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16-12-2006 Alexander Litvinenko
Fall Polonium - In der Teufelsküche des Terrorismus
[von Tatjanja Sinizyna] Moskauer Nuklearphysiker sieht im Fall Litwinenko Anzeichen für eine akute Terrorgefahr mit der "schmutzigen Bombe".

"Das Schlimmste an der Geschichte mit Polonium besteht darin, dass es sich offenbar um einen gewissen kleinen Test zur Operation mit einer ,schmutzigen Bombe' handelt", meint Professor Alexander Borowoi, Nuklearphysiker vom russischen Forschungszentrum "Kurtschatow-Institut", in einem RIA-Novosti-Gespräch.


"Der Vorfall könnte ein Indiz dafür sein, dass in der Teufelsküche des Terrorismus ein Verbrechen vorbereitet wird."

Der Wissenschaftler argumentiert seine Version wie folgt: "Litwinenko beziehungsweise eine der mit ihm verbundenen Personen ist in Besitz von Polonium gekommen. Von ihnen lässt sich eine Verbindung zu denen herstellen, die nach einer ,schmutzigen Bombe' trachten - zu den Terroristen."

bei russland.RU
Fall Litvinenko: Polonium als Schmugglerware?


Alexander Litvinenko Tod in London – Analysen, Meinungen, Hintergründe, Informationen bei russland.RU


Einmal hatten bereits illegale Waffenhändler drei Container mit "Spaltstoffen", die angeblich für die Herstellung einer Atombombe geeignet waren, an Bin Laden verkauft. Zum Glück wurde der Terrorist Nummer Eins dabei betrogen: In Wirklichkeit waren es pharmazeutische Abfallprodukte, auf die der Geiger-Zähler ebenfalls reagierte. Damals hat die Welt noch Glück gehabt.

Offenbar hatte sie auch diesmal Glück. Anscheinend ist bei den Tätern etwas Unvorhergesehenes passiert. Polonium kennt kein Pardon, wenn man damit unvorsichtig umgeht. Professor Borowoi nimmt an, dass inkompetente Leute mit einem Behälter, in dem sich Polonium befand, herum hantiert haben. Dies habe dazu geführt, dass der Stoff austrat.

"Für mich ist es kein Zufall, dass ausgerechnet Polonium ausgewählt wurde", führt der Wissenschaftler weiter aus. Das silbern glänzende und an Blei erinnernde Polonium entsteht in einer bestimmten Phase des langen Uran-Zerfallprozesses. Für technische Zwecke wird es in einem Atomreaktor gewonnen. Es strahlt praktisch ausschließlich Alpha-Teilchen aus und neigt dazu, sich wie eine Seuche auszubreiten. Zum Zeitpunkt des Zerfalls ziehen die Polonium-Atome andere Atome mit, die noch nicht zerfallen sind. Damit wird die Luft tödlich verschmutzt.

"Meine Kollegin Irina Simanowskaja, die viel mit Polonium gearbeitet hat, erzählte mir, dass sie im Abzugsschrank, in dem mit dem Stoff operiert wurde, maximale Vorkehrungen getroffen hat und bemüht war, auf einer möglichst kleinen Fläche zu arbeiten. Dennoch stellte es sich einige Tage später heraus, dass sich Polonium über den ganzen Abzugsschrank verbreitet und die dort montierten Apparaturen verschmutzt hat", sagt Borowoi. Außerdem sei dieser Stoff nicht leicht zu ermitteln.

Heute wird Polonium für medizinische Zwecke und Spezialgeräte recht oft verwendet. Es lässt sich praktisch in jedem Land, ja sogar über das Internet kaufen. In den USA findet dieser Handel völlig offiziell statt. Es wird damit begründet, dass der Stoff in äußerst kleinen Mengen verkauft wird. Wer kann aber garantieren, dass man keinen größeren Posten kaufen kann, wenn man drauf zahlt, um Formalitäten zu vermeiden?

Die verbreitete Meinung, in den Vorfall mit Polonium seien Geheimdienste verwickelt gewesen, kommentiert der Professor wie folgt: "Kein Geheimdienst der Welt wird sich mit der schmutzigen Bombe befassen. Wozu haben sie diese auch nötig? In der Staatspolitik lassen sich solche Methoden nicht anwenden, dies würde einem Kernwaffeneinsatz gleich kommen."

Sollte jemand wirklich konkret Alexander Litwinenko töten wollen, so hätte er kaum von dieser gefährlichen und aufwendigen Methode Gebrauch gemacht. "Nach meiner Ansicht ist dieser Vorfall eine Mahnung an das Schicksal der Menschheit - und dieser Mahnung muss Gehör geschenkt werden. Terroristen könnten durchaus in den Besitz dieser schrecklichen Waffe kommen. Wir alle müssen aufhorchen, uns den Dimensionen der Gefahr bewusst werden, maximale Vorsicht an den Tag legen und dringende Maßnahmen ergreifen, um dem Strahlenterrorismus den Riegel vorzuschieben." [ RIA Novosti ]