EM: Minimalismus vs. Chaos – Auch die Ukraine draußen

(von Michael Barth) Donezk. Die Ukraine als Co-Gastgeber bei ihrem letzten Spiel in der Gruppenphase gegen England. Alles oder nichts. Am Ende eher nichts – 0:1; England einfach zu abgebrüht gegen eine unkonventionelle Spielweise der Ukrainer, die zu guter Letzt dann doch zu chaotisch war. Auch wenn es Anfangs noch ganz gut aussah…

Doch der Reihe nach. England als „Mutterland“ des Fußballs, eine feste Größe. Eine Gruppe D dieser EURO 2012, mit Schweden, Franreich und eben jenem England, als sogenannte „Hammergruppe“ diagnostiziert. Und mittendrin – die Ukraine, die in früheren Zeiten einen Gutteil der sowjetischen Nationalmannschaft stellte. Nun, die Zeiten sind vorbei, England kann von seinem „Mutterland“-Status auch nicht mehr abbeißen und Frankreich präsentierte sich bisher nicht unbedingt als Titelanwärter.

 

Polen, der andere Gastgeber, war schon draußen aus dem Turnier, es war an der Ukraine, die Fahne hochzuhalten. Zwar etwas zappelig, aber mit dem unverkennbaren Drang nach vorn prägte das Spiel der Elf um Kapitän Anatoli Timoschtschuk die ersten 25 Minuten. Ein ums andere Mal rücken die Ukrainer vor das englische Tor, nur fallen will es nicht. Den Engländern scheint ihr Minimalismus zu genügen. Lässig schieben sie sich den Ball zu, als ginge es für sie um gar nichts mehr. Wenn nur nicht diese eklatanten Schwächen im ukrainischen Abschluss wären.

 

Die Ukraine hat einfach mehr Spielanteile, auch wenn sie die nicht nutzen kann. Die Engländer spielen mittlerweile Standfußball, die Zuschauer in der Donezker Donbass Arena verschaffen ihrem Unmut mit deutlichen Pfiffen Luft. In der Halbzeitpause diagnostiziert der TV-Experte und ehemalige Bundesliga-Profi Mehmet Scholl den Ukrainern Chaosfußball. Es sei Fußball wie aus einer anderen Zeit, was der ukrainische Trainer Oleg Blochin da spielen lasse – Bolzen mit Stil, wenn man so will. Jedoch kann es sich Scholli dann doch nicht nehmen lassen, diesem Chaos seinen Respekt auszusprechen.

 

Kurz nach Wiederanpfiff der Partie fällt wie ein Blitz aus heiterem Himmel das Tor. Gerrard flankt von rechts, Torhüter Pjatow patzt und Wayne Rooney von Manchester United braucht den Ball nur noch mit dem Kopf über die Linie drücken. Ganz unspektakulär führt Englang in der 47. Spielminute mit 1:0. Mittlerweile fordert das Publikum mit lauten „Schewa, Schewa“-Sprechchören den Stürmerstar Andrej Schewtschenko.

 

Die 61. Minute dieses Spiels: Marko Devic fasst sich ein Herz, zieht auf das Tor von Joe Hart und trifft – oder auch nicht. John Terry drosch den Ball zwar vermeintlich von der Linie wieder ins Feld zurück, aber hier irrte der Torrichter – die Torlinie war klar in vollem Umfang überschritten. Es wirkt ein bisschen wie Wembley reloaded und Oleg Blochin tobt in seiner Coachingzone. Er mag sich gar nicht mehr einkriegen, vor lauter Wut auf das ungarische Schiedsrichtergespann. Jedoch, und das hat auch Blochin übersehen, der vermeintliche Torschütze stand beim entscheidenden Zuspiel klar im Abseits. In der Folge rackert die Ukraine, England aber schlichtweg abgebrühter.

 

Noch 20 Minuten zu spielen, Schewteschenko, der verletzungsbedingt bisher noch auf der Bank saß, kommt nun ins Spiel. So richtig hineinfinden vermag er aber nicht. Dafür lässt Jewgeni Konopljanka seine Klasse aufblitzen. Immer und immer wieder prüft er Hart im englischen Tor. Noch zehn Minuten und immer noch kein Durchkommen für die Gelb-Blauen, die heute ganz in blau angetreten sind. Schluss, aus, vorbei – die Ukraine ist ausgeschieden.

 

Die Spieler lassen die Köpfe hängen, Oleg Blochin ist immer noch außer sich und gut 3.000 mitgereiste Engländer sind aus dem Häuschen. Das Spiel an sich wird sicherlich noch heiß diskutiert werden, zudem stellt sich eine weitere Frage: Warum kann die ukrainische Nationalmannschaft in Donezk einfach nicht gewinnen? Sieben Spiele, noch keines gewonnen in dieser Donbass Arena. Laut Mehmet Scholl übrigens „eines der Schönsten, in dem ich je war“…

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.