8./9. Mai - Ende des Großen Vaterländischen Krieges


1944/45: Stars and Stripes in Poltawa
(Dr. sc. Alexander Orlow, Historiker, für RIA Nowosti.) Von der Zusammenarbeit zwischen der UdSSR und den USA, Alliierten aus der Antihitler-Koalition während des Zweiten Weltkrieges, ist vieles bekannt:

Gipfeltreffen, Arbeit der Diplomaten, Lend-Lease-Liferungen, die historische Verbrüderung von Soldaten und Offizieren beider Armeen an der Elbe. Praktisch nichts weiß man dagegen von den "Pendeloperationen" der amerikanischen strategischen Fliegerkräfte, die 1944 für die Bombardierung militärischer Objekte des "Dritten Reiches" drei sowjetische Flugplätze - Poltawa, Mirgorod und Pirjatin (Rakowschtschina) - benutzten. Im Sommer vierundvierzig befehligte ich, damals Unterleutnant, einen Zug der 9. Panzerbrigade. Zur Auffüllung auf Kriegsstärke lag sie in der ukrainischen Stadt Poltawa, die eine relativ kurze Zeit zuvor von den faschistischen Truppen befreit worden war. In einer Entfernung von sieben Kilometern von unserem Standort gab es einen Luftstützpunkt der amerikanischen Fliegerkräfte, die "Pendelflüge" von England und Italien nach Poltawa durchführten. Genauer: Amerikanische B-17-Bomber und Begleitjagdflugzeuge starteten von englischen und italienischen Flugplätzen, um Objekte in Deutschland, den von den Nazis okkupierten und den mit Deutschland verbündeten Ländern zu bombardieren, worauf sie auf unserem Territorium zur Erholung, Instandsetzung und zum Nachtanken landeten. Dann wurden erneut faschistische Objekte angegriffen. Drauf landeten sie auf den Flugplätzen in England und Italien, um von dort aus wieder Kurs auf Poltawa zu nehmen.

Auf dem Poltawaer Luftknoten, der alle drei von mir genannten Flugplätze einschloss, war das "Ostkommando" der US-Fliegerkräfte untergebracht, das zusammen mit dem Kommando der Luftstreitkräfte der Roten Armee die Operationen der amerikanischen Bombenflugzeuge leitete. Die Amerikaner warfen ihre Bomben auf Luftstützpunkte und Betriebe der Nazis ab, die Russen warteten zusammen mit den Amerikanern ihre Flugzeuge und den Flugplatz, schützten ihn vor Luftangriffen der gegnerischen Fliegerkräfte und bewachten die Bodenobjekte der Alliierten.

Viel später erfuhr ich, dass der Gedanke, amerikanische Flugplätze auf sowjetischem Territorium anzulegen, von Präsident Roosevelt stammte. Bereits 1942 ersuchte er Stalin darum, einige Flugplätze - damals in Sibirien - zur Verfügung zu stellen, um darauf 100 schwere Bombenflugzeuge zu basieren, die gegen Japan hätten handeln können, falls dieses die UdSSR überfallen hätte. Stalin unterstützte die Idee nicht, weil er es sich nicht erlauben konnte, die Neutralität gegenüber Tokio zu verletzen und sich in einen Zweifrontenkrieg einbeziehen zu lassen. Aber dreiundvierzig, nach dem großen Umschwung im Verlauf des Großen Vaterländischen Krieges, erschien der neue Vorschlag der Amerikaner Moskau interessant. Er wurde von Generalmajor J. Dean, Chef der militärischen US-Mission in der UdSSR, der in der sowjetischen Hauptstadt eintraf, dargelegt. Freilich gab der Oberste Befehlshaber damals den Alliierten noch keine eindeutige Zustimmung.

Die Verhandlungen über das Anlegen eines amerikanischen Luftstützpunktes auf dem Territorium der UdSSR wurden erst auf der Konferenz von Teheran wieder aufgenommen. Für die USA war ein solcher Stützpunkt äußerst wichtig. Ihre Flugzeuge in Europa mussten wegen der ungenügenden Anzahl von Ausweichflugplätzen und ihrer verhältnismäßig kurzen Reichweite Treibstoff sparen, vermieden es, ohne zuverlässige Unterstützung durch Jagdflugzeuge ernste Luftkämpfe aufzunehmen, und erlitten natürlich hohe Verluste. Stalin stimmte dem Vorschlag der Amerikaner grundsätzlich zu, allerdings nicht ohne gesagt zu haben, eine endgültige Antwort könne erst nach dem Studium aller vorgelegten Dokumentationen gegeben werden. Diese Arbeit nahm mehrere Monate in Anspruch. Erst im Februar 1944 begann die Belieferung der Flugplätze bei Poltawa mit all den notwendigen Anlagen zur Sicherung der Gefechtstätigkeit der amerikanischen strategischen Fliegerkräfte.

Die Arbeit war umfangreich. Laut Plan sollten an den "Pendeloperationen" bis zu 120 viermotorige Boeing-17-Bomber ("Fliegende Festungen") eingesetzt werden. Für ihre Starts und Landungen sowie für ihre Rollbahnen mussten auf dem Flugplatz Pirjatin Metallstreifen gelegt werden, und auf dem Flugplatz Mirgorod war es notwendig, die betonierte Start- und Landebahn zu verlängern. Beinahe 1 000 amerikanische Fachkräfte zur Wartung der Flugzeuge und zur Sicherstellung der Nachrichtenverbindungen waren einzuquartieren, aber in den kriegszerstörten Städten gab es einfach nicht so viele Wohnungen. So beschloss man, zu diesem Zweck sowjetische Schlafwagen der ehemaligen internationalen Bahnstrecken zu benutzen; zwei solche Züge standen nun auf den Zufahrtswegen nach Poltawa. Außerdem galt es, Nachrichtenpunkte und -zentralen zu schaffen, die Moskau, wo sich die Mission von General Dean befand, direkt mit Poltawa verbanden. Hinzu kam eine eben solche Direktverbindung zwischen Poltawa und England, wo sich der Stab der strategischen USA-Fliegerkräfte befand, und mit Italien, von dessen Territorium die schweren Bomber starteten. Notwendig war schließlich ein Nachrichtenkanal zu Teheran, denn dort befanden sich rückwärtige Versorgungsstützpunkte der Amerikaner.

Es musste ein Verfahren vereinbart werden, nach dem die B-17-Maschinen und ihre Begleitjagdflugzeuge die Frontlinie überqueren durften, ihnen bei Notlandungen auf dem Boden Hilfe erwiesen werden konnte, und noch sehr, sehr vieles andere. Vor allem aber ging es darum, die anzugreifenden Objekte des Gegners zu bestätigen.

Die Amerikaner hatten vor, die Heinkel-Flugzeugwerke im Raum Riga mit Bomben zu belegen, um vor der Operation "Overlord" die Deutschen zur Verlegung eines Teils der Luftwaffe von der West- an die Ostfront zu zwingen. Moskau bestand auf der Bombardierung jener Gebiete in Rumänien und Ungarn, die Deutschland mit Treibstoff belieferten. Da laut Abkommen zwischen der UdSSR und den USA die Forderungen der sowjetischen Seite Vorrang hatten, gaben die Amerikaner nach. Es erhob sich neben allem anderen die Frage nach dem Schutz der Flugplätze mit Luftverteidigungsmitteln. Das sowjetische Kommando stellte zum Schutz des Stützpunktes Poltawa eine Jagdfliegerdivision der Luftverteidigung und ein Flakartillerieregiment des 6. Korps der Luftverteidigungskräfte bereit. Die Amerikaner nahmen diese Vorkehrungen ironisch auf. An der Westfront war es kein einziges Mal vorgekommen, dass die Deutschen versucht hätten, die Flugplätze der Alliierten, die weniger als 150 - 300 Kilometer von der Frontlinie entfernt waren, anzugreifen, hier aber betrug die Entfernung an die 500 Kilometer. Sie irrten sich. Aber davon später.

Ihren ersten Schlag versetzten die USA-Bomber, die vom Luftstützpunkt in Italien gestartet waren und in Poltawa landeten, am 2. Juni 1944. Sie bombardierten die Eisenbahnknotenpunkte der Hitlertruppen im Raum der Städte Debrecen, Dej und Cluj. Diese Operation bekam (wie auch die weiteren) die Bezeichnung "Frantic". Eingesetzt waren 750 Maschinen der 15. Luftarmee der USA. Ein Teil davon kehrte nach Italien zurück, während 128 B-17-Bomber und 64 Begleitjagdflugzeuge P-51 "Mustang" Poltawa erreichten, wobei sie nur eine B-17 verloren, die im Zielraum in der Luft explodierte. Bei einer weiteren B-17 brach bei der Landung ein Fahrgestell, das durch einen Fla-Granatsplitter beschädigt worden war. Das Schicksal eines weiteren Jägers blieb unbekannt. Nach den Normen jener Zeit waren das recht gute Kampfergebnisse.

Ich muss daran zurückdenken, wie wir sowjetische Offiziere die Amerikaner, die in der Stadt auftauchten, betrachteten. Das Kommando missbilligte begreiflicherweise gegenseitige Kontakte. Doch waren sie nicht zu vermeiden: Wir liefen doch auf denselben Straßen, sahen uns dieselben Filme an und tranken in denselben Restaurants gern einen. Wir verständigten uns mit den "Yankees" hauptsächlich durch Gesten, Auf-die-Schultern-Klopfen, Lächeln. Wir tauschten die Sterne von den Schulterklappen und Feldmützen, Ordens- und Medaillenspangen, erbeutete deutsche Helme, Schokolade, Zigaretten und den für uns damals wunderlichen Kaugummi aus. Wir tauschten selbst den Selbstgebrannten gegen Gin und Whisky, die uns ebenfalls neu waren. Die Amerikaner waren von unserem weißblauen Selbstgebrannten "Drei Rüben" beeindruckt, den die örtlichen Frauen aus dem gleichnamigen Gemüse herstellten.

Die Amerikaner standen recht freundlich zu uns. Wie auch wir zu ihnen. Mit einigen ihrer Offiziere befreundete ich mich sogar: Ich konnte ein wenig Englisch und war bei unseren Offiziersgeselligkeiten eine Art Dolmetscher. Der Kommandant einer B-17, Oberleutnant Rally Sun, sagte mir:

"Die Art, wie ihr uns empfangt, ist für mich eine angenehme Überraschung. Einige unserer ‚Gentlemen' in Amerika und England sagten uns, die Russen seien böse, grobe Menschen, zurückgeblieben in Kultur und Zivilisation."

Auch wir entdeckten an den Amerikanern viel Neues für uns. So waren wir sowjetische Offiziere über das einfache und demokratische Verhältnis zwischen den amerikanischen Offizieren, Soldaten und Sergeanten verwundert. Betrat etwa ein Offizier ein Zelt, in dem Flugzeugtechniker saßen und Karten spielten, so sprang niemand auf und hörte auf zu rauchen, sich zu unterhalten oder zu lachen, selbst wenn das ein Oberst oder ein General war. Sprach ein Ranghöherer einen Soldaten an, so antwortete dieser, ohne die Zigarette aus dem Mund zu nehmen, als würde es sich um ein Gespräch unter Freunden handeln. In der Roten Armee war ein solches Verhalten unmöglich.

Ein Ereignis trübte unsere Beziehungen für lange Zeit. Es war Folgendes passiert. Am 11. Juli flog die Fliegergruppe von General Ira C. Eacker von Poltawa nach Italien, und der Fotograf der Gruppe, Leutnant McKoy, nahm Luftbilder des Poltawaer Stützpunktes mit B-17-Bombern auf den Abstellflächen und der Startbahn in die Maschine mit. So etwas durfte nicht geschehen. Die Tatsache, dass die Amerikaner auf einem sowjetischen Flugplatz bei Poltawa stationiert waren, galt als ein sehr großes Geheimnis. Nun wollte es das Missgeschick, dass die Deutschen ausgerechnet das Flugzeug abschossen, in dem sich Leutnant McKoy befand. Die Luftbilder gerieten ihnen in die Hände. Zehn Tage später tauchte über uns ein faschistisches He-111-Aufklärungsflugzeug auf. Es gelang nicht, die Maschine abzufangen. Nachts erschienen über Mirgorod und dann auch über Poltawa deutsche Bomber, die zuerst Leucht-, dann aber Splitter-, Brand- und Sprengbomben abwarfen. Der Versuch, diesen Angriff durch das Flak-Feuer und die Jagdflugzeuge des 802. Regiments der Luftverteidigung abzuwehren, hatte wenig Erfolg. Einige Bomben fielen sogar im Unterbringungsort unserer Panzerbrigade.

Die Ergebnisse des deutschen Angriffs waren schlimm. In erster Linie für uns. Die Faschisten verbrannten drei Jäger der 310. Division der Luftverteidigung, 404 Tonnen Treibstoff und beschädigten durch Splitter 12 "Aerokobra"-Maschinen sowie die Start- und Landebahnen aus Metall. Zwei Menschen wurden getötet, 14 verwundet. Die Amerikaner hatten keine Verluste an Menschen und Flugzeugen. Sie hatten ihre Bomber gleich nach der Flucht der He-111 auseinandergezogen. Dennoch kritisierten sie uns sehr ernsthaft wegen der Organisation der Luftverteidigung des Flugplatzes. Alles in allem waren sie, das muss zugegeben werden, im Recht. Die Verteidigung hatte sich als schwach und ungenügend erwiesen. Später wurde vieles verbessert, und die späteren Angriffe der faschistischen Flugzeuge hatten keinen solchen Effekt mehr, wie in der ersten Nacht. Aber ein unangenehmes Nachgefühl blieb.

Die Amerikaner bestanden darauf, ihre Radarstationen nach Poltawa zu liefern, die deutsche Maschinen lange vor ihrem Anflug auf den Flugplatz hätten orten können. Die Rote Armee hatte solche Radare nicht. Die Rede war auch davon, aus England schwere Flakartillerie, Nachtjagdflugzeuge, an denen es uns ebenfalls mangelte, und andere Mittel zu einer verstärken Absicherung ihrer Flugzeuge und Flieger zu verlegen. Über diese Fragen konnte nur der Oberste Befehlshaber entscheiden. Er aber zögerte. Es gefiel ihm nicht, dass hierbei das Personal der überseeischen Fachleute auf unseren Stützpunkten vergrößert werden musste. Es hätte bis auf 9 000 Personen ansteigen können, das aber erforderte auch eine Erhöhung der Zahl unserer Fachleute verschiedenster Berufe.

Unterdessen wurden die "Pendeloperationen" der Amerikaner wieder aufgenommen. Vom 22. bis zum 29. Juli unternahmen sie vier Luftangriffe auf militärische Flugplätze in Rumänien und Ungarn. Hierbei vernichteten sie 159 Flugzeuge, davon 67 am Boden und 64 in Luftkämpfen, weitere 28 Maschinen wurden beschädigt. Außerdem verbrannten sie vier Eisenbahnzüge, 14 Kraftfahrzeuge mit Frachten und zwei Stabsbusse. Die Verluste der Amerikaner: acht "Lightning"-Flugzeuge.

Im August 1944 führten die amerikanischen Fliegerkräfte von ihren Stützpunkten in Italien, England und der Sowjetunion aus fünf Luftoperationen durch. Insgesamt unternahmen sie binnen eines Monats 499 Flugzeugstarts, warfen auf den Feind 467 Tonnen Bomben ab und vernichteten neben Raffinerien noch 22 Flugzeuge der Nazis. Sie selbst verloren hierbei vier Maschinen.

Die "Pendeloperationen" unter der Stars-and-Stripes-Flagge hörten in den Tagen des Warschauer Aufstandes auf. Er wurde von polnischen Patrioten unter der Leitung der Londoner Exilregierung begonnen. Stalin war wütend. Er begriff, dass die prowestliche Führung Polens die Hauptstadt ohne die Rote Armee befreien wollte, um dann den "antisowjetischen Sanitätskordon wie vor dem Krieg" wiederherzustellen. Und als einmal statt der Amerikaner über Polen Engländer flogen, die auf Churchills Befehl Frachten für die Aufständischen abwarfen, verbot der Oberste Befehlshaber den Alliierten das Überfliegen der sowjetisch-deutschen Frontlinie und der Truppen der Roten Armee.

Die vier letzten "Frantic"-Operationen fanden erst im September statt. Eine davon war mit den Angriffen der Amerikaner auf einen Rüstungsbetrieb südlich von Berlin, in Brücks, verbunden, die zweite und die vierte galten den ungarischen Objekten in Miskolc und Szolnok. Die dritte war als Hilfe für die aufständischen Warschauer gedacht. Stalin erlaubte sie, weil die verblutenden Polen durch nichts mehr gerettet werden konnten. Der Aufstand war dem Untergang geweiht. Am 1. Oktober wurde er endgültig niedergeschlagen. Die meisten von den Amerikanern abgeworfenen Frachten - die Abwurfhöhe betrug 4 000 Meter - gerieten den Faschisten in die Hände. Die Amerikaner verloren zwei Bomber und zwei Jäger.

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Im Winter 1944/45 verließen die Amerikaner Poltawa. Für die Opferbereitschaft und Standhaftigkeit bei der gemeinsamen Tätigkeit gegen den gemeinsamen Feind zeichnete das Kommando der US-Fliegerkräfte zehn Rotarmisten - hauptsächlich Unteroffiziere, Sergeanten und Soldaten - mit der Valor Medal (Tapferkeitsmedaille) aus. Das sowjetische Kommando verlieh 17 amerikanischen Generalen und Offizieren staatliche Auszeichnungen.

Ich denke daran zurück, wie vierundvierzig die einfachen Menschen aus Russland und Amerika trotz der Unterschiede in Mentalität, Konfessionen, Traditionen, Lebensweise und der Sprachbarrieren leicht und ungezwungen miteinander verkehrten - ohne Vermittler und Diplomaten, Ideologen und Politiker. Unsere Freundschaft und Partnerschaft, die in jenen fernen Jahren entstanden, sind nicht vergessen worden und werden unbedingt auch in Zukunft eine Fortsetzung finden.
Sowjetische Agitproplakate zum 2. Weltkrieg
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