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11-05-2005 Glosse
Der Tag des Sieges – wer hat gewonnen? (III)
Murmansk – Wer zuletzt lacht, lacht am besten

In der letzten Folge haben Sie miterleben können, wie der deutsche Postbeamte Hansili, seine resolute Mutti Friedchen und die Dackeldame Hannili in Murmansk ankamen.


Wir berichteten auch von ihrem ersten aufregenden Tag in Murmansk, der vor allem für Hannili ereignisreich verlief (der erste Streich). Außerdem konnten Sie an den Vorbereitungen zum Tag des Sieges in unserem Büro teilhaben. Heute geht es weiter, die Ereignisse überschlagen sich mit rasender Geschwindigkeit. Wird Natascha das Herz ihres Traumpostlers gewinnen – oder eher nicht?

Am nächsten Tag ging ich wie immer ins Büro. Draußen schneite es kräftig, meine Kollegen begrüßten mich mit „Stillgestanden, Herr Offizier“ und und der Kaffee war zu dünn – alles wie gehabt. Bis auf eine Ausnahme, Natascha war schon da.
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Teil 1: Hilferuf aus der Subarktis!
Sie kommt doch normalerweise stets wenigstens 20 Minuten zu spät, weil der Trollybus nicht pünktlich war (der, wie ich weiß, im 5-Minutentakt fährt), sie zum Arzt mußte oder zur „Steuermiliz“ – aber letzteres sagt sie nur, wenn sie mich erschrecken will und mindestens eine Stunde zu spät ist. Sie sah auch noch mißmutiger aus als sonst.

Also fragte ich sie nach dem Grund ihres ungewöhnlichen Verhaltens. Und dann erzählte sie vom letzten Abend. Sie war mit Hansili, Mutti Friedchen und Hannili im besten Restaurant von Murmansk und dieser Abend entwickelte sich zu einer ziemlichen Katastrophe. Es fing schon damit an, daß Hannili nicht ins Lokal durfte sondern an der Garderobe angeleint werden mußte. Wobei sie ihr Mißfallen durch ausgiebiges und ausdauerndes Kläffen zum Ausdruck brachte (Ich habe „Hundedame“ Hannili bislang erst einmal ruhig erlebt, und das war gestern bei ihrem „Rendevous“ mit ihrem russischen Verehrer). Auch die Menüwahl war nicht einfach, es gab kein Stauderpils, kein Wienerschnitzel und auch keine Salzkartoffeln. Und natürlich auch keinen Schlangengurkensalat. Schließlich handeltes es sich um ein asiatisches Restaurant, das vor allem für sein vorzügliches Suchi bekannt war (Mutti Friedchen: „Igittegitt, toten Fisch, ich bin doch keine Möve“).

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Teil 2: Murmansk und Gomorrha
Aber Mutti Friedchen hatte vorsichtshalber ihren Proviantbeutel mitgebracht und fing an, diesen auszupacken, da ja die Russen nichts Gescheites zum Essen haben. Das erweckte natürlich ein gewisses Aufsehen an den Nachbartischen und das Mißfallen des Kellners. Natascha, die das alles erklären mußte, wollte am liebsten in den Boden versinken. Die Lage wurde nicht besser, als es Hannili auf irgendeine Weise gelang, den Ausrollmechanismus ihrer Leine zu lösen und laut kläffend ins Lokal schoß. Das ganze endete damit, daß die vier Hals über Kopf das Lokal verließen und Hansili, Mutti Friedchen und Hannili per Taxi zum Hotel verbracht wurden (sie konnten ja im Hotelzimmer picknicken). Natascha klagte über starke Kopfschmerzen und verbrachte den Abend allein zu Hause bei ihrer Mutter. Das war ihre zweite romantische Nacht mit Hansili.

Um sie ein wenig aufzumuntern, sagte ich zu ihr: „Das wird schon werden, Natascha. Du weißt doch: Ende gut, alles gut und wer zuletzt lacht, lacht am besten“. Dann fragte sie mich, ob sie heute ein paar Stunden frei haben könnte, denn sie wolle ihre Gästen die Stadt zeigen, trotz alledem.
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Teil 3: Post für Natascha – oder: Es gibt doch noch Hoffnung!
Natürlich sagte ich ja, doch vielleicht hätte ich dies nicht tun sollen. Sie wollten jedenfalls zuerst die Hauptpost besichtigen, das war Hansilis besonderer Wunsch. Und Mutti Friedchen wollte zum besten Supermarkt um zu schauen, ob sie dort deutsche Leberwurst für Hannili haben.

Wieder einmal konnte ich in Ruhe ein paar wichtige Arbeiten erledigen. Nach ein paar Stunden erhielt ich eine SMS von Natascha: „Es isst alles vorbei. Ich will sie nicht wieder sehen. Kann ich heute zu hause bleiben ich hab Kopfschmerz“. Offensichtlich war das junge Glück mal wieder getrübt. Ich setzte meine Arbeit fort und recherchierte im Internet über den 9. Mai und den „Großen Vaterländischen Krieg“, denn ich hatte versprochen, einen Leitartikel zum Thema „Tag des Sieges“ zu schreiben. Dabei stieß ich auf ein in interessantes russisch-deutsches Kriegswörterbuch, das meinen lieben Kollegen sicher noch unbekannt war. Sofort schickte ich Ihnen einen Link.

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Der Tag des Sieges – wer hat gewonnen? (I)
Ich verbrachte einen ruhigen Nachmittag, bis unser Buchungsleiter Andrej kam und mich freudevoll auf Deutsch fragte: „Sind hier Fallschirmspringer gelandet?“ und anschließend „Gibt es hier deutsche Partisanen“? Meine Internet-Entdeckung hatte offensichtlich große Begeisterung ausgelöst. Dann erzählte mir Andrej, daß seben eine Freundin angerufen habe, die er noch von der Pädagogischen Universität kennt. Sie arbeitet jetzt in der Hauptpost und verkauft Briefmarken (Andrej: „Mit ihrem Deutschstudium hat sie ja keinen vernünftigen Job finden können“). Sie habe jedenfalls heute Vormittag ihren Traummann kennengelernt, einen deutschen Postbeamten, der zusammen mit seiner reizenden Mutter und einem niedlichen kleinen Hündchen, zufällig an ihrem Schalter Briefmarken gekauft habe.
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Der Tag des Sieges – wer hat gewonnen? (II)
Sie habe sofort ihre Chance erkannt und sich schon zur Mittagspause mit dem Deutschen verabredet. Und heute abend will sie ihm zuhause ihre Briefmarkensammlung zeigen.

Da wurde mir einiges klar, arme Natascha! Und dann fiel mir ein, was sie gestern, nach Hannilis Abendteuer sagte: „Dieses war der erste Streich und der zweite folgt zugleich. Aller guten Dinge sind drei!“ Dieses war offensichtlich der zweite Streich, aber was war als nächstes zu erwarten?

Ich will Sie nicht lange auf die Folter spannen, denn schon wenig später erlebte ich eine weitere Überraschung. Da ich mich mit, nun sagen wir mal: einer guten Bekannten, treffen wollte, ging ich in die Bar unseres Hotels. Diese Bar ist auch ein beliebter Treffpunkt für Ausländer, die hier Bekanntschaft mit der einheimischen Bevölkerung schließen wollen. Besonders beliebt ist sie bei Norwegern aus eher abgelegenen Gebieten, die hier die Frau ihres Lebens suchen, die dann zu ihnen auf ihre einsame Insel ziehen soll.

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Monströse Geschichten um russische Monsterkrabben
Jedenfalls betrat ich die Bar und was sah ich da: Mutti Friedchen in einem anregenden Gespräch mit einem älteren, aber stattlichen Herrn vertieft. Vor ihnen schlummerte in ihrem Container Hannili und gab nur hin und wieder eine Art wohliges Schnurren von sich. Da nur noch der Tisch neben Mutti Friedchen frei war, nahm ich dort Platz. Ich muß gestehen, daß ich den ganzen Abend mit einem Ohr am Nachbartisch weilte, so sehr überrascht war ich über die Idylle.

Mutti Friedchen redete auf einmal mit einer ganz normaler Stimme, lachte und schien sich prächtig zu amüsieren. Ich bekam mit, daß der stattliche Herr aus Norwegen stammte und Kjell hieß. Er lebte auf der kleinen Insel Tornøya mit nur vierzig Einwohnern („Aber die meisten sind ganz nette Leute“). Vor seiner Pensionierung war Kjell Lastwagenfahrer (Mutti Friedchen: „Wie mein verstorbener Albert, Gott hab ihn selig“) und war viel in Deutschland unterwegs.
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Die russland.RU Glosse

Von Monströsen Geschichten um russische Monsterkrabben bis hin zu „un“qualifizierten Beiträgen aus dem hohen Norden der Subarktis.
Daher sprach er auch Deutsch. Das letzte, was ich mitbekam, bevor ich notgedrungen meiner Begleitung ins Restaurant folgen mußte war, daß Kjell Mutti Friedchen im kommenden Monat in Essen besuchen wollte. Na also: Aller guten Dinge sind drei. Und was war nun mit Natascha? Nun, sie rief mich kurze Zeit später an, klang gar nicht mehr so betrübt und fragte, ob sie am nächsten Freitag früher frei haben könnte, sie wolle mit Loscha in die Turbaza. Zuletzt lachte sie sogar über einen meiner dummen Scherze. Und somit ging auch diese Prophezeihung in Erfüllung: Wer zuletzt lacht, lacht am besten. In diesem Sinne:

ENDE (Gut! Alles Gut!)

Ulrich Kreuzenbeck; Herausgeber russland.RU - internettavisen