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07-12-2006 Boris Jelzin
GUS-Jubiläum: Jelzin glaubt weiter an Idee des Staatenbundes nach dem Zerfall der UdSSR
Der ehemalige russische Präsident Boris Jelzin ist weiterhin der Ansicht, dass die GUS die einzige Alternative zu dem unvermeidlich katastrophalen Zerfall der Sowjetunion war. "Auch heute danke ich all denen, die unseren Vertrag über die GUS-Gründung unterzeichnet haben, und für das Verantwortungsgefühl, das sie dabei gegenüber der Geschichte und ihren Völkern an den Tag gelegt haben", stellt Russlands Altpräsident am Donnerstag Tageszeitung in einem Interview mit Tageszeitung "Rossijskaja Gaseta" fest, das er zum 15. Jahrestag der Unterzeichnung der GUS-Gründungsdokumente von Beloweschskaja Puschtscha gab.

Die höchsten Repräsentanten Russlands, der Ukraine und Weißrusslands hatten das Dokument am 8. Dezember 1991 unterzeichnet, bereits am 21. Dezember entstand dann das neue zwischenstaatliche Gebilde - die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten.

Die Unterzeichnung eines neuen Unionsvertrages war durch den Putsch vom August 1991 verhindert worden, mit dem "alle Vereinbarungen über die Gründung einer neuen Union begraben wurden".

Bei der Gründung der GUS waren die Republikchefs bemüht, die schweren Folgen des Zerfalls des Staates für die Bürger abzuschwächen. "Eben deshalb wurden der visumsfreie Verkehr zwischen den neu gebildeten Ländern, Verzicht auf Zollbarrieren, freie Kapitalbewegung usw. beschlossen. Wir wollten etwas nach Art der heutigen Europäischen Union gründen, allerdings weniger bürokratisch und weniger zentralisiert", betonte Jelzin. Er verwies darauf, dass Russland all die Jahre die ehemaligen Unionsrepubliken auch finanziell unterstützt hat, obgleich die Wirtschaftssituation in der Russischen Föderation selbst nicht die beste war.

Zugleich wies er die Gerüchte zurück, bei der GUS-Gründung seien irgendwelche Geheimdokumente unterzeichnet worden. "Alles, was sich im Dezember 1991 abgespielt hat, ist bis auf jede Stunde und jede Minute bekannt. Praktisch alle handelnden Personen von damals leben auch heute, viele haben Memoiren über jene Ereignisse veröffentlicht... Keiner der Politiker hätte von seinem Volk zudem nichts verheimlichen können."

"Russland hat seine politischen, wirtschaftlichen und moralischen Verpflichtungen gegenüber den engsten Nachbarn strikt eingehalten", führte der Ex-Präsident weiter aus. "In vieler Hinsicht dank der russischen Hilfe und unseren Energieressourcen konnten die Wirtschaften der ehemaligen Republiken überleben, wiederhergestellt werden und sich dann weiter entwickeln. Viele ethnische Militärkonflikte konnten dank russischen Friedenstruppen verhindert werden."

Jelzin räumte ein, er empfinde immer noch eine Art Nostalgie nach der UdSSR. "Ich sehe aber ein, dass ein jedes Imperium zu einem Zerfall verurteilt ist... Und die seelische Nostalgie nach der UdSSR - die lässt sich nicht vermeiden."

Man sollte nicht vergessen, dass das Leben in der UdSSR in den letzten Jahren "äußerst schwer war - und zwar sowohl materiell als auch geistig". "Irgendwie haben heute alle vergessen, was leere Ladenregale bedeuten. Alle haben vergessen, wie es ist, Angst zu haben, eigene Gedanken zu äußern, die der ‚generellen Linie der Partei' zuwiderlaufen. Das darf man aber keinesfalls vergessen."

Auf das Problem der "nicht anerkannten Republiken" eingehend, betonte Jelzin, es sollte nicht als eine Folge der GUS betrachtet werden. "Dies ist ein Erbe der bolschewistischen und später der stalinschen Nationalitätenpolitik, bei der Grenzen zwischen einzelnen Republiken aufs Geratewohl gezogen wurden und mit der realen Geschichte nichts zu tun hatten, bei der ganze Völker umgesiedelt wurden, jahrhundertealte Traditionen vernichtet und die religiösen Gefühle der Menschen zerstört wurden. All das führte zu latenten Konflikten, die im Nu explodierten, sobald der totalitäre Staat wegfiel." Eine Lösung dieser Probleme sieht er in einer "beharrlichen und vorsichtigen Arbeit von Politikern, bei der das Prinzip ‚Du sollst nicht schaden' im Vordergrund stehen muss.

Jelzin betrachtet die GUS weiterhin als eine lebensfähige Struktur. "Die GUS-Staaten entwickeln sich wirtschaftlich in unterschiedlichem Tempo und haben unterschiedliche politische Strukturen. Sie sind aber alle von der Einsicht vereint, zusammen geht es uns besser als getrennt."

"Ich schaue der Zukunft der Gemeinschaft mit Optimismus entgegen", betonte er. "Es ist nicht wichtig, wie sie in Zukunft heißen wird. Wichtig ist, dass die ehemaligen Unionsrepubliken stets gemeinsam bleiben werden. Sollte auch ein ambitionierter Politiker in einem der Länder die Geschichte wenden wollen, so wird ihn das Volk daran hindern."

Der Altpräsident äußerte seine Freude darüber, dass sein Nachfolger, Wladimir Putin, seiner immensen Verantwortung gewachsen ist. "Bemerkenswert ist auch, wie viel Zeit der Präsident Russlands heute den Beziehungen zwischen den ehemaligen Unionsrepubliken schenkt. Insofern sehe ich die Zukunft unserer Gemeinschaft optimistisch." [ RIA Novosti ]