8./9. Mai - Ende des Großen Vaterländischen Krieges – Historische Hintergründe




04-05-2005 Kapitulation Historie
Wer von den Alliierten hat denn nun den Zweiten Weltkrieg gewonnen?
In diesem Frühjahr wird die Welt den 60. Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkrieges begehen.
Der Kalte Krieg brachte im Westen ein zählebiges Stereotyp hervor: Den Zweiten Weltkrieg gewannen die "demokratischen" Nationen.


In der UdSSR herrschte ein anderer Standpunkt: Den Krieg gegen den Faschismus gewann die Sowjetunion, während die westlichen Alliierten, die jahrelang die Eröffnung der zweiten Front hinausschoben, sich in die Kampfhandlungen erst dann wirklich einschalteten, als ihnen der Kriegausgang endgültig klar war.

In den Jahren des Kalten Krieges war die Konzeption von "zwei unterschiedlichen Kriegen" unsichtbar in den ideologischen Konstruktionen sowohl im Westen als auch im Osten präsent. Jede Seite konnte sie durch zahlreiche Fakten bekräftigen, außerdem war sie unter den Bedingungen der Konfrontation zwischen dem sowjetischen und dem nordatlantischen Block der Führung beider Seiten genehm, weil sie die Einheit beider Allianzen förderte.

Wahrscheinlich hat jedes Land, das am Zweiten Weltkrieg teilnahm, seine eigene "Hauptidee" über die Ergebnisse dieses Krieges. Denn neben dem gemeinsamen Ergebnis - dem Sieg über den Faschismus - hatte der Krieg für jeden Staat eigene politische Folgen. Deutschland sah sich gezweiteilt, Großbritannien hörte auf, eine Weltmacht zu sein, die USA befestigten ihre Position als "die führende Macht der freien Welt". Veränderungen traten auch in kleineren europäischen Staaten, in Afrika und im Nahen Osten ein.

Die Sowjetunion ging aus dem Krieg als Weltmacht hervor. Vor dem Überfall der hitlerschen Horden im Juni 1941 war sie für die Welt "ein Ding in sich". Trotz der Propaganda der Erfolge der Industrialisierung und der ersten Fünfjahrpläne konnte niemand real das sowjetische Potential ermessen. Selbst die vorsichtigsten westlichen Experten jener Zeit schätzten die Dauer von Hitlers Blitzkrieg gegen Russland auf höchstensdrei Monate. Danach hätte die Sowjetunion zusammenbrechen und ihre Bevölkerung, die für die hitlerschen Ideologen "lebensunwert" war, physisch vernichtet beziehungsweise versklavt werden sollen.

Das geschah jedoch nicht. Die UdSSR führte einen Umschwung im Verlauf des Krieges herbei, demonstrierte ihr wirtschaftliches Leistungsvermögen und zeigte ihre Fähigkeit zu einer modernen Organisation des Kriegswesens und der staatlichen Führung. Vor allem aber zeigte sie den Zustand der Gesinnung ihrer Bürger. Der Krieg gegen den Faschismus war für Russland nicht einfach eine Konkurrenz zwischen den sowjetischen und den faschistischen Staatsoberhäuptern um die Macht über einen Teil des Raums Europa, wie das in einigen europäischen Ländern der Fall war, die sich nach einem Widerstand von einigen wenigen Wochen ergaben. Der Krieg wurde für Russland zum Großen Vaterländischen Krieg, und die Mehrheit der Bevölkerung, die Vertreter aller Völker und Nationalitäten erhoben sich zum Schutz des Landes. Um des Sieges willen arbeiteten sie alle im Hinterland und kämpften an den Fronten.

Bei einem Empfang im Kreml anlässlich des Sieges im Mai 1945 brachte Stalin erstmalig einen Toast auf das russische Volk aus. Auf ein Volk, das sich in der Stunde harter Prüfungen nicht von seiner Regierung abgewendet, unzählige Opfer für den Sieg gebracht, den Aggressoren eine Abfuhr erteilt und sein Recht auf Freiheit und Unabhängigkeit bewiesen hatte. Als autoritärer Führer legte Stalin wahrscheinlich seinen eigenen Sinn in den Toast hinein. Das konnte jedoch die Tatsache nicht aus der Welt schaffen, dass damals das russische Volk in der ersten Reihe der freiheitsliebenden Nationen der Welt stand. Und obwohl sich sein Krieg gegen den Faschismus in vieler Hinsicht von dem Krieg unterschied, an dem die Briten oder die Amerikaner teilnahmen, hatte der Sieg den gleichen Wert für alle: Freiheit.

In der ersten Zeit nach dem Krieg wurden in Russland starke Hoffnungen auf eine Liberalisierungdes politischen Regimes, die weitere Annäherung an die führenden Weltmächte und die Zusammenarbeit mit ihnen gehegt. Doch damit dieser Prozess auch nur erst begann, mussten noch mehrere Jahrzehnte vergehen, die den Kalten Krieg mit der Teilung in Blöcke und der Gefahr der nuklearen Vernichtung, aber auch eine vorsichtige Entspannung einschlossen. Der Krieg gegen den Faschismus aber prägte sich in das Gedächtnis der Russen als der Große Vaterländische Krieg ein. Nur wenige in unserem Land sehen in ihm den Zweiten Weltkrieg: Die Politiker wollten oder konnten ihm nicht den Sinn des weltweiten Kampfes der Freiheit gegen Gewalt und Versklavung verleihen.

Vielleicht ist es noch nicht zu spät dazu. Denn große Ereignisse lassen sich erst aus jahrelanger Entfernung erkennen. Obwohl jedes Volk im Kampf gegen den Faschismus seinen eigenen Krieg führte, war der Lohn für alle letztendlich derselbe: der Sieg. (Juri Filippow, politischer Kommentator der RIA Nowosti.)
Sowjetische Agitproplakate zum 2. Weltkrieg
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Deutsche Agitproplakate zum 2. Weltkrieg
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