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21-11-2006 Alexander Litvinenko
Der Spion aus Russland – Ein Porträt
Es ist ein Thriller, wie ein wohl kaum ein Schriftsteller besser erfinden könnte. Aber für Alexander Litvinenko ist es die lebensbedrohliche Wirklichkeit. Einst Spion für den russischen Inlandsgeheimdienst FSB, wandelte er sich zum erbitterten Feind des Kreml - und zog sich damit den Zorn Moskaus zu.






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In London wurde der 41-Jährige offensichtlich Opfer einer schweren Vergiftung und kämpft seitdem um sein Leben. Die russischen Geheimdienste weisen alle Anschuldigungen von sich.

Der Blick geht ins Leere, sämtliche Haare sind ihm ausgefallen, der Mann in dem grünen Krankenhaushemd sieht blass und schwach aus. Alexander Litvinenko ist gezeichnet von dem Gift, das ihm nach Angaben aus seinem Umfeld am 1. November untergemischt wurde. An dem Tag soll er sich zunächst mit zwei Russen in einem Londoner Hotel zum Tee und später mit einem italienischen Geschäftsmann in einer Sushi-Bar getroffen haben. Einer von ihnen muss ihm das Gift Thallium verabreicht haben, einen geruchslosen Stoff, von dem schon ein Gramm für den Menschen tödlich sein kann.

Seit der mutmaßliche Giftanschlag am Wochenende bekannt wurde, überschlagen sich die Spekulationen um seine Urheber. Und Litvinenko hatte mächtige Feinde: Der Ex-Spion symbolisiert die Epoche der "Kompromat", jener spektakulären Enthüllungen im Machtkampf der russischen Eliten, die den Ruf der Betroffenen mindestens schädigen sollen, wenn nicht gleich Köpfe rollen. Zu beweisen sind die kompromittierenden Informationen, die an die Öffentlichkeit gelangen, häufig nicht.

Seinen ersten Coup landete der ehemals für den Kampf gegen die Mafia zuständige Litvinenko im November 1998. Damals trat er in Begleitung von maskierten Männern vor die Kameras und erklärte, er habe Anweisung von oben gehabt, den umstrittenen Geschäftsmann und vormaligen Kreml-Vertrauten Boris Beresowski zu ermorden. Der damalige FSB-Direktor, Wladimir Putin, sah sich daraufhin zu dem Versprechen gezwungen, die Verantwortlichen für diesen Befehl zu feuern. Vier Monate später wurde Litvinenko verhaftet und wegen "Machtmissbrauchs" in Untersuchungshaft genommen.

Im November 1999 wurde der Agent freigesprochen, doch beim Verlassen des Gerichtssaals erneut verhaftet. Ein Jahr später wurden die Vorwürfe zwar offiziell erneut fallen gelassen, Litvinenko aber kam unter Hausarrest. Schließlich verließ der für den Kreml und den neuen Präsidenten Putin so unbequem gewordene Mann Russland mit seiner Familie; 2001 erhielt er politisches Asyl in Großbritannien.

Von dort aus focht Litvinenko seinen Kampf gegen den Kreml weiter. Mit dem russischen Historiker Juri Felschtinskij zusammen verfasste er das Buch "Der FSB sprengt Russland". Darin beschuldigten die Verfasser die Moskauer Geheimdienste, 1999 eine Serie von Anschlägen auf Wohnhäuser organisiert zu haben, bei denen fast 300 Menschen ums Leben kamen. Für die Attentate seien tschetschenische Rebellen verantwortlich gemacht worden, um den Einmarsch russischer Truppen im selben Jahr in der abtrünnigen Kaukasusrepublik zu rechtfertigen. Stichhaltige Beweise liefert das Buch nicht.

Unablässlich prangert Litvinenko Machenschaften des Kreml öffentlich an. Er untersucht nach eigenen Angaben die Geiselnahme tschetschenischer Rebellen in einem Moskauer Musicaltheater, bei der im Oktober 2002 130 Menschen starben. Er recherchiert den Mord an der Journalistin Anna Politkowskaja am 7. Oktober. Die 48-Jährige hatte unter anderem über Menschenrechtsverstöße der russischen Armee in Tschetschenien sowie über Korruption in Russland berichtet und dabei Putin offen kritisiert.

Litvinenko wusste, wie gefährlich er lebte. Vor zwei Jahren entging er britischen Medien zufolge einem Sprengstoffanschlag, der auch einem Vertreter der tschetschenischen Rebellenregierung, Achmed Sakajew, gegolten habe. Beide haben mit dem ebenfalls im Londoner Exil lebenden Beresowski den Sprecher gemeinsam, Alexander Goldfarb. 2004 dementierten die russischen Geheimdienste jede Verwicklung in das Attentat. So wie sie am Montag bestritten, mit der Vergiftung Litvinenkos zu tun zu haben. [Von Karim Talbi]