8./9. Mai - Ende des Großen Vaterländischen Krieges – Historische Hintergründe




23-08-2005 Kapitulation Historie
Tokio wusste von der Bereitschaft der UdSSR, in den Krieg gegen Japan einzutreten
(Prof. Dr. Anatoli Koschkin von der Orientalischen Universität). Eines der "nicht gelüfteten Geheimnisse" der japanischen Diplomatie ist die Frage, ob das offizielle Tokio Kenntnis von den Beschlüssen der Jaltaer Konferenz von Roosevelt, Stalin und Churchill hinsichtlich der Zusage der Regierung der UdSSR, in den Krieg gegen Japan einzutreten, gehabt hatte.

Wie die japanischen Historiker in ihrer Mehrheit behaupten, hätte Tokio vor Kriegsende nicht über eine solche Information verfügt. Darum hätte es bis zuletzt mit der Vermittlerrolle Moskaus bei der Organisation der Friedensverhandlungen zwischen Japan und den USA gerechnet. Es liegen aber Hinweise darauf vor, dass die japanische Aufklärung doch Angaben über die auf der Krim getroffenen Entscheidungen bezüglich Japans besessen hat.

1985 wurden zum Beispiel die Erinnerungen der Ehefrau des Offiziers der Aufklärungsverwaltung des Generalstabs der japanischen Landstreitkräfte Oberstleutnant Onodera veröffentlicht. In den Kriegsjahren war Yuriko Onodera zusammen mit ihrem Mann im Ausland, insbesondere in skandinavischen Ländern, tätig und arbeitete dabei als Chiffreurin. Daher war sie über den Inhalt der Aufklärungsinformationen, die an das Zentrum gesendet wurde, im Bilde. Wie sie in ihrem Buch behauptet, seien bald nach dem Abschluss der Jaltaer Konferenz von einem Agenten polnischer Herkunft, der unter dem Pseudonym "Iwanow" arbeitete, aus London Informationen über die Entscheidung der Alliierten in der "Großen Drei" eingegangen, in der von dem Eintritt der Sowjetunion in den Krieg gegen Japan die Rede war. Yuriko Onodera schreibt: "Schweren Herzens chiffrierte ich diese Meldung, die dann nach Tokio gesendet wurde."

Es ist nicht auszuschließen, dass die japanische Führung von der von Roosevelt und Stalin getroffenen Vereinbarung noch früher, gleich nach dem Abschluss der Jaltaer Konferenz, erfahren hatte. Es ist wohl kaum ein zufälliges Zusammentreffen von Umständen, dass der einflussreiche japanische Politiker Prinz Fumimaro Konoe, der dreimal die japanische Regierung geleitet hatte, schon am 14. Februar 1945, also zwei Tage nach dem Abschluss des Krimtreffens, Kaiser Hirohito eiligst einen Geheimbericht erstattete, in dem er den Monarchen nachdrücklich dazu aufforderte, "möglichst bald den Krieg zu beenden". Als Hauptargument für eine solche Entscheidung führte er mit offener Besorgnis die Gefahr des "Eingreifens der Sowjetunion" an. Konoe schrieb: "Ich habe das Gefühl, dass unsere Niederlage im Krieg heute leider schon nicht zu vermeiden ist... Die Niederlage wird unserer nationalen Staatsordnung unweigerlich schaden... Aber allein eine Niederlage im Krieg erweckt keine besondere Besorgnis über das Bestehen unserer nationalen Staatsordnung. Die größte Besorgnis muss in Bezug auf die Aufrechterhaltung der nationalen Staatsordnung nicht so sehr eine Niederlage im Krieg als vielmehr eine kommunistische Revolution, die nach der Niederlage ausbrechen kann, erwecken.

Nach reiflicher Überlegung bin ich zu dem Schluss gekommen, dass die innere und äußere Lage unseres Landes sich im Moment schnell in Richtung einer kommunistischen Revolution hin ändert. Außen kommt das im ungewöhnlichen Vorrücken der Sowjetunion zum Ausdruck... Die Sowjetunion bezieht zwar äußerlich eine Position der Nichteinmischung in die innern Angelegenheiten der europäischen Staaten, mischt sich aber in der Tat äußerst aktiv in ihre inneren Angelegenheiten ein und ist bestrebt, die Innenpolitik dieser Länder auf einen prosowjetischen Weg zu lenken. Absolut ähnlich sind auch die Pläne der Sowjetunion gegenüber Ostasien... Es besteht die ernsthafte Gefahr einer Einmischung der Sowjetunion in die inneren Angelegenheiten Japans in nächster Zukunft."

bei russland.RU
Schwerpunkt - 8./9. Mai - 1945 Ende des Großen Vaterländischen Krieges - Nachrichten, Hintergründe, Analysen und vieles mehr
Der Inhalt dieses Dokumentes hinterlässt den Eindruck, dass es von einem Menschen verfasst wurde, für den die zukünftige unmittelbare Teilnahme der UdSSR am Krieg gegen Japan kein Geheimnis war. Der Hauptinhalt des Berichtes von Konoe lief darauf hinaus, vor den USA und Großbritannien, "deren Öffentlichkeit noch nicht darauf gekommen ist, eine Änderung unserer Staatsordnung zu fordern", zu kapitulieren, bevor die UdSSR in den Krieg eintrat.

Am 15. Februar setzte die Führung des japanischen Aufklärungsdienstes die Teilnehmer einer Sitzung des Höchsten Rates für die Kriegführung über die Absicht der UdSSR in Kenntnis, "sich das Stimmrecht bei der Entscheidung über die Zukunft Ostasiens zu sichern". Es wurde die Warnung laut, dass die UdSSR vor dem Frühjahr den Neutralitätsvertrag aufzulösen und sich im Krieg gegen Japan den Alliierten anzuschließen beabsichtige. Am nächsten Tag sprach Außenminister Mamoru Shigemitsu mit Kaiser Hirohito darüber. "Die Tage des nazistischen Deutschland sind gezählt. Die Jaltaer Konferenz hat die Einheit Großbritanniens, der USA und der Sowjetunion bestätigt." Er empfahl Hirohito, sich nicht auf den Neutralitätsvertrag zu verlassen. General Hideki Tojo wies den japanischen Monarchen ebenfalls auf ein mögliches Auftreten der UdSSR gegen Japan hin, wobei er die Wahrscheinlichkeit mit 50:50 einschätzte.

Ein Zeugnis von der ernsten Besorgnis im Zusammenhang mit den eingegangenen Informationen über Stalins Absicht, die Alliierten im Osten zu unterstützen, legt auch die Tatsache ab, dass das japanische Außenministerium am 15. Februar den Generalkonsul in Charbin, Miyakawa, in die Botschaft der UdSSR in Tokio mit dem offensichtlichen Ziel entsandte, zusätzliche Informationen über die Verhandlungen in Jalta zu bekommen. Der sowjetische Botschafter, Jakow Malik, beantwortete die Terrainsondierung durch den Gesprächspartner zwar mit dem Hinweis darauf, dass die Konferenz hauptsächlich europäischen Angelegenheiten gewidmet worden sei, was jedoch die Befürchtungen der Japaner nicht beseitigen konnte.

Die sowjetische Regierung und das sowjetische Oberkommando begannen bald darauf in Übereinstimmung mit den in Jalta übernommenen Verpflichtungen mit der Verlegung ihrer Truppen nach dem Fernen Osten. Das blieb von der japanischen Führung nicht unbemerkt, die durch Aufklärungskanäle regelmäßig Informationen über die Umdislozierung sowjetischer Truppen erhielt. So meldeten zum Beispiel Mitarbeiter des Militärapparats der japanischen Botschaft in Moskau Mitte April 1945 nach Tokio: "Täglich fahren zwölf bis fünfzehn Züge auf der Transsibirischen Ferneisenbahn... Der Eintritt der Sowjetunion in den Krieg gegen Japan ist heute nicht zu vermeiden. Für die Verlegung von rund 20 Divisionen sind ungefähr zwei Monate erforderlich." Das Gleiche meldete auch der Stab der Kwangtung-Armee.

Vor Sommeranfang blieben der japanischen Regierung immer weniger Chancen, den Eintritt der UdSSR in den Krieg zu verhindern. Am 6. Juni wurde die entstehende Situation in einer erneuten Sitzung des Höchsten Rates für die Kriegführung sehr pessimistisch eingeschätzt. In der den Mitgliedern des Rates vorgelegten Situationsanalyse hieß es: "Die Sowjetunion bereitet durch konsequente Maßnahmen auf der Ebene der Diplomatie den Boden dafür, nötigenfalls die Möglichkeit zu haben, gegen das Imperium aufzutreten; zugleich verstärkt sie die Kriegsvorbereitungen im Fernen Osten. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Sowjetunion Kampfhandlungen gegen Japan unternehmen wird... Die Sowjetunion kann in den Krieg gegen Japan nach der Sommer- und Herbstperiode eintreten."

Angesichts dieser Tatsachen sind die Behauptungen, dass die japanische Regierung über den Inhalt der Jaltaer Abkommen erst nach dem Krieg Kenntnis bekommen hätte, nicht überzeugend und können von der Geschichtswissenschaft nicht akzeptiert werden. Solche Behauptungen sind in der Periode aufgetaucht, da in Japan die Kampagne für die Rückgabe der sogenannten "Nordgebiete" entfaltet wurde. Damit sind die Südkurilen gemeint, die im Ergebnis des Krieges an Russland übergingen. Die Anhänger dieser Version versuchen, durch die Erklärungen, dass Japan von den Jaltaer Abkommen nichts gewusst hätte, die Sache so hinzustellen, als hätte die damalige japanische Regierung, die in die Kapitulation einwilligte, keine Ahnung von der Übereinkunft der Alliierten über die Übergabe der Kurilen an die Sowjetunion gehabt. Wie lässt sich aber die Tatsache erklären, dass die japanische Regierung in ihrem Bestreben, die Teilnahme der UdSSR an dem Krieg zu verhindern, bereit war, diese Russland in der Vergangenheit gehörenden Territorien "freiwillig" zurückzugeben? War diese Idee nicht gerade deshalb aufgekommen, weil Tokio wusste, was Stalin beabsichtigte? Praktisch waren zwischen der Erklärung über die Auflösung des Neutralitätsvertrages und dem Eintritt der UdSSR in den Krieg vier Monate vergangen. In diesem Zeitraum hätte die japanische Führung die unter den entstandenen Bedingungen einzig mögliche Entscheidung über die Kapitulation treffen und dadurch nicht nur den Eintritt der UdSSR in den Krieg, sondern auch die Atombombardements vermeiden können. Daran, dass die Sowjetunion gegen Japan angetreten war, waren in erster Linie die japanischen Militaristen schuld, die sich allen Ernstes anschickten, bis zum letzten Japaner zu kämpfen. Durch den Beschluss der sowjetischen Führung, in den Krieg einzutreten, wurde objektiv auch das Leben von Millionen Japanern gerettet. Und diese Tatsache sollte nicht der Vergessenheit preisgegeben werden. (RIA)
Sowjetische Agitproplakate zum 2. Weltkrieg
zum Vergrössern auf das Bild klicken





Sowjetische Flugblätter für deutsche Soldaten
zum Vergrössern auf das Bild klicken


Deutsche Agitproplakate zum 2. Weltkrieg
zum Vergrössern auf das Bild klicken