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Kategorie: 7. November - russland.NEWS - russland.TV

Vor 100 Jahren: Kommunisten übernehmen Macht in Russland

[von Lothar Deeg] Der Jahrestag der „Großen Sozialistischen Oktoberrevolution“ von 1917 war einer der wichtigsten sowjetischen Feiertage – und wurde an jedem 7. November mit Massenaufmärschen begangen. Nun jährt sich die Geburtsstunde des ersten kommunistischen Staates der Welt zum 100. Mal.

Offiziell gefeiert – oder auch nur begangen – wird der Revolutions-Jahrestag in Russland heute nicht. Arbeitsfrei ist dieser Schlüsselmoment für die Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts seit 2005 in Russland nicht mehr. Damals wurde stattdessen der 4. November zum „Tag der Volkseinheit“ mit Feiertagsrang erhoben – zur Erinnerung an die Vertreibung polnischer Besetzer aus dem Kreml durch ein russisches Volksheer. Das geschah allerdings schon im fernen Jahr 1612.

Eine Chronik des Revolutionstages

Was geschah damals in Petrograd (wie die Hauptstadt St. Petersburg seit 1914 genannt wurde) an jenem 7. November 1917 – wobei man in Russland nach dem damals gültigen Julianischen Kalender den 25. Oktober schrieb (deshalb der Name Oktoberrevolution)?

Eigentlich war es nur ein weiterer Putsch in dem an Aufruhr und Umsturzversuchen reichen Jahr 1917. Die nach dem Sturz des Zaren im Februar gebildete bürgerlich-sozialistische Regierung, die sich selbst als „provisorisch“ bezeichnete, saß nur noch äußerst wackelig im Sattel. Als zweites Machtzentrum hatte sich in der Stadt der Petrograder Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten gebildet. Überall im Land, in den Städten und an der Front gärte es – vor allem, weil die neuen Machthaber den Krieg gegen die Mittelmächte fortführten und die Wirtschaft und Versorgung faktisch kollabiert waren.

In Petrograd nahmen dennoch die meisten Bürger die schicksalshafte Revolution gar nicht richtig zur Kenntnis, denn an gelegentliche Barrikaden, Scharmützel und Panzerwagen auf den Straßen hatte man sich im Laufe dieses chaotischen Jahres gewöhnt. Auch am 7. November verkehrten die Straßenbahnen, Theater und Restaurants hatten geöffnet.

Lenins Timing

Dabei tickte die revolutionäre Uhr bereits: Bolschewikenführer Wladimir Uljanow, genannt Lenin, hatte erkannt, dass die Machtergreifung seiner Bewegung genau an diesem Tag erfolgen müsste: Denn am 25. Oktober sollte im Smolny erstmals ein „Allrussischer Kongress der Arbeiter-, Soldaten und Bauern-Deputierten“ zusammentreten. Und Lenin wollte diese nationale Versammlung einerseits nutzen, um sich von ihr die Machtergreifung legitimieren zu lassen, andererseits aber ausschließen, dass dieses große, behäbige und ideologisch vielfältige Gremium selbst die Leitung der Revolution übernehmen könnte.

Deshalb handelte das „Militär-Revolutionäre Komitee“ der Bolschewiken unter der Führung von Leo Trozki zunächst auf eigene Faust. Lenin agierte als Mastermind nur im Hintergrund, denn er stand auf der Fahndungsliste der Behörden. Doch zweieinhalb Wochen zuvor war er aus Finnland insgeheim im Führerstand einer Lok in die Hauptstadt zurückgekehrt und versteckte sich in einer konspirativen Wohnung einer Genossin in der Serdobolskaja Uliza 1 auf der Wyborger Seite. Mit den Putschisten Kontakt halten konnte er deshalb nur über Kuriere.

Kostümiert zur Machtergreifung

Doch in der Nacht auf den 25. Oktober übernahm Lenin selbst die Koordination des Aufstands: Er rasierte seinen charakteristischen Bart ab, zog einen alten Mantel und eine Kappe an – und wickelte sich einen Schal um den Kopf: Für den Fall einer Kontrolle wollte er behaupten, er habe schreckliche Zahnschmerzen.

Begleitet von einem finnischen Mitstreiter fährt er mit der Straßenbahn bis kurz vor die Litejny-Brücke, die restlichen drei Kilometer gehen sie zu Fuß. Tatsächlich werden die beiden Revolutionäre unterwegs zweimal von Patrouillen der Regierungstruppen kontrolliert, aber nicht enttarnt. Die These, die Machtübernahme der Bolschewiken wäre wohl gescheitert, wenn Lenin in dieser Nacht nicht zu seinen Genossen in den Smolny durchgekommen wäre, ist unter Historikern recht weit verbreitet.

Alle Schaltstellen besetzt

In den Nachtstunden und am frühen Morgen besetzen Trupps des Revolutionskomitees nach und nach die wichtigsten Bahnhöfe, Kraftwerke, die Staatsbank und die Newa-Brücken. Auch geht der von revolutionären Matrosen übernommene Panzerkreuzer „Aurora“ auf der Newa unterhalb der Blagoweschtschenski-Brücke vor Anker. Mit der Übernahme des Telefonamts werden viele – aber nicht alle – Kommunikationskanäle der im Winterpalast tagenden Regierung und des Militärstabs im gegenüberliegenden Generalstabsgebäude gekappt. Der Putsch verläuft weitgehend unblutig – die roten Garden stoßen fast nirgendwo auf zum Kampf entschlossene Bewacher.

Regierungs-Chef Kerenski kann sich absetzen

Einen richtigen Belagerungsring um dieses Machtzentrum vermögen die Aufständischen aber nicht zu schließen. Deshalb gelingt es dem Regierungschef Alexander Kerenski noch gegen 11 Uhr am Vormittag, den Winterpalast mit einem Autokonvoi zu verlassen: Er wollte im Hinterland und an der Front eine loyale Streitmacht mobilisieren, um den Aufstand der Ultralinken niederzuschlagen. Daraus wurde jedoch nichts – Kerenski ging später ins Exil und lebte bis zu seinem Tod 1970 in den USA.

Erfolgsmeldungen vor vollbrachter Tat

Obwohl die alte Regierung nach wie vor im Winterpalast sitzt, verkünden die Revolutionäre bereits stolz ihren Sieg –  und versprechen „das sofortige Angebot eines demokratischen Friedens, die Aufhebung der gutsherrlichen Eigentumsrechte, die Kontrolle der Produktion durch die Arbeiter und die Bildung einer Sowjetregierung“. Am Nachmittag verkündet Trotzki vor dem Petrograder Sowjet, die Macht der Kerenski-Regierung sei mit dem „Gnadenstoß des Besens der Geschichte“ hinweggefegt worden.

In Laufe des Nachmittags schließen die Putschisten ihren Belagerungsring um den Winterpalast. Doch lange ist unklar, wie stark und vor allem wie kampfwillig die dort verbliebenen Verteidiger der Regierung – Offiziersschüler, sog. Junker, Kosaken und ein Frauen-Bataillon – denn sind. Auch warten die Revolutionäre auf Verstärkung durch Matrosen aus Kronstadt und Helsingfors (Helsinki).

Zweimal stellen die Aufständischen den Palastverteidigern am frühen Abend Ultimaten, sich zu ergeben. Die weigern sich, doch der Angriff bleibt zunächst aus. Allerdings verlassen einige größere Gruppen der Junker und der Kosaken den Palast, da sie die Sinnlosigkeit einer Gegenwehr und die fehlende Unterstützung von außen erkennen.

Beschuss des Winterpalastes – aber nicht durch die Aurora

Nach 21 Uhr beginnt der Beschuss des Palastes mit leichten Waffen. Der in vielen Chroniken erwähnte Blindschuss der „Aurora“ als Signal für den Sturm auf die einstige Zarenresidenz gegen 21.40 Uhr ist allerdings eine Fehldeutung: Das Buggeschütz der Aurora feuerte zwar einmal, aber dies war eine Antwort auf einen Signalschuss von der Peter-Pauls-Festung, die ebenfalls in den Händen der Aufständischen war.

Beschossen hat die „Aurora“ den Winterpalast ebenfalls nicht, dies hätte ihre Position auf der Newa ein gutes Stück flussabwärts auch gar nicht erlaubt. Mit Kanonen gefeuert wurde von der Festung – doch gelang es den Kanonieren der Revolutionäre nur zweimal, den weniger als einen Kilometer entfernten riesigen Palast zu treffen – die meisten ihrer über 30 Schüsse gingen vorbei.

Der „Sturm“ des Winterpalastes

Nach Mitternacht drangen dann erste Gruppen der Revolutionäre von verschiedenen Seiten durch die zahlreichen Tore und Türen in den Palast ein. Bilder von diesem Ereignis gibt es nicht, der vielfach zur Illustration herangezogene Massensturm zeigt Szenen aus dem zehn Jahre später von Sergej Eisenstein am Originalschauplatz gedrehten Propagandafilm. Im Innern des Palastes kam es zu Kämpfen, aber das befürchtete Blutbad blieb aus: Die Rede ist von sechs Toten und 50 Verletzten auf beiden Seiten.

Um 2.10 Uhr wurden die verbliebenen Minister der Kerenski-Regierung festgenommen. Fast schwieriger als die Eroberung des Palastes gestaltete es sich anschließend für die Koordinatoren der Revolution, ihre siegreichen Truppen wieder aus den wohlgefüllten Weinkellern des Zarenschlosses herauszuholen und die revolutionäre Disziplin wiederherzustellen.

Lenins Widersacher wurden übertölpelt

Im Smolny war derweil der Allunions-Kongress der Sowjets zusammengetreten. Lenins Gegner, weit weniger radikale Sozialrevolutionäre, Sozialdemokraten und Menschewiki, sind empört über die Usurpierung der Macht durch die Bolschewiki und fordern eine Politik der Verständigung mit den bürgerlichen und demokratischen Kräften. Nach heftigen Wortgefechten verlassen sie noch in dieser Nacht unter Protest den Kongress – und überlassen damit Lenin und seinen mit allen Mitteln zur Macht drängenden Bolschewiken die Initiative und die Kontrolle über die Hauptstadt.

So wenig Blutvergießen die eigentliche Machtergreifung der Bolschewisten auch mit sich brachte: Alsbald begannen sie ihr Terror-Regime zu errichten – und Russland versank für vier Jahre in einem extrem gewalttätigen und von beiden Seiten grausam geführten Bürgerkrieg mit Millionen Opfern. Doch dies ist eine andere Geschichte.

[Lothar Deeg/russland.NEWS]




Februar-Revolution vor 100 Jahren: Russland schüttelt die Zaren ab

[von Lothar Deeg] Über 300 Jahre hatte die Dynastie der Romanow-Zaren mit absolutistischer Macht über Russland geherrscht. Doch 1917 brach ihre Herrschaft innerhalb einer Woche zusammen: Mit der Februar-Revolution endet Russlands Geschichte als Monarchie, Kaiser Nikolaus II. dankt ab – und das revolutionäre Chaos gebiert einige Monate später die Sowjetherrschaft.  

Russlands Hauptstadt Petrograd – wie St. Petersburg seit dem Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 genannt wurde – schwirrte im harten Kriegswinter  1916/17 geradezu vor Gerüchten und Verschwörungstheorien: Zar Nikolaus II., der das Oberkommando über die Streitkräfte des Russischen Reichs selbst übernommen hatte, saß zwar formell noch fest im Sattel, seine Familie führte im Residenz-Vorort Zarskoje Selo ihr gewohntes höfisches Leben – im ersessenen Reichtum, aber abseits der Realität: Denn nach zweieinhalb Jahren eines verbissen geführten Kriegs gegen Deutschland und Österreich hatte Russland große Territorien verloren, es war wirtschaftlich und moralisch ausgezehrt, die Inflation galoppierte und die Versorgung der großen Städte mit Lebensmitteln wurde immer schlechter.

Bei Arbeitern und Soldaten gärte es, ihr Unmut wuchs sich langsam aus in Hass auf das Herrscherhaus und seine Vasallen, vor allem die Polizei. Auch in weiten Kreisen der Intelligenz, des Bürgertums, der Armeeführung und des Adels – bis hinein in die weitverzweigte Kaiserfamilie –  war man sich im Klaren, dass es so nicht weitergehen konnte: „Wir stehen auf einem Vulkan, und schon der kleinste Funke, der kleinste falsche Schritt kann eine Katastrophe auslösen“, hatte ein Bruder des Zaren schon im November 1916 Nikolaus II. gewarnt. Von allen Seiten wurde er bedrängt, freie Wahlen und eine dem Parlament verantwortliche Regierung einzusetzen – doch der Zar war zu keinerlei Reformen bereit: Er war der Meinung, der Krieg ginge vor – und jedweder Aufruhr sei mit Gewalt zu unterdrücken.

Als „Kind, das am Abgrund tanzt“ bezeichnete ihn sogar sein eigener Stabs-Chef General Michail Alexejew: Und schlimmer noch: „Geführt wird das Land von einer verrückten Frau, um sie herum ein Haufen dreckiger Würmer.“ Gemeint war die Zarengattin Alexandra Fjodorowna – und ihr Umfeld, in dem der obskure Wunderheiler Rasputin eine Schlüsselrolle einnahm. Die Zarin, geboren als Alix von Hessen-Darmstadt, war zudem noch gebürtige Deutsche.  Ihre Abschiebung in ein Kloster, die Absetzung des Zaren im Rahmen einer Palastrevolte – wie es sie in der Romanow-Geschichte ja nicht einmal gegeben hatte – und die Einsetzung eines reformwilligen, konstitutionellen Monarchen, war der gemeinsame Nenner der damaligen Salongespräche der politisch wichtigen Kreise. Keine Partei und keine soziale Schicht stand mehr auf Seiten des Zaren. Doch noch warteten Adel, Generalität und die Duma – das oppositionell gestimmte, aber machtlose Parlament – ab, wer wohl als erster gegen den Kaiser aufbegehrte. Einzig Rasputin wurde im Dezember 1916 von Verschwörern ermordet.

Der Staat kollabiert: Anarchie auf Petrograds Straßen

Doch ab dem 23. Februar – nach dem damals in Russland noch gültigen julianischen Kalender, im sonstigen Europa schrieb man den 8. März – ergreift eine Klasse die Initiative, die bisher im agrarisch geprägten Russland kaum Gewicht hatte: das Proletariat. Die bisher gelegentlichen Streiks in den Fabriken und Unruhen in den Schlangen vor den Bäckereien der Hauptstadt wachsen sich zu Massendemonstrationen und einem Generalstreik aus: Am 24. Februar strömen über 200.000 Arbeiter ins Stadtzentrum, ihre Hauptlosungen lauten „Brot, Frieden, Freiheit!“ und  „Nieder mit dem Zaren!“ Die Polizei ist gegen die Mengen machtlos, zwei Dutzend Gendarmen werden von der Menge massakriert. Nun wird das Militär mobilisiert.

Am 26. Februar, einem Sonntag, werden auf dem Newski Prospekt und am Moskauer Bahnhof etwa 40 Demonstranten erschossen. Doch auf die Armee ist kein Verlass mehr: Erste Einheiten verweigern den Schießbefehl und laufen zu den Aufständischen über. „In der Hauptstadt herrscht Anarchie“ kabelt Duma-Vorsitzender Michail Rodsjanko an den Zaren, der wenige Tage zuvor wieder ins Armee-Hauptquartier nach Mogilew gefahren war. Der Zar reagiert auf seine Weise: Er erklärt telegrafisch die Duma für aufgelöst.

Tags darauf kollabiert die Macht des Monarchen: Das Parlament fügt sich nicht, sondern setzt ein „provisorisches Komitee“ ein, das die zaristische Regierung für abgesetzt erklärt und die Kontrolle über die Ministerien übernimmt. Derweil werden von den Massen Polizeistationen und Gefängnisse gestürmt, Waffenarsenale geplündert.  Und das Militär rebelliert offen gegen zarentreue Kommandeure – die revolutionären Truppen gründen einen „Arbeiter- und Soldatenrat“. Der „Petrograder Sowjet“ avanciert dank seiner bewaffneten Kämpfer zum zweiten Machtzentrum. Stadtkommandant Sergej Chabarow kann nur noch auf 1100 Soldaten rechnen, die sich in der Admiralität verschanzt haben.

Abdankung in der Provinz: Nikolaus II. gibt auf

Am 28. Februar begeht Nikolaus II. seinen wohl letzten großen Fehler: Er verlässt per Bahn das von loyalen Truppen gehaltene Hauptquartier, um nach Zarskoje Selo zurückzukehren – knapp 1000 Kilometer Strecke. 40 Stunden lang kann er nur sporadisch telegrafischen Kontakt mit der Hauptstadt halten. Die letzten Bahnhöfe vor Petrograd sind jedoch angeblich von Revolutionären besetzt – weshalb der Zarenzug nach Pskow fährt, wo sich der Stab der Nordfront befindet. Der Monarch hofft noch immer, genug treue Truppen zusammenziehen zu können, um die Revolte niederzuwerfen. Zwischenzeitlich hat der Aufstand auch auf Moskau übergegriffen – und die Revolutionäre kontrollieren bereits die zentrale Eisenbahnverwaltung. Die Armee droht handlungsunfähig zu werden, eine Niederlage im Krieg wäre die Folge.

Inzwischen hat auch die Generalität den Zaren aufgegeben – und rät ihm, sich den Forderungen nach einem Machtverzicht nicht mehr zu widersetzen. Am 2. März (nach heutigem Kalender der 15. März) erklärt sich der Zar zunächst bereit, eine gegenüber der Duma verantwortliche Regierung zu akzeptieren. Wenige Tage zuvor wäre dieser Schritt wohl noch seine Rettung gewesen, doch nun teilt aus Petrograd der Duma-Vorsitzender Michail Rodsjanko mit, dass dies nicht mehr ausreicht: „Die Leidenschaft der Massen ist so erhitzt, dass es kaum möglich sein wird, sie zu dämpfen. Die Streitkräfte sind endgültig demoralisiert, sie gehorchen nicht nur nicht mehr, sie bringen ihre Offiziere um. Der Hass gegenüber der Kaiserin hat alle Grenzen überschritten. Um Blutvergießen zu vermeiden, war ich gezwungen, alle Minister in der Peter-Pauls-Festung zu arretieren.“

In Pskow treffen zwei Duma-Abgeordnete ein, um den Zaren zur Abdankung zu bewegen, was das Chaos bändigen sollte. Um 23.40 Uhr unterzeichnet Nikolaus II. in seinem Salonwagen das Manifest, in dem er für sich und seinen Sohn, den kränklichen Zarewitsch Alexej, auf den Thron verzichtet. „Rundum Verrat, Feigheit und Betrug“, notiert er anschließend in seinem Tagebuch.

Die Zarenwürde überträgt Nikolaus auf seinen jüngeren Bruder Michail. Doch dieser verzichtet am nächsten Tag nach Beratungen mit der soeben von Duma und dem Sowjet gebildeten Provisorischen Regierung: Er werde den Thron erst annehmen, wenn dieser ihm von einer demokratisch gewählten Volksversammlung angeboten werde – was aber nie geschah.

Das Chaos von 1917 gebiert eine zweite Revolution

Der gestürzte Zar kehrte eine Woche später zu seiner Familie zurück – faktisch als Gefangener, denn die Romanows standen nun in ihrem Palast unter Hausarrest. In Petrograd, wo die Revolution über 1300 Tote und Schwerverletzte gefordert hatte, war zwar die alte Ordnung gestürzt, eine neue war jedoch nicht so schnell zu etablieren: Im Laufe eines halben Jahres wurde die Regierung noch drei Mal umgebildet, es gab zwei Putschversuche. Angst, Hunger, Kriminalität, Mangel und Willkür prägten nun den Alltag – wer konnte, verließ die im Schmutz erstarrende, einst so prächtige Stadt.

Im Oktober rissen dann die Bolschewiken die Macht erfolgreich an sich – doch nun versank ganz Russland für einige Jahre in einem brutalen Bürgerkrieg. Etwa zehn Millionen Menschen kamen durch Terror und blanke Not in dieser Zeit in Russland um.

Umsturz – nein danke: Der Kreml hängt das Jubiläum tief

Die prominentesten Opfer waren der Ex-Zar und seine Familie: Sie wurden im Juli 1918 im Ural als Volksfeinde erschossen – und im Jahr 2000 als Märtyrer von der orthodoxen Kirche heiliggesprochen. Schon allein diese Ambivalenz  verhindert, dass der 100. Jahrestag des Sturzes des legitimen Staatsoberhauptes jetzt offiziell „gefeiert“ werden könnte – zumal Aufruhr, Verrat und Umsturz so gar nicht zur Staatsideologie der Ära Putin passen.

Nur die Kommunistische Partei will im Herbst in altem Stolz das Jubiläum von Lenins Machtergreifung begehen. Staatlicherseits beschränkt man sich lieber auf die Förderung von historischen Seminaren, Online-Vorlesungen und Publikationen – mit einem bescheidenen Etat von 50 Mio. Rubel (ca. 820.000 Euro) für das ganze Jahr, so die Zeitung „Kommersant“.

Auch die Position der Gesellschaft ist zwiespältig: 45 Prozent empfinden gemäß einer Umfrage des Levada-Zentr die Februar-Revolution heute positiv – als progressiven Schritt oder Etappe zur Schaffung des ersten sozialistischen Staates. 40 Prozent sehen hingegen im Zarensturz vorrangig den Verlust nationaler Größe und die Ursache für den Kollaps des Russischen Reichs.

[Lothar Deeg/russland.NEWS]




Musik von russland.RU zum 7. November

Zwei Möglichkeiten zu feiern. Entweder den der Tag der Eintracht und der Versöhnung oder den 98. Jahrestag der Oktoberrevolution von 1917.
Das Wetter ist trübe und ungemütlich. Für die, die lieber zuhause mit Freunden und Bekannten den Jahrestag der Oktoberrevolution begehen möchten hier zwei wichtige Lieder zum downloaden.

Als erstes das weltweite Revolutionslied „Die Internationale“ mit russischem Originaltext im MP3 Format.
Völker hört die Signale ….

Als zweites die Nationalhymne der UdSSR mit russischem Originaltext im MP3 Format.
Nationalhymne der UdSSR….




Neulich am 7. November in Russland

leninVor 98 Jahren (nach altem gregorianischem Kalender am 25. Oktober 1917 um 21:40) begann der berühmte Sturm auf das Winterpalais im damaligen Petrograd. Zehntausende bolschewistische Aufständische erobern dort die letzte Bastion des bourgeoisen Regimes, tausende Helden fallen, im Smolny tagt bereits der bolschewistische Generalstab und an jeder Ecke stehen Männer mit roten Armbinden und aufgepflanzten Bajonetten.

Nach hartem Kampf, ergeben sich endlich die Bürgersöhnchen in ihren Kadetten-Uniformen.

So war es, so war die grosse Oktoberrevolution, in Sergej Eisensteins großartigen Film „Oktober“.

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Die Große Sozialistische Oktoberrevolution hat nicht zum Aufbau des Sozialismus geführt. Sie hat ihre Versprechen nicht gehalten. Immerhin hat sie die zaristische Despotie gestürzt, zur Beendigung des ersten Weltkrieges beigetragen und anschließend einen Neuaufschwung der Arbeiterbewegung und der antiimperialistischen Befreiungsbewegung in der ganzen Welt gefördert. Sie hat im Innern die vom Zarismus unterjochten Agrargesellschaften des russischen Großreiches aufgelöst und industrialisiert und im zweiten Weltkrieg dem Wahn von der deutschen Weltherrschaft ein dauerhaftes Ende bereitet. Ganz zum Schluß hat sie mit dem eigenen Zusammenbruch auch das in Form der UdSSR weiterbestehende zaristische Imperium zerbrochen und den Völkern und Nationen dieses Großreiches ihre Selbstbestimmung zurückgegeben.

Vor der Geschichte sind diese Ergebnisse ansehnlich genug, um positiv aufbewahrt zu werden. Trotzki, Lenin und Stalin und ihre Genossen werden weiter als große historische Gestalten gelten, auch wenn sie nicht mehr als Heilige verehrt werden. Aber die historischen Ergebnisse dieser proletarischen Revolutionäre waren sämtlich bürgerlicher Natur. Die sowjetische Geschichte erscheint im Nachhinein als großer Irrtum.

Wal Buchenberg

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Vor 98 Jahren (nach altem gregorianischem Kalender am 25. Oktober 1917 um 21:40) Knallte ein Schuss, dessen Echo man über die ganze Newa hören konnte. Abgefeuert von der Aurora, ein Blindschuss – eine Kartusche ohne Geschoss – dafür aber um so lauter. In Petrograd saß man derweil bei Borschtsch und Fisch in der Kneipe, bis auf ein paar Leute.

Einer von ihnen war Lenin, der über die Verzögerungen wütete. Aus der Peter-Pauls-Festung sollte einer roten Laterne das Angriffssignal übermitteln. Aber sie war nicht auffindbar. Kommissar Blagonrawow, der die Laterne im Dunklen suchen sollte, fiel in eine Jauchegrube.

Doch trotz aller Widrigkeiten fand sie statt, die „Große Sozialistische Oktoberrevolution“ der „Sturm auf das Winterpalais“. Nur mit deutlich weniger Darstellern, wie man es in den verklärten Überlieferungen darstellte.

In Petrograd war ein Machtvakuum, welches die bloß einige Tausend Parteimitglieder starken Bolschewiki, nur auffüllen brauchten. Kaum jemand hinderte sie daran die Herrschaft über den Regierungssitz an sich reissen, ausser ein paar todesmutigen Frauen des „Frauen-Todesbataillons“ welches aus kriegerischen Damen von der zaristischen Heeresleitung auf die Beine gestellt war und einigen Kosaken und loyalen Soldaten. Alles in allem so um die 300 Soldaten.

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Was auch immer aus der russischen Revolution von 1917 geworden ist und woran sie schließlich scheiterte, unwiderlegbar bleibt: Die Oktoberrevolution war gewollte gesellschaftliche Veränderung durch die Volksmassen, legitim und dem Wesen nach Demokratie in revolutionärer Aktion. Die ersten Dekrete und Beschlüsse der Sowjetmacht wie das Dekret über den Frieden, das Dekret über den Boden und weitere gaben dem Volkswillen staatlichen Ausdruck. Die neue Macht eröffnete mit ihren Zielsetzungen eine Perspektive für eine gerechte Gesellschaft. Der amerikanische Schriftsteller Theodore Dreiser, der in seinen naturalistischen Romanen den brutalen Kampf um Reichtum und Ansehen in der amerikanischen Gesellschaft darstellte, schrieb 1927: »Den Werktätigen Arbeit zu geben, ihnen die Landwirtschaft, die Industrie , die Bodenschätze, die Technik, das menschliche Wissen, die Herrschaft des Menschen über die Natur zur Verfügung zu stellen, und das alles zu verwenden, um jedem ein kulturelles und wohlhabendes Leben zu sichern – das ist die Lehre, die sich aus der sowjetischen Revolution für die übrige Menschheit ergibt.«

Friedrich Bergmann

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Viele Hunderttausende haben hinterher, nachdem die Bolschewiki das Winterpalais in ihrer Gewalt hatten, so um zwei Uhr morgens, am nächsten Tag, behauptet sie hätten mitgemacht. Das hatten sie, nur an anderer Stelle. Denn auf dem Schlossplatz liefen zwischen zehn- und zwanzigtausend Menschen umher, Petrograds Theater spielten ihr normales Programm, die Straßen waren hell erleuchtet und Fußgänger promenierten auf den Boulevards. Nur die wenigsten von ihnen „stürmten“ dann das Palais

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Der Aufstand der Pariser Arbeiter vor etwas über hundert Jahren, die erste proletarische Revolution, die zur Errichtung der Pariser Kommune führte, eilte ihrer Zeit weit voraus, zu weit. Aber auch die russische Revolution, die große sozialistische Oktoberrevolution, das müssen wir heute sechzig Jahre danach feststellen, war ein nicht weniger tragischer Anachronismus dieser Art.

Daß die Oktoberrevolution noch dazu in einem Land stattfand, das vom Standpunkt der marxistischen Theorie für die sozialistische Revolution besonders ungeeignet war, war Lenin und seinen Genossen sehr wohl bewußt. Sie hofften, daß der Sieg der Revolution in Rußland wie ein Fanal auf die internationale Arbeiterbewegung wirken und die revolutionäre Bewegung in den hochentwickelten kapitalistischen Staaten in höchstem Maße aktivieren würde. Die Oktoberrevolution war nur der Funke, der das Feuer der Weltrevolution entzünden sollte. Doch diese Hoffnungen der Bolschewiki erfüllten sich nicht.

Robert Havemann

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Laut Überlieferung soll bei dem Sturm einer der größten, jemals bekannten Wein- Keller entdeckt worden sein und Verteidiger wie Angreifer konsumierten Tausende Flaschen Chateau dґYquem, Jahrgang 1847, die vom letzten Zaren bevorzugte Lage. Nachdem Tage später Petrograd dann aus seinem Kater erwachte war Lenins Herrschaft da.

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Die Große Sozialistische Oktoberrevolution von 1917 bedeutete auch für Homosexuelle den Beginn einer Revolutionierung. In marxistisch revolutionärer Tradition versuchten die Bolschewiki nicht nur die wirtschaftlichen Bedingungen zu verändern, sondern ebenso die allgemeinen Lebensbedingungen, die Lebenseinstellung überhaupt, die Beziehungen zwischen den Geschlechtern und zwischen Eltern und Kindern zu revolutionieren, also die Gesellschaft in toto völlig umzuwandeln. Fortschrittliche Gesetzgebungsmaßnahmen und deutliche Bestrebungen gegen die Kleinfamilie und deren sexuelle Ökonomie fanden im Rahmen grundlegender revolutionärer Veränderungen auf dem Gebiet der Familie und des Sexuallebens Raum für Verwirklichung. Bedeutsam erscheint die Tatsache, daß allgemeine revolutionäre Zielsetzungen zu Beginn der Revolution und Ziele der Sexual- und Familienpolitik dieses Zeitraums im Einklang und enger Wechselwirkung standen und die Zielsetzung sichtbar wird, das Bewußtsein der Menschen grundlegend zu verändern und die sozialistische Ideologie zu behaupten und zu festigen.

Gleich nach der Oktoberrevolution wurden die zaristischen Gesetze annulliert und ein sowjetisches Strafrecht erarbeitet, das 1922 gesondert für die einzelnen Republiken in Kraft trat. Danach wurde (wie auch im StGB 1926) „einfache“ (also einvernehmliche) Homosexualität unter erwachsenen Männern nicht mehr geahndet, da homosexuelle Akte unter Erwachsenen keinen gemeinschaftsgefährdenden oder –verletzenden Charakter hätten und somit auch nicht öffentlich verfolgt würden.

Manfred Mugrauer, Wien

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Es folgten lange Jahre der Bürgerkriege und Hungersnöte bis die Macht der Bolschewikis in der späteren Sowjetunion etabliert war.  Gunnar Jütte/russland.RU

 




Video-Classic: Oktoberrevolution V2.0

Geschichtsenthusiasten, die in Originalausrüstung historische Zeiten nachstellen, gibt es auch in Russland. Die Oktoberrevolution und der Russische Bürgerkrieg ist hierbei natürlich ein beliebtes Motiv. Ein russland.TV-Bericht von 2012.