8./9. Mai - Ende des Großen Vaterländischen Krieges – Historische Hintergründe




09-05-2007 Kapitulation Historie
62 Jahre Kriegsende - Alpträume von der Schlacht um die Seelower Höhen
[von Gardeoberst Alexander Sitzew, Held der Sowjetunion. ] „Hauptmann, halten Sie einen Augenblick, ich mache ein Foto von Ihnen, Sie werden es Ihrer Mutter schicken, und sie wird sich freuen, dass Sie am Leben sind...“

Ich wandte mich an einen Menschen mit einer Leica-Kamera um und antwortete kurz: „Keine Zeit.“ Aber der Bildreporter hatte mich schon geknipst, halb abgewandt, wie ich mit ihm sprach. Dieses Foto hängt bei mir bis heute an der Wand: ein hartes, müdes Gesicht, hinter meinen Schultern ist die Oder zu sehen...

Die Kräfte der 8. Armee von Generaloberst Wassili Tschuikow, zu der meine Kämpfer gehörten (1. Bataillon des 117. Schützenregiments der 39. Garde-Schützendivision) drängten den Gegner an der Oder vom Küstenstreifen ab und bezogen Position auf dem Brückenkopf Küstrin. Von hier aus hätte die Offensive auf Berlin beginnen sollen. Auf der ersten Etappe der Operation mussten wir die Seelower Höhen erstürmen. Eine Kette von unbewaldeten Hügeln, etwa 50 Meter hoch, zog sich am linken Ufer des alten Oderbettes hin. Uns wurde gesagt, dass bis Berlin höchstens 60 Kilometer blieben.

Wir wussten, dass die Seelower Höhen einen mächtigen Widerstandsknoten bildeten, den SS-Truppen verteidigten, und dass eine schwere Schlacht bevorstand. Hitler versicherte: Diese Mauer werde niemand umwerfen. Lauter Schützengräben im Vorfeld, in denen die Soldaten „Lauf an Lauf“ standen, mächtige Befestigungsanlagen, in die Erde eingegrabene Panzer, zementierte Erd-Holz-Feuerpunkte, ein System von Panzerabwehrmitteln und Infanteriesperren.

Im ersten Verteidigungsstreifen, das vor uns lag, gab es drei Linien voller ausgebauter Schützengräben. Unsere Positionen befanden sich 150 bis 200 Meter von der ersten Linie der Deutschen entfernt, wie sahen einander aus unseren Gräben. Auf Initiative von Marschall Georgi Schukow, Oberbefehlshaber der 1. Belorussischen Front, wurden in einer rund anderthalb Kilometern langen Reihe Fahrzeuge mit einmontierten Großscheinwerfern aufgestellt. In der Morgendämmerung des 16. April 1945 begann um 5.00 Uhr morgens die Artillerie zu „singen“: Knapp 40 Minuten lang durchlöcherten die Katjuschas die Gräben in der ersten Verteidigungslinie. Darauf flammte das Licht von 1000 Scheinwerfern auf: Die Deutschen wurden geblendet und verwirrt. Gefangene gaben später zu: „Wir waren sicher, dass die Russen eine neue Waffe eingesetzt hatten.“

Wir nutzten den Moment des Vorteils und gingen zum Angriff über, wobei wir den unbedeutenden Widerstand der drei Gräben in der ersten Verteidigungslinie ohne Weiteres brechen konnten. Ich hatte einen toten und zwei verwundete Soldaten. Weiter wartete die zweite Verteidigungslinie auf uns, bereits unmittelbar an den Seelower Höhen. Wir näherten uns ihr ungefähr um 10.00 Uhr morgens, nahmen den Kampf auf, mussten uns jedoch sofort hinlegen, da uns ein lawinenartiges Feuer aus allen Waffen empfing. Man konnte nicht einmal den Kopf heben. Mein Bataillon verlor 50 Leute von den 500, das war sehr viel. Ich meldete dem Kommandeur, dass es unmöglich sei, vorzurücken, und hörte zur Antwort: „Gleich kommt ein neuer mächtiger Artillerieschlag von uns, danach unternehmen wir einen neuen Angriff. Es gilt, uns an der zweiten Linie festzusetzen.“

Wir begannen den zweiten Angriff. Unter der Deckung der Panzer konnten wir ein wenig vorrücken, dann blieben wir etwa 150 Meter vor den ersten deutschen Gräben stehen und gingen daran, uns einzugraben. Alle unsere nachfolgenden Versuche, vorzustoßen, blieben ergebnislos: Bei den Deutschen war alles berechnet und angeschossen, das wütende Feuer warf uns wie Welpen zurück. Unsere Verluste waren sehr groß. Der Versuch des Oberkommandos, durch die Truppen der 1. Belorussischen Front den Vorstoß der Truppen mit der 1. und 2. Panzerarmee das Gefecht zu beschleunigen, hatte ebenfalls nicht das erwünschte Ergebnis.

Am 17. April befahl das Oberkommando den Vorauseinheiten, unter Umgehung der Seelower Höhen vorzugehen. Die Höhen wurden von jenen weiterhin angegriffen, die uns folgten: den zweiten und den dritten Staffeln. Mein Bataillon ging rechts von den Hügeln vor. Wir schlugen die Angriffe von Nachhutposten zurück und gingen weiter, wobei die Höhen hinter uns blieben. Gegen Tagesende (17. April) wurde die Verteidigung an den Seelower Höhen dank einer mächtigen Artillerie- und Luftvorbereitung durch die Truppen der 8. Garde-Armee Tschuikows im Zusammenwirken mit der 1. Garde-Panzerarmee unter dem Kommando von Generaloberst Michail Katukow durchbrochen. Der verzweifelte Widerstand der Deutschen auf den Seelower Höhen dauerte noch zwei Tage lang, doch moralisch waren sie schon gebrochen.

In dieser Zeit stürmte mein Bataillon ein Vorwerk westlich der Höhen. Diese Burg gehörte ebenfalls zum System der Seelower Verteidigung. Sie stand auf einer Insel mitten in einem kleinen See und wurde mit dem Ufer durch eine schmale Brücke verbunden. Wir unternahmen zwei Versuche, das Vorwerk zu erstürmen, aber das misslang. Die Deutschen schossen mit Faustpatronen, aus Maschinengewehren und Granatwerfern. Darauf griffen wir zu einer Kriegslist: Ich befahl, einige Fässer mit Benzin zu durchlöchern und sie von der Brücke ins Tor der Burg rollen zu lassen, um sie dann mit einem Schuss anzuzünden. Auf dem Gelände des Vorwerks entstand bald ein starker Brand. Etwas später erblickten wir im Fenster des Obergeschosses eine weiße Stoffbahn.

In Begleitung von zwei MPi-Schützen kam ich zu Verhandlungen. Das Gesicht des Kommandeurs, ein SS-Major, war infolge der Nervenanspannung und tödlichen Müdigkeit maskenhaft. Er nickte nur zum Zeichen des Einverständnisses mit unseren Bedingungen und bat um medizinische Hilfe für zwei Verwundete. Sofort beschäftigte sich unser medizinischer Dienst mit den Leuten. Die übrigen legten die Waffen nieder, gingen zur Straße und stellten sich auf. Meine Ordonnanz meldete mir, dass die Zahl der Gefangenen 365 betrage. Ich rauchte eine Selbstgedrehte und beobachtete den Major, der seine Walther aus der Pistolentasche nahm und sie mehrere Sekunden lang ansah. Ich dachte sogar, er werde sich erschießen. Aber er warf die Pistole zu Boden, holte das Zigarettenetui aus der Tasche und rauchte ebenfalls.

Die letzten Kriegstage. Wie groß war doch der Wunsch zu überleben! Und wie furchtbar war es, den Tod der Kameraden zu sehen! Den Obersten Grizenko, den Regimentskommandeur, den ich am meisten achtete, erschoss ein deutscher Scharfschütze in Berlin, am Tiergarten. Wir legten ihn auf einen Soldatenmantel und trugen ihn weiter... Erstmals in meinem Leben weinte ich.

...Bis heute brülle ich manchmal im Schlaf: „Vorwärts!“ Früher weckte mich Rosa, meine Frau, auf und beruhigte mich, aber vor sechs Jahren habe ich sie begraben, und nun wache ich selbst vom eigenen Geschrei auf. Ich, ein 84-jähriger Alter, träume am Häufigsten von den Seelower Höhen. [ RIA Novosti ]
Sowjetische Agitproplakate zum 2. Weltkrieg
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Sowjetische Flugblätter für deutsche Soldaten
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Deutsche Agitproplakate zum 2. Weltkrieg
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