8./9. Mai - Ende des Großen Vaterländischen Krieges – Historische Hintergründe




05-05-2005 Kapitulation Historie
Verteidigung der Heimat ist Pflicht eines Moslems
Anfang Mai werden in allen Moscheen Russlands feierliche Predigten anlässlich des 60. Jahrestages des Sieges über die Faschisten gehalten. "Wir alle werden unserer Nächsten gedenken, die an den Fronten des Großen Vaterländischen Krieges kämpften oder im Hinterland schwer arbeiteten", sagt Radik Amirow, Chef des Pressedienstes der Geistlichen Verwaltung der Moslems im Europäischen Teil von Russland.

Der Große Vaterländische Krieg (22. Juni 1941 - 9. Mai 1945) war ein Bestandteil des Zweiten Weltkrieges. Radiks Großvater Abdulla Amirow gehörte schon im Herbst 1941 zu den Verschollenen jenes Krieges. Er hinterließ vier kleine Kinder, das Jüngste erst ein Jahr alt. "Großvater unternahm keine Versuche, dem Armeedienst auszuweichen, denn die Verteidigung der Heimat ist eine heilige Pflicht jedes Moslems", sagt Radik Amirow. Lange Zeit hindurch hörte die Familie nur von einem Dorfnachbarn, dass der Großvater schwer verwundet worden sei. Er, der Nachbar, habe ihm aber nicht helfen können. Die Sowjettruppen zogen sich unter wütendem Beschuss des Gegners ins Innere des Landes zurück. Die Angaben über die in jenem Gefecht Gefallenen wurden erst vor kurzem von deutschen Archivaren Russland übergeben. Jetzt, kurz vor dem 60. Jahrestag des Sieges, erfuhr die Familie Amirow, wo ihr Angehöriger begraben ist. Am 9. Mai reisen sie zu seinem Grab.

Am 22. Juni 1941, als die Faschisten die Sowjetunion überfielen, galt einer ihrer ersten Schläge der Grenzfestung Brest-Litowsk. Es erweis sich, dass die Festung erstaunlich gut für die Verteidigung geeignet war. Um die Festung kämpften insgesamt Vertreter von 30 Nationalitäten der Sowjetunion. Beinahe einen Monat lang hielten sie die Verteidigung, während die deutschen Truppen schon einen beträchtlichen Teil des sowjetischen Territoriums besetzt hatten. Der Tatare Pjotr Gawrilow wurde für die Verteidigung der Brester Festung mit dem Titel Held der Sowjetunion, der für einen Militärangehörigen höchsten Auszeichnung, gewürdigt. Unter den Verteidigern der Festung gab es außerdem viele Inguschen und Tschetschenen. Kurz vor dem Krieg wurde nach Brest ein Ausbildungsbataillon verlegt. Es setzte sich aus jungen Menschen zusammen, die aus Nordkaukasien in die Armee einberufen worden waren. Viele von ihnen fielen in jenen Kämpfen, andere gerieten in Gefangenschaft.

Vierzig Jahre nach Kriegsende begab sich der Tschetschene Eki Usujew nach Brest, um etwas vom Schicksal seiner älteren Brüder zu erfahren. Der Direktor des Museums "Brester Festung" erzählte ihm: "Ihr Bruder Magomed Usujew starb den Heldentod, und sein Name ist für alle Zeiten in eine Gedenktafel des 333. Schützenbataillons der Garnison eingemeißelt worden. Über Ihren zweiten Bruder, Wissait, ist leider nichts bekannt." Mit diesen Nachrichten kehrte Eki nach Hause zurück, wo Magomeds Braut vierzig Jahre lang auf die Rückkehr ihres Bräutigams wartete.

Um die Geschichte der Verteidigung der Festung ranken sich inzwischen zahlreiche Legenden. Eine davon erzählt vom letzten Verteidiger der Festung. Sein Name blieb eine lange Zeit unbekannt. Vor kurzem wurden in Inguschetien die Erinnerungen von Antanas Stankus, einem Litauer und ehemaligen SS-Offizier, veröffentlicht. Er berichtet, dass sich sein Regiment im Juli 1941 versuchte, die wenigen noch lebenden Rotarmisten zu töten. Als man meinte, dass da niemand mehr am Leben war, ließ ein SS-General die Soldaten auf einem Platz antreten, um ihnen Auszeichnungen für die Einnahme der Festung zu überreichen. Da stieg aus einem unterirdischen Bunker der Festung ein hoher, strammer Offizier der Roten Armee hinauf. "Eine Verwundung hatte ihn blind gemacht, im Gehen hielt er seinen linken Arm ausgestreckt vor sich. Seine rechte Hand lag auf der Pistolentasche. Seine Uniform war zerrissen, aber er schritt mit stolz erhobenem Kopf längs des Platzes daher. Die Division erstarrte. Als er einen Geschosstrichter erreichte, kehrte er sein Gesicht westwärts. Plötzlich salutierte der General vor diesem letzten Verteidiger der Brester Festung, und darauf erwiesen ihm alle anderen Offiziere der Division die Ehrenbezeigung. Der Offizier der Roten Armee aber holte seine Pistole aus der Tasche hervor und schoss sich in die Schläfe. Er fiel mit dem Gesicht in Richtung Deutschland hin. Ein Seufzer ging durch den Platz", schreibt Stankus. "Wir standen da, betroffen von diesem Bild. Vom Mut dieses Menschen verblüfft." In seinen Papieren stand sein Familienname: Barchanojew. Jahrzehnte später konnte festgestellt werden, dass es sich um Umatgirej Barchanojew aus dem Dorf Jandare in Inguschetien handelte.

Der Grund dafür, dass die Namen vieler Helden erst heute bekannt werden, liegt darin, dass 1944 die Tschetschenen, Inguschen und viele andere Völker im Rahmen der Repressalien nach Sibirien und Zentralasien deportiert wurden. Lange Jahre nach dem Krieg wurde das, was die Vertreter dieser oder jener Nationalität für den Sieg getan hatten, überhaupt verschwiegen. Es sei gleich gesagt: Verräter gab es unter vielen Völkern, darunter auch unter den Russen. Das Thema, wer und aus welchen Gründen, sobald in Gefangenschaft geraten, einverstanden war, auf Seiten der Faschisten zu kämpfen, ist bisher nicht endgültig erforscht worden. Aber all das rechtfertigt nicht die Tatsache der Deportation und Erniedrigung jener, die heldenhaft gegen die Faschisten kämpften.

Die meisten Vertreter der verfolgten Völker wurden von der Front abberufen, ihre Auszeichnungen und Offiziersränge aberkannt. Insgesamt betrafen die Zwangsansiedlungen (unter Berücksichtigung aller Völker, die umgesiedelt wurden) 5 943 Offiziere, 20 209 Sergeanten und 130 691 Soldaten. Viele nannten in ihren Papieren eine falsche Nationalität, um in der Armee bleiben zu können. Einige Kommandeure, die wussten, dass den Inguschen und Tschetschenen grundsätzlich keine Auszeichnungen zuerkannt wurden, nannten neben deren Familiennamen in den Auszeichnungslisten eine andere nationale Zugehörigkeit. So wurden 46 Inguschen zur Auszeichnung mit dem Titel Held der Sowjetunion vorgeschlagen. Nur drei von ihnen erhielten diesen Titel, und auch das erst 50 Jahre nach dem Krieg.

Der Tschetschene Mowlid Wissaitow kämpfte vom Terek (Kaukasus) bis zur Elbe zurück, befehligte das 255. selbstständige Kavallerieregiment der Tschetschenen und Inguschen und das 28. Garde-Regiment. Er war der erste sowjetische Offizier, der an der Elbe dem Kommandeur der amerikanischen Voraustruppen General Bolling die Hand drückte. Er gehörte zu den wenigen sowjetischen Offizieren, denen eine der höchsten amerikanischen Auszeichnungen - der Orden "Legion of Honour" - zuerkannt wurde. Erscheint der Träger dieses Ordens in einer Gesellschaft, so haben alle Amerikaner, und sei es der Präsident der USA, aufzustehen und den Helden im Stehen zu grüßen. Am Ende des Krieges wurde Wissaitow zur Auszeichnung mit dem Titel Held der Sowjetunion vorgeschlagen, aber wegen seiner Nationalität blieb die Auszeichnung aus. Die Gerechtigkeit triumphierte erst 1990, als er nicht mehr unter den Lebenden weilte.

Aber im Krieg kümmerten sich die einfachen Menschen herzlich wenig um die Nationalität des Anderen. Die Ukrainerin Galja pflegte Wissaitow nach einer schweren Verwundung in den Gefechten bei Taganrog. Nach Kriegsende suchte er sie, und bis zu seinem Tod hielten beide Familien, die tschetschenische und die ukrainische, Freundschaft.

Sowjetische Moslems retteten während des Krieges auch ihre jüdischen und zigeunerischen Mitbürger, die gemäß den faschistischen Befehlen zu vernichten waren. "Wenn moslemische Offiziere in der Gefangenschaft neben Juden und Zigeunern zu leben kamen, versuchten sie, ihre Mitinsassen für ‚ihre Landsleute' - Tataren, Aserbaidschaner, Tschetschenen usw. - auszugeben. Auch in der Okkupationszone wurden Juden gerettet. In einem weißrussischen Dorf versteckte eine Tatarin zwei Juden, die vor den Faschisten geflohen waren. Sie verriet sie auch nicht, als die Faschisten in ihren Hof eindrangen. Mehr noch, als die Feinde weg waren, wies sie den Juden einen sicheren Weg durch die Sümpfe, damit sie den Ort erreichen konnten, an dem sich sowjetische Einheiten befanden", erzählt Radik Amirow. "Solche kleinen Geschichten verbinden uns in einer für das Land schwierigen Zeit", fügt er hinzu.

Es lässt sich heute nicht genau sagen, wie viele Vertreter der moslemischen Völker an den Fronten des Großen Vaterländischen Krieges kämpften. Niemand erstellte eine solche Statistik. Ihre Zahl ging in die Hunderttausende. In Russland allein leben ungefähr vierzig ethnische Gruppen, die sich zum Islam bekennen. Hinzuzufügen wären die Moslems, die in den ehemaligen Republiken der Sowjetunion leben. Und wenn heute jedes Volk versucht, seine Helden doch zu zählen, ist es nicht so einfach, alle Angaben zu sammeln. Nur die geistlichen Verwaltungen der Moslems allein könnten sich damit befassen. Doch sie sagen: Wir wollen den Sieg nicht aufteilen, er war der gemeinsame Sieg aller Völker der Sowjetunion.

Und das stimmt wirklich.

Dennoch lohnt es sich, einige Angaben anzuführen. Allein für die Befreiung Weißrusslands wurde ungefähr 130 Moslems, darunter Tataren, der hohe Titel Held der Sowjetunion verliehen. Insgesamt wurden während des Krieges etwa 170 Tataren mit diesem Titel gewürdigt. Damit stehen sie an vierter Stelle nach den Russen, Ukrainern und Weißrussen. Zweifache Helden der Sowjetunion waren zwei Flieger: Mussa Garejew und der gemeinsame Sohn des tatarischen und des kasachischen Volkes Talgat Bigildinow.

Alexander Matrossow wurde posthum Held der Sowjetunion. Am 23. Februar 1943 verdeckte er im entscheidenden Moment eines Gefechts einen gegnerischen Feuerpunkt mit dem eigenen Körper. Er opferte sich auf, um Dutzenden seiner Kameraden das Leben zu retten. Er war 19 Jahre alt. Der Name Matrossow war in der UdSSR all und jedem bekannt, und erst vor kurzem stellte sich heraus, dass er falsch war. In Wirklichkeit hieß er Schakir Muchammetschanow. Er wurde in Baschkirien in einer tatarischen Familie geboren, seine Eltern starben, als er noch ein Kind war. Im Kinderheim, wohin er eingewiesen wurde, nahm er sich einen anderen Vor- und Familiennamen an, um sich nicht von seinen Altersgenossen zu unterscheiden.

Der MG-Schütze Chanpaschi Nuradilow, ein Tschetschene, fiel 1942 in der Stalingrader Schlacht. Hier ein Frontflugblatt, das von ihm erzählt: "Ein Recke, ein Adler, ein Ritter: Das sind die richtigen Namen für den heldenhaften MG-Schützen und Komsomolzen, Gardesergeant Chanpaschi Nuradilow. Mit seinem Maschinengewehr vernichtete er 920 Faschisten, erbeutete 7 gegnerische Maschinengewehre und nahm 12 Faschisten gefangen. Der Held fiel wie ein tapferer Ritter des Vaterlandes. Die Regierung ehrte die Verdienste des Helden mit dem Rotbannerorden und dem Orden des Roten Sterns."

Die Stalingrader Schlacht wurde zum Umschwung in der Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges und des ganzen Zweiten Weltkrieges. Die Kämpfe um die Stadt dauerten 200 Tage, vom Juli 1942 bis Februar 1943. Der faschistische Block verlor in ihrem Verlauf insgesamt rund 1,5 Millionen Soldaten und Offiziere, das heißt, 25 Prozent all seiner an der sowjetisch-deutschen Front eingesetzten Kräfte. Die Gesamtverluste der Roten Armee in der Stalingrader Schlacht betrugen 1 130 000 Soldaten und Offiziere, darunter 480 000 Gefallene. Zu denen, die nun für immer in der Erde bei Stalingrad ruhen, gehörte auch der Großvater von Mufti Scheich Rawil Gajnutdin, Vorsitzender der Geistlichen Verwaltung der Moslems des Europäischen Teils von Russland.

Viele Moslems fielen in den Kämpfen um die Befreiung von Leningrad. 900 Tage dauerte die Blockade der Stadt. Hunderttausende Bewohner starben vor Hunger und unter Bombenangriffen. Aber bis zu Ende hielten sie durch und ließen den Mut nicht sinken. In der Stadt, die täglich beschossen wurde, fanden Theatervorstellungen und Konzerte statt. 1941 wurden dort Lesungen anlässlich des Geburtstages des aserbaidschanischen Dichters Nisami (12. Jahrhundert) veranstaltet.

Moslems kämpften an allen Fronten des Großen Vaterländischen Krieges, standen auch in den Reihen von Aufklärern und Partisanen. Eine der Partisanenabteilungen der Inguschen entstand 1942. Der Kommandeur von 200 berittenen inguschischen Partisanen war Toussi Schadijew. 1943 wurde die Abteilung der selbständigen Division der Tschetschenen und Inguschen angegliedert.

Mussa Dschalil, Vorsitzender des Schriftstellerverbandes von Tatarstan, wurde 1942 verwundet und gefangengenommen. In der Gefangenschaft zeigte er einen beispiellosen Mut. Er organisierte eine illegale Gruppe, und ihre Mitglieder entfalteten in den Legionen, welche aus Kriegsgefangenen zum Einsatz gegen die Rote Armee aufgestellt wurden, ihre Agitation. Als Ergebnis seiner Tätigkeit ging gleich die erste an die Front geschickte Legion mit den Waffen in den Händen zu den sowjetischen Truppen über. Dschalils Gruppe begann mit den Vorbereitungen zu einem allgemeinen Aufstand der Kriegsgefangenen. Doch konnten die Faschisten den Illegalen auf die Spur kommen und verhafteten sie. Mussa Dschalil schrieb seine letzten Gedichte im Gefängnis von Moabit. Er und die Mitglieder seiner Gruppe, darunter der bekannte tatarische Schriftsteller Abdulla Alisch, wurden hingerichtet. Die Häftlinge aus seiner Zelle, die am Leben blieben, bewahrten die Moabiter Hefte. 1968 wurde in der UdSSR ein Film über ihn und seine Großtat gedreht.

Wer im Hinterland blieb, leistete ebenfalls einen bedeutenden Beitrag zum Sieg. In den Kriegsjahren wurde in allen Moscheen eine Spendenaktion eingeleitet. Man sammelte Geld, Kleidung und Lebensmittel für die Front sowie zur Unterstützung der Familien der Militärangehörigen. 1943 richtete Gabdurachman Rassulew, der damalige Mufti der Geistlichen Verwaltung der Moslems des Europäischen Teils der UdSSR und Sibiriens, im Namen der Moslemsder Sowjetunion ein Schreiben an Jossif Stalin mit der Versicherung, dass die Moslems die Rote Armee unterstützten; dem Brief lag auch das von ihm unter den Moslems gesammelte Geld für den Bau einer Panzerkolonne bei.

Bekanntlich wurde ein bedeutender Teil des sowjetischen Territoriums, auf dem traditionell Moslems leben, nicht okkupiert. Gerade dorthin evakuierte man Menschen aus dem ganzen Land. Dort waren zudem die größten Industriebetriebe konzentriert, die Waffen für die Front herstellten, und dort brachte man hohe Ernten ein. In den Betrieben und auf den Feldern arbeiteten hauptsächlich Frauen. Moslemische Frauen waren auch an der Front eingesetzt, viele von ihnen waren Ärztinnen und Krankenschwestern, die an der vordersten Kampflinie Verwundete retteten. Es gab auch Muslimen, die neben den Männern kämpften. Die Inguschin Ljalja Uschachowa zog freiwillig in den Krieg. In all den vier Jahren war sie Richtschützin und dann auch Geschützführerin. Die Tatarin Marguba Syrtlanowa flog über 780 Kampfeinsätze mit einem Nachtbombenflugzeug.

Alle Heldinnen und Helden, die an den Fronten kämpften und im Hinterland arbeiteten, sind gar nicht aufzuzählen. Viele von ihnen erhielten die wohlverdienten Auszeichnungen nicht, aber nach wie vor bewahren ihnen alle Bürger Russlands und der anderen Mitgliedsländer der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, gleich, welcher Nationalität und Konfession, auch heute ein ehrendes Andenken. (Marianna Belenkaja, politische Kommentatorin der RIA Nowosti.)
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