8./9. Mai - Ende des Großen Vaterländischen Krieges


Diskussion über Holocaust in Russlands Schulen
"Wir müssen den Holocaust in Erinnerung behalten, damit sich das niemals wiederholt." Mit diesen Worten betraten die Teilnehmer der Gedenkfeier zum 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee die Bühne des Zentralen Hauses des Literaten in Moskau.

Der Abend wurde vom Holocaust-Fonds mit Unterstützung der Stadtregierung von Moskau, der israelischen Botschaft und einiger jüdischer Organisationen veranstaltet. Als offizielle Gäste wohnten ihm Russlands Außenminister Sergej Lawrow sowie die Botschafter von Israel und Deutschland in Russland, Arkadi Milman und Hans-Friedrich von Plötz, bei.

Während des Abends wurden die Sieger des internationalen Wettbewerbs "Holocaust: Gedenken und Mahnung" ausgezeichnet, der jährlich vom russischen Holocaust-Fonds veranstaltet wird.

Wie der Kovorsitzende des Fonds, Ilja Altman, mitteilte, hatte die Jury 450 Arbeiten von Schülern, Studenten und Lehrern aus zehn Ländern - Russland, der Ukraine, Weißrussland, Moldawien, Kasachstan, Usbekistan, Israel, Deutschland, den USA und Polen - erhalten. Die vier Sieger des Wettbewerbs - drei Studenten aus Russland und ein Student aus der Ukraine - haben dank der Unterstützung des Simon-Wiesenthal-Zentrums die Möglichkeit bekommen, an einer internationalen Holocaust-Konferenz in Paris teilzunehmen.

Die Hauptpersonen des Wettbewerbs waren dennoch die Lehrer. "In diesem Saal sind heute zwar Politiker und Diplomaten anwesend, die wichtigsten Menschen stehen aber auf der Bühne, denn gerade sie prägen die Welt der Kinder" - mit diesen Worten wandte sich Alexander Asmolow, wissenschaftlicher Leiter des föderalen Zielprogramms "Toleranz", an die Lehrer, die zu den Siegern des Wettbewerbs gehörten. Wie er betonte, ist das Holocaust-Thema heute aktuell wie nie zuvor. Und die Rolle des Lehrers, der den Kindern erklärt, wo Xenophobie und Rassismus hinführen, ist außerordentlich wichtig.

"Russlands Schüler wissen nicht viel über das Holocaust-Phänomen in der Nazi-Geschichte", erklärte Martin Piotrowski, Student der Wiener Wirtschaftsuniversität, gegenüber RIA Nowosti. "Für sie beginnt die Geschichte des Zweiten Weltkrieges erst 1941, als das faschistische Deutschland die UdSSR überfallen hat, und sie wissen weitgehend nichts darüber, was zuvor passierte und wie der Nazismus entstanden war."

Martin leistet im Russischen Holocaust-Fonds seinen Wehrersatzdienst, bei dem er an Moskauer Schulen unterrichtet. Er erzählt russischen Schülern über die Holocaust-Geschichte und über die Geschichte des Nazismus.

"Ich möchte, dass die Menschen begreifen, dass sich der Holocaust in einem jeden Land und jeden Augenblick wiederholen kann", sagt Martin. "Wenn ich mich mit meiner Freundin in der Moskauer Metro auf Deutsch unterhalte, drehen sich Halbwüchsige nach mir um und sagen ‚Heil Hitler' zu mir. Wahrscheinlich wollen die mich gar nicht beleidigen, vielleicht ist dies nur ein Scherz für sie, für mich ist das aber kein Scherz."

"Für die meisten meiner Altersgenossen ist das, was während des Zweiten Weltkrieges geschehen ist, längst ferne Vergangenheit", sagte Anja Fokina, Preisträgerin des internationalen Wettbewerbs, gegenüber RIA Nowosti. "Es ist sehr schlecht, dass die Lehrer mit uns über Holocaust und über Toleranz nicht sprechen."

Anja hat 2004 die Schule Nummer eins in der Siedlung Dubrowka, Gebiet Brjansk, abgeschlossen. Sie hatte Glück mit ihrer hervorragenden Geschichtslehrerin Tatjana Schukowa.

"Unsere Greise erinnern sich an den 23. Februar 1942 wie an einen Alptraum", erzählte Tatjana Schukowa. "An jenem Tag verbrannten die Faschisten 18 Juden aus Dubrowka - alle, die die Evakuierung verpasst hatten und auch nicht an die Front gegangen waren - in einer alten Schmiede." Tatjana Schukowa und ihre Schüler bemühen sich nun, die Namen der Ermordeten festzustellen. Außerdem erwirkten sie bei der Kreisverwaltung eine Genehmigung für die Errichtung eines Denkmals. Am 8. Mai 2002 wurde in der Siedlung ein kleiner Gedenkstein mit der Aufschrift "Zum Andenken an die Juden aus Dubrowka" eingeweiht. Wie die Lehrerin feststellte, ist dies das erste Denkmal für die ermordeten Juden im Gebiet Brjansk.

Nach ihrer Ansicht ist es für die Kinder nicht mehr gleichgültig, wenn man sich mit ihnen damit auseinandersetzt. "Seitdem wir in Dubrowka das Denkmal für die ermordeten Juden aufgestellt haben, widmen jedes Jahr mehrere Schulabgänger ihre Abschlussreferate der Holocaust-Geschichte", sagt sie.

Vorerst sind die Unterrichtsstunden, die Holocaust, Rassismus und Xenophobie gewidmet sind, in Russlands Schulen eine Initiative enthusiastischer Lehrer. Ein für alle russischen Schulen obligatorischer Kurs zur Holocaust-Geschichte wurde allerdings noch nicht beschlossen. Es gibt sowohl Befürworter als auch Gegner dieses Projektes. Die Opponenten sagen, dieses Thema könnte eine ablehnende Reaktion und sogar eine neue Welle von Antisemitismus auslösen, sollte dieses Thema aufgezwungen werden. Denn nicht alle Lehrer würden erklären können, warum es sich gerade um Juden handelt. Nicht alle würden eine Parallele mit dem heutigen Tag ziehen können und dabei zeigen, wozu die Xenophobie führen könnte, und dass der Weg von einem Hakenkreuz-Graffiti bis zu den Gaskammern von Auschwitz gar nicht so weit ist.

Aber auch viele der Gegner eines speziellen Holocaust-Kurses an den Schulen sind der Auffassung, dass man über dieses Thema sprechen muss, und zwar sowohl in den Schulen als auch in den Medien. Es geht nur um den Umfang und die Form, die dazu geeignet wäre, damit das für die Gesellschaft nützlich ist. (Marianna Belenkaja, politische Kommentatorin der RIA Nowosti).
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