8./9. Mai - Ende des Großen Vaterländischen Krieges – Historische Hintergründe




30-04-2005 Kapitulation Historie
Der Krieg altert wie ein Mensch: Die Jahre verändern das Äußere, aber das heilige Andenken bleibt
Es ist unglaublich: Bisher finden sich in den Gegenden des europäischen Teils Russlands, in denen während des Großen Vaterländischen Krieges gekämpft wurde, immer noch unbegrabene Gebeine.

"Der Krieg altert wie ein Mensch: Die Jahre verändern sein Gesicht, die einstigen Leidenschaften legen sich, was bleibt, ist das heilige Andenken", sagt der Kriegsveteran und Militärhistoriker Oberst a. D. Pjotr Dunajew. Jetzt komme es nicht mehr darauf an, sagt er, wessen Gebeine das seien, ob russische oder deutsche, und zitiert das altrussische "Igorlied": "Die Toten kennen keine Schande." Seinen Gedanken untermauert er noch mit einem Ausspruch des großen russischen Feldherrn Alexander Suworow: "Der Krieg ist erst dann zu Ende, wenn der letzte Soldat begraben ist." Von diesem, zutiefst moralischen Standpunkt aus sei "der Krieg noch nicht abgeschlossen", meint der Veteran.

Lange vor den Feierlichkeiten anlässlich des 60. Jahrestages des Sieges über den Faschismus erteilte Präsident Wladimir Putin einen ernsthaften Auftrag: erstens den Helden - oder ihren Nachkommen - die "verirrten" Kampfauszeichnungen (über eine Million!) zu überreichen und zweitens alles zu tun, um die sterblichen Überreste der Gefallenen mit allen gebührenden Ehren zu begraben. Fremden Beobachtern scheint es, dass "die Russen keinen Respekt vor den Toten haben". Das stimmt nicht, denn es gibt kein einziges Volk, das sein Haupt nicht vor dem Geheimnis des Todes neigte. Während der 60 Jahre seit dem Sieg wurde nicht wenig getan, um all die vom Krieg verstreuten Knochen zu sammeln. Damit befassten sich in erster Linie junge Menschen: Schulkinder und Studenten. Gerade im jugendlichen Milieu entstand die Bewegung der so genannten "Suchergruppen" ("Junge Pfadfinder", "Auf den Wegen des Krieges" u. a.). In all den Nachkriegsjahren betätigten sie sich aktiv, und auch heute legen sie die Hände nicht in den Schoß. Die sterblichen Überreste vieler Kämpfer wurden in Wäldern, Sümpfen, unter der "Kulturschicht" dort gefunden, wo die furchtbaren Schlachten gewütet hatten. Der 14-jährige Pjotr Borissow, der an den "Ausgrabungen" der Suchergruppen bei Prochorowka, am Ort der beispiellosen Panzerschlacht, teilnahm, erzählte, dass andere Jungen in Metall eingeschmolzene Menschenknochen fanden.

"All das zusammengenommen gibt in erster Linie eine Vorstellung von der Zahl der Opfer dieses Krieges, davon, welch einen undenkbar hohen Preis die Völker der einstigen Sowjetunion im Kampf gegen die ‚braune Pest' des 20. Jahrhunderts kollektiv gezahlt haben", meint Pjotr Dunajew. "27 Millionen Gefallene, und jeder Mensch hat ungefähr fünf Liter Blut - multiplizieren Sie mal"! Ein anderer Veteran, Boris Newsorow, Mitarbeiter des Instituts für Militärgeschichte beim Verteidigungsministerium Russlands, präzisierte, dass unter den 27 Millionen Toten die Soldaten und Offiziere etwas über 8 Millionen ausmachten, während die übrigen Opfer friedliche Einwohner waren.

"Wohl nie in ihrer Geschichte empfand unsere Heimat so viel aufrichtige und heiße Liebe ihres Volkes wie in den vier Jahren des Großen Vaterländischen Krieges. Um den Wert eines Dinges zu begreifen, heißt es, muss man sich vorstellen, dass es verschwunden ist. Die Faschisten wollten uns die Heimat wegnehmen. Da gab es kein Zögern, alle erhoben sich zu ihrer Verteidigung", schrieb die 13-jährige Schülerin Vera Schuwalowa aus Nischnewartowsk in ihrem Aufsatz zum Thema "Der 60. Jahrestag des Sieges". Diese etwas naiven Worte des jungen Mädchens bergen nicht wenig ganz reifes Verständnis in sich. Beinahe den gleichen Gedanken äußert der 83-jährige Veteran Alexander Sitzew, Held der Sowjetunion, der alle in den Militärbüchern festgehaltenen berühmten Schlachten mitmachte: bei Moskau, Stalingrad, die Panzerschlacht am Kursker Bogen und die Berliner Operation. Er sagt: "Während des ganzen Krieges war unsere Liebe zur Heimat einfach überwältigend. In diesem ‚Laserstrahl' des Patriotismus verbrannte der Feind denn auch."

Alexander Woloschtschenko, Teilnehmer aller Nachkriegsparaden, erinnert sich in allen Einzelheiten an jenen Tag, als sein Zug, der sich aus 18- bis 20-jährigen Soldaten zusammensetzte, mit einem gleichaltrigen Leutnant an der Spitze die Kampfpositionen in den Schützengräben beim Dorf Krjukowo bezog. Die Entfernung nach Moskau betrug 20 Kilometer. "Als deutsche Panzer auftauchten, umarmten wir uns mannhaft und nahmen Abschied voneinander, wobei wir einander die gleichen Worte sagten: ‚Für Moskau, für die Heimat!' Darüber wurde nach dem Krieg ein gutes Lied geschrieben, ‚Als beim Dorfe Krjukowo ein Zug sich so schwer schlug...'" Nur er allein, der Soldat Woloschtschenko, blieb damals am Leben. Am 9. Mai ist der Veteran zu seiner 60. Siegesparade eingeladen worden. In der Brusttasche der Paradeuniform steckt bereits ein Paar Herztabletten - immerhin ist er jetzt 84.

Wie der Historiker Boris Newsorow sagt, ist die Schlacht um Moskau im Herbst und Winter 1941, die den ungeheuerlichen faschistischen "Blitzkrieg" zu Grabe trug, die größte Schlacht nicht nur des Zweiten Weltkrieges, sondern aller Kriege, die je über unsere Erde hereinbrachen. Gerade die Moskauer Schlacht bildete den Umschwung in dieser grausamen militärischen Auseinandersetzung des 20. Jahrhunderts. Freilich vertreten westliche Historiker einen anderen Standpunkt, sie halten den Kampf bei El-Alamein (Ägypten), in dem die 8. britische Armee den deutsch-italienischen Truppen einen vernichtenden Schlag beibrachte, für den "Umschwung". Aber in der Moskauer Schlacht waren 23-mal soviel lebendige Kräfte eingesetzt wie in Ägypten. Hitler setzte die Einnahme von Moskau der Unterordnung des ganzen Landes, der Beseitigung des letzten Hindernisses auf dem Weg zur Eroberung der Weltherrschaft gleich. Nach Moskau waren das mediterrane Gebiet und der Nahe Osten seine Ziele.

"Bald nach dem Kriegsausbruch erschien in der zentralen Straße von Moskau (heute Twerskaja-Uliza) das berühmte Plakat ‚Mutter Heimat ruft!', das einem die Tiefe der Seele aufwühlte", erzählt die Kriegsveteranin Lydia Bulatowa, ehemalige Flakartilleristin. "Schon nach wenigen Tagen wurde es vieltausendfach vervielfältigt und in jeder Stadt, jeder Siedlung geklebt. Zusammen mit meinen Freundinnen, Absolventinnen von Moskauer Schulen, trat ich sofort in die Volkswehr ein. Dazu mussten wir uns für einen älteren Jahrgang ausgeben."

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"Frauen im Krieg - das ist das schrecklichste Bild, das ich in meinem Leben je gesehen habe", gesteht Pjotr Dunajew. "Der Krieg ist nichts für ihre zarten Hände, schwachen Schultern und empfindsamen Herzen. Trotzdem kämpften sie heldenhaft. Ich bin stolz, an der Kalinin-Front im selben Regiment wie Manschuk Mamedowa, Heldin der Sowjetunion, gekämpft zu haben. Vor dem Krieg hatte Manschuk zwei Jahre lang die medizinische Hochschule in Alma-Ata besucht, wollte aber nur in der vordersten Kampflinie, mit der Waffe in der Hand kämpfen. Wenn ich ihr begegnete, sagte ich unbedingt: ‚Durchhalten, Manschuk, aber sei vorsichtiger, die Deutschen jagen ja nach dir.' Sie winkte selbstsicher ab: ‚Ich bleibe schon unversehrt!' Aber eine deutsche Kugel ereilte sie doch. Das Volk hat seine Heldin nicht vergessen. In Kasachstan, ihrer Heimat, ging ich durch eine nach ihr benannte Straße und sah den nach ihr benannten Manschuk-Berg. In der Stadt Newel, wo Manschuk fiel und nun ruht, verewigt ein Denkmal ihr Andenken. Veteranen und Kinder kommen hierher, um Blumen niederzulegen." Dunajew erzählte, wie er nach dem Krieg, zu den Zeiten Juri Gagarins, im Kosmodrom Baikonur (Kasachstan) gedient hatte. Nachdem der erste Raumflug glücklich verwirklicht worden war, sammelte er, damals Major, einen ganzen Sack voll Steppentulpen und flog nach Newel, zu seiner Mutter, die in einem Dorf nicht weit von der Stadt lebte. "Meiner Mutter schenkte ich einen Strauß, die übrigen Blumen aber schüttete ich auf Manschuks Grab", erzählt der Veteran. "Sie glauben mir vielleicht nicht, aber nachts sah ich sie im Traum, wie sie die Blumen an sich drückte."

Der Moskauer Ingenieur E. Salamow, ein Ossete, erzählte ebenfalls eine erschütternde Geschichte. "Mein Vater zog freiwillig in den Krieg, ohne erst auf die Einberufung zu warten. Meine 22-jährige Mutter, Fatima, übergab, ohne zu zögern, ihre kleinen Kinder - mich und meine Schwester - an ein Kinderheim und fuhr dorthin, wo Vater kämpfte. Im Regiment nannte man sie Leila und Medschnun. Es war wohl das Schicksal selbst, das meine Eltern in der Hölle des Krieges beschützte: Beide kehrten heim, Vater allerdings als Invalide. Ich weiß noch, wie Mutter ab und zu die Auszeichnungen der beiden polierte. Sie war auf ihre Tapferkeitsmedaille sehr stolz, sie war ihr schönster Schmuck."

Die mächtige Energie der Liebe des ganzen Volkes, der Glauben an die Gerechtigkeit der eigenen Sache halfen dem Sowjetvolk natürlich, den härtesten und blutigsten Krieg des 20. Jahrhunderts durchzustehen. Das sagen alle Veteranen wie aus einem Munde. "Niemand dachte daran, wer welche Konfession hatte und wer welcher Nationalität angehörte", sagt Oberst Alexander Lebedinzew. "Ich bin rechtgläubig, trug jedoch auf der Brust unter der Feldbluse einen ebensolchen ‚Fronttalisman', eine Soldatenerkennungsmarke, an einer Schnur wie auch meine Freunde aus demselben Regiment: Usbeken, Aserbaidschaner, Georgier, Jakuten oder Adygen. Sie glich einer Patronenhülse, in der ein Zettel mit dem Vor-, Vaters- und Familiennamen sowie der Nummer der Einheit steckte. Oben wurde sie dicht mit einem Deckel zugeschraubt." Die jungen Sucher finden bis heute solche Erkennungsmarken.

In der Zeit vor dem 60. Jahrestag des Sieges ist in Russland eine beispiellose Diskussion zum Thema Krieg entbrannt. Viele Materialien waren kritisch: Die fürchterlichen Opfer seien "nicht gerechtfertigt gewesen", den siegreichen Feldherren, darunter auch so berühmten wie Georgi Schukow, Konstantin Rokossowski, Wassili Tschujkow und anderen, wurden "grausame Methoden der Kriegführung" vorgeworfen, ihre "Kriegskunst" sei "aufgebauscht" worden, usw. Und ein neues Stalin-Denkmal (Bildhauer: Surab Zereteli), dessen Namen die Soldaten während des ganzen Krieges in einem Atem mit dem Wort Heimat nannten, kann heute keinen Platz im Lande finden. Nur in Wolgograd (ehemaliges Stalingrad) hat man den Wunsch geäußert, es anzunehmen.

Die heutigen jungen Menschen sind verwirrt, wenn es um die Beurteilung dieses großen Ereignisses unserer nationalen Geschichte geht. Zu den Sowjet-Zeiten wurde die Aufnahme von Fakten durch das Pathos des Heroismus, die maßlose Verherrlichung der eigenen Siege vernebelt, während es als geraten galt, die Niederlagen mit Schweigen zu übergehen, und Fehler, falsche Pläne und unangenehme Fakten einfach "unter Verschluss" zu halten. In den Schulen ist das Thema Krieg wie eine alte Schallplatte, die man bis zum Überdruss gehört hat, totgespielt und beeindruckt die Jugend nicht sonderlich. Ein Mitschüler meiner Tochter sagte in einer Geschichtsstunde, Stalin sei ein General von Suworows Armee gewesen. Die ganze restliche Zeit bis zum Klingelzeichen lachten die anderen Kinder zusammen mit der Lehrerin. Fakt ist auch, dass die junge Generation nicht so sehr danach fragt, warum wir gesiegt haben, sondern viel öfter danach, "warum es uns, die wir doch die Sieger waren, heute viel schlechter geht als den Besiegten". Schwierige Fragen, die vielleicht nur die gesamte russische Geschichte beantworten kann.

Dennoch wagte ich es, diese Fragen A. Sitzew, der Berlin genommen hatte, zu stellen. Auf beide Fragen antwortete er mit zwei Sätzen, die mich, wie ich zugeben muss, beeindruckt haben: "Weiß der Teufel, warum! Es ist eben Russland!" Worauf wir beide ebenfalls lange lachten. Und die 29 Auszeichnungen für alle großen Schlachten des Zweiten Weltkriegs - aus Gold, Silber, Bronze und Email - klirrten auf seiner Brust fröhlich dazu. (Tatjana Sinizyna, Kommentatorin der RIA Nowosti).
Sowjetische Agitproplakate zum 2. Weltkrieg
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