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24-02-2004 Boris Jelzin
Clan der Ära Jelzin verliert im Kreml weiter an Macht
Der russische Präsident Wladimir Putin hat rund drei Wochen vor der Präsidentschaftswahl das Feld für seine nächste Amtszeit bestellt und das prominenteste Opfer dieses politischen Frühjahrsputzes ist sein Regierungschef Michail Kasjanow. Der 46-jährige Finanzexperte war Putin schon längere Zeit ein Dorn im Auge.

Politische Beobachter hatten mit Kasjanows Rauswurf schon viel früher gerechnet. Spätestens seit im Oktober die Affäre um den russischen Ölkonzern Jukos eskalierte und der damalige Konzern-Chef Michail Chodorkowski ins Gefängnis wanderte, galt Kasjanow vielen als Auslaufmodell, denn er war eine der letzten mächtigen Stimmen der Oligarchen im Kreml.

Die Gerüchte um eine baldige Ablösung begleiteten Kasjanow seit Amtsantritt Mitte 2000. Damals schien es Putin jedoch offenbar opportun, seinen früheren Vize just aus dem Grund ins Amt zu hieven, der ihn mit der Jukos-Affäre diskreditierte: die Nähe zu den Oligarchen. Der Machtverlust der Konzernbosse sollte leise und sanft vollzogen werden. Kasjanow war dabei die Brücke.

Das Vertrauen Putins verlor der Regierungschef, der dem "Familien"-Clan aus Schützlingen von Ex-Präsident Boris Jelzin nahestand, als er nach Chodorkowskis Festnahme die Staatsanwaltschaft und damit indirekt Putin selbst kritisierte. Kasjanow war in Moskau bekannt für seine Beziehungen zu Finanzoligarchen wie Boris Beresowski und Roman Abramowitsch.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Kenner der internationalen Finanzwelt als "loyaler Leutnant" Putins erwiesen, wie die Zeitung "Wlast" kürzlich befand. Einer direkten Konfrontation mit dem mächtigen Kreml-Chef war Kasjanow Zeit seines Amtes geschickt ausgewichen. Die Entlassung von Kreml-Stabschef Alexander Woloschin, von Kreml-Experten schon mal als der "Graue Eminenz" und Pate der "Familie" bezeichnet, wurde als Menetekel für Kasjanow gelesen. Seither erkannten politische Beobachter einen offenen Konflikt an der Staats- und Regierungsspitze.

Der welt- und redegewandte Kasjanow stand für Stabilität und genoss in der Finanzwelt einen Vertrauensbonus. Eine seiner glänzendsten politischen Taten datiert aus der Zeit vor seinem Ministerpräsidenteamt: ein Abkommen mit dem Club von London im Februar 2000, das Russland erlaubte, die Rückzahlungen an ausländische Kreditgeber um acht Jahre zu verzögern, um die Schulden in Höhe von fast zwölf Milliarden Dollar (mehr als 9,5 Milliarden Euro) zu tilgen.

Kasjanow war stets in der Finanzwelt mehr zu Hause war als auf dem politischen Parkett. Dort galt er als harter und hervorragender Verhandlungspartner. Das schwere Erbe der sowjetischen Auslandsschulden verwaltete er seit seinem Eintritt ins Finanzministerium 1993, das er seit Mai 1999 als Minister leitete - zu einer schwierigen Zeit, als der rasante Rubel-Verfall die russische Volkwirtschaft extrem bedrohte.

In einer Moskauer Vorstadt am 8. Dezember 1957 geboren und aufgewachsen, arbeitete sich Kasjanow hoch: Nach seinem Studium war er neun Jahre lang im Dienste der Planwirtschaft der ehemaligen Sowjetunion tätig. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs begann seine Arbeit für die Regierung.