8./9. Mai - Ende des Großen Vaterländischen Krieges


Sieg der Waffen wurde zum Sieg der Musen
Die Siegesfeier hat das Interesse für russische Kultur wiederbelebt

Die Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag des Sieges der Alliierten über Nazideutschland haben in Europa und der Welt widersprüchliche Reaktionen ausgelöst.


Besonders unannehmbar war für kritisch Gesinnte die von roten Pentagrammen starrende Militärparade auf dem Roten Platz.

Dabei trug diese Parade einen absolut theatralischen Charakter und stellte nur eine genaue Rekonstruktion jener legendenumwobenen Siegesparade dar, die 1945 in Moskau stattfand. Die Veranstalter des Festes haben eine groß angelegte Kopie der Vergangenheit hergestellt. Für diese Rekonstruktion wurden nicht wenig Kräfte und Mittel aufgewendet. Neu geschneidert wurde die vergessenen Soldaten- und Offiziersuniformen, neu hergestellt die neuen Waffen jener Jahre: Gewehre und Maschinengewehre (nicht etwa Nachbildungen, sondern Kampfwaffen); hinzu kommen die Zeltbahnen, Helme, Feldmützen, Pionierspaten, Rucksäcke und Töpfe, um nur einiges zu nennen.

Gemäß den Archivchroniken wurden die Verteilung der Truppeneinheiten und die Reihenfolge des Vorbeimarsches der Kolonnen sorgfältig wiederhergestellt. Es gab nur zwei grundsätzliche Ausnahmen aus der Rekonstruktion: Der Verteidigungsminister fuhr in einem Kabriolett, während Marschall Schukow die Parade hoch zu einem schneeweißen Ross abgenommen hatte, und es wurden keine Standarten und Fahnen der besiegten deutschen Armee am Fuß des Mausoleums abgeworfen.

Niemand wollte drohen und mit Säbeln rasseln.

Das war ein lichtes Fest zu Ehren der Siegesgöttin Nike und nicht eine düstere Schau im Geiste der Nürnberger Fackelumzüge. Ein fröhliches, lebensbejahendes Schauspiel des Geistes. Nicht von ungefähr war Begeisterung die erste Reaktion der Zuschauer, unter denen die führenden Politiker der Weltdemokratie genauso applaudierten wie ihre Nachbarn auf der Tribüne, die von den Massenmedien einträchtig Tyrannen genannt werden.

Im Unterschied zu jenen Politikern, die in der Parade Aggression erblickten, empfand die weltweite Kulturgemeinschaft die Feierlichkeiten in Moskau in erster Linie als eine Theateraktion, als Rekonstruktion einer Epoche. Vom Geist der Rekonstruktion war zum Beispiel auch die "Cinemaphony" in London gekennzeichnet, bei der dem Publikum feierlich die berühmte 7. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch - der Komponist hatte sie im belagerten Leningrad geschrieben - vorgestellt wurde. Auf einem riesigen Monitor zogen vor den Augen der Zuschauer dokumentarische Bilder des Krieges vorbei. Die Musik erschallte, am Dirigentenpult stand Maxim Schostakowitsch, der Sohn des Meisters.

Die Gedenkparade in London hatte eben diese Form.

Am anderen Ende der Welt, in China, fand die Premiere des chinesischen TV-Films "Im Morgengrauen ist es still" statt. In dem nach einem Roman von Boris Wassiljew in Russland gedrehten Streifen werden alle Rollen von Chinesen gespielt. Die Geschichte einer verzweifelten Auseinandersetzung zwischen einem Zug von jungen Mädchen und dem angreifenden Feind und ihr Untergang hat in China ein unwahrscheinlich emotionales Echo gefunden. Zuvor hatte die Verfilmung eines anderen russischen Romans, "Wie der Stahl gehärtet wurde", einen ebenso gewaltigen Erfolg.

Sowohl in London als auch in Peking wurden nicht Aggression und Fanatismus hervorgekehrt, vielmehr wollte man die Opferbereitschaft des russischen Geistes betonen, der um der Ideale der Gerechtigkeit willen bereit ist, sich kreuzigen zu lassen. In dieser Opferbereitschaft sieht man zu Recht den Protest gegen die egoistische Philosophie der neuen Zeiten, die auf Komfort und Konsumtion schwört. Gestern gab das Guggenheim-Museum in New York bekannt, dass im Herbst eine gigantische Ausstellung der russischen Kunst bevorsteht. Die Werke kommen aus den Sammlungen der Ermitage und der Tretjakowgalerie. Das ist ein weiteres Kultur-Echo des Festes des Sieges. (Anatoli Koroljow, politischer Kommentator der RIA Nowosti.)
Sowjetische Agitproplakate zum 2. Weltkrieg
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Sowjetische Flugblätter für deutsche Soldaten
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Deutsche Agitproplakate zum 2. Weltkrieg
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