China-Touris auf Retro-Trip

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Zur Zeit fallen Touristen aus China wie Heuschrecken über Russland her. Die Reiseveranstalter buhlen um die Gunst der neuen Gäste. Deshalb stellt sich die Frage, an was die neuen Gäste aus dem Reich der Mitte besonders interessiert sind. Die Antwort ist – nun ja, ziemlich Chinesisch.

Der russische Touristiksektor hat ein neues Gesicht dazugewonnen. Im Jahr 2017 kamen 840.000, das sind 24 Prozent, mehr Touristen aus China als im Jahr zuvor. Ermöglicht wurde dies in erster Linie durch das Abkommen über ein visafreies Austauschprogramm. In Russland sieht man das als Chance diesen Markt noch zu erweitern. Experten der Branche schlagen deshalb vor, gezielter auf die Vorlieben und Interessen dieser Zielgruppe einzugehen und neue Routen zu schaffen sowie weitere beliebte Orte für den Tourismus zugänglich zu machen.

Etwa die Hälfte der chinesischen Touristen, die jene, bei Reisenden aus anderen Ländern so beliebten, Stätten des Goldenen Rings besuchen seien Individualtouristen, weiß Igor Konyschjew, der Direktor des Museumsreservats Wladimir-Susdal. „Etwa 40.000 Gäste aus China besuchen jährlich die Ausstellungen der Anlage“, sagt er. Dasselbe gelte für die benachbarte Region Jaroslawl, ebenfalls Teil der beliebten Touristenstraße Goldener Ring. „Chinesische Touristen haben Probleme, Englisch sprechende Führer zu verstehen, deshalb bringen sie ihre eigenen Dolmetscher mit. Und trotzdem steigt der Touristenstrom weiter an“, erklärt die Leiterin der regionalen Tourismus-Abteilung, Irina Plischina.

Inzwischen gehört Chinesisch zum guten Ton

Viele lokale Restaurants in Jaroslawl bieten inzwischen Menüs auf Chinesisch an und in der altrussischen Stadt Rostow Weliky findet man sogar Straßenschilder auf Chinesisch. „Die meisten Touristen kommen an Bord der Wolga-Kreuzfahrtschiffe nach Jaroslawl. Sie mögen hier besonders das Kunstmuseum, das Bälle aus dem 18. und 19. Jahrhundert organisiert“, so die Erfahrung der Leiterin einer örtlichen Tourismus-Agentur, Swetlana Danilenko. Aber eigentlich, so sagt sie, wollen die chinesischen Touristen viel lieber die sowjetische Geschichte erleben und bevorzugen den Industrie-Tourismus.

Die Verwaltung der Region Tula erwartet deshalb, dass das neu eröffnete Museum zur Hundertjahrfeier der Oktoberrevolution von 1917, chinesische Touristen anziehen werde. Das Museum, das im November im Bahnhof von Kimowsk, etwa 180 Kilometer südlich von Moskau, seine Pforten öffnete, zeigt ein Gemälde, das alle Stadien der Entwicklung der Sowjetunion darstellt. „Die Ausstellung enthält ebenso Kopien von Archivdokumenten, historische Fotografien und sowjetische Plakate“, erläutert die Museumsführerin Natalja Kiparina. Außerdem befindet sich dort ein Porträt des bolschewistischen Führers Wladimir Lenin in seinem Büro sowie eine Skulptur von Felix Dserschinski, dem damaligen Chef der sowjetischen Geheimpolizei. Vor kurzem wurden noch zwölf weitere Museen in Bahnhöfen der Region integriert.

Im Urlaub ins Maschinenwerk

Nicht von ungefähr wird auch ein direkter Flug zwischen der Inneren Mongolei, einer der größten autonomen Regionen Chinas, und Jekaterinburg eingerichtet. Dieser soll den Touristenstrom auf den „Roten Routen“, wie die Branche sie nennt, noch weiter Anwachsen lassen. Wie Viktor Topolkarajew, der Leiter der Gesellschaft Intourist, verrät, wollen die russischen Reiseveranstalter im Sommer 2018 verstärkt chinesische Gäste zu den Industrie-Standorten im Ural lotsen. Besonders die Ural-Region hat es offenbar den chinesischen Industrie-Touristen besonders angetan.

In Swerdlowsk zieht sie beispielsweise ein Besuch der gigantischen Uralmasch-Fabrik an, die 1958 als Vorbild für den Bau der größten Schwermaschinenfabrik Chinas diente. Eine der Hallen des Uralmasch-Museums ist der Freundschaft der Menschen Chinas und der Sowjetunion gewidmet, wie der Museumsmitarbeiter Sergej Agejew stolz erklärt. „Wir haben Mao Zedongs Unterschrift im Gästebuch und so etwas schätzen die Chinesen sehr hoch.“ Laut Agejew war Mao Zedong, der Gründervater der Volksrepublik China, damals der erste ausländische Staatschef, der Uralmasch im Jahr 1950 besuchte. „Daraufhin beschloss China eine ähnliche Fabrik zu bauen. Die Einführung in das chinesische Uralmasch-Werk koordinierten sowjetische Ingenieure, die chinesischen Ingenieure wurden im Ural ausgebildet“, erzählt Agejew.

Auch Chiang Ching-kuo, Präsident der Republik China von 1978 bis zu seinem Tod im Jahr 1988, arbeitete bei Uralmasch als Techniker, als er in den 30er Jahren in der Sowjetunion lebte. Nikolai Jelizarow, wie sich Chiang Ching-kuo in der UdSSR nannte, wurde 1934 sogar stellvertretender Direktor der Uralmasch-Fabrik. Im darauffolgenden Jahr ehelichte der spätere Staatspräsident seine Frau, die er ebenfalls in dem Werk in Swerdlowsk kennengelernt hatte. Schöner könnte Sergej Agejews Geschichte für, und nicht alleine, die Chinesen, gar nicht ausgehen. Russlands Tourismus-Branche weiß um dieses Potenzial. Jetzt soll es genutzt werden.

[mb/russland.REISEN]