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24-04-2007 Boris Jelzin
Verfluchter Volksheld - Jelzin ist tot, Reformen leben weiter - Russlands Presse
Russlands erster Präsident Boris Jelzin ist tot. Die Unpopularität zu Lebzeiten ist üblich für Reformer, schreiben die Zeitungen „Nesawissimaja Geseta“ und „Wedomosti“ am Dienstag.

Jelzin war ein Mensch, der seinem Volk ein neues Leben schenkte und es von der Angst befreite. Doch die Menschen stuften ihre eigenen Anpassungsprobleme als politische Fehler der Staatsführung ein und begannen, da sie keine Angst mehr hatten, den Staatschef zu verfluchen.

Mit dem Namen Jelzin verbindet man den Zerfall der Sowjetunion und die darauffolgende Ideen- und Wirtschaftskrise. Der Abbau des alten Wirtschaftsmodells hatte für weite Teile der Bevölkerung einen Bruch der gewohnten Lebensweise und einen Abstieg in große Armut zur Folge, führte zur Neuverteilung des Eigentums und zum Anstieg der Kriminalität.

Jelzin wird man noch lange für den Zerfall des Landes und für den dramatischen Rückgang der Lebensqualität in den frühen 90er Jahren verantwortlich machen. Auch für die angestiegene Sterblichkeit und den Bevölkerungsschwund, für den Krieg in Tschetschenien mit vielen tausend Toten, für das Elend von Zehntausenden Flüchtlingen, für die schwere Finanzkrise von 1998, für gedeihende Bürokratie und Oligarchen.

Die Menschen, die zur energischen selbständigen Arbeit nicht bereit waren und vom Präsidenten einen schnellen Übergang in eine rosige kapitalistische Zukunft erwartet hatten, kamen schließlich zu dem Schluss, dass Demokratie vor allem wachsende Kriminalität und Korruption sowie nationale Konflikte bedeutet.

Die ablehnende Haltung der Russen gegenüber den Jelzin-Reformen verkörpert sich im jetzigen restaurativen Kurs, der ebenso heiß unterstützt wird, wie einst anfänglich der Jelzin-Kurs.

Die meisten Errungenschaften der Jelzin-Ära - demokratische Wahlen, Redefreiheit, Dezentralisierung der Macht, Privatisierung und Rückzug des Staates aus der Wirtschaft - werden heute in Zweifel gezogen.

Aus der Sicht der meisten Russen bestand Jelzin die Prüfung nicht und erfüllte ihre Erwartungen nicht. In der Tat aber genießen die Menschen auch heute noch das, was sie unter Jelzin bekommen haben. Die Aufklärung kommt, sobald die in der Larve der Stabilität steckende Regression deutlich wird. Dann wird klar, dass die von Jelzin eingeleiteten Wandlungen zum Glück nicht mehr zu stoppen sind. Denn es geht um unvergängliche Werte der menschlichen Zivilisation. Man muss bloß etwas abwarten. [ RIA Novosti ]