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28-12-2006 Alexander Litvinenko
Litwinenko und Londons übertriebene Gastfreundschaft für Ex-Geheimdienstler und Oligarchen
[von Wladimir Simonow] Der Tod des ehemaligen FSB-Mitarbeiters Alexander Litwinenko löste in Großbritannien eine schmutzige Medienkampagne gegen Russland aus. Dennoch sollte die Partnerschaft dadurch nicht „vergiftet“ werden.

Bei der ersten gemeinsamen Pressekonferenz zwischen Wladimir Putin und Tony Blair 2001 in London war die gegenseitige Sympathie zwischen den beiden nicht zu übersehen. Beiden war anzusehen, dass sie sich über die neue Bekanntschaft freuen. Kurz zuvor war Blair mit seiner Gattin auf Putins Einladung auf einer Oper in Sankt Petersburg dabei gewesen. Offenbar wollte Blair zum ersten westlichen „Coach“ des auf dem internationalen politischen Parkett noch relativ unerfahrenen russischen Präsidenten werden. Putin schien es zu schätzen, dass er im britischen Premier einen modern denkenden und nicht von Russenhass-Klischees beschränkten Partner gefunden hat.

Seit der Zeit sind rund sechs Jahre vergangen.

Heute wimmelt die britische Presse von solchen Klischees und legt den Tod des ehemaligen FSB-Offiziers dem armen Russland mit dessen „ewiger Unfreiheit“, der „Geheimdienstler-Gruppe im Kreml“, die ihren Feinden Tee mit Polonium serviert, und schließlich Präsident Putin persönlich zur Last legt.

Die Geschichte um Litwinenkos Vergiftung droht nun die russisch-britischen Beziehungen insgesamt zu vergiften. Das ist umso bedauernswerter als die zurückliegenden sechs Jahre eher durch Leistungen und nicht durch Enttäuschungen in die Geschichte der bilateralen Beziehungen eingehen werden. Immerhin ist heute Großbritannien mit rund zehn Milliarden Dollar der fünftgrößte Investor in Russland. Das russische Erdöl macht rund ein Viertel des Produktionsumfangs von British Petroleum aus, es sorgt aber auch für ein Viertel des BP-Gewinns.

bei russland.RU
Fall Litvinenko: Polonium als Schmugglerware?


Alexander Litvinenko Tod in London – Analysen, Meinungen, Hintergründe, Informationen bei russland.RU


Negative Berichterstattung über Russland – Pressefreiheit in Deutschland "made in USA"?


Erinnert sei auch daran, dass Moskau und London beim Kampf gegen den internationalen Terrorismus und Rauschgifthandel längst eine gemeinsame Sprache gefunden haben. Die 2001 auf Initiative Putins und Blairs gegründete gemeinsame Antiterror-Arbeitsgruppe hat viel zum gegenseitigen Vertrauen zwischen den Security-Profis beider Länder beigetragen. Das ist auch bei den jetzigen Ermittlungen des Falls Litwinenko durch Scotland-Yard-Detektive zu sehen, die von Moskau dabei aktiv unterstützt werden.

Es gibt aber auch einige Momente, die diese Beziehungen überschatten.

Zunächst war es der Irak-Krieg. London sah seine Aufgabe darin, der Bush-Administration Zurückhaltung beizubringen und ihr nahezulegen, dass die UNO im Fall Irak eine zentrale Rolle spielen müsste. Diese Mission gelang London nicht. Der Irak hat die politischen Karrieren sowohl Bushs als auch Blairs schwer belastet.

Eine andere Unstimmigkeit zwischen Russland und Großbritannien ist unmittelbar mit dem Fall Litwinenko verbunden. Dieser Fall machte offensichtlich, wie wahllos London seine Gastfreundschaft Leuten anbietet, die eindeutig geneigt sind, diese zu missbrauchen - ohne Rücksicht auf die Interessen des Gastgebers.

Der geflüchtete Oligarch Boris Beresowski ruft öffentlich zu einem gewaltsamen Sturz Putins auf. Von London bekommt er aber nicht nur den Status eines politischen Flüchtlings, sondern auch einen Pass, der auf den erfundenen Namen „Platon Jelenin“ ausgestellt ist. Der tschetschenische Separatist Achmed Sakajew wird von Russland beschuldigt, Banden gebildet sowie Morde und Menschenentführungen begangen zu haben. Das britische Gericht rettet ihn aber mehrmals vor einer Auslieferung an Russland. Rund zwei Dutzend Emigranten, die nach Antrag Russlands auf die Interpol-Fahndungsliste gesetzt wurden, erwerben Immobilien auf der britischen Insel, betreiben dort einträgliche Geschäfte und schicken ihre Kinder in noble Schulen.

Das erinnert übrigens sehr stark daran, wie London, von eigener politischer Korrektheit berauscht, islamistische Radikale bei sich toleriert hat.

Jahrelang wollten die britischen Behörden nicht erkennen, dass in den Londoner Moscheen Spenden für den Krieg in Tschetschenien gesammelt werden. Die Haltung Londons wurde zwar nicht öffentlich formuliert, sie ließ sich dennoch klar erkennen: Tschetschenien ist nicht unser Problem. Es lohnt sich nicht, wegen dem den Ruf Großbritanniens als eine „multikulturelle“ Gesellschaft von Toleranz und politischer Korrektheit zu opfern. Die Situation änderte sich erst am 7. Juli 2005 nach den Explosionen von Islamistenbomben in der Londoner U-Bahn.

Der tragische Fall Litwinenko ist ebenfalls eine Art Explosion der kritischen Masse an zweifelhaften russischen Emigranten, die sich in Großbritannien versammelt haben: Ominöse Neureiche, die im Kreml nach Boris Jelzins Rücktritt nicht mehr als salonfähig gelten, und tschetschenische Separatismus-Fanatiker, die selbst in Tschetschenien so gut wie vergessen sind.

Anscheinend nimmt London ganz bewusst all diese Figuren unter seine Fittiche, um diese notfalls für einen verdeckten Druck auf Moskau zu gebrauchen.

Würde London etwa Top-Managern der US-Gesellschaft Enron, die zehntausende von Aktionären um einige Milliarden Dollar betrogen haben, politisches Asyl und Pässe mit erfundenen Namen zur Verfügung stellen? Wohl kaum. Im Fall mit den unlauteren Managern des russischen Ölunternehmens Yukos gilt das aber offenbar als ein begründetes Geschäft mit dem eigenen Gewissen.

Indem aber Großbritannien Menschen importiert, die die jetzige Regierung in Russland aus diesem oder jenem Grund hassen, importiert es auch die Moral dieser Menschen, die anscheinend bereit sind, Polonium oder auch die eigene Mutter zu verkaufen - Hauptsache, die Kasse stimmt. Wenn aber London solchen Menschen seine Gastfreundschaft anbietet, muss es auch darauf gefasst sein, dass sich weitere Litwinenko-Fälle auch in anderen Orten auf der britischen Inseln wiederholen können.

Und dennoch dürfen solche tragischen Episoden die russisch-britischen Beziehungen nicht verderben. Immerhin hat die Geschichte dieser Beziehungen den gemeinsamen Sieg über den Hitlerfaschismus und einen jahrhundertelangen produktiven Austausch zwischen den großen Kulturen beider Länder aufzuweisen. [ RIA Novosti ]