8./9. Mai - Ende des Großen Vaterländischen Krieges – Historische Hintergründe




03-02-2005 Kapitulation Historie
"Jalta - eine Chance, die versäumt wurde"
Vor 60 Jahren fand die Krim-Konferenz statt. Vom 4. bis zum 11. Februar 1945 vereinbarten die führenden Politiker der drei wichtigsten alliierten Mächte der Antihitler-Koalition Jossif Stalin, Franklin D. Roosevelt und Winston Churchill ihre Pläne für die endgültige Zerschlagung der Streitkräfte Hitlerdeutschlands sowie der Japans,

bestimmten ihre Einstellung zu diesen Staaten nach ihrer bedingungslosen Kapitulation und legten in allgemeinen Zügen die Grundprinzipien der gemeinsamen Politik in Bezug auf die Nachkriegseinrichtung der Welt fest.

Die Beschlüsse der Krim- beziehungsweise Jalta-Konferenz fanden nicht überall die gleiche Aufnahme. Bis heute sind die Meinungen über die Konferenz und ihre Bedeutung für die Geschicke unseres Planeten oft einander diametral entgegengesetzt. Der Historiker Dr. sc. Valentin Falin äußert in einem Gespräch mit dem militärischen Kommentator der RIA Nowosti Viktor Litowkin seinen Standpunkt über die Ereignisse, die nun schon 60 Jahre zurückliegen.

VIKTOR LITOWKIN : Unter den Experten bestehen zumindest zwei Arten, diese oder jene historischen Ereignisse zu beleuchten. Die einen bestehen darauf, dass sie aus dem Kontext jener Zeit, in der sie geschahen, unmöglich herauszureißen und folglich unbedingt im Zusammenhang mit ihrer Epoche zu analysieren seien. Andere behaupten, nur von der heutigen Warte aus lasse sich das, was zeitlich so weit entfernt sei, wirklich gründlich und genau verstehen. Wie denken Sie darüber? Wie schätzen Sie angesichts einer solchen Fragestellung die Ergebnisse der Krim-Konferenz von 1945 ein?

VALENTIN FALIN : Jedes, besonders jedes große internationale Ereignis muss, denke ich, auf die Geschichte projiziert und erst dann untersucht werden. Kein einziges Ereignis darf von jenem Kontext losgerissen werden, in dem es geschah. Auch nicht von dem Milieu, in dem die entsprechenden Ereignisse ausreiften, und den Folgen, die sie nach sich zogen oder die davon erwartet wurden. In diesem Sinne nimmt die Jalta-Konferenz einen ungewöhnlichen Platz ein. Deshalb waren in den Berichten darüber bereits 1945 und dann natürlich in den Jahren des Kalten Krieges besonders viele Entstellungen festzustellen. Die Entstellungen sind nicht verschwunden, in vieler Hinsicht leben sie weiter, ja mehren sich heutzutage sogar.

Wenn wir also die Versuche einiger Liebhaber, "die Geschichte umzuschreiben", ausschließen oder, wie es wissenschaftlich so heißt, eliminieren wollen, möchte ich mich bei der Einschätzung dessen, was in Jalta vor sich ging, hauptsächlich auf amerikanische Quellen berufen. Auf die unmittelbaren Teilnehmer an diesem Ereignis, nämlich Roosevelt und seinen Außenminister Stettinius.

Edward R. Stettinius, ein Großindustrieller und von viel Gewicht in den Geschäfts- und politischen Kreisen der USA, blieb auf diesem Posten bis zu Roosevelts Tod am 12. April 1945 und dem Amtsantritt seines Nachfolgers auf dem Posten des US-Präsidenten, Harry S. Truman. Er hinterließ sehr interessante und höchst informative Erinnerungen an die Geschehnisse in Jalta, daran, was er als Zeuge und unmittelbarer Teilnehmer erlebte.

Stettinius hielt Jalta für den Gipfelpunkt, die Kulmination in der Zusammenarbeit zwischen den USA und der Sowjetunion und, zum Teil, Großbritannien, als sich, bereits nach Teheran und der Eröffnung der zweiten Front, zwischen den drei Großmächten eine Atmosphäre des Vertrauens einstellte, die Tage des faschistischen Deutschland schon gezählt waren und die Sowjetunion die Verpflichtung übernahm, in den Krieg gegen das militaristische Japan einzutreten. Die Amerikaner und ihre Alliierten sahen sich dem Problem gegenüber, wie die Nachkriegswelt zu gewinnen war, wie eine Welt zu schaffen war, in der Katastrophen von den Ausmaßen des Zweiten Weltkrieges unmöglich wären.

Dokument
Ergebnisse der Jalta-Konferenz
Hier muss ich Folgendes einwerfen, was wiederum durch Stettinius“ Worte bestätigt wird: Den meisten Entscheidungen, die in Jalta getroffen wurden, lagen amerikanische Entwürfe zugrunde. Nicht unsere. So ist das Schlusskommunique, wie der US-Außenminister bemerkte, ein rein amerikanischer Entwurf, an dem die sowjetische Seite überhaupt keine Korrekturen vornahm und bei dem sich die englische Seite, wie er schreibt, in der Hauptsache auf stilistische Bemerkungen beschränkte. Wer die Sache so darstellen möchte, als hätte "Stalin Roosevelt überspielt" oder "den Umstand benutzt, dass jener nicht sehr gesund war", sollte wissen, dass solche Behauptungen mit der Wahrheit nichts gemein haben.

VIKTOR LITOWKIN : Warum war Roosevelt dermaßen am Krim-Treffen interessiert und warum zeigte er in einer Reihe von Fällen so viel Aufmerksamkeit für Stalins Besorgnis darüber, wie die Nachkriegswelt einzurichten war?

VALENTIN FALIN : Roosevelt kehrte mehr als nur einmal auf seine Ideen zurück, die er bereits im Juni 1942 Molotow bei einem Treffen in Washington mitteilte: dass er die Nachkriegswelt als eine Welt ohne Waffen sehe. Übrigens hat gerade seitdem das Motto von "einer Welt von drei oder vier Polizisten" Verbreitung gefunden.
Hintergrund
Die Konferenz von Jalta auf der damals sowjetischen, heute ukrainischen Schwarzmeerhalbinsel Krim fand vom 4. bis 11. Februar 1945 statt und bestimmte die Teilung Europas nach dem bevorstehenden Ende des Krieges. Die Vertreter der Großmächte USA, Großbritannien und Gastgeber UdSSR trafen sich zu dieser Konferenz, der verschiedene Konferenzen andernorts vorausgegangen waren und weitere folgen sollten, nahe der bereits befriedeten Badeortschaft Jalta. Stalin wählte diesen Ort ganz bewusst, um zu zeigen wie mächtig seine Armee war. Die Krim war kurz zuvor noch in Deutscher Hand. Im Zuge der Gegenoffensive gelang die Befreiung von den Deutschen.

In den Beschlüssen fanden u.a. die sowjetischen Interessen in Asien (Mongolei und Kurilen mit Sachalin) gegenüber Japan und China ihren Niederschlag, Deutschland und Österreich wurden in vier Besatzungszonen aufgeteilt mit der Elbe als Demarkationslinie, ebenso wurden die Sektorengrenzen in den Hauptstädten Wien und Berlin gezogen.

Stalin forderte für die Sowjetunion zusätzliche Sicherheiten, die besetzten Länder Polen, Baltikum, Ostpreußen, Tschechoslowakei und praktisch der ganze Balkan sollten einen Sicherheitsring von Satellitenstaaten um die UdSSR bilden, worauf Churchill und Roosevelt nur widerwillig eingingen.

Wie die bereits frühere Konferenz von Teheran, ließ auch die Konferenz von Jalta viel Auslegungsspielraum offen, nur über die bedingunglose Kapitulation und Entnazifizierung Deutschlands war man sich einigermaßen einig.

Die definitiven Absprachen über die Abtretung der deutschen Ostgebiete und damit auch über die Vertreibung von Millionen von Menschen sollten erst später auf der Potsdamer Konferenz folgen.(aus Wikipedia)
Laut Roosevelt durften nur die Vereinigten Staaten, die Sowjetunion, Großbritannien und eventuell China ihre Streitkräfte behalten, allerdings in begrenzter Stärke. Alle übrigen Länder - sowohl die Aggressoren Deutschland, Japan und Italien als auch ihre Satelliten - hätten völlig abrüsten sollen. Auch andere Staaten, selbst solche, die gleich Frankreich, Polen oder der Tschechoslowakei und anderen der Antihitler-Koalition angehörten, hätten ebenfalls abrüsten müssen. Der Grund nach Roosevelt: "Eine gesunde Weltwirtschaft und Wettrüsten sind unvereinbar."

Die beibehaltenen Streitkräfte der drei oder vier Staaten hätten, so Roosevelt, nur nach allgemeiner Abstimmung aller dieser Mächte eingesetzt werden dürfen, aber niemals gegen eine von ihnen. Wie der US-Präsident betonte, hätten sie nur eingesetzt werden dürfen, wenn es hieß, einen möglichen neuen Krieg oder eine Aggression im Keim zu ersticken.

Selbstverständlich stützte sich Roosevelt auf die Erfahrungen sowohl des Ersten als auch des Zweiten Weltkrieges, und die besagten: Schon aus dem Wettrüsten reift eine Aggression heran, das Wettrüsten ist ein Vorbote der Aggression, und das Rüstungsrennen gipfelt, wie auch Statistiken beweisen, in sieben bis acht von je zehn Fällen in einer Aggression oder einem Krieg. Nur selten begann ein Krieg, dem faktisch kein Rüstungsrennen vorausgegangen war. Auch die Geschichte bezeugt das.

VIKTOR LITOWKIN : Verzeihung, hier ist nicht alles klar. Offenkundig war Roosevelt kein naiver Mensch, er musste doch sehen, dass zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion, zwischen der kommunistischen Ideologie und der, sagen wir mal, Ideologie, den Prinzipien und der Praxis der Demokratie radikale Gegensätze bestanden, dass ein Bündnis zwischen diesen beiden einander entgegengesetzten Extremen nur zeitweilig, nicht dagegen ständig sein konnte. Warum dann schlug er eine Nachkriegseinrichtung der Welt eben ohne Rüstung vor? War das denn nicht eine absolute Utopie?

VALENTIN FALIN : Roosevelt war alles andere als ein naiver Politiker. Er war ein Militär, im Ersten Weltkrieg stellvertretender Minister für die Kriegsmarine der Vereinigten Staaten. Auch dürfen wir nicht vergessen, dass die Amerikaner in jenen Krieg auf Seiten der Entente eintraten. Daher Roosevelts bedeutenden Erfahrungen. Im Keim bargen diese Erfahrungen jene amerikanischen Hegemonieansprüche in sich, die im Laufe des ganzen 20. Jahrhunderts eine Begleiterscheinung der Entwicklung der USA bildeten.

Ein zweites Moment. Roosevelt verstand ausgezeichnet, was Stalin darstellte, dass er nämlich in Worten, nach außen hin, gewisse marxistisch-leninistische Postulate demonstrierte, in Wirklichkeit dagegen ein gewiefter, hartgesottener Pragmatiker war. Für Stalin war die Ideologie nur eine Art Maske, wenn Sie wollen, dahinter verbarg er sein wahres Gesicht. Die Vereinigten Staaten sahen in Stalin denn auch keinen Kommunisten - solche Dokumente können wir finden, darunter bei Churchill, Roosevelt selbst und sogar bei Hitler. Die Frage der Ideologie hatte als solche eine bestimmte Bedeutung fürs Publikum und blieb, wenn es um fundamentale historische Entscheidungen ging, immer im Hintergrund. Wissen Sie, wie Roosevelt Stalin in Teheran begrüßte?

VIKTOR LITOWKIN : Nein.

VALENTIN FALIN : "Wir begrüßen ein neues Mitglied in unserer demokratischen Familie!" Mit diesen Worten wandte er sich an Stalin bei der Eröffnung der Konferenz. In dem Sinne stand Roosevelt selbst Churchill kritischer gegenüber als Stalin. Zumal Churchill zu gern mit den Waffen rasselte und bereit war, sie gegen alle einzusetzen, die aus diesen oder jenen Gründen dem britischen Premier nicht passten. Äußerst negativ stand er übrigens zu übermäßig grausamen Handlungen der britischen Gruppen gegen die griechischen Partisanen, die sich nicht den britischen Okkupationstruppen unterordnen wollten, so dass die Opfer kolossal waren. Die griechischen Partisanen hatten ihr Land faktisch noch vor dem Einrücken der Briten befreit und wollten eine demokratische Macht bei sich im Lande und nicht einen von London aus aufoktroyierten König.

Angesichts dieser Tatsachen müssen wir bei der Benutzung von ideologischen Klischees sehr vorsichtig und genau sein.

Roosevelt interessierte sich zu Beginn der 30er Jahre, noch bevor er die Sowjetunion anerkannt hatte, für sozialistische Ideen. Als Gouverneur besuchte er Kreise, in denen über diese Thematik diskutiert wurde. Er war der einzige unter den US-Präsidenten, der sich eine solche "Ketzerei" erlaubte. Aber eine Wendung in der Einstellung zu Stalin und zu unserem Land geschah bei ihm Mitte der 30er Jahre, als in der UdSSR die "Schauprozesse" begannen. Damals veränderte er seine Haltung gegenüber der Sowjetregierung radikal.

Nachdem erst der so genannte "Winterkrieg" zwischen der Sowjetunion und Finnland entfesselt worden war, erörterte er im Dezember 1939 - Januar 1940 sogar die Frage des Abbruchs der diplomatischen Beziehungen zur UdSSR, des Dementierens der Anerkennung der Sowjetunion und verhandelte mit Kerenski über die Bildung einer russischen Exilregierung.

Ziehen wir all diese Dinge in Betracht - und ich berühre hier keine anderen außerordentlichen Angelegenheiten, insbesondere nicht den Versuch Roosevelts von Anfang 1940, eine allgemeine antisowjetische Front unter dem Vorwand der Unterstützung Finnlands zu bilden, der Nazideutschland, das faschistische Italien und alle westlichen Demokratien hätten angehören sollen (das Projekt misslang, weil die Deutschen beschlossen, Frankreich anzugreifen, und als Washington die entsprechende Information darüber erhielt, wurde das Projekt abgeblasen) -, so sehen wir: Man darf Roosevelt nicht mit nur einer Farbe malen, etwa zu glauben, er war ein Liberaler und hätte die Sowjetunion beinahe in sein Herz geschlossen.

Nein, er war ein sehr nüchterner, sehr weitsichtiger Politiker, der von folgendem Gedanken ausging: Die ökonomische Stärke der USA, selbst beim Fehlen von bewaffneten Stoßkräften, werde ihnen sowieso die führende Rolle in der Welt sichern. Es sei hier daran erinnert, dass 60 bis 70 Prozent der gesamten Industrieproduktion unseres Planeten von den USA kamen.

Washington kontrollierte die Weltfinanzen und den Welthandel. Schon damals realisierte es seinen Plan zur Kontrolle über die wichtigsten Ölfelder, der 1943 angenommen wurde. Auch die Kontrolle über alle Vorkommen von spaltbaren Stoffen. Und so weiter, und so fort. Wenn wir das nicht verstehen, werden wir nichts davon verstehen, was danach kam.

Stettinius schreibt, 1942 hätten die USA dicht vor einer Katastrophe gestanden. Wären die Russen bei Stalingrad auch nur für einen Augenblick ins Wanken gekommen und wäre an der Wolga alles nach Hitlers Plan verlaufen, so wäre das unmittelbare Ergebnis die Eroberung Großbritanniens durch das "Reich", die Errichtung von dessen voller Kontrolle über Afrika und den Nahen Osten mit all seinen Erdölressourcen,die Besetzung Lateinamerikas und die für die Vereinigten Staaten traurigen Folgen all dieser Ereignisse. Auf diese Weise sahen die Amerikaner ihre Zukunft in den Jahren des Zweiten Weltkrieges. Daher war das Bündnis mit Stalin für Roosevelt keineswegs zufällig.

1945, als die Amerikaner nach Jalta geflogen kamen, stand Roosevelt unter dem Eindruck: a) der Niederlage, die die Deutschen während der Operation in den Ardennen und im Elsass den amerikanischen Truppen beigebracht hatten, und b) der Tatsache, dass Stalin sie dort vor der Zerschlagung gerettet hatte, als er auf ihr Ersuchen an der Ostfront früher als geplant zur Offensive überging und die Faschisten zwang, ein Drittel ihrer in jener Operation eingesetzten Truppen aus dem Westen abzuziehen. Und schließlich hatte Roosevelt eingesehen, dass alle Versprechungen Churchills nichts wert waren, demnächst hätten die Angelsachsen Deutschland in der Tasche, den Russen aber werden wir ein Schnippchen schlagen und sie irgendwo an der Weichsel, schlimmstenfalls an der Oder aufhalten. Das ist keine praktische Politik, sondern vielmehr Phantasterei. Besser war es, fand Roosevelt, die Beziehungen zu Russland nicht abzubrechen, sondern die Zusammenarbeit mit der Sowjetunion fortzusetzen, damit die Nachkriegswelt überschaubar und voraussagbar sei, nicht jene Gefahren in sich berge, die auch über die Vereinigten Staaten hereingebrochen waren, und seiner, Roosevelts, Vorstellung von Demokratie, menschlicher und sozialer Gerechtigkeit wenigstens in etwa entspreche.

VIKTOR LITOWKIN : Doch kehren wir unmittelbar zur Jalta-Konferenz zurück. Von wem stammte die Idee, die Organisation der Vereinten Nationen zu schaffen, die dort angenommen wurde? Wer schlug vor, die Nachkriegswelt in Einflusszonen "längs der Curzon-Linie" aufzuteilen? Eben das werfen ja die Polen und die Balten Stalin bis heute unermüdlich vor.

VALENTIN FALIN : Die Idee der UNO stammte von Roosevelt. Er schlug sie bereits in Teheran vor, und in Jalta bekam sie ihre feste Form. Stalin bestand nur darauf, dass sich das Hauptquartier dieser Organisation in New York befinden solle. Warum? Erinnern Sie sich an den Völkerbund? Die Amerikaner verzichteten ja letzten Endes auf die Ratifizierung dieser Idee und traten dem Völkerbund nicht bei. Stalin dachte, dass die USA einen solchen Streich erneut spielen konnten: Jawohl, gestern waren wir dafür, heute aber sind wir dagegen. Durch seinen Vorschlag, das Hauptquartier in Übersee unterzubringen, hoffte Stalin, das werde die Amerikaner zwingen, die internationale Zusammenarbeit ernst zu nehmen. Sie würden sich nicht in die Büsche schlagen können.

Im Allgemeinen aber äußerte sich die US-Presse sehr positiv über die Jalta-Konferenz, Roosevelt bekam sogar Komplimente zu hören. Freilich gab es auch recht kritische Stimmen. Ihr Initiator war kein anderer als Churchill, der von London aus handelte. Diese Stimmen verlangten den Verzicht auf die Zusammenarbeit mit der Sowjetunion und die Errichtung der amerikanischen Dominanz über die Welt. Es wurde auch geschrieben, die UdSSR habe wie der Mohr seine Sache getan, nun könne der Mohr gehen.

Angesichts solcher Stimmungen und Worte, die von London ausgingen, betonte Roosevelt in seiner letzten Botschaft an den Kongress vom 25. März 1945: "Von der gewissenhaften Erfüllung der alliierten Abkommen, die in Teheran und Jalta erzielt wurden, hängen das Schicksal der Vereinigten Staaten und das Schicksal der ganzen Welt auf Generationen hinaus ab." Der Präsident sagte warnend: "Hier können sich die Amerikaner nicht heraushalten. Wir müssen die Verantwortung für die internationale Zusammenarbeit auf uns nehmen - oder wir werden die Verantwortung für einen neuen weltweiten Konflikt tragen."

Es liegen entsprechende Dokumente vor, die bezeugen: Das Außenministerium, dessen Chef Stettinius gewesen war, hatte zwar einen neuen Leiter, aber den gleichen Apparat wie schon zu Zeiten des antisowjetisch gesinnten Ex-Außenministers Hell, und gleichfalls damals, im März, kam dort der Ausdruck "die so genannten Jalta-Abkommen" in Umlauf. Einige Beamte nannten sie überhaupt nicht Abkommen, sondern nur "Erklärungen" oder "Deklarationen", um die Bedeutung dieser Dokumente auf jede Weise herabzumindern. Als Truman am 23. April an die Macht kam (übrigens wusste er damals noch nicht, dass die Amerikaner eine Atombombe entwickelt hatten), erklärte er: Nun ist es genug, unsere Zusammenarbeit mit den Russen hat sich überlebt, jetzt heißt es, zu einer neuen Stufe überzugehen. Er setzte sich das Ziel, "Jalta gleichsam nichtexistent zu machen".

Ich kann auch daran erinnern, womit in jenem Moment Churchill beschäftigt war. Alle Experten haben noch frisch im Gedächtnis, welch herrliche Schreiben er Stalin schickte, um die Erkenntlichkeit für die Hilfe und Unterstützung zum Ausdruck zu bringen, die wir den Alliierten im Januar erwiesen und ihnen damit neue Erschütterungen erspart hatten; er pries unsere heldenmütig kämpfenden Streitkräfte, "deren Ruhm in Jahrhunderten nicht verblassen wird". Jawohl, all das schrieb Churchill. Man lese seine Gratulation vom 23. Februar 1945 zum Tag der Roten Armee. Zu gleicher Zeit erteilte er den Befehl, die deutschen Waffen zu sammeln und für den Fall eines Konfliktes mit der Sowjetunion einzulagern. Im März 1945 gab er seinen Stabschefs den Auftrag, eine Operation unter dem Codewort "Undenkbares" vorzubereiten: Die Rede war von einer Aggression gegen die Sowjetunion. Teilnehmer: Großbritannien, die Vereinigten Staaten, Kanada, das Polnische Expeditionskorps und - die Deutschen.

Die Engländer hielten zehn deutsche Divisionen in Bereitschaft, die sich in der Schlussetappe des Krieges freiwillig unseren westlichen Alliierten ergeben hatten. Diese entwaffneten sie pro forma, lösten sie jedoch nicht auf und ließen sie in Schleswig-Holstein, wo sie untergebracht waren, täglich trainieren. Möglicherweise für neue "Heldentaten" im Osten. Der Beginn des neuen Krieges wurde für den 1. Juli 1945 angesetzt.

Es wäre jedoch nicht richtig zu glauben, so etwas hätten nur die Briten getan, während die Amerikaner ihren Verpflichtungen als Alliierte treu geblieben wären. Der sattsam bekannte General Paton, Befehlshaber der Panzertruppen der Vereinigten Staaten, forderte dazu auf, sich von keinen zwischen Washington, Moskau und London vereinbarten Demarkationslinien beirren zu lassen, vielmehr direkt, bis nach Stalingrad, vorzurücken. Aber nicht etwa, um den Kommunisten oder der Sowjetunion ein Ende zu setzen, sondern dazu, den "Nachkommen von Dschingis Khan" den Garaus zu machen.

Churchill war der Ansicht: Je weiter im Osten wir die russischen "Barbaren" aufhalten, desto besser. Er dachte immer noch in den Begriffen des Renken-Plans. Das war ein geheimer Plan, der den Plan "Overlord", den offiziellen Plan der Eröffnung der zweiten Front, hätte beiseite schieben sollen, damit die Amerikaner und Engländer mit Unterstützung der Deutschen gemäß dem Renken-Plan nicht nur Berlin, Hamburg und so weiter, sondern auch Warschau, Prag, Budapest, Wien, Bukarest, Sofia und Belgrad unter Kontrolle nehmen konnten.

Das sind nun einmal Dokumente, daran ist nichts zu rütteln. Wenn es nicht dazu kam, so keineswegs deshalb, weil unsere Partner dies nicht wollten oder nicht darauf hinwirkten, sondern deshalb, weil ihnen dies die Sowjetunion und vor allem unsere Streitkräfte verwehrten.

Wenn entstellende, ja beleidigende Worte über die Jalta-Abkommen fallen, schmäht das den Haupturheber dieser Abkommen, Franklin D. Roosevelt. Seine von uns erwähnte Botschaft an den Kongress war sein politisches Testament, worin er Überlegungen darüber anstellte, was die Welt, was die Vereinigten Staaten brauchten und was notwendig war, damit die Ideen der Gerechtigkeit triumphierten und neue Kriege, neue Katastrophen dieser Art nicht zugelassen wurden. Die Treue zu den auf der Krim angenommenen Abkommen hätte der Welt eine Chance geben können. Leider haben wir sie verpasst.

VIKTOR LITOWKIN : ValentinMichailowitsch, Sie haben meine Frage nicht beantwortet, von wem die Idee stammte, in Jalta die Welt in Einflusszonen "längs der Curzon-Linie" aufzuteilen.

VALENTIN FALIN : Es gab keinerlei Einflusszonen. Der Beschluss über die "Curzon-Linie" wurde schon 1919 gefasst, auf einer Konferenz unter Teilnahme Großbritanniens, Frankreichs und der Vereinigten Staaten. "Zu dritt" zogen sie diese Linie, ausgehend vom ethnographischen Prinzip: davon, wo die Ukrainer, die Weißrussen oder die Polen die Mehrheit ausmachten. Im September 1939 wurde sie zwischen Stalin und Hitler als Linie der Aufteilung nicht in Einfluss-, sondern in Interessensphären fixiert.

Die Engländer versuchten bei den Verhandlungen mit der UdSSR zu bestreiten, dass die "Curzon-Linie" östlich von Lwow verlief, aber unsere Vertreter legten die Karte mit der darin eingezeichneten Linie auf den Tisch, und die Frage entfiel. Als wir gutnachbarliche Beziehungen zu den Polen herzustellen versuchten, und das war sowohl im Verlaufe des Krieges als auch nach dem Krieg der Fall, veränderten wir zusammen mit ihnen diese "Curzon-Linie". Ihnen wurde ein Teil von Ortschaften und Städten abgetreten, unter anderem Bialystok, damit wir ihnen sagen konnten: Etwas soll nach eurem Willen geschehen, aber in der Hauptsache werden wir uns an diese Linie halten.

Als Stalin über die besagte Linie mit Roosevelt verhandelte, sprach er ebenfalls nicht davon, dass wir in Polen eine Satellitenregierung bilden wollten. Wir sind, behauptete er, daran interessiert, dass in Polen eine dem östlichen Nachbarn freundschaftlich gesinnte Regierung an der Macht sei und dass Polen nicht abermals zu einem Aufmarschgebiet oder einem Korridor für Schläge gegen Russland werde, wie das schon im Mittelalter, dann unter Napoleon und schließlich im Ersten und im Zweiten Weltkrieg war.

VIKTOR LITOWKIN : Aber in Jalta wurde auch von den baltischen Ländern gesprochen, deren Eingliederung in die Sowjetunion die Vereinigten Staaten nie anerkannten.

VALENTIN FALIN : Die baltischen Länder sind ein Kapitel für sich. Litauen, Lettland und Estland waren schon vom vorsowjetischen Russland abgetrennt und von den Deutschen okkupiert. Dort wurden Marionettenregierungen eingesetzt, die, wie auch zu erwarten war, den Wunsch äußerten, unter dem deutschen Protektorat zu stehen. All das geschah im September 1917. Als die Oktoberrevolution ausbrach, entstanden dort - hier darf man die Geschichte nicht korrigieren - beinahe sowjetische oder einfach sowjetische Regierungen, die durch die im Baltikum liegenden deutschen Truppen sofort erdrückt wurden.

Dem Versailler Vertrag zufolge hätten übrigens die deutschen Truppen überall dort, wo sie sich über die Grenze von Kaiserdeutschland hinaus ausbreiteten, abgezogen werden müssen. Aber die Verbündeten verpflichteten die Deutschen im Grunde, ihre Truppen in Finnland, Litauen, Lettland und Estland zu belassen - als Garantie, dass dort nicht, wie sie sagten, das Pack an die Macht kam, sondern vielmehr jene das Steuer in der Hand hielten, die den Verbündeten genehm waren.

1921 unternahm Pilsudski eine von den Franzosen unter Beteiligung der Briten vorbereitete Offensive gegen Kiew. Es wurde erwartet, dass er weiter in Richtung Moskau vorrücken werde. Zu gleicher Zeit versuchten die westlichen Demokraten, den Deutschen folgende Variante der Handlungen aufzuzwingen: Die Deutschen stellen Truppen bereit, die aus dem Baltikum eine Offensive gegen Petrograd beginnen. Offiziell hätte an der Spitze dieser Expedition General Awalow stehen, faktisch aber hätten die deutschen Generale das Heft in der Hand haben sollen.

Die Deutschen begriffen, in was für ein Abenteuer sie da hineingezogen wurden und sagten: Nein. Unter anderem deshalb, weil die Kombination von Pilsudski - ohne die Unterstützung vom Norden her - ein Fiasko erlitt. Vor diesem Hintergrund wurde 1921 der Friedensvertrag von Riga geschlossen, damit die Balten keine weiteren Abenteuerversuche unternehmen konnten. Und wir erkannten ihren selbstständigen Status an. Übrigens erkannten die Amerikaner Litauen, Lettland und Estland erst zwei Jahre später als selbstständige Staaten an. Zuvor unterstützten sie die Forderungen von Koltschak und anderen Vertretern der weißgardistischen Bewegung nach einem "großen und unteilbaren Russland". Bis zu einer gewissen Zeit interessierte sie die Souveränität der baltischen Länder überhaupt nicht.

VIKTOR LITOWKIN : Dennoch ist es unverständlich, warum die USA mit der Aufnahme von Litauen, Lettland und Estland in die Sowjetunion einverstanden waren.

VALENTIN FALIN : Sie waren nie damit einverstanden. Aber auf der Konferenz von Jalta kam diese Frage nicht zur Sprache. Bei einem Gespräch, das war wohl in Teheran, sagte Roosevelt zu Stalin: Wir wollen nach dem Krieg einen Volksentscheid durchführen. Wenn sie den Wunsch äußern, im Bestand der UdSSR zu bleiben, werden wir ihren neuen Status anerkennen. Wenn nicht, erkennen wir auch das an. Soviel ich weiß, antwortete Stalin: Der Volksentscheid habe schon stattgefunden, hier sei es sinnlos, etwas Neues einzuleiten.

Seit 1942 zeigte Roosevelt den Wunsch, mit Stalin allein zusammenzukommen. Dass eine solche Zusammenkunft nicht zustande kam, war meiner Ansicht nach ein schwerer Fehler unserer Führung. Wie Harry Lloyd Hopkins, Berater des amerikanischen Präsidenten, sagte, hätte sich Stalin gewundert, wie weit Roosevelt den legitimen Interessen der Sowjetunion entgegenzukommen bereit gewesen sei.

Stalin aber wich unter diversen Vorwänden einer solchen Zusammenkunft aus, betonte immer wieder, man solle sich zu dritt treffen, und schlug vor: Sollen sich doch lieber unsere Vertreter treffen. 1943 war das möglicherweise bis zu einem gewissen Grade objektiv begründet: Stalin hatte einen Mikroinsult erlitten, mehrere Monate lang war er nicht arbeitsfähig, was aber natürlich niemand wusste; das war ein großes Geheimnis. Aber hier spielte, soweit sich anhand von Geheiminformationen urteilen lässt, jene Desinformation ihre Rolle, die Churchill über verschiedene Kanäle Stalin unterschob. Angeblich habe Churchill den Amerikanern vorgeschlagen, die Grenze der Sowjetunion von 1941, das heißt unter Einschluss von Litauen, Lettland und Estland, anzuerkennen, die Amerikaner aber hätten sich dem immer wieder entgegengesetzt.

Die Amerikaner waren wirklich dagegen, aber nicht weil ihnen die Balten so sehr ans Herz gewachsen wären, sondern weil die Emigranten aus Litauen, Lettland und Estland einen beträchtlichen Anteil von Roosevelts Wählerschaft bildeten. Er brauchte ihre Stimmen bei den Wahlen. Und gerade diese Erwägungen schränkten seine Bewegungsfreiheit ein.

VIKTOR LITOWKIN : Aber das Hauptergebnis der Krim-Konferenz - worin besteht es? Darin, dass wir dank ihr diese sechzig Jahre ohne neue Weltkriege gelebt haben? Welches sind Ihrer Meinung nach die Lehren des Jalta von 1945 für die heutigen Politiker?

VALENTIN FALIN : Bevor ich diese Fragen beantworte, möchte ich ein weiteres, recht wesentliches Detail der Verhandlungen auf der Krim erwähnen, von dem so gut wie nichts geschrieben wird. Roosevelt versprach Stalin einen Kredit von 4,5 Milliarden Dollar für den Nachkriegsaufbau des Landes. Warum? Trotz allen Geredes davon, dass Stalin ein kommunistischer Dogmatiker und eingefleischter Sozialist sei, wusste der Präsident, dass Stalin den Amerikanern eine Riesenzahl von Konzessionen und extrem günstige Bedingungen für ihre Kapitalanlagen anbot, er trug sich mit dem Gedanken, in der Sowjetunion die Marktwirtschaft aufzubauen. Wenn das nicht geschah, so nur deshalb, weil Roosevelts Nachfolger Truman wurde. Ein Mensch, der bei der Rückfahrt von der Potsdamer Konferenz an Bord eines Kreuzers Eisenhower den Befehl erteilte, den Plan eines Kernwaffenkrieges gegen die Sowjetunion, der "Totality" genannt wurde, vorzubereiten.

Die erste Fassung dieses Plans war im Dezember 1945 fertig. Darauf kam eine ganze Serie von Plänen, darunter "Drop shop" und andere. Sie sahen eine Aufteilung der Sowjetunion in zwölf Staaten vor, wobei keiner davon selbstständig imstande sein sollte, seine wirtschaftlichen und militärischen Verteidigungsaufgaben zu lösen.

Spricht man von der globalen Bedeutung der Krim-Konferenz, so war Jalta meiner Ansicht nach die beste der Chancen, die sich der Menschheit zeit ihrer ganzen geschriebenen Geschichte, zumindest seit Christi Geburt, bot, um den Krieg, wie es auch in der UNO-Charta heißt, aus dem Leben der Menschheit gänzlich auszuschließen. Diese Chance wurde versäumt. In erster Linie trägt Washington die Verantwortung dafür.

Trumans erster Außenminister Byrnes kehrte im Dezember 1945 von Verhandlungen mit Stalin zurück. In Moskau hatte eine Außenministerkonferenz stattgefunden. Am 30. Dezember sagte er in seiner Rundfunkansprache an das amerikanische Volk: Nach den Verhandlungen mit Stalin habe ich begriffen, dass ein gerechter Frieden in der amerikanischen Auffassung dieses Wortes erreichbar ist. Am 5. Januar schrieb Truman ihm einen Brief: "Alles, was Sie da zusammengeredet haben, ist Unsinn. Wir brauchen keinen Kompromiss mit der Sowjetunion. Was wir brauchen, ist eine Pax Americana, die zu achtzig Prozent unseren Vorstellungen entsprechen wird."

Der 5. Januar 1946 kann als formaler Beginn des Kalten Krieges gelten. Wozu dieser führte, wissen Sie. Die Hauptlehre aus der Jalta-Konferenz besteht darin, dass sich bei einem vernünftigen Vorgehen und der Bereitschaft, den Frieden auf das Interessengleichgewicht aller Mitglieder der Weltgemeinschaft zu gründen, für die ganze Welt befriedigende Lösungen viel früher hätten finden lassen als heute. Heute ist das weit schwieriger. Die Welt ist mit Waffen übersättigt. Und vieles in ihr hängt von Zufälligkeiten und nicht programmierbaren Umständen ab. Solchen auf der und solchen über der Erde.

Der amerikanische B-52-Bomber trug vier Wasserstoffbomben an Bord. Eine jede war 25 Megatonnen stark. Insgesamt hundert Megatonnen. Dreimal erlitten diese Maschinen Havarien. Eine davon stürzte bei Chicago ab. Wie behauptet wurde, hatten elf Sicherungseinrichtungen der Bombe versagt, und erst die zwölfte verhinderte die Detonation. Was wäre aus der Welt geworden, wenn der Ausgang anders gewesen wäre?! Nicht auszudenken.

Wir können heute zusammenzählen, wie oft die Welt am Rande des Untergangs stand, und nur eine höhere Vernunft hat die Menschheit vor der Selbstvernichtung und das gesamte biologische Leben auf der Erde vor der Selbstausrottung bewahrt. Deshalb müssen wir, ausnahmslos alle Staaten, bei jedem großen oder auch nur kleinen Schritt auf das Genaueste abwägen, ob er die Welt in jeder Hinsicht sicherer machen kann. Und sie entsprechend gerechter und einheitlicher machen.
Sowjetische Agitproplakate zum 2. Weltkrieg
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Sowjetische Flugblätter für deutsche Soldaten
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Deutsche Agitproplakate zum 2. Weltkrieg
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