8./9. Mai - Ende des Großen Vaterländischen Krieges – Historische Hintergründe




03-05-2005 Kapitulation Historie
Mein Großvater war Chef der Hauptverwaltung Aufklärung
Mein Großvater Iwan Iwanowitsch Iljitschow war in den Jahren des Krieges Generalleutnant. Keiner meiner Kindheitsfreunde hatte einen solchen Großvater.

In der Kindheit bewunderte ich den Reichtum von Orden und Medaillen an seiner Paradeuniform und seinen riesigen Säbel, der in einem Schrank stand. Damals war es mein sehnlichster Wunsch, Großvater möge diese Uniform und den Säbel ständig tragen. Er dagegen sprach nur ungern vom Krieg und erzählte noch weniger über seinen Dienst in den Kriegsjahren.

In meiner Kindheit sagte man mir, Großvater sei einer der Leiter der Partisanenbewegung in der UdSSR. Erst als Student erfuhr ich die Wahrheit: Iwan Iwanowitsch war kein geringerer als der Chef der Hauptverwaltung Aufklärung (GRU) der Roten Armee.

In der GRU waren ausgezeichnete Aufklärer tätig, die beim Sieg unseres Landes eine kolossale Rolle spielten; insbesondere wussten sie die gefährlichen geheimen Spiele der westlichen Alliierten zu durchkreuzen. Schon ranken sich Legenden um die Agenten der militärischen Aufklärung: Richard Sorge (Ramsay), den Helden Russlands Jan Tschernjak, Rudolf Rössler (Lucy), der als einer der effektivsten Agenten des Zweiten Weltkrieges in die Geschichte eingegangen ist, Sandor Rado (Dora), Anatoli Gurewitsch (Kent) und Ursula Kuczynski-Beurton, die berühmte Sonia, die einige Historiker im Westen die beste Aufklärerin aller Zeiten nennen. Doch die wahren Namen vieler glänzender operativer Mitarbeiter sind bis heute unbekannt, man kennt nur ihre Tarnnamen.

In der Sowjetzeit wusste man von der Tätigkeit der GRU in den Kriegsjahren praktisch nichts, und erst Anfang der 90er Jahre wurde etwas von den Geheimarchiven freigegeben; es erschienen die ersten Monographien und Bücher. Unter ihnen gibt es ausgezeichnete Werke: "Das Imperium GRU" von A. Kolpakidi und D. Prochorow, "GRU und die Atombombe" von W. Lota und "Aufklärer und Residenten der GRU" von W. Kotschik. Dank diesen und anderen Büchern machte ich mich endlich mit Dokumenten und Fakten aus der Geschichte der GRU bekannt, über die mein Großvater aus naheliegenden Gründen nie etwas erzählt hatte.

Großvater konnte auf ein bemerkenswertes Leben zurückblicken.

Iwan Iwanowitsch Iljitschow wurde am 14. August 1905 in einer Bauernfamilie im Dorf Nawoloki bei Kaluga geboren. Die Revolution veränderte sein Schicksal von Grund auf. Ab Mitte der 20er Jahre war er schon ein aktives Mitglied des Komsomol und der Partei. Das Land benötigte dringendst gebildete Menschen und eröffnete begabten jungen Leuten aus dem Volk glänzende Aussichten. 1938 absolvierte mein Großvater die Militärpolitische Akademie "Tolmatschow" in Leningrad (später wurde sie nach Moskau verlegt und nach Lenin benannt). Im letzten Studienjahr leitete er bereits die Parteiorganisation der Fakultät, wurde aber plötzlich aufgrund einer Denunziation eines NKWD-Agenten aus der Partei ausgeschlossen.

Man erinnerte sich seiner alten Sünden.

Als Sekretär des Komsomolkomitees des Gouvernements Kaluga war Iwan Iwanowitsch so unvorsichtig gewesen, eine Versammlung von Trotzkisten zu besuchen.

Großvater wartete auf die unvermeidliche Verhaftung, die Freunde und Mitarbeiter wollten sofort nichts mehr von ihm wissen, aber das Damoklesschwert fiel nicht. 1938 erreichten die hemmungslosen Repressalien einen solchen Grad, dass das ZK der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki) den bekannten Beschluss über die Überspitzungen fasste. Eine von Jemeljan Jaroslawski geführte Kommission traf in Leningrad ein, hunderte Fälle wurden revidiert, und Iwan Iljitschow erhielt sein Parteibuch wieder. Mehr noch, völlig überraschend ging es rasch bergauf mit ihm, er wurde in die 5. (Aufklärungs-)Verwaltung der RKKA (Rote Arbeiter- und Bauernarmee) als Leiter der Abteilung für politische Arbeit (Politabteilung) im Range eines Brigadekommissars entsandt, gegen denDenunzianten aber ein Schauprozess eingeleitet. Auch so etwas kam vor.

Nun der Kreml. Der 33-jährige Iwan Iljitschow wurde von Stalin persönlich empfangen, der, wie Großvater gern erzählte, ihm einen vielsagenden Rat auf den Weg gab: "Wir wissen, dass Sie aus der Partei ausgeschlossen wurden... Der Partei ist ein Irrtum unterlaufen - die Partei beseitigt diesen Irrtum." Großvater achtete Stalin bis zu seinem Lebensende.

Als Iwan Iljitschow in die Verwaltung Aufklärung der RKKA kam, war praktisch der gesamte Zentralapparat der militärischen Aufklärung repressiert und zerschlagen. Kurz vor dem Überfall Deutschlands auf die UdSSR wurden fünf Chefs der militärischen Aufklärung Repressalien ausgesetzt. Die GRU-Chefs der Kriegszeit F. I. Golikow, A. P. Panfilow, I. I. Iljitschow und F. F. Kusnezow hatten mehr Glück. Als zum Beispiel kurz vor dem Krieg, im Juni 1940, die 5. Verwaltung wieder dem Generalstab der Roten Armee unterstellt wurde und von da an Verwaltung Aufklärung des Generalstabs der Roten Armee hieß, blieb Iwan Iljitschow auf seinem Posten als Leiter der Politabteilung.

Er las praktisch alle Meldungen der Agenten und hatte, was die Hauptsache ist, die Möglichkeit, die Annahme von Beschlüssen zu beeinflussen. Vor dem Krieg kamen immer öfter Mitteilungen über den nahen Überfall Deutschlands nach Moskau. Großvater stand sich mit Generalleutnant F. I. Golikow nicht sehr gut, dieser hatte eine panische Angst vor Stalin und verschönerte deshalb die Agentenmeldungen. Besonders deutlich trat das unmittelbar vor Kriegsbeginn zutage.

Der Krieg war eine furchtbare Prüfung sowohl für das Land als auch für die Aufklärung.

Schon nach wenigen Monaten wurde meinem Großvater klar, dass die militärische Aufklärung im Leerlauf rollte und ihre Struktur sich für den Krieg überhaupt nicht eignete. Ende Januar 1942 bereitete Brigadekommissar I. Iljitschow einen schriftlichen Bericht für die Mitglieder des Staatlichen Verteidigungskomitees vor, worin er betonte: "Die Organisationsstruktur der militärischen Aufklärung ist nicht auf die Kriegsbedingungen umgestellt worden und bremst die Aufklärungstätigkeit." Das Verteidigungskomitee erörterte seinen Bericht auf einer seiner Sitzungen, wonach der prinzipiell wichtige Beschluss gefasst wurde, zwei Aufklärungsbereiche zu bilden: die Truppen- und die Agenturaufklärung. Stalin wusste I. Iljitschows Vorschläge zu schätzen und ernannte ihn zum Chef der Agenturaufklärung der GRU. Es erfolgte eine Reihe von Reorganisationen, und ab Oktober 1942 wurde die Hauptverwaltung Aufklärung des Generalstabs der Roten Armee in die Hauptverwaltung Aufklärung der Roten Armee umgebildet, dem Volkskommissar für Verteidigung unterstellt und erhielt die Aufgabe, die gesamte Agenturaufklärung im Ausland, darunter in Deutschland, zu führen. Zum Chef der Hauptverwaltung Aufklärung der Roten Armee wurde Generalleutnant I. I. Iljitschow und zum Chef der Verwaltung Aufklärung des Generalstabs (Truppenaufklärung) Generalleutnant F. F. Kusnezow ernannt.

Wie schade ist es doch, dass Großvater nur wenige Erinnerungen hinterlassen hat. Bis zu seinem Lebensende hielt er sich an die Regel, dass überflüssige Offenheit dem Staat und der Hauptverwaltung Aufklärung schaden könne; er war auch der Ansicht, dass Geheimnisse keine Verjährungsfrist hätten. I. I. Iljitschow schätzte besonders den Meister der militärischen Agenturaufklärung Michail Abramowitsch Milschtejn, dem die schwierigsten Aufträge erteilt wurden. Der Stellvertreter I. I. Iljitschows für Marineaufklärung war Vizeadmiral Michail Alexandrowitsch Woronzow, der noch als Marineattaché in Berlin kurz vor dem Krieg das genaue Datum des Überfalls Hitlers auf die UdSSR mitgeteilt hatte.

Stalins Vertrauen machte meinen Großvater zu einem Rivalen Berijas.

In Iwan Iljitschows Wohnung wurde in den Kriegsjahren eine telefonische Direktverbindung mit dem Obersten Befehlshaber installiert. Im ganzen Lande gab es nur ganz wenige solche Telefonapparate.

Obwohl Großvater bei mehreren Operationen mit dem Chef der Auslandsaufklärung des NKWD P. Fitin und dem Leiter der 4. Verwaltung des NKWD P. Sudoplatow recht effektiv zusammenarbeitete (Befehle über die Herstellung der Zusammenarbeit zwischen NKWD und GRU wurden bereits im September 1941 unterzeichnet), stand er mit L. P. Berija auf sehr angespanntem Fuße. Berija versuchte wiederholt, die GRU hinterlistig in Misskredit zu bringen, aber Stalin nahm die Agenturaufklärung aus irgendeinem Grunde unter Schutz. Großvater erinnerte sich daran, dass Stalin sich für die persönlichen Vorgänge praktisch aller militärischen Aufklärer interessierte, die legal oder illegal nach Deutschland und in die größten westlichen Länder eingeschleust beziehungsweise entsandt wurden.

Besonders ärgerte sich der Chef des NKWD darüber, dass General Iljitschow Stalin direkt, unter Umgehung aller Instanzen, Bericht erstatten konnte.

In unserer Familie erzählte man sich folgenden Vorfall.

Einmal rief Stalin um 3 Uhr nachts an, um eine dringliche Direktive zu diktieren. Wie zum Trotz hatten die Jungen (das heißt mein Vater und sein Bruder) alle Federhalter und Bleistifte vom Telefontisch verschleppt. Großvater konnte Stalin doch nicht sagen: "Entschuldigung, ich muss erst nach einem Bleistift suchen." So musste er sich die Worte Stalins, der mehrere lange Minuten sprach, einprägen. Ich glaube, das hat Großvater zusätzliche graue Haare gekostet. Mit den Kindern wurde eine entsprechende Erziehungsarbeit durchgeführt. Seitdem berührte keiner die Stifte neben dem Direktapparat.

Im Prinzip verdient jede GRU-Operation in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges ein Buch für sich. Iwan Iljitschow nahm an der nachrichtendienstlichen Absicherung ausnahmslos aller größten Frontoperationen der Sowjetarmee teil; zu den Aufgaben der GRU gehörte es, über ihre Agentennetze Informationen über die strategischen Absichten der Wehrmacht sowie die Verteilung der Kräfte und Mittel aufden Kriegsschauplätzen zu beschaffen. Es braucht wohl nicht gesagt zu werden, wie wichtig das für den Sieg war.

Neben der Führung der Aufklärung gegen Deutschland wurde der GRU der Roten Armee die Aufgabe gestellt, die Absichten und Maßnahmen der Alliierten aufzudecken, die sich der UdSSR gegenüber leider nicht immer fair benahmen. Auslandsresidenzen der militärischen Aufklärung wirkten in London, Genf, Paris, Washington, Tokio, Stockholm, Ankara und den Hauptstädten anderer Staaten.

Die Rivalität war sehr hart - wie der Krieg selbst.

Über offizielle Kanäle lieferten uns die Alliierten praktisch keine Informationen. Aber dank der effektiven Arbeit der Aufklärung war Stalin, was fast alle ihre Vorhaben betraf, auf dem Laufenden. Von den GRU-Agenten in Großbritannien und den USA erhielt die Führung der UdSSR detaillierte Informationen über die Position der Alliierten kurz vor den Konferenzen in Teheran und Jalta. Ende 1942 entdeckte die wissenschaftliche Gruppe des GRU-Dechiffrierdienstes mit Hilfe der Agentur die Möglichkeit, die deutschen Telegramme, die auf der "Enygma" chiffriert waren, zu entschlüsseln. Der Vorschlag zur Auszeichnung einer Gruppe von Offizieren des Dechiffrierdienstes der militärischen Aufklärung mit Orden wurde vom GRU-Chef General I. Iljitschow am 29. November 1942 unterschrieben. Die GRU hatte einen ausgezeichneten Agenten im britischen Militäramt, der stapelweise von den Briten entschlüsselte deutsche, japanische und türkische chiffrierte Fernschreiben nach Moskau übermittelte. Generalleutnant Iljitschows Unterschrift stand unter den Sondermeldungen mit der ausführlichen Darlegung der Operationen "Overlord" und "Rankin". Eine besondere Rolle spielte die GRU der Roten Armee bei der Rettung der Alliierten während ihrer unglücklichen Operation in den Ardennen und dem Elsass. Iwan Iljitschow wurde die Aufgabe gestellt, die Verlegung der deutschen Truppen von West nach Ost zu kontrollieren.

Eine beeindruckende Leistung der GRUwar während des Krieges die Beschaffung von Informationen über das Uranproblem.

1943 erhielt Iwan Iljitschow eine Meldung von Sonia aus London. Sie teilte mit, dass der amerikanische Präsident F. D. Roosevelt und der britische Premier W. Churchill ein Geheimabkommen über die Vereinigung ihrer Arbeiten zur Entwicklung einer Atombombe unterzeichnet hatten. Unter der Beobachtung von Ursula Kuczynski stand damals der legendäre Physiker Klaus Fuchs, der insofern eine außerordentlich wichtige Rolle spielte, als er ganz bewusst auf die Liquidierung des Atommonopols der USA hinwirkte. Gerade über die Kanäle der militärischen Aufklärung wurde das Material über das britische Atomprojekt "Tube Alloys" und dann auch über das "Manhattan-Projekt" von Klaus Fuchs übermittelt. Konkrete Aufgaben zur Beschaffung von Material wurden vom GRU-Chef I. Iljitschow gestellt, den seinerseits Igor Kurtschatow instruierte. Insgesamt erhielt die GRU 1941 - 1943 von Fuchs über 570 Blätter wertvolles Material zum Uranprojekt.

1944 wurde Klaus Fuchs im Rahmen eines Programms zur Koordinierung der Tätigkeit der NKWD-Aufklärung und der Aufklärung der Roten Armee beim Atomproblem dem Auslandsnachrichtenamt des NKWD unterstellt. Aber die GRU hatte außer Fuchs auch andere ausgezeichnete Agenten. Eine hervorragende Rolle bei der Beschaffung der atomaren Geheimnisse der USA spielten die GRU-Agenten Arthur Adams (Achilles) und Allan Nunn May (Alec). Es gab auch andere sehr gute Agenten.

Da aber, auf der Höhe der Erfolge, geschah ein Unglück.

Im September 1945 flüchtete in Ottawa der Chiffrierer des GRU-Militärattachés Igor Gudsenko. Das war ein gewaltiges Fiasko. Die Chiffrierer wissen gewöhnlich alles. Viele Agenten wurden verhaftet oder reisten eilig nach Russland aus. Stalin ernannte eine Parteikommission zur Untersuchung des kolossalen außerordentlichen Vorkommnisses. Das Leben meines Großvaters hing wieder an einem seidenen Faden. Die Kommission mit Malenkow und Berija an der Spitze lechzte nach Rache, und I. I. Iljitschow erwartete wieder einmal seine Verhaftung. Aber wieder einmal zeigte sich Stalin gnädig. Den Großvater rettete nur die Tatsache, dass er noch vor der Flucht des Verräters verlangt hatte, Gudsenko, an dessen Zuverlässigkeit er zu zweifeln begann, dringend nach Moskau abzuberufen. Stalin legte diese Tatsache zu Großvaters Gunsten aus. Dennoch musste Iwan Iljitschow aus der GRU und der Armee gehen. Bei der letzten Begegnung mit ihm sagte Stalin: "Ich persönlich habe nichts gegen Sie, aber versuchen Sie es einmal mit dem diplomatischen Dienst." Auf diese Weise begann meines Großvaters ruhigere und berechenbarere diplomatische Laufbahn. (Alexej Iljitschow, politischer Kommentator der RIA Nowosti. E-Mail: alexusss@mail.ru.)
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