8./9. Mai - Ende des Großen Vaterländischen Krieges


Welt am Sonntag: "Wir haben wichtigere Themen"
Russland bereitet sich darauf vor, den 60. Jahrestag des Sieges im Zweiten Weltkrieg zu begehen. Zu diesem Thema wird dieser Tage viel geschrieben. Doch wenn die Presse in Russland der Heldentaten des russischen Soldaten gedenkt, so sind manche Medien in Deutschland voll von Erinnerungen ganz anderer Art.

So veröffentlichte die Zeitung "Welt am Sonntag" einen Artikel ihres Autors Ralf Georg Reuth unter dem Titel "Nehmt die Frauen als Beute". Das Leitmotiv: eine wilde Horde drang in Ostpreußen ein, ermordete Kinder, vergewaltigte Frauen und zerstörte alles.

Zu behaupten, dass das alles nicht stimmt, wäre nicht die Wahrheit. Doch das ist eine Wahrheit, die schlimmer als eine Lüge ist. Für die Versöhnung von Russen und Deutschen musste ein hoher Preis gezahlt werden, der Preis gigantischer Mühen, um die Vergangenheit geistig aufzuarbeiten und zu überwinden. Und man darf heute nicht über die Tragödie der deutschen Zivilbevölkerung sprechen, ohne gedanklich die Gründe für das hemmungslose Gefühl der Rache zu verarbeiten. Einer Rache, geboren aus sinnloser und erbarmungsloser Grausamkeit. Wer Wind sät, wird Sturm ernten.

Uns schien, dass heute, wo wir, Russen und Deutsche, uns gegenseitig in die Augen schauen können, wir uns dem Dialog zu diesem, für uns alle nicht einfachen Thema, stellen müssen. Das war auch der Grund, weshalb wir uns mit dem untenstehenden Brief an die Redaktion der "WamS" wandten. Die Reaktion indes war verblüffend: "Wir haben wichtigere Themen". Wir sind nicht dieser Meinung, und deshalb veröffentlichen wir den Brief. Denn nur im Dialog, ohne gegenseitige Beschuldigungen, eröffnet sich uns die Zukunft.

Sehr geehrter Herr Chefredakteur!

Der Artikel "Nehmt die Frauen als Beute" von Ralf Georg Reuth in der "Welt am Sonntag" vom 24.2.2005 gab den entscheidenden Ausschlag für meine Überlegungen, das Essay des bekannten russischen Schriftstellers Anatoli Koroljow unter dem Titel "Der Angriff Marineskos: Gottes oder des Teufels Hand?" zu veröffentlichen. Koroljow ist meines Wissens als erster russischer Schriftsteller der Frage nachgegangen, wie man sich zu dem Kommandanten des U-Boots ?-13, Marinesko, stellen sollte. Zu jenem Marinesko, der die Wilhelm Gustloff mit 6.600 Flüchtlingen an Bord beim Auslaufen aus Gotenhafen versenkte. Schon der Titel zeigt, dass der religiös-ethische Denker aus Russland eine Antwort auf die Frage sucht, warum die Zivilbevölkerung Russlands und Deutschlands so viele furchtbare Opfer in diesem abscheulichen Krieg erlitt.

Der offizielle Standpunkt lautete: Marinesko versenkte am 30. Januar 1945 das gut bewachte Schiff und schickte 70 ausgebildete deutsche U-Boot-Besatzungen auf den Grund. Davon, dass sich auf dem Schiff im wesentlichen deutsche Zivilisten, Flüchtlinge, befanden, fiel kein Wort.

Koroljow schreibt: "Krieg ist Krieg, nicht wir hatten Deutschland überfallen. Im höheren Sinne führte Russland einen heiligen Krieg, über dem Land schwebte der Geist der Gerechtigkeit. Nicht von ungefähr sahen die russischen Truppen der Gottesmutter Antlitz am Himmel (oder glaubten es zu sehen). Die Gottesmutter gilt von jeher als Russlands Beschützerin. Wenn aber die Russen sagen, Gott selbst habe Marineskos Hand geführt und der Tod von Tausenden Deutschen sei eine gerechte Vergeltung, so werden die Deutschen sagen: Nein, ohne des Teufels Hilfe ist das nicht geschehen. Und unter seinem höllischen Gelächter sei eine ganze Stadt von menschlichen Schicksalen im eiskalten Wasser versunken.

Die Dreizehn gilt nicht von ungefähr als teuflische Zahl".

In den Tagen der Trauer beteten sicherlich Hunderte von verwaisten Kindern und Witwen zu Gott um Vergeltung an den Russen. Ebenso erflehten Millionen Russen in jenem grausamen Krieg bei Gott um Vergeltung an den Deutschen.

Bildlich gesprochen waren Stalin und Ehrenburg für den Autoren der "Welt am Sonntag" Teufel. Sie flößten den Russen Hass gegenüber den Deutschen ein, eben so, wie Hitler bei den Deutschen Hassgefühle gegenüber den Russen aufputschte. Das ist aber nur insofern richtig, als der Teufel personifiziert wird. In Wirklichkeit ist alles viel komplizierter. Den Boden Ostpreußens betrat der russische Soldat mit einer ausgebrannten Seele, von Hass auf den Feind zerfressen. Eigentlich hatten Stalin und Ehrenburg, hatten Kommunismus und Nazismus im Großen und Ganzen damit nichts zu tun. Und wie immer in der Geschichte wird unter den Bedingungen dieser Realität von Scheußlichkeit und Unerbittlichkeit die Frau zum zweiten Opfer. Denn der Soldat ist das erste.

Der tiefsitzende Hass konnte jedoch nicht auf ewig die Seele vergiften. Die Vernunft setzte sich schon sehr bald durch. Schon 1945 lebten Dutzende russische Offiziere in Königsberg faktisch in eheähnlichen Verhältnissen mit deutschen Frauen. Sie nahmen sich deren Kinder an. Und aus der neuen Liebe entstanden gemeinsame Kinder. Als die Frauen und Kinder dann 1948 gewaltsam von ihren russischen Ehemännern getrennt und aus dem heutigen Kaliningrader Gebiet deportiert wurden, erschossen sich viele russische Offiziere. Sie erschossen sich aus Liebe zu ihren deutschen Frauen. Auch das sollte man heute wissen.

Mit freundlichen Grüßen

Boris Kaimakow

Stellvertretender Chefredakteur der Russischen Agentur für internationale Informationen "RIA Nowosti"
Sowjetische Agitproplakate zum 2. Weltkrieg
zum Vergrössern auf das Bild klicken





Sowjetische Flugblätter für deutsche Soldaten
zum Vergrössern auf das Bild klicken


Deutsche Agitproplakate zum 2. Weltkrieg
zum Vergrössern auf das Bild klicken