8./9. Mai - Ende des Großen Vaterländischen Krieges – Historische Hintergründe




07-05-2005 Kapitulation Historie
Der Krieg hätte 1943 zu Ende sein können
RIA Nowosti setzt die Veröffentlichung von Gesprächen des Historikers Dr. sc. Valentin FALIN mit dem militärischen Kommentator der Nachrichtenagentur Viktor LITOWKIN fort.

Bei diesen Gesprächen werden bisher wenig bekannte Aspekte des Großen Vaterländischen Krieges aufgedeckt und für das breite Publikum geschlossene Mechanismen und Triebfedern dieser oder jener Entscheidungen auf höchster Ebene beleuchtet, die manchmal den Verlauf und Ausgang von Kampfhandlungen ausschlaggebend beeinflussten.

V. L.: Die heutige Geschichtsschreibung des Zweiten Weltkrieges kennt unterschiedliche Beurteilungen seines Schluss-Stadiums. Die einen Experten behaupten, der Krieg hätte viel früher zu Ende sein können; bekannt sind unter anderem die Memoiren von Marschall Tschujkow, der darüber schrieb. Die anderen meinen, der Krieg hätte sich mindestens noch ein Jahr hinziehen können. Wer steht der Wahrheit näher? Und worin besteht sie? Welchen Standpunkt vertreten Sie?

V. F.: Über diese Frage streitet nicht nur die heutige Geschichtsschreibung. Über die Dauer des Krieges in Europa und die Zeit seiner Beendigung wurde bereits während des Krieges diskutiert, und zwar seit 1942 ununterbrochen. Um genauer zu sein: Diese Frage beschäftigte die Politiker und Militärs seit einundvierzig, als die meisten Staatsmänner, darunter auch Roosevelt und Churchill, dachten, die Sowjetunion werde sich höchstens vier bis sechs Wochen halten können. Beneš allein glaubte und behauptete, die UdSSR werde der nazistischen Invasion standhalten und letztendlich Deutschland aufs Haupt schlagen.

Eduard Beneš war, soweit ich mich erinnere, Präsident der Tschechoslowakei in der Emigration. Nach dem Münchener Abkommen von 1938 und der Eroberung seines Landes hielt er sich in Großbritannien auf, nicht wahr?

V. F.: Ja. Dann, als sich diese Einschätzungen oder, wenn Sie erlauben, Abschätzungen unserer Lebenskraft nicht bewahrheiteten, als Deutschland bei Moskau die erste wohl gemerkt strategische Niederlage des Zweiten Weltkrieges erlitt, änderten sich die Ansichten radikal. Im Westen wurden Befürchtungen laut, die Sowjetunion könnte aus diesem Krieg viel zu stark hervorgehen. Und wenn sie sich tatsächlich so stark erweise, werde sie das Antlitz des künftigen Europa bestimmten. In diesem Sinne sprach sich Berle, stellvertretender Außenminister der USA und Koordinator der amerikanischen Geheimdienste, aus. An diese Meinung hielt sich auch Churchills Umgebung, einschließlich sehr solider Leute, die vor dem Krieg und in seinem Verlauf die Doktrin der Handlungen der britischen Streitkräfte und der gesamten britischen Politik ausarbeiteten.

Das erklärt in hohem Grade Churchills Widerstand gegen die Eröffnung einer zweiten Front im Jahre 1942. Dabei glaubten Lord Beaverbrook und Sir Richard Stafford Cripps in der britischen Führung sowie besonders Eisenhower und andere Urheber der amerikanischen Kriegspläne, dass sowohl die technischen als auch andere Voraussetzungen dafür bestanden, den Deutschen gerade 1942 die Niederlage beizubringen. Es hätte der Faktor genutzt werden können, daß das Gros der deutschen Streitkräfte im Osten eingesetzt war und die 2 000 Kilometer lange Küste Frankreichs, der Niederlande, Belgiens, Norwegens und auch Deutschlands selbst für eine Invasion der alliierten Armeen im Grunde offen lag. Längs der atlantischen Küste hatten die Nazis damals keine ständigen Verteidigungsanlagen.

Mehr noch, die amerikanischen Militärs bestanden darauf und suchten Roosevelt davon zu überzeugen (mehrere Memoranden Eisenhowers darüber liegen vor), dass die zweite Front notwendig, dass die zweite Front möglich sei, dass die Eröffnung der zweiten Front den Krieg in Europa im Prinzip verkürzen und Deutschland zur Kapitulation zwingen werde. Wenn nicht zweiundvierzig, so doch spätestens dreiundvierzig.

Aber solche Berechnungen passten weder Großbritannien noch den auf dem amerikanischen Olymp recht zahlreichen konservativen Politikern.

V. L.: Wen meinen Sie?

V. F.: Beispielsweise stand das ganze amerikanische Außenministerium mit Cordell Hall an der Spitze äußerst unfreundlich zur UdSSR. Das erklärt, warum Roosevelt Hall nicht zur Teheraner Konferenz mitnahm und der Außenminister die Protokolle der Treffen der Großen Drei erst sechs Monate nach Teheran zur Kenntnisnahme bekam. Kurios ist, dass die politische Aufklärung des "Dritten Reiches" Hitler schon nach drei oder vier Wochen über die Protokolle berichtete. Das Leben ist bisweilen paradox.

Nach der Kursker Schlacht von 1943, die mit einer Niederlage der Wehrmacht endete, hielten am 20. August in Quebec die Stabschefs der USA und Großbritanniens sowie Churchill und Roosevelt eine Beratung ab. Besprochen wurde die Möglichkeit eines eventuellen Austritts der Vereinigten Staaten und Großbritanniens aus der Antihitler-Koalition und des Abschlusses eines Bündnisses mit den Nazigeneralen zur Führung eines gemeinsamen Krieges gegen die Sowjetunion.

V. L.: Weshalb?

V. F.: Deshalb, weil es gemäß der Ideologie von Churchill und jenen, die diese Ideologie in Washington vertraten, darum ging, "diese russischen Barbaren" so weit wie nur möglich im Osten aufzuhalten. Die Sowjetunion wenn nicht zu zerschlagen, so doch bis zum Äußersten zu schwächen. Vor allem mit den Händen der Deutschen. Auf diese Weise wurde die Aufgabe formuliert.

Das ist eine sehr alte Idee Churchills. Er hatte sie bereits 1919 in seinen Gesprächen mit General Kutepow entwickelt. Damals sagte er: Die Amerikaner, Engländer und Franzosen müssten einen Misserfolg nach dem anderen einstecken und seien nicht im Stande, Sowjetrussland zu erwürgen. Man müsse diese Aufgabe den Japanern und den Deutschen auferlegen. Ähnlich belehrte Churchill 1930 Bismarck, den Ersten Sekretär der deutschen Botschaft in London. Im Ersten Weltkrieg hätten sich die Deutschen blödsinnig angestellt, behauptete er. Anstatt sich auf die Zerschlagung Russlands zu konzentrieren, begannen sie einen Zweifrontenkrieg. Hätten sie sich nur mit Russland beschäftigt, so hätte Großbritannien die Franzosen neutralisiert.

Für Churchill war das nicht so sehr der Kampf gegen die Bolschewiken wie vielmehr die Fortsetzung des Krim-Krieges von 1851 - 1856, als Russland schlecht und recht der britischen Expansion eine Grenze zu ziehen versucht hatte.

V. L.: In Transkaukasien, Zentralasien, im erdölreichen Nahen Osten...

V. F.: Natürlich. Wenn wir also von verschiedenen Varianten der Kriegführung gegen Nazideutschland sprechen, darf nicht außer Acht gelassen werden, wie unterschiedlich die Einstellung zur Philosophie der Bündnisbeziehungen und den Verpflichtungen war, die Großbritannien und die USA Moskau gegenüber übernommen hatten.

Eine kurze Abschweifung. In Gent verlief 1954 oder 1955 ein Symposium von Geistlichen über das Thema, ob sich die Engel küssen. Im Ergebnis mehrtägiger Debatten wurde der Schluss gezogen: Ja, sie küssen sich, aber ohne Leidenschaft. Die Alliiertenbeziehungen in der Antihitler-Koalition erinnerten gewissermaßen an jene Engelsgeschichte, um nicht direkt von einem Judaskuss zu sprechen. Versprechungen waren ohne Verpflichtungen oder, noch schlimmer, dazu da, den sowjetischen Partner irrezuführen.

Wie erinnerlich, durchkreuzte diese Taktik die Verhandlungen der UdSSR, Großbritanniens und Frankreichs im August 1939, als es noch möglich war, etwas zur Eindämmung der nazistischen Aggression zu unternehmen. Man ließ der sowjetischen Führung demonstrativ keine andere Wahl, als einen Nichtangriffspakt mit Deutschland zu schließen. Man setzte uns der Gefahr eines Schlages der zur Aggression bereiten nazistischen Kriegsmaschinerie aus. Ich kann mich da auf eine Richtlinie berufen, wie sie in Chamberlains Kabinett formuliert wurde: "Wenn es London nicht gelingt, einem Abkommen mit der Sowjetunion auszuweichen, darf die britische Unterschrift darunter nicht bedeuten, dass im Falle eines Überfalls der Deutschen auf die UdSSR die Briten dem Opfer der Aggression zu Hilfe kommen und Deutschland den Krieg erklären. Wir müssen uns die Möglichkeit vorbehalten, zu erklären, dass Großbritannien und die Sowjetunion die Fakten unterschiedlich interpretieren."

V. L.: Ein bekanntes Beispiel aus der Geschichte: Als Deutschland im September 1939 Polen, einen Verbündeten Großbritanniens, überfiel, erklärte London zwar Berlin den Krieg, tat jedoch keinen einzigen ernsthaften Schritt, um Warschau halbwegs real zu helfen.

V. F.: Aber in unserem Falle war nicht einmal von einer formellen Kriegserklärung die Rede. Die Torries gingen davon aus, dass die deutsche Walze bis zum Ural rollen und unterwegs alles niederstampfen werde. Es hätte niemanden mehr gegeben, der dem Albion wegen seiner Heimtücke noch hätte Vorwürfe machen können.

Diese Verbundenheit der Zeiten und die Verbundenheit der Ereignisse bestand während des Krieges. Sie gab Anlass zu Überlegungen. Und diese Überlegungen waren für uns, wie mir scheinen will, nicht gerade optimistisch.

V. L.: Aber lassen Sie uns auf die Jahreswende 44/45 zurückkommen. Konnten wir den Krieg früher beenden oder nicht?

V. F.: Stellen wir die Frage etwas anders: Warum war die Seelandung der Alliierten gerade für das Jahr vierundvierzig geplant? Aus irgendwelchen Gründen wird diese Frage eigentlich von niemandem tiefer untersucht. Dabei war das Datum alles andere als zufällig. Im Westen zog man in Betracht, dass wir bei Stalingrad eine enorme Zahl von Soldaten und Offizieren sowie von Kriegstechnik verloren hatten. Kolossal waren die Opfer auch am Kursker Bogen. Wir hatten mehr Panzer verloren als die Deutschen.

Im Jahre vierundvierzig zog unser Land bereits siebzehnjährige Jungen ein. In den Dörfern gab es praktisch überhaupt keine Männer mehr. Die Jahrgänge 1926 und 1927 blieben nur in Rüstungswerken verschont: Die Direktoren ließen sie nicht weg.

Bei ihren perspektivischen Einschätzungen waren sich die amerikanische und die britische Aufklärung darüber einig, dass das Angriffspotential der Sowjetunion im Frühjahr 1944 erschöpft sein werde. Dass die Menschenreserven völlig verbraucht sein würden und die Sowjetunion außer Stande sein werde, der Wehrmacht einen Schlag zu versetzen, der mit den Schlachten bei Moskau, Stalingrad und Kursk zu vergleichen wäre. Folglich würden wir, durch den Widerstand gegen die Nazis entkräftet, zum Zeitpunkt der Landung der Alliierten den USA und Großbritannien die strategische Initiative abtreten.

Mit der Zeit der Landung der Alliierten auf dem Kontinent war auch die Verschwörung gegen Hitler verbunden. Einmal an der Macht, hätten die Generale des "Dritten Reiches" die Westfront auflösen und den Amerikanern und Briten freie Hand verschaffen sollen zur Okkupation Deutschlands und zur "Befreiung" Polens, der Tschechoslowakei, Ungarns, Rumäniens, Bulgariens, Jugoslawiens und Österreichs. Die Rote Armee hätte an die Grenze von 1939 zurückgedrängt werden sollen.

V. L.: Ich weiß noch, die Amerikaner und Briten setzten sogar Landungstruppen in Ungarn, im Raum Balaton, ab, um Budapest zu nehmen, aber die Deutschen schossen sie zusammen.

V. F.: Das war keine Landungstruppe, sondern eher schon eine Kontaktgruppe zur Wiederherstellung der Verbindungen mit den ungarischen antifaschistischen Kräften. Aber nicht nur das ging verquer. Hitler blieb nach dem Attentat am Leben, Rommel war schwer verwundet und aus dem Spiel, im Westen aber hatte man gerade auf ihn gesetzt. Die übrigen Generale erwiesen sich als Feiglinge. Es geschah, was geschah. Ein leichter Marsch durch Deutschland zu bravouröser Musik sollte den Amerikanern verwehrt bleiben. Sie nahmen Gefechtshandlungen auf, die manchmal schwer waren, denken wir an die Ardennen-Offensive. Dennoch lösten sie ihre Aufgaben, und das so manches Mal zynisch genug.

Hier ein konkretes Beispiel. Die USA-Truppen rückten bis nach Paris vor. Dort begann ein Aufstand. Die Amerikaner blieben in einer Entfernung von dreißig Kilometern vorder französischen Hauptstadt stehen und warteten ab, bis die Deutschen die Aufständischen niedergemacht haben, weil es sich in erster Linie um Kommunisten handelte. Dort wurden, nach verschiedenen Angaben, zwischen drei und fünftausend Menschen getötet. Aber die Aufständischen bewältigten die Situation, und erst dann nahmen die Amerikaner Paris ein. Auf die gleiche Weise ging das auch in Südfrankreich vor sich.

Kehren wir zur Jahreswende zurück, mit der wir unser Gespräch begonnen haben.

V. L.: Der Winter 44/45.

V. F.: Im Herbst vierundvierzig fanden in Deutschland mehrere Beratungen statt, die zuerst von Hitler und dann, im seinem Auftrag, von Jodl und Keitel geleitet wurden. Ihr Sinn lief auf Folgendes hinaus: Wenn man den Amerikanern richtig zusetze, würden die USA und Großbritannien große Lust auf Verhandlungen bekommen, und die wurden 1942 - 1943 verborgen vor Moskau geführt.

Die Ardennen-Operation, wie sie in Berlin konzipiert wurde, sollte nicht der Herbeiführung des Sieges im Krieg, sondern der Untergrabung der Alliiertenbeziehungen zwischen dem Westen und der Sowjetunion dienen. Die USA hätten verstehen sollen, wie stark Deutschland noch war und in wie weit interessant es für die Westmächte bei ihrer Konfrontation mit der Sowjetunion war. Aber auch wie sehr es den Alliierten selbst an Stärke und Willen fehle, um die "Roten" im Vorfeld des deutschen Territoriums zum Stehen zu bringen.

Hitler betonte: Niemand wird mit einem Land sprechen, das sich in einer schweren Situation befindet; mit uns wird man nur reden, wenn die Wehrmacht beweisen kann, dass sie eine Kraft ist.

Das Überraschungsmoment war der Haupttrumpf. Die Alliierten hatten sich für den Winter einquartiert und meinten, das Elsass und das Ardennengebirge seien eine sehr schöne Gegend zur Erholung und eine sehr schlechte Gegend für Kampfoperationen. Inzwischen beabsichtigten die Deutschen, sich bis nach Rotterdam durchzukämpfen, damit die Amerikaner die Häfen der Niederlande nicht mehr benutzen konnten: Dieser Umstand werde über den gesamten westlichen Feldzug voll entscheiden.

Der Beginn der Ardennen-Operation wurde mehrmals aufgeschoben. Deutschland fehlte es an Kräften. Sie begann eben zu einem Zeitpunkt, da die Rote Armee im Winter vierundvierzig äußerst schwere Kämpfe in Ungarn, im Raum Balaton und bei Budapest, führte. Es ging um die letzten Erdölquellen: die in Österreich und etwas ärmere in Ungarn, die von den Deutschen kontrolliert wurden.

Das war einer der Gründe dafür, dass Hitler beschloss, Ungarn um jeden Preis zu verteidigen. Und dafür, dass er mitten in der Ardennen-Operation und vor Beginn der Elsass-Operation daranging, im Grunde die Kräfte von der westlichen Richtung abzuziehen und an die sowjetisch-ungarische Front zu verlegen. Die Hauptkraft der Ardennen-Operation - die 6. SS-Panzerarmee - wurde von den Ardennen abgezogen und nach Ungarn verlegt.

V.L.: In die Nähe von Hajamasker.

V. F.: Die Verlegung begann eigentlich noch vor jenem panischen Schreiben von Roosevelt und Churchill an Stalin, als sie sich, um es aus der diplomatischen in die Alltagssprache zu übertragen, aufs Bitten verlegten: Helft, rettet uns, wir sind in Not!

Hitler aber überlegte (das ist belegt): Wenn die Alliierten der Sowjetunion diese so oft einer Gefahr aussetzten und unverhohlen abwarteten, ob Moskau durchhalte, ob nicht die Rote Armee in sich zusammensinke, können wir genauso vorgehen. Wir unsererseits wissen noch, wie die Alliierten einundvierzig den Fall der UdSSR-Hauptstadt abwarteten, wie zweiundvierzig nicht nur die Türkei und Japan, sondern auch die USA abwarteten, ob wir nicht Stalingrad aufgäben, bevor sie sich zu einer Revision ihrer Politik entschlossen. Denn die Alliierten teilten uns nicht einmal etwas von den Aufklärungsmeldungen mit, beispielsweise über die Pläne der Deutschen zu einer Offensive über den Don bis zur Wolga und weiter in den Kaukasus, und so weiter, und so fort.

V. L.: Wenn ich mich nicht irre, vermittelte uns die legendäre "Rote Kapelle" diese Informationen.

V. F.: Die Amerikaner überließen uns keinerlei Informationen, obwohl sie sie täglich, ja stündlich erhielten. Darunter auch über die Vorbereitung der Operation "Zitadelle" am Kursker Bogen.

Wir hatten natürlich gewichtige Gründe, uns unsere Alliierten genauer anzusehen: Inwieweit sie kämpfen konnten, inwieweit sie kämpfen wollten und inwieweit sie bereit waren, ihren Hauptplan der Operation auf dem Kontinent voranzubringen - den Plan, der "Renken" hieß. Nicht "Overlord" war am wichtigsten, sondern "Renken", denn dieser Plan sah die Errichtung der anglo-amerikanischen Kontrolle über ganz Deutschland, über alle Staaten Osteuropas vor, damit wir nicht so weit vorrückten.

Als Eisenhower zum Oberbefehlshaber der zweiten Front ernannt wurde, erhielt er die Direktive, "Overlord" vorzubereiten, aber stets an "Renken" zu denken. Wenn sich günstige Bedingungen für "Renken" ergeben, "Overlord" aufzugeben und alle Kräfte zur Erfüllung des Plans "Renken" einzusetzen. Der Aufstand in Warschau wurde zeitlich auf diesen Plan abgestimmt. Und vieles andere war ebenfalls mit dem Plan "Renken" verknüpft.

In diesem Sinne war Ende vierundvierzig/Anfang fünfundvierzig die Stunde der Wahrheit. Der Krieg wurde nicht an zwei Fronten - der östlichen und der westlichen - geführt, sondern um zwei Fronten. Formell führten die Alliierten für uns sehr wichtige Kampfhandlungen, denn einen gewissen Teil der deutschen Truppen banden sie nun doch. Aber ihr wichtigstes Vorhaben bestand darin, die Sowjetunion nach Möglichkeit zum Stehen zu bringen, wie Churchill sagte, beziehungsweise "die Nachkommen von Dschingis Khan zum Stehen zu bringen", wie sich einzelne amerikanische Generale in schärferen Worten ausdrückten.

Übrigens formulierte Churchill diesen Gedanken in grob antisowjetischer Form bereits im Oktober zweiundvierzig, als unsere Gegenoffensive am 19. November bei Stalingrad noch nicht begonnen hatte: "Diese Barbaren müssen möglichst weit im Osten aufgehalten werden."

Wenn wir von unseren Alliierten sprechen, liegt es mir wirklich fern, die Verdienste der Soldaten und Offiziere der alliierten Truppen herabzumindern, die gleich uns ehrlich und standhaft kämpften, ohne etwas von den politischen Intrigen und Machenschaften ihrer Führung zu wissen. Ich schmälere nicht die Hilfe, die uns im Lend-Lease-Rahmen erwiesen wurde, obwohl wir nie die wichtigsten Hauptempfänger dieser Hilfe waren. Ich will einfach sagen, wie kompliziert, widersprüchlich und gefährlich für uns die Situation im Laufe des ganzen Krieges bis zu seinem Siegessalut war. Und wie schwer es manchmal war, die eine oder andere Entscheidung zu treffen. Denn wir wurden nicht einfach an der Nase herumgeführt, sondern immer wieder einem abermaligen Schlag ausgesetzt.

V. L.: Hätte der Krieg also wirklich viel früher als im Mai fünfundvierzig beendet werden können?

V. F.: Wenn ich absolut aufrichtig auf diese Frage antworten soll, will ich sagen: Ja, das stimmt. Nur dass es nicht die Schuld unseres Landes war, dass er nicht bereits dreiundvierzig endete. Unsere Schuld war es nicht. Der Krieg hätte wirklich früher zu Ende sein können, hätten unsere Alliierten ihre Pflicht als Verbündete ehrlich erfüllt, hätten sie sich an die Verpflichtungen gehalten, die sie einundvierzig, zweiundvierzig und im ersten Halbjahr dreiundvierzig der Sowjetunion gegenüber übernommen hatten. Da sie es jedoch nicht taten, zog sich der Krieg in die Länge und dauerte mindestens anderthalb bis zwei Jahre zu lange.

Und vor allem: Ohne die wiederholte Aufschiebung der Eröffnung der zweiten Front wäre auch die Zahl der Opfer unter den Sowjetbürgern und den Alliierten, besonders auf dem okkupierten Territorium Europas, um 10 bis 12 Millionen geringer gewesen. Nicht einmal Auschwitz hätte funktioniert, denn das Lager begann erst vierundvierzig auf Hochtouren zu laufen...



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