russland.RU berichtet in Wort und Bild aus Russland und über Russland. Ungebunden, unabhängig und überparteilich. Ohne Vorurteile und Stereotypen versucht russland.RU Hintergründe und Informationen zu liefern um Russland, die Russen und das Leben in Russland verständlicher zu machen. Da wo die großen Verlage und Medienanstalten aufhören fängt russland.RU an.



05-01-2007 Alexander Litvinenko
Globale Pest Radioaktivität: Uran im Teebeutel
[von Tatjana Sinizyna] Weltweit häufen sich die Fälle von radioaktiver Verseuchung. Die Ausbreitung der Strahlungsgefahr ist vor allem auf radioaktive Quellen zurückzuführen, die in den vergangenen Jahren vermehrt außer Kontrolle geraten sind.

Auf der Erde gibt es laut IAEO-Angaben Millionen radioaktiver Quellen. Sie eifern gleichsam mit Naturquellen - kleineren Flüssen, Bächern und Wasserquellen.


So manches haben sie schon fertiggebracht: das Wort "Quelle" ruft im menschlichen Bewusstsein mittlerweile eher Assoziationen mit dem Verderben, als mit dem lebenspendenden Wasser hervor. Es wäre hier angebracht, die sakralen Worte des US-Politikers Donalds Hodell zu zitieren, der zu den Welterfolgen im Atombereich sagte: "Wir alle nähern uns wie Mondsüchtige einer Katastrophe an." Es scheint zu stimmen. Aber die Schuld trägt nicht das "Atom", sondern die Menschen. Wir waren es, die das Atom gespalten, "domestiziert" und uns in den Dienst gestellt haben. Und wir müssen laut dem moralischen Imperativ Verantwortung dafür tragen. Wie die Ereignisse zeigen, wird dies noch nicht getan. Deshalb werden wir von Zeit zu Zeit von etwas wie dem britischen "Polonium-Fall" überrascht.

Alexander Litwinenko ist gestorben, aber sein Name und sein "Werk" kreisen postmortal immer noch im PR-Wirbel herum und lösen immer neue Informationswellen aus. So hat beispielsweise die Agentur für Atomenergie (IAEO), die im Namen der UNO das "nukleare Leben" der Staaten streng überwacht, mitgeteilt, dass sie keine Kontrolle über den Radioisotop-Verkehr ausübe, denn dies gehöre nicht zu ihrer Kompetenz und nicht zu ihrem Verantwortungsbereich. Wie konnte es nur zu einer so ernsten Unterlassung kommen? Zum Aufgabenkreis der IAEO gehört es, aufzupassen, dass sich keine radioaktiven Materialien über die Erdkugel ausbreiten. Für die einfachen Menschen war es neu, dass nur "nukleare" Materialien, dass heißt jene Substanzen, aus denen eine klassische Atombombe gebaut wird, unter Kontrolle dieser Organisation stehen. Was die "schmutzige" Bombe, einen innigsten Traum der Terroristen betrifft, so bleibt sie unbeaufsichtigt.

Die IAEO registriert nur Angaben über den gesetzwidrigen Verkehr von Radionukliden, die von Ländern freiwillig gewährt werden. Wer will aber ein zusätzliches "Minus" auf sein Konto schreiben lassen? Indes haben sich gerade Radioisotope und sonstige Nuklide über die ganze Welt derart ausgebreitet, dass es jetzt nicht mehr so einfach sein wird, sie unter strenge Kontrolle zu stellen. Gerade radioaktive Quellen, die in verschiedenen Bereichen der menschlichen Tätigkeit - in Medizin, im Hüttenwesen, in der Landwirtschaft, im Bergbau und im Maschinenbau - breite Verwendung finden, werden zu größeren Gefahrenherden, als die mehrfach kontrollierten Nuklearobjekte.

Nach Angaben der IAEO werden weltweit jährlich mehr als 10 000 unterschiedlichste medizinische Geräte und Apparate zur radiotherapeutischen Behandlung und 12 000 neue radiographische Industriequellen hergestellt. Schon wieder muss man darüber staunen, dass all das offen angeboten wird und unter keiner scharfen Kontrolle irgendeiner internationalen Infrastruktur steht.

Professor Alexander Borowoi vom Russischen Forschungszentrum "Kurtschatow-Institut", ehemaliger IAEO-Fachberater für Strahlungsfragen, berichtete darüber, dass der tragische Zwischenfall im Jahre 1987 in der brasilianischen Stadt Goiania weltweit Besorgnis erregt hatte. In einem der ärmsten Wohnviertel haben Müllfahrer auf einer Müllhalde eine medizinische "Quelle" auf Cäsium-137-Basis gefunden. Sie nahmen den Gegenstand auseinander und sahen hellblau leuchtenden Staub. Die Viertelbewohner fanden dies für etwas sehr Wertvolles und sogar Übernatürliches und luden ihre Nachbarn und Verwandten ein, das Wunderding zu beschauen. Als Folge wurden 244 Menschen ernsthaft verstrahlt, weitere mehrere Hunderte von Menschen waren unterschiedlich betroffen.

Auf "belassene Quellen", die außer Kontrolle geraten - durch Verlust, Diebstahl oder wegen ungewissenhafter Besitzer, die sie nach dem Gebrauch weggeworfen haben, - gehen viele Probleme in der Welt zurück. Im Bericht über die "Sicherheit radioaktiver Quellen", der von der IAEO im März 2003 auf einer internationalen Konferenz in Wien vorgestellt wurde, wird zugegeben, dass 100 Länder wegen des Fehlens notwendiger Infrastrukturen keine effektive Kontrolle über solche Quellen ausüben können. Im IAEO-Informationsarchiv sind seit 1993 bis zu 300 Fällen von illegalem Verkehr verschiedener radioaktiver Quellen offiziell registriert worden. All das birgt eine potentielle Bedrohung der globalen Gesellschaft in sich.

Wie Tatsachen zeigen, werden selbst in den fortgeschrittenen Ländern rund 30 Prozent der radioaktiven Quellen zweckentfremdet genutzt. So gibt es beispielsweise in den USA 500 000 solche Objekte mit insgesamt zwei Millionen radioaktiven Quellen. In den Ländern der Europäischen Union ist die Situation nicht viel besser. In den letzten 15 Jahren wurden dort 500 000 radioaktive Quellen hergestellt. 110 000 davon sind bis heute noch im Einsatz. Doch ein Viertel davon wird falsch betrieben und ohne die dazu notwendige Aufsicht gelagert.

In der Sowjetunion standen seinerzeit alle radioaktiven Materialien unter schärfster Kontrolle. "Im Kurtschatow-Institut, wo ich mein Leben lang arbeite, war eine Spezialerlaubnis erforderlich, um Radionuklide für Forschungszwecke zu bekommen. Man musste eine ganze Menge von Dokumenten zusammenstellen und sie durch ein Kontrollsystem durchgehen lassen", erzählte Professor Borowoi. "Es wurde mehrmals geprüft, was, wohin und auf welche Weise transportiert wird. Wir mussten für ein jedes Mikrogramm Rechenschaft ablegen."

bei russland.RU
Fall Litvinenko: Polonium als Schmugglerware?


Alexander Litvinenko Tod in London – Analysen, Meinungen, Hintergründe, Informationen bei russland.RU


Gegenwärtig ist das Kontrollsystem der Lage nach erneuert, dennoch wird die strenge sowjetische Tradition einer scharfen Kontrolle über radioaktive Materialien weiter gepflegt. Jedenfalls "stehen die nuklearen Materialien in allen Objekten unter strengstmöglicher Kontrolle", sagte der Chef des Föderalen Dienstes für Umwelt-, Technologie- und Atomaufsicht (Rostechnadsor), Konstantin Pulikowski, gegenüber RIA Novosti. "In keinerlei Strukturen, die wir beaufsichtigen, sind irgendwelche Abweichungen von den Richtlinien für die Lagerung und Verlegung nuklearer Materialien, darunter auch von Polonium, festgestellt."

Während bei nuklearen Materialien alles in Ordnung ist, gibt es Probleme mit Radionukliden und Isotopen. Diese Probleme werden beispielsweise vom Betrieb "Rodon" aufgedeckt, der Kontrolle über die Strahlungssituation in Moskau ausübt. Nach Angaben des stellvertretenden Generaldirektors von "Rodon", Oleg Polski, werden in der Hauptstadt jährlich 20 bis 60 neue radioaktive Verschmutzungen festgestellt - alte Müllhalden tun sich auf, und neue bilden sich. Der dauerhaft im Einsatz stehende "Rodon"-Dienst ist aufmerksam und streng - dies hat Moskau den Ruf einer der strahlungssichersten Hauptstädte der Welt gebracht.

Auf den Territorien der ehemaligen Sowjetrepubliken, die heute souveräne Staaten sind, ist es dagegen viel komplizierter. Die Revolutionen und Regierungswechsel haben dort zum Verlust der Kontrolle über die aus der Sowjetzeit stammenden radioaktiven Quellen geführt. Wie die Londoner "Times" im März des Jahres 2004 schrieb, "ist Georgien mit den Waffenvorräten, die dort aus der Sowjetzeit geblieben sind, mit schwachen Sicherheitsdiensten und angespannten Beziehungen zwischen dem Zentrum und der separatistisch gesinnten Regionen, ein regelrechter Goldschatz für Jäger nach radioaktiven Stoffen geworden". Wie die Zeitung behauptete, wurden dort mindestens dreimal Kuriere gefasst, die mindestens ein Kilogramm mit niedrig angereichertem Uran bei sich führten. Einer von ihnen, der die Grenze zu Armenien überschreiten wollte, hatte sogar eine Urantablette in einem Teebeutel versteckt.

Der IAEO-Mitarbeiter Abel H. Gonzalez führte in seiner Rede auf einer Konferenz in Wien folgenden Fall an. Im Jahr 1995 wurde im estnischen Dorf Tammiku eine ganze Familie verseucht, nachdem einer der Angehörigen ein im Feld gefundenes winziges Bruchstück von radioaktivem Metall unbekannter Herkunft nach Hause gebracht und es in die Schublade des Küchentisches gelegt hatte. Es bestrahlte mehrere Wochen lang die Hausbewohner, die eine fatale Strahlungsdosis abbekommen haben.

In einem weiteren Fall, der sich in Thailand, einem weit davon entfernten Gebiet der Welt, ereignete, hat eine Gruppe von Trödlern Metallteile einer entwendeten Anlage zur Krebsbehandlung zerschnitten und daraus eine radioaktive Quelle mit Kobalt-60 herausgezogen. Drei der Händler starben, elf weitere wurden stark bestrahlt. Bei der Untersuchung wurden noch zwei weitere entwendete Anlagen dieser Art entdeckt, die die Händler an einem Parkplatz deponiert hatten.

In Russland wurde am 12. Januar 2005 auf dem Gelände des "See- und Handelshafens Murmansk" ein Strahlenkontrollsystem angesprochen, als einer der Matrosen vom chinesischen Motorschiff "Yong Tai" (Hongkong) die Zollkontrolle passieren musste. Wie die Untersuchung ergab, war die Kleidung des Ausländers mit dem Isotop Cäsium-137 verseucht. Auch andere persönliche Gegenstände des Mannes waren verstrahlt.

Diejenigen, die von einer "schmutzigen Bombe" träumen, würden gerne auf einen Container mit radioaktivem Cäsium-137 und Americium-241 stoßen, den das puertoricanische Unternehmen "GeoExport" wegen der Verletzung von Transportregeln verloren hat. Die Terroristen wären auch glücklich, wenn sie rechtzeitig mitbekommen haben würden, dass das US-Unternehmen "Bayou Inspektion Service" (US-Bundesstaat Louisiana) Container mit Radionukliden in nicht verschlossenen Räumen gelagert hatte. Nach Angaben der US-Kommission für nukleare Regelung sind in den zurückliegenden zehn Jahren in den Vereinigten Staaten über 1500 radioaktive Quellen verloren gegangen. Die Hälfte davon verschwand spurlos. Und so weiter, und so fort.

Nach jüngsten Angaben aus der IAEO-Datenbank wurden im Jahre 2005 insgesamt 103 Fälle von illegalem Handel nuklearer bzw. radioaktiver Materialien registriert. Wie viele solche Zwischenfälle müssen noch passieren, bis endlich internationale Maßnahmen dagegen getroffen werden? Oder müssen wir "Mondsüchtige bleiben, die sich einer Katastrophe annähern"? Der "Polonium-Zwischenfall" in London ist ein weiteres Kennzeichen der "radioaktiven Pest", die unsichtbar auf der Erdkugel umgeht. [ RIA Novosti  / russland.RU - die Internet-Zeitung ]