8./9. Mai - Ende des Großen Vaterländischen Krieges – Historische Hintergründe




06-05-2005 Kapitulation Historie
Alexander Sitzew: "Ich bin 83 Jahre alt und sehe im Traum immer noch die Seelower Höhen
(Gardeoberst Alexander Sitzew, Held der Sowjetunion, Teilnehmer der Berliner Operation) Die Kräfte der 8. Armee unter dem Befehl von Generaloberst W.I. Tschujkow, zu der auch meine Soldaten /das 1. Bataillon des 117. Schützenregiments der 39. Gardeschützendivision/ gehörten,

überwanden die Oder, drängten den Gegner von der Uferlinie zurück und bezogen die Stellungen auf dem Brückenkopf Küstrin. Von hier aus sollte der Angriff auf Berlin beginnen. In der ersten Etappe der Operation sollten wir die Seelower Höhen erstürmen. Die Kette der kahlen, bis zu 50 Meter hohen Hügel zog sich längs des linken Ufers des alten Oder-Bettes hin. Uns wurde gesagt, dass es bis Berlin höchstens noch 60 Kilometer waren. Wir wussten auch, dass die Seelower Höhen einen mächtigen Widerstandsknoten darstellten, der von SS-Leuten verteidigt wurde, und dass die Schlacht daher schwer sein würde. Hitler versicherte, dass niemand in der Lage sein würde, dieses Bollwerk zu zerstören - die durchgehenden Gräben in den Zugängen, in denen die Soldaten "Lauf an Lauf" standen, starke Befestigungsanlagen, in den Boden versenkte Panzer, betonierte Feuernester, Systeme von Panzerabwehrmitteln und Infanteriesperren. In unmittelbarer Nähe des Fußes der Seelower Höhen wurde ein bis zu drei Meter tiefer und bis zu vier Meter breiter Panzergraben ausgehoben.

Im ersten Verteidigungsstreifen, der vor uns lag, gab es drei voll ausgebaute Grabenlinien. Unsere Stellungen befanden sich 150-200 Meter von der ersten Linie der Deutschen entfernt, so dass wir einander aus den Schützengräben sehen konnten. Vor dem Tag des Angriffs - dem 16. April 1945 - wurden auf Initiative von Marschall Schukow, Befehlshaber der 1. Weißrussischen Front, in einer Linie von ungefähr 1,5 Kilometern Kraftfahrzeuge mit darauf installierten starken Scheinwerfern aufgestellt. Im Morgengrauen, um 5 Uhr früh, begann die Artillerie zu "spielen" - die Raketenwerfer "Katjuschas" durchlöcherten im Laufe von rund 40 Minuten die Gräben des ersten Verteidigungsstreifens. Dann flammten gleichzeitig Tausende Scheinwerfer auf: Die Deutschen wurden geblendet und verwirrt. Später gaben die Kriegsgefangenen zu: Wir waren überzeugt, dass die Russen eine neue Waffe einsetzten.

Wir nutzten das Überraschungsmoment aus und stürzten uns zum Angriff, überwanden leicht den unbedeutenden Widerstand der drei Schützengräben des ersten Verteidigungsstreifens. Bei mir war ein Soldat gefallen und zwei wurden verletzt. Vorne erwartete uns die zweite Verteidigungslinie, nun schon unmittelbar vor den Seelower Höhen. Wir näherten uns ihr gegen 10 Uhr vormittags, nahmen den Kampf auf, wurden aber von einer Feuerwalze aus allen Waffenarten empfangen und mussten uns auf den Boden legen. Wir konnten nicht einmal den Kopf heben. Mein Bataillon verlor 50 Mann von den insgesamt 500, das war sehr viel. Ich berichtete dem Kommandeur, dass es unmöglich sei, die Verteidigungslinie zu durchbrechen, und hörte seine Antwort: "Gleich wird ein neuer starker Artillerieschlag geführt, danach musst du wieder angreifen. Es gilt, sich in der zweiten Linie festzusetzen. Du musst handeln, was auch geschehen mag."

Wir erhoben uns zum zweiten Angriff. Unter der Deckung durch Panzer gelang es uns, kurz vorzurücken. Wir machten ungefähr 150 Meter vor den ersten deutschen Gräben halt und begannen uns einzugraben. Alle unsere nachfolgenden Angriffsversuche blieben erfolglos. Bei den Deutschen war alles eingeschossen und berechnet. Das heftige Feuer warf uns wie Welpen zurück. Die Verluste waren sehr groß. Der Versuch der Truppenführung der 1. Weißrussischen Front, das Vorrücken der Truppen durch die Einführung der 1. und der 2. Panzerarmee in den Kampf zu beschleunigen, brachte ebenfalls nicht das gewünschte Ergebnis. Eine immense Menge von Panzern, die einen Frontalangriff durchführten, wurde verbrannt.

Am 17. April erteilte die Führung den Vorhuteinheiten den Befehl, die Seelower Höhen zu umgehen und vorzudringen. Die Höhen wurden von den Einheiten angegriffen, die uns folgten - der zweiten und der dritten Staffel. Mein Bataillon rückte an der rechten Seite unter Umgehung der Hügel vor. Wir wurden von den Nachhutposten angegriffen, schlugen jedoch diese Angriffe ab und drangen weiter vor, wobei wir die Höhen hinter uns zurückließen. Gegen Ende des Tages /17. April/ wurde die Verteidigung auf den Seelower Höhen nach einer starken Artillerie- und Luftvorbereitung von den Truppen der 8. Gardearmee unter dem Befehl von Tschujkow im Zusammenwirken mit der 1. Gardepanzerarmee unter dem Befehl von Generaloberst M.J. Katukow durchbrochen. Der verzweifelte Widerstand der Deutschen auf den Seelower Höhen dauerte noch zwei Tage, sie wurden jedoch moralisch gebrochen, weil sie sich bereits in unserem Hinterland befanden.

Mein Bataillon stürmte indessen das Vorwerk, das auf dem Wege unseres Vordringens stand - westlich von den Höhen. Es gehörte ebenfalls zum Verteidigungssystem der Seelower Höhen. Es befand sich auf einer kleinen Insel in einem kleinen See und war durch eine schmale Brücke mit dem Festland verbunden. Wir unternahmen zwei Sturmversuche, sie brachten uns jedoch lediglich Verluste. Die Deutschen schossen mit Panzerfäusten, Maschinengewehren und Granatwerfern. Daher mussten wir zu einer Kriegslist greifen. Ich befahl den Soldaten, Benzinfässer zu durchlöchern, sie von der Brücke zum Tor des Vorwerks rollen zu lassen und dann durch Schüsse anzuzünden. Bald darauf brach auf dem Gelände des Vorwerks ein heftiger Brand aus. Nach einiger Zeit erblickten wir in einem Fenster des oberen Stockwerks ein weißes Tuch. In Begleitung von zwei Maschinenpistolenschützen ging ich zu den Verhandlungen. Das Gesicht des Kommandeurs, eines Majors der Waffen-SS, verriet große nervliche Anspannung und tödliche Ermüdung. Er stimmte zu, als er unsere Bedingungen gehört hatte, und bat um medizinische Hilfe für die Verletzten. Unser medizinischer Dienst nahm sich ihrer sofort an. Die übrigen lieferten die Waffen ab, gingen auf die Straße und stellten sich auf. Meine Ordonnanz berichtete, dass 365 deutsche Soldaten gefangen genommen worden waren. Ich rauchte eine Selbstgedrehte und beobachtete den Major, der seine Walter-Pistole aus der Pistolentasche zog und sie einige Sekunden lang betrachtete. Ich dachte sogar, dass er sich erschießen würde. Er aber warf die Pistole auf den Boden, holte ein Zigarettenetui heraus und zündete sich ebenfalls eine Zigarette an.

... Auch heute noch kommt es vor, dass ich laut im Traum schreie: "Vorwärts!" Früher weckte mich meine Frau Rosa und beruhigte mich. Vor vier Jahren starb sie, jetzt erwache ich selbst von meinem eigenen Schrei. Und ich, ein 83jähriger Greis, sehe auch heute noch im Traum am häufigsten die Seelower Höhen. (RIA)
Sowjetische Agitproplakate zum 2. Weltkrieg
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