8./9. Mai - Ende des Großen Vaterländischen Krieges – Historische Hintergründe




02-05-2005 Kapitulation Historie
Filipp BOBKOW: "Unser Sieg rettete die europäischen Völker vor der physischen Vernichtung"
Der Sommer und das Frühjahr 1945 gingen in die Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges als Zeit der siegreichen Operationen der Sowjetarmee für die Befreiung der Völker Europas von den faschistischen Okkupanten ein.

Im Januar und Februar fand die Weichsel-Oder-Offensive der 2. Weißrussischen Front statt, die zur Befreiung von Warschau und ganz Polen führte. Am 13. Februar wurde die strategische Budapester Operation der 3. Ukrainischen Front abgeschlossen und die Hauptstadt Ungarns befreit. Inzwischen waren bereits Rumänien, Bulgarien und Jugoslawien befreit, die sowjetischen Truppen rückten nach Wien vor.

Über die Rolle der Sowjetarmee bei der Befreiung der Völker Europas vom faschistischen Joch sprach der militärische Kommentator der RIA Nowosti Viktor Litowkin mit Armeegeneral Filipp BOBKOW.

VIKTOR LITOWKIN: Filipp Denissowitsch, ich möchte unser Gespräch mit folgendem Fakt beginnen, der mich verblüfft hat. Wie sich herausstellt, haben einige Leiter von Regierungsdelegationen sowie manche westliche Journalisten, die den 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz beleuchteten, mit Verwunderung erfahren, dass die Befreier niemand anders als sowjetische Soldaten und Offiziere waren. Warum war das für sie eine große Entdeckung? Wissen denn diese immerhin recht gebildeten Menschen nicht, wer Osteuropa befreite?

FILIPP BOBKOW: Das ist nicht weiter erstaunlich. Die Rolle der Sowjetarmee bei der Befreiung Europas vom Faschismus wurde auf jede denkbare Weise herabgemindert, und dies sowohl in der Nachkriegszeit als auch in den Jahren des Zweiten Weltkrieges. Seinen Ausdruck fand das in der Verschleppung der Eröffnung der zweiten Front, in einer inkonsequenten und oft oberflächlichen Beleuchtung der Ereignisse an der Ost-, das heißt der sowjetischen Front. Unsere Alliierten, besonders Großbritannien und Churchill persönlich, waren bemüht zu zeigen, dass gerade sie, nämlich vor allem Großbritannien, beim Sieg über das faschistische Deutschland die Hauptrolle spielten.

Bekanntlich schrieb Roosevelt zum Beispiel schon im April 1942 an Churchill: "Sowohl Ihr Volk als auch das meinige verlangt die Eröffnung der zweiten Front, um den Russen die Last zu nehmen. Unsere Völker können nicht mit ansehen, dass die Russen mehr Deutsche töten und gegnerische Waffen vernichten als die USA und Großbritannien zusammengenommen."

Roosevelt war zur Eröffnung der zweiten Front bereit. Nicht so Churchill. Er eröffnete eine "zweite Front" bald in Griechenland, bald in Italien oder sonst wo, auf jeden Fall nicht gegen die Hauptkräfte der Faschisten, um nur ja die Kräfte der Sowjetunion und der Sowjetarmee endgültig zu zermürben. Real wurde die zweite Front erst nach der Teheran-Konferenz, 1944, durch die britisch-amerikanische Landung in der Normandie eröffnet. Und auch, wie ich denke, nur deshalb, weil die Alliierten begriffen hatten, dass wir Europa auch ohne sie befreien konnten.

VIKTOR LITOWKIN: Wenn ich Sie richtig verstehe, wollen Sie sagen, dass uns die Rolle der Befreier von Europa faktisch aufgezwungen wurde?

FILIPP BOBKOW: Wir zeigten der ganzen Welt, dass wir halb Europa selbst ohne die Alliierten befreien konnten. Aber da hatten sie sich endlich besonnen und begannen aktive Handlungen auf dem europäischen Kontinent, um nicht, wie es so heißt, mit leeren Händen auszugehen, sondern vielmehr zu demonstrieren, dass gerade sie die Befreier von Europa seien. Das kam übrigens auch bei der Unterzeichnung der Kapitulation des faschistischen Deutschland zum Ausdruck. Aus irgendeinem Grund beschlossen die Alliierten, die Kapitulation entgegenzunehmen, zwar unter unserer Teilnahme, aber dies auf sehr niedriger Ebene, und erst dann mussten sie schon auf Stalins Forderung nach Berlin kommen. Übrigens traf dort keiner der Obersten Befehlshaber der Alliierten ein. Sie waren nur durch Personen der zweiten Reihe vertreten.

Auch dort trat dieses Streben zutage, die Rolle der Sowjetarmee beim Sieg über den Faschismus herabzumindern. Und wenn heute die Rede auf die Befreiung von Auschwitz kommt, wird aus irgendeinem Grund vergessen, dass dies eine Tat der sowjetischen Truppen war. Im Zusammenhang mit diesem ungeheurlichen Todeslager möchte ich auf ein weiteres Detail aufmerksam machen. Man erinnere sich daran, wie die Alliierten die Territorien des hitlerschen "Reiches" bombardierten. Im Grunde machten sie ganz Dresden dem Erdboden gleich. Warum aber warfen sie ihre Bomben kein einziges Mal auf die Eisenbahstrecken ab, die nach Auschwitz führten? Dabei wurden gerade auf dieser Bahn Menschen transportiert, die zur Vernichtung verurteilt waren. Die Alliierten unternahmen nichts, um dem Einhalt zu gebieten, obwohl sie ausgezeichnet wussten, was in Auschwitz geschah. Und nicht nur in Auschwitz.

Und noch etwas, wenn wir schon von Auschwitz sprechen. Eine Mahnstätte, die die Bestialitäten der Faschisten so eindringlich wie dort vor Augen führt, gibt es sonst nirgends. In Auschwitz haben sich Krücken, Kinderkleider, Kinderschuhe, verschiedene den Häftlingen entnommene persönliche Gegenstände erhalten; all das liegt dort aufgestapelt, und die Menschen sehen, was im KZ geschah und wie das gemacht wurde. Dagegen gibt es in Buchenwald zum Beispiel, soweit ich mich erinnere, von allen Beweisstücken, die die Nazis ihrer Verbrechen überführen, nur eine einzige Tischlampe mit einem Schirm aus Menschenhaut. Alles übrige sind Bilder, Fotos und sonstiges.

In Auschwitz dagegen erhalten die Polen das Lager in der gebührenden, das heißt in diesem Fall höchst anschaulichen Form. Sie wissen, womit ihnen der Faschismus drohte.

VIKTOR LITOWKIN: Polen ist der zweite Staat in Europa, der, ebenso wie die Sowjetunion, von der faschistischen Okkupation am meisten betroffen wurde. Beinahe sechs Millionen Polen kamen ums Leben, etwa sechs Millionen Juden wurden vernichtet.

FILIPP BOBKOW: Ja, Hitler sagte unumwunden: Haben wir die Juden erst vernichtet, so müssen wir an die Vernichtung der Ukrainer, Lemken und Horaken gehen, ganz zu schweigen von den Polen. Die Polen unterlagen ganz eindeutig der Vernichtung, die Nazis machten kein Hehl daraus. Daran lässt "Mein Kampf" keinen Zweifel aufkommen, und auch Äußerungen von hochgestellten Vertretern des "Reichs" noch aus der Vorkriegszeit weisen darauf hin. Dieser Umstand wird aus unverständlichen Gründen ebenfalls bis heute mit Schweigen übergangen.

Man erinnere sich daran, wie der 60. Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie begangen wurde. Wäre unser Präsident nicht dabei gewesen, so hätte, wie nicht auszuschließen ist, niemand etwas von der Rolle Russlands im Zweiten Weltkrieg gesagt. Das war übrigens beim 50. Jahrestag dieser Operation der Fall. Wir wurden damals nicht einmal eingeladen. Dabei war die größte Schwierigkeit, auf welche die Alliierten an der Westfront stießen, die Schlacht in den Ardennen. Ihre Armee wäre dort von den Nazis beinahe völlig vernichtet worden. Die Lage war so verzweifelt, dass sich Churchill unmittelbar an Stalin mit der Bitte wandte: Könnten Sie uns nicht irgendwie im Osten helfen, um die deutschen Truppen ein wenig von unseren Armeen abzulenken und den Zustrom von frischen Kräften dorthin aufzuhalten...

Stalin und das Hauptquartier beschlossen, die Offensive an der Ostfront, an der Weichsel, zwei Wochen früher als geplant zu beginnen. Und Stalin sagte hier in Moskau, wo sich damals eine amerikanische militärische Delegation mit dem Marschall der Flieger Tedder an der Spitze befand, diesem direkt: Wenn wir sehen, dass unsere Offensive nicht so aktiv verläuft, wie wir möchten, werden wir trotzdem weiter gehen. Nur um zu verhindern, dass die Hitlerleute einen Teil ihrer Truppen von der Ost- an die Westfront verlegen und ihren Druck in den Ardennen verstärken.

Tatsächlich wurden keine Truppen von der Ostfront in den Westen verlegt. Im Gegenteil, von der Westfront wurden zuerst die 6. SS-Panzerdivision und dann noch 16 Infanteriedivisionen inden Osten abgezogen. Wiederum waren wir es, die wir gegen die von der Westfront weggeführten Verbände kämpften. Inzwischen stellten die Alliierten Überlegungen darüber an, wie sie am besten weiter handeln sollten. Die Briten wollten unbedingt im Norden zur Offensive übergehen, Eisenhower aber neigte zu Kämpfen im Süden Europas und verhandelte darüber, wo die Deutschen ohne zusätzliche Kriegshandlungen zur Kapitulation hätten überredet werden können. Schon damals ließen sich die Deutschen aktiv von den Alliierten gefangen nehmen. Aber das war der Kriegsverlauf. Das ideologische Prinzip dagegen blieb unverändert: die grundlegende Rolle der Sowjetarmee bei der Erringung des Sieges über den Faschismus totzuschweigen. Wissen Sie noch, vor dem 50. Jahrestag des Sieges wurde bei uns ein Film gezeigt, den Roman Karmen für das westliche Auditorium gedreht hatte. Er hieß denn auch "Unknown War". Die meisten Amerikaner erfuhren erst aus diesem Film, dass in Osteuropa irgendein Krieg geführt worden war und die Sowjetunion darin nicht die letzte Rolle gespielt hatte.

Das kam auch in Auschwitz zum Ausdruck. Ich mag wegen der vielen seitdem vergangenen Jahre einige Angaben verwechseln, als ich aber zum ersten Mal in Auschwitz war, erzählte der Führer recht ausführlich darüber, was dort geschehen war und wie. Er sagte, in Auschwitz hätten 1 200 000 Menschen den Tod gefunden. Ich erinnere mich genau an die Zahl, weil ich zuvor in Albanien war, dessen gesamte Bevölkerung eine Million zählte. Ich war verblüfft: Hier wurden mehr Menschen vernichtet, als in ganz Albanien lebten. Die Hälfte der Vernichteten seien Juden gewesen, sagte der Führer, die übrigen Vertreter von 27 anderen Nationalitäten.

Ich spreche nicht davon, um den Schmerz des Holocaust herabzumindern. Nein, wir müssen ständig daran denken. Die Hitlerleute haben in Wirklichkeit beinahe sechs Millionen Juden vernichtet. Das ist eine Riesenzahl, wenn man sie auf die ganze Nation projiziert. Doch darf man auch nicht vergessen, dass außer den Juden auch die slawische Bevölkerung, die Zigeuner und andere Völker der Vernichtung unterlagen. Insbesondere die Franzosen, die Serben, die Kroaten. Später suchte ich in den Archiven und konnte feststellen: In Auschwitz hatten nicht 1 200 000, sondern vier Millionen Menschen den Tod gefunden. Am 27. Januar 1945, als unsere Truppen ins Lager kamen, waren dort nur noch 2 819 Menschen am Leben. 96 von ihnen waren Sowjetbürger.

1999 las ich in der Moskauer Zeitschrift "Nowaja i nowejschaja istorija" (Neue und neueste Geschichte) einen Beitrag des deutschen Wissenschaftlers Dr. Wolfram Werthe. Er schrieb: Der Krieg des Dritten Reiches gegen die Sowjetunion sei von Anfang an darauf abgezielt gewesen, das Territorium bis zum Ural zu erobern, die Naturressourcen der UdSSR auszubeuten und Russland auf lange Zeit der deutschen Herrschaft zu unterordnen. Von einer planmäßigen physischen Vernichtung seien nicht nur die Juden bedroht gewesen, sondern auch die Slawen, die die von Deutschland 1941 - 1944 besetzten sowjetischen Territorien bevölkert hatten. Erst seit kurzem sei ein "anderer Holocaust" Forschungsgegenstand von BRD-Historikern geworden: Er habe sich gegen die slawische Bevölkerung der UdSSR gerichtet, welche neben den Juden zur "niedrigen Rasse" gezählt worden und deshalb zu vernichten gewesen sei.

Das schreibt ein deutscher Wissenschaftler. Deshalb dürfen wir, wenn wir von Auschwitz sprechen, nicht vergessen: Das war nur eines der Todeslager, in denen Menschen von sehr vielen Nationalitäten vernichtet wurden. Und unser Sieg war nicht nur die Befreiung Europas, sondern auch die Rettung seiner Völker vor ihrer physischen Liquidierung, ihrem völligen Untergang. Wenn heute gewisse Leute sagen, wir hätten überhaupt nicht Krieg führen, sondern uns am besten gleich den Deutschen ergeben sollen, denn dann würden wir es heute ebenso schön haben wie im heutigen Deutschland, muss man sich vergegenwärtigen: Das sagen Menschen, die überhaupt nicht zur Welt gekommen wären, hätten die Faschisten gesiegt. Die Faschisten hätten ganze Generationen physisch ausgerottet und vernichtet.

Wenn ich solches Gerede höre, muss ich an Smerdjakow aus dem Roman "Die Brüder Karamasow" denken, der sagte: Hätte Napoleon uns besiegt, "so hätte eine kluge Nation einen recht dummen besiegt und ihn sich angeschlossen. Dann hätten wir hier ganz andere Zustände." Ungefähr ebenso reden heute junge, nicht sehr aufgeklärte und nicht sehr intelligente Menschen.

VIKTOR LITOWKIN: Gibt es irgendwo genaue Zahlen der Menschen, die wir aus den Konzentrationslagern befreit und gerettet haben?

FILIPP BOBKOW: Ja, gewiss. Sie sind in Nachschlagewerken über jenen Krieg zu finden. Aber selbst ohne sie heranzuziehen, kann man sich daran erinnern, dass wir Rumänien, Bulgarien, die Tschechoslowakei, Ungarn, Österreich, Jugoslawien (den größten Teil davon), einen kleinen Teil Griechenlands, Polen, Deutschland, einen geringen Teil Dänemarks, die Insel Bornholm und das Territorium von Nordnorwegen befreit haben. Außerdem retteten wir in gewissem Grade auch Finnland. Es trat dank unserem Druck aus dem Krieg aus, weshalb der Boden Finnlands, seine Städte und Dörfer von Luftangriffen und Artilleriefeuer verschont geblieben waren.

Denken wir daran, dass die Sowjetarmee bei der Erfüllung ihrer heiligen Befreiungspflicht in Rumänien etwa 69 000 Menschen, in Polen 600 000, in Jugoslawien 8 000, in der Tchechoslowakei 140 000, in Ungarn über 140 000, in Österreich beinahe 26 000 und in Deutschland 102 000 Menschen verlor. Ewiges Andenken und ewiger Ruhm unseren Helden!

Außerdem möchte ich daran erinnern, welche Konzentrationslager wir befreiten und wie viele Menschen dort von der Hand der faschistischen Barbaren den Tod fanden. Auch das darf nicht vergessen werden. Denn die Nazis hatten 20 Basislager und etwa ein Tausend Filialen davon. Die Lager funktionierten als Todesfließbänder. Allein in der Ukraine bestanden 180 und in Weißrussland noch 260 solche Lager. Gerade dort wurden elf Millionen Sowjetbürger zu Tode gefoltert, dabei waren nur vier Millionen von ihnen Militärangehörige.

Hier die größten Lager: Trostjanez bei Minsk (200 000 Menschen ermordet), Janowsk in einem Vorort von Lwow (200 000 Opfer) und Salaspils bei Riga, das Lager, das die Frau Präsidentin von Lettland ein "Lager zur Umerziehung durch Arbeit" zu nennen beliebt und in dem 100 000 Menschen starben, die sich wohl nicht "umerziehen" ließen. In Daugavpils wurden 160 000 vernichtet. Ferner das Lager Paneriai bei Vilnius (100 000 Opfer), das 9. Fort in Kaunas (80 000), das Lager bei Narva in Estland (30 000 Tote).

Hinzu kamen die Konzentrationslager in Österreich und Deutschland: Dachau, Sachsenhausen, Buchenwald, Mauthausen, Ravensbrück, hinzu kamen Treblinka und Maidanek in Polen u. a. Insgesamt wurden sie von 18 Millionen Menschen durchlaufen, von denen 11 Millionen starben - ohne jene mitzurechnen, die auf dem Territorium der Sowjetunion vernichtet wurden.

Die Vernichtung der "minderwertigen Völker" lag den nazistischen Plänen zugrunde. Und sie wurden, wie Sie wissen, mit der deutschen Gründlichkeit umgesetzt. Bereits 1924 schrieb Hitler in "Mein Kampf": Wir sehen die Lösung unserer Probleme in der Eroberung neuer Gebiete, die von den Deutschen besiedelt werden könnten. Und wenn wir von der Gebietseroberung in Europa sprechen, meinen wir Russland und die ihm untergeordneten Staaten. (Rückübers. aus dem Russischen!)

Übrigens stammte der Gedanke nicht von Hitler allein. Bereits 1914 erschien ein Dokument, das erst heute bekannt geworden ist, und zwar ein Memorandum aus der Zeit des wilhelminischen Deutschland. Darin wurde der Wunsch geäußert, mit Belgien und Frankreich einen Separatfrieden zu schließen, sich das Hinterland abzusichern und die deutschen Truppen zur Eroberung Russlands vorzuschicken. Das war der eigentliche Sinn dieses Dokumentes. Und weiter stand darin: Dieser Krieg wird uns möglicherweise eine MillionLeute kosten. Was ist das schon im Vergleich mit der Vertreibung von 20 Millionen, unter denen sich ein solcher Abschaum befindet wie die Juden, Polen, Masuren, Litauer, Esten und andere. Wir sind stark genug, das zu tun. Russland wird sich bei der weiteren Expansion mit Gebietsverlusten abfinden müssen. Wenn sich auf diese Weise der ganze Überschuss an Energie von drei Generationen der Deutschen auf die Kolonisierung des Ostens richtet, dann wird ein Status-quo-Frieden mit England möglich sein. Wenn aber England den Krieg bis zuletzt führen wird, wenn wir Kolonien brauchen, werden wir sie erobern, aber im Jahre 2000 wird der Streit wohl kaum zwischen Deutschland und England ausgetragen werden (wohlgemerkt, das schrieben sie 1914 - F. B.), am ehesten schon zwischen Europa, Asien und Amerika. (Rückübers. aus dem Russ.!)

Sicherlich verstanden sie unter Europa sich selbst ohne Großbritannien, das schon belanglos geworden wäre. Heute gefällt das "alte Europa", wie Sie wissen, den Amerikanern nicht sehr, und der Widerspruch zwischen Europa und den USA besteht weiter.

Hier übrigens eine Weisung Himmlers, die er bei einer Beratung von hohen SS-Leuten erteilte. Er sagte unumwunden: Eine der Aufgaben der Ostkampagne sei die Vernichtung von 30 Millionen Slawen. Im Befehl des Befehlshabers der 4. Panzerarmee, Hoepner, vom 2. Mai 1941 hieß es schon direkt, dass der bevorstehende Krieg den Kampf der Germanen gegen das Slawentum fortsetzen werde. Die Aufgabe der Völkervernichtung stand also ganz bestimmt bevor und wurde ebenso bestimmt und genau formuliert.

Meiner Ansicht nach müssen wir anlässlich des 60-jährigen Jubiläums des Sieges die Menschen ständig daran erinnern. Wichtig ist das nicht nur für die Russen, sondern auch für die Polen, ja für alle europäischen Völker. Wir müssen uns dessen eingedenk sein, dass der Faschismus die ganze Menschheit bedrohte. Es ist notwendig, dass sich das ins Gedächtnis aller unserer Nachkommen einprägt.

VIKTOR LITOWKIN: Sie wissen, dass sich heute die Erinnerung an die Verbrechen der Faschisten, an ihre menschenfeindliche Ideologie und Praxis aus irgendeinem Grunde verflüchtigt. Es geht so weit, dass Menschen Nazis spielen. Da kommt der britische Thronfolger Prinz Harry zu einer Party in der tropischen Naziuniform, mit einem Hakenkreuz am Ärmel; faschistoide junge Burschen ziehen durch die Straßen Deutschlands, Polens und selbst bei uns in Russland, dem der Faschismus 27 Millionen Menschenleben kostete. Was muss zur Ausrottung dieser Infektion getan werden? Wo liegt hier das Problem?

FILIPP BOBKOW: Man darf da nicht alles durcheinanderwerfen. Der Faschismus, der wiederbelebt wird, ist, glaube ich, in mehrere Kategorien zu unterteilen. Der Faschismus in Deutschland ist ein Revancheversuch. Ich würde mich gern irren, aber ich habe den Eindruck, dass sich einige Völker, die in letzter Zeit Deutschland intensiv besiedelt haben, dort demnächst nicht sehr wohl fühlen werden. Was die westlichen Staaten - Großbritannien und die USA - angeht, so handelt es sich um die Überreste jener Gesinnung, die dort auch in den Kriegsjahren existierte. Sowohl in Großbritannien als auch in den USA. Das sind Versuche, die Wurzeln, die in der Nachkriegszeit nicht ausgerottet wurden, wieder ausschlagen zu lassen.

Bei unseren Menschen, die den Weg des Antisemitismus, der antikaukasischen Stimmungen einschlagen - darin äußern sich die faschistischen Stimmungen in erster Linie -, ist es einerseits eine Frage der Erziehung; andererseits verstehen die Menschen nicht immer, dass sie einfach provoziert werden, und zwar dazu, um im Lande keine stabile, ruhige Lage zuzulassen. Darum geht es hier.

Unser größtes Unglück ist, dass es immer noch nicht gelungen ist, den Kampf gegen die tschetschenischen Terroristen von den Beziehungen zum tschetschenischen Volk zu trennen. Hört man sich einzelne unserer Politiker an und liest man einige Druckerzeugnisse, so entnimmt man immer wieder heraus: diese Tschetschenen, diese Tschetschenen... Und niemand, ausgenommen vielleicht die Führung des Landes, formuliert eindeutig, dass wir nicht gegen die Tschetschenen kämpfen, sondern gegen eine Armee von Söldnern.

Von jenen tschetschenischen Banditen, von denen überall geredet wird, sind in der Realität bei weitem nicht alle tschetschenischer Nationalität, diese machen höchstens 30 Prozent aus. Die übrigen sind Araber, Türken, ja sogar Slawen. Das ist ein Söldnerheer. Und der von ihnen verbreitete Terror ist ein Terror internationaler Banditen. Sie führen militärische Operationen auf dem Territorium eines Gegners durch, und ein solches ist für die Söldnerheere eben Russlands Territorium.

Warum spreche ich davon? Weil wir jedesmal bei der Erörterung dieses Themas unwillkürlich das Problem der Spaltung zwischen den Nationalitäten berühren. Schauen Sie, da ist der Fall Beslan. Eine wirklich furchtbare Tragödie. Aber beachten Sie bitte, wie sie bei uns in der Presse beleuchtet wurde. Der erste Strom von Publikationen behauptete immer wieder, am vierzigsten Tag würden die Osseten sich besinnen und sich rächen. Sich an wem rächen? An den Inguschen. Denn die Terroristen waren aus der Richtung Inguschetien gekommen. Es fragt sich: Wozu müssen die Osseten gegen die Inguschen aufgehetzt werden? Wem nützt das? Wer ist an einer Verschärfung der ohnehin unruhigen Situation in Nordkaukasien interessiert? Ich denke, jene, die dieses Söldnerheer unterhalten, die Terroristen bewaffnet und gegen die Schule in Beslan vorgeschickt haben.

Und solche Stimmungen werden weitergetragen. In diese Reihe gehört auch das in seiner Amoralität und Absurdität ungeheuerliche Schreiben von Abgeordneten der Staatsduma an die Generalstaatsanwaltschaft, worin sie fordern, alle jüdischen religiösen Organisationen zu verbieten. Ich glaube, diese Menschen haben sich von einer Provokation einfangen lassen. Diese ist augenfällig: zu zeigen, dass in Russland, ebenso wie auch in anderen Ländern, faschistische Stimmungen zunähmen.

Wohlgemerkt passierte das ausgerechnet in den Tagen, da wir den 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz begingen, da unser Präsident dort anwesend war und von seinem Schmerz über alles, was dort geschehen war und in unserem Land geschieht, sprach. Wenn etwas Ähnliches wie dieses Schreiben in Deutschland oder einem anderen Land passiert, werden sich Leute finden und sagen, sie würden sich an Russlands Faschisten orientieren. Vielleicht ist auch alles nur deswegen angezettelt worden.

Vor kurzem traf ich mich mit Journalisten. Sie fragten mich, wie ich zu solchen Briefen stehe. Ich antwortete: Da schreiben Sie jetzt von der ersten Explosion in der Metro, die vor dreißig Jahren von armenischen Nationalisten ausgelöst wurde; alle haben inzwischen die Explosion vergessen, Sie aber erinnern daran. Und Sie verstehen nicht, dass Sie dadurch unwillkürlich anderen Schizoiden vorsagen, Ähnliches könne wiederholt werden. Deshalb muss man sehr umsichtig sein. Es kommt darauf an, keinen Schaden anzurichten, nicht zu einem neuen Unglück zu veranlassen, es nicht zu berufen.

Um aber auf die faschistischen Pläne zur völligen Vernichtung der Völker Europas und der UdSSR zurückzukommen: Wir sollten uns stets dessen eingedenk sein, dass Russland ein multinationales Land ist und dass vor allem darin seine Stärke besteht. Ohne ein mächtiges multinationales Bündnis, ohne aufrichtige Freundschaft zwischen allen Völkern unseres Staates, ohne unser Vertrauen zueinander können wir nicht weiter bestehen. Was war die Grundlage unseres Sieges in den Kriegsjahren? Eben diese brüderliche Freundschaft. In jenen Jahren sprach, ja dachte niemand von welchen auch immer Problemen zwischen den einzelnen Nationalitäten.

VIKTOR LITOWKIN: Und wie ist es mit der Aussiedlung der Tataren von der Krim, der Tschetschenen, Inguschen und der Karatschaier aus Nordkaukasien, der meschetischen Türken aus Georgien und der Deutschen aus dem Wolgagebiet?

FILIPP BOBKOW: Das ist etwas anderes. Krieg ist Krieg. Niemand denkt heute daran, dass die Amerikaner die Japaner aussiedelten. Im Ersten Weltkrieg siedelte der Zar die Deutschen ebenfalls aus. Das war eine Vorsichtsmaßnahme des kriegführenden Staates. Was die Krim-Tataren, die nordkaukasischen Völker und die meschetischen Türken angeht, so meine ich, dass da nicht richtig gehandelt wurde. Absolut ungerechtfertigt. Aber diese Maßnahme war auf die Emotionen des Obersten Befehlshabers und das Verhalten einzelner Vertreter besagter Völker während der Okkupation zurückzuführen. Dabei kann ein Volk nicht dafür verantwortlich gemacht werden, dass in seiner Mitte moralische Unholde leben. Sie kommen in jeder Nation und Völkerschaft vor.

VIKTOR LITOWKIN: Stimmt, in der deutschen Polizei der Okkupationszeit dienten auch Russen, Ukrainer und Weißrussen. Aber die Wlassow-Leute? Niemand beschuldigte ja das ganze Volk deswegen, weil sich in ihm Schurken fanden.

FILIPP BOBKOW: Sehr richtig. Hier kann es keine Meinungsverschiedenheiten geben. Ich schließe weder bestimmte unverhältnismäßig emotionale Entscheidungen noch die Möglichkeit aus, dass einige Leute aus der damaligen Führung des Landes unter dem Deckmantel des "Kampfes gegen die Verräter" auch andere, nur sie angehende Probleme lösten. Weshalb wurden die meschetischen Türken ausgesiedelt? Sie waren ja nicht von den Deutschen okkupiert, arbeiteten nicht mit ihnen zusammen. Mehr noch, alle Männer dieser kleinen ethnischen Gemeinde waren zu jener Zeit an der Front. Nun stellen Sie sich vor, was sie empfunden haben mochten, als sie nach der Einnahme von Berlin nicht in ihre Heimat zurückkehrten, sondern in die Verbannung gingen, zu ihren Frauen, Kindern und alten Eltern, die in ariden Steppen, nur auf sich gestellt, überleben mussten.

Noch etwas zu den Wlassow-Leuten. Bei uns hat sich ein recht entstelltes Bild von der Armee General Wlassows geformt. Eine Zeitlang zählten wir viel zu viele Menschen zu den "Wlassowzy". Einmal unterhielt ich mich mit einem Offizier, der im Krieg eine kleine Einheit befehligte. Er begann mir zu erzählen, wie er gegen die Wlassow-Leute gekämpft habe. Ich wunderte mich: Halt, sagte ich, du bist doch 1942 mit einem amputierten Bein von der Front zurückgekehrt, von Wlassow-Leuten war damals überhaupt keine Rede.

Streng genommen bestand Wlassows Armee aus nur zwei Divisionen. Zudem nahmen sie an den Kämpfen an der sowjetischen Front nicht teil. Nur ein einziges Mal setzten die Deutschen - darauf hatte Hitler bestanden - ein Regiment zum Kampf gegen die Partisanen in Weißrussland ab. Sofort lief ein Großteil des Regiments zu den Partisanen über. Seitdem wurden sie von der Front ferngehalten. Die ersten Kampfhandlungen, an denen sie teilnahmen, waren die bei Prag. Wlassow hatte den Auftrag, unsere Truppen bis zum Einmarsch der Amerikaner aufzuhalten, die, wie die Hitlerleute planten, die Hauptstadt der Tschechoslowakei hätten einnehmen sollen.

Dazu kam es jedoch nicht, wie Sie wissen. Wir nahmen Prag ein, verhafteten Wlassow, und damit hatte es sein Bewenden. Aber in der Wehrmacht dienten nicht nur die Wlassow-Leute. Darin gab es Einheiten aus eindeutigen Verrätern, und ich nahm an einigen Kämpfen teil, bei denen in unserem rückwärtigen Raum Deutsche und Russen in sowjetischen Uniformen abgesetzt wurden. Und sie fielen uns wütend in den Rücken und brachten uns viele Verluste bei. Als Beispiel könnte ich einen Kampf bei Spas-Demensk (Gebiet Kaluga) nennen.

In der Wehrmacht dienten auch andere Bürger unseres Landes, hauptsächlich auf wirtschaftlichen Posten, Waffen erhielten sie nicht. Später wurden alle als Wlassow-Leute bezeichnet. Einmal unterhielt ich mich mit dem Schriftsteller Anatoli Kalinin, unter anderem über seinen Roman "Echo des Krieges", worin er alle Verräter "Wlassowzy" nennt. Ich fragte ihn, warum er das tue. Es komme ja heraus, dass es weit mehr Wlassow-Leute gegeben hätte, als das wirklich der Fall war. Eben auf diese Weise entstanden solche Mythen und Märchen.

Heute sagen übrigens die Bendera-Leute, wenn ihnen die Zusammenarbeit mit dem Faschismus vorgeworfen wird: "Ihr aber hattet eine ganze Wlassow-Armee. Was waren schon wir dagegen?" Im Grunde kämpften unter dem deutschen Kommando, wenn ich mich nicht irre, nicht mehr als 200 000 Sowjetbürger gegen die Sowjetarmee, darunter auch in den "nationalen" Einheiten: Da waren ein turkestanisches und ein kalmykisches Korps, eine SS-Armee aus ukrainischen Nationalisten, eine estnische und eine lettische SS-Division. An der Westfront gab es ein nicht sehr großes georgisches Bataillon, das die Deutschen aus Kriegsgefangenen aufgestellt hatten. Das ist auch alles. Man vergleiche das mit der elf Millionen starken Sowjetarmee: Die Zahl der Verräter ist dagegen nichtig. Zudem waren unter ihnen bei weitem nicht alle ideologische Gegner der Sowjetmacht, eher schon Opfer jener furchtbaren Umstände, die der Krieg mit sich brachte.

Lassen Sie uns die Wahrheit über den Krieg sagen, so bitter sie auch sein mag. Aber nur die Wahrheit allein. Ohne diese Wahrheit hätte es, trotz all ihrer Aspekte, auch unseren großen Sieg nicht gegeben.
Sowjetische Agitproplakate zum 2. Weltkrieg
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