8./9. Mai - Ende des Großen Vaterländischen Krieges – Historische Hintergründe




04-05-2005 Kapitulation Historie
Warum gelang Admiral Kusnezow etwas, was den anderen Kommandeuren der Roten Armee nicht gelungen war?
Warum war der Überfall Deutschlands derart überraschend und zerstörerisch für die Sowjetunion?
Einige Historiker sprechen von einem Fehler Stalins, der Zeit für die Kriegsvorbereitung zu gewinnen versuchte und den Deutschen selbst keinen formellen Anlass zur Aggression geben wollte.


Dabei übergehen sie den psychologischen Faktor, der für politische Entscheidungen sehr wichtig war, mit Stillschweigen. Als zynischer Politiker konnte Stalin den Zynismus der Politik des Dritten Reiches nicht übersehen: Immer, wenn es keinen natürlichen Grund für die Handlungen gab, welche die Hitler-Führung unternehmen wollte, schuf sie einen Scheingrund. Deshalb hätte der Befehl, die Deutschen nicht zu provozieren, das Unvermeidliche lediglich um einige Tage oder einige Wochen aufschieben können, doch hätte er den Beginn des Krieges weder verhindern noch um ein halbes Jahr verschieben können.

Stalin wollte das Offensichtliche nicht sehen und ärgerte sich immer, wenn die Tatsachen seine erdachte Theorie widerlegten, laut der die Deutschen keinen Zweifrontenkrieg führen und Russland nicht angreifen würden, solange sie nicht mit Großbritannien fertig wären.

Stalins ablehnende Haltung gegenüber allem, was auf einen Kriegsbeginn schließen ließ, wurde von der neuen Generation der Kommandeure, die an die Stelle ihrer dem Todesterror von 1937 zum Opfer gefallenen Vorgänger traten, deutlich wahrgenommen. Der Präsident der Akademie der militärischen Wissenschaften, Armeegeneral Machmut Garejew, sagt:

"Marschall Schukow erzählte dem Historiker Viktor Anfilow, dass, als er am 17. Mai 1941 Stalin über Vorschläge des Generalstabs berichtet hätte, hätte der sowjetische Führer darauf sehr ungehalten reagiert. ‚Wollt ihr, dass wir mit Deutschland zusammenstoßen?', zischte Stalin, nachdem der Generalstabschef einen Präventivschlag vorgeschlagen hatte.

In einer Sitzung des Politbüros warf Stalin dem Volkskommissar für Verteidigung Timoschenko vor, er habe den offensiven Geist seiner Ansprache vom 5. Mai 1941 sehr buchstäblich verstanden. ‚Das habe ich für das Volk gesagt, um die Wachsamkeit zu erhöhen', bemerkte Stalin. ‚Ihr müsst verstehen, dass sich Deutschland nie im Alleingang zu einem Krieg entschließt. Wenn ihr weiter die Deutschen an der Grenze reizt und Truppen ohne unsere Genehmigung verlegt, werdet ihr bestraft. Merkt euch das`."

Die Anspielung wurde vernommen: Selbst die furchtlosesten und prinzipiellen Befehlshaber ließen ihre Tapferkeit schweigen. Einige von ihnen erwiesen sich als kleinmütig, die anderen stimmten gedankenlos zu. Berija drohte jedem mit dem Lagertod, der es wagt, vor einem eventuellen Überfall zu warnen, und versicherte Stalin: "Iossif Wissarionowitsch, ich und meine Leute bleiben ihrer weisen Prognose eingedenk: 1941 greift Hitler uns nicht an".

Alle Versuche der Befehlshaber, zusätzliche Truppen an die Grenze zu verlegen, wurden hart unterbunden: Diese Militärs wurden zu Panikmachern erklärt und bestraft. Der Kommandeur eines Artillerieregiments der 10. Armee hatte am 17. Juni 1941 in einer Parteiversammlung gesagt: "Es kann sein, dass dies unsere letzte Versammlung unter Friedensbedingungen ist". Da seine Erklärung der Meldung der amtlichen Nachrichtenagentur TASS vom 14. Mai 1941 widersprach, wurde er der Panikmache beschuldigt und am nächsten Tag verhaftet. Am 23. Juni wurde der Fall dieses Kommandeurs in Smolensk verhandelt, als deutsche Flugzeuge bereits Bomben über der Stadt abwarfen. Na, und? Die Ermittler folgten der einfachen Logik: Wenn TASS gemeldet hat, dass es keinen Überfall geben wird, muss man davon ausgehen, egal, ob bombardiert wird oder nicht.

Jähe Wendungen

Wie absoluter Unsinn sah unter diesen Bedingungen der Befehl des 36-jährigen Volkskommissars der Kriegsflotte Nikolai Kusnezow aus, alle ausländischen Flugzeuge, die immer öfter über sowjetischen Stützpunkten schwebten, ohne Warnung unter Beschuss zu nehmen. Dieser Befehl wurde am 3. März 1941 erteilt. Ein Jahr zuvor, im Februar 1940, hatte Kusnezow eine Richtlinie für die Marine erlassen, in der er auf die Gefahr des Überfalls einer von Deutschland geführten Koalition, bestehend aus Italien, Ungarn und Finnland, auf die Sowjetunion verwies.

"In jener Zeit führten die Flotten bereits einen Luftkrieg", schreibt Nikolai Kuznezow in seinen Lebenserinnerungen. "Die Flakartilleristen verjagten durch Feuer deutsche Flugzeuge... Ich wurde gefragt, aus welchem Grund ich angeordnet habe, die Luftraumverletzer unter Beschuss zu nehmen. Ich versuchte, zu erklären, aber Stalin unterbrach mich. Mir wurde eine scharfe Rüge erteilt und befohlen, meine Anordnung unverzüglich außer Kraft zu setzen. Ich musste mich fügen".

Der Berufsmilitär Kusnezow hatte mehrmals Kopf und Kragen im Interesse der Flotte riskiert. "Wir beschlossen jedoch, nicht mehr auf Befehle zu warten und selber durchzugreifen. Am 19. Juni wurde die Baltische Flotte in eine erhöhte Alarmbereitschaft (Stufe 2) versetzt. Das bewahrte sie vor möglichen Überraschungen. Obwohl die Lage in der Nordflotte ruhiger war, erhöhten wir auch dort die Alarmbereitschaft".

Die Alarmbereitschaft war die Hauptidee von Volkskommissar Kusnezow zur Vorbereitung der Flotte auf den Krieg, an dessen baldigem Beginn er nicht zweifelte. 1939 führte er die erste Richtlinie über ein dreistufiges Bereitschaftssystem ein, wonach die Marine verpflichtet war, ständig in der Lage zu sein, einen Angriff abzuwehren. Dank diesem System konnte in der Nacht zum 22. Juni die höchste Alarmbereitschaft automatisch, nur wenige Minuten nach dem Eingang des Befehls, ausgelöst werden.

Dem ersten Schlag fiel die Schwarzmeerflotte in Sewastopol zum Opfer. Am 22. Juni um 01.03 Uhr wurde die Bereitschaft Nummer eins und um 01.15 Uhr die operative Bereitschaft ausgelöst. 03.07 Uhr. Deutsche Flugzeuge näherten sich vorsichtig Sewastopol an, in einer geringen Höhe schwebend. Plötzlich leuchteten Scheinwerfer auf, die Fla-Kanonen der Küstenbatterien und der Schiffe eröffneten das Feuer. Einige Flugzeuge fingen Feuer und stürzten ab. Die anderen wollten noch ihre "Fracht" abwerfen.

In den ersten Kriegsstunden kam kein sowjetisches Schiff zu Schaden, während auf den Flugplätzen etwa 1200 sowjetische Flugzeuge vernichtet wurden, die auf diesen Überraschungsangriff nicht vorbereitet waren. Warum gelang Kusnezow etwas, was den anderen Kommandeuren der Roten Armee nicht gelungen war?

Ein moralischer Sieg

Eine bestimmte Rolle spielte die Autonomie des Volkskommissars der Kriegsflotte. Er unterstand unmittelbar Stalin, der sich nicht in die Angelegenheiten der Marine einmischte und ihr im Allgemeinen offenbar wenig Aufmerksamkeit widmete. Den Aufbau der Flotte überließ er Kusnezow und nahm sich selber der akuteren Probleme der Armee an. Wie auch jetzt, verstand sich Russland damals als ein kontinentales Land, in dem der Marine nur eine Hilfsrolle bei den Landstreitkräften zuteil wird.

Es gab aber noch einen Faktor, und zwar den moralischen. Kusnezow ließ sich durch die Autorität von Stalin, durch die Angst vor ihm nicht verblenden. Dieser moralische Faktor war seine innere Kultur, die ihm nicht erlaubte, ausnahmslos alle Befehle der Vorgesetzten von vornherein unkritisch aufzunehmen, seine Anständigkeit, die jeden Karrierismus ausschloss.

Kusnezow wurde im Alter von 34 Jahren zum Volkskommissar der Kriegsflotte, dann zum Admiral und Held der Sowjetunion. Anschließend strafrechtlich verfolgt und degradiert, dann zum Marineminister ernannt, dann wieder im Rang herabgesetzt und im Alter von 51 Jahren entlassen - "ohne das Recht, bei der Flotte tätig zu sein".

In seinem autobiografischen Buch "Jähe Wendungen" schrieb Kusnezow: "In unserem stürmischen und unruhigen Zeitalter muss man heftiger als früher ums Leben ringen. Das bedeutet aber nicht, dass die Gesetze der Moral und der Anständigkeit jetzt missachtet werden müssen".

Zweimal wurde Kusnezow zu seinen Lebzeiten der höchste Marinerang Admiral zu- und aberkannt. Zum dritten Mal erhielt Kusnezow diesen Rang 14 Jahre nach seinem Tode dank den Anstrengungen des Oberbefehlshabers der Flotte Admiral Tschernawin zurück. Nikolai Kusnezows Weissagung hat sich erfüllt: "Vom Dienst in der Flotte wurde ich suspendiert, aber vom Dienst für die Flotte kann man mich nicht suspendieren". (RIA)
Sowjetische Agitproplakate zum 2. Weltkrieg
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Deutsche Agitproplakate zum 2. Weltkrieg
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