8./9. Mai - Ende des Großen Vaterländischen Krieges – Historische Hintergründe




01-05-2005 Kapitulation Historie
Nächtliches Solo für die deutschen Schützengräben
(Oberst a. D. Alexander Lebedinzew, Veteran des Großen Vaterländischen Krieges) Mit 22 Jahren war ich Oberleutnant und befehligte die Regimentsaufklärung. Man schrieb das Jahr 1943, wir kämpften in der Ukraine und lagen in der Verteidigung bei dem Dorf Iwankowo.

Eine Offensive wurde vorbereitet, und praktisch jede Nacht begaben wir uns zur Aufklärung. Die Deutschen hatten große Angst vor unseren Ausfällen, und sobald die Sonne unterging, schossen sie pausenlos mit Leuchtspurgeschossen, um den "neutralen Streifen" zwischen der russischen und der deutschen Schützengrabenlinie unpassierbar zu machen. Die Entfernung dazwischen betrug an die 400 Meter.

Einmal kamen wieder einmal Neulinge ins Regiment: drei "frischgebackene" Leutnants, einer von ihnen wurde der Aufklärung beigegeben. Wir mussten ihn erst "einfahren". Eines Nachts nun nahmen wir - ich und Mischa (das war der "Front-Deckname" meines Freundes Tadschimukan Telekow aus Kasachstan) - einen von ihnen mit. Leider muss ich zugeben, dass mir der Name entfallen ist, ich kannte ihn ja nur eine Nacht lang. Fest steht nur eines: Er stammte aus Kasan, war Tatare, ein stiller, intelligenter Mensch.

Als die Dunkelheit anbrach, erreichten wir über einen Waldpfad eine kleine Ebene, an deren Nordseite die Vorderlinie der Deutschen verlief. Weiter robbten wir unter einem Hagel von Leuchtspurgeschossen voran - bis wir deutsche Wörter aus den Schützengräben auffingen. Wir drückten uns noch fester an den Boden und verhielten uns still. Es galt, abzuwarten, bis der Mond sich hinter einer Wolke verbarg, dann konnten wir unseren Auftrag erfüllen.

Inzwischen hörten wir die Klänge einer Mundharmonika aus den deutschen Schützengräben; es war eine wohlbekannte Weise, das Lied des Cowboys aus der Operette "Rose-Mary". So lagen wir da und hörten der Musik zu. Plötzlich aber überwältigte es den Tataren, er begann zu singen. Eine starke, schöne Stimme, die die Nacht zu füllen schien. Ich war einer Ohnmacht nahe: Jetzt ist es aus, jetzt sind wir alle erledigt!

Aber die Deutschen hörten sofort mit dem Schießen auf und spielten lauter. Als der Gesang zu Ende war, klatschten sie Beifall und schrien: "Rus, Zugabe!". Ich beurteilte die Situation augenblicklich, Mischa und ich krochen unbemerkt längs der Gräben: Wir hatten den Auftrag, die Lage der deutschen Feuerpunkte festzustellen. Da kam der Mundharmonika eine Geige zu Hilfe, nun wurde Kalman gespielt. Unser Tatare, der sich inzwischen etwas aufgerichtet hatte, sang auch Kalman, und wiederum Applaus und begeisterte Zurufe. Wir beiden aber machten unsere Sache weiter.

Die Deutschen aber waren auf den Geschmack gekommen und bestellten nun: "Wolga-Wolga!" Der Tatare begann mit einem Lied von Dunajewski, aber die Deutschen bestanden: "Nein, nein, Wolga-Wolga!", und spielten sogar ein Stück der Melodie auf der Geige vor. Wie sich herausstellte, war es das bekannte Volkslied vom rebellischen Ataman Stepan Rasin. Gleich vielen Volksliedern war auch dieses lang, außerdem wiederholte der "Solist" es auf Wunsch des Publikums. Inzwischen hatten Mischa und ich mit Hilfe einer erbeuteten Handlampe das gesamte Feuerschema des Gegners festgestellt.

Die letzte Nummer dieses überraschenden nächtlichen Konzertes war "Katjuscha", ebenfalls auf Forderung der Deutschen gesungen. Da aber war das Konzert zu Ende, und wir begaben uns, bemüht, nicht aufzufallen, zu unseren Schützengräben. Unwahrscheinlich, aber die Deutschen ließen uns ziehen, sie schossen nicht. Etwas Menschliches musste sich in ihnen gerührt haben.

bei russland.RU
Schwerpunkt - 8./9. Mai - 1945 Ende des Großen Vaterländischen Krieges - Nachrichten, Hintergründe, Analysen und vieles mehr
Unversehrt und wohlbehalten kamen wir zurück und übergaben die gewonnenen Aufklärungsangaben an den Stab. Da aber zitierte mich ein Mann aus der "Sondereinheit" (ein "Ossobist") zu sich. "Was war das für eine Verbrüderung mit den Deutschen, was habt ihr da angestellt?" Die Positionen beider Seiten lagen ja nicht weit auseinander, so dass auch unsere Soldaten das "Konzert" mitbekommen hatten. Ich begriff, dass große Unannehmlichkeiten ins Haus standen, besonders für den Tataren. Als Rangältester erklärte ich den Vorfall in dem Sinne, dass dies "unsere Kriegslist und im Voraus abgesprochen war". Darauf verhörte der Ossobist auch Mischa, und obwohl wir nichts abgesprochen hatten, sagte er das Gleiche. Wir kamen mit einer Verwarnung davon, der Tatare aber wurde (da er nun einmal eine so schöne Stimme hatte) zum Tanz- und Gesangsensemble der Front abkommandiert. Es erwies sich, dass er vor dem Krieg Solist der Philharmonie von Kasan gewesen war. (RIA)
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