den Erdausbuchtungen auf. Als wir bei dem Erdloch ankamen, stolperten wir unverzüglich übereinander hinein. Und just in diesem Moment erschütterte ein fürchterliches Gedröhne die vorderste Linie. Der Himmel entlud sich in Ballen von Erde und Lehm, die uns fast ganz begruben. Ich grub mich aus und hob den Kopf – über mir auf dem Erdaufwurf saß schon, schwer atmend, der Hauptmann.

„Vorbei, kommt raus, wir hatten Glück“, krächzte er und wischte sich den Dreck aus der von Erde geschwärzten Stirn. „Genau das ist eine Gabel, erst links, dann rechts – und dann aber genau ins Zentrum.“ Der Hauptmann zeigte mit dem Finger auf die Stelle, von der wir gerade hergelaufen waren.

Ich sah mich um. Von der Stelle, an der wir noch vor einigen zehn Sekunden standen, stieg eine Rauchsäule auf. Es war nicht schwer zu erraten, dass die Mine die Munitionskisten erwischt hatte.  Die leeren Kisten wurden von den Soldaten als Stühle, Tische und sogar als Betten benutzt. Im Schützengraben war alles gut genug für etwas Behaglichkeit. Jetzt brannten diese geölten Kisten und stießen pechschwarzen Rauch in die Luft. Ich begriff, dass dieser finstere und unrasierte Arbeiter, der vor langer Zeit wirklich ein Hauptmann war, uns das Leben gerettet hatte.

Ich fiel auf den Erdaufwurf, mit den Augen auf den inzwischen stillen Himmel gerichtet. Und dieser Himmel diktierte langsam:

„Zuerst war die Zeit. Wir hatten Zeit. Und die Zeit waren wir.

Wir flossen, wie der Dnjestr, bedächtig und erhaben, stolperten nur selten an den kleinen Wasserwirbeln, die sich als Kreisel in die Trichter einschraubten, die uns vom Gedächtnis über den Krieg blieben. Aber wir flossen gleichmäßig und ruhig, umschifften Gärten und Felder, umschifften Sandstrände und den wie immer durchsichtigen Kazaner Wald. Wir hatten Zeit. Und wir waren die Zeit.

Dann schwappten die Dnjestr-Gewässer die Zeit heraus, wie ein ungeliebtes Kind, auf die steile Küste des Dubassar-Ufers. Mit viel Mühe erreichte sie den steilen sandigen Abhang, schleppte sich weiter, blind und hilflos, wie die Stille vor der Explosion.

Dann die Explosion. Wir hatten eine Explosion. Wir wurden zur Explosion. Die Welt spiegelte sich in der explodierten Zeit, wie in einem zerborstenen Spiegel. Sie hörte auf Eins zu sein, weil die wegfliegenden Scherben die Bruchteile der sich in ihnen spiegelnden Welt in alle Richtungen trugen.“

„Ich verstehe das nicht“, wird später Mary am Telefon sagen, bevor sie sich auf die Reise wagt. „Das ist schön, aber ich verstehe das nicht. Was hat das mit Scherben zu tun? Warum denkst du, das alles schon explodiert ist, und wir fliegen in alle Richtungen? Ich empfinde es gar nicht so. Ihr Russen habt eine merkwürdige Beziehung zu der Welt, ihr denkt ständig an die Apokalypse. Frag doch mal einen Passanten an der Rhein-Promenade – so etwas fühlt er nicht. Die Welt ist nicht so, wie du dir sie vorstellst.“

„Aber vielleicht leben wir in unterschiedlichen Welten?“

„Ach, was sagst du da. Die Welt ist Eins. Es kann nicht ein Teil der Welt explodieren, und der andere Teil weiter existieren, als ob nichts wäre.“

„Ja, das ist treffend. Sie kann nicht. Aber sie existiert. Oder sie versucht zumindest zu existieren. Für einen Menschen ist das Denken wenn auch menschlich, so doch nicht wünschenswert. Schädlich. Es stört die etablierte Lebensordnung. Deshalb kommen alle Katastrophen unerwartet, plötzlich. Obwohl man unschwer darauf kommen kann, dass, wenn an einem Ende der Welt ein Feuer zu lodern beginnt, der Wind es ganz gewiss auch an das andere Ende tragen wird.

Die Welt ist nämlich wirklich Eins. So war es zumindest bis vor kurzem. Es spielt keine Rolle, wo die Apokalypse beginnt, an der Rhein-Promenade oder an dem Dnjestr-Ufer, wenn sie ohnehin zuallererst in den Köpfen der Menschen beginnt.“

Dikoe Pole, Wildes Feld
Jefim Berschin
Fiction
BoD – Books on Demand
30. September 2016
280
9,99

Zu bestellen bei Amazon auch als E-Book >>>

Oder auch direkt bei Kai Ehlers >>>




Klassiker in neuem Gewand: Der Marco Polo St. Petersburg

In diesem Herbst erschien die grundlegend neu überarbeitete Ausgabe des St.-Petersburg-Reiseführers aus der Reihe Marco Polo.

Eine Metropole wie St. Petersburg – bzw. deren umfangreiches und vielfältiges Kultur- und Freizeitangebot – auf einen Zentimeter Dicke und ins Jackentaschenformat zu pressen, das ist kein einfaches Unterfangen. Und dann soll ein Reiseführer auch noch Hilfe in allen Lebenslagen, die wichtigsten Informationen zu Geschichte und Sehenswürdigkeiten sowie Anregungen für Spaziergänge, Ausflüge und abendliche Vergnügungen enthalten. Und bitteschön auch einen Basis-Sprachführer und einen tauglichen Stadtplan zum Herausnehmen – darauf behält man schließlich allemal besser den Überblick als auf einem Smartphone-Bildschirm.

Die Marco-Polo-Bände, erhältlich zu etwa 250 verschiedenen Destinationen, schaffen das in der Regel ziemlich gut – schließlich wurde ihr Konzept über 25 Jahre lang immer weiter verfeinert und an die Bedürfnisse der aktuelle Generation von Reisenden angepasst. So gibt es zum Auftakt jede Menge Inspirationen für individuelle und ungewöhnliche Ziele während eines Städteaufenthalts – seien es die „Insidertipps“ oder die Listen mit Anregungen für Regentage, Stressabbau, Budgetschonung und die erfolgreiche Suche nach der wahren Aura Petersburgs.

Vier Touren durch die Stadt

Der jüngste Relaunch der Reiseführerreihe kam nun auch dem Band über Russlands frühere Hauptstadt St. Petersburg zu Gute: Das seit 2008 mehrfach aktualisierte Büchlein nimmt Petersburg-Reisende nun auf gleich vier „Erlebnistouren“ an die Hand, auf denen die riesige Zarenmetropole erkundet wird.

Neben einem detailliert beschriebenen Tagesprogramm zum intensiven Kennenlernen der Stadt ist dies ein Spaziergang auf den Spuren Dostojewskis und Rasputins, ein abwechslungsreicher, aber umso erholsamerer „Aktiv-Urlaub auf den grünen Inseln“ im Newa-Delta sowie eine Exkursion „durch Stalins Kathedralen zu Putins Schloss“: Beschrieben wird, wie man durch die prunkvollsten Metrostationen des Baujahrs 1955 zum Konstantin-Palast gelangt, den der Kreml immer wieder für große Gipfel nutzt.

Die neuesten Kultur-Magneten

Petersburgs klassische Highlights wie die Eremitage, die Peter-Pauls-Festung oder die Isaak-Kathedrale werden natürlich mit den wichtigsten Fakten und Infos beschrieben – alles Weitere schaut man sich am besten vor Ort selbst an. Vorgestellt werden natürlich auch die neuesten, wirklich spektakulären und sehenswerten Zugänge der Petersburger Museumslandschaft: Die Filiale der Eremitage im Generalstabsgebäude, das Fabergé-Museum und das riesige Stadtmodell Petrowskaja Aquatoria – das etwas zu Unrecht in die Rubrik „Mit Kindern unterwegs“ abgeschoben wurde.

Marco Polo St. Petersburg (13. Auflage, 2017)

Autor: Lothar Deeg

ISBN 978-3-8297-2900-0

12,99 Euro, als E-Book 8,99 Euro




Wildes Feld – Дикое Поле

Von Jefim Berschin – Aus dem Russischen von Kai Ehlers.

Geschichte wiederholt sich nicht – oder doch? 1992 ein blutiger Sprachenkrieg unter den Schlachtrufen „Für ein einheitliches Moldawien“ am südlichen Rand der zerfallenden Sowjetunion. Fünfundzwanzig Jahre später der ukrainische Krieg unter der Forderung „Ukraine für die Ukrainer“.

Das Muster ist das Gleiche. Es ist das Gift des Nationalismus, der ethnischen und der kulturellen Säuberungen, das in den  durch den Zerfall der Sowjetunion frei gewordenen Vielvölkerraum nördlich des Schwarzen Meeres eindringt.

Jefim Berschins Bericht lässt den transnistrisch/moldauischen Sprachenkrieg als Präzedenzfall einer Region erkennen, die sich nach dem Zerfall der Sowjetunion heute wieder in das „wilde Feld“ zu verwandeln droht, das sie als ethnischer, kultureller und politischer Durchgangsraum über Jahrhunderte war. Was 1992 mit Transnistrien begann, sich mit Ossetien, Berg-Karabach und anderen Konflikten fortsetzte, steigert sich heute im ukrainischen Krieg.

Wer die Geschichte dieses Raumes, die Triebkräfte seiner Konflikte, die Dimension des Kulturbruchs verstehen will,  in das die Völker am Ende der systemgeteilten Welt geschleudert wurden und immer noch werden, findet in Berschins Bericht ein bewegendes, höchst aktuelles Zeugnis.

Wildes Feld: Eine dokumentarische Erzählung zum transnistrischen Krieg




Schwarze Erde. Eine Reise durch die Ukraine

(Von Dr. Daria Boll-Palievskaya) Jens Mühling nennt sich selbst einen, der „Geschichten“, „Geschichte“ sucht. Um die Geschichte Russlands und das Wesen dieses Landes zu verstehen, hat er ein Jahr lang Russland bereist – ein Land, „in dem die wahren Geschichten unglaublicher sind als die ausgedachten“. Er wollte dem Land und seinen Menschen näherkommen, sie begreifen.  Als Ergebnis dieser Reise entstand ein wunderbares und sehr persönliches Buch „Mein russisches Abenteuer“. Es war kein Reiseführer mit fertigen Rezepten „so verstehen Sie Russland“, denn Jens Mühling war selbst ein Suchender. Mit dem Autor zusammen stellte man sich eine Frage, die von im Buch oft zitierten Dostojewski hätte kommen können: „ob dieses Land jemals ohne einen Glauben auskommen würde“.

Jetzt nahm sich der deutsche Journalist zwei Monate Zeit, um die Ukraine zu bereisen und zu verstehen. Denn alle sagen, dass Russland anders ist. Die Ukraine auch. Schon wieder trifft er sich mit unzähligen Menschen. Er beginnt seine Reise in der Westukraine: an der polnisch-ukrainischen Grenze. Die Menschen in den ukrainischen Orten im 30 Grenz-Streifen leben davon, dass sie zwei Schachteln Zigaretten und eine Flasche Schnaps in Polen verkaufen – so viel darf pro Grenzüberganz mitgenommen werden. Die gleiche erschreckende Armut findet er auch am Ende seiner Reise, ganz im Osten des Landes an der russischen Grenze: „Ganz im Osten (…) ist wie ganz im Westen der Ukraine: Traurig blicken die Menschen auf die andere Seite der Grenze, wo das Leben besser ist“.
Von westlichen Lwiw (Lemberg) bis zum im Separatistengebiet der Ostukraine gelegenem Donezk lernen wir die Ukraine kennen, ein Land, „dessen Bahnlinien älter sind als die Grenzen“ und deren Geschichte durch ständig verschobene Grenzen und künstliche Trennlinien geprägt wurde und ist. Mitten in Lwiw steht ein Denkmal für Stepan Bandera – den Führer der ukrainischen Nationalisten, der mit Hitler kollaborierte und dessen Partisanenarmee an den Pogromen gegen Juden und Polen beteiligt war. Mühling erzählt die Geschichte von Bandera und seiner Ermordung durch das KGB, er besucht sein Grab in München, er spricht mit einem Veteranen der Bandera-Bewegung. Sachlich wird über die Verehrung von Bandera in „Teilen der Ukraine“ erzählt. In einer Bar feuern Nationalisten auf Zielscheibe mit den Konterfeis von Lenin, Stalin und Putin und bewundern die Militär-Ausstellungsstücke der Bandera-Armee. Doch Mühling will dabei kein Spielverderber sein und nimmt sogar „den anderen Gästen ihren Spaß“ nicht übel. Er findet Pani Kristina sympathisch – eine Museumsführerin in Lwiw, die über einen ehemaligen Bandera-Soldaten sagt: „Er hat im Krieg auf der falschen Seite gekämpft. Oder auf der richtigen, je nachdem“. Mit Verständnis hört Mühling einem Dessidenten aus Tschernowzy zu, der zwar kein Ukrainisch spricht, dafür aber sagt: „Wir halten hier mit ukrainischem Blut Moskaus Vormarsch auf den Westen“. Auch die alte Losung der Bandera Bewegung „Die Ukraine über alles!“ auf dem Sockel des abgestürzten Lenin-Denkmals in einer kleinen ukrainischen Stadt schreckt Mühling nicht auf. Er ist sogar bereit, ernsthaft über die Frage, ob man über Kiewer Rus sprechen darf, nachzudenken.  Schließlich seien ja die Geschichtsbücher „im Kreml geschrieben“. Und schon deswegen könnte die allgemein bekannte Tatsache, dass der Fürst Wladimir Rus in Kiew getauft hatte als „moskowitische Leseart“ verstanden werden. Ein Mitreisender weiß Beschied: Peter der Große habe den Urkainern ihre „Geschichte geklaut“.

Der Autor versucht dabei nicht zu urteilen, bietet seinem Leser die Möglichkeit, selbst zu schlussfolgern. Das war auch die Stärke von „Mein russischen Abenteuer“, wo wir oft solche Sätze lasen wie: „Ich hörte schweigend zu“ oder „Ich nickte stumm“. Doch bei dieser Zurückhaltung, dieser Art, den Menschen mehr Raum zu lassen, bleibt Mühling leider nicht konsequent genug. Sobald es sich um die russische Sichtweise geht, wird er zum Kritiker seiner Protagonisten. So versteckt er nicht seine Abneigung gegen Galina, die ihn durch einen Park in der Stadt Uman in der Zentralukraine führt: „Selten hatte ich die Propagandamythen des russischen Fernsehens in konzentrierter Form gehört!“ Seine russischen Gesprächspartner stehen fast allesamt unter starkem Einfluss der Propaganda. So erschreckt den Leser eine flüchtige Begegnung mit Viktor auf der Krim: er glaubt an amerikanische Diversanten und daran, dass die EU „alle russischen Christen zu Homosexuellen umerziehen“ möchte.

Keiner von seinen Freunden würde die Separatisten unterstützen, keiner habe am Unabhängigkeitsreferendum teilgenommen, sagt der junge Roman aus Donezk: „Abgestimmt haben nur Nostalgiker, die sich nach der Sowjetunion sehen“. Andere Stimmen hören wir nicht. Diese Erklärung reicht Mühling, denn er ist in die Ukraine gereist mit der Überzeugung, dass die alte Sowjetunion „ein großes Lager war“. „Ihre Insassen hatten es warm, (…) alle waren gleich. Dass sie Insassen waren, fiel den meisten gar nicht mehr auf“.

„Solange Frieden herrschte, haben wir nicht gesehen, wie gespalten unsere Gesellschaft ist. Die verborgenen Trennlinien zwischen den Menschen hat erst der Krieg wirklich sichtbar gemacht“, lässt Mühling einen seiner Gesprächspartner sagen. Wer das Buch „Schwarze Erde“ liest, spürt das ganz deutlich.




Buchankündigung: Wildes Feld – Eine dokumentarische Erzählung zum transnistrischen Krieg

Geschichte wiederholt sich nicht. Oder doch?

1992 ein blutiger Sprachenkrieg unter den Schlachtrufen „Für ein einheitliches Moldawien“ am südlichen Rand der zerfallenden Sowjetunion. Fünfundzwanzig Jahre später der ukrainische Krieg unter der Forderung „Ukraine für die Ukrainer“.

Das Muster ist gleich, das Gift des Nationalismus, der ethnischen und der kulturellen Säuberungen, das in den durch den Zerfall der Sowjetunion frei gewordenen Vielvölkerraum nördlich des Schwarzen Meeres eindringt.

Jefim Berschins Bericht lässt den transnistrisch/moldauischen Sprachenkrieg als Präzedenzfall einer Region erkennen, die sich nach dem Zerfall der Sowjetunion heute wieder in das „wilde Feld“ zu verwandeln droht, das sie als ethnischer, kultureller und politischer Durchgangsraum über Jahrhunderte war.

Was 1992 mit Transnistrien begann, sich mit Ossetien, Berg-Karabach und anderen Konflikten fortsetzte, steigert sich heute im ukrainischen Krieg.

Wer die Geschichte dieses Raumes, die Triebkräfte seiner Konflikte, die Dimension des Kulturbruchs verstehen will,  in das die Völker am Ende der systemgeteilten Welt geschleudert wurden und immer noch werden, findet in Berschins Bericht ein bewegendes, höchst aktuelles Zeugnis.

Aus dem Russischen mit einer Einführung von Kai Ehlers.

Das Buch wird im Juli 2016 erscheinen.




Feindbild Russland. Geschichte einer Dämonisierung

[Von Dr. Daria Boll-Palievskaya] „Pünktlich zum Gedenkjahr an den Ausbruch des Ersten Weltkrieges schwoll im Westen die lange vorhandene russophobe Grundstimmung zu manifestem Russenhass an“, beginnt das Buch „Feindbild Russland. Geschichte einer Dämonisierung“ des Wiener Historikers und Publizisten Hannes Hofbauer. Doch ist das Feindbild des „barbarischen“ Russen neu oder nur die neue Auflage der uralten Stereotypen? In seinem akribisch recherchierten und spannend geschrieben Werk verfolgt Hofbauer die 500 Jahre Geschichte der Beziehungen zwischen Russland und dem Westen. Seine Schlussfolgerungen sind alles andere als hoffnungsvoll.

Das Bild des „asiatischen, barbarischen Russland“ entstand im 15. Jahrhundert und war eine polnische Erfindung, die dazu diente den feindliche Staat als ein „Reich des Bösen“ darzustellen. Mit einigen wenigen historischen Ausnahmen (Begeisterung von Peter des Großen, Befreiungskriege von 1813-1814 und dann die kurze Welle des Enthusiasmus für Gorbatschow) pflegte der Westen die „russophobe Einstellung“. Dahinter steckte oft die Angst, dass Russland zu mächtig wird.

Schritt für Schritt verfolgt Hofbauer die Beziehungen zwischen Russland und dem Westen in der neusten Geschichte. Er zeigt, dass die USA sich einiges kosten ließen, um den Kommunismus von der Landkarte der Welt zu tilgen. Mit dem Afghanistan Krieg tappte Moskau in die Falle: die USA nutze den „afghanischen Hexenkessel“, um die Sowjetunion mit versteckten Missionen zu destabilisieren. Der Autor deckt auf, dass die USA Administration schon Mitte der 80er Jahre darauf setzte, die Ölpreise zu senken, um der Sowjetunion zu schaden: dabei waren die Saudis einer der “wichtigsten Komponenten in der Strategie Reagans“. 1987 musste Michail Gorbatschow eingestehen: „Wir haben unser Land in ein Militärlager verwandelt; und der Westen will uns in ein zweites Szenario eines Rüstungswettlaufs treiben. Er rechnet mit unserer militärischen Erschöpfung: und dann wird er uns als Militaristen porträtieren“.          Auch die ganze Ära Jelzin ist für den österreichischen Historiker die Phase in der Geschichte Russlands, wo Washington seine Hände im Spiel hatte. Sogar die sogenannte Schoktherapie von 1992 und die Privatisierung, die das Oligarchensystem herausbildete und eine verheerende Rolle für die russische Wirtschaft hatte,  war mehr oder weniger von Amerikanern gesteuert: „Das Washingtoner Finanzministerium spielte in den ersten Jahren der russischen Transformation eine zentrale Rolle“.

Auch das Problem der Osterweiterung der NATO, die 2016 bis zu den Pforten Russlands reicht, nimmt Hofbauer unter die Lupe. Er erinnert an die Worte von Genscher, der 1990 zu dem damaligen Außenminister Schewardnadse wörtlich sagte: „Die NATO werde sich nicht nach Osten ausdehnen“. Doch schon auf ihrem Gipfel in Rom im Jahre 1991 stellte die Militärallianz „ihr Radar von Defensive auf Offensive“. 2004 sind sieben EU-Beitrittskandidaten dem Nordatlantikpakt beigetreten. Für Hofbauer ist glasklar: die NATO verfolgt „die Strategie der Einkreisung Russlands“.
Der Autor analysiert die Frage, was mit der Machtübernahme von Putin in Russland passiert ist und was der Nachfolger von Jelzin erreicht hat. Seiner Meinung nach hat Putin die Macht im Land konsolidiert, die administrative Re-Zentralisierung durchgeführt und die Armut reduziert. Von Anfang war Putin bemüht, „die in den 1990er Jahren bis zur Unkenntlichkeit zerstörte Staatlichkeit weder herzustellen“.  Die Beziehungen zwischen Russland und dem Westen schienen sich zu entspannen. Für Putin war die EU ein wichtiger strategischer Partner. Er hoffte mit ihrer Hilfe „die von den USA seit 1999 immer offensiver betriebene Einkreisung Russlands“ zu verhindern. Doch sein Kalkül ging nicht auf. Je klarer wurde, dass der neue russische Präsident „aus den Fußstapfen von Jelzin“  heraustrat und das Land sich auf den Weg machte, sich von den Strapazen der 90er Jahre zu erholen, desto skeptischer wurde man in Brüssel. „Die Wortkreation „Putinismus“ machte die Runde; sie war von Anfang an negativ konnotiert“.

Hofbauer geht auf „Farbrevolution“ ein, um festzustellen, dass sie mit „Soft Power“ der westlichen Regierungen unterstütz wurden, und zwar dort, wo dem Brüsseler „Demokratiemodell nicht ausreichend gefolgt wird“.  Ein großes Kapitel ist natürlich auch dem „Kampf um die Ukraine“ gewidmet. Der Autor beleuchtet den Ukraine-Konflikt von allen Seiten, erschlägt beinahe den Leser mit Fakten, Daten und Zahlen. Doch seine Schlussfolgerungen sind klar: es ging vor allem um den „Expansionshunger“ von Brüssel, der auch „nach drei Erweiterungsrunden gegen Osten noch nicht gestillt“ war. Hofbauer nimmt kein Blatt vor den Mund: „Spätestens Mitte Dezember 2013 war auch klar, dass die Ukraine Brüssel und Washington nur als Kampffeld gegen Russland diente“.

Ob die Geschichte mit der Krim, Minsker Abkommen, die Sanktionen gegen Russland, die Eurasische Union, die Dämonisierung von Putin  –  jeder, der Zusammenhänge verstehen will und Fakten braucht, für den soll das Buch „Feindbild Russland“ ein Nachschlagewerk sein. Der Ausblick des Wiener Historikers ist alles andere als optimistisch. Er zitiert eine Moskauer Soziologin, die die Beziehungen zwischen Moskau und dem Westen so zusammenfasste: „In der Ära Gorbatschow-Jelzin lautete die Devise im Westen, sich mit Russland zu engagieren; während der ersten Putin-Jahre bis 2008 hieß es, sich mit Russland zu arrangieren; und seit 2008 sich gegen Russland zu engagieren“. Die negative Einstellung zu Russland ist im Westen tief verwurzelt und hat geopolitische Gründe, ist Hofbauer überzeugt. Nach der Lektüre des umfassenden fundierten Werkes ist das auch jedem seiner Leser klar.

Daria Boll-Palievskaya-russland.NEWS




Russische Literatur: „Sankya“

[von Dr. Christian Wipperfürth] Zakhar Prilepin (geb. 1975), der Autor des Romans „Sankya“, ist einer der wichtigsten zeitgenössischen russischen Autoren, vielleicht der berühmteste seiner Generation.

In den 1990er Jahren stieß er zu den „Nationalbolschewiken“, einer radikalen bis extremistischen Gruppierung mit nationalistisch-egalitär-kommunistischen Idealen, die immer wieder mit spektakulären Aktionen versuchte, die Staatsmacht bloß zu stellen. Im Protestwinter 2011/12 waren die Nationalbolschewiken eine der tragenden Säule der Opposition gegen den Kreml.*

Prilepin ist weiterhin Mitglied der seit 2005 verbotenen Nationalbolschewiken, gleichwohl hat er zahlreiche angesehene russische Literaturpreise gewonnen, renommierte Verlage veröffentlichen seine Bücher. Er arbeitet auch als Redakteur der Oppositionszeitung „Nowaja Gazeta“.

„Sankya“ ist ein Roman, der meines Erachtens nur in Russland spielen kann, nur von einem Russen geschrieben werden konnte. In gewisser Hinsicht hätte er auch vor 120 Jahren verfasst sein können. Die russische Kritik verglich Prilepin mit dem jungen Maxim Gorki. Es ist Zusammenstellung verschiedener Charakteristika und ihr Ausmaß, die „Sankya“ „typisch Russisch“ erscheinen lassen: die Radikalität, der Anarchismus, die Bereitschaft, Schmerzen zu erleiden und zuzufügen, die Brutalität, die Zärtlichkeit und Loyalität, der Mut, die Unbesonnenheit, der sehr hohe Wert, den die Ehre spielt, die Liebe zum eigenen Land und zugleich die Verzweiflung an der Realität. Und die Sehnsucht nach Erlösung, nach einer Vision.

„Sankya“ ist fern jeder Ironie oder modischem Zynismus. Prilepin ist ernst und unbedingt. Der (auch ins Deutsche übersetzte) Roman zeichnet selbstverständlich kein umfassendes Bild der russischen Gegenwart oder der 90er Jahre. Er ist einseitig. Darstellungen der Gewalt fand ich kaum erträglich. Auch die verbreitete Hoffnungslosigkeit macht „Sankya“ zu einer schwer verdaulichen Kost. Gleichwohl empfehle ich Ihnen die Lektüre dieses so sehr russischen und beeindruckenden Buchs.

Foto: http://zaharprilepin.ru/img/foto/fotoset/6.jpg

* Die Protestbewegung habe ich ausführlich analysiert, s. insbesondere http://www.cwipperfuerth.de/2012/02/21/umbruch-in-russland-eine-zwischenbilanz-folge-i/;

http://www.cwipperfuerth.de/2012/02/28/umbruch-in-russland-eine-zwischenbilanz-folge-ii-3/;

http://www.cwipperfuerth.de/2012/03/02/umbruch-in-russland-eine-zwischenbilanz-folge-iii/;

http://www.cwipperfuerth.de/2012/03/07/382/; http://www.cwipperfuerth.de/2012/03/12/umbruch-in-russland-unter-veranderten-vorzeichen-oder-sein-ende-teil-i/)




Russland? Niemals!


Das ist nicht die Meinung des Autors dieses russland.RU-Artikels, der eigentlich eine Buchrezension werden sollte. Aber man bekommt beim Lesen des neuen Buchs „Was sie dachten, niemals über Russland wissen zu wollen“ des Autors Alex Albrecht, den Eindruck, dass es dessen Meinung sein könnte – wenn man nicht ein wenig hinter seine Denkweisen schaut. Dieser hat zu seinem Unglück eine – im Buchumschlag leider längenmäßig nicht definierte – Zeit in Russland als Journalist überleben müssen. Wenn man dieses neue Werk liest, tut einem der arme Tropf schon etwas leid deswegen, denn einem Autisten gleich ging er durch ein Land ohne es zu begreifen oder auch nur zu spüren.

Russland ohne inneren Bezug

Immerhin ist er ehrlich und stellt gleich zu Beginn des Machwerks fest, dass er in Russland zwar Zeit verbracht, aber nie einen inneren Bezug zum Land gefunden hat. Das stimmt. Er ist garantiert die gesamte Zeit verschlossen in seiner deutschen mainstreamigen Gedankenwelt geblieben.  Hat sich gefreut, wenn er endlich mal nach Deutschland zurück durfte und den Tag der Rückreise nach Russland gehasst. Wohl als Rache für die Zeit, die er dennoch im journalistischen Auftrag dort verbringen musste, hat er nun ein Buch geschrieben, das man sehr gut als „Verriss eines Landes“ charakterisieren kann. Wo er selber war? In Sotschi, das er so beschreibt: „Ein paar Parks, ein paar Denkmäler, ein paar Museen – fast wie jede andere Stadt dieser Welt.“ In der Tat kann man jede Stadt der Welt  (inklusive Paris, Rom oder Sankt Petersburg) so beschreiben, wenn man nur eins hat: Keinerlei inneren Bezug zum Flair, zur Atmosphäre und zu den Menschen dort. Genau das ist das Problem, welches Autor Albrecht mit Russland und den Russen hat und auf 244 recht langatmigen Seiten auswalzt.

Was schlecht ist und was schlecht gemacht werden muss

Das Buch zerfällt in 55 Kapitel von zwei Grundtypen. Typ eins beschreibt Dinge, die in Russland in der Tat problematisch sind oder aus rein deutscher Sicht irgendwie  merkwürdig. Diese werden pauschalisiert, künstlich überhöht und anhand passender Beispiele im schwärzesten Schwarz ausgemalt. „Der Russe ist abergläubisch“ – dieses Zitat (!) beschreibt beispielsweise recht treffend Inhalt und Stil des Kapitels über russischen Aberglauben in einem Satz. Alles außen herum auf diesen Seiten ist Dekoration, um nachzuweisen, wie furchtbar abergläubisch „der Russe“ ist. Ähnlich verhält es sich mit Kapiteln zu russischen Geheimdiensten („zwischen Orwell und Kafka“)  oder über das in der Tat marode russische Gesundheitssystem, das der Autor, um es ja schwarz genug hinzubekommen mit einigen Ergüssen über russische Biowaffen (!) garniert.

Typ zwei sind Kapitel, die Dinge beschreiben, die eigentlich auch aus deutscher Sicht nichts negatives sind, wie die Natuverbundenheit vieler Russen. Diese werden pauschalisiert und ebenso versucht, sie über Klischees ins Lächerliche zu ziehen. Ebenfalls eine „Kostprobe“ aus dem Werk? „Der Russe an sich ist halt ein Naturbursche“. Das ist die Überschrift etwa dieses Kapitels und in ähnlichem Stil geht es weiter. Der Russe flieht nur in die Natur, weil „das Land so richtig viel mit Spaß und Unterhaltung nicht zu bieten“ hat. Na, ist die Kinnlade des Rezensionslesers gerade ebenso herunter geklappt, wie die des Rezensenten beim Durchlesen dieses Buchs? Muss der Rezensent erwähnen, dass er sehr viele spaßige und unterhaltsame Momente in Russland erlebt hat, um diesen aufs extremste pauschalisierenden Blödsinn etwas entgegen zu setzen? In einem anderen Kapitel beschreibt Albrecht etwa die Gastunfreundlichkeit der Russen – ja wirklich, ja in der Tat! „In Russland ist die Welt zu Gast bei Feinden“ heißt das Kapitel und darin liest man „Das Reisen im Riesenreich ist ein Krampf, der schon schmerzt, bevor man einen Fuß ins Land gesetzt hat“. Ja, das steht da wirklich! Wer einmal in Russland bei „echten“ Russen zu Gast war oder mit ihnen durchs Land gereist ist, unter den Einheimischen selbst, wird sich hier etwas die Augen reiben, ob er vielleicht woanders war, als der Autor. Ausführlichst malt Albrecht danach Behördenformalia aus, übersieht dabei aber beispielsweise die wesentlich härtere Ochsentour, die russische Reisende nach Deutschland zu überstehen haben und gegen die die Registrierung bei der russischen Post, die ihm offenbar furchtbar erscheint, ein Kinderspaziergang ist. Wie  in jedem Kapitel werden negative Seiten überzeichnet und positive ausgeblendet oder lächerlich gemacht.

Im Osten nichts Neues

In diesem Stil geht es fort. Architektur, das sind Plattenbauten, Russland ist selbstverliebt, in Russland ist es kalt, Russland ist korrupt, alle russischen Medien sind gleichgeschaltet, die Russen sind rechts, die russische Sprache kaum erlernbar und überall ist´s unsicher. Wir erleben einen Kessel Buntes mit Problemen, Halbwahrheiten und Vorurteilen denen nur die konsequente Pauschalisierung gleich ist – denn „die Russen sind“ in dem Buch immer gleich, außer es ist gleich „der Russe“. Nicht gegen ein kritisches Russlandbuch, aber Kritik muss auch differenzieren und wenn man – wie Albrecht – mit dem Anspruch antritt, Russland zu beschreiben, sollte man sich nicht nur auf das Negative beschränken. Sonst ist das Geschriebene nichts weiter als ein übles Geläster auf Stammtisch-Niveau.

Gerade die Formulierung „der Russe“, im Buch immer wieder präsent, erinnert uns ein wenig an eine Zeit, als auch in Deutschland die selbst ernannten Weltoffenen noch nicht die Herrschaft erlangt hatten. In der Rassismus nicht nur orthografisch groß geschrieben wurde. Wie definiert Wiktionary eigentlich „Rassismus“: „Lehre zur Rechtfertigung von Diskriminierung, nach der bestimmte Völker oder Volksgruppen anderen generell überlegen seien“. Ist das neue Buch von Albrecht gegenüber den Russen eventuell rassistisch? Das sollen andere Leser beurteilen, aber bedenklich ist es schon, wie sehr der Autor seine persönliche Weltsicht als völlig überlegen über die„russische“ sieht. Es ist auf jeden Fall der erste wichtige Schritt, den Rassismus voraussetzt, ein Volk pauschal in eine Schublade zu stecken. Und der zweite, diese fast ausschließlich negativ zu beschreiben.

Eine selektive Leseempfehlung

Am Ende erwartet der Leser dieser Rezension eventuell vom Rezensenten, dass er vor dem Lesen dieses Buchs warnt. Aber das stimmt nicht. Es ist für zwei Lesergruppen die 9,95 Euro Kaufpreis wert. Zum einen für Leute, die Russland schon aus der Ferne furchtbar finden und das endlich einmal von jemandem bestätigt bekommen wollen, der selbst dort war. Nach dem Lesegenuss werden sie sich mit dem Gefühl, es ja schon immer gewusst zu haben, zurücklehnen können.

Zum anderen taugt es aber auch als Milieustudie. Viele  Russlandkenner, die das Land über viele Jahre sehr genau kennen gelernt haben, fragen sich: Wie können die zeitlich nach Russland abgeordneten Mainstream-Journalisten nur mit Überzeugung das schreiben, was sie schreiben? Wie können sie trotz ihrer Anwesenheit im Land so wenig verstehen? Auf dem Kopfschütteln über diesen Umstand basiert manche Verschwörungstheorie über „Lügenpresse“ und ähnlicher Unsinn. Die Wahrheit ist: Diese Journalisten lügen nicht bewusst. Russland dringt gar nicht zu ihnen durch. Sie sind gefangen in ihren eigenen Denkmustern und auch nicht bereit, die deutsche Sicht der Dinge zu hinterfragen oder gar zu verlassen, über den Tellerrand wirklich hinaus zu denken. Sie sind im Besitz der Wahrheit, ihrer Wahrheit. Das Buch zeigt unfreiwillig, wie so ein Journalist denkt, wie unzerstörbar manch Gedankengebäude ist, so dass auch die echte Realität, die ihn komplett umgibt, keine Chance hat. Wie man sich in einem fremden Land abkapseln kann, das eigene eigentlich gar nicht verlässt.

Wer sich für die Denkweise eines Musterbeispiel eines Mainstream-Journalists interessiert und Russland, wie es wirklich ist, kennt, den könnte das Buch interessieren. Geeignet ist es nur nicht für die Choleriker unter den Russlandfans. Denn manchmal könnte man sich einfach aufregen. Und wer Russland noch nicht selbst kennt: Über dieses Buch wird man es nicht durch jemanden kennen lernen, der es kennt. Denn so richtig war der Autor eigentlich nie dort.

Alex Albrecht: Was Sie dachten, niemals über Russland wissen zu wollen, Conbook Medien Meerbusch, 2015, ISBN 978-3958891029