8./9. Mai - Ende des Großen Vaterländischen Krieges – Historische Hintergründe




22-06-2009 Kapitulation Historie
Das Jahr 1941 - die Stunde der Wahrheit


Heute jährt sich der Deutsche Überfall auf Russland. Dazu ein Beitrag des ehemaligen Botschafters der Sowjetunion in der Bundesrepublik Deutschland, Valentin Falin

[von Dr. hist. sc. Valentin Falin] Der 22. Juni 1941 - zweifellos der traurigste Tag in unserem nationalen Kalender der neuesten Geschichte. Tut man die abgedroschenen propagandistischen Paroli und sonstigen Quatsch weg, mit dem Verleumder aller Art Medien überschütten, und gräbt man etwas tiefer - so wird man zugeben müssen: Dies war ein Wendetag auch für die Weltgeschichte.

Deutschlands Invasion in die Sowjetunion ergänzte nicht bloß den Katalog der Kriege, mit denen die Menschheit seit eh und je gemartert wurde. Dies war kein Krieg im üblichen Sinne. Der Aggrassor legte im Voraus beliebige Formalitäten, Gepflogenheiten und internationale Konventionen ab. Hitler gab seinen Horden auf den Weg: Vergisst das Gewissen, bei der Reinigung des "Lebensraums" für die arische Rasse braucht ihr kein Erbarmen zu haben - weder zu Kindern noch zu Greisen. Diese nach Greueltaten süchtigen "Übermenschen" schienen sich auch wirklich das Ziel gesetzt zu haben, alle bisherigen auf dem Planeten Erde begangenen Verbrechen in den Schatten zu stellen - bei den Dimensionen, bei der Niederträchtigkeit der Motive, bei der Raffiniertheit der Planung und der Realisierung der Absicht, die slawischen Völker restlos zu vernichten.



Das Todesfließband hätte 100 Millionen Menschenleben verschlingen sollen. Es wäre auch für keine Minute stehen geblieben, hätten sich die sowjetischen Soldaten, die Werktätigen des Hinterlandes und unser im Kampf gegen die Feinde gehärteter Wille nicht diesen Bestien in den Weg gestellt. Verblüffend ist allerdings, wie selten die Nazi-Bonzen aller Ebenen - von Generalen und Offizieren, bis zu Soldaten, Polizisten und einfachen Deutschen - daran gedacht haben, was sie - Mörder, Gewalttäter und Marodeure - Deutschland antun würden, wenn dieser "Krieg ohne Regeln" und ohne moralische Schranken in ihr Haus eindringt. Denn das Schicksal ist eben launisch. Man kann den anderen nicht das Recht nehmen, das man sich selbst nicht nimmt. Der Rausch geht ja vorbei - was aber kommt danach?

Einen Krieg wie gegen die UdSSR hatte es nie gegeben, was die Mittel anbelangt, die mobilisiert wurden, um den Feind schon mit dem ersten massiven Schlag zu zerstören. Der Aggressor setzte mehr als fünf Millionen Soldaten und Offiziere ein, um genau zu sein. Deutschland überfiel unser Land nicht im Alleingang. Dahinter stand das Potential praktisch des gesamten besiegten West- und Mitteleuropas. Schulter an Schulter mit der Wehrmacht drangen Truppen aus Italien, Ungarn, Rumänien, Finnland, Spanien, der Slowakei und Kroatien bei uns ein. Wer aber hat uns im Sommer und Herbst 1941 - bis auf die jugoslawischen Partisanen und die Mongolei - bei der Verteidigung geholfen? Das sollte geklärt werden.

In den ersten Tagen, Wochen und Monaten des Großen Vaterländischen Krieges, als sich die Wolken der Katastrophe über uns zusammenzogen, stellten sich die Russen natürlich die Frage: Wie konnte es bloß dazu kommen, dass die Aggression uns - mental, organisatorisch und politisch so schlecht vorbereitet - mit einem solchen Schicksalsschlag erwischt hat? Was hatte Stalin dazu bewogen, unadäquat auf Berichte der Aufklärung zu reagieren, die die Landesführung absolut exakt sowohl über die Pläne des deutschen Überfalls als auch über die Entfaltung von Invasionsgruppierungen in den angrenzenden Regionen von der Barentssee bis zum Schwarzen Meer informierten? War das nur das niedrige Niveau der Einsatzbereitschaft der Roten Armee? Oder versuchte der Diktator, der über eine seltene Möglichkeit verfügte, hinter den Vorhang zu schauen, Schwächen des Gegners auszunutzen und das Schicksal ein weiteres Mal zu überlisten?

In seinem sechsbändigen Werk "Der Zweite Weltkrieg" widmete Churchill den Ereignissen, die mit dem Nazi-Marsch gen Osten verbunden waren, einen speziellen Teil unter dem Titel "Die Sowjets und die Nemesis". Mit anderen Worten: Die Sühne entsprach der Schuld. Bei seiner Schadenfreude erwähnte der Premier allerdings nicht die Erinnerungen daran, wie er in den Jahren 1918 bis 1922 bei seinen Bemühungen außer Rand und Band geraten war, Russland in "Aktionssphären" aufzuteilen. Nach dem Fiasko der imperialistischen Intervention forderte er, unser Land mit Staaten einzuzingeln, die "die Bolschewiken wild hassen". Im Endeffekt hat sich ein solcher "Wilder" gefunden, allerdings ging er trotz aller Bemühungen, ihm Honig ums Maul zu schmieren, vom Haken ab und fing an, nicht nur nach links, sondern auch nach rechts zu schlagen.

Die maßlosen Verluste und schweren Niederlagen im Sommer und Herbst 1941 werden mit vollem Grund auf die eindeutigen Fehlkalkulationen der politischen Führung und in erster Linie Stalins persönlich sowie auf die beschränkte Denkweise der Militärelite zurückgeführt, die die ausufernden Repressalien der Jahre 1937 bis 1940 überlebt haben. Das lässt sich nicht bestreiten, ohne das Andenken der Opfer der stalinschen Willkür zu verraten. Das ist auch eine Lehre für die Zukunft.

Ein Beweis dafür, wie verderblich es ist, die Volksmacht durch ein Regime der "Alleinherrschaft in Gottes Gnaden" bzw. durch den Willen der "regierenden Partei" beliebiger Art zu ersetzen, war neben dem beinahe verlorenen Krieg auch die Zerstörung der Sowjetunion und die vergeudeten Interessen der Nation wie auch die auseinandergerissenen Reichtümer des ganzen Volkes, die von der Arbeit mehrerer Generationen geschaffen wurden.

Beschränkt man sich aber nur auf das Opfern der Sündenböcke aus der eigenen Herde, gelangt man nicht zur Wahrheit. Mit solchen Scheuklappen werden wir gewollt oder ungewollt den Westlern in die Hand spielen, die nicht umsonst unsere Selbsterniedrigung bei der Auslegung von Ursachen und Folgen der Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts fördern. Ihnen passt es, wenn wir uns selbst anschwärzen, und somit diejenigen ganz in Weiß erscheinen lassen, die damals politische Partituren komponiert und deren Interpretation arrangiert haben.

Die Zeit hat aber über die Wahrheit keine Macht - mit gewissen Abstrichen kann man dem zustimmen. Eines Tages werden Forscher in die Tiefen der britischen und der amerikanischen Archive vordringen können, die sorgfältiger bewacht werden als die Goldreserven in Fort Nox. Stück für Stück lässt sich aber schon heute das Bild des 20. Jahrhunderts wiederherstellen, ohne dass man dabei befürchten müsste, dass Fakten zu einer Revision vieler gewohnter Vorstellungen zwingen sowie auffordern würden, die Idole von den Podesten zu stoßen, auf denen sie sich heute präsentieren.

Während Politiker und ihre Epigonen von der Wissenschaft die Geschichte in Kapitel aufgliedern und bequemlichkeitshalber die zeitlichen Zusammenhänge zerstören, tun sie so, als ob sie es nicht merken, dass ein jeder Anfang eine Fortsetzung bzw. eine Negierung von etwas Vergangenem ist, und verbieten auch anderen, das zu merken. Was war beispielsweise der Erste Weltkrieg für England? Das war eine Fortsetzung des Krim-Krieges gegen Russland. Das bezeugte Churchill in einem Gespräch mit Bismarcks Enkel. Was bewog die Vereinigten Staaten im Ersten Weltkrieg? Die Herstellung von Pax Americana.

Die Entwicklung folgte aber nicht der berechneten Bahn. Das bedeutete aber noch lange nicht, dass London, Washington, Tokio und andere Machtzentren ihre Doktrinen und die sich daraus ergebenden Pläne radikal umgestaltet haben. Was machte das Kernstück ihrer Politik aus, was brachte Regimes, die sich als demokratisch bezeichneten, und Regimes, die das demokratische Theater ohne mit der Wimper zu zucken ablehnten, unter einem Dach zusammen? Im Endeffekt waren sie nicht infolge ihrer ideologischen Merkmale, sondern infolge eines Zusammenstoßes der Interessen der jeweiligen Mächte zu entgegengesetzten Polen getrennt worden. Solange aber die Abgrenzung der Einflusssphären gewahrt wurde, fanden sie, ohne sich selbst jegliche Gewalt anzutun (was allerdings nicht bedeutet, dass auch anderen keine Gewalt angetan wurde), eine gemeinsame Sprache auf dem reichlich gedüngten Boden des Russenhasses. Niemanden sollte es stören, dass der Russenhass nach dem Oktober 1917 in Antisowjetismus umgetauft wurde.

Wäre die soziale Entwicklung Russlands mit der Februar-Revolution 1917 stehen geblieben, hätte uns dann der Westen etwa in die Arme geschlossen? Wahrscheinlich wäre der Kreis derjenigen, die sich gröblich in unsere inneren Angelegenheiten einmischen wollen, geringer geworden, hätten die Nachfolger des Zarenthrons weiterhin gewissenhaft Kanonenfutter geliefert. USA-Präsident Wilson erwog sogar die Idee, die Sowjetregierung anzuerkennen, wenn diese den Brester Frieden mit Deutschland abgelehnt hätte. Historiker wissen bis jetzt nicht genau, welches Motiv dabei stärker war - der Wunsch, Russland nicht als Partner zu verlieren, oder einen Konflikt zwischen den Bolschewiki und der Partei der Sozialrevolutionäre zu stiften.

Mit Tokio und London ist alles klarer. Der Untergang des Zarenregimes und die wirren Zeiten der provisorischen Regierung verstanden sie als eine Chance, Russland seine Größe zu nehmen. Es ist durchaus logisch, dass sie die Funktion der Tonangeber beim Provozieren des Bürgerkrieges und bei der Organisation der bewaffneten Interventionen übernahmen. Die Unterstützung der Weißen Armee war dabei keinesfalls ein Selbstzweck.

Es gelang nicht, Sowjetrussland auf Anhieb unterzukriegen. So kam man zu einer langfristigen Belagerung in der Überzeugung, dass das Land, das dazu verdammt wird, im eigenen Saft zu schmoren, die Zerrüttung nach dem Ersten Weltkrieg und den inneren Turbulenzen, nach dem Exodus von Hunderttausenden Bürgern im aktivsten Alter nicht überwinden könne. Es wird es nicht schaffen, so dachte man, wieder auf die Beine zu kommen und den Mut zu fassen, seine Ehre und Interessen zu verteidigen. Das Leben folgte jedoch nicht dem Szenario, das die Demokraten und Konsorten konzipiert hatten. Oder genauer: Es verlief mit wesentlichen Abweichungen von diesem.

1931 hat Japan China überfallen und die Mandschurei okkupiert. Steemson, Außenamtschef in der US-Regierung unter Präsident Hoover und Verteidigungsminister unter Roosevelt, hat gerade dieses Ereignis mit Grund als den Beginn des Zweiten Weltkriegs qualifiziert. Die Frage drängt sich auf: Warum haben die USA die Rolle eines Zaungastes vorgezogen, während England Sanktionen gegen den Aggressor verhindert hat, obgleich die Liga der Nationen Tokios Handeln als einen Akt der Aggression qualifiziert hatte? Was war die Ursache für die nachsichtige Behandlung des Aggressors? Vielleicht doch die Tatsache, dass ihnen das Geheimnis des "Tanaka-Plans" bekannt war? Diesem Plan zufolge waren die Besetzung der Mandschurei und Nordchinas eine Vorstufe für die Herstellung einer Kontrolle über den sowjetischen Fernen Osten und Sibirien. Dazu gibt es Fragen.

Eine Antwort darauf gibt unter anderem ein 1939 geschlossenes Abkommen. Die Engländer segneten damit quasi die japanische Expansion ab. Diese Abmachung kam zustande, als die Kämpfe an Halchin-Gol, in die Zehntausende von Soldaten und Offizieren der Roten Armee und der Quangtung-Armee verwickelt waren, ihren Höhepunkt erreichten. Das war der Zeitpunkt, als Tokio Berlin zu überreden versuchte, eine Formel anzunehmen, die Deutschland im Falle eines sowjetisch-japanischen Konflikts automatisch in einen Krieg gegen die UdSSR auf der japanischen Seite einbeziehen würde. Die Deutschen bereiteten sich indessen auf einen "kleinen" Drang nach Osten - den Schlag gegen Polen - vor, worüber London ebenfalls informiert war. Dieser Stoff gibt genügend Denkanstöße. Diese lassen sich sogar vermehren, wenn wir nach Europa zurückkehren.

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Ich rufe nicht dazu auf, herauszufinden, wer und wie Hitler im Januar 1933 an die Macht gebracht hat. Mit der Anwendung des inhaltsreichen Begriffs "Reaktionäre Kräfte" werden wir den Nagel auf den Kopf treffen. Anderthalb Monate später boten die Engländer unter Vermittlung Mussolinis dem Nazi-Anführer ein Geschenk an - den Entwurf eines "Viererpakts". Worum ging es? England, Frankreich, Deutschland und Italien sollten ein Quartett bilden, das in Europa nach eigenem Gutdünken schalten und walten könnte, ohne die Interessen anderer Länder - und am wenigsten die Interessen der Sowjetunion - zu berücksichtigen. Das Projekt scheiterte am Widerstand der Französischen Nationalversammlung. Im Großen und Ganzen wirkte sich das aber nicht allzu stark auf den weiteren Verlauf der Ereignisse aus.

Das Versaille-System wurde Stück für Stück zerstört. Deutschland hat alle militärischen Einschränkungen wie Schuppen vom Kragen abgeschüttet. Die Versaille-Garanten hinderten es nicht daran, im Gegenteil, sie belohnten es - mit der Abschlachtung der Republik in Spanien, dem Anschluss Österreichs und der Teilung der Tschechoslowakei. Woher kommen diese Toleranz und diese für Demokratien nicht gerade übliche Großzügigkeit? Bei einem Treffen mit Hitler hat der britische Außenminister Halifax klar und deutlich gesagt: Den Westmächten gefällt es, wie die Nazis in ihrem Reich mit den Kommunisten fertig geworden sind, Hitler kann mit einem noch größeren Verständnis und Wohlwollen rechnen, wenn er die Ketzer - insbesondere in Osteuropa - unterpflügen würde.

Heute kann man mit Sicherheit behaupten, dass die sowjetischen Initiativen zur Bildung eines kollektiven Sicherheitssystems und zur Organisation eines gemeinsamen Widerstands gegen die Nazi-Ausfälle im damaligen Europa keine Chance hatten. Die Demokraten waren mit einem völlig anderen Vorhaben beschäftigt: Wie kann man die Energie des von Hitler und seiner Clique aufgeputschten Deutschlands in einem bewaffneten Kampf gegen die UdSSR entladen? Polen spielte dabei die Rolle eines Stolpersteins. London und Paris haben Deutschland einen Krieg erklärt, der sogar in der Geschichte als "merkwürdig" bezeichnet wurde.

Die Demokratien taten so, als würden sie kämpfen, in Wirklichkeit aber warteten sie ab. Worauf? Zu was wollte die USA-Führung die Deutschen überreden, und wozu wollte Washington die Engländer und Franzosen im Februar und März 1940 bewegen? Tut man den verbalen Schaum weg, wird es klar: Die Amerikaner trichterten den begriffsstutzigen Europäern ein: Hört auf mit den inneren Fehden, macht euch an eine richtige Sache heran - Russland muss in die Knie gezwungen werden.

Man würde mir entgegnen: Im Frühling 1941 haben doch London und Washington Moskau vor einem deutschen Überfall auf die Sowjetunion gewarnt. Ja, das stimmt. Unser Diktator wusste aber sicher Bescheid, warum die Engländer, die bis zur 1. Juni-Dekade nicht sicher waren, dass es wirklich zu einem Krieg Deutschlands gegen die UdSSR kommen wird, beharrlich darauf drängten, nicht einen Überfall der Nazi-Herden abzuwarten, sondern die Wehrmacht-Positionen präventiv anzugreifen - wenn es sein muss, unter dem Vorwand einer Hilfe für Jugoslawien, über das bereits deutsche Panzer rollten. Noch mehr aber war sich Stalin dessen bewusst, warum eine solche Aktion im Frühling 1941 einer Selbstverstümmelung gleichgekommen wäre. Für Moskau, hätte es als Erster geschossen, wäre es umso komplizierter gewesen, ein Zusammenwirken mit den Vereinigten Staaten herzustellen.

Laut einigen Angaben schlossen die Deutschen nicht aus, dass der sowjetischen Führung die Nerven platzen und dass sie Berlin mit einem Argument versorgen würden: Die "Operation Barbarossa" hätte dann einen defensiven Charakter gehabt und einer Abwehr der Aggression aus dem Osten gedient. Es wäre interessant zu erfahren, welche Signale damals aus Washington nach Berlin gesendet wurden.

Ich habe nicht die Absicht, die USA und England anzuschwärzen. Mehr noch: Washington und London mussten eventuelle Entwicklungsvarianten abwiegen, weil dabei auch ihr Schicksal entschieden wurde. Eine Analyse von Fakten und Dokumenten britischer und amerikanischer Herkunft lässt aber eine widerspruchslose Hinnahme jener westlichen Auslegung der neuesten Geschichte einfach nicht zu, die die Teilnehmer der damaligen Ereignisse ohne weiteres in die Reinen (all diejenigen, die als Demokraten bezeichnet werden) und die Unreinen (alle Restlichen) teilt. Ihr Wunsch besteht darin, die Reinen als einfache Chronisten der Ereignisse auszugeben, die sich dem Zusammenstoß zwischen den von ihnen unbeherrschbaren Elementen fügen mussten. Diese Bescheidenheit ist nun wirklich fehl am Platze. Im Kontext des Dramas vom 22. Juni lässt sie die Demokraten nicht wirklich schön auftreten.

Über der Sowjetunion und über unserem gesamten Volk schwebte ein Damoklesschwert. General Marshall, der Chefmilitärberater Roosevelts, schrieb im Dezember 1945: "Damals standen Deutschland und Japan so nah an der Eroberung einer Weltherrschaft, dass wir uns bis jetzt nicht wirklich dessen bewusst geworden sind, an welch einem dünnen Faden das Schicksal der Völkergemeinschaft hing. Gerechtigkeitshalber muss man einräumen, dass unsere Rolle bei der Verhinderung der Katastrophe uns keine Ehre macht." Der General meinte die Jahre 1941 und 1942. Eine harte Feststellung, die zu einem Zeitpunkt getroffen wurde, als es noch nicht Mode war, alles auf den Kopf zu stellen.

Beinahe niemand in Washington und London zweifelte daran, dass Sowjetrussland dem Untergang geweiht war. Der USA-Botschafter in Moskau, Steinhard, nahm an, die Agonie der Russen würde eine Woche dauern. Der Militärminister berichtete dem Präsidenten, die Nazis würden mit der UdSSR innerhalb von höchstens drei Monaten fertig werden. Ähnliche Prognosen gaben auch britische "Hellseher".

Ihre nächste These lautete: Die auf die Unterstützung Englands gerichtete Politik Roosevelts hat sich bewährt, die Nazis sind "nach links" gegangen. Die dritte These der westlichen Politiker: "Je tiefer die Deutschen im ,russischen Sumpf' versinken (die amerikanische Variante) bzw. je tiefer sie in Russland eindringen (die englische Version), desto besser."

Das Fazit: Deutschlands Überfall auf die Sowjetunion ist ein "Geschenk Gottes". Das muss nun voll genutzt werden, um die Verteidigung der Westlichen Halbkugel zu festigen.

Die Engländer überlegten nun, wie sie ihre Grenzen im Nahen und im Mittleren Osten am besten einrichten sollen, während die Nazis die UdSSR abfertigen. Eine reale Hilfe für unser Land kam nicht in Frage. London sprach von einer "Ermunterung Russlands" zum Widerstand mit Demonstrationen des politischen und des psychologischen "Händedruck"-Effekts. Das Weiße Haus zögerte und ließ die Seiten der Zukunft über lange Zeit unbeschrieben.

Unsere Rettung bestand in der Torpedierung der Blitzkrieg-Pläne Hitlers. Die USA und England beschäftigte es nicht sonderlich, ob Russland von der politischen Karte verschwindet oder nicht. In den amerikanischen Dokumenten galt die Aufrechterhaltung des Britischen Imperiums als vorrangig. In Bezug auf uns war bestenfalls von der Notwendigkeit einer "Aufrechterhaltung der Front" die Rede.

Ein moderner Leser, der sich für die Geschichte interessiert, wird stutzig: Wieso steht in der von Roosevelt und Churchill am 12. August 1941 unterzeichneten Atlantik-Charta, in der, wie sich der britische Premier ausdrückte, "einige allgemeine Prinzipien" verankert wurden, "auf denen diese Länder ihre Hoffnungen auf eine bessere Zukunft für die Welt basierten", kein Wort über die Aggression Deutschlands gegen die Sowjetunion und die Aggression Japans gegen China? Wieso wird - zumindest indirekt - keine Solidarität mit dem Kampf der Völker der Sowjetunion und Chinas gegen die Eroberer bekundet? So musste Moskau rätseln, wer die Demokraten waren - Partner (als Alliiertenbeziehungen war das eindeutig nicht zu bezeichnen) oder Testamentsvollstrecker?

Eine Antwort lässt sich in den Worten von Roosevelts engstem Berater Hopkins bei einem Treffen mit Stalin am 31. Juli 1941 finden: Weder die amerikanische noch die britische Regierung haben vor, Russland schwere Waffen - Panzer, Flugzeuge oder Fla-Kanonen - zur Verfügung zu stellen, solange zwischen unseren Ländern kein tiefes und allseitiges Bündnis geschlossen ist und solange die Ziele des Krieges und die Welteinrichtung nach dem Krieg nicht abgestimmt sind. In seinem Bericht an Roosevelt fügte er hinzu, dass eine Beratung über die Abstimmung einer Strategie im Krieg gegen Deutschland nicht vor dem 15. Oktober 1941 abgehalten werden sollte: Bis dahin wäre zu klären, wo die Ostfront verlaufen wird und ob es diese dann überhaupt geben wird.

Dieses Dokument zeugt davon, dass die UdSSR im entscheidenden Moment des Großen Vaterländischen Krieges allein gekämpft hat. Die Rolle der USA und Großbritanniens an der Verhinderung der Katastrophe, von der General Marshall schrieb, war eher symbolisch als real und produktiv.

Wer dann aber hat diese Katastrophe für die Menschheit abgewehrt? Lassen wir USA-Außenamtschef Cordell Hull sich dazu äußern. Er war zwar kein Verehrer des Sowjetlandes, in seinem Fazit des Zweiten Weltkrieges stellte er dennoch fest: Mit seinem heldenhaften Kampf hat das Sowjetvolk einen schändlichen separaten Frieden der USA und Großbritanniens mit Deutschland verhindert, der den Beginn eines neuen Dreißigjährigen Krieges nach sich gezogen hätte.

Im Jahre 1941 hat die UdSSR ihren ersten Sieg in der großen Schlacht gegen die obskuren Kräfte errungen. Die Blitzkrieg-Doktrin, mit der Deutschland seine Weltherrschaft erreichen wollte, erlitt ein Fiasko. Die Nazis hatten keine Reservevariante einer Kriegsführung. Für einen längeren Positionskrieg hatte Deutschland weder menschliche, noch materielle, noch geistige Ressourcen.

Und noch etwas: Hätten die USA und Großbritannien ihre Alliiertenpflicht erfüllt, wäre der Krieg in Europa und der Weltkrieg 1942, spätestens 1943 zu Ende gegangen. Daran, dass es nicht geschehen ist, ist die Politik der Westmächte schuld. Nach der Schlacht bei Moskau bemühten sich die Engländer, dem Krieg in erster Linie einen politischen Charakter zu verleihen. Und die USA hatten gegen eine solche Strategie nichts einzuwenden.
Sowjetische Agitproplakate zum 2. Weltkrieg
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Deutsche Agitproplakate zum 2. Weltkrieg
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