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11-07-2012 Georgien
Teufelswerk – Georgier wollen ihre Ausweise nicht
[von Michael Barth] Tiflis – Der Staat hatte sich das so schön ausgedacht mit den maschinenlesbaren Personalausweisen, die die Bürokratie erleichtern sollten. Nun muss die Kirche einschreiten, um eine Grundsatzfrage zu klären. Viele Georgier halten diese neuen Dokumente nämlich für ein Werk des Satans.



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Dieser Tage geisterte eine kuriose Meldung durch die Presseagenturen. Neue elektronische Ausweise sollten in Georgien bürokratische Entlastungen mit sich bringen. Bei Online-Behördengängen beispielsweise sollte das neue Dokument gleichzeitig als „elektronische Signatur“ für offizielle Vorgänge dienen. Zudem würde eine ganze Menge Schreibarbeit entfallen, so der hehre Hintergedanke um die Einführung der neuen Plastikkarte. Jedoch hat Georgien die Rechnung ohne seine Georgier gemacht.

Die nämlich sehen in ihren neuen Personalausweisen gefährliches Teufelswerk lauern. Auslöser der Verwirrung ist ein eingeprägter Code mit der sogenannten „Satanszahl“ 666. Jetzt hat die orthodoxe Kirche in Georgien alle Hände voll zu tun, ihre Schäflein wieder zu beruhigen. „Vom theologischen und kirchlichen Standpunkt aus tragen die Ausweise nicht das Zeichen des Antichrists“, versäumte der oberste Kirchenrat in der Georgischen Hauptstadt Tiflis nicht unverzüglich zu betonen, um nicht noch mehr Öl ins (Fege-)Feuer zu schütten. Dadurch hoffen die orthodoxen Oberen, etwas Luft aus der absurden Diskussion zu nehmen.

Ihren Ursprung findet diese ominöse Zahl 666 bereits in der jüdischen Kabbala. Aufgrund der Zahlenmystik, die bei den Hebräern einen hohen Stellenwert genießt und Buchstaben durch Ziffern ersetzt, ergibt sich aus diversen Quersummen die „Zahl des Tieres“. Soweit an sich noch nicht verwerflich, jedoch ergibt sich noch eine ganz andere Deutung daraus. Als die Bibel geschrieben wurde bedurfte es Metaphern. Am deutlichsten wird die 666 in der Offenbarung des Johannes (13, 1-18) behandelt. „Und ich sah ein Tier aus dem Meer steigen, das hatte zehn Hörner und sieben Häupter und auf seinen Hörnern zehn Kronen und auf seinen Häuptern lästerliche Namen…“ Und weiter heißt es dort: „Wer Verstand hat, der überlege die Zahl des Tieres; denn es ist eines Menschen Zahl und seine Zahl ist sechshundertsechsundsechzig.“

Die 666 hatte nun endgültig ihr Stigma weg. In der Neuzeit traten dann auch noch die Weltverschwörungs-Theoretiker auf den Plan, Ziffern wurden so lange mittels mathematischer Kunst herumgeschoben, bis endlich unter dem Strich wieder die 666 stand. Man muss deshalb jetzt nicht zwingend an die „große Weltverschwörung“ glauben, Tatsache ist jedoch, dass diese Zahl mittlerweile unser tägliches Leben bestimmt. Genauer gesagt auf jedem Barcode. Dieser Strichcode, der es Maschinen ermöglicht, Informationen aus einer senkrechten Strichreihe zu lesen, unter die verschiedene Zahlen gesetzt sind. Und jedes Mal ist drei Mal die Zahl 6 dabei.

Wenn man da jetzt wieder das Hebräische zu Rate zieht, wird man schnell merken: 666 ergibt schlichtweg „www“, also das „World Wide Web“. Und genau darüber sind die Georgier jetzt gestolpert. Dennoch: Auch die orthodoxe Kirche hegt in ihren eigenen Reihen ihre Ängste ob des „Teufelswerks“. Deshalb lehnt sie auch jede Pflicht entschieden ab, die neuen Pässe zu beantragen. Jeder Georgier möge doch bitteschön selbst entscheiden, welche Form des Ausweisdokuments er sein Eigen nennen möchte.
[ Michael Barth / russland.RU ]
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