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08-11-2007 Georgien
Georgiens Rosenrevolutionär steckt in der Krise
[von Nikolai Topuria] Er ist erst Ende 30, kann aber schon auf eine glänzende Karriere blicken: Michail Saakaschwili war bereits Anwalt, Justizminister, Oppositionsführer - und schließlich jüngster Staatschef Europas. Als Präsident Georgiens hatte sich der westlich geprägte Saakaschwili vor allem ein Thema auf die Fahnen geschrieben: den Kampf gegen die Korruption, die seinem Land mehr als alles andere zusetzt.




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Bei der Präsidentschaftswahl 2004 entschieden sich 97 Prozent der Wähler voller Hoffnung für ihn. Jetzt aber steckt Saakaschwili in der Krise. In Massen protestieren die Georgier gegen ihr einstiges Idol. Die Opposition wirft ihm vor, seine Macht zu missbrauchen, die Justiz zu instrumentalisieren und die Kluft zwischen Arm und Reich zu vergrößern.

In die georgische Politik stieg Saakaschwili als Schützling des langjährigen Präsidenten Eduard Schewardnadse ein - ausgerechnet des Mannes, den er schließlich aus dem Amt kippte. Nach einem Jura-Studium in den USA und einer Anstellung in einer New Yorker Kanzlei wurde Saakaschwili zunächst einer der Hoffnungsträger in Schewardnadses Partei; im Jahr 2000 machte ihn der Präsident zum Justizminister. Doch der junge Nachwuchspolitiker engagierte sich zu vehement im Kampf gegen Armut, Vetternwirtschaft und Korruption. Als er während einer Kabinettssitzung vor laufenden Kameras Fotos von Luxusvillen seiner Ministerkollegen schwenkte, war der Skandal perfekt. Schewardnadse entzog ihm die Unterstützung, der einstige Ziehsohn trat ab - und wurde zum härtesten Kritiker des ehemaligen Mentors.

Nach seinem Rücktritt gründete Saakaschwili seine eigene Partei, die Nationale Bewegung. Als sich Schewardnadses Partei nach der Parlamentswahl Anfang November 2003 zum Sieger erklärte, machte Saakaschwili mobil. Wochenlang führte er die Protestaktionen gegen den Präsidenten, dem er Wahlbetrug vorwarf. Am 22. November schließlich kegelte er seinen einstigen Ziehvater aus dem Amt: Mit einer Rose in der Hand und an der Spitze seiner Anhänger sprengte Saakaschwili die konstituierende Sitzung des georgischen Parlaments und übertönte Schewardnadse, der gerade am Rednerpult stand.

Persönlich brachte der "Rosenrevolutionär" beste Startbedingungen mit: Er gilt als intelligent und mutig, spricht neben Georgisch, Russisch und Ukrainisch auch noch perfekt Englisch und Französisch. Verheiratet ist er mit einer Niederländerin, die die Herzen der Georgier mit viel Charme und hervorragenden Georgisch-Kenntnissen im Sturm eroberte.

All die Sympathien von gestern jedoch scheinen dieser Tage vergessen, während die Wogen des Protests über Saakaschwili zusammenschlagen. An kritischen Stimmen hat es ohnehin nie gemangelt: Seine Gegner warfen ihm vor, er habe nie eine strategische Vision für sein Land gehabt. "Er denkt wie Napoleon", sagte ein politischer Beobachter einst ironisch: "Erst mal etwas zusagen, dann weitersehen." Wie Saakaschwilis politische Zukunft aussieht, ist ungewiss: Vorläufig hat er für Januar vorgezogene Präsidentschaftswahlen angekündigt.

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