8./9. Mai - Ende des Großen Vaterländischen Krieges – Historische Hintergründe




04-12-2006 Kapitulation Historie
Die Schlacht bei Moskau - ein Wendepunkt im Krieg
Valentin Falin über geheime Triebfedern des Zweiten Weltkrieges

Vor 65 Jahren, am 5. Dezember 1941, begann eine Angriffsoperation der sowjetischen Truppen bei Moskau. Sie warf die Faschisten von den Mauern der Hauptstadt um 100 bis 250 Kilometer weit zurück.


Im Verlaufe der Moskauer Schlacht erlitt Deutschland seine erste schwere Niederlage im Zweiten Weltkrieg. Hier wurden 38 feindliche Divisionen, darunter 15 Panzer- und motorisierte Divisionen, zerschlagen. Der Gegner verlor über 500 000 Mann, 1 300 Panzer, 2 500 Geschütze, über 15 000 Kraftwagen und viel andere Technik. Hitler setzte 35 der höchsten Militärs der Wehrmacht ab, darunter die Generalfeldmarschälle Brauchitsch und Bock sowie die Generale Guderian und Strauß.

Wie gestaltete sich die Situation kurz vor der Schlacht bei Moskau? Was charakterisierte die Position der größten Weltmächte in der Anfangsetappe des deutsch-sowjetischen Krieges?

Über die geheimen Triebfedern des Zweiten Weltkrieges spricht Viktor LITOWKIN, militärischer Kommentator der RIA Novosti, mit dem Doktor der historischen Wissenschaften Valentin FALIN.

Frage: Die Militärhistoriker bezeichnen den Dezember 1941 und Anfang 1942, die Schlacht bei Moskau, als Wendepunkt. Aber ebenso bezeichnen sie zum Beispiel auch die Schlacht von Stalingrad und die Kämpfe am Kursker Bogen. Was zeichnete die Angriffsoperation der sowjetischen Truppen vor den Mauern der Hauptstadt besonders aus? In was für einer Beziehung steht sie zu den anderen größten Operationen des Zweiten Weltkriegs?

Antwort: Nicht wenige Militärhistoriker denken tatsächlich, dass es dem Jahr 1941 beschieden war, ein Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg und wohl auch in der Geschichte der Zivilisation zu werden. Der Sieg bei Moskau kostete unsere Armee und unser Volk gewaltige Opfer. Unser Los war es damals, allein gegen einen grausamen und hinterhältigen Feind zu kämpfen, der auf den "Ostfeldzug" das Potential des ganzen Kontinentaleuropa konzentriert hatte. Für unser Volk ging es darum, ob es über den außer Rand und Band geratenen Aggressor die Oberhand gewinnt oder ins Nichtsein gestoßen wird. Ein Drittes war nicht gegeben.

Zugleich damit war die Situation jener Tage sehr kompliziert, ja ich würde sie sogar kontrastreich nennen. Urteilen Sie doch selbst. Nazideutschland erleidet eine schwere Niederlage in der Moskauer Schlacht, die Hitler als die letzte große Entscheidungsschlacht des Krieges bezeichnete. Und zugleich erklärte er, entgegen jeder normalen Logik, den Vereinigten Staaten den Krieg. Zur gleichen Zeit unternimmt Japan seinen Schlag gegen Pearl Harbor und die britischen Positionen in Südostasien. Dabei hätte Japan, nach Ansicht von Washingtoner und Londoner Hellsehern, nichts Eiligeres zu tun gehabt, als den Deutschen zu Hilfe zu eilen, die jeden Augenblick Russland die Luft hätten abdrücken können. Folglich war es sehr wichtig, uns zumindest in allgemeinen Zügen darüber klar zu werden, wer damals was war und welche Prioritäten er hatte.

Frage: Sprechen Sie von der sowjetischen Führung oder von den Ländern, die später zusammen mit uns die Antihitler-Koalition bildeten?

Antwort: Sowohl als auch. Wie erinnerlich, schwebte am 22. Juni über dem Sowjetland das Damoklesschwert. Wegen Stalins unzulässiger Fehlkalküle und zum Teil wegen des veralteten Denkens der Militärs waren wir, wie es sich erwies, auf die niederschmetternde Stärke des Überfalls des faschistischen Deutschlands nicht vorbereitet. Moskau, das unter dem Andrang des Aggressors beinahe an den Rand des Abgrunds zurückgedrängt worden war, schob die üblichen Dogmen bis auf bessere Zeiten auf, war für jedes Zeichen der Solidarität, jede Teilnahme und Hilfe, woher sie auch kommen mochten, dankbar und griff nach jedem beliebigen Rettungsring. Es ging um die Erhaltung der Nation, die von den nazistischen "Übermenschen" zur Ausrottung verurteilt wurde.

Was taten Washington und London inzwischen? Lassen wir die Amerikaner und Briten selbst sprechen. Ein Biograph von General G. Marshall, dem Hauptmilitärberater der Administration von Roosevelt, charakterisierte die Position der USA von 1941 als "trüb". Übrigens wurde sie auch 1942 - 1943 nicht viel durchsichtiger. General Marshall selbst schrieb: "Gerechtigkeitshalber sei festgestellt, dass uns unsere" (amerikanische) "Rolle bei der Vorbeugung der Katastrophe in jenen Tagen keine Ehre macht." Diese Einschätzung wurde von den US-Außenministern Hull und Stettinius bestätigt und präzisiert: "Wir müssen uns stets dessen eingedenk sein", gab Hull zu, "dass die Russen durch ihren heldenhaften Kampf gegen Deutschland die Alliierten offensichtlich vor einem Separatfrieden gerettet hatten."

Was bewog denn Präsident Roosevelt zu seinem "Festina lente", wie sich seine Mitarbeiter ausdrückten, beziehungsweise, einfacher ausgedrückt, dazu, sich von den Ereignissen treiben zu lassen? Denn ab 10. Januar 1941 verfügte der Präsident über den vollen Text des Unternehmens "Barbarossa", des hitlerschen Plans für die Eroberung der "Kontinentalherrschaft" und den Übergang zu den Weiten der ganzen Welt. Wenn die Amerikaner den Forschern Zutritt zu den Dossiers aus Hitlers persönlicher Kanzlei gewähren würden, die in den USA aufbewahrt und vor unbefugtem Auge strengstens geheim gehalten werden, dann gelänge es vielleicht, eine genauere Diagnose der Gründe zu stellen, welche Washington von den Imperativen jener Zeit abseits stehen ließen. Vorläufig aber wollen wir unsere Aufmerksamkeit auf Angaben aus anderen Quellen konzentrieren.

Vom Standpunkt der Politiker in Übersee hat der 22. Juni 1941, der Tag des Überfalls Nazideutschlands auf die UdSSR, dem Zweiten Weltkrieg nur andere Dimensionen verliehen, einen (für die USA) "günstigeren Verlauf" genommen. Welche eigenen Vorteile sah die Washingtoner Administration in der Tragödie, die Russland traf, in dem "Geschenk der Vorsehung", als welches Kriegsminister Stimson den neuen Aggressionsakt Deutschlands betrachtete? Sie meinten, Deutschland werde eine gewisse Zeit damit beschäftigt sein, die Rote Armee aufs Haupt zu schlagen. Und "bis Deutschland die Beine aus dem russischen Sumpf herauszieht", würden sich die Amerikaner und die Briten besser auf mögliche Herausforderungen seitens der Nazis vorbereiten können. Aus optimaler Sicht könne den Vereinigten Staaten sogar etwas vom umfangreichen russischen Erbe abfallen. Deutschland werde es nicht schaffen, dieses Erbe allein zu verdauen. Alles in allem bereitete dem offiziellen Washington der, wie sich die Machthaber in den USA einredeten, wahrscheinliche Abgang Russlands (nicht des Sowjetstaates!) von der Weltbühne keine besonderen Kopfschmerzen.

Die äußersten Rechten - die Republikaner, Klerikalen, Industriemagnaten - verlangten von Roosevelt, nicht auf Fortunas Gnade zu warten und sich wie auch immer in den Feldzug gegen die UdSSR einzuschalten. In ihren Vorstellungen war der Nazismus ein zwar sich unterscheidendes, aber den Yankees nicht fremdes System. Folglich musste auf der Grundlage der Abgrenzung der jeweiligen Interessen nach einem Modus vivendi mit Berlin gesucht werden. Für ein solches Herangehen waren auch die Russophoben, die sich im Außen- sowie im Kriegsministerium und in den Geheimdiensten eingenistet hatten.

Der ständige Druck von rechts festigte den US-Präsidenten in der ihm eigenen Unbestimmtheit der politischen Gesinnung. Im gleichen Schlüssel beeinflussten ihn auch seine engsten Berater, auf die Roosevelt hörte, wenn er ihnen auch nicht hundertprozentig vertraute. Diese Berater hatten die UdSSR im Grunde genommen schon abgeschrieben, noch bevor die ersten deutschen Geschosse und Bomben auf unsere Städte und Dörfer niedergingen. Die militärische Führung der USA ging davon aus, das die Nazis mindestens einen, höchsten aber drei Monate brauchten, um mit der Sowjetunion fertig zu werden.

In den Vorschlägen, die dem Chef der US-Administration im Verlaufe des deutsch-sowjetischen Krieges vorgelegt wurden, kam in jener Zeit kein einziges Mal der Gedanke vor, den russischen Staat zu retten und ihm zu diesem Zweck die notwendige Hilfe zu erweisen. "Aufrechterhaltung der bestehenden russischen Front": Dieser utilitäre Standpunkt wurde in den staatlichen Dokumenten der USA ab und zu erwähnt. Aber nicht im Juni - August 1941. Vor dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Krieg beschäftigte die Administration in Washington eher der Gedanke daran, wie die postsowjetische Welt aussehen werde, mit wem man in Berlin früher oder später Vereinbarungen werde treffen müssen und worüber. Wir sollten in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass die USA und Deutschland bis zur zweiten Dezemberdekade 1941 diplomatische Beziehungen zueinander unterhielten und dass der Militärattaché der amerikanischen Botschaft in Berlin, ein gewisser Smith, seit 1922 - 1923 mit dem "Führer" bekannt war.

Frage: Wie sind aber in diesem Licht die Unterstützungstelegramme einzuschätzen, die nach dem Überfall Deutschlands auf die UdSSR aus Washington kamen?

Antwort: Ja, pro forma wurden wir "zum Widerstand gegen den Aggressor ermutigt" - bis zur gegenseitigen Erschöpfung von Deutschland und der UdSSR. Wohlgemerkt: zum Widerstand aus eigenen Kräften und Ressourcen. Selbst Hopkins, den Hull ironisch den "Linksaußen" von Roosevelts Team nannte, fand es "überaus unvernünftig", an die sowjetisch-deutsche Front schwere Waffen zu liefern und selbst beliebige gegenständliche Verhandlungen darüber zu führen, bis feststand, "ob eine Front existieren und wo ungefähr die Frontlinie in den bevorstehenden Wintermonaten verlaufen wird".

Zudem wurden an die Möglichkeit der Hilfe politische Bedingungen geknüpft: "erschöpfende gemeinsame Studien der relativen strategischen Interessen jeder Front sowie der Interessen jedes unserer Länder". Wann, wo und wie ein solches Studium geschehen sollte, wurde nicht offenbart.

In Erklärungen, die für vertrauensselige Hörer bestimmt waren, demonstrierte London eine große Neigung, die damals äußerst schwere Lage der Sowjetunion zu berücksichtigen. Die Briten gingen sogar so weit, am 12. Juli 1941 mit uns ein "Abkommen über gemeinsame Handlungen im Krieg gegen Deutschland" zu unterzeichnen. Auf der Kola-Halbinsel landete eine Staffel von britischen Jagdflugzeugen, womit nach den Vorstellungen der Briten der Effekt eines "Händedrucks von Kampfgenossen" erzielt wurde. Doch damit war die Entschlossenheit, "gemeinsam zu kämpfen, solange unsere Kräfte und unser Leben reichen", die Premier Churchill am 22. Juni so schwülstig verkündet hatte, auch erschöpft.

Bald nach Unterzeichnung des Abkommens über das Zusammenwirken im Krieg gegen Deutschland flog eine sowjetische Delegation unter General Golikow nach London. Welche Empfehlungen hatten die britischen Stabschefs, die die sowjetischen Militärs in Empfang nahmen, bekommen? Sie sollten eine "äußerlich herzliche Behandlung der Russen" zeigen und "zwecks Schaffung einer Atmosphäre der Freundschaft die Missionsmitglieder unterhalten, ohne sich zu schonen", einer Erörterung der Probleme eines "Zusammenwirkens im Wesentlichen" dagegen ausweichen.

Der britische Botschafter in Moskau, Cripps, hatte allen Grund festzustellen: "Sie" (Churchills Kabinettsmitglieder) "wollen aus der Zusammenarbeit" (mit der UdSSR) "nur Nutzen ziehen, ohne etwas als Gegenleistung zu geben". Lord Beaverbrook, Mitglied der britischen Regierung, warf dem Premier eine "absolute Blindheit für die Forderungen und Möglichkeiten des Augenblicks" vor, die durch den "russischen Widerstand" geschaffen worden waren. Es sieht so aus, als hätten ihn die Londoner Strategen in ihre geheimen Pläne, die nach anderthalb Jahrzehnten offenbart werden sollten, nicht eingeweiht.

Im Internet
Schwerpunkt - 8./9. Mai - 1945 Ende des Großen Vaterländischen Krieges - Nachrichten, Hintergründe, Analysen und vieles mehr


"Falls Deutschland tief in Russland stecken bleibt", lesen wir in einem Dokument des britischen Generalstabs, das zu einer britisch-amerikanischen Beratung an der Küste von Neufundland (August 1941) vorbereitet war, "so bieten sich günstige Chancen, die (britischen) Positionen im Mittleren Osten zu erhalten." Wie tiefsinnig! Es hätte das steife London nicht traurig gemacht, wenn die nazistischen Heerscharen bis zur Linie Archangelsk - Wolga - Kaukasus vorgerückt wären.

Liegt nicht unter anderem hierin die Ursache für die beharrliche Weigerung der Briten, von den Flughäfen auf der Krim aus, wie Stalin vorschlug, die Erdölfelder im Raum des rumänischen Ploeºti zu bombardieren, von denen die Deutschen drei Viertel der erforderlichen Kraftstoffe erhielten? Schließlich mussten die Hitlerleute Transportmittel haben, um die Wolga und den Kaukasus zu erreichen. Dafür rüsteten die britischen Verbündeten 1941/42 eifrig dazu, die sowjetischen Ölförderzentren "in Brand zu stecken", damit diese, Gott bewahre, nicht in die Hände des "gemeinsamen Feindes" gerieten.

Frage: Es war aber doch offensichtlich, dass Deutschland bei der Sowjetunion nicht Halt gemacht hätte. Dass im Kampf um die Weltherrschaft sowohl Großbritannien als auch die USA seine Opfer hätten werden können, trotz all ihrer Abneigung gegen das Sowjetland. Warum also traten sie nicht gleich auf Seiten unseres Staates auf? Es wäre ja viel einfacher gewesen, den Aggressor gemeinsam als jeder für sich zu schlagen.

Antwort: Viele Menschen stellten sich damals diese Frage. Die Beratung von Roosevelt und Churchill bei Neufundland schloss mit der am 14. August 1941 erfolgten Publikation der "Atlantischen Charta". Beim Lesen ihres Textes waren damals viele nüchterne Politiker und einfache Bürger befremdet: Wie, die nazistische Horde zerfleischt Russland, die japanischen Interventen ersticken China in Blut, die "Demokraten" aber haben für die Opfer der Aggression kein einziges Wort der Solidarität gefunden! Nur ein paar auf Effekt angelegte Phrasen, die die "Nazi-Tyrannei" verurteilten, und das Versprechen, die Letztere zu bestrafen. Tokio traf überhaupt kein einziger Vorwurf. Großbritannien schlug vor, an die Japaner eine Aufforderung für sich zu richten: eine Warnung in dem Sinne, dass sie sich lieber einer "weiteren Expansion der Stärke" enthalten sollten.

Wie Churchill bezeugte, bestand der Hauptsinn der Charta in der Formulierung "gewisser allgemeiner Prinzipien der nationalen Politik", denen zufolge beide Großmächte, Großbritannien und die USA, damit rechneten, nach Kriegsbeendigung "die Welt bis zur Herstellung einer besseren Ordnung zu regieren". Selbstverständlich wurde der Wortlaut der Charta nicht mit Moskau besprochen, als hätte das britisch-sowjetische Abkommen vom 12. Juli nicht existiert und als wäre an der sowjetisch-deutschen Front keine Geschichte gemacht worden.

Sie haben Recht, das inadäquate Verhalten der USA und Großbritanniens im Sommer und Herbst 1941 ist vom Standpunkt des gesunden Menschenverstandes und der staatspolitischen Gründe nicht zu erklären. Die Russophobie und der ideologische Dogmatismus unterminierten bei den Politikern dieser Länder selbst den Selbsterhaltungstrieb. Washington wusste ja, dass das von den anfänglichen Erfolgen im russischen Feldzug verblendete Berlin im Juli Modelle für die Umorientierung der Produktionsprogramme auf die Erfordernisse des nächsten Krieges durcharbeitete: eines Krieges gegen die USA (Akzent auf den Schiffbau, die Entwicklung der Fernfliegerkräfte und Sonstiges). Zugleich damit hätten im August 1941 die Administration von Roosevelt Angaben erreichen sollen, die der Generalstabschef des Heeres des Reichs Halder in seinem Kriegstagebuch wie folgt widerspiegelte: Was wir jetzt unternehmen, ist der letzte und zugleich zweifelhafte Versuch, dem Übergang zum Stellungskrieg vorzubeugen. Der Koloss Russland ist von uns unterschätzt worden. (Rückübers. aus dem Russ.)

Wie dem auch sei, die Falle, in die Hitler geraten war, entging den weitsichtigen amerikanischen Feldherren nicht. Sie schlugen vor, Deutschland sofort einen Zweifrontenkrieg aufzuzwingen und das nazistische Kapitel spätestens 1942 zu schließen. Doch Washington wollte nicht auf die Militärs hören. Es ging Clausewitzs Formel in Erfüllung: Der Krieg wird um so kriegerischer, je mehr er politisiert wird.

Man kann nach Herzenslust Spekulationen über die tieferen Gründe von Pearl Harbor anstellen, so plötzlich und unerwartet kam der Schlag für die Vereinigten Staaten. Eines jedoch unterliegt keinem Zweifel: Hätten Washington und London 1941 nicht diesen Groll gegen die Russen gehegt und sich auf die Lösung des deutschen Problems konzentriert, so hätte man gemeinsam mit der UdSSR den Zusammenbruch der Blitzkriegsdoktrin in eine blitzartige Niederlage Hitlers umwandeln können. Dann hätte das Schwert der Samurai, das die "Demokraten" gern am russischen Hals hätten abstumpfen sehen wollen, nicht über ihren eigenen Köpfen geblitzt. Wahrlich: Wer andern eine Grube gräbt...

Frage: Wollen Sie sagen, dass es weder Pearl Harbor noch die Schläge gegen die britischen Kolonien in Südostasien gegeben hätte, wenn die USA und Großbritannien gleich seit den ersten Tagen der faschistischen Aggression Russland im Krieg gegen Deutschland nicht in Worten, sondern mit Taten geholfen hätten?

Antwort: Die Geschichte kennt kein Wenn. Denken wir aber an die Arita-Craigie-Abmachung (Juli 1939) zurück, die Tokio zu weiteren "Großtaten" in China und zu einem Marsch "nördlich von China" absegnete. Denken wir daran, dass die sowjetischen Truppen und mongolischen Einheiten zu jener Zeit am Chalchin-Gol gegen die Kwantungarmee kämpften und die Nazis auf dem Sprung waren, Polen zu überfallen. Die britischen politischen Alchemisten zerbrachen sich den Kopf darüber, wie man Moskau geschickter von Ost und West aus in die Zange nehmen könne, wobei sie unter anderem die deutsch-japanischen Bündnisvereinbarungen über gegenseitige Hilfe ausspielten. All das scheiterte, aber das Konzept war, wenn wir hinter die Kulissen von Neufundland sehen, nicht der Vergessenheit anheim gefallen.

Laut glaubwürdigen Angaben arbeiteten die Briten eifrig daran, dass sich Tokios aggressive Energie über Sibirien hätte entladen sollen. Im Oktober 1941, als die Sowjetunion, glaubt man der Diagnose von westlichen Experten, so gut wie im Koma lag, fand das Argument "Die Beute fällt dir ja von selbst in die Hand" im herrschenden Clan Japans Verständnis; ein Teil der einflussreichen Politiker und Militärs neigte allmählich zu der Idee, Russland den Krieg zu erklären, sobald Moskau gefallen sein werde. Übrigens plante auch die Türkei damals, auf Seiten Deutschlands zu handeln.

Hätte Roosevelt gewusst, woher der Wind wehte, so hätte er sich vielleicht vorsichtiger verhalten und nicht am 15. Oktober an Churchill telegrafiert: "Ich denke, dass sie"(die Japaner) "sich nordwärts begeben, so dass Ihnen und mir eine zweimonatige Atempause im Fernen Osten gegönnt ist." Am 16. Oktober erhielt der Chef der Pazifikflotte Admiral Kimmel die orientierende Weisung, davon auszugehen, dass "ein Krieg zwischen Japan und Russland am wahrscheinlichsten ist". Bis zur Katastrophe von Pearl Harbor blieben etwas mehr als sieben Wochen. Unternahm Washington irgendwelche Schritte, um von Russland das neue Unglück, das ihm drohte, abzuwenden? Wenn etwas in dieser Hinsicht geschehen wäre, dann könnten die Amerikaner, zumindest post factum, die Situation klären. Doch sie schweigen. Wohl nicht aus falsch verstandener Bescheidenheit.

Kehren wir nach London zurück. Bereits im September 1941 erklärte Churchill in einer Sitzung des Kriegskabinetts: "Die Möglichkeit eines Separatfriedens" (mit Deutschland) "kann nicht völlig ausgeschlossen werden." Ein paar Monate später sollte er seine These erläutern: "Wir haben eine öffentliche Erklärung abgegeben" (gemeint war Art. 2 des sowjetisch-britischen "Abkommens über gemeinsame Handlungen im Krieg gegen Deutschland"), "dass wir nicht mit Hitler oder dem Nazi-Regime verhandeln, aber ... mit einer Erklärung, wir würden nicht mit Deutschland verhandeln, das unter die Kontrolle seiner Armee genommen wird, gingen wir zu weit. Es ist unmöglich vorherzusagen, was für eine Form die Regierung in Deutschland haben wird, sobald der Widerstand des Landes geschwächt und es Verhandlungen führen wollen wird."

Ohne auf Einzelheiten einzugehen, wollen wir nur betonen, vor was für einem Hintergrund die hitlersche Kriegsmaschinerie eine Störung erfuhr: Die Operation "Taifun" (Einnahme von Moskau) geriet in eine Sackgasse. Am 29. November 1941 meldete Rüstungsminister Todt dem Führer, ein Ausgang des Krieges zugunsten von Deutschland sei nur auf politischem Wege zu erreichen.

Von welchen politischen Wegen war hier die Rede?

Schon im Frühjahr 1941 nahm Himmler Verbindung mit den Briten auf. Dann beehrte Hess persönlich das Albion mit einem Besuch. Ribbentrops Amt ließ nicht ohne Hitlers Genehmigung Versuchsballons in Richtung Westen aufsteigen. Der britische Intelligence Service seinerseits bahnte Kontakte mit dem militärischen Aufklärungsdienst des "Reiches" an. Parallel rüsteten sich die Amerikaner mit dem Projekt "Georg" aus. Es wurde vom US-Präsidenten am 14. August 1941 (übrigens am Tag der Veröffentlichung der "Atlantischen Charta") bestätigt und zielte darauf ab, den Boden für einen Umsturz gegen Hitler vorzubereiten. Drei Jahre später ging aus "Georg" das Attentat auf den Führer hervor.

Kurzum, die sowjetische Führung, die über bestimmte Informationen verfügte, hatte wirklich Grund zu fragen, was sich am Boden des Abgrunds verbarg, der zwischen den hochtrabenden Deklarationen der "Demokratien" und ihren realen Handlungen zu einem Zeitpunkt lag, da nicht nur die Zerschlagung der Sowjetunion, sondern auch die Umwandlung der gesamten Weltgemeinschaft geplant wurde. Es blieb keine Wahl, vielmehr hieß es, um den Preis der Überanstrengung der eigenen Kräfte Moskau zu verteidigen und zu erreichen, was Berlin wie der Teufel das Weihwasser fürchtete: den unumkehrbaren Zusammenbruch der gesamten Blitzkriegsstrategie, mit welcher der deutsche Imperialismus den Weltkrieg entfesselte und auf deren Realisierung er all seine Kalküle setzte. Eine Ausweichvariante für einen siegreichen Krieg hatte das Reich nicht und konnte es auch nicht haben.

Frage: Sie sagten schon, dass der Sieg bei Moskau von der Sowjetarmee um den Preis gewaltiger Opfer errungen war. Ich habe in Nachschlagewerken geblättert. Laut offiziellen Angaben, die in den letzten Jahren veröffentlicht worden sind, verloren wir während der Verteidigungsoperation an den Mauern der Hauptstadt 658 279 und während der Angriffsoperation 370 955 Menschen.

Antwort: Ja, das stimmt. Der Sieg wurde teuer erkauft. Aber die Moskauer Schlacht, die, um einmal mit Hitler zu sprechen, Entscheidungsschlacht, hat auch für den ganzen Weltkrieg eine Zwischenbilanz gezogen. Die Serie der nazistischen Blitzkriege riss ab. Von da an musste Berlin in die Schutzgräben des Stellungskrieges steigen oder aber die Farbe wechseln. Es war also daran, sich vom Beherrscher der Welt in einen Söldner der wütenden Feinde der Sowjetmacht umzuwandeln, und ihre Zahl war beiderseits des Großen Teiches Legion. Bei einem Verhör nach Kriegsende sagte General Jodl: Hitler fühlte und wusste früher als jeder andere Mensch auf der Welt: Der Krieg war verloren. Nach der Katastrophe vom Winter 1941/42 war er sich darüber im Klaren, dass ... nach diesem Kulminationspunkt ein Sieg nicht mehr möglich war. (Rückübers. aus dem Russ.) Deutsche Wissenschaftler, die die Dokumente des OKW erforschten, betonten: Das deutsche Heer konnte nicht mehr auf das Niveau gehoben werden, das es vor Beginn der Schlacht um Moskau hatte... Der Sieg der Roten Armee bei Moskau war zweifellos ein 'Wechsel der Devise' im ganzen Weltkrieg. (Rückübers. aus dem Russ.)

Es gibt auch andere triftige Gründe, die Moskauer Schlacht als Wendepunkt des Weltkrieges zu bezeichnen.

Frage: Könnten wir die wichtigsten davon aufzählen?

Antwort: Der Fall von Moskau hätte, wie bereits gesagt wurde, zum Eintritt Japans und der Türkei in den Krieg gegen die UdSSR geführt. Somit hätten wir eine zweite Front im Fernen Osten und eine dritte Front an unserer südlichen Grenze bekommen. Die Sowjetunion konnte dieser Entwicklung vorbeugen und 1941 dank der Großtat unserer Soldaten, der Volkswehr, des ganzen Volkes einen weiteren unschätzbaren politischen und militärischen Sieg erringen. Japan wagte es nicht, uns zu überfallen. So konnten wir bedeutende Kräfte in den Westen verlegen.

Ferner. Eben die Moskauer Schlacht hob die Vereinten Nationen aus der Wiege. 26 Staaten übernahmen am 1. Januar 1942 die Verpflichtung, keinen Separatfrieden mit Deutschland oder Japan zu schließen und den Kampf gegen sie bis zum siegreichen Ende zu führen. Unsere offenen und potentiellen Geiferer, deren Kredo war: Dem Sieg der Sowjets ist bei jedem Ausgang der Sieg von Berlin vorzuziehen, sowie die Berufsskeptiker, die überhaupt nicht an die Fähigkeit der Sowjetunion glaubten, den Zweikampf gegen Nazideutschland durchzustehen, waren blamiert.

Mehr noch, der Sieg bei Moskau bot die Chance eines relativ baldigen Kriegsendes, wenn unsere Alliierten aus der Antihitler-Koalition den Wunsch gehabt hätten, sie zu nutzen. Leider hatten London und die USA, die damals gehorsam Churchill folgten, ihr eigenes Schema und ihren eigenen Zeitplan für die Bewegung zum Erfolg. Was sie anstrebten, war nicht der Sieg über das "Dritte Reich" Hitlers, sondern ein Kriegsergebnis, das Großbritannien und den Vereinigten Staaten in der Nachkriegswelt eine Sonderstellung gesichert hätte.

In Übersee kamen die Anhänger einer solchen Welteinrichtung letzten Endes zur Forderung nach einer Pax Americana. Vorläufig aber bemühten sich die Angelsachsen um die Verzögerung des Krieges in Europa und folglich des gesamten Zweiten Weltkrieges. Ihre Verhaltenslinie wurde von dem Kurs auf Erschöpfung der Sowjetunion bestimmt. Diese Einstellung verlängerte das Blutvergießen in Europa mindestens um zweieinhalb oder sogar drei Jahre und verdammte die Völker zu zusätzlichen millionenfachen Opfern. Da und solange hauptsächlich die "Fremden" - nicht die Briten und nicht die Amerikaner - ums Leben kamen, beunruhigte das die Regierungen in London und Washington herzlich wenig.

Wenn wir dem großen historischen Sieg über die Nazis in der Schlacht bei Moskau Tribut zollen, einem Sieg, der unseren Großen Sieg über den Faschismus vorausprogrammierte, müssen wir zugleich damit mit Bitternis feststellen: Der Zweite Weltkrieg war trotzdem eine Sammlung von nationalen Kriegen, die in Koalitionen gruppiert waren, je nachdem, wie sich die egoistischen Interessen der einzelnen Länder relativ ähnlich waren oder nahe standen. Die Sowjetunion musste erst die strategische Initiative auf dem europäischen Kriegsschauplatz fest in die Hand nehmen, bevor die westlichen "Demokratien" es über sich brachten und mit Moskau einen ernsthaften Dialog einleiteten, bei dem die Behandlung des besiegten Deutschland und seiner Satelliten zur Erörterung stand. Übrigens ging es auch auf jenem Endabschnitt des Zweiten Weltkrieges nicht ohne Fallen und Intrigen unserer Partner aus der Antihitler-Koalition ab.

Aber das wäre bereits ein Thema für ein anderes Gespräch.

[ RIA Novosti ]
Sowjetische Agitproplakate zum 2. Weltkrieg
zum Vergrössern auf das Bild klicken





Sowjetische Flugblätter für deutsche Soldaten
zum Vergrössern auf das Bild klicken


Deutsche Agitproplakate zum 2. Weltkrieg
zum Vergrössern auf das Bild klicken