8./9. Mai - Ende des Großen Vaterländischen Krieges


Wir geloben, nichts zu vergessen
Kurz vor dem offiziellen Besuch des Präsidenten der Russischen Föderation Wladimir Putin in der Slowakei ist in der RIA Nowosti ein Brief von Dr. Andrej Cervenak, einem bekannten slowakischen Russisten, Professor an der Universität der Stadt Nitra, eingegangen.

In letzter Zeit wirft die slowakische politische Publizistik immer wieder die Frage auf, welchen Kurs die Slowakei nehmen solle: gen Westen oder gen Osten? Hierbei gerät die Tatsache in Vergessenheit, dass sich jedes Land vor allem auf das Zentrum, d. h. auf sich selbst, orientiert. Die Orientierung auf äußere Kräfte ist zweitrangig. Aber Westen und Osten, Norden und Süden existieren (inner- und außerhalb des Landes).

Ich wurde zum Beispiel im Osten der Slowakei geboren, es hat mich jedoch in den Westen der Slowakei verschlagen. Ich lebe hier, aber mein Herz ist im Osten geblieben. Bin ich aber im Osten, so fühle ich, dass mein Herz im Westen ist. Bei Reisen durch die Ostslowakei besuche ich oft den militärischen Friedhof in Svidnik; dort sind sowjetische Soldaten begraben, die für die Freiheit meiner Heimat fielen. Im Westen gehe ich oft zur militärischen Gedenkstätte auf dem Slavin-Berg, wo ebenfalls sowjetische Soldaten ruhen, die fielen, damit ich und mein Volk in Freiheit leben können.

Sobald ich zu meiner Mutter in den Osten kam und sie mich selbstvergessen umarmte und küsste, empfand ich Freude und Schmerz zugleich. Schmerz, weil ich an die Millionen gefallenen russischen und sowjetischen Soldaten zurückdenken muss, die nicht mehr ihre Mütter umarmen und küssen konnten. Wenn ich in den Westen zurückkehre und meine Enkelin mir um den Hals fällt und mich küsst, empfinde ich ebenfalls Freude und Schmerz zugleich. Weil Tausende russische und sowjetische Soldaten, die auf dem Slavin in Bratislava ruhen, nie mehr die Freude bei einer Begegnung mit ihren Kindern und Enkelkindern erleben können.

Sie ruhen - ich aber lebe. Um was für ein Ziel willen? Wozu? Solche Fragen stellen sich alle, die Svidnik und Slavin besuchen. Jeder versteht den Sinn des Lebens auf seine Art. Doch fühlen alle, dass sie das Leben ihrer Väter und Mütter fortsetzen. Wer einem das Leben geschenkt hat, dessen Schicksal muss man im Herzen bewahren. Aber ist es nicht so, dass uns Slowaken auch jene das Leben schenkten, die auf den Friedhöfen von Svidnik und Slavin ihren ewigen Schlaf schlafen? Kann man denn jenes Stück Brot vergessen, das mir ein sowjetischer Soldat opferte, der sah, wie ich, hungrig und zerrissen, dastand und ihm in den Mund sah? Er ruht nicht in Svidnik, aber liegt er vielleicht auf dem Slavin-Berg oder in unserer slowakischen Erde? Daran denke ich, wenn ich die Slavin-Gedenkstätte besuche und mich meinen Gedanken hingebe.

Über den Sinn meines Lebens.

Ich empfinde mich als Erbe der Geschichte der slowakisch-russischen Kontakte, Verbindungen und Beziehungen. Im Bewusstsein meiner Landsleute, ebenso wie in dem meinigen, bilden Russland, Russisches und Slawisches einen festen Bestandteil unseres nationalen Wesens und unseres nationalen Stolzes. Unsere Aufklärer und Hunderte und Aberhunderte ihrer Anhänger schufen den Tempel der nationalen Kultur, wobei sie sich auf die russische Kultur stützten und daraus die geistigen Werte, die Ideen des Guten, Wahren und Schönen schöpften.

Meinen Großvater verschlug es während des Ersten Weltkrieges nach Russland, wo er zusammen mit anderen Kriegsgefangenen auf dem Feld arbeitete. Bevor er seine erste Furche zog, richtete er seinen Blick gen Osten, zur Sonne, dieser Quelle des Lebens, und seufzte: "Oh dieses Russland... Ja, diese Schwarzerde..." Während des Zweiten Weltkrieges blickte mein Großvater hasserfüllt den Wagen mit Hitlerleuten nach und flüsterte für sich und für uns: "Nein, das kann doch nicht wahr sein!" Mein Großvater fühlte, dass diese mit Waffen voll beladenen Autos nicht nur Russland, sondern auch seinen Glauben, sein moralisches Kapital, das Tausende Generationen von Slowaken geschaffen hatten, vernichten wollten.

Nein, das slowakische Volk ist kein Volk von Mankurts. (Anmerkung des Übersetzers: Entlehnung aus Tschingis Aitmatow, bei dem das Wort einen Sklaven bedeutet, der das Gedächtnis verliert und selbst seine Mutter nicht wiedererkennen kann.)

Ich war acht bis zehn Jahre alt; noch konnte ich nicht richtig erkennen, später aber erfuhr ich und konnte mich davon überzeugen, dass das faschistische Deutschland gegen Europa, gegen Russland, gegen die Juden und die Slawen vorging. Zwanzig Millionen Sowjetbürger gaben ihr Leben hin, um dieser Barbarei ein Ende zu setzen.

Verflucht sei der Mankurtismus, wenn er in einem slowakischen Herzen entstanden ist und sich da verkrochen hat.

Im Jubiläumsjahr, kurz vor dem 60. Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkrieges, in dem die Stärke und Wahrheit des antifaschistischen Blocks siegte, lege ich in Gedanken sechzig rote Rosen an jedem Grab nieder, in dem eine lebendige Seele, die gegen den Faschismus gekämpft hatte, begraben ist. Schweigend, aber mit Tränen im Herzen lege ich die Blumen an den Gräbern der russischen und sowjetischen Soldaten nieder, die auf den Friedhöfen in Svidnik und Slavin ihren ewigen Schlaf schlafen. Das Andenken an die gefallenen Soldaten ist in Stein und Wort verewigt worden. Wie das teuerste Gut wollen wir auch in unserer Seele ihre ruhmreichen Taten bewahren und ehren, die sie um des Sieges der Vernunft und der Gerechtigkeit willen vollbrachten.

Die slowakische Erde sei euch leicht, ihr uns blutsverwandten Brüder und Schwestern.

Wir geloben, nichts zu vergessen.
Sowjetische Agitproplakate zum 2. Weltkrieg
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Sowjetische Flugblätter für deutsche Soldaten
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Deutsche Agitproplakate zum 2. Weltkrieg
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