8./9. Mai - Ende des Großen Vaterländischen Krieges – Historische Hintergründe




27-04-2005 Kapitulation Historie
In ihren Augen ist der Krieg erstarrt
Zum Anfang ein Zitat. Ein etwas langes. Ohne es geht es aber nicht. "Wir hatten uns an der eingenommenen Linie westlich der Oder festgesetzt und begannen uns einzugraben.

Bei der Vorbereitung auf die morgendlichen Handlungen bemerkten wir auf dem neutralen Streifen ein Kind. Es kroch neben einer toten Frau herum. Wenn das Donnern der Geschütze verstummte, war von dort das Weinen des Kindes zu hören.

Die Äußerungen waren verschieden: Schade um das Kind...'. ‚Wie viele eigene sind aber so gekrochen? Daran kannst du dich wohl nicht mehr erinnern?...' ‚Wir sind doch keine Ungeheuer: Ein Fremdes oder das Eigene, es ist doch zur Welt gekommen, um zu leben...' sagte der Soldat Nestor Dowgalew, an Wassili gewandt, der von seinen in Weißrussland verbrannten Angehörigen erzählt hatte. ‚Halt mal meine Maschinenpistole... Wenn der Kommandeur etwas einzuwenden haben sollte, erinnere ihn daran, dass er selbst gesagt hat, wir sind gekommen, um Europa zu retten.' Ohne sich von uns zu verabschieden, lief er in kurzen Sprüngen über das Feld, auf dem unzählige Trichter klafften. Von den vom Feind besetzten Hügeln ertönte das Rattern von Maschinengewehren. Als er mit dem Kind in den Armen schon fast an unserem Schützengraben angekommen war, traf ihn eine Kugel in den Rücken. Er stürzte zu Boden und erhob sich nicht mehr, das gerettete Kind ließ er aber nicht aus den Händen.

In einem der Briefe, die der gefallene Nestor sorgfältig aufbewahrt hatte, fanden wir drei Menschenhaare, in Papier eingewickelt. In dem Brief lasen wir folgende Worte: ‚... Errate mein Lieber, welches Haar mir und welche deinen Kindern gehören. Vielleicht kannst du das anhand der Farbe bestimmen. Hoffentlich hast du sie nicht vergessen?'. Und auf mehreren Seiten befanden sich die mit Bleistift gezeichnete Umrisse von Kinderhänden."

Diese Zeilen stammen aus dem Brief des Moskauers Prokopi Tarassow, Veteran des Großen Vaterländischen Krieges, den er an die Redaktion der Zeitung "Iswestija" geschickt hatte. Vor einigen Jahren riefen nämlich die Journalisten der Zeitung die Leser auf, ihre Erinnerungen aus der Kriegszeit in die Redaktion einzusenden.

Die Zeit vergeht, die Zahl der ehemaligen Frontsoldaten wird immer geringer, und es ist sehr wichtig, das Andenken an jene Zeit für die kommenden Generationen zu bewahren. Dabei ganz verschiedenes - heldenhaftes und nicht ganz heldenhaftes, alltägliches, bitteres, kollektives und sehr persönliches. Ebenso verschieden, wie in jener für jeden gewöhnlichen Menschen schweren Zeit alles gewesen war.

Aus den in der Redaktion eingelaufenen vielen Tausenden Briefen wurden sorgfältig jene ausgewählt, die in dem Buch "Ich habe das gesehen" veröffentlicht wurden. Das Buch ist soeben im Vorfeld des 60. Jahrestages des Sieges erschienen. Das haben die Veteranen Ella Maksimowa und Anatoli Danilewitsch, beide Veteranen der Zeitung "Iswestija", getan. Danilewitsch starb einige Tage bevor seine letzte Arbeit aus der Druckerei gekommen war. Sie haben aber ein tatsächlich einmaliges Material zusammengetragen. Das ist schon aus dem angeführten Auszug ersichtlich. Selbst die ungezügelste Fantasie hätte so etwas nicht erdichten können - das musste gesehen und im Gedächtnis behalten werden.

Anders konnte es auch nicht sein, denn der Große Vaterländische Krieg wurde für jeden russischen Bürger, wo er auch leben und welcher Nationalität er auch angehören mochte, zu einer Erschütterung, ganz besonders aber für die von der Front zurück gekehrten Veteranen, ihre Verwandten und Nächsten.

"Aus meinem kleinen Dorf Kischerma, Gebiet Archangelsk, waren 57 Bewohner an die Fornt gegangen und nur vier zurück gekehrt. Die Todesnachrichten betrafen aber nur einige wenige von ihnen. An der Front sind sechs meiner Vetter gefallen. Wieviel Tränen haben aber die Witwen und Waisen vergossen, was haben sie nicht alles durchgemacht! Sie starben vor Hunger, es war aber niemand da, der ihnen hätte helfen können", schreibt N. Kondratow, der jetzt in Minsk lebt.

Und noch ein Brief: "Mein Mann, ein Matrose aus Kronstadt, ist im Jahre 41 gefallen. In der amtlichen Mitteilung heißt es aber, dass er "vermisst wird". Das Herz wartet jedoch immer noch auf ihn. Auch heute noch vergieße ich Tränen. So ist eben der Mensch: Wenn er das Grab nicht gesehen hat, kann der geliebte Mensch nicht im Herzen begraben werden", schreibt Jelena Jastrebowa aus Moskau.

Die bekannte Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch, die ihr Leben dem Kriegsthema gewidmet hat, den Erzählungen, in denen wohl die schrecklichsten Erinnerungen von Frauen und Kindern, die den Alpdruck des Krieges so zu sagen von Angesicht zu Angesicht gesehen haben, zusammen getragen worden sind, schreibt im Vorwort zu diesem Buch: "Es bezeugen keine besonderen Helden, sondern gewöhnliche Menschen oder, wie sie sich selbst bezeichnen, ‚das Proletariat des Krieges'. Ihre Berichte sind einfach und ungekünstelt, darum aber noch schrecklicher. Man liest ein lebendiges, von der künstlerischen Feder nicht korrigiertes Liebes- und Hassbekenntnis. Die einen Ereignisse und Einzelheiten sind nach so vielen Jahren emotional verschlissen, ihr Sinn ist vermodert. Die anderen aber haben hingegen an Größe gewonnen, sind bedeutsamer geworden. An Größe gewonnen hat das Menschliche und Persönliche. Interessant und bewegend ist bereits nicht das Ereignis als solches, sei es auch ein historisch sehr wichtiges - die Schlacht von Stalingrad. Herz und Hirn werden davon hingerissen, was der Mensch dort gesehen sowie was er über Leben und Tod und überhaupt über sich selbst begriffen hat. Wie er diese Erkenntnis erlebt und was er damit gemacht hat. Und was sie aus ihm gemacht, in was sie ihn, und nicht nur ihn, sondern auch uns alle verwandelt hat."

Und noch ein Auszug aus einem Brief: "Unsere Truppen rückten in Pommern zur Ostsee vor. Hier kämpfte auch das 75. Gardegranatwerferregiment, mit dem ich den ganzen Krieg durchgemacht habe. Einmal näherten wir uns einem Dorf, in dem es, wie uns gesagt wurde, keine Deutschen geben würde. Plötzlich fiel im am nächsten gelegenen Haus ein Schuss. Wir stürzen dorthin und erblickten einen deutschen Offizier, der sich mit einer Parabellum erschossen hatte. Zuvor hatte er aber seine Frau und zwei Kleinkinder Gift trinken lassen. Der Frau trat schon Schaum auf die Lippen. In das Haus kam unser Militärarztgehilfe Koroljow gelaufen. Er befahl, Milch zu beschaffen, und ließ die Frau und beide Kinder davon trinken. Zwei Tage später fühlten sie sich schon viel besser. Es stellte sich heraus, dass der Offizier am Abend zu seiner Frau gesagt hatte: ‚Es ist alles Aus. Du und die Kinder dürfen nicht in die Hände der Russen geraten.' Später weinte die deutsche Frau und konnte nur mit Mühe die passenden Worte finden: ‚Sie, die Russen, haben uns gerettet. Meine Kinder werden immer daran denken.' Wo sind sie jetzt? Erinnern sie sich daran?", fragt der ehemalige Frontsoldat.

bei russland.RU
Schwerpunkt - 8./9. Mai - 1945 Ende des Großen Vaterländischen Krieges - Nachrichten, Hintergründe, Analysen und vieles mehr
Jeder Brief in diesem Buch ist tatsächlich ein menschliches Drama, ein Sujet für eine Erzählung, einen Roman oder einen Film, ähnlich der "Ballade vom Soldaten", dem Streifen "Die Kraniche ziehen..." oder "Im Morgengrauen ist es noch still". Diese Briefe, die gleichsam aus einem Mosaik von Gesichtern, Taten und winzigen Einzelheiten zusammen gesetzt worden sind, zeigen das Bild des Soldaten, der sein Haus verteidigt und Europa von der ungeheuerlichsten Plage des vorigen Jahrhunderts - dem Hitlerfaschismus - befreit hat. Hier sind Briefe von Soldaten, ganz gleich, ob von Mannschaften oder Obersten, zusammengetragen wurden. Wie es in einem davon heißt, "im Krieg siegen Soldaten. Auch Generäle, wenn sie gute Soldaten sind".

Heute, im Vorfeld des 60. Jahrestages der Beendigung des Zweiten Weltkrieges in Europa, da erneut ein recht erbitterter ideologischer und psychologischer Kampf um die Lehren der Vergangenheit entbrannt ist, gibt dieses Buch den Lesern dieMöglichkeit, aufmerksam das wahre Porträt des russischen Soldaten - des Befreiers, zu betrachten.

Es ist nur noch hinzuzufügen, dass das vom Verlag "Wremja" heraus gegebene Buch "Ich habe das gesehen" mit dem recht ausdrucksvollen Untertitel "Dokumentarischer Roman" vor kurzem auf der Internationalen Buchmesse in Paris präsentiert worden war. Alle zehn Exemplare, die soeben die Druckerei verlassen hatten und nach Frankreich gebracht worden waren, wurden gleich am ersten Tag von den Ständen weg gekauft. (Viktor Litowkin, Militärkommentaor der RIA Nowosti)
Sowjetische Agitproplakate zum 2. Weltkrieg
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