8./9. Mai - Ende des Großen Vaterländischen Krieges


Frühjahrsbedingte Zuspitzung des Kalten Krieges
Die Reihe der Staatsmänner, die es ablehnen, zu den Feierlichkeiten anlässlich des 60. Jahrestags des Sieges über das faschistische Deutschland nach Moskau zu kommen, wird immer länger. Zu den Präsidenten Litauens und Estlands gesellten sich nun die Präsidenten Georgiens und der Ukraine, Michail Saakaschwili und Viktor Justschenko.

Die Motive für die Ablehnungen mögen sich in Details unterscheiden. Die einen halten den Anlass für ein Treffen auf höchster Ebene für nicht groß genug

- den Sieg gab es zwar, aber so groß war er nun wirklich nicht. Die anderen (wie Justschenko), bewerteten dieses Datum im Gegenteil so hoch, dass sie es gemeinsam mit ihrem eigenen Volk begehen müssten. Der Sinn bleibt aber der gleiche: nicht zu kommen und damit eine Distanz zum Dienstherrn von gestern zu demonstrieren.

Offenbar ist das Syndrom des kleinen Bruders genauso schwer heilbar wie das Syndrom des Großen Bruders. Unsere Politiker haben ihre Komplexe, die Politiker der ehemaligen UdSSR-Länder haben andere Komplexe.

Letzteren erinnern dabei an Schulkinder, die eine Klassenarbeit schwänzen wollen. Ausreden gibt es viele, aber nur einen Grund: fehlende Kenntnisse des Fachs. Und in unserem Fall kommt hinzu: mangelnder Wille das Fach zu begreifen.

Es gibt zwei Arten des Kalten Krieges - den Informationskrieg und den semantischen Krieg. Im ersten Fall kommt es zu einem Schlagabtausch zwischen Propaganda-Journalisten, im zweiten - zwischen antagonistisch eingestellten Politikern.

Hier einige Beispiele der semantischen Konfrontation. Ein Außenminister besucht ein Land und weigert sich mit schicklichem Grund, Blumen an einem bestimmten Denkmal niederzulegen. Seinerseits ist dies ein Zeichen. Darauf wird sofort der Status des Besuchs dieses Ministers von den Gastgebern herabgesetzt. Dies ist der Gegenschlag, ganz offensichtlich auch ein Zeichen.

In Warschau beschließen die Stadtväter, eine Straße nach Dschochar Dudajew zu benennen. In der Moskauer Stadtduma spricht man von einer symmetrischen Erwiderung: Eine Moskauer Straße soll nach General Murawjow benannt werden. Das ist nämlich jener Murawjow, der seinerzeit einen Aufstand in Polen grausam niedergeschlagen und sich damit den Ruf eines Henkergenerals erworben hat. Es handelt sich damit bereits um semantische Ortsgefechte.

In manchen früheren Unionsrepubliken möchte man die russische Sprache allein deshalb vergessen wollen, weil Lenin diese Sprache gesprochen hat. Dort wird die Sprache als ein imperiales Symbol aufgefasst. Diese Sprache auszurotten, wie etwa die Denkmäler für die Führer der Oktoberrevolution abgetragen wurden und werden, - dies wäre nach Ansicht so mancher Politiker ein Mittel zu nationaler Selbstidentifizierung und Staatssouveränität. Andererseits hätte man es als ein Signal zur guten Nachbarschaft auslegen können, wenn man der russischen Sprache den Status einer Staatssprache zuerkannt hätte.

Aber auch wir haben eine Menge von Figuren, die sich auf dem linguistischen Feld austoben möchten. Die radikalsten von ihnen fordern, die "große und mächtige" russische Sprache von Fremdwörtern zu reinigen.

Mitunter nehmen die Kriege mit Zeichen und Signalen groteske Formen an. Nachdem Michail Saakaschwili Adscharien zurückerobert hat, eilte er zum Strand, um sich dort vor den Fernsehkameras das Gesicht mit Meereswasser zu waschen. Natürlich ging er dabei nicht von hygienischen, sondern von rein symbolischen Überlegungen aus.

In Litauen, wenn ich mich nicht täusche, ging es buchstäblich um die Wurst. Um eine Wurstsorte, von den Herstellern aus Gründen des Marketings "Sowjetskaja" genannt. Der Skandal war von Anfang an politisch. Trotz der Tatsache, dass die Ware gefragt war, musste das Etikett gewechselt werden. Im marktwirtschaftlichen Litauen hatte sich der Markt der Ideologie zu beugen.

Wir sind geneigt, unseren früheren Brüdern an dieser Front mit gleicher Münze zu zahlen. Ab und zu sind bei uns Aufrufe zu vernehmen, Fischkonserven aus dem Baltikum zu boykottieren. Nicht etwa weil diese schlecht schmecken oder gesundheitsschädlich wären, sondern halt einfach aus Protest.

Aus Protest gegen die USA-Politik fordert man, keine amerikanischen Jeans zu kaufen. Aus Protest gegen die Globalisierung und gegen Aktivitäten der transnationalen Unternehmen sollen McDonalds und Coca-Cola boykottiert werden usw.

Auch der Sport ist ein beliebtes Feld für semantische Kämpfe mit einem klaren politischen Unterton. So war es auch zu den Zeiten der Rivalität der zwei Großmächte. Haben wir verloren, so war es keine sportliche, sondern eine ideologische Niederlage. Haben wir gewonnen, so war das ein Beweis nicht nur einer sportlichen Überlegenheit, sondern auch der ideologischen Überlegenheit über die Welt von Kapital und Ausbeutung.

Vor einigen Tagen spielten die Nationalmannschaften Estlands und Russlands gegeneinander. Im Vorfeld der Begegnung hatten estnische Medien eine enorme Spannung geschürt, als ginge es nicht um ein Sportereignis, sondern um etwas größeres - etwa um einen Verlust der nationalen Würde, der unbedingt verhindert werden sollte.

Derartige Ambitionen gehen fast immer mit einer Beleidigung der nationalen Würde der anderen Seite einher. Gut, wenn das nur auf semantischer Ebene geschieht. Russische Fussballfans, die zum Spiel nach Tallinn kamen, erhielten zusammen mit dem Visum und dem Ticket für das Spiel auch eine schriftliche Mahnung, in der es hieß, dass Personen mit Schusswaffen, Alkohol, Rauschgift, psychotropen Stoffen und Losungen mit jeder Art von Diskriminierung, sei es eine ethnische oder eine geschlechtliche, nicht ins Stadion hineingelassen werden. Du kommst als Gast, schon am Eingang wirst du aber vom Gastgeber gemahnt, du sollst dem Nachbarn nicht in den Teller spucken, nicht in die Hand schneuzen und nicht neben das Becken urinieren.

Diese "gastfreundliche" Geste der estnischen Offiziellen erscheint freilich nicht besonders unkorrekt, wenn man sich an die bekannte Äußerung der lettischen Präsidentin Vaira Vicke-Freiberga über russische Kriegsveteranen erinnert, die sich nach ihren Worten am Tag des Sieges besaufen, zum Wodka getrocknete Fische essen und eine Zeitung als Tischtuch gebrauchen.

Die semantischen Raufereien sind zwar blutlos, sie können aber recht schmerzhaft sein. Danach muss man moralische Wunden und Traumata mitunter recht lange heilen.

Bemerkenswert ist auch, dass Lettlands Diplomaten bemüht waren, die Taktlosigkeit der Präsidentin zu kaschieren. Entsprechende Präzisierungen der offiziellen Persönlichkeiten bestanden sinngemäß darin, dass die Letten zwar den Faschismus verurteilen, die Verbrechen des Sowjetregimes auf ihrem Territorium aber nicht verzeihen können, insofern würden sie am 9. Mai zwar die Niederlage des Hitlerdeutschlands, nicht aber den Sieg der UdSSR begehen.

An dieser verbalen Äquilibristik könnte man schmunzelnd vorübergehen, stünde dahinter nicht auch unser eigenes Drama. Denn auch für uns ist der große Sieg nicht nur mit Stolz, sondern auch mit Bitterkeit und Schmerz verbunden. Auch wir können dem früheren Regime dessen Verbrechen nicht verzeihen.

Bemerkenswerterweise hat die Russische Föderation mit der Sowjetunion nicht weniger Probleme als mit den ehemaligen Unionsrepubliken. Auch hier ist ein semantischer Kalter Krieg im Gange. Dies ist aber schon ein Bürgerkrieg, was noch abscheulicher und qualvoller ist. Anlass dafür gibt es mehr als genug: Staatshymne, Staatsflagge, das Lenin-Mausoleum, alte Lieder und Filme, Denkmäler für die früheren Staatsführer, sowjetische Feiertage, Geschichtslehrbücher, Mythen über Helden und Bösewichte unserer jüngsten Vergangenheit ... All das sind Barrikaden, Schützengräben und immer noch scharfe Minen und Granaten in diesem Krieg.

Die Figur Stalins spielt dabei die Rolle eines Aufmarschraums.

Bildhauer Surab Zereteli entsandte bereits seine Stalin-Plastik nach Wolgograd.

Es gab Zeiten, als es schien, wir hätten dem Generalissimus unseren Sieg ein für allemal abgerungen. Aber nein: Er wird schon wieder aufs Podest hinaufgezerrt und zur Parade mitgeschleppt. 1943 hat man die Stadt an der Wolga gegen Hitler verteidigt, 2005 muss man die Stadt vor Genosse Stalin, genauer gesagt, vor seinem Namen schützen. Eine semantische Schlacht um Wolgograd ist im Gange.

Was besonders bedauerlich ist: Das Fest, das uns stets zusammengeschlossen und versöhnt hat, droht jetzt die Gesellschaft zu spalten.

Wichtig ist auch, dass der 9. Mai nicht bloß ein Tag des Sieges der UdSSR und ihrer Verbündeten über Hitlerdeutschland ist, sondern auch ein Tag des Sieges der Zivilisation über die Unzivilisiertheit. In der Geschichte der Menschheit gibt es keinen anderen Feiertag, der genauso gemeinsam wäre und genauso stark dem Zusammenschluss gedient hätte.

In diesem Zusammenhang wäre es an der Zeit, sich die berühmte Rede Churchills in Erinnerung zu rufen. "In den letzten 25 Jahren hat es keinen hartnäckigeren Gegner des Kommunismus gegeben als mich", sagte er. "All das verblasst aber vor dem Bild, das sich uns jetzt bietet. Die Vergangenheit mit allen ihren Verbrechen und Tragödien tritt zur Seite. Das Anliegen eines jeden Russen, der um sein Haus kämpft, ist ein Anliegen der freien Menschen in allen Ecken des Erdballs."

Wenn die Vergangenheit damals angesichts der großen Tragödie zur Seite treten konnte - warum sollte sie das nicht wieder und wieder tun, zumindest für einen Tag, den Tag des Gedenkens der Toten und der großen Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft.

Wir bräuchten einen Sieg für uns alle, heute haben wir einen Feiertag für alle. (Juri Bogomolow, RIA Nowosti).
Sowjetische Agitproplakate zum 2. Weltkrieg
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