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03-12-2012 Jugendparlament DeuRus
Von Bescheidenheit, Befremdung und Begegnung - ein persönlicher, kritischer Rückblick


Was wurden für große Worte geschwungen zu Beginn des deutsch-russischen Jugendparlaments. Eigentlich entsprang meine Bewerbung einer bescheidenen Initiative. So war die Überraschung groß, aus 140 deutschen Teilnehmern eine von 25 zu sein und die Freude noch größer. Meine Bescheidenheit, die jedoch das ernste und ehrliche Interesse an der Sache keinesfalls ausschloss, würzte die Eindrücke stets mit einem gewissen ironischen Skeptizismus. Mir gebührte die Ehre, am „Flaggschiff des deutsch-russischen Jugendaustauschs“ teilzunehmen. Zuvor hatte ich mich mit den Leitlinien dieses Projekts vertraut gemacht und bei den Eröffnungsreden den Eindruck, viel überlesen zu haben. Ich hörte interessiert zu, dass meine Teilnahme „eine lohnende Investition“ sei, denn Jugendpolitik ist ja bekanntlich Politik für die Zukunft.


Das Ergebnispapier des Jugendparlaments sollte gemeinsame Antworten auf neue Herausforderungen finden. Anders gesagt: Lösungen für Probleme und dies -wenn möglich- sehr präzise, damit wir nicht irgendwo „on the one hand..., but on the other hand...“ in der Mitte untergehen. Dr. Hans-Friedrich von Ploetz(1) wünschte sich in diesem Sinne lieber „einarmige Experten“(2), die konkrete, überzeugende Vorschläge finden. Da das Jugendparlament parallel zum Petersburger Dialog stattfindet, welcher wiederum in den deutsch-russischen Regierungskonsultationen mündet, kommen unsere Forderungen ganz schnell oben an. So nah an der Spitze wurde das Jugendparlament dann schon von manch russischem Staatsmann als „Schule für führende Nachwuchspolitiker“ erklärt. Dementsprechend verhielten sich einige Ausnahmeteilnehmer, die offenbar nur zum Parlament gekommen waren, um ihren Lebenslauf mit dem Präsidentschaftstitel zu komplettieren. Der lange Wahlabend am zweiten Tag endete jedoch zugunsten der weniger aufdringlichen (bescheidenen) Kandidaten und die Überflieger kehrten bezeichnenderweise nur zu den schillernden, publicityträchtigen Programmpunkten zurück.

Davon bot dieses Jugendparlament viel - mitunter zu viel. Zwischen den Besuchen in den politischen Institutionen der russischen Hauptstadt und Expertentreffen blieb einem kaum Zeit, nachzudenken, geschweige denn für die Arbeit im Komitee. Die ersten Tage standen in einem Missverhältnis von überwältigendem Input und minimalen Output. Mir stellte sich die Frage, ob es beim Jugendparlament mehr um Schein oder um Sein ging. Die Kulisse der Moskauer Metropole drohte die eigentlichen Akteure ins Abseits zu drängen.

Natürlich jedoch liegt es immer in den eigenen Händen, was man daraus macht. Während ich mit meiner Ko-Vorsitzenden des zweiten Ausschusses am Dienstagabend vergeblich versuchte, unsere Gruppe für eine zusätzliche Sitzung zu gewinnen, waren andere bereit, bis in die späten Nachtstunden zu debattieren. Doch trotz oder vielleicht gerade dank des Zeitdrucks brachte es unser Komitee fertig, am Mittwochnachmittag nach weiteren Expertenrunden einen straffen Plan zu erstellen und bis zur abendlichen Plenarsitzung ein erstes Ergebnispapier vorzustellen. Unsere Zusammenarbeit verlief fast erschreckend reibungslos und harmonisch. Unsere Vorschläge zur Problemlösung interethnischer Konflikte waren so lieblich weltverbessernd und kantenlos, dass sie ohne große Einwände vom Plenum angenommen wurden. Eine Streitkultur lernte ich in unserem „Kuschel-Komitee“ so (leider) nicht kennen. Die angespannte Atmosphäre anderer Gruppen, in welchen man um jedes Wort stritt, konnte ich erst bei der vorletzten Plenarsitzung erahnen. Hier ging es um die schwierigen Fragen wie beispielsweise die verschiedenen Begrifflichkeiten eines irrtümlich identischen Wortes im Deutschen und Russischen oder Toleranz gegenüber Intoleranz.

Wie in den letzten beiden Jugendparlamenten hätte die Diskussion darum, ob wir die prekäre Lage der nicht traditionell-sexuell Orientierten in Russland explizit im Ergebnispapier erwähnen, fast die Ausschuss-und Plenumssitzung gesprengt. Auch wenn die Gemüter erhitzt waren und es zur gefühlten Feindlichkeit während der Debatten kam und wir nur einen faden Konsens fanden - letzten Endes blieb dies außerhalb der persönlichen Ebene. Das ist der eigentliche, große Erfolg. Einander zuzuhören und manchmal hinzunehmen, dass die eigene Sicht einen daran hindern kann, andere Perspektiven zu verstehen. Der Versuch jedoch, die scheinbar „falsche“ Meinung überhaupt nachzuvollziehen, ist meines Erachtens viel Wert und erst der Anfang, aufeinander zuzugehen.

So schien der -für mich eigentliche- Sinn unserer deutsch-russischen Begegnung in der bedeutungsschwangeren politischen Hauptstadtatmosphäre als schmückendes Beiwerk des Petersburger Dialogs zunächst unterzugehen. Abseits dieser Befremdung aber war das Jugendparlament doch das, was es sein sollte und wollte: Eine Schule der Zivilgesellschaft, in der die parlamentarische Meinungsbildung und damit die essentiellen Grundlagen der Demokratie erfahrbar werden. Ein Treffen aufrichtig interessierter junger Menschen mit ganz verschiedenen Hintergründen und vielen Gemeinsamkeiten. Denn der persönliche Kontakt und die Begegnung miteinander ist mindestens ebenso wichtig wie das Erleben im parlamentarischen Labor. Nach spannenden Diskussionen lässt es sich am besten feiern. Auch wenn für mich Zweifel aufkamen, was wir eigentlich feiern. Dr. Ploetz und die jetzige Geschäftsführerin Regine Kayser waren begeistert von unserem Ergebnispapier. Sie lobten, dass wir das Fragezeichen „2012 - gemeinsame Antworten auf neue Herausforderungen?“ durch ein Ausrufezeichen ersetzt hätten. Das Ergebnispapier an sich mag zwar für uns ein Erfolg sein, doch trotz ein paar Minuten Redezeit vor Präsident Putin und Bundeskanzlerin Merkel wird es wohl irgendwo auf dem Aktenfriedhof einstauben. Daher sind für mich die neuen Kontakte der größere Schatz. Ich sehe das Jugendparlament auch als eine Ideenwerkstatt und im letztjährig gegründeten Alumni-Verein „DRjUG e.V.“(3) die konsequente Fortführung. Mit dem Verein als weiter bestehende Plattform bleibt das Jugendparlament keine Momentaufnahme, sondern stellt eine gewisse Nachhaltigkeit dar. Ich bin gespannt, was die Zukunft bringen wird. Was wir, die Jugend, der Zukunft bringen werden.

Anna Ryndin, Masterstudentin für das Lehramt (Russisch) an der Universität Potsdam

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Das hat mir gut gefallen…

1.) deutscher Botschafter in Russland 2002-2005 und erster Geschäftsführer der Stiftung „Deutsch-Russischer Jugendaustausch“

2.) In Anlehnung an eine Aussage von Harry Truman.

3.) http://drjug.tumblr.com/
https://www.facebook.com/groups/127846627305692/