8./9. Mai - Ende des Großen Vaterländischen Krieges


Der Zweite Weltkrieg. Wahrheitsgetreue Geschichte ist immer ein Problem
Wie eine russische Zeitung bemerkt hat, "wünscht die Präsidentin Lettlands einen öffentlichen Konflikt mit Moskau" und brennt darauf, nach Russland zu den Feierlichkeiten aus Anlass des 60. Jahrestages des Sieges über den Faschismus zu kommen, um vor der ganzen Welt ihre Version der Geschichte des 20. Jahrhunderts darzulegen.

Die Version von Frau Vaira Vike-Freiberga ist jedoch stark ramponiert und läuft darauf hinaus, dass der Molotow-Ribbentrop-Pakt das Baltikum nicht befreit, sondern versklavt hätte. Moskau reagiert auf diese Versuche, wie mir scheint, übermäßig empfindlich, Berlin aber absolut gleichgültig. Und es hat recht, weil das heutige Deutschland weder zu Ribbentrop noch zu Hitler in Beziehung steht. Ebenso auch das heutige Russland zu Molotow und Stalin.

Will man das aber ernst nehmen, so ist jede wahrheitsgetreue Geschichte immer ein Problem. Gerade deshalb strotzen die Geschichtsbücher von Mythen, die entweder jemandes Gewissen beruhigen, oder jemandes Eitelkeit nähren. Russland und Deutschland befinden sich, was die Geschichte des Zweiten Weltkrieges betrifft, in einer privilegierten Lage, weil die beiden Länder den Großteil der Mythen bereits los sind. Berlin hat den Faschismus, Russland den Stalinismus verurteilt. Darum kann man sie nicht so leicht kränken. Wozu muss man aber offene Türen einrennen?

Die historische Wahrheit ist in erster Linie nicht für sie, sondern für viele andere Teilnehmer des damaligen historischen Dramas gefährlich. Das winzig kleine und schwache Baltikum kann natürlich bemitleidet werden, weil es vor dem Zweiten Weltkrieg in den engen Raum zwischen zwei Giganten geriet. Man kann aber bei der Lektüre der echten Dokumente darüber, wie die baltischen Diplomaten zwischen dem faschistischen Berlin und dem stalinistischen Moskau hastig pendelten, den beiden zugleich Treue schworen und dabei die beiden verrieten, auch verächtlich mitden Schultern zucken.

Vielleicht wird Frau Vaira Vike-Freiberga den Mut fassen, auch darüber zu reden und nicht nur über den ohnehin bekannten Molotow-Ribbentrop-Pakt.

Übrigens rechtfertigt die Schwäche nicht jene Prinzipienlosigkeit, die von den baltischen Behörden in jener komplizierten Periode demonstriert wurde. Es ist nicht dasselbe, zu verstehen oder zu rechtfertigen. Polen, das an militärischer Kraft Deutschland offensichtlich unterlegen war, fiel, aber gab seine Ehre nicht preis. Das ruft nur Achtung hervor.

Schließlich ist der berüchtigte Molotow-Ribbentrop-Pakt bei weitem nicht die einzige historische Episode der Aufteilung der Einflusssphären zwischen den Großmächten, die mit jener Epoche zusammenhängt. In Wirklichkeit gibt es eine Menge ähnlicher Episoden. Außer der "Geschichte Lettlands des 20. Jahrhunderts", in der die lettischen Faschisten gerühmt werden und das KZ Salaspils, in dem Versuche an Kindern angestellt wurden, als "Arbeitserziehungsanstalt" bezeichnet wird, gibt es zum Glück auch andere Geschichtsquellen.

Zum Beispiel die Memoiren des im Baltikum geachteten Winston Churchill. Ich erlaube mir, ein Zitat aus seinen Memoiren anzuführen, in dem er über seinen Moskau-Besuch in der Schlussetappe des Krieges berichtet. Im Verlaufe dieses Besuchs schlug der Brite Stalin vor, die Einflusssphären in einer ganzen Reihe von europäischen Ländern zu verteilen. Erwähnt werden insbesondere Rumänien, Griechenland, Jugoslawien, Ungarn, Bulgarien und andere Länder. Churchill bezeichnet diese "anderen Länder" nicht näher, darum ist es möglich, dass zu ihnen auch Lettland gehört.

"Ich habe die Liste Stalin gegeben. Es entstand eine kurze Pause. Dann nahm er einen blauen Stift, hakte etwas ab und gab uns die Liste zurück. Alles wurde blitzschnell entschieden. Danach trat ein längeres Schweigen ein. Die Liste mit den gemachten Zeichen lag in der Mitte des Tisches. Schließlich sagte ich: ‚Sieht das alles nicht übermäßig zynisch aus - wir haben doch so improvisiert Probleme gelöst, die das Schicksal von Millionen Menschen berühren? Wollen wir diese Liste verbrennen'. ‚Nein, bewahren Sie sie auf', sagte Stalin.

Die genauen Prozentsätze dieser Teilung Europas kann man im Buch Winston S. Churchill. The Second World War finden. Will aber die Präsidentin Lettlands im Verlaufe der Feierlichkeiten auch an diese Seiten der Geschichte erinnern?

Es gibt auch andere Quellen. Und nicht alle davon werden der lettischen Präsidentin und den lettischen Veteranen der Waffen-SS gefallen. Ich möchte mich wiederholen: Wahrheitsgetreue Geschichte ist immer ein Problem.

Moskau versammelt seine Gäste dazu noch nicht um der Politik willen, es verfolgt dabei zwei Ziele: Jenen Millionen Russen, Europäern und Amerikanern den Tribut der Achtung zu zollen, die ihr Leben hingegeben haben, um dem Faschismus Einhalt zu gebieten - Auschwitz und andere Todeslager, darunter auch das "Arbeitserziehungslager" Salaspils bei Riga, zu befreien.

Und auch noch, um unter dieses für die Zeitgenossen in ihrer Mehrheit weit zurückliegende Drama einen Schlussstrich zu ziehen.

Bei diesem Treffen wird es keine Schuldigen und keine Besiegten geben. Das ist ein großes Fest und man sollte nicht dazu kommen, um jemandem die Stimmung zu verderben. Geschweige denn den Gastgebern. Haben sie doch im Kampf gegen den Faschismus viele Millionen Mitbürger verloren. (Pjotr Romanow, politischer Kommentator der RIA Nowosti)
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