8./9. Mai - Ende des Großen Vaterländischen Krieges – Historische Hintergründe




29-04-2005 Kapitulation Historie
Jeder zehnte sowjetische Jude kämpfte an der Front
"Und folglich brauchen wir einen Sieg, einen für alle - um jeden Preis". Das sind Worte aus einem der in Russland bekanntesten Lieder über den Krieg.

Niemand hat jemals geteilt und berechnet, welches von den Völkern der ehemaligen Sowjetunion einen größeren Beitrag zum Sieg über dem Faschismus geleistet hatte. Die Not war gemeinsam, und der Sieg gehörte allen. Aber die Nachkriegsgeschichte der UdSSR gestaltete sich so tragisch, dass Großtaten vieler Helden und historische Fakten verschwiegen wurden. Und bei den Generationen, die den Krieg nicht kannten, entstand des Öfteren eine entstellte Vorstellung vom Krieg.

Viele Mythen über den Krieg hängen mit Juden zusammen. Eine davon ist: "Die Juden sind Feiglinge" oder "Die Juden kämpften nicht". Historiker und Frontkämpfer kannten die Wahrheit, aber die Mythen waren eben zählebig.

Nach Worten des Historikers Ilja Altman, Kovorsitzender des Holocaust-Fonds, kämpften während des Krieges etwa 450 000 Juden (Soldaten und Offiziere) in den Reihen der Roten Armee. Das war ungefähr ein Zehntel der jüdischen Bevölkerung der UdSSR jener Zeit. Ein einzigartiges Prozent, wenn man in Betracht zieht, dass der größte Teil der Juden des Landes auf dem von Nazis besetzten Territorium lebte und deshalb zur Armee nicht einberufen werden konnte.

Zu den Kriegsteilnehmern gehörte auch mein Großvater, Oberleutnant Semjon Brawyj (geb. 1920). Er kämpfte im Fliegerkorps des Helden der Sowjetunion Nikolai Kamanin (dem künftigen Leiter der ersten sowjetischen Kosmonautenabteilung). Die Hälfte des Krieges flogen sie in einem Flugzeug: Kamanin war Pilot und Großvater - Bordfunker. Am 11. Mai 1945 wurde des Großvaters Flugzeug zum zweiten Mal während des Krieges in der Nähe der österreichisch-ungarischen Grenze am Balatonsee abgeschossen. Er rettete sich wie durch ein Wunder.

Nach unterschiedlichen Schätzungen kehrten 160 000 bis 200 000 jüdische Soldaten der Roten Armee nicht vom Krieg zurück.

Nach der Anzahl der Kampfauszeichnungen nehmen die Juden unter allen Völkern der UdSSR nach den Russen, den Ukrainern und den Weißrussen den vierten Platz ein. Nach der Anzahl der Helden der Sowjetunion (die höchste Auszeichnung für die ausschließliche Kühnheit und Selbstlosigkeit) belegen die Juden nach den Tataren den fünften Platz. Dieser Titel wurde insgesamt etwa 150 Juden zuerkannt, die an Fronten des Großen Vaterländischen Krieges kämpften.

Zu jenen, die mit dem Titel eines Helden der Sowjetunion zweimal geehrt wurden, gehört Oberst (später Generaloberst) Dawid Dragunski. Für ihn begann der Krieg am 22. Juni 1941 an der Westgrenze der UdSSR. 1943, als sich Dragunski nach schwerer Verletzung in einem Lazarett befand, erfuhr er, dass Faschisten seinen Vater, die Mutter und zwei Schwestern erschossen hatten. An der Front fielen auch seine zwei Brüder in Kämpfen. Am 30. April 1945 verband sich die Panzerbrigade des Juden Dawid Dragunski mit dem Panzerkorps des Juden Semjon Kriwoschein, und Berlin wurde eingeschlossen. Für diese Kämpfe bekam Dragunski den zweiten Stern des Helden der Sowjetunion und Kriwoschein - den ersten. Dawid Dragungski nahm an der Siegesparade am 24. Juni 1945 in Moskau teil.

Die ersten Angaben über die Juden, die an Fronten des Großen Vaterländischen Krieges gekämpft hatten, begann Prof. Fjodor Swerdlow, Anfang der 90er Jahre kurz nach dem Zerfall der UdSSR zu veröffentlichen. Prof. Swerdlow wurde 1921 in Charkow geboren. Nach Beendigung der 10-Klassen-Schule ließ er sich an einer Artilleriesonderschule immatrikulieren und absolvierte dann die Leningrader Artillerieschule. Während des Krieges kommandierte er eine Artilleriebatterie und später ein Artilleriebataillon. Er wurde dreimal verletzt. Nach dem Krieg absolvierte er die Frunse-Militärakademie und blieb dort als Dozent. Die meisten seiner Bücher sind den Heldentaten der jüdischen Kämpfer im Großen Vaterländischen Krieg 1941-1945 gewidmet. Darunter: "In der Reihe der Tapferen", "Jüdische Generale" und "Heldentaten der jüdischen Soldaten in Kämpfen".

Wie Ilja Altman meint, widerlegt die Statistik die Meinung, man habe sich bemüht, während des Großen Vaterländischen Krieges möglichst wenig Juden auszuzeichnen, wie auch den Mythos, dass "jüdische Generale nur Juden auszeichneten". Im Krieg gab es zweifellos alles. Und nicht alle Auszeichnungen fanden ihre Helden unabhängig von ihrer Nationalität. Obwohl einige Publizisten und Kriegsveteranen bislang behaupten, dass 1943 zumeist verbale Geheimanordnungen auftauchten, denen zufolge jüdische Kämpfer keine Kommandeursdienststellungen erhalten und weniger Juden zu einer Auszeichnung vorgeschlagen werden sollten.

Der Chefredakteur der damals wie heute erscheinenden wichtigsten Militärzeitung "Krasnaja swesda" ("Roter Stern") war in den Jahren 1941-1943 Dawid Ortenberg. Er erinnert sich, wie ihm im Frühjahr 1943 Alexander Schtscherbakow, Chef der politischen Hauptverwaltung der Roten Armee, erklärte: "In Ihrer Redaktion gibt es viele Juden ... Man muss ihre Zahl kürzen". Ortenberg antwortete, dass "er die Sonderberichterstatter Lapin, Chazrewin, Rosenfeld, Schuer, Wilkomir. Sluzki, Isch, Bernstein und andere schon gekürzt hatte. Sie fielen an der Front. Ich kann noch einen - mich - kürzen ...", fügte er hinzu. Im gleichen Monat wurde er seines Amtes enthoben.

Aber an der Front unterschieden die Menschen, die jeden Tag ums Leben kommen konnten, in der Regel nicht zwischen den Nationalitäten. Der Jude Jakow Berschizki brachte von der Front, wo er den ganzen Krieg als Arzt diente, seine islamische Frau Raissa mit, eine Tatarin. Sie bargen zusammen Verletzte vom Schlachtfeld und hatten nachts Dienst im Operationsraum. Ihnen war es vollkommen egal, wer aus welcher Familie stammte. Man bot ihnen man eine Beschäftigung im Hinterland an, abervorausgesetzt, dass sie an verschiedenen Stellen arbeiten. Aber Jakow und Raissa zogen es vor, sich nicht zu trennen, und blieben in der vordersten Linie.

Im Großen und Ganzen aber gab es, wie Altman berichtete, Antisemitismus als Massenerscheinung im Krieg nicht. Dabei beruft er sich auf die Erinnerungen von Veteranen, die das Holocaust-Zentrum besuchen. Die Situation ändert sich etwas nach 1944, als die Menschen aus den zuvor besetzten Territorien zur Armee einberufen wurden. Hauptsächlich waren das Jugendliche, die in den Jahren der Okkupation unter den Einfluss der Nazipropaganda gerieten. Natürlich hatten sie eine negative Einstellung zu den Juden.

Aber Menschen blieben in ihrer Mehrheit Menschen. "Sogar in Konzentrationslagern für Kriegsgefangene, wo man gegen die Auslieferung eines Juden die eigene Existenz etwas erleichtern konnte, retteten die Häftlinge ihren Kameraden das Leben. Wenn sich aber Verräter fanden, so wurden sie von Mithäftlingen getötet. Und es gab nicht wenige Fälle, dass Menschen in Konzentrationslagern unter fremden Familiennamen hatten überleben können, weil ihre Kameraden sie nicht verrieten", berichtete Altman. Eben an diese Menschen richten sich heute Worte des Dankes von den Juden der ganzen Welt.

Am 5. Mai findet in Moskau die jährliche Zeremonie statt, bei der vier russische Bürger mit dem Titel "Gerechter des Friedens" geehrt werden. Dieser Titel wird vom israelischen Institut Yad vashem jenen verliehen, die während des Krieges Juden gerettet haben. Auf dem Territorium der ehemaligen UdSSR tragen einige Tausend Personen diesen Titel. Das Zeremoniell ist für den Gedenktag an die Holocaust-Opfer und die Helden des jüdischen Widerstandes anberaumt.

bei russland.RU
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"Das ist noch so ein Mythos, dass die Juden in den Tod wie die Schafe zum Schlachthof gegangen wären", sagte Altman. "Alle kennen die Geschichte des Aufstandes im Warschauer Ghetto - des ersten großen bewaffneten Aufstandes im von den Nazis besetzten Europa. Zugleich gab es auf dem Territorium der Ex-UdSSR wenigstens 20 Ortschaften, wo Juden mit Waffen in der Hand und manchmal auch ohne Waffen ihre Häuser in Brand gesteckt, Polizisten überfallen hatten und aus dem Ghetto geflohen waren." Über 70 Prozent der Ghettos auf dem Territorium Westweißrusslands hatten illegale Organisationen und in 40 Prozent des Ghettos wurden Waffen verborgen. "Aber nicht überall gelang es, sie einzusetzen. Viele junge Leute, die einen Aufstand organisieren und zu Partisanen fliehen konnten, sahen ein, dass sie damit ihre Nächsten und alle Häftlinge des Ghettos zur unverzüglichen Vernichtung verdammen. Deshalb war es alles andere als einfach, sich zu einem Widerstandsakt zu entschließen", betonte Altman.

Trotzdem wurden etwa zehn selbständige jüdische Partisanenabteilungen auf dem Territorium der ehemaligen Sowjetunion gezählt. Ungefähr 25 000 Juden, von denen viele aus Ghettos flohen, kämpften in Partisanenabteilungen in Weißrussland, Litauen, der Ukraine und Russland. Viele Juden leiteten große Partisanenverbände. So leitete Isai Kasinez den Minsker Untergrund. Unter seiner Anleitung wurden mehr als 100 Diversionsoperationen vorgenommen. Am 7. Januar 1942 wurde Isai Kasinez in einer Grünanlage von Minsk aufgehängt. Erst 1965 wurde ihm postum der Titel eines Helden der Sowjetunion zuerkannt.

DAS Symbol des Widerstandes nennen die Juden der früheren UdSSR die siebzehnjährige Masha Bruskina. Sie war die erste von Faschisten öffentlich hingerichtete Illegale auf dem besetzten sowjetischen Territorium. Mascha arbeitete in einem Lazarett für sowjetische Kriegsgefangene und half den Genesenden, zu fliehen. Einer der gefangenen Flüchtlinge verriet Mascha und ihre Kameraden. Am 26. Oktober 1941 wurden Masche und andere Verurteilte im Zentrum von Minsk hingerichtet. Das Foto der Hinrichtung, von den Nazis gemacht, wurde in viele Bücher über die Geschichte des Zweiten Weltkrieges aufgenommen. Aber bis zum Ende der 60er Jahre kannte niemand den Namendes hingerichteten Mädchens. Journalisten gelang es, Maschas Geschichte aufzuklären. Aber bis in die jüngste Zeit hinein wurde sie praktisch verschwiegen. Die Mutter Maschas kam einen Monat nach der Hinrichtung der Tochter im Minsker Ghetto ums Leben.

Nach Schätzungen Altmans wurden etwa 2 825 000 Juden von ungefähr 3 000 000 auf dem besetzten sowjetischen Territorium getötet.

"Auf Ihre Anfrage hin konnten keine (Über)lebenden festgestellt werden", heißt es in einer Bescheinigung aus der Administration der Stadt Ossipowitschi in Weißrussland. Die Schwester meiner Großmutter bewahrte den Zettel bis zum Tode auf. Über jene, die kurz vor dem Krieg noch in Weißrussland und in der Ukraine (im damaligen Siedlungsgebiet der Juden im zaristischen Russland und dann in der Nazibesatzungszone) gewohnt hatten, wurde in der Familie fast niemals gesprochen. Es war zu schmerzhaft, sich daran zu erinnern. Von ihnen rettete sich niemand.

"Sehr geehrter Freund Moissej Markowitsch und liebe Schwester! Heute ist der Todestag meiner lieben Mutter, die deutsche Verbrecher am 14. November 1941 getötet hatten. An diesem Tag begann um fünf Uhr morgens in unserer Stadt der Massenmord an der jüdischen Bevölkerung. Gegen Nacht wurden 9000 Menschen - Männer, Frauen und Kinder... - getötet. Vor meinen Augen steht die helle Gestalt meiner getöteten Mutter, die bis zum letzten Atemzug an ihre Kinder dachte. Unsere Bekannte, die man zusammen mit meiner Mutter zu Gräben führte und der es gelang, zu fliehen, berichtete, dass unsere Mutter den ganzen Weg ununterbrochen über uns sprach. Ihre letzten Worte waren: Dank Gott sind meine Kinder am Leben geblieben. Sie sind nicht da."

Diese Zeilen sind auf den 14. November 1944 datiert und gehören Wladimir Steinberg, dem es gelang, sich aus einem der zahlreichen Ghettos auf dem Territorium Weißrusslands zu retten. 1942 trat er mit einer Gruppe der jüdischen Jugend einer Partisanenabteilung bei. Er nahm an den Kämpfen für die Befreiung des Baltikums teil, wurde Untersergeant und Kommandeur einer Aufklärungsabteilung. Er ist 1945 gefallen. Da war er gerade 20 Jahre alt.

Dieser und andere Briefe von Juden aus den Kriegsjahren sollen demnächst in einem Sammelband von Dokumenten des russischen Zentrums Holocaust veröffentlicht werden. Etwa 400 Briefe von der Front und an die Front, aus der Evakuation, dem blockierten Leningrad, aus Ghettos und Partisanenabteilungen wurden im Laufe von zehn Jahren von Veteranen und deren Verwandten dem Zentrum übergeben. Der Sammelband ist einzigartig. Darin kann man Briefe finden, die auf den 22. Juni, den ersten Tag des Großen Vaterländischen Krieges, und auf den 9. Mai 1945, den Tag des Sieges, datiert sind. Viele Autoren dieser Briefe kamen ums Leben oder gehören zu den zahllosen Vermissten. Ein Teil der Briefe wurde in Jiddisch - der Muttersprache der Juden Osteuropas, geschrieben.

Wie Altman erläuterte, wurden in der UdSSR seinerzeit oftmals Sammelbände mit Briefen von Frontkämpfern - den Vertretern verschiedener Völker - herausgegeben. Aber niemals hatten die Juden ihren eigenen Sammelband. "Jedes Volk hat ein Recht auf Andenken, ein Recht, auf seine Helden stolz zu sein", sagte Altman. (Marianna Belenkaja, politische Kommentatorin der RIA Nowosti).
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Deutsche Agitproplakate zum 2. Weltkrieg
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