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23-04-2007 Boris Jelzin
Boris Jelzins letzte Jahre waren von Krankheit geprägt
In die Geschichte eingehen wird Boris Jelzin wohl als Politiker, der im August 1991 den Putschisten die Stirn bot und die Kommunisten aus dem Kreml vertrieb. Ein streitbarer Politiker blieb der am Montag mit 76 Jahren verstorbene Jelzin dennoch: Denn auch die beiden Kriege in Tschetschenien und die Krise vom Herbst 1993 haften ihm, dem ersten russischen Staatschef, an. "Boris Nikolajewitsch hat niemals eigene demokratische Überzeugungen gehabt", sagt einst Ex-Jelzin-Sprecher Wjatscheslaw Kostikow: "Seine Ideologie, sein Freund, seine Geliebte, seine Leidenschaft - das ist die Macht."

Schwere Krankheiten machten aus dem silberhaarigen Machtmenschen seit den 90er Jahren einen Schatten seiner selbst. Herzleiden quälten den Liebhaber hochprozentiger Getränke seit langem. Zwei Infarkte erlitt er 1995, einen dritten kurz vor seiner Wiederwahl im Jahr darauf. Im November 1996 unterzog er sich einer aufwändigen Herzoperation. Doch auch danach riss die Serie der Krankenhausaufenthalte nicht ab.

Doch alle Schönrednerei seiner Berater konnte nicht verhindern, dass der Gesundheitszustand des Staatschefs bald mehr Interesse weckte als seine Politik. Zumal Jelzin Zweifel an seiner Amtstauglichkeit immer wieder nährte, wenn er öffentliche Auftritte mit wankendem Gang, stierem Blick und aufgedunsenem Gesicht absolvierte. Spekulationen, er sei schwer alkohol- und medikamentensüchtig, wollten nicht verstummen.

Jelzin wurde am 1. Februar 1931 als Sohn einer Bauernfamilie in einem Ural-Dorf 1500 Kilometer östlich von Moskau geboren. Lange Zeit wich er nicht vom vorgezeichneten Weg eines Apparatschiks der Kommunistischen Partei (KPdSU) ab. Er war Maurer, Ingenieur, Kombinatschef, Parteisekretär in Swerdlowsk (Jekaterinburg), 1981 Mitglied des Zentralkomitees, vier Jahre später Moskauer Parteichef. Nach seiner Entmachtung durch Gorbatschow und einer spektakulären Rückkehr auf die politische Bühne erklärte er auf dem KPdSU-Parteitag im Juli 1990 seinen Parteiaustritt.

1991 erreichte Jelzin den Höhepunkt seiner Macht, als er zum russischen Präsidenten gewählt wurde und zwei Monate später den Putschversuch reformfeindlicher Kräfte gegen Gorbatschow niederschlug. Sein Bild als Volksheld auf einem Panzer ging um die Welt.

Jelzin versetzte zwar der Sowjetunion den Todesstoß, doch Russland versank schnell in der Krise: Hohe Arbeitslosigkeit, Verelendung, Korruption und die wachsende Macht des organisierten Verbrechens riefen die Opposition auf den Plan, die Jelzin zu immer mehr Zugeständnissen zwang. Die Krise eskalierte, als sich die reformfeindlichen Abgeordneten 1993 im Herbst 13 Tage lang im Moskauer Weißen Haus verschanzten. Jelzin reagierte, wie es für die Kremlchefs der Sowjet-Ära typisch war: mit Gewalt. Im Oktober ließ er mit Panzern den Aufstand niederschlagen und das Parlament auflösen.

Ganz in der Tradition der Sowjetdiktatur reagierte er auch auf die Krise im Kaukasus, als er im Dezember 1994 Truppen in Tschetschenien einmarschieren ließ. Der Krieg mit bis zu 100.000 Toten endete 1996 mit einer demütigenden Niederlage der russischen Armee. Dies hinderte Jelzin jedoch nicht daran, 1999 trotz scharfer internationaler Kritik eine neue Offensive gegen die abtrünnige Republik zu beginnen.

Die Krise vom Herbst 1993 genauso wie sein brutales Vorgehen in Tschetschenien beschädigten den Ruf Jelzins. Endgültig politisch angeschlagen war der Präsident durch die Finanz- und Wirtschaftskrise, die Russland im Sommer 1998 beutelte. Am 31. Dezember 1999 schied Jelzin überraschend freiwillig aus dem Amt - mit 68 Jahren schon von Krankheit gezeichnet.

Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte Jelzin in seiner Residenz in einem noblen Moskauer Wohnviertel, in der Öffentlichkeit zeigte er sich nur noch selten - so an seinem 75. Geburtstag im vergangenen Jahr: An der Gala im Kreml zu seinen Ehren hatten auch Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl und der ehemalige US-Präsident Bill Clinton teil genommen.