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03-05-2005 Estland
Baltikum: Kollaboration als Erbkrankheit
Die politkorrekte EU grübelt noch, ob sie die Türkei, die den Genozid am armenischen Volk als Fakt bis heute nicht anerkennen will, aufnehmen soll oder nicht. Die "Euro-News" zeigen den halbleeren Bundestagsaal, in dem 20 bis 30 Interessenten ihrem Kollegen zuhören.

Für die übrigen Abgeordneten ist wohl weder das Verbrechen selbst, das dem Holocaust gleichkommt, noch die fehlende Reue seitens der Türken von Interesse. Es handelt sich wohlgemerkt um die Deutschen, die bekanntlich die Sünden des faschistischen Deutschland ehrlich bereut haben und von denen viele, selbst junge Leute, bis heute das Gefühl der historischen Schuld in sich tragen. Was soll man erst vom übrigen Europa erwarten, in dem die Behandlung dieses Themas nur davon abhängt, ob im jeweiligen Lande die armenische oder die türkische Lobby stärker ist.

Es ist nicht meine Aufgabe, Europa zu empfehlen, mit wem es Freundschaft zu halten habe, wie jedoch das Beispiel Baltikum zeigt, spielt der Wunsch, rein qualitativ zu wachsen und die Grenzen auseinander zu schieben, den Beamten der Europäischen Union mitunter übel mit. Es ist kaum anzunehmen, dass Europäer, die den Faschismus erlebt haben, sich über die unverhohlen profaschistischen Handlungen mehrerer führender Politiker der drei baltischen Länder freuen. Oder zum Beispiel über die feierlichen Umzüge der baltischen SS-Leute und, als obligate Begleiterscheinung, die Verhaftungen unter baltischen jungen Leuten, die dieser Schande entgegenzutreten versuchten. Und all das kurz vor dem 60. Jahrestag des Sieges über den Hitlerfaschismus.

Die drei erwähnten Länder wurden in die EU aufgenommen, ohne dass man über ihre vergangene Kollaboration viel nachgedacht hätte, über die Zeit, da Hunderttausende Einwohner der baltischen Republiken in der Uniform der Wehrmachtsoldaten, in den Reihen SS-Straftrupps und der Polizei sinnlose Untaten verübten. Vor der Aufnahme in dieEU kam niemand auf den Gedanken, die baltischen Kollaborateure öffentlich bereuen zu lassen, dass sie Juden von Vilnius ausgerottet, an den Erschießungen von gefangenen sowjetischen Soldaten und den Folterungen der eigenen baltischen Antifaschisten teilgenommen hatten. Schade.

Als die Hitlerleute auf baltischem Boden auftauchten, traten zahlreiche Leute gleich am ersten Tag der Polizei und den Straftrupps bei, um die örtliche Bevölkerung terrorisieren zu können. Später wurden auf baltischer Basis auch regelmäßige Wehrmacht- und SS-Einheiten aufgestellt; sie nahmen unmittelbar an den Kampfhandlungen gegen die Rote Armee teil. All das heutige Gerede der baltischen Politiker, dies sei nur von dem Wunsch diktiert gewesen, die eigene Unabhängigkeit zu behaupten, ist ein Bluff reinen Wassers. Berlin hatte dem Baltikum nie auch nur mehr versprochen als ein Protektorat wie in Böhmen und Mähren. Nur in Litauen war es etwas anders: Das ist das einzige der drei baltischen Länder, in dem keine eigene litauische SS-Legion aufgestellt wurde. Nach Meinung der Hitlerleute hatten sich die "Litauer als ein schwaches Volk erwiesen, unwürdig, Waffen zu tragen".

Die Letten und Esten dagegen verdienten von der SS-Führung nicht wenig Lob und Eisenkreuze. Die lettischen und estnischen SS-Leute dienten Berlin treu, was in diesem Fall heißt, dass sie keine Angst hatten, ihre Hände mit Blut zu beschmieren. Die Zahlen sind bedeutsam. Um den Leser nicht mit Einzelheiten zu ermüden, will ich die Daten nur einer einzigen Frühlingseinberufung anführen. Zwischen März und August 1943 wurden allein in die Lettische SS-Legion 22 500 Personen aufgenommen, und weitere 12 700 meldeten sich zur Wehrmacht. Auch die Zahl der lettischen Polizeibataillone nahm zu. Gerade sie und nicht die Deutschen (die Stärke der deutschen Kräfte auf Lettlands Territorium überstieg in jener Zeit nicht 15 000 Mann) sorgten für die "Ordnung". Anders ausgedrückt: Die Kollaborateure hielten Aufsicht über sich selbst, das Ghetto, die Todeslager und kämpften außerdem gegen die örtliche Partisanenbewegung.

Eine Widerstandsbewegung bestand im Baltikum natürlich ebenfalls. Nicht jeder Lette war natürlich gleich ein Kollaborateur. Zur Zeit der erwähnten Einberufung von 1943 lehnten 6 000 Personen den Dienst in der SS und der Wehrmacht ab, flüchteten sich oder schlossen sich den Partisanen an.

Alfred Rosenberg, ehemaliger "Reichsminister" Nazideutschlands für Angelegenheiten der okkupierten Gebiete, übrigens ein Ostseedeutscher, sagte beim Nürnberger Prozess zynisch: "Die antisemitische Bewegung war nur eine Schutzmaßnahme." Ebendeshalb war in Vilnius kein einziger Jude übrig geblieben, obwohl die Juden vor Kriegsbeginn in der litauischen Hauptstadt die Mehrheit ausmachten.

Offenbar auf gleiche Weise argumentieren jene Politiker in Lettland, die im heutigen Europa die russischen Einwohner der baltischen Staaten zu "Nichtbürgern" abstempeln: Das sei nur eine "Schutzmaßnahme".

Friedrich Jeckeln, der SS- und Polizeichef bei Ostland, gab beim Prozess in Riga kaltblütig die von den örtlichen SS-Leuten verübten Massenmorde zu, und dafür wurde er denn auch auf dem Territorium des ehemaligen jüdischen Ghettos von Riga erschossen.

Rosenberg und Jeckeln erhielten, was sie verdienten, aber die Kollaboration hat im Baltikum überlebt und schändet jetzt das Andenken an die Sieger jenes furchtbaren Krieges. Bürgerrechtler der EU, wo bleibt ihr? Der Bazillus der Kollaboration ist im Baltikum längst erwacht.

Europa zieht es vor, sich nicht einzumischen. In der Tat: Die Armenier, die Juden, die Russen und die antifaschistischen Balten selbst wurden ja im vorigen Jahrtausend hingemordet. Höchste Zeit zu vergessen!

Aber die Erinnerung bleibt. Als sei es erst gestern geschehen. (Pjotr Romanow, politischer Kommentator der RIA Nowosti.).