„Kuba“ klaut den Russen zwei Punkte

[von Michael Barth] Warschau/Moskau – Am Ende hieß der Matchwinner Jakub Blaszczykowski. Der Pole vereitelte im gestrigen Gruppenspiel Polen gegen Russland mit seinem Tor zum 1:1 der Sbornaja den vorzeitigen Einzug ins Viertelfinale. Die Zuschauer im Stadion erlebten ein wunderschönes Fußballspiel, währenddessen die Warschauer Innenstadt einem Schlachtfeld glich.

Die Karten schienen vor der Partie klar verteilt. Das jeweils erste Spiel dieser Europameisterschaft zeigte deutliche Unterschiede bei der Rollenverteilung der beiden Teams. Polen mühte sich gegen Griechenland und Russland spielte Tschechien souverän an die Wand. Es schien eine sichere Sache für die Sbornaja. Jedoch, oft kommt es anders als gedacht. Die Polen, wie ausgewechselt, hielten die technisch versierten Russen auf Augenhöhe und überraschten mit spritzigem Offensivfußball.

Offener Schlagabtausch bereits im Vorfeld

Unschöne Szenen spielten sich bereits lange vor der Begegnung im Zentrum Warschaus ab. Polnische Hooligans – ihr schlechter Ruf eilt ihnen voraus – hatten eine etwas andere Vorstellung von einem Fußballfest. Im vermutlich festen Glauben, die Geschichte gerade rücken zu können, attackierten sie heftigst Anhänger der russischen Mannschaft. Die Russen – ebenfalls nicht gerade zart besaitet – wehrten sich nach Leibeskräften. Das Ergebnis: Regelrechte Straßenschlachten, die mit über 100 Festnahmen und etlichen Verletzten auf beiden Seiten endeten. Auch der massive Einsatz der polnischen Polizei konnte nicht verhindern, dass die Scharmützel bis in den frühen Morgen andauerten.

Um die Brisanz dieses Spiels war jedem bewusst. Polen und Russland haben eine alte Rechnung miteinander offen, so dass es vielleicht kein Zufall war, dass diese Partie ausgerechnet von deinem deutschen Schiedsrichtergespann geleitet wurde. Vorweg: Die Leistung des Teams von Wolfgang Stark war – einfach stark. Niemand hätte damit gerechnet, dass die Polen gleich zu Beginn so gehörig Druck aufbauen würden. Bereits in der 7. Spielminute zirkelte Obraniak einen Freistoss auf den Kopf von Boenisch, der Torwart Malafeew aus kürzester Distanz zu seiner ersten Glanzparade zwang. Zwar hatten die Russen den Ernst der Lage mittlerweile erfasst und konterten mit herrlichen Vorstößen, die Anfangsphase aber gehörte den Hausherren. In der 12. Minute setzte der in Dortmund spielende Robert Lewandowski den Ball nur knapp am Torwinkel vorbei.

Schawa lenkt, die Sbornaja denkt

Im direkten Gegenzug bewies der russische Starstürmer Andrej Arschawin einmal mehr seine Klasse. Ballsicher, mit offenem Auge und Blick für die Situation wirbelte er sich durch die polnischen Reihen, als wären es Slalomstangen. Ein präzises Zuspiel auf den umtriebigen Sturmkollegen Kerschakow und Polens Abwehr musste zum ersten Mal ihren Strafraum bereinigen. Wer geglaubt hätte, die Sbornaja würde jetzt Dauerdruck aufbauen, sah sich indes getäuscht. Munter spielten die Platzherren auf die gegnerische Seite und luchsten den Russen ein ums andere Mal den Ball bereits im Mittelfeld ab, um mit blitzartigen Kontern auf das russische Tor zu stürmen. Immer wieder hieß die Achse Blaszczykowski und Lewandowski. Erst ab der 25. Minute gelang es dem Team von Trainer Dick Advocaat den Hebel umzulegen.

Arschawin lenkte und die Sbornaja ließ ihre Klasse aufblitzen. Russland kontrolliert mittlerweile das Spiel. Was dann in der 37. Minute passierte war selbst für abgebrühte Fußballanhänger sehenswert. Freistoss von halblinks für Russland, die Spieler formieren sich und Kerschakow deutet dem Freistoßschützen Arschawin an, was er sich gedacht hat. Sicherlich, vermeintliche Tricks bei solchen ruhenden Bällen sind nichts Neues, aber klappen tut es halt auch nicht immer. Anders bei diesem: Arschawin zupft sich an der Nase, der Ball kommt punktgenau in den Fünfmeter-Raum und unbemerkt von allen sprintet Alan Dzagoew von der 16-Meter-Linie nach vorne und drückt den Ball mit dem Kopf ins Tor von Ersatztorhüter Tyton, der den rotgesperrten Stammkeeper Szczesny vertrat. Noch lange nach dem Spiel resümierten die Fachleute über dieses herrliche Tor, dem mittlerweile dritten von Dzagoew bei diesem Turnier.

Versöhnliches Ende

Die Antwort der Polen fiel deutlich aus. Wieder und immer wieder musste der, zuletzt immer wieder in der Kritik stehende, Malafeew von Zenit St. Petersburg mit seinen Paraden Blaszczykowskis Knaller entschärfen. Die Führung der Russen zur Pause nicht unverdient, wenngleich auch etwas schmeichelhaft. Zu Beginn der zweiten Spielhälfte drückten die Russen zwar weiter aufs Tempo, ließen es jedoch an Präzision mangeln. Die Antwort folgte auf dem Fuß: Eben jener Blaszczykowski schnappte sich den Ball (57. Minute) von Piszczek und hämmert, nachdem er durch die russische Abwehr kurvte, unhaltbar aus 16 Metern von halbrechts in den Torwinkel. Nun hat das Spiel das Ergebnis, das es bis dahin verdient.

Der Rest der Partie ließ erahnen, wie Kraftraubend ein Schlagabtausch mit offenem Visier sein kann. Nicht dass die Partie verflacht wäre, aber man merkte deutlich, dass die Luft bei beiden Teams allmählich raus war. Sowohl Keeper Tyton, der Dzagoews viertes Turniertor zu verhindern wusste, als auch Malafeew klärten für ihre Mannschaften.

Dann war Schluss im Warschauer „Hallenbad“, wie das Stadion ironisch bezeichnet wird, und unter dem Strich waren wohl beide Mannschaften heilfroh über das Ergebnis. Denn eines ist Gewiss: Auch wenn dieses Gruppenspiel keinen Sieger hervorgebracht hat, einer hat auf jeden Fall gewonnen – nämlich der Sport! Solche Szenen, wie sie sich gestern in Warschaus Strassen abgespielt haben, können nicht im Sinne einer friedlichen Fußball-Europameisterschaft sein.

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.