russland.RU berichtet in Wort und Bild aus Russland und über Russland. Ungebunden, unabhängig und überparteilich. Ohne Vorurteile und Stereotypen versucht russland.RU Hintergründe und Informationen zu liefern um Russland, die Russen und das Leben in Russland verständlicher zu machen. Da wo die großen Verlage und Medienanstalten aufhören fängt russland.RU an.



08-05-2007 Estland
Die schmerzvolle Würde der Töchter von Hauptmann Syssojew
[von Boris Kaimakow] Im allgemeinen Strom der gegenseitigen Bezichtigungen im Zuge der russisch-estnischen Krise blieb eine Tatsache irgendwie unbemerkt.
Die Töchter des in Tallinn begrabenen Hauptmanns Iwan Syssojew, der 1944 bei der Befreiung der Stadt von den Hitlerleuten gefallen war, haben sich an das estnische Verteidigungsministerium mit der Bitte gewandt, ihnen bei der Überführung der sterblichen Überreste ihres Vaters in seine Heimat, die Stadt Archangelsk, zu helfen.




Dort leben die Töchter auch. Die 70-jährige Esmeralda Iwanowna und die 68-jährige Swetlana Iwanowna haben vom estnischen Verteidigungsministerium bereits die Antwort bekommen, dass man dort bereit sei, die Kosten für den Transport von Iwan Syssojews Überresten nach Russland zu übernehmen.

Ursprünglich erhoben diese betagten Damen wegen der geplanten Umbestattung ihres Vaters eine gerichtliche Klage gegen das estnische Verteidigungsministerium. Und das entsprach der allgemeinen Verurteilung der Politik der estnischen Behörden. Doch die Liebe zum Vater und die Achtung vor den Gefallenen sagten ihnen einen anderen Weg vor. Vom Standpunkt des gesunden Menschenverstandes vielleicht den einzig richtigen. Die Töchter wollten ihrem Vater den Tribut der Achtung zollen; es ist ihr heiliges Recht, die nicht gerade vernünftigsten Politiker in Estland ihnen bei der Organisation der letzten Ruhestätte ihres Vaters helfen zu lassen. Und hierin haben sie sich über die patriotische Rhetorik und die staatlichen Ambitionen erhoben.

In dieser Episode spiegelt sich wie in einem Wassertropfen die mehrdeutige Einstellung der Menschen in Russland zu den Ereignissen in Estland wider. Nicht den geringsten Zweifel ruft die Einschätzung der schizophrenen Sturheit Tallinns hervor, das sich nichts Anderes einfallen ließ, als gerade in den denkwürdigen Maitagen, bei einem Jahrestag des Sieges, ihre Valpurgisnacht zu veranstalten. Wenn der estnische Ministerpräsident Andrus Ansip erklärt, dass die Umbestattung „der einzig mögliche Schritt“, „die weitere Aufschiebung der Lösung dieser Frage unmöglich“ gewesen sei und zu ernsten Folgen „für die Staatssicherheit“ hätte führen können, bestätigt das lediglich die Diagnose.

War es denn ein Ding der Unmöglichkeit, auf die Bitte des großen Nachbarn zu hören, der beinahe darum flehte, nicht an den Überresten seiner Helden zu rühren? Drohte Estland etwa ein Staatsumsturz oder eine Destabilisierung des Regimes? Nein, nichts dergleichen. Was ist daran empörend, wenn „für die Einen das im Stadtzentrum am belebtesten Ort stehende Denkmal ein Symbol der Okkupation und Deportation, für die Anderen das Andenken und die Trauer um die Gefallenen ist“? Das ist eben die europäische Geschichte, alles andere als eindeutig und überdies tragisch. Und die Aufgabe, der sich die Nachkommen gegenübersehen, lautet: ein Modell der Aussöhnung zu finden, die Spaltung nicht noch mehr zu erweitern, sondern zu überwinden.

Als sich die Leidenschaften erhitzten, gab es in den russischen Massenmedien recht nüchterne Stimmen, die dazu aufforderten, an das entstandene Bestattungsproblem mit Würde heranzugehen. So wurde vorgeschlagen, nach Tallinn eine Kompanie der Ehrenwache zu entsenden und feierlich, auf einer Geschützlafette, die Überreste zu einem militärischen Friedhof zu bringen. Politisch wäre das für sehr viele unannehmbar, dafür aber menschlich begreiflich. Wie auch der Wunsch der Töchter von Hauptmann Syssojew begreiflich ist, sich mit der schweren Bitte an das estnische Verteidigungsministerium zu wenden.

Es muss festgestellt werden: Die estnische Gesellschaft zeigt sich nicht reif im Herangehen an die Suche nach der Aussöhnung bei der Einschätzung der tragischen Kapitel der nicht so entfernten Vergangenheit. Dabei gibt es Erfahrungen, da Völker ihre nationale Kränkung haben überwinden müssen. Besonders die Erfahrung der Aussöhnung von Deutschland und Russland.

Der russische Soldat zog während des Zweiten Weltkrieges nach Europa nicht als Okkupant ein, sondern als Befreier. Für die Politoffiziere der Sowjetarmee war das ein Propagandaslogan, für den Soldaten nicht. Das trifft besonders auf Deutschland zu. Der Soldat war sich der Größe seiner Befreiungsmission voll bewusst und starb nicht um der Versklavung willen, sondern, ohne jede Übertreibung, für die Freiheit vom Nazismus. Und es ist nicht seine Schuld, dass die Errichtung von totalitären Regimes mit dem Blut der Helden benetzt wurde.

Hätte diese keine Beweise erfordernde These denn nicht die Grundlage bilden können für die Legitimierung der Tatsache, dass sich Denkmäler und Bestattungsstätten russischer Kämpfer in den europäischen Hauptstädten befinden? Doch, allerdings wären dazu moralische und geistige Bemühungen nötig gewesen. Die meisten Deutschen haben es geschafft. Am 8. Mai begehen sie - nein, nicht den Tag des Sieges der Roten Armee, sondern die Niederlage des faschistischen Deutschland. Und diese Niederlage hatte ihm die Rote Armee beigebracht.

Zu dieser Schlussfolgerung kam die Nation nicht über Nacht, sondern im Ergebnis einer langwierigen Suche nach ihrer neuen Identität und der Aufnahme der historischen Realien. Wohl deshalb sind die Denkmäler russischer Soldaten und ihre Bestattungsstätten in Deutschland kein Gegenstand für nationale Diskussionen. [ RIA Novosti ]