8./9. Mai - Ende des Großen Vaterländischen Krieges – Historische Hintergründe




29-04-2005 Kapitulation Historie
Als die Soldaten in Richtung Elbe vorrückten
Er hatte ein Profil wie auf einer altrömischen Münze. Eine stolze Patriziernase, edle Falten im asketischen, müden Gesicht. Albert Kotzebue, 1945 Leutnant des 273. Regiments der 69. Infanteriedivision der Ersten US-Armee, alterte in Schönheit.

Und das Alter ließ für ihn die Freuden des Lebens nur noch bunter leuchten. Als ich ihn Mitte der 80er Jahre in Chicago kennen lernte, studierte Oberst a. D. Kotzebue Jura, in der Woche darauf hatte er die strengen Examina an der Universität abzulegen.

Zwei Jahre später sollte ihn der Tod ereilen, aber das wusste nur Gott.

Damals war Kotzebue rüstig und freigebig. Er schenkte mir ein unschätzbares Andenken: eine genaue Druckkopie der amerikanischen Armeezeitung "Stars & Stripes" mit dem jetzt schon historischen, nein, kanonischen Text, den der Frontreporter Andy Runy über eine tragbare Funkstelle diktiert hatte.

Lesen wir ihn mit den heutigen, vom PC-Monitor ermüdeten Augen der Menschen, die oft nur aus dem Internet davon erfahren, dass wir uns dem 60. Jahrestag des Großen Sieges nähern.

Gelbliches Papier, etwas fester als gewöhnlich. Und eine Schlagzeile über die ganze Zeitungsseite: "Yankees treffen sich mit Russen". "Die amerikanische und die russische Armee trafen sich 75 Meilen südlich von Berlin, wodurch sie Deutschland halbiert und den letzten Spalt zwischen der Ost- und der Westfront geschlossen haben. Das Treffen, das gestern gleichzeitig in Washington, Moskau und London bekannt gegeben wurde, geschah um 16.40 Uhr am Mittwoch in Torgau, am Fluss Elbe ... Die russischen Soldaten lassen sich am besten wie folgt beschreiben: Sie sind genau solche Menschen wie die Amerikaner... Die überschäumende Freude erfasst uns, eine große neue Welt tut sich auf..."

Kotzebue erlebte diesen Freudentaumel mit. Er sah das Treffen mit eigenen Augen. Der Leutnant befehligte eine Abteilung amerikanischer Soldaten, die an der Elbe einen kräftigen Händedruck mit den Russen wechselten.

Waren seine GIs die ersten? Ebenso wie im Fall mit der roten Fahne über dem Reichstag hat die Geschichte das Treffen an der Elbe mit einem Knäuel von Mythen umrankt. Dennoch heißt es, dass die Abteilung von Albert Kotzebue der Gruppe von Leutnant William Robertson, die ebenfalls zu den Russen vorstieß, um vier Stunden voraus war. Für Kotzebue selbst war das absolut belanglos. Krieg ist kein Sport, sagte er mir.

An jenem ganzen Tag in Chicago erzählte er, wie alles war.

In der Morgendämmerung erhielt er, Kotzebue, über den Feldfunksprecher einen Befehl aus dem Bataillonsstab: "Streife Richtung Elbe ausschicken! Prüfen, ob Russen soweit sind."

Er nahm 28 Mann und sieben Jeeps mit, und so drängten sie sich zum Strom vor. Das Gedränge kam davon, dass sich ihnen eine dichte verworrene Menschenmenge entgegenwälzte. Flüchtlinge, Deserteure der hitlerschen Armee, einige verkleidet, in Frauenröcken. Eine teuflische Maskerade! Dieser Strom beachtete kein Hupen und ließ sich auch durch die Jeeps nicht zerteilen. Bis zur Elbe war es, wie es schien, nur ein Katzensprung, klägliche 20 Meilen, aber sie erreichten den Strom erst um 11.30 Uhr morgens.

Am gegenüberliegenden Ufer des rasch dahin fließenden Stroms liefen tatsächlich kleine Figuren in Khaki, mit den charakteristischen Rotarmistenschiffchen hin und her: Dieses Bild prägte sich Kotzebue für immer ein. Die Amerikaner feuerten zwei grüne Raketen in die Luft ab: Wir sind die Alliierten, keine Angst, es ist alles okay. Die Russen waren jedoch misstrauisch. Wie sich herausstellte, hatten die Deutschen sie schon einmal getäuscht, und huschten, sich als Yankees ausgebend, ebenfalls am anderen Ufer umher ... Und so gaben die Russen erst nach gegenseitigem Rufen und verschiedenen Signalen das Zeichen: Los, setzt zu uns über!

Ja, aber wie? Schließlich sind Jeeps keine U-Boote. Kotzebue rannte mit sechs Soldaten stromabwärts. Dort fanden sich, Gott sei Dank, zwei Boote. Zwar lagen sie ander Kette, aber gegen ein Gewehr ist so eine eiserne Kette gar nichts.

Die ganze Nacht freute sich der Mond über das stürmische Gelage der Sieger und ihre lauten Trinksprüche. Auf Stalin, auf Roosevelt, auf die Rote Armee, auf das Kriegsende. Gegen Morgen tauchten von irgendwoher ein Akkordeon und Gitarren auf. Die Amerikaner brachten den Russen "Swany river" bei, die Russen sangen ihnen das Lied von Katjuscha vor, die an einem steilen Flussufer auf ihren Soldaten wartete...

Ob er damals verstanden habe, dass es sich um einen historischen Moment handele, fragte ich Kotzebue. Er nickte mit dem grauen, schön geformten Kopf:

"Ja, das verstand ich. Es schien eine einfache Formel. Da war der furchtbare Krieg, in den die Menschheit gestürzt wurde. Und jetzt hat unsere Brüderschaft mit einem anderen Volk, den Russen, dieses Übel besiegt. Ich bin ein gläubiger Mensch, für mich war, ist und bleibt darin für immer der biblische Triumph des Lichtes über die Finsternis."

An jenem Mittwoch, dem 25. April 1945, schrieben Kotzebue und Leutnant Gordejew - der einzige russische Familienname, den er sich merken konnte - an der Elbe die neueste Geschichte.

Am selben Tag, dem 25. April 1945, wurde in San Francisco offiziell eine internationale Konferenz eröffnet, die einberufen wurde, um die Organisation der Vereinten Nationen zu gründen: Möge sie doch in dieser rabiaten, neuen Nachkriegswelt möglichst bald Ordnung schaffen!

Inzwischen ging in seinem Büro in der "New York Times" der Journalist Charles Hyam, später ein bekannter amerikanischer Historiker, an das Werk seines Lebens: eine Forschung, die damals ketzerisch schien (und manchen Leuten auch heute noch nicht anders vorkommt). Die Forschung gestaltete sich letzten Endes zu dem sensationellen Buch "Geschäfte mit dem Feind".

Das Buch hatte einen Untertitel, dessen Sinn mein Freund Albert Kotzebue kaum verstanden hätte. Und wenn, dann hätte er es nicht geglaubt und den Autor verflucht.

Der Untertitel lautete: "Enthüllung des nazistisch-amerikanischen Geldkomplotts von 1939 - 1949".

bei russland.RU
Schwerpunkt - 8./9. Mai - 1945 Ende des Großen Vaterländischen Krieges - Nachrichten, Hintergründe, Analysen und vieles mehr
Wie sich erwies, gab es genügend Dinge zu enthüllen. Fakten, die Hyam aus freigegebenen Dokumenten des Nationalarchivs der USA und anderen Quellen geschöpft hatte, fügten sich zu einem schändlichen Bild zusammen. Die Rede war davon, dass die Stützen der amerikanischen Geschäftswelt wie die Standard Oil of New Jersey, die Chase Manhattan Bank, die Texas Co., die International Telephone & Telegraph Corp., die Ford, die Sterling Products und so weiter, und so fort in den Kriegsjahren mit dem hitlerschen "Reich" zusammengearbeitet hatten.

Diese Zusammenarbeit stieß bei der US-Administration, wie der Autor der "Geschäfte mit dem Feind" anhand von Dokumenten beweist, auch nicht auf den geringsten Tadel. Weder Handelsminister Jess Jones noch Finanzminister Henry Morgenthau, noch hochgestellte Beamte des State Department hatten etwas daran auszusetzen.

Das war eine gänzlich andere, weit kompliziertere Formel des Krieges. Mit der naiven Euphorie von Alfred Kotzebue hatte sie nichts gemein. Geschichte ist keine Bibel, in der Geschichte besiegt das Licht nicht immer die Finsternis.

Schauen wir uns gewisse Geheimnisse dieser Geschäfte mit dem Feind einmal mit den Augen von Soldaten des Zweiten Weltkrieges an.

Als sich Albert Kotzebue und seine Erste Armee zu den Russen an der Elbe durchkämpften und die Amerikaner in Amerika und die Engländer auf den Britischen Inseln lange Warteschlangen vor Tankstellen bildeten, transportierte die Standard Oil of New Jersey Erdöl über die neutrale Schweiz, damit es den hitlerschen Panzern und Schützenpanzerwagen nicht an Benzin fehle.

Als die Soldaten der alliierten Armeen in Richtung Elbe vorrückten, wurden sie nicht selten von den Bombern der Luftwaffe im Sturzflug zusammengeschossen, aber die Motoren für diese Maschinen kamen pausenlos aus den Ford-Werken im okkupierten Europa.

Betriebe der amerikanischen Korporation, darunter der mächtige Komplex in Poissy bei Paris, stellten in allen Kriegsjahren Flugzeugmotoren, Lastwagen und andere Kraftfahrzeuge weiter her. Selbstverständlich für Nazideutschland. Und selbstverständlich mit Wissen und Zustimmung der amerikanischen Eigentümer. "Wir verpflichten uns, Anfang dieses Jahres alles für den endgültigen Sieg zu tun", versicherte die Betriebszeitung eines Ford-Werkes in Deutschland.

Als die Soldaten auf die Elbe zumarschierten, war der SD-Chef Walter Schellenberg zu gleicher Zeit einer der Direktoren - der amerikanischen International Telephone & Telegraph Corp. (ITT). Wie der Autor der "Geschäfte mit dem Feind" feststellte, war der ITT-Chef Sostenes Ben persönlich während des Krieges nachts aus New York nach Madrid und Bern geflogen, um zu besprechen, wie die Kommunikationssysteme der Reichswehr zu vervollkommnen waren.

Im Mai 1943, als sich die Soldaten der Elbe näherten, erschien Thomas McKittrick, der amerikanische Präsident der von den Nazis kontrollierten Schweizer Bank für internationale Geschäfte (BIS), in seinem Arbeitszimmer in Basel, Schweiz, um bei der alljährlichen Versammlung der Direktoren, der vierten in den Kriegsjahren, den Vorsitz zu führen. Zusammen mit Hitlers Emissär Emil Puhl erörterte er ein wichtiges Ereignis: In den Depots der BIS waren 20 Kilogramm schwere Goldbarren für 378 Millionen Dollar eingetroffen.

Das Gold hatte man in den Banken der okkupierten Länder zusammengeraubt. Wie Charles Hyam schreibt, wanderten da umgeschmolzene goldene Brillenfassungen, Ringe, Zigarettenetuis und Zähne von Häftlingen der nazistischen Todeslager in die Keller der Reichsbank.

Noch im März 1943 schlug das Mitglied des US-Kongresses Jerry Vuris eine Resolution mit der Forderung vor, die Transaktionen der BIS zu untersuchen. Ihn interessierten "die Gründe, aus denen ein amerikanischer Bürger den Posten des Präsidenten der Bank beibehält und diesen Posten für die Promotion der Interessen und Ziele der Achsenmächte benutzt". Der Kongress hat die Resolution von Vuris nicht einmal erörtert.

Das sind nur einige wenige Geschichten aus der Forschungsarbeit "Geschäfte mit dem Feind". Ihre Zahl ist darin nicht gering, und eine Geschichte ist merkwürdiger als die andere. Ein Glück, dass Albert Kotzebue die Wahrheit nicht mehr erlebte. Charles Hyams Buch erschien nach Alberts Tod.

An das Buch muss man denken, wenn man heute die Klagen ausländischer und sogar einheimischer Autoren liest, wie es den westlichen Alliierten doch so schwer fiel, sich zu einem Bündnis mit dem Satan Stalin zu entschließen. Amerika habe auf einen Teil seiner Demokratie verzichten müssen, als es dem despotischen Sowjet-Regime seine Hand hilfreich gereicht habe. Denn das Lend-Lease, die denkwürdige Operation "Frantic", bei der amerikanische "Fliegende Festungen" zu ihren regelmäßigen Bombenangriffen von den Feldflugplätzen bei Poltawa gestartet waren - all das ist, wissen Sie, ein so schweres Opfer, habe es sich doch um die Aufgabe der westlichen Prinzipien von Demokratie und Freiheit gehandelt...

Ich denke, dass auch Moskau, das dank seiner Aufklärung über das schändliche Geschäft der US-Elite des Bank- und Industriekapitals mit Hitler sehr wohl informiert war, nicht wenig Zweifel moralischer Art hatte.

Aber der Vorabend des Jubiläums des großen gemeinsamen Sieges ist vielleicht nicht die geeignetste Zeit, in Prozent auszurechnen, wer von den Verbündeten der größte Sünder war.

Letztendlich siegten die Gerechten wie der Russe Gordejew und der Amerikaner Kotzebue, die sich vor sechzig Aprils an der Elbe trafen. (RIA)
Sowjetische Agitproplakate zum 2. Weltkrieg
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