8./9. Mai - Ende des Großen Vaterländischen Krieges – Historische Hintergründe




08-05-2005 Kapitulation Historie
Dmitri Schepilow: Ein Soldat aus dem Professorenmilieu und ein General aus den Reihen der Soldaten
Der russische Journalist und Schriftsteller Michail Domogazkich, einer von denen, die im Großen Vaterländischen Krieg von 1941 - 1945 Wien befreit hatten, erzählte mir von folgender Begebenheit.

Im Zuge der Kämpfe um die Stadt wurden aus einem deutschen Konzentrationslager fünf Frauen - Ehefrauen von namhaften Politikern aus Österreich, Ungarn und der Tschechoslowakei - befreit. Major Grigori Plijew (schon in der Vorkriegszeit bekannter Lyriker) führte sie in einen Lageraum der sowjetischen Truppen. Doch ergab sich keine Gelegenheit, sie von der vordersten Kampflinie zu entfernen, während das weitere Verbleiben für sie gefährlich war. Plijew erhielt schließlich eine Telefonverbindung zu General Dmitri Schepilow, dieser schickte einen Wagen, und die befreiten ehemaligen Häftlinge wurden in den Stab seiner 4. Garde-Armee und später dann nach Moskau gebracht. Das war die für die Damen bequemste und sicherste Variante.

Da erschien in Russland, schreibt Michail Domogazkich, die Übersetzung eines Memoirenbuches des Filmstars der Vorkriegszeit Francesca Gaal, die dem schönen Major und dem hochgebildeten, in Film und Musik bewanderten General dankte, weil sie sie 1945 gerettet hatten.

Der Schriftsteller Boris Gorbatow sagte über Dmitri Schepilow gelegentlich: "Das war ein Soldat aus dem Professorenmilieu und ein General aus den Reihen der Soldaten."

Hier muss erläutert werden, dass die 4. Garde-Armee, die Wien befreite, eine in zweierlei Hinsicht ungewöhnliche Armee war.

Erstens erzielte sie einen traurigen Rekord, was die Zahl ihrer Befehlshaber betraf. Angefangen mit ihrer Aufstellung nach der Stalingrader Schlacht (Frühjahr 1942) wurde sie von den Generalen D. T. Koslow, I. W. Galanin, G. I. Kulik, A. I. Sygin, A. I. Ryschow, I. K. Smirnow, G. F. Sacharow und N. D. Sachwatajew befehligt. Aber der Chef der politischen Verwaltung der Armee war unter allen Befehlshabern Oberst Dmitri Schepilow. Ende 1944, nach dem Tod des Mitglieds des Kriegsrates (das heißt des stellvertretenden Befehlshabers) der Armee I. A. Gawrilow wurde Schepilow auf diesen Posten ernannt und im März 1945 zum Generalmajor befördert. In Anbetracht des Gesundheitszustands des Befehlshabers (Sachwatajew) war im Frühjahr 1945 bei der Befreiung von Wien gerade Schepilow der faktische Befehlshaber. Zweitens bewahrte die 4. Garde-Armee selbst noch 1945 viele ungewöhnliche Züge aus dem Sommer 1941, als sie aufgestellt worden war: damals als 21. Schützendivision, die bald "Professorendivision" genannt wurde. In ihrem Bestand gab es übrigens zahlreiche Lyriker, Prosaisten und Musiker.

Im Sommer 1941 war Professor Schepilow wissenschaftlicher Mitarbeiter des Moskauer Ökonomischen Instituts an der Akademie der Wissenschaften, und von dort ging er als gemeiner Freiwilliger an die Front. Am 6. Juli 1941 versammelten sich im Hof des Ökonomischen Instituts der Akademie der Wissenschaften der UdSSR in der Wolchonka 14 Personen, die sich entschlossen hatten, freiwillig in die Volkswehr einzutreten. In der Hauptsache waren das Moskauer Intelligenzler. Schon am 8. Juli verließ die von den Volkswehrsoldaten aufgefüllte 21. Schützendivision Moskau und begab sich in Richtung Front. Etwa zwei Monate dauerte die Ausbildung, und am 3. Oktober trat die Division in ein Gefecht ein. Es waren schwere Kämpfe, die Division geriet in die Einkreisung. Worauf Schepilow bereits zum stellvertretenden Chef der politischen Abteilung wurde.

Juri Schepilow, ein Neffe des Generals, schreibt in seinen Erinnerungen: "Anfang Oktober 1941... Unsere Familie wohnte an der Swenigoroder Chaussee, ganz am Rande von Moskau. Eines Nachts klopfte jemand an unsere Tür. Das war Onkel Dima... Ich erkannte ihn sofort wieder, obwohl er ungewöhnlich aussah: ein lange nicht mehr rasiertes, blutig zerkratztes Gesicht, eingefallene Augen, schmutziger Uniformmantel. Er konnte sich kaum auf den Beinen halten, von denen Wickelgamaschen herabhingen... Voller Bitternis erzählte er uns: Die Volkswehr sei in aller Eile aufgestellt und schlecht ausgebildet worden. Lauter Gewehre, überhaupt keine Kampferfahrungen... "Sobald uns die Patronen ausgingen, zersplitterten uns die Deutschen in einzelne Gruppen, umzingelten uns und vernichteten uns. Wir sind nur mit größter Mühe aus der Einkreisung ausgebrochen."

Und da war Österreich, der Sieg und die überraschende Rolle des Verwalters des befreiten Territoriums. Schepilow wurde in Österreich dafür berühmt, dass er jeden Fall von Marodieren hart unterband. Sergej Michalkow, ein berühmter Dichter und Autor des Textes der Hymne der UdSSR (und des heutigen Russland), erinnert sich daran, wie er und sein Kollege El-Registan (beide waren Dichter) im April 1945 in Wien zufällig in ein Haus gerieten, in dem sich, wie Michalkow sich ausdrückt, der "erstaunliche General" und sein künftiger Freund Dmitri Schepilow aufhielten. Im Hause gab es einen großen Schrank, hinter dessen Glas Jagdgewehre standen, und sie waren zahlreich. "Wir beide - El-Registan als Jäger und auch ich - interessierten uns sofort für diese Gewehre. Mein Freund rief sogar, soweit ich mich erinnern kann, aus: O Genosse General, was haben Sie da für eine große Sammlung von Trophäen! Worauf Schepilow recht barsch antwortete: Ich gebe mich im Krieg nicht mit so etwas ab!"

Im Vorfeld von Wien, als Schepilow die Obliegenheiten des Befehlshabers der 4. Garde-Armee übernahm, erteilte gerade er den Befehl, die Stadt beim Beschuss möglichst zu schonen, wobei er besonders das Operntheater erwähnte. Er selbst war dafür bekannt, mehrere Opern von A bis Z ohne jede Partitur nachsingen zu können. Die Österreicher nannten Schepilow den Retter von Wien. Schade nur, dass dies lediglich in der österreichischen Geschichte geschrieben wurde, während die Geschichte der UdSSR nichts davon verrät. Die Veteranen der 4. Garde-Armee erinnern sich daran, wie Schepilow nach der Befreiung von Wienunseren Soldaten erläuterte, dass Österreich nicht etwa eine x-beliebige Provinz von Deutschland, sondern ein selbständiger, von den Deutschen okkupierter Staat sei, den wir nun befreit hätten, dass man sich gegenüber der Bevölkerung nicht als Sieger angesichts der Besiegten aufspielen dürfe; vielmehr gelte es, ihr zu helfen, nach Möglichkeit auch mit Lebensmitteln. Gemeinsam mit den Alliierten ging er daran, in der Stadt Konzerte und Filmvorführungen zu veranstalten. Im Ergebnis veränderte der sowjetische Streifen "Wolga, Wolga" zusehends die Einstellung der Österreicher zu den Russen. Dmitri Trofimowitsch initiierte die Wiederherstellung der Wiener Oper als ein normal funktionierendes Theater. Er lud den berühmten russischen Tenor Iwan Koslowski nach Wien ein, der auch für die Offiziere und Soldaten der Garnison sang. Die große Ballerina Galina Ulanowa kam ebenfalls mehrmals nach Wien.

Der General wandte nicht wenig Mühe auf, bis den sowjetischen Truppen zu Ehren der Befreiung von Wien ein Denkmal gesetzt wurde. Auf seinen Vorschlag wurden in den Stein des Monuments Verse von Sergej Michalkow eingemeißelt.

In Österreich musste sich General Schepilow mit zahlreichen Problemen beschäftigen, die sowohl mit der Führung unserer Truppen als auch mit internationalen Angelegenheiten verbunden waren. Insbesondere war es sehr wichtig, Einfluss darauf auszuüben, wer an die Spitze der Republik Österreich treten und welche Position das Land beziehen werde: Koalitionen mit anderen Ländern bilden oder neutral bleiben. "Der Kreis meiner Pflichten und Sorgen war grenzenlos, das ging von der Teilnahme an der Herausbildung der Machtorgane der Republik unter Präsident Karl Renner, Leiter der Rechtssozialisten, und dem Vorsitzenden der ÖVP Bundeskanzler Figl bis zu Fragen der Aufklärung, des Gesundheitswesens und der Ernährung", schrieb er in seinen Memoiren. Schepilow arbeitete viel mit Renner, um ihm zu helfen, der erste Präsident von Österreich zu werden, das darauf seine Neutralität verkündete. Die gegenseitige Sympathie entstand zwischen Schepilow und Renner gleich nach ihrer ersten Begegnung. Dmitri Trofimowitsch erwähnte, dass er Renners Bücher, der Wirtschaftsfachmann war, kenne. Renner war erstaunt, dass ein russischer General zugleich Professor rer. oec. war. Und das entschied die Sache.

Auf diese Weise sammelte Dmitri Schepilow nach und nach auch diplomatische Erfahrungen, die ihm bei der Lösung internationaler Probleme sehr zugute kamen, als er, wenn auch nur für kurze Zeit, 1956/57, Außenminister der Sowjetunion war.

Dmitri Schepilow wurde Ehrenbürger von Wien. Im Mai 1945 überreichte ihm der amerikanische General Patton in Wien den höchsten Orden der USA.

(Der Text ist eine leicht gekürzte Fassung eines Kapitels des Buches, das 2005 zum 100. Geburtstag Dmitri Schepilows (1905 - 1995) im Zentrum für politisch-ökonomische Forschungen des Ökonomischen Instituts an der Russischen Akademie der Wissenschaften herauskommt. Dmitri Schepilow, Mitautor des ersten Lehrbuches für politische Ökonomie in der UdSSR, Teilnehmer an der Vorbereitung von Chruschtschews Bericht auf dem 20. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) über Stalins Personenkult, Sekretär des ZK der KPdSU und Außenminister, wurde von allen Posten abgesetzt, nachdem er auf einem Plenum des ZK der KPdSU im Juni 1957 gegen Chruschtschew aufgetreten war.) (Dr. rer. oec. Tamara Kusnezowa für die RIA Nowosti).
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