8./9. Mai - Ende des Großen Vaterländischen Krieges – Historische Hintergründe




17-05-2005 Kapitulation Historie
Die Großtat des Hinterlandes in den Kriegsjahren
Vom sowjetischen Hinterland in den Jahren des Zweiten Weltkrieges wird gewöhnlich weniger gesprochen als von den Kampfhandlungen der Roten Armee. Das ist auch verständlich, denn über den Ausgang eines jeden Krieges wird in erster Linie an den Fronten entschieden.

Dabei machten die Menschen gerade im Hinterland alles Mögliche - und Unmögliche! -, um die Armee mit Waffen, Munition, Lebensmitteln und Kleidung zu versorgen. Das verlangte ihnen im wahrsten Sinne des Wortes unmenschliche Anstrengungen ab. Mit dem Kriegsbeginn mobilisierte die Sowjetunion alle Lebensbereiche des Landes, aber vor allem die Wirtschaft und die soziale Sphäre. "Alles für die Front, alles für den Sieg!": So lautete die Hauptparole jener Zeit. Viele Menschen spendeten Geld und Kostbarkeiten für den Verteidigungsfonds, spendeten auch Blut und beteiligten sich am Luftschutz. Millionen Frauen wurden zum Ausheben von Schützen-, Panzergräben und zur Anlegung anderer Verteidigungsanlagen herangezogen.

Eine groß angelegte Evakuierung von Industriebetrieben ostwärts - in das Wolgagebiet, das Uralgebiet und nach Sibirien - setzte ein. Die Lage in der Verteidigungsindustrie der UdSSR war in den ersten Kriegsmonaten sehr schwer. Das faschistische Deutschland hatte im Krieg die Ressourcen seiner Verbündeten und der okkupierten europäischen Länder zu seiner Verfügung und besaß daher bedeutende wirtschaftliche Vorteile. Die wichtigsten Produktionskapazitäten der sowjetischen Wirtschaft aber lagen im westlichen Teil Russlands, hauptsächlich an der Linie Leningrad - Moskau - Tula - Brjansk - Charkow - Dnepropetrowsk. Gerade deshalb kam es so, dass über 80 Prozent der Betriebe der Verteidigungsindustrie, darunter 94 Prozent des Flugzeugbaus, sehr bald in die Zone der Kampfhandlungen oder die frontnahen Gebiete gerieten.

1941/42 wurden über 2 000 Industriebetriebe in den Osten verlegt. Die Belegschaften mussten unglaubliche Schwierigkeiten überwinden. Viele Arbeiter waren schon in die Armee einberufen oder meldeten sich freiwillig zum Kampf. Deshalb lastete die Arbeit im Hinterland auf den Schultern der Frauen, Halbwüchsigen und alten Leute, wobei einige Kinder erst auf einen Kasten steigen mussten, um die Werkbank zu erreichen. Oft hatten diese Menschen keinen für den Betrieb notwendigen Beruf und bildeten sich direkt am Arbeitsplatz aus.

Obwohl es an Ausrüstung, Materialien, Strom und qualifizierten Arbeitskräften mangelte und Ersatzteile nur in ungenügenden Mengen geliefert wurden, schafften es die Betriebe trotzdem, die Produktion am neuen Ort schnell in Gang zu bringen. Nicht selten wurde die Aufgabe gestellt, den Ausstoß schon zwei Wochen nach der Evakuierung des Betriebes zu sichern. Einige evakuierte Betriebe begannen mit der Arbeit direkt aus der Bewegung, noch bevor sie ein Dach über den Hallen hatten. Trotz der kargen Lebensmittelversorgung, den nervlichen und körperlichen Überbelastungen arbeiteten die Menschen 14 Stunden am Tag, ohne arbeitsfreie Tage und Urlaub. Dabei blieb die Luftwaffe Hitlerdeutschlands nicht etwa untätig. Sie warf massiert Bomben auf die Städte im Hinterland ab, in denen sich die Rüstungsbetriebe nun befanden. Im Frühjahr 1943 wurden die Industriebetriebe des Wolgalandes, die Panzer und Kriegsflugzeuge bauten, besonders oft bombardiert.

Arbeiter des Betriebs Nr. 85 von Brjansk (Instandsetzung von Panzern und Selbstfahrlafetten) erinnern sich daran, dass der Betrieb nach Kriegsbeginn zur Arbeit rund um die Uhr überging. Die Menschen arbeiteten unter Bomben, verließen ihren Betrieb jedoch nicht. Niemand redete von einem geregelten Arbeitstag: Man schaffte, solange man sich auf den Beinen halten konnte. Arbeitsfreie Tage wurden überhaupt vergessen. Als der Betrieb in die Gegend jenseits der Wolga evakuiert wurde, arbeiteten die Menschen auf offenen Bahnwagen, in Regen und Schnee. Unter diesen Bedingungen vermochte es der Betrieb, binnen weniger Monaten den Ausstoß der Produktion auf das Vierfache des Vorkriegsniveaus zu steigern.

Eine mächtige Rüstungsindustrie- und Wirtschaftsbasis wurde im Uralgebiet (eine alte Industrieregion Russlands) geschaffen. Dort fanden über die Hälfte der evakuierten Betriebe Platz, wobei der Ural die einzige Region des Landes war, in der alles - von Soldatenfußlappen bis zu den modernsten Anlagen - hergestellt wurde. In den Kriegsjahren lieferte das Uralgebiet der Front bis zu 40 Prozent der Produktion des Landes. Die Grundlagen- und die angewandte Wissenschaft trat während des Krieges ebenfalls nicht auf der Stelle. Im Uralgebiet wurde damals die einheimische SFL-Artillerie entwickelt.

Einer der wichtigsten Stützpunkte im Hinterland wurde die Republik Tatarstan (Wolgaland), in die aus dem westlichen Teil der UdSSR über 70 Betriebe verlegt wurden. Hier entwickelte sich der Flugzeug-, der Geräte-, der Schiffbau und die Produktion von Munition. In Tatarstans Hauptstadt Kasan wurden beispielsweise die legendären U-2-Maschinen gebaut, die gleich von den ersten Tagen an der Front eine unschätzbare Hilfe erwiesen. Zuerst eignete sich diese Maschine nicht für Kampfhandlungen, sie war für den Transport von Verwundeten bestimmt. Dann aber wurde sie in einen Leichtmotor-Bomber umgebaut. Die "Himmelsfuhre", wie das Flugzeug zuerst genannt wurde, wurde bei den Hitlerleuten zuerst eher belächelt. Als aber die nächtlichen Bomber ihnen auch an der vordersten Linie keine Ruhe gaben, ging das OKL dazu über, jeden, der ein solches Flugzeug abschießen konnte, mit 5 000 Reichsmark zu belohnen.

Schon gegen Ende 1942 lieferten die sowjetischen Industriebetriebe die für die Front notwendige Produktion in Ausmaßen, die über denen der Vorkriegszeit lagen. Gegen 1944 deckte die sowjetische Industrie den gesamten Bedarf der Armee, und die neuen Muster von Kriegstechnik waren billiger und einfacher als die Entwicklungen der deutschen Spezialisten. Die wirtschaftliche Überlegenheit über den Gegner wurde erreicht - wenn auch um den Preis einer unbeschreiblich schweren Arbeit aller Menschen im Hinterland. (Nina Kulikowa, Wirtschaftskommentatorin der RIA Nowosti.)
Sowjetische Agitproplakate zum 2. Weltkrieg
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Sowjetische Flugblätter für deutsche Soldaten
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Deutsche Agitproplakate zum 2. Weltkrieg
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